Das Saitenwunder - Yury Revichs atemberaubendes Konzert bei den Sommerkonzerten in der St. Thomas-Kirche in Berlin-Kreuzberg

Kombination – Industrialisierung – Komposition 

 

Das Saitenwunder 

Yury Revichs atemberaubendes Konzert bei den Sommerkonzerten in der St. Thomas-Kirche in Kreuzberg 

 

Seit vielen Jahren veranstaltet die evangelische Kirchengemeinde St. Thomas in Berlin-Kreuzberg eine Sommerkonzertreihe. Am 16. Juli kam ein junger Geiger in die Kirche, wirkte am deutsch-russischen Night-Song-Gottesdienst von Pastor Ermano Meichsner mit und gab auf der sogenannten Princess Aurora von Antonio Stradivari ein Konzert, das ihn für die großen Orchester und Konzerthallen nicht nur Berlins, sondern der Welt empfiehlt. Der Berichterstatter hatte nicht erwartet, was er in der St. Thomas-Kirche auf Weltniveau zu hören bekam. Ein Sommererlebnis in Berlin unweit der Oranienstraße, des berühmt berüchtigten Kotti – Kottbusser Tor –, der Clubs und letzten Brachen am nördlichen Ende des Mariannenplatzes.

 

Die evangelische Kirche St. Thomas sucht heutzutage „Menschen, die uns beim Offenhalten unserer wunderschönen Kirche zur Hand gehen“, weil die Touristenströme auf dem Weg zur „Berliner Mauer“ sie oft bewundernd, aber etwas ratlos am Wege liegen lassen. Dabei ist die Kirche selbst ein architektonisches Juwel, das zwar nicht mehr Karl Friedrich Schinkel und auch nicht sein berühmter Schüler August Stüler, doch dessen Schüler Friedrich Johann Heinrich Adler in der sogenannten Gründerzeit zwischen 1864 und 1869 als ebenso historische wie industrielle Phantasie von Größe erbauen ließ. Was niemals gesehen worden war, wurde in beeindruckender Höhe und für 3.000 evangelische Christen in der Luisenstadt erbaut.

 

Die Kirchengemeinde St. Thomas gehört zum Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte und wurde im September 2014 von Flüchtlingen kurzfristig besetzt, denen vom Gemeindekirchenrat und ihrer Pfarrerin eine „temporäre Übernachtungsmöglichkeit“ in einem evangelischen Studentenwohnheim organisiert wurde.[1] Auf den Treppen der Seiteneingänge zur Kirche liegen am Tag die Übernachtungsutensilien von Obdachlosen. Da sich kaum Ehrenamtliche in der Gemeinde für das Offenhalten der Kirche finden, ist sie meistens verschlossen. Doch es gibt eine Sommerkonzertreihe, die das Gemeindeleben ein wenig erhellt. Dass ein aufgehender Star am internationalen Klassikhimmel mit seiner Stradivari die Konzertreihe zum Strahlen bringt, wird sicher eine Ausnahme bleiben. Umso bemerkenswerter und lohnender ist es einmal, der Kirchenarchitektur, dem Konzertprogramm und dem „Newcomer of the Year“ des ECHO Klassik 2016, Yury Revich nachzuspüren.[2]

 

In den 1860er Jahren boomte Berlin durch die (erste) Industrialisierung. Mit dem frühindustriellen Gebiet vor dem Oranienburger Tor gegenüber dem Dorotheenstädtischen Friedhof, seinen Dampf-Maschinenbauanstalten und Eisengießereien war Berlin zu einem schnell wachsenden industriellen Zentrum in Preußen geworden. Eine Infrastruktur von Ziegelbrennereien und Eisengießereien sowie Bautechnik ermöglichte dem Architekten Adler eine ebenso filigrane wie serielle und mächtige Kirchenarchitektur in neue Dimensionen zu treiben. Durch den Lokomotivbau bei August Borsig und seit 1852 Louis Schwartzkopff auf der Chausseestraße im Norden war Berlin mit der Anlage der Kopfbahnhöfe zum Verkehrs- und Handelsknotenpunkt geworden. Friedrich Schinkels Träume eines gotischen Doms am Wasser oder eines flamboyanten Befreiungsdoms ließen sich nun abgewandelt in Backstein umsetzen.


