Die "Eishaut" des Gesprochenen - Verena Auffermann unterhält sich mit Herta Müller und Marcel Beyer im HKW über Sprache

Literatur – Sprache – Wort 

 

Die „Eishaut“ des Gesprochenen 

Verena Auffermann unterhält sich mit Herta Müller und Marcel Beyer im HKW über Sprache 

 

Die Fallhöhe der Sprache wird im Gespräch der Literaturkritikerin Verena Auffermann mit Herta Müller und Marcel Beyer hoch angesetzt. Sie lesen und sprechen über Gedichte von Oskar Pastior und Friederike Mayröcker, einen Auszug von Michel Leiris‘ Essay Was sprechen heißt und einen Gesprächsausschnitt von Hans-Jürgen Heinrichs mit Georges-Arthur Goldschmidt sowie eigene Texte zur Sprache und zum Sprechen. Am Schluss wird eine der rätselhaft, gedichtartigen Collagen von Herta Müller auf die Leinwand über der Bühne des Auditoriums im Haus der Kulturen der Welt projiziert. Doch da löst sich die Gesprächsrunde auch schon auf.

 

Dem Thema der Sprache in der Reihe Wörterbuch der Gegenwart kommt eine besondere Rolle zu. Mit der Literaturnobelpreisträgerin 2009, Herta Müller[1], und dem u.a. Kleist-Preisträger 2014, Marcel Beyer[2], unterhielt sich Verena Auffermann mit zwei Schriftsteller*innen, die die Sprache und das Sprechen in ihren Wechselwirkungen mit dem Schreiben thematisieren und reflektieren. In seinem neuen romanartigen Buch Das blindgeweinte Jahrhundert (2017)geht es u.a. um einen „Sprachmenschen“ und „Schreibrausch“ ebenso wie darum, „mit der Sprache zu hadern“. Sprache ist zweischneidig. Sie schneidet in Menschen hinein und bringt das Humanum hervor.


© Sebastian Bolesch (HKW)

Herta Müller und Marcel Beyer interessieren sich ebenso dafür, was Sprache z.B. als „Parteisprache“[3] anrichten kann, wie sie sich verwandeln lässt in Poesie und welche Strategien sich als Widerstand, gleichsam für Freiheit im Schreiben entwickeln lassen. Sie setzen ihr Schreiben ein gegen eine totalitäre Macht der Sprache, wie sie im sozialistischen Rumänien oder im Nationalsozialismus gebraucht wurde. Zur Erfahrung der 100 Jahre Gegenwart, die im HKW verhandelt werden, gehört ein beispielloser Missbrauch der Sprache zur benennenden Ausgrenzung und Stigmatisierung. An einem Leica-Schnappschuss aus dem Berliner Zoo im September 1938 werden die Macht der Photographie und der Bildunterschrift von Marcel Beyer romanartig aufgefächert, wenn sich eine Menschenmenge „zwei Monate später, am 9. November 1938, …, in zwei Gruppen aufteilen wird: Die einen werden, als sei nichts gewesen, weiterhin … in den Zoologischen Garten kommen, …, den anderen ist jeder Zoobesuch fortan verboten“.[4]


© Sebastian Bolesch (HKW) 

Eröffnet wurde das Gespräch mit der Poesie, d. h. zwei Gedichten, die Herta Müller und Marcel Beyer von Oskar Pastior bzw. Friederike Meyröcker vorlasen. Ist es doch nicht nur die lautmalerische, vielmehr kryptische Poesie, die Oskar Pastior nach seiner Emigration aus Rumänien, nach der Verschleppung und Zwangsarbeit als Rumäniendeutscher in die Sowjetunion überleben ließ. In den Sprachkunstwerken Oskar Pastiors überschneiden sich das Banatschwäbisch oder Siebenbürger Sächsisch bisweilen mit dem Rumänisch und dem Hochdeutsch. Hinzukommt beim Thema des Heiratens im Gedicht schiwwer, dass Oskar Pastior seine Homosexualität in einer Heirat natürlich nicht ausleben konnte bzw. die Erwartung zu heiraten als heteronormative Praxis nicht realisieren wollte. 

wenn ich einmal groß bin 

werd ich mich heiraten und 

dann wird nichts mehr weh tun

 

weil ich aber klein bin und 

noch ein wenig kniefrei sein will 

hab ich mich gleich nicht mehr gern[5]


