Und immer rollt der Ball - Public Viewing auf der Sprengelkiez-Fanmeile

Fußball – Prognostik – Identifikation

 

Und immer rollt der Ball

Public Viewing auf der Sprengelkiez-Fanmeile

 

Fußball ist eine Herausforderung an die Prognostik. Das hat das Spiel Spanien gegen Deutschland wieder einmal gezeigt. Durchaus schmerzhaft für Spieler und viele Fans. Wie sicher kann das in die Zukunft gerichtete Wissen sein? Ist Prognose möglich? Oder liegt es in der Natur des Wissens, dass es immer erst nachträglich eintritt? Und ist Wissen auch dann nicht noch höchst strittig?

Insbesondere für das Fußballspiel und ein länger andauerndes Turnier wie die Fußballweltmeisterschaft lässt sich eine höchst aufschlussreiche Konstellation von Wissen und Identifikation eröffnen. Es gibt kaum ein Ereignis, zu dem mehr geschrieben, mehr gewusst und mehr prognostiziert wird. Tsunamis der Prognose in den unterschiedlichsten Facetten überschwemmen mit einem Mal die Medienlandschaft. Was gestern noch galt, wird morgen schon von einem neuen Beben überspült worden sein.

 

Public Viewing fand in den letzten Wochen und Tagen überall in Deutschland in einem nie gekannten Ausmaß statt. Einschaltquoten brachen am Mittwochabend alle Rekorde. Die 300.000 Zuschauer und Fans in Schwarz-Rot-Gold auf der Straße des 17. Juni vor dem Brandenburger Tor waren „nur“ die mediale Spitze des Eisbergs. Deut-Schlands Fußballbegeisterung machte die finale Transformation vom Stammtisch zum Public Viewing durch. Wo früher der Bierdunst des Stammtisches sein Urteil sprach, feierten oder litten plötzlich Hunderttausende in emotionaler Identifikation.    

Mich zog es im Wedding am Schupke in der Abendsonne und dem Schadé an der Ecke Sprengel- und Tegelerstraße vorbei über die Samoa- in die Kiautschoustraße zur Fanmeile vor dem Restaurant auszeit am Pekinger Platz. Hier hatte ich am Samstag das Spiel gegen Argentinien gesehen. Und das hatte mir gefallen. Die Leute beim Public Viewing gefielen mir und die bunte, deutsche Mannschaft mit einem inspirierten, lockeren Spiel. 

 

Meine aus dem Iran stammende Freundin A. erinnerte mich an ein anderes Phänomen in Italien. Geht es nicht im Fußball um die Schönheit des Spiels? A. sprach von einem Besuch in Rom. Als Italien aus dem Turnier herausgeflogen war, endete von einem Tag auf den anderen das Public Viewing. Die Sender wurden von jetzt auf gleich umgestellt. Das Fußballturnier endete plötzlich. Zeitungen verstummten. Beim Besuch der Freundin in Italien gab es keinen Italiener mehr, der Fußball sah, obwohl doch alle behaupteten, nur und allein das Fußballspiel zu lieben. Der Schönheit des Fußballspiels wegen.

 

Avital Ronell hat kürzlich auf inspirierende Weise das Politische mit der Psychoanalyse als eine Bewegung vom Narzissmus zur Identifikation nach Freud mit ihrem Vortrag über Autorität formuliert. Mit dem Axiom von der Bewegung lässt sich in vorzüglicher Weise das Politische im Fußball analysieren. Wie verhält sich die Prognostik dazu? Wie politisch ist Fußball? Ist Fußball überhaupt politisch? Und was heißt es, Fußball nicht zu mögen?

 

Prognostik ist keine mediale Randerscheinung. Sie ist vielmehr ein Kind der Moderne, das Wissen anhand von Fakten, somit positiv formuliertes Wissen für die Zukunft konstruiert. Prognosen beherrschen ebenso die Politik wie die Wirtschaft. Sie greifen nicht zuletzt in die Existenz des Einzelnen mit Voraussagen auf Gesundheit – Rauchverbot (!) -, Lebens- und Finanzplanung – Altersvorsorge (!) – wie den Kinderwunsch ein. Existentielle Fragen wie auch das Wetter werden vom Futur der Prognose getroffen.