©Technische Universität Berlin Architekturmuseum: Friedrich Adler Thomaskirche Berlin-Kreuzberg

Adlers Architektur von St. Thomas kombiniert mit den runden, romanischen Bögen und schlanken, fast nazarenischen Engeln auf den Turmspitzen und Heiligen wie über dem Portal historisch unterschiedliche Elemente miteinander. Adlers Kirche soll eine Geschichte erzählen. Sie materialisiert ein neuartiges Denken der Geschichte Preußens und Deutschlands, das durch die Industrialisierung allererst möglich gemacht worden ist. Die Figuren der Heiligen und der Engel aus Terrakotta der Tonwarenfabrik Ernst March sind schlank. Die Ornamente werden seriell in großer Zahl an der Sophienstraße hergestellt. Durch die Höhe wird die Formensprache der Romanik[3] gleichsam in ein industrielles wie nationales Zukunftsversprechen gestreckt.

 

„Adler setzte mit der Thomas-Kirche im Hinblick auf die Raumbildung im evangelischen Kirchenbau neue Maßstäbe“, heißt es in der Denkmaldatenbank. Höhe und Vielfalt sind Maßstäbe. Wo heute der Park mit seinen Hohen Bäumen neben und vor der Kirche eine geradezu idyllische Landschaft in der Großstadt entstehen lässt, verlief seit 1852 eine für die Industrie nicht zu unterschätzende Verkehrsader, der Luisenstädtische Kanal. Auf den zeitgenössischen Zeichnungen von St. Thomas ist der Kanal mit den von qualmender Kohle angetriebenen Dampfkänen nichts zu sehen. Nie lag St. Thomas in einer idyllischeren Landschaft als heute. Die Industrie als Maßstab wird in den zeitgenössischen Darstellungen aus dem Bild verdrängt, obwohl sie die Kirche allererst ermöglichte.

 
© Technische Universität Berlin Architekturmuseum: Friedrich Adler Thomaskirche Berlin-Kreuzberg

Es sind abenteuerliche Widersprüche, die die im 2. Weltkrieg kaum zerstörte Kirche St. Thomas ermöglicht haben und heute von der Adalbertstraße zum Drogen-Kotti in einer Art Landschaftsgarten erscheinen lassen. Auf der Adalbertstraße in Kreuzberg eröffnete Hasir 1984 sein erstes Restaurant und machte den Döner Kebab populär. „Türkischer kann Berlin nicht sein als hier“, wirbt das Restaurant. St. Thomas sollte mit seiner Kombination aus Gusseisensäulen, Eisenkonstruktion nicht zuletzt der Kuppel und Kuppelspitze mit Kreuz sowie dem Backstein einen Traum von deutscher Geschichte wahr werden lassen. Die gusseisernen Säulen und Eisenteile werden nicht zuletzt über den Luisenstädtischen Kanal und die Spree aus dem Nordwesten herantransportiert worden sein. Womöglich wurden sie bei Borsig in Moabit oder so gegossen.

  

Pastor Ermano Meichsner veranstaltet regelmäßig einen deutsch-russischen Night-Song-Gottesdienst am Sonntag. Der 1991 in Moskau geborene Violinvirtuose Yury Revich wirkte am Gottesdienst mit, der sich dem anglikanischen Even Song als besonders auf Gesang und Musik ausgerichteten Format am Samstag oder Sonntag zum Vorbild nimmt. So spielte Revich im Rahmen des Gottesdienstes das Recitativo und als „Musikalische Verkündigung“ das Scherzo-Caprice aus Opus 6 von Fritz Kreisler. Der Rahmen des Gottesdienstes in der St. Thomas-Kirche trug bestimmt zur Intensität des Vortrags bei. Während das Recitativo als ein zurückhaltend-murmelndes Sprechen aufgefasst werden kann, kontrastiert dazu das scherzhaft-launige Scherzo-Caprice mit einer witzigen Energie und Freude. Das Scherzo-Caprice als „Musikalische Verkündigung“ wurde von Yury Revich mit äußerst heiterem Ernst und Virtuosität vorgetragen.

