Farbenspiele der Individualität - Zur Ausstellung Harry Graf Kessler - Flaneur durch die Moderne im Max Liebermann Haus

Tagebuch – Werk – Moderne 

 

Farbenspiele der Individualität 

Zur Ausstellung Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne im Max Liebermann Haus 

 

Alles ist anders. #HGKBERLIN heißt er heute. Statt Max Liebermann sprechen der Geschäftsführende Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor – magentafarbene Krawatte, helles Einstecktuch – Pascal Decker, emphatisch der Vorstand der Stiftung – dunkelblaue Krawatte, rote Fleecdecke über der Schulter – Peter-Klaus Schuster und der Kurator der Ausstellung – rotes Einstecktuch, dunkelblaue Fliege gepunktet - Christoph Stölz darüber, wie häufig Harry Graf Kessler das Haus frequentiert habe. Harry Graf Kessler - vor kräftigem Magenta als Hintergrund in dezentem Schwarzweiß – ging in dem Haus, das nicht mehr das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Malers und Kulturpolitikers Max Liebermann, sondern ein Nachbau, wie alles am Pariser Platz Nach- und Neubau ist, ein und aus.

Die Farben sollen sprechen. Das kräftige Magenta erinnert an das Rosa des Winkels, der die Homosexuellen in den Konzentrationslagern der Nazis stigmatisierte, und unterscheidet sich dennoch. Es erinnert ebenso an das dunklere Heliotrop des Dorian Gray. Nach der Machtergreifung 1933 verließ Harry Graf Kessler, 65jährig, überstürzt Berlin mit dem Zug nach Paris. Er kehrte nicht zurück. Seine von Henry van de Velde als Schauplatz der Individualität eingerichtete Wohnung in der Köthener Straße wurde geräumt, zerstört, zwangsversteigert ausgelöscht. 1937 starb der einst, wie Peter-Klaus Schuster mit den drei Hs – hochvermögend, hochbegabt und „homoerotisch“ – herausstreicht, zum Flaneur von Berlin aufgestiegene Individualist mittellos in einer Klinik in Lyon. Ein Mythos kehrt zurück an den Pariser Platz 7 neben dem Brandenburger Tor.

 

Ein Mythos kann natürlich nicht zurückkehren, weil sein Ort die flüchtigen Notizen, Gespräche und Korrespondenzen sind. Harry Graf Kessler hat in Zeiten der Suche nach dem Gesamtkunstwerk keines hinterlassen. Vielmehr speist sich der Mythos des leicht unbeteiligten, stets tadellos gekleideten, bisweilen einen Hauch exzentrischen Flaneurs aus den Fragmenten, dem Verstreuten, dem Vorläufigen. Und Portraits von Max Liebermann, Edvard Munch und George Grosz, Fotografien. Der Mythos – und ganz besonders der von HGK – ist in mehrfacher Weise vorläufig, ebenso Avantgarde wie nie ins Werk gesetzt und abgeschlossen. Er ist gar so vorläufig, dass Peter-Klaus Schuster und Christoph Stölzl vom faustischen Projektemachen und einer „Kultur des Scheiterns“ sprechen. Wie lässt sich das in eine Ausstellung verwandeln?

 

Versammelt sind nun in der Ausstellung im Max Liebermann Haus „57 Tagebücher aus 57 Jahren“[1], Fotos, Bilder, Büsten, Skulpturen, Kandelaber, „Leuchtbilder“, Bucheditionskunst. Aristide Maillols Mediterranée. Fragmentarisches, aus dem Zusammenhang Gerissenes, Vereinzeltes und im Einzelnen geradewegs Überwältigendes. Statt bibliotheksregalmeterweise Nietzsche-Literatur und Nietzsche-Forschungsliteratur allein die Totenmaske, die misslungen unförmige aus Gips. Und dennoch beginnt die Totenmaske in der Ausstellung zu erzählen vom Nietzsche-, dem Zarathustra-Leser Harry Graf Kessler.  Ausgestellt in Berlin am Pariser Platz, die Totenmaske Friedrich Nietzsches, die Curt Stöving und ein Lehrling in Anwesenheit von Harry Graf Kessler dem zwei Tage (!) zuvor Verstorbenen am Vormittag des 27. August 1900 in der Villa Silberblick in Weimar abnahmen. Er notierte in seinem Tagebuch: 