© Sebastian Bolesch (HKW) 

Herta Müller las das Gedicht ihres verstorbenen Freundes vor und erläuterte den Titel schiwwer als Holzspan im regional unterschiedlichen Siebenbürger Sächsisch. Sie hat 2007 mit Atemschaukel quasi den Oskar Pastior-Roman geschrieben, den er nicht anders als in seinen Gedichten schreiben konnte. Neben aller Mehrdeutigkeit, die das Gedicht aus der Zeit zwischen 1980 und 1985 als Lesarten zulässt, steckt der schiwwer doch als Schmerz und Verletzung im „ich“, das sich „gleich nicht mehr gern“ hat. Auch in West-Berlin, wo Oskar Pastior nach seiner Flucht lebte, und der Bundesrepublik galt bis 1994 noch die durch die nationalsozialistische Justiz verschärfte Form des § 175 StGB zur Kriminalisierung von Homosexualität unter Männern. Ein Antrag auf ersatzlose Streichung des § 175 StGB durch 40 Abgeordnete und die Fraktion Die Grünen wurde noch im Frühjahr 1989 sowohl von der Regierungskoalition aus CDU und FDP als auch von der SPD abgelehnt. Bekanntlich hat sich das erst mit der Abstimmung im Bundestag am 30. Juni 2017 geändert. In Oskar Pastiors Gedicht ist es indessen ein „klein(es)“, kindliches Ich in kurzen Hosen, das sich mit dem Heiraten als Narrativ traumatisiert sieht, dem das Heiraten als schiwwer im Ich steckt und einen grammatologischen Ausweg formuliert.    

ich will aber bestimmt mich 

gleich heiraten wenn ich groß 

gewesen bin und lieb gehabt hab

 

und mich bestimmt nicht fürchten 

auch wenn ich kniefrei bin 

und es nur ein wenig weh tut

 

denn dann bin ich ja bald so groß 

und fast ohne knie und 

geh auch nur ein wenig heiraten


© Sebastian Bolesch (HKW) 

Oskar Pastior ist mit seinen Gedichten selbst in West-Berlin nicht als Homosexueller und homosexueller Autor hervorgetreten. Dafür hat ihm wohl die Sprache gefehlt. Oder die Sprache der „Szene“ wäre ihm als eine Einschränkung vorgekommen. Sicher hat er die Sprache als unpassend wahrgenommen, die sich nur in den grammatologischen Sprachoperationen der Poesie aushalten ließ. So ist das Paradox entstanden, dass einer der wichtigsten homosexuellen Dichter in deutscher Sprache gerade nicht als solcher wahrgenommen wurde und wird. Lieber schrieb er, wie man es heute sagen könnte, extrem queere Gedichte, in denen eine kulturelle Scham thematisiert wird. Indem die Fremdheit des dialektalen schiwwer auf frühe Biographie wie Fremdheit der Sprache anspielt, wendet er sie ins Poetische. 2006 wurde Oskar Pastior viel zu spät der Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen, wozu er seine Dankrede geschrieben hatte, bevor er, noch ehe er sie am 21. 10. 2006 halten konnte, am 4. verstarb. Kein Wort von Homosexualität, aber „Klärschlamm“, „Sprachnot“ und „Subjekt-Objekt-Satzgefügedenken“: 

Wieder Klärschlamm gebaggert, wieder Lyrik sekretiert. 

Und dann reden die Leute von Spielerei. Sie wissen nichts von Sprachnot, Denkverzweiflung oder gar Erkenntnisdrangsal (Gewissensbisse, bitte, allesamt, »diese drei«) und haben auch nie überlegt, daß unser Subjekt-Objekt-Satzgefügedenken, das wir ständig überkommen-übernommen lasten fühlen, wenn wir wörtlich mit ihm umgehn, …[6]


© Sebastian Bolesch (HKW) 

