After A Heart Attack Dies The Swan - Tom Fords filmische Elegie A Single Man

Fear – Stil – Selbstkontrolle

 

After A Heart Attack Dies The Swan

Tom Fords filmische Elegie A Single Man

 

Tom Ford inszeniert für A Single Man starke Bilder und einen durch und durch widersprüchlichen Charakter mit dem preisgekrönten Colin Firth als Literaturprofessor George Falconer. Der elegische Film ist ebenso einer über Stil und Design geworden wie über Furcht und Selbstkontrolle. Geprägt wird die elegische Stimmung durch eine an Phil Glass erinnernde, minimalistische Streichermusik des polnischen Filmkomponisten Abel Korzeniwski mit der zusätzlichen Musik des Japaners Sigeru Umebayashi.

Der Film beginnt mit einer Traumsequenz. In ihr kommt das später mehrfach wiederholte Bild vom Verlust der Selbstkontrolle vor. In trübem Wasser versinkt der nackte Körper von George. Der Körper leistet keinen Widerstand gegen das Versinken.

Tauchten jüngst in Amphetamine von Scud die Liebenden, Kafka und Daniel, im kristallklaren Wasser, um sich schwerelos und rauschhaft doch noch zu berühren, so wird das höchst ästhetische Versinken im trüben Wasser zum Bild für den Verlust der Kontrolle über sich selbst. Selbstverlust und Verlust des Partners durch einen Autounfall bedingen einander in Georges phobischem Traum.

 

Selbst in Berlin muss man etwas weiter mit der S-Bahn fahren, um A Single Man im Original zu sehen und zu hören. Synchronisation ist bekanntlich immer ein Verbrechen, aber in diesem Fall wären mir sehr wahrscheinlich entscheidende Unterschiede verloren gegangen, wenn ich nicht das OmU gesehen hätte. Passend zum Film verschlug es mich in der Schöneberger Hauptstraße ins Odeon, das nicht einmal unter Denkmalschutz steht. Aber es verströmt einen authentischen späten Fünfziger-Jahre-Charme.

Ausgerechnet zwischen späteren Wohnmaschinen der 70er Jahre liegt das Odeon mit seinen ganz aktuellen Graffitis. Auf dieser Ecke ist das schöne Schöneberg nicht schön. Aber originell. Die Kassiererin im nicht mehr ganz stilechten Foyer sagte, als ich meine Karte kaufte: „Die Karten habe ich auf den Sockel geklebt.“

 

Okay! So genau hatte ich beim Fotografieren gar nicht gesehen, dass das Fünfziger-Jahre-Muster aus Kinokartenresten bestand. Und: Das muss schon eine ganze Weile her sein, dass die Kassiererin die Kartenreste dort drauf geklebt hat. – Für einen Dienstag war das Kino außerordentlich gut besucht.

Das Kino gehört mittlerweile zur Yorck-Kinogruppe. Ihr gehören einige der schönsten Kinos in Berlin – das International, das Babylon, das Cinema Paris, der Delphi Filmpalast usw. Das Odeon ist nicht ganz so schön. Aber schon allein wegen „meiner“ Kassiererin originell. Stil in diesem Zusammenhang kann also etwas sein, das man entdecken muss. Stil kann man nicht einfach nur im Hochglanz der Tom-Ford-Shops im KaDeWe auf der Tauentzienstraße, im Lafayette auf der Friedrichstraße oder bei Mientus auf dem Kurfürstendamm kaufen kann.


In A Single Man treibt Tom Ford die Oberfläche des Stils bis an ihre Grenzen, um sogleich den Antrieb für das Oberflächensystem Mode erschreckend scharf bloß zu legen: Fear. Das englische „fear“ unterscheidet sich um eine Nuance von der „German Angst“. Im Englischen wird zwischen „fear“ und Angst unterschieden. Fear tendiert mehr zu Furcht und Schrecken. Während Angst eine große Sorge oder Unruhe auszudrücken vermag, betrifft Furcht mehr das Bedrohtsein durch etwas Bestimmtes.  Professor Falconer spricht in seinem Seminar über Aldous Huxleys After Many A Summer Dies The Swan (1939) von „Fear“.

 

Tom Ford verkauft Stil. Aber Stil ist nicht käuflich. Auch das vermittelt A Single Man. Stil ist ein ebenso prekäres wie verführerisches Verfahren der Selbstkontrolle. Wenn Ford diesen Aspekt des Stils, den zweifellos schon Christopher Isherwood in seinem gleichnamigen Roman interessiert hat, nicht ernst genommen hätte, dann wäre aus dem anspruchsvollen Stoff ein nettes Filmchen geworden. Ford treibt die widersprüchliche Stilfrage allerdings bis an die Schmerzgrenze. Das dürfte der größte Verdienst dieses außergewöhnlichen Films mit schwuler Thematik sein.