Der Kopf wurde etwas aufgerichtet, so dass er gerade lag; ein junger Lehrling, der mit den Trauerdecorationen beschäftigt war, half beim Eingipsen; in einer halben Stunde war die Maske fertig.    

 

Was verstreut war, ist bis zum 21. August erstmals im Max Liebermann Haus für eher kurze Zeit versammelt. Neben den entscheidenden, großen Leihgebern wie der Klassik Stiftung Weimar und dem Deutschen Literaturarchiv Marbach haben zahlreiche, die nicht genannt werden möchten, Exponate beigesteuert. Die Harry Graf Kessler Gesellschaft e. V. wie das Musée d’Orsay, Paris, und das Museum Oskar Reinhart Winterthur sind beteiligt. Auf der Pressekonferenz deutet Peter-Klaus Schuster ein informelles Netzwerk der privaten Harry-Graf-Kessler-Sammler und Leihgeber an. Der Name Karl Lagerfeld fällt. Mit dem Namen Harry Graf Kessler verbinden sich Identifikations- und Individualitätskünstler. Vieles wird angedeutet, Weniges lässt sich bestätigen.

 

Der Single oder auch der Single Man als Flaneur durch die Moderne und Akteur ihrer Widersprüchlichkeiten soll als historische Figur für alle verfügbar bleiben. Statt Schwules Museum wird ein auch prekär kulturkonservatives Plädoyer formuliert, aber kaum reflektiert. Das Fragmentarisch-widersprüchliche wird in ein „monumentales Tagebuchwerk“ erhoben. Es wird in „ein literarisches Jahrhundertwerk als entschiedenes Plädoyer für ein internationales, kultiviertes und zivilisiertes Deutschland, das gar nicht genug gelesen und gekannt werden kann“[2], verbrämt. Auktoriales Werk oder das Tagebuch als Haltung und literarische Tagesproduktion aus dem Moment? Die Frage wird nicht gestellt, weil sich sogleich über den lebenslangen Single HGK eine Deutschlandlehre legt. Was lässt sich also mit den 57 Tagebüchern aus 57 Jahren lesen? Geschichte? Kulturgeschichte? Oder die Suche des Individuums nach sich selbst durch die Individualität?    

 

Die Tagebücher im Original aus dem Marbacher Literaturarchiv und in ihrer Hybrid-Ausgabe bei Klett-Cotta sind der Dreh- und Angelpunkt nicht nur der Ausstellung, sondern der literarischen Bestimmung Harry Graf Kesslers. Sie sind besonders seit ihrer Buch- und CD-Edition durch ein wissenschaftliches Herausgeberteam ein Streitpunkt geworden. Der Berliner Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott hat die Herausgabe des ersten Bandes 2004 als Kenner des europäischen Dandyismus scharf kommentiert, was postum 2010 in der Zeitschrift Cicero abgedruckt worden ist. Tagebuch und Selbst-Kontrolle, Individualität und Zeitgenossenschaft, name dropping und Aphoristik strukturieren das literarische Schreiben. Besuche eines Türkischen Bades in New York am 15. Januar 1892 – „der Mann sagt mir, dass es die ganze Nacht offen sei; das beste Geschäft machen sie zwischen 10 und 3 Uhr Nachts“[3] – und des Römischen Bades in Berlin werden erwähnt und nicht näher illustriert. 

