Die heißeste Nacht des Jahres

Schrankwand - YouTube – Plattensammlung

 

Die heißeste Nacht des Jahres

 

Am 20. August 2009 war der heißeste Tag des Jahres in Berlin. Es folgte meteorologisch die heißeste Nacht.

 

Den heißesten Tag kann man zum Beispiel sehr angenehm im Garten des Café Einstein, Kurfürstenstraße, in der Geißblattlaube bei hausgemachtem Apfelstrudel mit Vanille-Eis verbringen. Abends wechselt man dann zum Essen bei einem guten Freund im Wedding und isst tunesische Merguez, die auf der Müllerstraße beim arabischen Schlachter so frisch zubereitet werden, wie wohl sonst nur im Maghreb.

 

Auf dem Nachhauseweg flogen mir die Fledermäuse in der Triftstraße über den Kopf. Dann folgte eine fast schlaflose Nacht. Und weil wir in Berlin sind, nahm die heißeste Nacht durchaus zügig ein Ende mit einem kleinen Gewitter am darauffolgenden Morgen. Nun lag erst einmal den ganzen Tag eine schwere Gewitterluft über der Stadt. Schließlich am Abend der ersehnte Wolkenbruch wie aus Eimern. In dem Moment fiel mir „Am Tag als der Regen kam“ von Dalida ein. „Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht, da kamst du …“, summte ich vor mich hin. Ich kann nicht singen, aber versuche es immer wieder, solange niemand zuhört.

 

 

Wow. Am Tag als der Regen kam, ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich rief den Freund an und sagte: Der Wolkenbruch war ja gerade Dalida. - Was? - Na, Dalida. Am Tag als der Regen kam… – Kenn ich nicht. – Doch, Dalida. Das geht so: Am Tag als der Regen kam, lang ersehnt, heiß erfleht, da kamst du … – Nie gehört. – Offenbar war meine Gesangsdarbietung am Telefon so beeindruckend, dass der Freund nun wissen wollte, wie das Lied denn richtig heiße. – Heißt: Am Tag als der Regen kam. – Dann muss ich mal bei YouTube nachgucken. – Ja, mach das. Schönen Abend noch.

 

 

Früher gab es das Wohnzimmer mit der Schrankwand, in der in glücklicheren Fällen nicht nur der Fernseher, sondern auch eine Plattensammlung stand. Regelmäßig ging dann der Hausherr eher als die Hausfrau insbesondere an Abenden, an denen man Gäste hatte, zu vorgerückter Stunde an die Schrankwand und zog die größten Raritäten, die ihn stolz machten, aus den Regalen aus dunkler Eiche und legte die Kostbarkeiten auf. Handelte es sich um einen irgendwie gearteten Fan oder Verehrer eines bestimmten Komponisten oder Interpreten, konnte es passieren, dass sich die Gäste der Kennerschaft des Gastgebers versichern lassen und mehrere Einspielungen anhören mussten. Das konnte unterhaltend sein. Oder auch gerade das Gegenteil, nervtötend.

 


Bäu-ME

 

 

Heute gibt es YouTube. YouTube ist in Wirklichkeit die digitale Schrankwand mit der Plattensammlung, die ins Unendliche reicht. Es kommen heute Bilder bzw. Filme hinzu. Alles Dinge, die die Schrankwand niemals bieten konnte und niemals wird bieten können. Sie hat allein den zweifelhaften Vorzug, dass man sie sein Eigen nennen kann. Das Eigene lässt sich so heute im Grunde als eine höchst virtuelle Dimension der Schrankwand im Wohnzimmer denken. Auf YouTube ist so ziemlich alles für jeden jederzeit überall zugänglich, was das Eigene und seine Kraft sehr beeinträchtigt.

