Gloria Viagra ist heute, Brigitte Mira war gestern.

40th Anniversary Gay Pride @ GMF Berlin

 

Gloria Viagra ist heute, Brigitte Mira war gestern.

 

Nein, nein, nein, ich werde nicht verraten, wann ich Brigitte Mira bei einem ihrer ersten Comebacks in der Uni Mensa Hamburg auf der offiziellen CSD-Party erlebte. Sie hatte später noch mehrere. Jedenfalls trug ich einen Overall von Fiorucci, in schwarz, Chinz. Das war der letzte Schrei.

Heute, 27. Juni 2009, tanze ich nach Technobeats, die Gloria Viagra im silbernen Ganzkörper-Suite mit Bushido-Maske auflegt. Oder war es Superzandy oder Barbie Breakout? Bei einer Ganzkörpermaske kann man das nicht wissen.

Um genau zu sein, ist es schon der 28. Juni. GMF im Haus der Reisen am Alexanderplatz in Berlin. Weekend. Blick über Berlin bei Nacht von der Sky-Lounge. Die Terrasse im 16. Stock lädt zum Drink ein. Sommernacht mit Red-Bull-Wodka über den Dächern von Mitte.

Kultur? Ja, Oberkörper frei. Einige Jungs tragen nur einen Slip, eine 80er-Jahre-Halskette und Turnschuhe. Sportlich. Jeans auf den Hüften. Adidas auf der Brust. Wer es nicht erlebte, hat etwas versäumt von der 40. Gay Pride oder CSD in Berlin. Happy Pride! HAPPY PRIDE!

 

Im 15. Stock gibt es Pop, im 12. Techno, im 1. die VIP-Lounge. Dazwischen nichts als den Fahrstuhl oder eben das Treppenhaus im Haus der Reisen. DDR! Jetzt aber als Edeldisko mit Blick im Jahr 20 nach dem Ende. Blick auf das Rote Rathaus. Blick auf den Telespargel, was man gar nicht mehr sagt. Und Blick auf freie schwitzende Oberkörper. Im Idealfall ausgearbeitete Bauchmuskulatur. Aber auch das Gegenteil ist häufig.

Brigitte Mira damals, Gloria Viagra heute. Brigitte hatte Charme und Power, Gloria die Pille für die Lust. Die findet damals wie heute am Urinal ihre Abfuhr. Heute ist bunter.

Heute ist die Zeit nach Michael Jackson. Damals war er noch im Kommen. Heute gibt es nur mediale Rückkopplungen, damals glaubte man noch an ein Mega-Talent namens Michael Jackson. Er sog alles auf: Rock, Pop, Elektropop, R & B, die Schnabelschuhe der Grufties, Punk auch. „Bad“ bot die Westside Story in der Tiefgarage auf aktualisierte Weise. Eine einzige Medienmaschine, die aus immer wieder neuen Verschaltungen den Sound der 80er produzierte. 

 

Erwartet hatte ich, dass es so etwas wie eine Michael Jackson-Hommage auf der Party der Parties der Gays geben müsse. Irrtum. Es gibt kein Erinnern an Michael Jackson an diesem Abend, dem 3. Tag nach seinem Herzversagen. Exodus. Wen interessiert noch die Multi-Personalty der Kunstfigur, wenn Gloria Viagra nicht einmal vorgibt, mehr als die synthetische Pille zur Lust sein zu wollen? 

Auf den Bildschirmen über Gloria Viagra laufen die Videos vom Nachmittag der CSD-Demo. Küssende Männer. Lesben und Heten auch. Auf der Tanzfläche küssen sie sich nicht. Sie tanzen gegen die Bildschirme und das Mischpult. Hübsche Asiaten, ein wunderschöner Inder oder so, Farbige, Skins, Transen … Gays eben. Zelebriert wird das Auflegen des Vinyls und der Techno-Beats, die ihm entspringen. In seiner Abwesenheit ist die mediale Figur Michael Jackson überall ganz gegenwärtig.  

„Thriller“ führte das Ende des Vinyls ein. Die Geburtsstunde der CD und des Digitalen schlug mit der Markteinführung 1982, dem Thriller-Jahr. Mein Gott, mit wie viel Ängsten war sie verbunden?! Und heute feiert das Vinyl als Techno-Recycling fröhliche Urständ. Sehr wahrscheinlich ist es gerade die völlige Abwesenheit eines Michael Jackson-Kieksers, der seine bzw. die Wirkungsmächtigkeit der Medien umso mehr bestätigt. Michael Jackson ist die Metapher eines Medienwechsels: Live @ Berlin Alexanderplatz.

Das Androgyne eines Michael Jackson ist der silbrigen Oberfläche und der spiegelnden Metallmaske des DJs gewichen, der unter weiblichem Namen firmiert. Die Party hat ein Open End immer wieder aufs Neue.