Der Mensch, das Humanum nutzt und macht nicht nur Sprache, es ist aus Sprache gemacht. Im Gespräch kreisen Verena Auffermann, Herta Müller und Marcel Beyer darum, wie sich nicht nur die Sprache möglichst virtuos nutzen ließe, vielmehr noch geht es darum, was die Sprache, einzelne Worte mit einem machen. „Manchmal machen Wörter, was sie wollen“, sagt Herta Müller. Schriftsteller*innen beherrschen nicht nur die Sprache, sie müssen auch zulassen können, dass sich die Sprache im Schreiben rauschhaft verselbständigt. Und die Leser*innen eines gedruckten Buches denken ja gar nicht daran, welche Formulierungen ergänzt, umgestellt und durchgestrichen wurden, bevor es in die Auslieferung geht. Alles Text, der sich endlos hinausschiebt. Fängt das nicht schon mit Karl Marx‘ zwischen Deutsch, Französisch und Englisch beim unabgeschlossenen Kapital an?[7] Und wird es nicht von Marcel Proust zur Praxis des Überlebens?[8] 

hast du die wasserblauen Augen angebunden 

an jeden schönen Gegenstand der Welt 

an jeden schönen Gegenstand der Innensprache 

hast du den Werkelkasten dieser Welt 

so lang und süsz gedreht deine Musik 

singt in uns drin dein Wellenhaupt 

beherrscht die Kunstnatur das Wellenhaupt 

der Kunstnatur wird lösen unser aller Qual 

erlösen uns von jedem Schmerz – 

und hast Gezweig und hast in rosa Zweigen (Zungen) angebunden 

schattiges Auge rund und grosz beschattet vom Gedicht 

das ohne Ende blühe : blüht[9]


© Sebastian Bolesch (HKW)

Marcel Beyer liest auf der Bühne des Auditoriums für Hans Carl Artmann alias Quirinus Kuhlmann von Friederike Mayröcker, das am 19. März 1996 entstanden ist.[10] Er hatte es selbst 2004 in einer Gedichtsammlung der Autorin herausgegeben. Die gesprochene Sprache lässt sich, dank Videomitschnitt in der Mediathek des HKW hören und nachhören.[11] Marcel Beyer schätzt besonders die Genauigkeit und Einzigartigkeit der Sprache von Friederike Mayröcker. Doch was entgeht beim einmaligen Hören im Rahmen eines Podiumsgesprächs? Was lässt sich hören, wenn man das Gedicht liest? Nicht nur dass Friederike Mayröcker den „Werkelkasten“ einer dichterischen Sprache der Welt und „Musik“ anspricht, vielmehr sind es die sinnlichen Verknüpfungen und Verschiebungen, in denen ein „Auge“ von einem „Gedicht (beschattet)“ wird. Die Poesie, ließe sich sagen, ihre Spracharbeit verschiebt die Wahrnehmung selbst. Wollen Gedichte gehört werden? Lässt sich nicht mehr hören, wenn man ein Gedicht zweimal, dreimal, vielmals liest und gerade daraus ein Auditorium entsteht? Ein Auditorium ist nicht nur ein Ort, ein Hörsaal, in dem eine/r am Pult oder gar Katheder spricht, vielmehr wird es auch für eine Zuhörerschaft also viele, die hören, gebraucht. Es ließe sich fast sagen, dass im Videomitschnitt das Auditorium ausgeblendet wird und verlorengeht.


© Sebastian Bolesch (HKW) 

Im Podiumsgespräch wird ein informeller Ton von Verena Auffermann, Herta Müller und Marcel Beyer gepflegt. Ein Gespräch um der Sprache willen. Im Englischen unterscheidet man zwischen einer colloquial und einer formal language, einer Umgangs- und einer Schriftsprache. Schriftsprache verfehlt ein wenig die formal language, weil sie auch gesprochen werden kann. Das Podiumsgespräch führt die Sprache und das Sprechen in seinen Sprüngen, Unterbrechungen, Um- und Abschweifungen eben auch auf. Es ist insbesondere Verena Auffermann, der es gelingt, Herta Müller und Marcel Beyer in einem Gesprächston zum Sprechen und Erzählen zu bringen. Sie stellt nicht nur Fragen, wie es Moderatoren häufig nach einem strengen Schema machen, vielmehr regt sie das Gespräch durch eigene ergänzende, korrespondierende Anmerkungen in höchst entspannter Weise an. Fast erinnert das Podiumsgespräch an ein flüchtiges Salongespräch. Doch die Lesungen der Texte kehren immer wieder sehr konkret zur Frage der Sprache zurück wie mit Beyers Lesung eines Textes von Michel Leiris: 

