Jerry Cotton für das 21. Jahrhundert - iPad für das Sofa

iPad – iPod – Jerry Cotton

 

Jerry Cotton für das 21. Jahrhundert

iPad für das Sofa ist wie Jerry Cotton im Wohnwagen

 

Die Langeweile war noch grenzenloser als der Regen über dem Meer, der bis an den Horizont reichte. Immerhin in der ersten Reihe hatten unsere Eltern einen Wohnwagen mit Blick über die Steilküste auf die Ostsee hinaus gemietet. Und dann regnete es 2 Wochen lang fast ununterbrochen in jenen Sommerferien irgendwann in der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre.

Es war kalt. Es war nass und um die Langeweile zu killen, las ich einen Jerry Cotton nach dem andern. Woher all diese Hefte kamen, die ich sonst nie las, weiß ich nicht mehr. Jerry Cotton, das waren die Groschenromane, in denen der New Yorker FBI-Agent, der G-Man am Schluss eines Heftes schon einmal, von Gangstern betäubt, im Sarg in einen Krematoriumsofen geschoben wurde. Wie fies. Im nächsten Heft war er dann doch in allerletzter Sekunde von seinem Partner Phil Decker gerettet worden. Schließlich musste die Serie aus dem Bastei-Verlag weiterlaufen.

 

Das Verhältnis von Langeweile und Jerry Cotton-Konsum war ziemlich eindeutig. Aus Langeweile las ich in jenen verregneten Sommerferien ein Heft nach dem andern, ohne die Langeweile wirklich besiegen zu können. Der Regen hörte nicht auf. An Baden im Meer war nicht zu denken. Und die Bettwäsche im Wohnwagen muchelte vor sich hin. Da war das New York der Jerry Cotton-Romane, durch das der Agent mit einem Jaguar raste, für einen 15 oder 16-Jährigen zwar aufregend, aber die Langweile wollte trotzdem nicht verschwinden.


Warum ich mich an Jerry Cotton in jenem Sommer erinnere? Als ich die ersten Berichte zum iPad, das am Montag in den USA in den Verkauf kam, wie heiße Semmeln gekauft wurde, das aber in Deutschland noch gar nicht erschienen ist, in den Zeitungen las, musste ich an den verregneten Jerry Cotton-Sommer damals denken.

 

Vielleicht war es zusätzlich das zufällige Zusammentreffen mit meinem Neffen zu Ostern, der mir ein Autorennspiel auf seinem iPod vorführte. Man kann den iPod bewegen wie ein Lenkrad und damit das Auto im Spiel steuern, um den gegnerischen Rennwagen aus dem Spiel zu kicken. Schafft man das nicht innerhalb einer bestimmten Zeit, dann hat man verloren. Verlieren will mein Neffe natürlich nicht.

Der iPod ist mobiltelefonklein, das iPad ist auf ein DIN a4-Format gewachsen. Pad und Pod sind offenbar Langeweilekiller und Statussymbol. Mein Neffe spielt nur ab und zu mit dem Pod und kann sich sonst noch anders beschäftigen, was doch einigermaßen beruhigend ist. Auf dem iPod kann man statt Spiele spielen auch Filme sehen. Die sind dann freilich ziemlich klein, aber immerhin kann man dann mit den Klassenkameraden in der Schule mithalten.

 

Auf dem iPad sind die Filme größer. Das DIN a4-Format ist dann doch irgendwie benutzerfreundlicher. Pad und Pod erstellen so etwas wie Privatheit. Indem die kleinen handlichen Teile darauf ausgerichtet sind, dass vor allem der Nutzer die Anwendungen genießt, geben sie ihm die Möglichkeit, sich mit sich selbst zurückzuziehen. Mein Neffe setzte sich mit seinem iPod einfach aufs Sofa, während Onkel und Eltern sich unterhielten.

 

Im offiziellen Produktvideo von Apple sind es nicht nur die sympathischen Chefs von Apple, die das Produkt anpreisen. Es sind auch nahezu ausschließlich Männer, die mit dem iPad auf dem Sofa oder der Couch sitzen. Ebenso sind es Männer wie Spock, die in den Startreck-Ausschnitten auf dem Bildschirm erscheinen. Auf der Couch sitzt schließlich ein Mann, dessen Freundin oder Frau dann auch einmal das Foto auf dem Touchscreen durch Berührung vergrößern darf.

 

Produkt-Video 2010 auf YouTube

Die iPad-Welt ist männlich. Männer lesen offenbar noch immer mehr Zeitung. Die Zeitung am Frühstückstisch ist seit alters her ein Rückzugsort des Mannes. Jedenfalls gibt die fast vollständige Abwesenheit von Frauen im offiziellen Produktvideo zu denken.

 

Der Anwendungsbereich des iPad ist das Private. Beine hoch und das iPad auf die Oberschenkel. Das kann man wohl eine private, der Freizeit vorbehaltene Körperhaltung nennen. Während das iPhone für die Kommunikation und die ständige Erreichbarkeit steht, der iPod ein kleines, handliches Spielzeug ist und das iBook den Bereich der Arbeit ankündigt, besetzt das iPad den privaten Bereich vom Sessel bis zum Sofa.  

Augenfällig ist das Verhältnis der Größe des Bildschirms zu dem, was einen individuellen Rückzug im Gegensatz zum familiären Gemeinschaftserlebnis vor dem Großbildschirm erlaubt. Das iPad hält demnach vor allem das Versprechen bereit, dass die Nutzer den sogenannten Minicomputer immer und überall mit einer Bildschirmoptimierung als Rückzugsmedium anwenden können.