 


Träume

Es war mir bereits einmal in einem anderen Kontext passiert, dass ich auf YouTube in Euphorie geriet, als ich auf einmal die unterschiedlichsten Einspielungen eines Musikstückes fand. Für Freunde, mit denen ich in die Philharmonie gehen wollte, wo das „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler gegeben werden sollte, suchte ich auf YouTube sozusagen nach einem Klangbeispiel für den kommenden Abend. Ein(!) Klangbeispiel?! Sie sind alle da! Dafür brauchte man früher eine Schrankwand und musste wirklich viel Geld investieren.

 

So weit, so weit

 

 

Ich erinnerte mich an eine Aufnahme mit Christa Ludwig in Salzburg. Kein Problem. Sofort bot mir YouTube auch noch Jessye Norman und Kiri te Kanawa an. Jessye Norman in einer poppigen Fernsehaufzeichnung aus den 80er Jahren . Gar eine Probenaufnahme der jungen Jessye mit Herbert von Karajan. Die Vielfalt der Einspielungen vom „Lied von der Erde“ von Gustav Mahler erschien mir wie der Himmel auf Erden. Ich surfte den ganzen Abend. Ich sah und hörte die allerneusten Kostproben.

 


Jajajajaja! 

Kaum hatte der Freund also YouTube gesagt und das Gespräch beendet, suchte ich auf YouTube nach „Am Tag als der Regen kam“. Es gibt Abende, an denen man dafür Zeit hat. Die ersten Angebote und Einspielungen waren eher enttäuschend. ZDF um 1980. Da hatte Dalida noch einmal ein großes Comeback, bevor sie sich 1987 mit Schlaftabletten in Paris das Leben nahm. Ja, war schon gut, aber nicht wirklich das, was ich mir wünschte. Dalida war nicht 80er Jahre bzw. das war sie sicherlich auch. Aber „Am Tag als der Regen kam“ war viel früher. Hat denn YouTube überhaupt so frühe Sachen? Gab es denn da schon was? 


Regen

„Am Tag als der Regen kam“, erreichte am 9. Mai 1959 mit Dalida zum ersten Mal den Platz 1 der Schlagercharts und hielt sich 36 Wochen in den deutschsprachigen Charts. Muss ein heißer Sommer gewesen sein, dass der Regen so sehr ersehnt wurde. Oder war es etwas Anderes? 1959 hatte das Medium Fernsehen seinen Durchbruch als Massenmedium in Deutschland. Täglich wurden 5.000 Fernseher verkauft. Ende des Jahres gab es 3 Millionen Fernseher. Und dann fand ich bei YouTube tatsächlich dies.

 

 

 

 

 

Das ist der Hammer. Das haut einen um. Wo ist das nur produziert worden? Und wann genau? HR? Hessischer Rundfunk? Seit 1957 beglückte der Sender samstagnachtmittags die Republik mit der Unterhaltungsshow "Zum Blauen Bock". Hätte es im 1959er Deutschland, Adenauer-Wirtschaftswunderland, YouTube gegeben und man hätte diese Fernsehaufzeichnung mehr als einmal sehen können, es hätte verboten werden müssen. Sittenwächter wären Sturm gelaufen. Wahrscheinlich war es nur der damaligen Flüchtigkeit des Mediums Fernsehen zu verdanken - und auch irgendwie der allgemeinen Dummheit -, dass die Aufzeichnung und das Lied nicht sofort indiziert worden sind. Der Skandalfilm „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef ist von 1950. Am Tag als der Regen kam, ist 9 Jahre später! Nacktheit ist absolut nicht notwendig bei dem erotischen Schauspieltalent, das Dalida in dieser Einspielung aufweist. Wenn das nur genügend deutsche Männer gesehen hätten, sie wären vor lauter Testosteronschüben reihenweise in Ohnmacht gefallen.

