Berlinale 2010: Tuan Yuan von Wang Quan'an: Mit 430 km/h ins Neubauviertel

Erinnerung – Shanghai - Berlinale

 

Berlinale 2010: Tuan Yuan von Wang Quan’an

Mit 430 km/h ins Neubauviertel

 

Das Tuten der Schiffe auf dem Huangpu gehört zu Shanghai wie die Curry-Wurst zu Berlin. In der Eröffnungseinstellung von  Wang Quan’ans neuem Film Tuan Yuan hört man die Signale der Schiffe und sieht einen kurzen Schwenk über eine graue Stadt am Huangpu. – Im legendären Zoo Palast, der eigentlich gar nicht mehr existieren sollte, wurde der Eröffnungsfilm der 60. Berlinale in einer Zusatzvorführung 90 min. nach dem Beginn des Festivals noch einmal gezeigt.

In Tuan Yuan geht es auf nahezu kammerspielartige Weise um das Thema Erinnerung. Jeder Fortschritt bedeutet Verlust. Insbesondere wenn er mit 430 km/h auf der einzigen Transrapidstrecke der Welt in ein besseres Leben führen soll. Lernen kann man daraus: Es hat auch sein Gutes, dass es in Berlin meistens entschieden langsamer geht. Denn bereits für 2005 plante eine bayrische Immobiliengruppe die Schließung des Zoo Palastes als Kino und seinen Umbau zur Shopping Mall.

Der Zoo Palast ist unauflösbar mit der Erinnerung an die Kinderjahre, das Erwachsenwerden  und die Krisen der Berlinale verbunden. Von 1957 bis 1999 war er Hauptspielort der Berlinale, dann zog sie in die Marlene-Dietrich-Straße am Potsdamer Platz. Der rote Teppich für die Stars und Sternchen wurde breiter und länger und telegener. Der Saal im Theater am Potsdamer Platz größer. Die geschwungenen Bögen des 50er Jahre Zoo Palastes gingen verloren.

 

Geschwungene Bögen sind nicht unbedingt wichtig und angeschmuddelt waren sie ohnehin schon. Anstatt 50er-Jahre-Messing lockt im Berlinale Palast am Potsdamer Platz Chrom und viel Glas. Es ist heller, moderner, besser dort, aber für die Erinnerung abträglich. Lange trauerte der West-Berliner dem alten Berlinale-Ort nach und ging trotzdem in den neuen Palast. Eine Rückkehr in den alten Zoo Palast ist undenkbar, aber eine gelegentliche Frequentierung wärmt das Herz.

Das Tuten der Schiffe auf dem Huangpu ist das Echo einer vergangenen Zeit. Wenn nicht das lautlose Gleiten des Transrapid den Sound der Stadt Shanghai gibt, dann sind es die Presslufthammer und Baumaschinen für den Umzug ins Hochhaus mit dem Blick auf den Fluss. Doch die alte Qiao Yu’e weiss, dass der Ausblick sicher bald verbaut werden wird.

Es sind die Gegensätze zwischen der Erinnerung an eine legendäre Zeit Shanghais, in der man die kalten Füße im heißen Wasser vor dem Schlafengehen aufwärmte, und dem Wunsch nach der angenehm klimatisierten 70m²-Wohnung im Hochhaus, die den Spannungsbogen von Tuan Yuan ausmachen. Yu’e fährt mit 430 km/h in Begleitung ihrer Enkelin ins Neubauviertel, um ihrem Geliebten den Rohbau der neuen Wohnung zu zeigen. Zwei alte, liebende Menschen im soundsovielten Stock eines Rohbaus.

Vordergründig erzählt der Film eine Dreiecks-Liebesgeschichte unter alten Menschen. Das ist rührend, bisweilen zum Lachen komisch, vor allem aber immer sehr hintergründig. Tuan Yuan ist ein kleines Meisterwerk, dem man nur wünschen kann, dass die Enkel und Urenkel der siegreichen Kommunistischen Partei im Olympia- und Expo-2010-China es sehen und lieben mögen. Denn Wang Quan’an erzählt die Geschichte Shanghais klug, doch niemals belehrend.

Der Film ist um 2000 angesiedelt, weshalb er in vielen Zügen Fiktion an mehr oder weniger fiktiven Orten ist. Liu Yansheng, ehemaliger Kuomintang-Soldat in der Armee des Mao-Gegenspielers Jiang Kai-Chek, kehrt nach 50 Jahren nach Shanghai zurück, um seine große Liebe Qiao Yu’e wiederzusehen und sie mit nach Taiwan zu nehmen. Doch die Rückkehr nach Shanghai, von der er sein Leben lang geträumt hat, ist auch eine unmögliche, was im Laufe des Films deutlich wird. Das Shanghai der Erinnerung ist nicht das, welches Liu vorfindet.

