Eat out - Essen vor dem Rosenthaler Tor

Schweiz – Korea – Mittelmeer

 

Eat out - Essen vor dem Rosenthaler Tor

 

Das Rosenthaler Tor kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Es lag am Rosenthaler Platz. Alles, was nördlich vom Rosenthaler, Hamburger oder Oranienburger Tor liegt, gilt mittlerweile in Berlin als Tipp fürs Essen. Das geht von der modernen Molekular-Küche des etablierten Maxwell in der Bergstraße im ehemaligen Brauhaus der Josty-Brauerei bis zum kürzlich eröffneten reinstoff im Feuerwehrhaus der Edison-Höfe, das bereits seinen ersten Stern im Guide Michelin mit seinem Koch Daniel Achilles verdient hat. Marco Müller hat das Rutz auf der Chausseestraße vor dem Oranienburger Tor schon länger in die Sterne-Klasse geführt. Und Sarah Wiener aus dem Speisezimmer zwischen Chaussee- und Novalisstraße kocht mittlerweile öfter im Fernsehen als im eigenen Restaurant.

 

Sarah Wiener’s kleines, feines Speisezimmer

 

Wie im Heiligen See schöner schwimmen so ist nördlich der Torstraße besser essen. Das kann man über den Daumen gepeilt einmal sagen. Südlich der Torstraße lässt sich kein wirklich ernst zu nehmendes Restaurant mehr neu aufbauen. Die Zeiten sind vorbei. Entweder muss da ein konzernartiges Gebilde hinterstehen oder ein Trick, wenn sich heute noch ein ambitionierter Gastronom in der Mitte der Mitte engagieren will. Das darf man durchaus als Faustregel ernst nehmen. Gastronomie ist ein hartes Geschäft. Ausnahmen bestätigen die Regel.

 

 

Rutz (Bistro) auf der Chausseestraße

 

Schweizer Gastronomen haben im Norden Berlins eine lange Tradition. So waren die Gebrüder Johann und Georg Josty bereits 1796 über Leipzig aus der Schweiz gekommen und gründeten 1812 ihre erste Brauerei in Berlin. 1893 ließen ihre Nachfahren in der Bergstraße 22 ein neues Brauhaus auf dem Hinterhof errichten. Bald schon kaufte der Berliner Brauereiunternehmer Ignaz Nacher die Josty’sche und Bergbrauerei. 1989 war das Gebäude eine Ruine. Seit 1995 beherbergt das restaurierte, neogotische Brauhaus das exzellente Restaurant Maxwell.

 

Maxwell im Josty’schen Brauhaus

 

Woran erkennt man ein exzellentes Restaurant? Als Antwort eine kleine Geschichte. Ein guter Freund aus Paris, dessen Eltern selbst ein Weingut im Languedoc führen, ließ sich im Maxwell davon überzeugen, dass Rotweine aus Deutschland, insbesondere Franken heutzutage hervorragend sein können und immer noch entschieden weniger als ein vergleichbarer Tropfen in einem Pariser Restaurant kosten können. Die Küche ist leicht, modern und bisweilen molekular. Geschmackssensation sozusagen garantiert.

 

Liegt das Maxwell wenige Gehminuten vom Rosenthaler Platz in der Bergstraße, so hat sich nur den Weinbergsweg hinauf im Weinbergspark mittlerweile das Nola mit der etwas deftigeren Schweizer Küche etabliert. Wie das Brauhaus in der Bergstraße so ist das Lokal auf dem Weinberg ein architektonisches Kleinod. Im 50er Jahre Chatelet-Stil wurde das Lokal zu DDR-Zeiten erbaut. Im Sommer sitzt man auf der Terrasse und denkt wenige Minuten von den touristischen Hauptströmen in Mitte - soviel Ruhe war nie. Dabei blickt man hinunter auf den Seerosenteich und die Brunnenstraße. Die Ruhe wird im Weinbergspark je nach Tageszeit von der hohen Kleinkind- und Babydichte untermalt. Das hat seinen Reiz. Kaum geboren rund um den Weinberg herum, müssen die neuen Erdenbürger erst einmal der Nola-Welt vorgestellt werden.

 

Nola am Weinberg an einem Augustabend

 

Die Nola-Welt auf dem Weinberg, der wirklich seit dem Mittelalter ein Weinberg vor den Toren der Stadt war und auf dem am Fuße des Nola seit 2008 wieder Weinstöcke angepflanzt sind, ist bunt. Sie ist schick. Sie ist locker. Erstsemesterstudentinnen, die hier noch mit ihren Eltern und Schwestern essen, tragen im Sommer 50er Jahre-Schals dekorativ um den Kopf gebunden. Das könnte an Holländerinnen auf alten Gemälden oder so erinnern. Meine Schwester meinte, dass sich die junge Frau vielleicht gerade die Haare gewaschen hätte. Das glaub’ ich aber nicht. Auf der Terrasse des Nola ist das eher ein gezielter Fashion-Gig.

 

Sehr zu empfehlen ist die Vorspeisenplatte. Man sollte allerdings nur eine für 2 Personen bestellen, wenn 4 essen. Sonst ist es keine Vorspeise mehr. Die Röschti und das Fondue oder der echte Schweizer Wurstsalat sind deftig und reichlich. Mein 11jähriger Neffe hatte sich einen originalen Bauern-Röschti mit Käse und Spiegelei bestellt. Ist aus kulinarischer Sicht für Jugendliche eine echte Alternative zum Burger. Die Portion hätte allerdings auch für drei Neffen gereicht. Der Schweizer Wurstsalat war laut meiner Schwester genauso wie sie ihn vor 25 Jahren am Bodensee gegessen hatte. Also echtes Schweiz-Gefühl inklusive. Mein Schwager und ich wurden ob  der Menge reichlich mit dem leckeren und erfrischenden Wurst-Käse-Salat bedacht. Das gebratene Zanderfilet auf Pfifferlingen war ein wenig herzhaft, aber sehr lecker. Man achtet im Nola nicht nur auf Menge, sondern ebenfalls auf Qualität. Das Entrecôte ist hier vom Charolais-Rind. Und die Atmosphäre auf der Terrasse an einem warmen Augustabend ist überhaupt unbezahlbar.

