Hanne Darbovens konzeptuelle Mathematik in Briefen - Zur Ausstellung Hanne Darboven Korrespondenzen im Hamburger Bahnhof

Postkarte – Material – Mathematik 

 

Hanne Darbovens konzeptuelle Mathematik in Briefen 

Zur Ausstellung Hanne Darboven Korrespondenzen im Hamburger Bahnhof

 

Ihre Korrespondenz aus den Jahren 1967 bis 1975 hat Hanne Darboven noch vor ihrem Tod an einem Krebsleiden am 9. März 2009 in 9 Aktenordnern mit einem Archivkarton geordnet. Im Hamburger Bahnhof sind nun die Aktenordner mit 1127 Briefsendungen in Klarsichthüllen aus der Hamburger Hanne Darboven Stiftung im Original zu sehen. Auf dem Brückengang zwischen den beiden Teilen der Ausstellung lässt sich die Korrespondenz als Faksimile gefördert durch die Sammlung Liebelt sogar einsehen. Die Jahresordner liegen mit einem Begleitband von Dietmar Rübel und Petra Lange-Berndt zum Blättern aus: „new york, sonntag, der 13.2.1972 allerliebste mutter, du wartest sicher schon auf eine «hanne-schreiberei», …“

 

Im Zeitalter von SMS, Messenger, Whatsapp, Snapchat etc. muss die Mutter nicht mehr warten. Sie wird, wenn nötig, mit Pics, Emoticons und Characters gleich nach Landing im Kurzformat zugetextet. Bei Snapchat wird alles gleich wieder von selbst gelöscht, weshalb es für die Zukunft keine Korrespondenzen wie die „hanne-schreiberei“ als Kunst geben wird. Gerade noch rechtzeitig vor dem Einbruch des Digitalismus schickt Hanne Darboven ihre Post mit Hand in Rot geschrieben: „by air mail“. Die Konzeptkünstlerin machte aus der Allerweltspraxis des Briefe- und vor allem Postkartenschreibens Kunst. Die Korrespondenzen wurden quasi aus den Höhen der Literatur zur Kunst des Auf- und Abschreibens transformiert. Am 25. November 1971 formulierte sie radikal: „Schreiben, solange es Papier gibt / Mein Geheimnis ist, das ich keines habe …“   

 

Materialverarbeitung und -verbrauch (Papier) durch Schreiben und Rechenoperationen als Konzept der Kunst und Credo der Künstlerin Hanne Darboven. So ließe sich formulieren, was sich jetzt im Hamburger Bahnhof mit 15 Arbeiten als Schenkung von Susanne und Michael Liebelt an die Nationalgalerie, mit Stücken aus der Hanne Darboven Stiftung, Hamburg, Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof, der Kunstbibliothek, dem Kupferstichkabinett und der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin verfolgen lässt. Die Funktion der Briefe und vor allem Postkarten für das Konzeptkunstwerk aus Schrift als Zeitspeicher und Zeitzertrümmerung von Hanne Darboven wurde bislang wenig berücksichtigt. Die Korrespondenz als sinnstiftende Briefkultur mit ihren Erwartungen und Wartezeiten wird durch das „Schreiben, solange es Papier gibt“ auch unterlaufen. Nun lässt sie sich genauer und materialreich wie mit „Endlos-Schreibschwünge (Studie für … 7 Tafeln), 1972“ als Schenkung von Susanne und Michael Liebelt entfalten.

 

Zwischen „hanne-schreiberei“ und „Endlos-Schreibschwünge(n)“ bildet sich bei Hanne Darboven um 1970 eine Kunstpraxis heraus, die in New York mit Sol LeWitt „an der Grenze von Minimal Art zu Conceptual Art“ Anschluss an eine internationale Kunstszene findet.[1] Die Korrespondenzen stellen die neuartige Schreib-Kunstpraxis als Künstler_innennetzwerk ebenso her wie sie das literarische Format der Korrespondenz dekonstruieren. Denn die „hanne-schreiberei“ als Brief an die Mutter durchkreuzt bereits das Subjekt des Absenders und stellt es in seiner Eigenart aus. Als fortwährendes, andauendes Schreiben wird die Schreiberei gleichzeitig zu einer endlosen Tätigkeit bis zur Mühsal, die das Schreiben als intellektuelle Arbeit zugleich entwertet. Sie ist nichts Besonderes mehr, ohne die die Absenderin dennoch nicht existieren mag. Mit den „Endlos-Schreibschwünge(n)“ wird die Literatur ausgetrieben, um sogleich als Kopie wiederzukehren.