 […] Auf der anderen Seite dieses Schweigens all das, was Schrecken und Folter die weniger Standfesten auszusprechen zwingen sollte: Namen, erpreßt durch Schläge, die Angst und Schmerz verdoppeln, Geständnisse, nach denen es besser wäre, tot zu sein, als gesprochen zu haben (denn für den, der gesprochen hat, ist das Leben, so er noch einen Rest Ehrgefühl besitzt, nur noch ein langer Alptraum, der nichts mehr mit menschlichem Leben gemein hat), Worte, die eine furchtbare Macht erhalten, weil nicht nur das Schicksal dessen, der sie ausspricht und damit seine Ehre verliert, davon abhängt, sondern auch das seiner Gefährten, und weil in derlei Dingen keine Möglichkeit besteht zurückzunehmen, was einmal ausgesprochen ist.[12] 

 

Sprechen heißt immer auch Verrat, ließe sich mit dem Anfang der Sequenz von Michel Leiris, die Beyer ausgewählt hatte und vorlas, sagen. Geschrieben hat Michel Leiris den Text wohl kurz nach der Befreiung von Paris durch die Amerikanische Armee im August 1944. Die „Folter“ der deutschen Besetzer und der Geheimdienste hatten offenbar eine neue Erfahrung der Sprache und des Sprechens in der Welthauptstadt der Eloquenz auf die Spitze getrieben. Michel Leiris (1901-1990) kannte die Pariser Tagebücher eines schriftstellerisch tätigen deutschen Besatzungsoffiziers noch nicht, in denen die Eloquenz als Strahlungen zum Verrat im Format Roman generiert. Alles wird sagbar: „Beim zweiten Mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Kuppeln und Türmen lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zu tödlicher Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, vom Schmerz bejahte und überhöhte Macht.“[13] Der Besatzungsoffizier Ernst Jünger ließ seinem Auge und seiner Erinnerung an den 27. Mai 1944 nichts entgehen, um die Bombardierung zu einer lustvollen Kopulation mit  Erdbeeren als Aphrodisiakum im Glas zu formulieren. Als Wehrmachtsoffizier fühlt er sich am 18. Juli 1942 in „Uniform verpflichtet, Schutz zu gewähren, wo es irgend geht“.[14] Die schöne Uniform und Sprache, die dann doch dazu führt bei aller Eloquenz, wie sie gewiss in der deutschen Literatur selten ist, nichts zu tun. Uniform und Sprache „verpflichte(n)“ nicht nur, sie schützen auch davor, etwas tun zu müssen. Marcel Beyer erinnert in Der Tag von Raron an die gespenstische Nähe Helmut Kohls zu Ernst Jünger und umgekehrt. Das „additive() Weltgenie“ habe die seit Pegida und AfD so vertraute Kritik an den „Lügen vieler Massenmedien der westlichen Welt und die Methoden des Weltkirchenrats zugunsten der schwarzen Rassisten, Diktatoren und Terroristen“ vorweggenommen.[15] 

Möglich, die eigene Unbedarftheit, die eigene Harmlosigkeit in Sachen Literatur will kompensiert sein, indem man sich, wenn überhaupt, in Gesellschaft von Schriftstellern zeigt, die das genaue Gegenteil von Harmlosigkeit versprechen. Ernst Jünger mit seinem sicheren Gespür für die Macht scheint dies instinktiv begriffen zu haben, …[16]    

 

Das Podiumsgespräch als Performance der Sprache ist flüchtig, selbst dann, wenn es als Videomitschnitt aufgezeichnet und endlos wiederholt werden kann. Es legt sich nicht auf Aussagen fest. Mit den Beispielen geht es in dem Podiumsgespräch unter Schreibenden immer auch um die Verschiedenheit des jeweiligen Verhältnisses zur Sprache. Bei Herta Müller entsteht die Sprache beispielsweise aus Interferenzen von Rumänisch, Siebenbürger Sächsisch und Hochdeutsch. Aus den Interferenzen entstehen mehrdeutige Bilder. Einerseits sind die Sprache und ihre Macht immer suspekt. Es gibt ein gefährliches Moment der Unterwerfung, die die Sprache verlangt im Pastiorschen „Subjekt-Objekt-Satzgefügedenken“. Andererseits heißt schreiben, sich eine Sprache zu erarbeiten, die den Diskurs durchschimmern lässt, um gleichzeitig, wie es Georges-Arthur Goldschmidt in einem Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs gesagt hat, ein „Meindeutsch“ zu retten oder überhaupt erst zu entwickeln. 