 

Die Princess Aurora, die Yury Revich 2016 zum Spielen verliehen worden ist, bekommt einen ebenso melodiösen wie heiter ernsten Charakter, wenn er sie spielt. So trug er nach der Austeilung des Abendmahls Gavotte en Rondeau aus der Solo Partita Nr. 3 in E-dur von Johann Sebastian Bach mit geradezu inbrünstiger Freude vor. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde dem Berichterstatter klar, dass hier ein junger, hoch engagierter und ernsthafter Geiger von Weltniveau auf einem Instrument spielt, dessen durchaus einzigartige Klangmöglichkeiten er forschend herausarbeitet. Revich spielt nicht nur die Princess Aurora, vielmehr spielt er hochsensibel mit ihr. Die Einzigartigkeit der Stradivaris ist ein großer Mythos, die nur zur Geltung kommen kann, wenn der Künstler sich auf sein Instrument einlässt. Für Banken und Fonds mögen Stradivaris heute kulturfördernde Investments von siebenstelliger Höhe sein, für Künstler wie Yury Revich sind sie Persönlichkeit.

 

Im Konzert konzentrierte sich Yury Revich in der ersten Hälfte auf ein barock-spätbarockes Programm mit der Sonate III in F von Heinrich Ignaz Franz Biber und der sogenannten Teufelstriller Sonate von Giuseppe Tartini. Am Flügel wurde er im eben kleinen Rahmen von Christoph D. Ostendorf begleitet. Bibers Sonate III in F, die eigentlich noch für Barockinstrumente komponiert wurde, bekommt durch die Kombination von Konzertflügel und Princess Aurora einen transparenten, hellen Klang, in dem die Stradivari besonders melodiös über dem Saiteninstrument Flügel singt. Die Sonate g-moll Bg. 5 von Tartini bringt mit ihren Trillern sozusagen jeden Konzertsaal zum Rasen, stellt allerdings auch die allerhöchsten Ansprüche an den Geiger.

 

Der Komponist, Geiger und spätbarocke Musiktheoretiker Giuseppe Tartini gehört in das Zeitalter Johann Joachim Winckelmanns und ist von mancherlei Mythen umgeben. Nach dem Tod seiner Frau teilte er eine Wohnung mit einem Cellisten, für den er auch komponierte. Und die Komposition seiner Sonate g-moll Bg. 5 ist mit einer Erzählung vom Teufel von Tartini selbst gerahmt worden. Musik und das offenbar erotische Potential des Musikmachens überschneiden in der anekdotischen Erzählung zur Komposition der Sonate. Von was erzählt die Sonate, wenn sie vom Teufel spricht, der eines Nachts ans Bett des Komponisten tritt? Nicht zuletzt hat Tartini um 1750 „Differenztöne“ erforscht und formuliert. Heute spricht man von „Kombinationstönen“, die Tartini bei Doppelgriffen im Spielen seiner Violine vernahm. Damit geht es um Töne, die allein in der Abweichung voneinander hörbar werden. Tendenziell Unhörbares wird allein aus der Kombination hörbar. 

Eines Nachts träumte mir, ich hätte einen Pakt mit dem Teufel um meine Seele geschlossen. Alles ging nach meinem Kommando, mein neuer Diener erkannte im voraus all meine Wünsche. Da kam mir der Gedanke ihm meine Fiedel zu überlassen und zu sehen was er damit anfangen würde. Wie groß war mein Erstaunen, als ich ihn mit vollendetem Geschick eine Sonate von derart erlesener Schönheit spielen hörte, dass meine kühnsten Erwartungen übertroffen wurden. Ich war verzückt, hingerissen und bezaubert; mir stockte der Atem, und ich erwachte. Dann griff ich zu meiner Violine und versuchte die Klänge nachzuvollziehen. Doch vergebens. Das Stück, das ich daraufhin geschrieben habe, mag das Beste sein, das ich je komponiert habe, doch es bleibt weit hinter dem zurück, was ich im Traum gehört habe.[4]

 