 

Prognosen umzingeln die Existenz des Menschen in der Moderne. Insofern ist die Prognostik im Fußball nur ein winziger Teil einer existenz-beherrschenden Maschine im Futur. Verkehrs-, Börsen- und nicht zuletzt Gewinnprognosen in der 11er Wette animieren nicht nur zur Investition, vielmehr können sie auch den existentiellen Ruin bedeuten.

 

Wie tiefgreifend Wissen und Vor-Wissen das Fußballspiel beherrschen, ließ sich nicht zuletzt im Spiel Deutschland gegen Argentinien sehen – zumindest wäre es eine Sichtweise. Während in der Auswahl und dem Training der deutschen Mannschaft durch eine große Maschinerie von Wissen produzierenden Feldern wie Psychologie, Ernährungswissenschaft, biometrische Messungen zu Laufleistungen und Reaktionsschnelle ebenso wie die Analyse der Spiele des Gegners etc. die Spielweise entscheidend prägten, zeichnete sich der Trainer Maradonna dadurch aus, dass er eine Wissensfeindlichkeit an den Tag legte und in religiösen Metaphern sprach.

Diego Armando Maradonna produzierte sich als märtyrerhafte Vaterfigur und ließ sich als solche verehren, um seine Spieler zu motivieren. Das formulierte er als Erfolgsrezept seiner Methode. Er rief den Fußball-Journalisten zu:

Greift mich ruhig an, tut es, solange ihr die Spieler in Ruhe lasst. Meine Erfahrung, mein Herz, meine Seele, alles, alles, alles gebe ich für meine Jungs. Aber, wisst ihr, erst dort, wo der Weg steinig wird, beginnt unsere Geschichte wirklich. (Zitiert nach DIE ZEIT, 1. Juli 2010, S. 17)

Maradonna setzte sich an die Stelle des Propheten. Die argentinische Mannschaft ging unter. Die moderne Prognostik schien gesiegt zu haben.

 

Gestern im Spiel gegen Spanien fehlte die Prognostik. Womit man quasi ein Unentschieden für die Prognostik verbuchen oder dem Fußball-Gott, von dem oft die Rede ist, Schuld zuschieben muss. Was war falsch? Was hat gefehlt? Oder war die spanische Mannschaft einfach nur besser? Hatte sie nicht ziemlich unkreativ gespielt? Man wird viele analytische Methoden anwenden, um aus dem vergangenen Spiel eine Vorhersage für das nächste Spiel zu generieren.

Prognostik formuliert letztlich Wünsche. Sie ist eine Wunsch- oder/und Angstmaschine. Und sie funktioniert in einem hohen Maße literarisch. Sie erzeugt Glücksversprechen ebenso wie Phobien. Stets bleibt sie einerseits unentschieden, wie man vorher kaum entscheiden kann, ob das Vorher-Wissen später auch eingetreten sein wird. Andererseits kann sie zur Self-fullfilling-prophecy werden. Die Intensität von Wissen und dessen Aktualisierung in der Aussprache lässt Voraus-Wissens zur religiösen Prophetie werden. Statt der formulierten Fakten ist in der Prophetie der Sprecher der Bezugsrahmen des Wissens.

 

Der Prophet beherrscht Wünsche und Ängste aus dem Bezugsrahmen „meine(r) Erfahrung, mein(es) Herz(ens), meine(r) Seele“. Er ist weniger politisch als narzisstisch mit der beharrenden Selbstgewissheit, dem Wissen um die Existenz seines Ich und zweifelsohne dem Wissen seiner selbst. Deshalb wird sein Fehl zur existenzbedrohenden Aussage. Der Prognostiker dagegen hält sich ans Messen, Zählen und Wiegen als Wissen produzierende Methoden wie Joachim Löw.