Schinkels Nazarethkirche am Leopoldplatz

Noch etwas weiter nördlich vom Oranienburger Tor im Wedding am Leopoldplatz mit der von Friedrich Schinkel 1835 erbauten Alten Nazarethkirche ist das Ambiente rauer. Dafür hat man sich fast einmal um den Erdball gebeamt und kann im Korea Haus in der Nazarethkirchstraße 45 traditionell koreanisch Essen. Ein koreanisches Restaurant in Berlin zeichnet sich dadurch aus, dass besonders viele Koreaner zu seinen regelmäßigen Gästen gehören, koreanische Studenten und Geschäftsleute. Das ist der Fall im Korea Haus.

 

Zur Begrüßung gibt es koreanischen Gerstentee kostenlos. Zeugt das von traditioneller koreanischer Gastfreundlichkeit, so kann man sich bei den koreanischen Originalgerichten darauf verlassen, dass kalte, eingelegte Beilagen zum jeweils gewählten Gericht gereicht werden. Die koreanische Bedienung kann durchaus manchmal mehr Koreanisch oder Chinesisch als Deutsch verstehen. Koreanische Teigtaschen als Vorspeise oder das koreanische Barbecue Bulgogi sind ebenso lecker wie der knackige, scharfe Kimchi-Salat.

 

KOREA Haus in der Nazarethkirchstraße

 

Wenn das Windspiel an der Tür läutet, kommt der Wirt oft persönlich zur Begrüßung aus der Küche. Schnell entsteht so bei regelmäßigeren Besuchen eine familiäre Atmosphäre. Sämtliche Gerichte sind empfehlenswert, was ich so formulieren kann, weil ich regelmäßiger dort esse. Koreaner, Mittes Bezirksbürgermeister oder Kunststudenten ersetzen hier die Promis aus dem Maxwell oder die schal-tragenden jungen Frauen von der Nola-Terrasse.

 

Noch zwei Parallelstraßen weiter nördlich liegt die Brüsseler Straße. Hier wird es französisch. Das L’Escargot in der Brüsseler Straße 39 ist originell und der Service außerordentlich aufmerksam. Auch hierhin strahlt die Beuth Hochschule für Technik an der Luxemburger Straße aus. Das L’Escargot annonciert sich als mediterranes Restaurant. Und wie fast immer, wenn eine Küche etwas weiter gefasst wird, kann es dadurch prekär werden. Die Bruschetta mit von Ziegenkäse überbackenen Auberginen waren delikat und versprachen Gutes für den Abend.

 

L'Escargot in sehr mediterraner Stimmung im Norden Berlins

  

 

Das Entrecôte gilt hier als zuverlässiger Tipp, ist allerdings vom argentinischen Rind. Die Kaninchenkeule in dem Jus von Granatäpfeln und Ingwer war durchaus sehr vielversprechend und fruchtig, aber zu suppig. Das saisonale Dessert allerdings war schlechthin misslungen. Dem Melonengelee von der Wassermelone mit Minzeblättern fehlte der letzte Pfiff. Die Mousse au chocolat am Melonengelee war schließlich so süß, dass wir am Koch zu zweifeln begannen.

 

Natürlich ist das entlegene L’Escargot entschieden günstiger als das Nola und das Maxwell sowieso. Es handelt sich auch um ganz unterschiedliche Größen von Restaurants. Im Nola werden die Bestellungen computergesteuert. Trotzdem denke ich, dass man dem durchaus ambitionierten sizilianischen Koch empfehlen darf, sich nicht zu verzetteln. Ein schlichtes, aber außergewöhnlich aromatisches Obst-Dessert oder eine unverwechselbare Creme Caramel können Wunder wirken.  

 

Belastungstest der Tragflächen eines Riesen-Flugbootes in der Sprengelstraße

 

Nördlich der ehemaligen Stadttore von Berlin kann man also durchaus gut bis herausragend und teilweise günstig essen. Döner Buden gibt es hier natürlich viele, aber die sind nicht unbedingt zu empfehlen. Hingegen kochen wir in der Sprengelstraße gegenüber dem Sprengelpark, auf dessen Gelände in den zwanziger Jahren das Rohrbach-Riesen-Flugboot mit einer Spannweite von 37m gebaut wurden, immer wieder gern französisch - auch ausgefallene Gerichte. Und im Herrenzimmer mit der Biedermeier-Couch unter Stefan George-Portraits gelingt die Mousse au chocolat.

 

Sterne-Gastronomie

Rutz

Chausseestraße 8

10115 Berlin

030/24 62 87 60

www.rutz-weinbar.de

 

Spitzengastronomie

Maxwell

Bergstraße 22

10115 Berlin

030/280 71 21

www.mxwl.de

 

Wohlfühlgastronomie

Nola am Weinberg

Veteranenstraße 9

10119 Berlin

030/440 40 766

www.nola.de

 

Tipp

Korea Haus

Nazarethkirchstraße 45

13345 Berlin

030/457 98 367

Beachtenswert 
L’Escargot
Brüsseler Str. 39
13354 Berlin
030/453 15 63
www.l-escargot.net