Christopher Isherwood (1904 – 1984) war bereits um die 60, als er A Single Man schrieb. Das ist nicht ganz unwichtig. Trotzdem wird Isherwood sich nicht vorbehaltlos mit seiner Romanfigur George Falconer identifiziert haben. Während Falconer nämlich seinen Stil als Selbstdarstellung zum Schutz seines Selbst geradezu rituell am Morgen aufbaut und so auch formuliert – Ich wusste immer, welche Rolle ich zu spielen hatte -, und damit eine Art Verdruckstheit kaschiert, lag Isherwood, der um 1930 im Sexualwissenschaftlichen Institut von Magnus Hirschfeld im Berliner Tiergarten lebte, dieser Zug fern.

 

Isherwood wurde als Homosexueller und schwuler Autor in Berlin im weltweit einmaligen und bahnbrechenden Sexualwissenschaftlichen Institut, in Berlin-Kreuzberg und in der Schöneberger Nollendorfstraße sozialisiert. Das Milieu der kalifornischen Universitäten wird nicht ganz Isherwoods Welt gewesen sein. Stil und Understatement einer kleineren kalifornischen Universität werden für Isherwood eher bedrückend gewesen sein, weshalb Ford mit der Spießigkeit der Nachbarsfamilie und dem Selbstmitleid von Georges bester Freundin Charlotte (grandios: Julianne Moore) ein geradezu bissiges Milieu inszeniert.

 

Im Literaturseminar zu After Many A Summer Dies The Swan verliert George an diesem Tag, den er beim Aufstehen zu seinem letzten bestimmt hat, für einmal seine Selbstkontrolle. George spricht darüber, dass „fear“ das zentrale Thema des Romans sei. Den Einwurf eines jüdischen Studenten, ob Huxleys Roman antisemitisch sei, wehrt er brüsk ab. Er insistiert darauf, dass der Roman allgemeiner von „fear“ handle. George wird laut und verheddert sich in Andeutungen über andere Minderheiten, die in Furcht lebten. In dem Moment wird klar, dass George über seine eigene Furcht spricht, die keinesfalls nur seine Angst, als Homosexueller sichtbar zu werden, artikuliert. Georges Angst im Sinne von „fear“ reicht weiter.

 

Wovon handelt Aldous Huxleys Roman? Huxleys Roman handelt vom Verlust der Selbstkontrolle im Alter. After Many A Summer ist ein hochphilosophisches Konstrukt über die Frage nach dem eigenen Willen und dessen Verlust im Alter. Huxley formuliert den Verlust äußerst prekär in der biologistischen Wendung, dass der Mensch im Alter regressiv wieder zum „Affen“ werde. Diese Anordnung nutzt Isherwood nicht nur als Zitat, um die Figur George Falconer als Literaturprofessor zu inszenieren, vielmehr wird sie zum Thema von A Single Man.

In der deutschen Übersetzung wurde George Falconer schon in den sechziger Jahren zum Einzelgänger, was einigermaßen schwierig sein dürfte, weil A Single Man vieldeutiger ist. Glücklicherweise macht Tom Ford George nicht zum Einzelgänger. Dafür hat George dann doch zuviel Stil. Als Replik auf After Many A Summer hat Isherwood A Single Man in den Kontext der Frage nach dem Selbst und des Alterns gestellt, um seinen Protagonisten eben doch nicht an einem selbstbestimmten Schuss in den Mund sterben zu lassen.  

 

Weder hat Isherwood mit A Single Man ein Buch über Depression geschrieben, noch hat Tom Ford einen Film über Depression gedreht. Im Modus der Elegie, der poetischen Trauer und Klage, wird kein psychotherapeutischer Diskurs angeschlagen. Vielmehr schlägt der zufällige Herzinfarkt dem Selbst ein Schnippchen.

Wieder muss man das Englische bemühen, um die literarische Qualität des Romans wie des Films herauszustellen. Ein Herzinfarkt ist ein heart attack im Englischen. Zweifellos ist das nächtliche Schwimmen und die Fürsorge des schönen, jungen Kenny (betörend und leicht overstyled im Mohair-Pullover Nicholas Hoult) eine Herzattacke. Sie geht soweit, dass George die zum Selbstmord bestimmte Pistole wieder in der Schreibtischschublade verschließt.