«Verlässt man sich auf die Fakten», so wehrt der philologische Beobachter gleichwohl alle Gerüchte über die Homosexualität des lebenslangen Junggesellen Kessler als ungesicherte Vermutungen ab, «so pflegen Kessler und Dungern eine enge freundschaftliche Beziehung.» So kann man es auch sagen. Zu dieser ulkigen Halsstarrigkeit passt dann auch, dass die willkommene Nähe der Berliner Hauptstadt für den in Potsdam kasernierten Einjährig-Freiwilligen zwar im Hinblick auf seine zahlreichen Galerie-, Konzert- und Theaterbesuche bemerkt wird, die stereotypen Einträge «Römisches Bad» aber unerwähnt bleiben.[4]

 

Während 2010 der neunte und letzte Band, 1926-1937, herausgegeben worden ist, harrt der erste, 1880-1891, seit 2004 nach wie vor seiner Herausgabe. Es ist offenbar nicht ganz einfach mit dem jungen Mann, bevor er seine New-York- und Welt-Reise am Sonnabend, den 26. Dezember 1891, von Le Havre aus mit dem Linienschiff Normandie antritt. Die Normandie bietet noch nicht den Luxus des gleichnamigen, legendären Transatlantikschiffes von 1931. Eine Transatlantikpassage wählen europäische Auswanderer, heute müsste man vermutlich von Wirtschaftsflüchtlingen sprechen, Geschäftsleute, politisch Verfolgte, Abenteurer. Statt multimedialem Allroundentertainement herrschen auf dem Schiff „Einsamkeit“ und Langeweile. Harry Graf Kessler formuliert das sehr genau, mit dem Eröffnungseintrag des 2. Bandes der Tagebücher. 

Dann lange auf Deck, bis der Lichtstreifen der die Küste bedeutete in Nacht verschwand und wir in wehmütig-grossartiger, tiefer Einsamkeit allein waren auf dem dunklen, rauschenden Meere; über uns die Sterne, die durch Nebel leuchteten.[5]   

 
Screenshot: Orte, an denen Harry Graf Kessler Tagebucheinträge geschrieben hat.
 

Was hat es mit der Einsamkeit auf sich? Weil die Tagebücher als Das Tagebuch herausgegeben werden und worden sind – bis auf den ersten Band – lässt sich nicht genau nachvollziehen, ob Harry Graf Kessler mit dem 26. Dezember ein neues beginnt. Kontinuität und Unterbrechung ebenso wie die vermutlich eröffnende „wehmütig-grossartige(), tiefe() Einsamkeit“ entbehrten für den an Schulen in Frankreich, England und am Hamburger Elitegymnasium Johanneum Unterrichteten, den Vielbelesenen und examinierten Juristen nicht eines gewissen Kalküls. Heike Gfrereis vom Marbacher Literaturarchiv geht im prächtigen, dreisprachigen Ausstellungskatalog noch einen Schritt weiter. Sie kontextualisiert die „grossartig(), tiefe() Einsamkeit“ der Reisenden mit Friedrich Nietzsches „Buch für Alle und Keinen“ Also sprach Zarathustra, das zwischen 1883 und 1885 als ebenso hilfloser wie kostbarer Privatdruck erschienen war.[6] Harry Graf Kessler liest – „Auf See 7 April 1892. Donnerstag.“ – nicht zum ersten Mal, sondern „mit demselben Entzücken wie immer“ „Nietzsches Zarathustra“.[7]    

 

Die widersprüchlich in „Einsamkeit“ der auf dem Schiff vergesellschafteten und in Schiffsklassen eingeteilten, aber vereinten Menschen wird für Harry Graf Kessler nicht nur zum „Zarathustra-Programm“ des Neuen Sehens, wie Heike Gfrereis vorschlägt. Sie gerinnt dem Tagebuchschreiber zur Signatur der Moderne, die mit einer Naturformulierung – „über uns die Sterne, die durch Nebel leuchteten“ – ins spätromantisch Kosmologische gewendet wird. Es hat mit den Erwartungen an das Genre Tagebuch zu tun, dass Heike Gfrereis in der Eröffnungssequenz der Weltreise HGKs die Erfüllung eines Programms sieht. 

