Rituale des Speisens - Kasbah und Brechtkeller in Berlin-Mitte

Wien – Marokko - Berlin

 

Rituale des Speisens

Kasbah und Brechtkeller in Mitte

 

Die Handwaschung in dem mit Rosenwasser versetzen Wasser, das der marokkanische  Mitarbeiter des Restaurants Kasbah aus einem Krug über einer Schale am Tisch ausgießt, ist ein Ritual, das auf unvergleichliche Weise auf das Essen einstimmt. Das Ritual hat fast etwas Heiliges. Wann und wo bekommt man heute noch die Möglichkeit, seine Hände unter einem Wasserstrahl zu waschen, der von einem Krug über einer Schale ausgegossen wird?

Ein weiterer Mitarbeiter, der die Bestellung im Kasbah aufgenommen hat, hält größere Servietten zum Trocken der Hände bereit. Für die Dauer des rituellen Vorgangs widmen sich zwei Mitarbeiter den Gästen am Tisch. Man genießt diese kurze Unterbrechung alltäglicher Handlungen und stimmt sich auf das Essen ein. Da man heutzutage auch in Berlin marokkanische Speisen mit Messer und Gabel isst, bleibt die Handwaschung zweckfrei und wird um so mehr zum Ritual. Rituale sind Unterbrechungen, die sich wiederholen lassen.

 

Das Restaurant Kasbah liegt in der Gipsstraße an einem dreieckigen Platz mit Liegewiese und Spielgeräten, der von der Gips-, August- und Joachimstraße gebildet wird. Er gehört trotz der Graffiti auf dem Kletterfelsen zu den schicksten Orten im einstmaligen Scheunenviertel mit mehreren mondänen Designerhäusern. Das Haus der ehemaligen Gipsbrennerei, ebenso wie kleine Stadthäuser und Waschbeton-Edelplatte gruppieren sich um den grünen Platz in der Mitte. Epochen überschneiden sich. Um die Ecke liegen die Sophienkirche und die Hackeschen Höfe. Galerien machen hier ihren Schnitt und Trendsetter suchen die Nähe.

Das Viertel ist sehr lebendig und die Mieten sind mittlerweile oft weit über Niveau. Man erinnert sich noch an längst vergangene Zeiten als Monsieur Vuong um 2000 in der Gipsstraße eine Nudelküche eröffnete. Mittlerweile brummt der trendige und unkomplizierte Edel-Vietnamese in der Alten Schönhauser Straße. Die Gispsstraße ist schon längst von Touristen entdeckt. Dennoch ist das Preis-Leistungs-Verhältnis im Kasbah in Ordnung. An vergleichbaren Orten in Hamburg, Düsseldorf oder München, ganz zu schweigen von Paris oder London, bezahlt man das Doppelte.

 

Als ich mit Freunden kürzlich im Kasbah aß, ich hatte einen Tisch reservieren lassen, was ratsam ist, freute ich mich besonders auf die Merguez. Merguez sind eine typisch marokkanische Spezialität: sehr aromatisch gewürzte und gebratene Lammwürste. Im Wedding bekommt man sie beim islamischen Fleischer sogar frisch. Im Kasbah waren sie wunderbar. Wer lieber XXXL-Knacker essen will, der ist hier falsch. Die Größe der Merguez mit Couscous liegt vor allem in ihrem Aroma. Soviel Geschmacksnerven muss man schon mitbringen.

 

Überhaupt werden die Speisen sehr traditionell in Tongefäßen serviert. Als Dessert wählte ich das Marokkanische Gebäck in erwärmtem Honig mit Rosenwasser und Zimt. Ein Traum. Das Kasbah ist wirklich eine stilvolle Inszenierung marokkanischer Gastlichkeit auf hohem Niveau. Sehr empfehlenswert.

Das Kellerrestaurant im Brecht-Haus auf der Chausseestraße ist seit langem immer wieder ein beliebtes Ziel für mich. Gekocht, gesotten und gebraten wird hier nach den Rezepten von Helene Weigel, Brechts Gattin und Gefährtin. Sie wurde 1900 in Wien geboren und lebte weit über Brechts Tod 1956 hinaus bis 1971 in dem Haus gleich neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Wieweit es sich um Originalrezepte von Helene Weigel oder einfach Wiener Rezepte handelt, wage ich nicht zu entscheiden. Kurz die Küche hat vom Tafelspitz bis zum Kaiserschmarrn eine Wienerische Ausrichtung.

 

Ich mag die Vorstellung, wie Helene Weigel immer wieder und unwillkürlich auf den Friedhof blickte, wo Bertolt Brecht lag. Sicher hat sie mit Erinnerungen an die zahlreichen Geliebten so manches Mal dabei gedacht: Das hast Du nun davon. Ruth Berlau, eine von Brechts Geliebten und Mitarbeiterinnen, ließ es sich nicht nehmen, 1974 in gehörigem Abstand des berühmten Paares ebenfalls zur letzten Ruhe zu finden.

 

Zum 80. Geburtstag von Bertolt Brecht 1978 wurde das Brecht-Haus als Gedenkstätte und als literarisches Brecht-Zentrum der DDR mit dem Kellerrestaurant eröffnet. Scheinwerfer der Uraufführung  aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weil am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm hängen nun als Beleuchtungskörper über runden Tischen im Kellerrestaurant. Undenkbar ist es nicht, dass es die selben Scheinwerfer sind, denn Brecht übernahm 1954 das unzerstörte Theater am Schiffbauerdamm und machte es zum Berliner Ensemble.

Da das Kellerrestaurant von außen nicht einsehbar ist, umgibt es immer noch die Aura des Geheimtipps. Längst kann man sich aber auch auf Facebook mit ihm vernetzen. Tatsächlich bin ich während meiner mehr als 9 Jahre in Berlin, während der ich gelegentlich den Brechtkeller aufgesucht habe, nie von den Salzburger Nockerln, der Schweinestelze, dem Wiener Backhend’l oder dem Zanderfilet enttäuscht worden. Die Qualität und das Preisniveau sind gleichbleibend, was in Berlin über diese Dauer keine Selbstverständlichkeit ist.

 

Für größere Gesellschaften bis 18 Personen ist besonders der Gewölberaum mit Lounge zu empfehlen. Dann schöpft Herr Menzel, der Chef, die Käsesuppe vom geschmolzenen Emmentaler sogar selbst aus der Terrine auf die Teller. Das ist auch so ein längst vergessenes Ritual: das Schöpfen der Suppe am Tisch aus einer Terrine wie zu Helene Weigels Zeiten.

 

Natürlich ist die Wiener Küche rustikal und eine Schweinestelze mit frischem Kren, also Meerrettich, ist von Natur aus einfach größer als ein Merguez-Würstchen. Doch diese Dinge kann man einfach nicht vergleichen. Meine gelegentlichen Besuche im Brechtkeller sind für mich schon ein wenig Ritual geworden, wenn Freunde in der Stadt sind.

 

Torsten Flüh

 

Kasbah

Gipsstraße 2

10119 Berlin

T: 27 59 43 61

U-Bahn: Weinmeisterstraße

 

Kellerrestaurant

Brecht-Haus Berlin

Chausseestraße 125

10115 Berlin

T: 282 38 43

U-Bahn: Oranienburger Tor oder Naturkundemuseum