  

Bei On Kawara wird 1977 das Post- bzw. Ansichtskartenschreiben aus der Damaschkestr. 21 in 1 Berlin 31, Deutschland, an den Galeristen Rolf Preisig in Basel zur Conceptual Art. Statt ausführlicher Erzählungen über seinen Berlin-Aufenthalt schreibt er zwischen dem 8. Februar und 8. März 1977 zweiundzwanzig Ansichtskarten mit Datum, der stereotypen Formulierung „I GOT UP AT“ und einer Uhrzeit. Mehr nicht. Die Ansichtskartenmotive sind zwischen Philharmonie, Kongresshalle, Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und Neuer Nationalgalerie beliebig. Wenn es eine individuelle Wahrnehmung gibt, dann wird sie als Zeitpunkt des Aufstehens formuliert, um in der Durchschnittlichkeit der Ansichtskarten zu verschwinden. So hat sich denn der japanische Künstler, der überwiegend in New York lebte, nie fotografieren lassen, gab keine Interviews und erschien nie auf seinen Vernissagen. Die Conceptual Art löscht mit dem Konzept den Künstler als kreatives Subjekt immer auch aus, es sei denn, er kehrt wie mit den Karten an Rolf Preisig in einem Rahmen als konzeptuelle Serie wieder.

 

Die Conceptual Art, an die Hanne Darboven im Netzwerk der Künstler_innen andockt, „setzt sich“ nicht nur „mit Kategorien wie Ordnung, Komplexität, Zeit, System, Bürokratie oder einem Denken in instrumentellen Abläufen auseinander, um die zentralen Aspekte einer sich formierenden Informationsgesellschaft zu thematisieren“[2], wie es Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel für das Heft zur Ausstellung formulieren. Vielmehr geht es in starkem Maße um Fragen der Kreativität, des künstlerischen Subjekts und der Literatur als künstlerische Mitteilung, was in der ebenso seriellen wie artifiziellen Korrespondenz der Jahre 1967 bis 1975 immer wieder ins Auge springt: 

und habe einen sockel gefunden 

(einen grund) für meine 

arbeit also gefunden auf 

der so «es» steht / fehlt - -; 

«es» steht bei mir - - und 

«es» steht für --; 

«es» antwortet für /auf und –- 

«es» steht mir frei für 

was «es» steht und antwortet – 

«es» steht geschrieben – und 

«es» steht fest - -; 

ich stehe zu meinen worten 

und glaube an den zweifel -; 

mein verstand steht still - - 

und die uhr steht - -; 

und schreibe es so an dich und 

schreibe deine hanne 

16.5.1972 an Sol [3]

 

Der Brief oder die Karte an Sol LeWitt – zufällig als Faksimile aufgeschlagen – thematisiert als „Statement to Sol“ das Schreiben und schlägt einen Bogen mit Notizen in roter Schrift zu „Odyssee HOMER, J. Joyce Woher das WoSEIN - - ULYSSES“. Der Schreibprozess selbst wird als „Statement“ und „Odyssee“ an Sol LeWitt adressiert. Das lässt sich wenigstens auf zweierlei Arten lesen. Erstens wird durch die Gegenüberstellung von englischer und deutscher Version eine Übersetzung offengelegt, bei der sich kaum entscheiden lässt, ob aus dem Englischen ins Deutsche oder umgekehrt übersetzt wurde. In der deutschen Version fallen syntagmatische Operationen auf, die sich mit dem Stehen und dem „«es»“ nicht zuletzt darum drehen, was denn nun ein „Statement“ oder Standpunkt sein könnte. Zweitens wird durch die an Redewendungen appellierenden Formulierungen mit dem Verb stehen und dem es allererst das Schreiben in Gang gesetzt. Die ergänzenden Notizen zur Odyssee und Ulysses geben auf Schreib- und Erzählprozesse in der klassischen wie modernen Literatur einen Wink.       

 

Das „Statement to Sol“ wird nicht zuletzt manifestartig zur Conceptual Art formuliert. Doch es ist (k)ein Manifest, das hier in der und als Korrespondenz formuliert wird. In der Weise wie „deine hanne“ um des Schreibens willen an Sol schreibt und gerade auch nicht der Informationsdoktrin der „Informationsgesellschaft“ folgt, unterläuft sie die Geste des Standpunkts in der Manifestliteratur.[4] Denn was im Manifest als Aussage formuliert wird, geht bei Hanne Darboven in der Praxis des Schreibens und den Formulierungsoperationen auf. Sie führt als Statement vor, wofür ihre Kunst „stehen soll“ und gerade nicht stehenbleiben kann. Literatur über Kunst wird daher nicht einfach Kunst, vielmehr wird die Literatur in einer künstlerischen Praxis kopiert, verschickt und versendet. Bücher werden zu seriellen Schrift-Bildprogrammen. Damit situiert sich Hanne Darboven indessen an einer neuartigen Schnittstelle von Literatur und bildender Kunst.  

