Happy Night

Tanz - Improvisation – Szene

 

Happy Night

 

Marina Tenório und David Bloom öffnen die Fenster vom Projektraum artillerie zur Exerzierstraße an diesem novemberlich anmutenden 1. Oktober in Berlin. Die Gäste des Abends sind mit Strick- und Filzmützen erschienen. Einige haben die Handschuhe rausgesucht, den Schal umgeschlungen. Es ist kalt. Die Nacht, es ist kurz nach 21:00 Uhr, auf der Weddinger Exerzierstraße ist rau und dunkel.

 

Aus den geöffneten Erdgeschoßfenstern sieht man auf die von der Film-Bar-Reklame gegenüber beleuchtete Durchgangsstraße. Passanten gehen laut türkisch oder arabisch am Handy telefonierend auf dem Gehsteig vorüber. Die Film-Bar verspricht eine „Happy Night“. Sie ist ein Sex-Kino oder so. In Berlin gibt es keinen Sperrbezirk. Deshalb gibt es fast überall in der Stadt „Film-Bars“ und „Traditionelle Thai-Massage“, so auch in der Exerzierstraße.

 

 

Tenório und Bloom setzen sich auf den Boden. Die jungen Leute, die in den ehemaligen Ladenraum gekommen sind, setzen sich ebenfalls. Da funktioniert etwas. Ein geheimes Einverständnis, eine gegenseitige Aufmerksamkeit, die schon zum Tanz und zur Improvisation gehören. In den folgenden Minuten wird mich am meisten beeindrucken, wie konzentriert das junge Publikum die Vorführung verfolgt. Vom lockeren Plauderton eines ebenso internationalen wie intimen Szenetreffs wechselt die Stimmung in eine ungezwungene Konzentration.

 

An Object of Study nennen Tenório und Bloom ihre Tanzperformance. Es geht um Bewegungsabläufe. Es geht um Körper. Es geht um Kommunikation. Man nennt diese Art Tanzperformance zeitgenössisch. Aber was heißt das? Zeitgenössisch ist das Siegel der Kunst in der Moderne. Worum geht es beim Zeitgenössischen, das leicht leer klingen kann? Tenório und Bloom füllen das Zeitgenössische mit dem, was der Ort und die Zeit hervorbringen. Sie nehmen Strömungen, Diskurse auf, die in der Luft liegen. Body-Mind-Centering, Bewegungsqualitäten, physiologische Systeme. Und das machen sie sehr ernsthaft. Dadurch gewinnt ihre Performance ein hohes Maß an Intensität.

 

Es herrscht Stille. Der Sound kommt von der Straße. Und es gibt einen Sound, den Tenório und Bloom aus sich heraus produzieren. Wenn ich den beiden zusehe, dann höre ich einen Sound. Das hat einen Zug ins Meditative. Wenn ich sehe, wie sie sich bewegen, dann höre ich Musik.

 

Als zufällig ein Telefonierender an den Fenstern vorbeigeht, reagieren Tenório und Bloom darauf. In einzelnen Bewegungsabläufen gehen sie bis an die Grenzen des Körperlichen. Tenório lässt ihren Körper in heftigen Ausschlägen schwingen. Bloom hat eine komische Ader, die mit leicht embryonalen Bewegungen auf dem Boden als Kontrapunkt steht. Sie können fast melancholisch wirken.

 

Die Improvisationen, die durch ein gegenseitiges Beobachten und Entgegnen entstehen, wirken in dem hellen Raum von artillerie nah und intensiv. Auf einer regelrechten Bühne könnten sie sich verlieren. Es ist immer die Bewegung im Raum, die den Tanz erzeugt. Tanz als Erkundungen, Erforschungen von Raum, Körper, Zeit. So etwas kann funktionieren und spannend sein, wenn es ein Zusammenwirken der drei Faktoren gibt. Das gab es. Am Ende gibt es stürmischen Applaus für die anregende Performance.

 

Artillerie in der Exerzierstraße gehört zur Galerie- und Projektraum-Szene nördlich der Badstraße am Gesundbrunnen. Die Mineralquelle des Gesundbrunnen ist längst versiegt, dafür sprudelt jetzt die Inspiration der Kulturaktivisten unweit der Panke. Wie in der Schweden- und Koloniestraße ist hier seit 2 oder 3 Jahren eine Kunst- und Kulturszene entstanden, die von den günstigen Mieten profitiert und sich vom mittlerweile teureren Prenzlauer Berg in den Wedding verschoben hat. Die zahlreichen Szenen Berlins, die wirken wie Mini-Biosoziotope, nomadisieren und überraschen immer wieder mit ihren Produktionen und Entdeckungen.

War vor 3 oder 4 Jahren die Greifswalder Straße im Prenzlauer Berg noch ein Geheimtipp, so beschweren sich nun schon die Anwohner in den modernisierten Lofts um die Knaack-Fabrik über zu laute Töne. Mieten steigen und kleine unabhängige Galerien verschwinden wieder. Gemessen an dieser zyklischen Entwicklung bleibt die Gegend um die Exerzierstraße hoffentlich noch möglichst lange ein Geheimtipp.

Torsten Flüh