… Das Deutsche ist für mich eine andere Sprache geworden, ein „Meindeutsch“, wie ich es vor der Untat alleine für mich retten konnte, ein Deutsch, das von der Hitlerei nicht verseucht gewesen ist, weil ich damals schon in Frankreich wenig von der Schändung der deutschen Sprache mitbekommen hatte.[17]

 

Das Paradox der Sprache lässt sich damit beschreiben, dass eine besonders hohe Sprachgewandtheit, die ausgezeichnete und nuancenreiche Kenntnis und Anwendung einer Sprache zugleich an die Grenzen der Verständlichkeit kratzt. Die Sprache birgt immer auch wie es Johann Wolfgang Goethe in der Eröffnungssequenz seiner autobiographischen Schrift Dichtung und Wahrheit schreibt, dass der Mensch und nicht nur das Kind zum „eingelernte(n) Sprachvogel“ wird. Natürlich muss man die Sprache lernen, erwerben und mit dem „Werkelkasten“ bearbeiten können. Doch entweder wird sie dann eine „Innensprache“ und wird von außen gar nicht mehr verstanden oder sie lässt sich permanent in einer Selbstverzehrung wiederholen. Goethe hatte da früh ein Problem der Sprache selbst erkannt. 

… Ja ich lernte ganze Stellen auswendig und rezitierte sie, wie ein eingelernter Sprachvogel; welches mir um so leichter ward, als ich früher die für ein Kind meist unverständlichen biblischen Stellen auswendig gelernt und sie in dem Ton der protestantischen Prediger zu rezitieren mich gewöhnt hatte…[18]

 

„Schreiben ist Forschen“, hat Hortensia Völkers in ihrer Laudatio auf Marcel Beyer anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises gesagt. Er ist in gewisser Weise ein Sprachforscher als Schriftsteller. Vielleicht sollte jede/r Schriftsteller/in Sprachforscher sein. Viele sind es definitiv nicht. Selbst Literaturhistorikern und Linguisten fehlt es oft an Begabung zur Sprachforschung. Bei Marcel Beyer wird der Essay zum Roman und umgekehrt. Das blindgeweinte Jahrhundert kreist in seinen Texten um „Bild und Ton“ und was der „Text“ am Photo verrichtet.[19] Zwischen Sprach-, Kultur- und Medienforschung schreibt er in diesem Buch eine romanartige Historie der Tränen in Literatur, Politik und Medien. Wann wird wie warum und wofür geweint? Von Tzvetan Todorov stammt bekanntlich die Unterscheidung zwischen Geschichte und Erinnerung.[20] Guido Knopp hat die Erinnerung zum Medienformat der Geschichtsdoku mit Tränenquote transformiert. In einem kürzlich veröffentlichten Text mit dem Titel Sprechen, Schreiben, Lesen in der Zeitschrift für Kulturphilosophie schreibt er über die „Phantasie“ ein Leben zu führen, „ohne wie ein Mensch zu sprechen“: 

[…] Die Bewegung im Raum, die Neugier, das Spiel, Ansprache und Antwort – Kommunikation findet statt. Vor dem Hintergrund solcher alltäglichen Erfahrungen kann ich mich leicht der Phantasie hingeben, ich würde ein Leben führen, ohne wie ein Mensch zu sprechen. Nichts Beunruhigendes daran – vielmehr: ein verführerisches Leuchten.[21]

 

Am Schluss bleibt die Wort-Collage von Herta Müller lange über dem Podium stehen. Wie viele sie gelesen haben, kann man nicht wissen. Worte können für Herta Müller Eigenbedeutungen haben, die sich nicht einfach erschließen. Sie entziehen sich einem Wissen und generieren in der Kombinatorik eigenes, vages: 

DAS, was 

MAN sprach 

zerbrach 

still oder laut wie eine 

Eishaut IM VERDACHT 

DAS ROTE Pferd 

sein Herzschlag rasselt 

IN EINEM selbst Wie 

EINE Erbsenschote. 

Herta Müller schneidet, wie sie einmal verraten hat, die Worte für ihre Collagen aus, um sie neu und einer anderen Syntax zu kombinieren. Dabei praktiziert sie quasi eine Aneignung der Worte, die sie vorfindet und die in der neuen Kombination abseits der Zeitungen und Illustrierten anderen Sinn generieren. Keine Handschrift. Schere und Klebstoff, aus denen Poesie in ihrer Vieldeutigkeit entsteht. Was so simpel erscheint, bringt vielleicht das Paradox der Sprache am besten auf den Punkt. 