Kessler will die Welt entdecken, die heilig und geistig, irdisch und körperlich ist – eine Welt, die an den Himmel und die Hölle stößt und von sich nicht, wie in der Rede des Wahrsagers im Zarathustra, sagen lässt: »Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles war.« In seinem Tagebuch hält Kessler fest, was unvergleichlich ist.[8]

 

In der Weise wie der Tagebuchschreiber in der Eröffnungssequenz allerdings ebenso knapp, fast stenographisch unter Auslassung von Verben – „Dann lange auf Deck, bis …“ – wie pointiert das Ich vermeidet und sich mit den anderen Passagieren – „wir … uns …“ – gemein macht, dockt er auf radikalere Weise an Zarathustras Rede – „Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab will.“ (Vorrede) – an und schreibt sie um. Das Zarathustra-Programm, wie es Heike Gfrereis nennt, besteht nicht darin den „Wahrsager“ zu widerlegen. Es muss vielmehr auf das mehrdeutige Untergehen des Ichs in der Verschränkung des „große(n) Gestirn(s)“ mit den „Menschen“ zugespitzt werden. Zarathustra geht wie das Gestirn in den Menschen unter. Anders formuliert: Die Eröffnungsszene mit der ebenso mondänen wie abenteuerlichen Einschiffung nach Amerika formuliert die Geburt des Dandys aus dem Untergang des Ichs in einer Naturwahrnehmung: 

wir in wehmütig-grossartiger, tiefer Einsamkeit allein waren auf dem dunklen, rauschenden Meere; über uns die Sterne, die durch Nebel leuchteten.       

 

Alles Großartige, das im Tagebuch folgt, bis ins „Türkische Bad“ mit namenlosen Männern in New York wird aufgespannt zwischen dem Wunsch nach einer durchaus vergeblichen Individualität, die dennoch zur Rettung und zum Argument gegen ein protzig, spießiges Bürgertum bis hinauf zum Kaiser wird, und einer Befragung des Subjekts. 1919 besucht HGK das Berliner Schloss und erschrickt über die Spießigkeit des Interieurs. Unversehens kippt der Besuch im „Türkischen Bad“ in eine Schopenhauer-Reprise, in der das Subjekt nicht nur zufällig „untergeht“. Philosophisch gesehen sind die Tagebucheinträge ein wenig unausgegoren, lebenspraktisch tagebuchschreibend trifft das Widersprüchliche unmittelbar am 16. Januar 1892 aufeinander. 

Und dann ist die Erkenntnis, solange sie nicht zum Motiv des Handelns wird, solange sie sich nicht in Wollen, in Thun, in Geschehen umsetzt, etwas rein das individuelle, einzelne Subjekt Affizierendes, also etwas, damit diesem einen Subjekte oder bestenfalls mit dem Complex von Subjekten die diese Erkenntnis teilen, untergeht, während jede Tat notwendigerweise in der Causalitätsreihe ewig fortwirken muss.

 

Das Ich-Medium Tagebuch wird von Harry Graf Kessler mit den Tagebucheinträgen unablässig selbst reflektiert. Statt das Ich in Szene zu setzen, wird fast unablässig sein Untergang gedreht und gewendet. Sparsam, selten beginnt er einen Tagebucheintrag mit Ich. In der Ausstellung am namhaften Ort neben dem Brandenburger Tor wird die eher kleine Wohnung in der Köthener Straße inszeniert. Sie war so klein, dass Kessler „wegen des beengten Raumes … nur den rechten Teil seines Seurrats zeigen“ konnte.[9] Gleichwohl war er 1898 so vermögend, dass er sich eine Villa am Wannsee oder im Tiergarten hätte leisten können. Bescheidenheit? Logik des modernen Designs Henry van de Veldes?