 

Dass der zufällige Herzinfarkt der Revision der Furcht  und des Selbstmordplanes auf dem Fuße folgt, darf man als Isherwoods giftige Pointe auf den „eigenen“ Willen sehen. George, der als Willensäußerung Selbstmord begehen wollte, wird blödsinniger Weise von einer heart attack dahin gerafft. Verstörend waren bereits Georges aberwitzige Proben vor dem Abendessen mit Charlotte, wie, wo und unter welchen Decken er sich final in den Mund schießen soll und will.

Erstens wiederholt George damit ein literarisches Motiv, nämlich  Heinrich von Kleists Selbstmord 1811, zweitens ist es eine dilettantische Methode und drittens verheddert sich das Selbst nun vollends in Stilfragen bis Charlotte anruft. Kleist schoss sich am Wannsee mit der Pistole in den Mund, was Isherwood bekannt gewesen sein dürfte. Isherwood dürfte allerdings auch gewusst haben, dass der Schuss in den Mund eine äußerst unsichere Methode ist, einen schnellen Tod herbei zu führen.

 

Erst als Kenny George im Schlafzimmer fragt, ob er mit dem Schlafsack auf dem Bett einen Campingurlaub vorbereiten wollte, schlägt das Tragikkomisch ins Witzige um. Neben der Schauspielerführung und dem Design darf man Tom Ford einen Sinn für Humor bescheinigen. Während George in seiner stilistischen Fixierheit seinen letzten Tag nahezu humorfrei verbringt, spürt Ford die Stellen auf, die dann doch zum Lachen anstoßen. Wenn George seinen Anzug samt Krawatte für den Sarg zurechtlegt und einen Windsorknoten anordnet, dann ist das höchst komisch und ein sehr englischer Humor.

Stil als von Furcht und Schrecken getrieben zu inszenieren, ist, selbst wenn es Tom Ford mehr unterlaufen sein sollte, als dass er es kalkuliert hätte, eine kleine Meisterleistung. George ist ein Von-Furcht-getriebener, dem nur das Leben mit seinen unmöglichen Zufällen helfen kann. Die Furcht, sich doch noch einmal verlieben und damit die Selbstkontrolle verlieren zu können, treibt George durch den ganzen Tag. Doch der Tag ist voller Zufälle, die die vermeintliche Kontrolle über das Selbst zu durchbrechen drohen, bis es Kenny doch noch schafft.

Als George den Gin für Charlotte kauft, trifft er auf dem Parkdeck Carlos. Das Gespräch zwischen George und Carlos auf der Mercedes-Stoßstange vor dem Plakat mit den angstvoll aufgerissenen Augen von Janet Leigh als Marion Crane in Alfred Hitchcocks Psycho (1960) im Hintergrund ist ein ebenso treffendes wie visuell opulentes Zitat für eine Zeit, die von Furcht und Schrecken geprägt war. Mitnichten sind es nur die Minderheiten, die um 1960 von Furcht und Schrecken beherrscht werden.

 

Als Subtext findet Georges letzter Tag am ersten Tag der Kuba-Krise, dem 19. Oktober 1962, statt. (Iritierend ist, dass im Film der 30. November 1962 ein Monat nach Ende der Kuba-Krise angegeben wird.) Eskalation und Mobilmachung werden auf allen Kanälen gesendet, während George dafür nur mehr oder weniger ein müdes Lächeln übrig hat. Sein Kollege erzählt ihm auf dem Campus, dass er sich einen Bunker in seinem Garten gebaut hat. Doch George sieht nur den nackten Oberkörper des Tennisspielers, der ihn eigentlich nicht mehr interessiert. George hat sich in seinem Beschluss, sein Leben zu beenden, für sich selbst stilvollendet bereits einen ganz anderen Bunker gebaut.

 

Es sagt viel über die Gegenwart aus, wenn Tom Fords Film in den Diskurs der Depression eingeordnet wird. Dem philosophischen Subtext der Geschichte um Trauer, Lebens- und Liebesangst sowie der Frage nach dem Willen, ist einem medizinischen, psychotherapeutischen Erklärungsmodell gewichen. Von dieser - wahrscheinlich unkalkulierten - Seite trifft A Single Man präzise den Zeitgeist. 

 

Torsten Flüh

PS: Ob Werner Schroeter Tom Fords A Single Man gemocht hätte, wissen wir nicht. Er ist am 12. April 2010 verstorben. Ganz sicher aber hat er einen sehr eigenen Stil mit nicht geringem Pathos geprägt.