 


Felder

 

Schauen Sie sich die Aufnahme noch einmal an. – Achten Sie vor allem auf das in der Schlagerwelt einzigartige und dem Lied zentrale „Jajajajaja!“ "Fing auch für mich das Leben an. Jajajajaja!"  Jajajajaja, heißt hier auch: genau das, was du jetzt denkst, meine ich. Es ist reiner Ausdruck. Der Liedtext von  Pierre Delanoe mit der Musik von Gilbert  Bécaud kennt diesen bestätigenden Ausdruck nicht.  Konnte man es aus der Jukebox verstehen, was hier quasi als Softporno in Szene gesetzt wird? Dalida galt als Königin der Jukebox. Die Jukebox war so etwas wie der MP3-Player der 50er. Groß, verchromt, von Innen leuchtend. Das ganze Lokal hatte sich der Wahl dessen zu fügen, der eine Münze in den Schlitz warf und das Lied wählen konnte. Dalida wurde ständig gewählt.


Wälder

 

Es muss eine sehr frühe Aufzeichnung für das Fernsehen sein. Sicher Anfang der 60er Jahre. Wenn nicht schon 1959, als das Lied raus kam und die Charts stürmte. Eine derart offensive und ausdrucksstarke Aussprache lässt sich in keiner Sprache und auch sonst nie wieder von Dalida finden. Dalida sang in vielen Sprachen. In Paris trat sie um diese Zeit schon in einem schwarzen Piaf-Kleid mit weißem Spitzenkragen auf und sang Lieder von Edith Piaf, die 1963 verstarb.

 


Wundersam

 

Achten Sie einmal auf die überbetonten „Bäu-ME“. Der Text, der belanglos oder romantisch klingen könnte - eben ein guter, deutscher Schlager -, wird insbesondere durch die Zeilen „da erblühten die Bäu-ME“ und „da erwachten die Träume“ zu einer erotischen Attacke. Bäu-ME schleudert Dalida heraus, während sie zu Träume die Augen schließt. Mehr muss man dazu nicht sagen.

 


Du 

Das Filmische überbietet hier das Akustische. Die Kamera hat eine betonte Aufsicht. Naheinstellung. Portrait. Was hat Dalida an? Wir sehen es nicht. Wir wissen es nicht. Wir sehen nur das Lichtspiel auf den nackten, freien Schultern. Dies Lichtspiel verführt uns dazu, einen ebenso nackten, ganzen Körper zu imaginieren. Das Tempo steigert die Wirkung. Quasi im Zeitlupentempo – slow motion - wechselt die Darstellung von einem offensiven Ansingen zu einem Hin-und-her-werfen des Kopfes bis zum Profil. Natürlich hat Dalida ein schönes Profil. Sie war bereits Miss Ägypten gewesen. Aber der Bewegungsablauf entspricht einem Hin-und-her-werfen des Kopfes, wie es dies im Film - und alle mal Anfang der 60er Jahre - nur in ganz eindeutigen Szenen ebenso eindeutiger Filme zu finden war.

 

Am Tag als der Regen kam

(Becaud/Delanoe/Bader)

Am Tag als der Regen kam
Lang ersehnt heiß erfleht
Auf die glühenden Felder
Auf die durstigen Wälder

Am Tag als der Regen kam
Lang ersehnt heiß erfleht
Da erblühten die Bäume
Da erwachten die Träume
Da kamst du

Ich war allein im fremden Land
Die Sonne hat die Erde verbrannt
Überall nur Leid und Einsamkeit
Und du ja du
So weit so weit

Doch eines Tags von Süden her
Da zogen Wolken über das Meer
Und als endlich dann der Regen rann
Fing auch für mich das Leben an

Am Tag als der Regen kam
Lang ersehnt heiß erfleht
Auf die glühenden felder
Auf die durstigen wälder

Am Tag als der Regen kam
Weit und breit wundersam
Als die Glocken erklangen
Als von Liebe sie sangen
Da kamst du, da kamst du

 

Gut, dass es YouTube gibt.

 

 

Torsten Flüh