 

Das „Statement“ hat nicht zuletzt literarische Züge eines Gedichts. Von Zeile zu Zeile springt der Sinn und wird erneut gegen die Redewendungen selbst gerichtet – „«es» steht fest --; / ich stehe zu meinen worten / ich glaube an den zweifel -; / mein verstand steht still -- / und die uhr steht - -;“. Die Wissensformulierung „ich stehe zu meinem Wort“ –  ich weiß, was ich gesagt habe –, wird sogleich durch den Glauben „an den zweifel“ ins Gegenteil gedreht. So endet das Statement denn auch mit der Formulierung „und schreibe“, womit es nicht abgeschlossen, sondern auf das Schreiben hin geöffnet wird. Ein Schreiben, das programmatische Regeln wie den mathematischen „K-Wert“ entwickelt, um ihn mit der Formulierung sie fühle „keine Verantwortung gegenüber der sogenannten Mathematik“ gegen diese als Wissensmedium der Moderne schlechthin zu wenden. Was sich mathematische berechnen lässt, erfüllt die Anforderung der Wissenschaft.

 

Kopieren, Wiederholen und Collagieren lassen sich als ebenso literarische wie bildnerische Praktiken von Hanne Darboven beobachten. Mathematische Verfahren werden von ihr seit 1975 in das Kopieren von Literatur als „Zahlenworte (abgezählte Worte) wiederaufgeschrieben“ eingesetzt.[5] Sind „Zahlenworte“ noch Literatur? In den Briefen von Hanne Darboven findet sich „B! an Franz Meyer vom 16./17.2.1975“, der in blauer Schrift auf „dein anruf vorgestern!“ reagiert. Auf einem Blatt kombiniert sie „1845 Aus: Salon von 1845“ mit „1846 Aus: Ratschläge für junge Schriftsteller“. Der Schweizer Kunsthistoriker und Direktor des Kunstmuseums Basel Franz Meyer könnte durchaus mit dem Exzerpt über „das Wort bourgeois“ in Verbindung gebracht werden. Doch konzeptuell geht es der Künstlerin lediglich um „abgezählte Worte“, um „Zahlenworte“, denen sozusagen der narrativ-lexikalische Sinn durch „Mathematik“ ausgetrieben worden ist.

 

Während in den Korrespondenzen von Schriftsteller_innen und Künstler_innen als historisch-wissenschaftliches Verfahren nach Erklärungen für Verhältnisse, Beziehungen und Bedeutungen gesucht wird, konzeptualisiert Hanne Darboven sie in einer Weise, die die wissenschaftliche Praxis erstens als Konzeption offenlegt, zweitens damit auf witzige Weise spielt und drittens den Brief selbst mit einem Konzept der „Zahlenworte“ auflädt. Beim Lesen des Briefes stellen sich für den forschenden Wissenschaftler unvermittelt oder gar zwanghaft Fragen nach dem Antwortbrief auf einen „anruf“ ein. Auf welche Fragen antwortet die Künstlerin, die mit dem Brief zur Briefeschreiberin Hanne Darboven allererst wird? Das Kopieren von Lexikoneinträgen wird zur Zeitarbeit und Arbeit an der Zeit als Konzept von Kunst mit Literatur. Es könnten so (mathematische) Listen zur Zeiterfassung mit den kopierten Texten erstellt werden. Immerhin lassen sich die Abschreibungen an Freunde verschicken und/oder in visuelle Kunst transformieren.