Liu hatte Qiao Yu’e am 15. Februar 1949 bei seiner Flucht vor den Kommunistischen Truppen schwanger zurück lassen müssen. Dann war 50 Jahre lang Funkstille, um es einmal so zu formulieren. Yu’es Familie, die von dem Besuch aus Taiwan überrascht wird, stürzt in eine Krise. Lu Shenmin, der sich der von einem Kuomintang-Soldaten schwangeren Yu’e angenommen und zwei Töchter gezeugt hatte, empfängt Liu Yansheng nach allen Regeln chinesischer Höflichkeit. Es wird ein üppiges Gastmahl mit mehr als einem Dutzend Gerichten aufgetischt. Die Straßenbeauftragte organisiert eine Kinderkapelle zum Empfang. Lu zupft die Kiele aus dem Suppenhuhn. Und dann ist Liu plötzlich da.

Wang baut die unterschiedlichsten witzigen und dokumentarischen Elemente in seine Filmhandlung ein. Ob es die Shanghaier Reiseleiterin im Bus ist, die der Reisegruppe von alten, shanghai-stämmigen Kuomintang-Kämpfern  in Superlativen und aberwitzigen Vergleichen das neue Shanghai zeigt, oder der Behördengalopp für Lu und Qiao ist, als sie beschließen, sich scheiden zu lassen, obwohl sie gar keine Heiratsurkunde haben, immer dreht sich das dramatisch Reale ins Komische.

 

Den Schauspielern gelingen Kabinettstückchen. Beispielsweise wenn Lu und Qiao beim Fotografen für ein Hochzeitsfoto sitzen, weil der Beamte entschieden hat, dass sie erst verheiratet sein müssen, wenn sie sich scheiden lassen wollen. Nun brauchen sie für die Heiratsurkunde ein Hochzeitsfoto. Das erste in ihrem gemeinsamen Leben. Es ist zum Tränenlachen, wenn die beiden über siebzigjährigen Scheidungskandidaten vom Hochzeitsfotografen angewiesen werden, doch ein wenig verliebter und leidenschaftlicher in die Kamera zu schauen.

Nicht weniger komisch ist es, wenn die drei Alten am Tisch sitzen und beginnen, selbstvergessen Lieder von vor 60 Jahren zu singen. Im Moment des gemeinsamen Singens eines alten Shanghaier Jazzsongs der 30er Jahre finden Qiao, Liu und Lu für einen Moment zusammen. Plötzlich strahlt aus ihnen das längst versunkene Shanghai der Vorkriegszeit. Aber es gelingt nur für einen kaum wahrnehmbaren Moment, der von den Schauspielern Lisa Lu, Ling Feng und Xu Caigen äußerst präzise gespielt wird. Ein zweites Mal gelingt es nicht.

In der Enkelin, die in der Anfangssequenz den Brief aus Taiwan vorliest, spiegeln sich die Generationen der chinesischen Gesellschaft. Die Enkelin begleitet Qiao und Liu, nicht zuletzt weil sie eine Antwort auf die Frage sucht, wie sie sich ihrem Freund gegenüber verhalten soll. Ihr Freund will in Amerika studieren. Schon sieht die Enkelin ein Leben verpasster Liebe auf sich zurasen und schickt den Freund am Mobiltelefon zur Hölle. Die Kindergeneration ist nur mit dem Geldverdienen beschäftigt oder gescheitert, wie der Sohn von Qiao und Liu.

Schließlich geht Qiao Yu’e doch nicht mit ihrer großen Liebe Liu nach Taiwan. Stattdessen zieht sie mit Lu in die moderne, bescheiden luxuriöse Hochhauswohnung. In der Schlusssequenz telefoniert Qiao ihren Kindern hinterher, damit sie zum Neujahrsfamilienessen kommen. Doch in der Jagd nach dem besseren Leben zerbricht die traditionelle, chinesische Großfamilie und nur noch die Enkelin sitzt mit den Großeltern am Festtagstisch. Sie hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass ihr Freund zwei Jahre im Ausland studieren wird und will auf ihn warten.

 

Die meiste Zeit spielt der Film im alten Shanghaier Yangpu-Bezirk, wo es noch Häuser aus der Vorkriegszeit gibt, die mittlerweile denkmalgeschützt sind. In den feuchten Häusern ohne Heizung und auf den Straßenmärkten spielt sich die Geschichte der Erinnerung ab. Zur Shanghaier Kultur gehörte es, dass der Mann kocht und nicht die Frau, so wie es Liu Yansheng für Yu’e und Lu Shenmin macht. Essen war und ist in der chinesischen Kultur ein noch wichtigeres Element als in Europa.

 

Die Straßenmärkte von Shanghai sind heute entweder verschwunden oder unter hygienischen Gesichtspunkten umorganisiert. Die junge Shanghaierin zieht das Gefriermenu aus dem Supermarkt der Riesenkrabbe vom Markt vor. Liu weiss noch, wie man eine gesunde, fast magische Suppe kocht, die Enkelin weiss es nicht mehr.


Shanghai strahlt. Und es wird sich in diesem Jahr mit der Expo 2010 darum bemühen, noch mehr als Peking bei der Olympiade zu funkeln. Eine andere Haltung wäre dem Shanghai Ren fremd. Understatement in Shanghai heißt „ri la ja la“. Achtung, heiß und fettig. Jetzt komm ich. Bis zur Eröffnung der Expo sind es noch 78 Tage. Und morgen beginnt das Jahr des Tigers in China.

 

Gong xi, gong xi, hu nian hao!

 

Torsten Flüh