 

Werden Harry Graf Kesslers Inszenierungen und die Listen der klangvollen Namen, die bei Historikern entzücken hervorrufen, immer auch als großartige Selbstinszenierung verstanden, so gibt wiederum eine New Yorker Tagebuchnotiz vom 10. Januar einen anderen Wink. Es geht um ein Problem der Austauschbarkeit und der Abwesenheit von Individualität. 

Überall die Einrichtungen sehr glänzend, sehr geschmackvoll, nicht überladen reich wenigstens was Vergoldungen anbetrifft, aber garkein eigener, individueller Geschmack; die Zimmer könnten, wie sie sind, ebensogut in Paris wie hier stehen; man hat schliesslich den Eindruck einer Tapezier Ausstellung, überall dieselben Henri II, oder Louis XV oder Louis XVI Möbel, dieselben Parquets, dieselben Gobelins dieselbe Überfülle von Gemälden; gar keine Individualität wie in den kleinen Boudoirs in Paris, oder in den englischen Sitting rooms; von der Seele der Bewohner steckt in diesen Zimmern garnichts. (S. 83)

 

Die Wohnungen Harry Graf Kesslers in Berlin und Weimar, die er von dem noch kaum bekannten Henry van de Velde einrichten ließ, sind „kleine() Boudoirs“ und zugleich Tempel der Individualität. Sie sind für den Zarathustra-Leser auch Seelenort ohne Seele. Statt klangvoller Namen und „Vergoldungen“ wie „Überfülle von Gemälden“ ein zur Hälfte eingerollter (!) Seurat, Les Poseuses, in der Köthener Straße 28. Man könnte den halben Seurat, dessen andere Hälfte mit der Wiederholung der Bilder im Bild die eigentliche Sensation ist, den Gipfel der Individualität nennen. Das konzeptuell und auf das Medium Photographie durchaus durchdachte Gemälde des Pointilisten – gepixelt(!) – wird auf das Boudoir-Design zwecks Individualität heruntergebrochen. Ob das Ein- und Wegrollen von mehr als der Hälfte des Bildes nur dem „beengten Raum“ geschuldet war, wissen wir nicht. Der „Überfülle an Gemälden“ und des Bildes als Bild, vor das sich das bürgerliche Subjekt mit seinem Wissen hinstellt, widerspricht diese Praxis gewiss.

 

Die Praxis der Selfies ist Harry Graf Kessler auf der Weltreise 1891/1892 wohl eher fremd. Aber er fotografiert selbst. Ist technologisch auf der Höhe seiner Zeit. Fotografien werden entweder separat oder eingeklebt in die Tagebücher zu ihrem Bestandteil. Später kommen auch Ausschnitte aus Zeitungen hinzu wie „Geldnotizen“ am 11. April 1920.[10] Was wird im Tagebuch notiert und was nicht? Die Anschaffung einer der ersten halbwegs handlichen Kameras in San Francisco zwischen dem 22. und 26. März 1892 wird nicht vermerkt. Stattdessen hastet er geradezu durch die Stadt und ihre Umgebung, um seine Beobachtungen, die Eindrücke und Ausblicke, die Locations – „Cliff House“, „Golden Gate Park“, „Gärten des San Franciscoer Millionärs Sutro“, „California Street“, „Chinatown“ mit „Opiumhäusern“, „Monterey“, „Leland Stanford Universität“, „Omnibus“, „Theater“ – schriftlich abzuspulen. Was lediglich vorgestern Abend geschehen sein kann, wird auf ein schon fast vergessenes Neulich verschoben. 

Abends in ein Theater, …; die Vorstellung im ganzen weniger lärmend und unanständiger wie neulich im chinesischen Theater. So geht mein letzter Tag in Amerika zu Ende.

