Weihnachten verkartet - Eine kleine Sammlung

Weihnachtskarte – Selbstmachen – Time Capsule

 

Weihnachten verkartet

Eine kleine Sammlung

 

Liebe LeserInnen von NIGHT OUT @ Berlin, möge das Übersetzungsmodul von Google für Sie meine diesjährigen Weihnachtsgrüße in alle erdenklichen Sprachen der Welt übersetzen.

1)

Wie sich am Schluss meiner kurzen, aber farbigen Weihnachts-Kolumne zeigen wird, ist ein heftiger, internationaler Wettbewerb um die Weihnachtskarte an und für sich entstanden. Ein Wettbewerb der Bilder, Sprachen und Haltungen zum Thema Weihnachtskarte.

 

Die Einen verschicken gar keine Weihnachtskarten mehr, die Anderen halten an der Tradition der selbstgemachten fest. Da muss man sich dann schon ordentlich was einfallen lassen. Ich gestehe, dass ich seit meiner Jugend meistens zur Fraktion der Selbstmacher gehört habe.

 

Weihnachtskarten gehören zu jenen Objekten, die wir in der Regel aufbewahren. Ich habe mehrere Schuhkartons voller Weihnachtskarten. Okay, der Schuhkarton ist kein besonders heiliger Ort für die heiligsten Grüße des christlichen Jahres. Aber wo soll man sonst damit hin? – Anregungen werden gern im Kommentar entgegen genommen.

2)

Selbstgemachte Weihnachtskarten haben immer einen individualistischen Zug, der auch Befremden auslösen kann. Ich liebe die Selbstgemachten und oft auch Selbstgereimten. In einigen Kulturen tritt dieser Zug stärker hervor in anderen schwächer. In der deutsch-österreichischen ist er, glaube ich, besonders stark.

 

Keine Angst. Sie fragen sich schon, von wem den all diese schönen Karten sind? Am Schluss gibt es die Auflösung. Deshalb finden Sie unter jeder Karte eine kleine Nummer.

3)

Aus Washington von der äußersten Nordwestküste der Vereinigten Staaten von Amerika erhielt ich in diesem Jahr eine besonders anrührende Karte mit einem Foto aus Berlin. Da reicht ein im Englischen einfaches: Love it. Ein kleiner Junge, der sich verträumt die Opa-Blechspielzeug-Autos auf dem Flohmarkt ansieht.

 

Seit mehreren Jahren erhalte ich aus der Steiermark in Österreich Selbstgemachtes. Der Urheber setzt sich und seine Frau mit individuellen Merkmalen immer unmissverständlich selbst mit ins Bild. Dieses Jahr fiel die Karte paketophil aus.

4)

Schluss, mit der Entrechtung des Packpapiers! Jedes Paket hat ein Herz! Jawohl, ein schlagendes, blutendes Herz sitzt in jedem Weihnachtspaket! Jetzt drehen wir einmal den Spieß um und reißen die lieben, kleinen Kinderlein unter dem Tannenbaum auf. Weihnachtspakete aller Länder vereinigt Euch. Klagt zusammen mit den Päckchen, Präsentbriefen und Weihnachtskarten das Recht auf äußerliche Unversehrtheit ein!

 

In Hamburg gibt es ein unverbesserliches Gärtnerpaar, das Schneebälle zu Weihnachten verschickt. Die Jungs können sich das Werfen mit Schneebällen einfach nicht verkneifen. Wie Lausbuben werfen sie die Schneebälle in Serie in den Briefkasten.  Ist originell, fast anarchisch. Man vermisst den Duft auf dem Bild. In den letzten Jahren gab es schon andere weihnachtliche und unweihnachtliche Stilblüten.

5)

Immer wieder schön sind Karten aus Irland. Tony schreibt seit vielen Jahren. Es ist immer für einen guten Zweck und eigentlich wunderbar, dass er an mich denkt. In diesem Jahr ist Irland auf den Hund gekommen. Eine merkwürdige Koinzidenz der neuen Befindlichkeit der irischen Nation. Fast tiefenpsychologisch. Seit mehr als einem Jahrzehnt ritten die Iren ihren Celtic Tiger. Und nun ein Hund, genauer ein Welpe, der Knuddelattacken auslöst.

6)

Schon war ich drauf und dran, alles Mögliche in diesen Happy Christmas wünschenden Hund hinein zu interpretieren, als ich auf der Rückseite den Zweck des Hundes zu Weihnachten las. Es ist eine Wohltätigkeitskarte für die Blindenhund-Organisation. Irish Guide Dogs for the Blind. – Oder gibt es da nicht doch einen entfernten ökonomischen Hintersinn?

Jedenfalls können in China Glückwunschkarten ganz unmöglich weiß sein. Die Farbe der Unschuld im Irischen ist im Chinesischen die des Todes. Meine chinesischen Freunde hätten sich sicherlich sehr gewundert, wenn ich ihnen die weiße Karte aus Irland geschickt hätte. Chinesisches Glück ist rot und gold.

7)

Ich selbst experimentierte mit verschiedenen Motiven. Der Berliner Dom war darunter und die Christbaum-Katzen aus Lauscha. Als ich heute Abend am Potsdamer Platz in einen Weihnachtskugel-Laden geriet, war ich erst von der schier unglaublichen Masse der unterschiedlichen Motive aus bunt bemaltem Glas erschlagen. Anders gesagt ich fühlte mich vor lauter Weihnachtsbaumschmuck wie ein Paket im Aufreißrausch. Schließlich dachte ich an zwei Personen, die Katzen mögen und stand im Nu vor der Wahl mehrerer sehr unterschiedlicher Katzenmotive.

 

Die Weihnachtskarte ist ein Time Capsule, wie Andy Warhol gesagt hätte. Er sammelte die unterschiedlichsten Dinge von Zeitschnipseln und Zeitkapseln. Das waren für ihn Zeitungsausschnitte, Zeitungsfotos, Dosenbeschriftungen etc. geradezu weihnachtlich aufbereitet und vom Andy Warhol Museum.

 

Weihnachtskarten sind Zeitschnipsel. Erst mit einiger Verzögerung, wenn sie als Weihnachtskarten schon ihren Dienst erfüllt haben, erhalten sie manchmal plötzlich als Popup aus einem Schuhkarton hervorspringend einen ganz besonderen (eigenen) Wert.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne Weihnachtstage und einen gleitenden Jahreswechsel mit dieser Karte:

8)

 

Torsten Flüh

 

1 Torsten Flüh, Katzen an den Christbaum

2 Tom Thiel, Deutschland

3 Michael Heenan, USA

4 Paulo Wallner, Österreich

5 Christian & Sven, Deutschland

6 Tony, Irland

7 Zhang Weizhen, V.R. China

8 Torsten Flüh, Enjoy Life 2010

 

PS: Weitere Informationen zu Andy Warhol und Ausstellungen über ihn auch auf ARTSY