 

Das Politische des Fußballs zeigt sich nicht so sehr in der Anwesenheit einer Kanzlerin, deren Jubeln von Fußballjournalisten sofort kritisch ins Auge gefasst wird. War der Jubel echt? Wie jubelt der Fußballfan richtig? Philipp Köster, der Chefredakteur von 11 Freunde, urteilte über der Kanzlerin Jubel vom  letzten Samstag im Tagesspiegel am Dienstag, den 6. Juli:

Merkels verlogene Volksnähe.

Achtung! Jubel kann gelogen sein. Stattdessen wird das Politische mit Freud und Ronell vielmehr dadurch formulierbar, was nicht gesehen bzw. artikuliert wird.

Mit erheblicher Verzögerung wurde in den Medien formuliert und wahrgenommen, welch bunte, junge und talentierte, deutsche Mannschaft in Südafrika auf dem Rasen stand: Cacau, Mesut Özil, Kevin-Prince Boateng aus dem Badstraßenkiez im Wedding, Sami Khedira usw. Natürlich war es nicht oder noch nicht die BILD, die am 23. Juni nach dem Spiel gegen Ghana schrieb:

Özil schießt Deutschland ins Glück.

Es war der Spiegel. Özils Tor war ein höchst politisches. Danach begann die Diskussion darüber, wer in der deutschen Mannschaft spielt. BILD bevorzugte weiterhin Müller als „Helden“ nach dem Spiel gegen England. Das Magazin stern legte am 1. Juli mit dem Cover Özil & Co. nach.


Die Bewegung vom rassistisch und nationalistisch geprägten Narzissmus zur Identifikation mit einer zum ersten Mal multikulturellen Mannschaft aus Deutschland forderte das Identifikationsvermögen heraus und versetzte all jenen Fußballfans ein narzisstisches Problem, die den Trainer im Vorfeld nicht nur wegen des Alters der Spieler kritisiert hatten. Kritik im Fußball hat auch und möglicher Weise besonders im Jubel eine politische Dimension, wenn der Narzissmus auf dem Spiel steht.

 

Jubel ist der explosiv ausgelebte Narzissmus, während die Tränen nach dem verlorenen Spiel für eine narzisstische Kränkung sprechen. Insofern ist es durchaus sprechend, wenn Köster schreibt:

Anstatt die Faust zu ballen oder die Arme hochzureißen, wie das jeder normale Fan macht, knickt sie ihre Arme im rechten Winkel und verharrt in der Pose, …    

Der „normale Fan“, also der der Norm entsprechende, fühlt sich im Bild des Kanzlerinnenjubels schwer gekränkt und in seinem Jubel, in seiner Jubelfreiheit eingeschränkt. Sich in der Kanzlerin zu spiegeln, will dem Fan fast genau so wenig gelingen wie dem Bayern in Mesut Özil.


Eingeleitet wurde bereits die politische Dimension der Fußballweltmeisterschaft von der Kommentatorin Katrin Müller-Hohenstein am 13. Juni mit der Formulierung vom „Inneren Reichsparteitag“. An der Schnittstelle von Narzissmus mit dem Nazismus formulierte sie den Jubel. Das Nazistische an der auf Klose übertragenen Frage wurde umgehend dementiert. Das Narzisstische lässt sich nicht leugnen.

 

Es sind die Schnittstellen und Brüche in der Bewegung vom Narzissmus zur Identifikation, die diese begleiten und politisch machen. Das Tragen des Trikots des Lieblingsspielers - oft die 10 für Lucas Podolski oder die 11 für Miroslav Klose - leitet die Identifikation ein. Wann wird man die 8 für Mesut Özil sehen? Und wer wird sie dann tragen?


Überhaupt ist BILD eine Meisterin im Heilen von Krisen und narzisstischen Kränkungen. Heute wechselt sie flux vom Fußball in die Wirtschaft und titelt:

Firmen in WM-Form – Wirtschaft ballert Krise weg.  

Der Fan berappelt sich und schaut dem Spiel am Samstag entgegen.

 

Torsten Flüh