Die Frage, ob es nun eher um den Untergang und eine Leere oder Fülle geht, wie Heike Gfrereis es mit einer „ästhetisch-zarathustragleichen Wahrnehmung“ vorschlägt, wird zu einer Probe auf das Konzept des Dandys. Sind die Fotografien leer oder voll? Knipst Harry Graf Kessler? Oder versucht er sich mit seiner Kamera in der unübersichtlichen Metropole San Francisco zu orientieren? Das frühe Sightseeing mit seinen Sensationen steht auch dem eher stillen, weil kaum beschriebenen Tag in Monterey gegenüber. 

Die Fotografie ist gleichgültig gegen ihre Gegenstände, sie lässt sie in Ruhe, und sie verwandelt sie doch ganz in Erscheinungen, in vollkommen subjektive und einmalige Augenblicke: Alles ist voll, alles ist anders, alles ist. (S. 37)

 

Die siebenmonatige Weltreise Harry Graf Kesslers, die mit Also sprach Zarathustra an die Frage des Subjekts in der Moderne andockt, ist auch eine Grand Tour als großbürgerliches Bildungsprogramm, die sich deutlich vom 18. Jahrhundert unterscheidet. Der Reisende, wie er in den Tagebüchern mit einem eher seltenen „Ich“ auftaucht, inszeniert sich als Einzelreisender und macht doch bei Geschäftspartnern seines aus Hamburg stammenden Vaters und dem Netz der Verwandten und Bekannten seiner irischen Mutter, Alice Harriet Blosse Lynch, die in Bombay aufgewachsen war, Stationen und Praktika z. B. in der „Bar Association“ in New York. Was den Weltreisenden mit seinen Netzwerken, die so gut wie gar nicht erwähnt werden, vom Bildungsreisenden des 18. Jahrhunderts wie dem Hamburger Caspar Voght unterscheidet, ist die Zarathustra-Lektüre, die Einsamkeit, die in eine Gleichgültigkeit gewendet wird.

 

Die Ausstellung ist aufwendig mit Facebook- und Twitter-Konto sowie QR-Code ausgestattet, weil Harry Graf Kessler heute angeblich in allen Social Media vertreten wäre. Xing und Instagram wären zur Ergänzung auch noch gut. Ist das mehr als aktuelle Ausstellungstechnologie? Museums-, Ausstellungspädagogik? Aphorismen werden mit Fotos auf Facebook und Twitter gepostet. Zum Muttertag postet HGKBERLIN: „Trotz Trübungen und Verstimmungen ist die Liebe zu meiner Mutter eine, vielleicht die tiefste Wurzel meines Seins.“ Dazu HGK und ein Unbekannter mit Hut von Hinten während der Griechenlandreise 1908. Nun, „trotz Trübungen und Verstimmungen“ ist natürlich nicht ganz der Sprachmodus von Facebook und Twitter, obwohl ein wenig schamlos. Nicht zu vergessen, dass Harry das Maskulinum von Harriet, der Name seiner Mutter, ist.

 

Harry Graf Kesslers Tagebücher, wie nur ausschnittartig mit der Eröffnungssequenz der Weltreise angedeutet werden konnte, reflektieren das schwankende Ich in der Welt. In den sozialen Medien aber herrscht die Ich-Kultur der Selfies und Like/Hate-Buttons vor. Das hat Folgen für die Wahrnehmung und die Selbst-Wahrnehmung ebenso wie für die Politik. In den besten Passagen seiner Tagebücher ist Harry Graf Kessler nicht nur ein Chronist der Zeit und seiner selbst, auch wenn er nicht permanent Ich sagt, sondern ein Kommunikator, ein homo communicans, der liest und sieht, aufnimmt, wahrnimmt und schreibt. Facebook und Twitter dagegen generieren eine digitale Ich-Kultur, die sich im Wettbewerb der Aufmerksamkeit ständig behaupten muss. Mit einem Tastendruck will das Ich da sein, gehört werden und verdammt noch mal sofort seine Pizza, sein Panini, sein Fernsehprogramm, seine Reise etc. sein Recht bekommen. 