Oliver Pfau von der Freien Universität Berlin hat die Anekdote zur Komposition als Beleg für „die Macht, die der Teufel über die Musik hat“, zitiert.[5] Die Konstellation von Wunsch und Wunscherfüllung, die nicht ohne Gegenleistung erfolgen kann, wird erst einmal weniger als Sünde, denn als ein Handel formuliert. Für die Erlangung außerordentlicher Fähigkeiten hat der Komponist und Geigenvirtuose seine Seele als Gegenwert eingesetzt. Dafür erhält Tartini oder hört der Träumer „eine Sonate von derart erlesener Schönheit …, dass (s)eine kühnsten Erwartungen übertroffen wurden“. Die Erzählung ist vor allem eine von unerreichbarer „Schönheit“, wie sie von Winckelmann vor dem Hintergrund von „Wollüsten“ als verloren formuliert wird.[6] Sie ist sowohl Schöpfungsmythos der Musik wie ein Sündenfall, der nicht geahndet wird. Der Pakt mit dem Teufel hat für Tartini keine anderen als positive Folgen mit der Einschränkung, dass der Traum nie ganz erfüllt oder wiederholt werden kann.

 

Der Einsatz der Seele in Tartinis Kompositionsmythos wird als ihr Verlust, als Verlust eines Komponisten-Subjekts formuliert, das dafür „das Beste“ komponiert hat, „das ich je komponiert habe“. Insofern erzählt die verkettende Anekdote auch von einem rauschhaften Kontrollverlust des Komponisten, der „das Beste“ allererst hervorbringt. Nicht nur die Auswechselung eines christlichen Gottes gegen den Teufel als wenigstens Ursprung der Musik und Kunst ist hier erstaunlich. Vielmehr steht auch am Ursprung ein Verlust von Seele, Ich und „Schönheit“. Es mag andere Teufelsmythen geben, doch immer sind sie mit einem Wissen um Verbotenes verknüpft und lassen sich wie die Tartini-Töne nur in der Kombination oder der Differenz aus der Kombination vernehmen. Die erotische Erfahrung findet vor allem durch die Differenz statt, die „verzückt“, hinreißt und „bezaubert“, bis „der Atem“ stockt. Yury Revich vermag es, so die Sonate g-moll Bg. 5 im Wechsel von Larghetto affetuoso, Allegro moderator und einem zweimaligen Andante, gehend, und Allegro assai, sehr lebhaft, zu spielen.

 

Natürlich muss es nach der Teufelstriller-Sonate, die einen sinnlichen Höhepunkt ausspielt, erst einmal eine Zäsur geben. Wolfgang Amadeus Mozarts Sonate in G-Dur, Massenets Méditation aus der Oper Thaïs, Tschaikowskys Mélodie und Edward Elgars Salut d’amour im zweiten Teil gehören zu den großen und anspruchswollen Stücken für die Solo-Violine. Wem Tschaikowsky Mélodie und Souvenir d'un lieu cher gewidmet hat, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, weil er „B******“ als Widmung schrieb. Doch besonders die jauchzende Melancholie der Mélodie, diese schmerzhafte Süße eines „chant sans paroles“, eines Gesangs ohne Sprache, wie es Tschaikowsky formulierte, erreicht mit Yury Revichs Princess Aurora eine fast tödliche Schönheit. Yury Revich sollte öfter in Berlin spielen. 

 

Torsten Flüh 

 

St. Jacobi 

Oranienstraße 

Festkonzert zum 500. Jahr der Reformation 

Bach: Kantate „Ein Feste Burg“ BWV 80 

und Werke von Buxtehude, Telemann, Vasks u. a. 

Neue Kantorei Kreuzberg-Mitte 

Leitung: Christoph D. Ostendorf   

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[1] Siehe: Presserklärung: Neue temporäre Unterkunft für Flüchtlinge gefunden. 13. September 2014, 13 Uhr.

[3] Zur Romanik siehe auch: Torsten Flüh: Abseits gelegen. Mittelalter-Konjunktur und -Projektionen. In: NIGHT OUT @ BERLIN 1. August 2013 21:04.

[4] Zitiert nach: Oliver Pfau: Der Teufel in der klassischen Musik. In: Freie Universität Berlin: Alles Teufel: Der Teufel in der Musik. Ohne Datum.

[5] Ebenda.

[6] Vgl. Torsten Flüh: Zur Verfertigung der Wissenschaft mit Briefen - Die Weimarer Ausstellung und der Katalog Winckelmann. Moderne Antike und die aktuelle Winckelmann-Forschung. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Juli 2017 19:29.