 

Wenn es bei Hanne Darboven um Kunst geht, dann eher weniger um eine darstellende oder bildende wie die, die sie an der Hochschule für bildende Kunst Hamburg studiert hatte, sondern eher um eine visuelle. Sie visualisierte Schreibprozesse in ihrer Zeitlichkeit, aber bildet sie nicht ab. Eher als Ausnahme und dann in einer anderen Visualisierung kopiert sie Texte „in den 112 Bänden der von 1993 bis 2000 entstandenen Zen Arbeit, Eugen Herigel (sic!) durchzitiert (Zen in der Kunst des Bogenschießens)“. Die Kopiertätigkeit materialisiert sich in den Bänden, die in einem Regal NICHT zum Lesen und Blättern präsentiert werden. Sie „führt über eine Rhythmisierung der Sprache zur Entleerung“[6] und Visualisierung der Leere. — Leere im Zen lässt sich nicht einfach abbilden oder zeigen. — Die unterschiedliche Präsentation der Kopierarbeit und ihre Montage im Regal lässt sie zugleich als eine vermeintlich, traditionelle Präsentation von Buchwissen am laufenden Meter und dessen Entleerung durch eine Zen-Übung formulieren.

 

Die Visualisierung von Musik und Musikliteratur mit einer eigenen Notation hat Hanne Darboven ebenfalls verfolgt. „Seit 1979 entstehen … Arbeiten, die Musik enthalten und eine Erweiterung des mathematischen Konzepts von Darboven in Form von musikalischen Notationen darstellen, etwas Opus 43, Bläsertrio „Kinder dieser Welt“.“[7] Entgegen der Zen Arbeit ist Opus 43 von 2007 besonders großflächig und raumgreifend mit Notenblättern, Musikinstrumenten 71-teilig mit Blättern von 58,8 x 41 cm. Die Arbeit wurde 2013 von den Freunden der Nationalgalerie erworben. Doch auch hier geht es um die spezifisch Darbovensche Mathematik, die nicht einfach Wissen auf mathematischem Wege generiert wie der Hamburger Organist und Musikwissenschaftler Johann Mattheson mit seinem Buch Der vollkommene Capellmeister 1739 die Musik mathematisierte.[8]

 

Die „mathematische Literatur und mathematische Musik“, die Hanne Darboven nach einer eigenen Formulierung geschrieben hat, treibt mit der Mathematik der Literatur und der Musik gerade ein allzu geläufiges Wissen von beiden aus. Die Mathematik dient der Künstlerin als ein Antrieb ihrer Zeitarbeit und Arbeit an der Zeit. In ihrer visuellen Kunst, die (keine) Bilder herstellt, sondern allenfalls Bilder und Fotos verarbeitet, wird Zeit gespeichert und gleichzeitig freigesetzt. Anders als bei On Kawara mit seinen „I GOT UP AT“ wird auch im Zeit-Klang-Medium Musik die Zeit nicht einfach verdatet, vielmehr wird sie durch mathematische Operationen verrätselt.   

 

Torsten Flüh 

 

Hanne Darboven.
Korrespondenzen
bis 27.08.2017
Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin

 

HANNE DARBOVEN: 

KORRESPONDENZ. 

Briefe 1967-1975. 

Hrsg. von Dietmar Rübel, Petra Lange-Berndt & Susanne Liebelt. 

Texte von Dietmar Rübel, Petra Lange-Berndt & Isabelle Lindermann. 

Köln 2015. 23 x 32 x 15 cm. 10 Broschüren 

(9 Broschüren mit den Briefen von Hanne Darboven in Faksimile) & 

ein Begleitband in einer Archivbox, 1.302 Seiten, 

davon 1.160 farbig faksimilierte Seiten in Originalgröße / 

Begleitband: 152 Seiten mit 150 meist farbigen Abbildungen 

Auflage: 200 numerierte Exemplare + 40 h.c. numerierte Exemplare. 

EUR 550.00   

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[1] Petra Lange-Berndt, Dietmar Rübel: 1 Konzeptkunst in Hamburg und New York. In: dies.: Hanne Darboven Korrespondenzen/Correspondences. Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, 2017, S. (ohne Seitenzahl).

[2] Ebenda: 2 Kartierungen von Raum und Zeit (ohne Seitenzahl).

[3] Transkription nach Foto aus der Ausstellung, Korrespondenz (Faksimile).

[4] Siehe auch Torsten Flüh: Die Wiederkehr des Manifests als Fake. Zur grandiosen Filminstallation Manifesto mit Cate Blanchett von Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof. In: NIGHT OUT @ BERLIN 10. Februar 2016 22:22.

[5] Zitiert nach Petra Lange-Berndt, Dietmar Rübel: 4 Musikalische und literarische Notationen. In: dies.: Hanne … [wie Anm. 1] (ohne Seitenzahl).

[6] Ebenda.

[7] Ebenda.

[8] Siehe auch Torsten Flüh: Dex und die Sprache der Musik. Zwei Konzerte von Ultraschall, Festival für neue Musik. In: NIGHT OUT @ BERLIN 25. Januar 2016 18:07.