Bliebe noch die Frage im Raum, ob Harry Graf Kessler eher ein Dandy oder ein Flaneur gewesen ist. Dandy und Flaneur nehmen unterschiedlich wahr. In New York und auf der Amerikareise ist er wohl eher ein Dandy, der ganz entgegen den Gepflogenheiten auch noch ein zweckorientiertes Praktikum macht. Er muss nicht arbeiten. Aber er macht ein Praktikum, wobei er kein weiteres Wort über seine Tätigkeit in der „Bar Association“, der Rechtsanwaltskammer, verliert. Das Umherschweifende des Flaneurs, das neben Gleichgültigkeit auch eine Ruhe voraussetzt, fehlt ihm in Amerika ganz. Ja, die Syntax seines Tagebuchs setzt auf Verknappung statt auf weitläufigere Einlassungen. Gleichwohl ist die Individualität das Tätigkeitsfeld des Dandys. So einfach lässt sich der Tagebuchschreiber Harry Graf Kessler nicht einordnen. Ein Dandy sträubt sich gegen Kategorien, selbst wenn es ihn ständig in Türkische und Römische Bäder, dann wohl gar zwischen 10 Uhr abends und 3 Uhr morgens treibt.

Im Max Liebermann Haus kann man sich jetzt mit einem historisch etwas weichgespülten HGK, HGK als Anders- und Besser-Deutscher beschäftigen. Das bringt vermutlich die Aufladung des Ortes als Geschichtsort mit sich. Zumindest wird Harry Graf Kessler damit erstens dem Vergessen entrissen – Knallmagenta – und zweitens beginnen einige vielleicht sogar wieder in seinen Tagebüchern zu lesen. Im glücklichsten Fall gibt es eine laute Kontroverse. Und Langverstreutes gibt es überhaupt zum ersten Mal zu sehen. Hingehen. 

 

Torsten Flüh 

 

Harry Graf Kessler 

Flaneur durch die Moderne

bis 21. August 2016 
Pariser Platz 7 
Mo, Mi, Do und Fr 10 – 18 Uhr
Sa/So/Feiertage 11 – 18 Uhr
Di geschlossen
8 € | 6 € erm. | 1€ Sozialticket

 

Stiftung Brandenburger Tor (Hg.) 

Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne

Deutsch | Englisch | Französisch
248 Seiten
14 x 23 cm
48 Abbildungen
Halbleinen
ISBN 978-3-89479-940-3
24,95 EUR        

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[1] Pascal Decker, Peter-Klaus Schuster: Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne. In: Stiftung Brandenburger Tor (Hg.): Harry Graf Kessler – Flaneur durch die Moderne. Berlin: Nicolai, 2016, S. 7.

[2] Ebenda S. 15.

[3] Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937. Zweiter Band. Stuttgart: Klett-Cotta, 2004, S. 84.

[4] Gert Mattenklott: Nur nicht die Contenance verlieren. Wie der spätere «Rote Graf» seine Selbsterziehung zum Ästheten verfolgte. In: Cicero, Magazin für politische Kultur, 3. Juni 2010. 

[5] Harry Graf Kessler: Das Tagebuch [wie Anm. 3].

[6] Heike Gfrereis: Neu sehen. Kesslers Reise um die Welt. In: Stiftung Brandenburger Tor … S. 33.

[7] Harry Graf Kessler: Das Tagebuch [wie Anm. 3] S. 123.

[8] Heike Gfrereis: Neu … [wie Anm. 6]

[9] Pascal Decker … [wie Anm. 1] S. 9.

[10] Harry Graf Kessler: Das Tagebuch. Siebter Band 1919-1923. Stuttgart: Klett-Cotta, 2007, S. 300.