 

Torsten Flüh 

 

Wörterbuch der Gegenwart

Herta Müller und Marcel Beyer 

SPRACHE

 

Marcel Beyer
Das blindgeweinte Jahrhundert
Bild und Ton
 

Das blindgeweinte Jahrhundert 

D: 22,95 €   
A: 23,60 €    
CH: 32,90 sFr
 

Erschienen: 10.04.2017     
Gebunden, 271 Seiten       
ISBN: 978-3-518-42578-7 
Auch als eBook erhältlich

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[1] Siehe u.a.: Torsten Flüh: In der Sommermittagshitze oder bei klirrendem Frost. Ein Fest für Herta Müller in Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. Dezember 2009 00:24. Und: ders.: Der Terror und die Liebeslieder. Der kalte Schmuck des Lebens – Ausstellung und Finissage mit Herta Müller. In: Ebenda 19. November 2010 12:22.

[2] Siehe u.a.: Torsten Flüh: Von den Dingen und der Literatur. Wie es auf Heinrich von Kleists Grabstein schneite und Marcel Beyer daran schuld war. In: Ebenda 25. November 2014 21:23.

[3] Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Hrsg. von Angelika Klammer. München: Carl Hanser Verlag, 2014, S. 76.

[4] Marcel Beyer: Das blindgeweinte Jahrhundert. Berlin: Suhrkamp, 2017, S. 11-12.

[5] Oskar Pastior: Lesungen mit Tinnitus. Gedichte 1980–1985. München: Carl Hanser, 1986, S. 129.

[6] Oskar Pastior: Sehr geehrtes Auditorium, mein Damen und Herren, … Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung: Oksar Pastior: Dankrede 21.10.2006.

[7] U. a. Torsten Flüh: Der MEGA-Coup. Zum Abschluss der „Kapital-Abteilung“ der Marx-Engels-Gesamtausgabe. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Februar 2013 19:00. Ausführlicher in Torsten Flüh: Flugblatt – Zeitung – Blog. Materialität und Medialität als Literaturen. Wien: Passagen, 2017, S. 103-123. (Passagen Verlag) 

[8] Ders.: Das Versprechen der Geschichte. Barbara Naumann und Peter Geimer zum Semesterthema non finito … der Mosse-Lectures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. November 2017 22:18.

[9] Friederike Mayröcker: für Hans Carl Artmann alias Quirinus Kuhlmann. In: dies.: Gesammelte Gedichte 1939–2003. Hrsg. von Marcel Beyer. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2004, S. 640.

[10] Ebenda.

[11] Herta Müller & Marcel Beyer – SPRACHE. Gespräch und Lesung, 14.11.2017 Mit Herta Müller und Marcel Beyer, moderiert von Verena Auffermann. Video – 1:32:58. 

[12]  Michel Leiris: Leidenschaften. Prosa, Gedichte, Skizzen und Essays. Hrsg. von Hans-Jürgen Heinrichs. Aus dem Französischen von Waltraud Gölter, Annette Gärtner und Engelbert Weinhold. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1992, S. 55.

[13] Zitiert nach: Strahlungen (Ernst Jünger) Wikipedia.

[14] Ebenda.

[15] Marcel Beyer: Das … [wie Anm. 4] S. 65.

[16] Ebenda S. 66.

[17] Georges-Arthur Goldschmidt im Dialog mit Hans-Jürgen Heinrichs: Schwarzfahrer des Lebens. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 2013, S. 58.

[18] Johann Wolfgang Goethe: Dichtung und Wahrheit. In: Goethes Werke: Autobiographische Schriften I. Hamburg, 1966, S. 91.

[19] Marcel Beyer: Das … [wie Anm. 4] S. 12.

[20] Siehe zu Todorov auch: Torsten Flüh: Das Versprechen der Geschichte - Barbara Naumann und Peter Geimer zum Semesterthema non finito ... der Mosse-Lechtures. In: NIGHT OUT @ BERLIN 27. November 2017 22:18.

[21] Marcel Beyer: Sprechen, Schreiben, Lesen. In: Zeitschrift für Kulturphilosophie: Sprache und Gestalt. Hrsg. von Ralf Konersmann und Dirk Westerkamp unter Mitarbeit von Oswald Egger.  Ausgabe 11, 2017/1. Hamburg: Felix Meiner Verlag, S. 134.