 

Anders als deutsche Papierzeitungen von der Süddeutschen bis zur ZEIT beschränkt sich das iPad als Zeitung auf die eigenen Normalmaße des Körpers. BILD und Mopo oder Welt kompakt sind für den passionierten Zeitungsleser weniger Papier und weniger Zeitung. Während der ZEIT-Leser in der U- oder S-Bahn seinen Nachbarn schon mal mit der Doppelseite vor dem Gesicht fuchtelt, nimmt sich die Größe des iPad geradezu bescheiden aus.

Das iPad ist wie der iPod vor allem für den Medienkonsum von der Tageszeitung über das digitale Buch und das Rennwagenspiel bis zum Hardcore und nicht für die Medienanwendung, geschweige denn für eine produktive Gestaltung gemacht. Der iPad-User soll keine längeren Texte schreiben oder Bilder und Filme bearbeiten. Er soll konsumieren.

Im Produktvideo taucht nicht zuletzt ein Autorennspiel – kein Autorenspiel – auf, bei dem das lenkradartige Bewegen des iPad den Rennwagen steuert wie mein Neffe mit dem iPod. Nur größer, bunter, „realistischer“. Der Junge im Video ist auch schon entschieden größer. Wäre doch toll, wenn das ganze Gerät dann beim gezielten Zusammenstoß auf der Rennpiste so doll ruckelt, dass es einem gleich aus der Hand zu fliegen droht. 

 

Dass das iPad ein technologischer Quantensprung sein soll, hat meines Wissens der Stil-Guru Steve Jobs nie behauptet. Vielmehr hat Jobs durch die rigorose Vernetzung und Verknüpfung von Technologien unter einem Stil, einem Design oder auch einer Corporate Identity und dem ständigen diskreten Versprechen, dass es um die Aufwertung des Ichs – dem Englischen I – eben jenes totalvernetzt. Wo ich war soll iPod, iPad, iPhone, iTunes, iGames ... werden! Mehr noch: Das Ich als Medienkonsumsubjekt soll Apfel – Apple - werden.

Jobs hat nicht etwa die Anwendungen für das iPad erfunden, noch nicht einmal die Bauteile des iPad sind Apple-Entwicklungen. Lediglich der A4 Prozessor soll innovativ sein. Vielmehr hat Jobs sie unter dem Versprechen, dass ich dann mehr ich bin, als wenn ich z.B. nur Google oder Amazon nutze, verschaltet. Diese Art der Verschaltung weit auseinander liegender Wissens- und Anwendungsbereiche kann man Sinnstiftung als Lifestyle nennen. Das iPad bietet als Scharnier für die Apfelgalaxie im Internet, in dem man sich auch verlieren kann, den Lifestyle als Versicherung, dass es mich in den unendlichen Weiten des Netzes gibt.

 

Selbstverständlich ist das Lifestyle-Konzept für das iPad nicht neu. Aber die besondere Handlichkeit und Größe verführen neuerdings zu Posen mit der Tafel, die sehr alte Bild- und Sinnkonzepte wiederholen. Das iPad wird zur Tafel des Privaten. Es wird zur Gesetzestafel vom Privaten als Sinn des Lebens. So druckt DIE ZEIT vom 8. April 2010 beispielsweise unter der Rubrik Meinung ein Foto ab, auf dem einer der ersten iPad-Käufer vor dem Flagship-Store in New York die Tafel wie weiland Moses mit beiden Händen über seinem Kopf hochhält. 

Das iPad ist schreibtechnisch allenfalls fürs Twittern und kurze Beantworten von E-mails gemacht. Der flache Berührungs-Bildschirm verhindert eher das Schreiben längerer Texte, als dass er es fordert. Twittern und Simsen werden als Kommunikationsformen durch das iPad befördert, gar befohlen – fass dich kurz -, während ausführlichere Beiträge und komplexere Äußerungen beispielsweise in einem Blog nicht vorgesehen sind.

 

Statt ums Tippen geht es beim iPad um das Streicheln der Oberfläche. Tippen war immer schon eine eher weibliche Tätigkeit für Sekretärinnen. Das Streicheln ist eine sinnliche Transformation des Mannsbildes von geradezu evolutionärer Qualität. Hier streicheln Männer.  Das Potential des iPad als Fetisch wird durch das Streicheln manifestiert. Das iPad auf dem Oberschenkel gleich unterhalb der Leiste gehalten – Produktvideo! - lädt die großen Apple-Jungs zum Streichen und Streicheln über die sensitive Oberfläche ein.

Apples Verschaltung basiert auf Algorithmen. Letztlich auch das Streicheln. Algorithmen beherrschen das digitale Internet. Obwohl es ein hohes mathematisches Verständnis für die richtigen Algorithmen braucht, sind sie selbst dumm und können sogar potenzierten Nonsense produzieren.

 

Beispielsweise wird im iBookstore für das iPad der Pottwal, englisch sperm whale, zum s***m whale. Denn das Englische sperm heißt Sperma, was ein unmoralisches Wort ist. Deshalb hat der iBookstore es gleich mal als Algorithmus eingegeben, damit die Leser keinen Schweinkram lesen müssen. Der Algorithmus ist aber zu dumm, um zu entscheiden, dass „Moby Dick“ ein zwar fataler Pottwal ist, aber nichts mit Schweinkram zu tun hat. Andersherum gelesen könnte der Algorithmus womöglich zu ganz neuen Lektüren anregen und Herman Melvilles Buch sogar noch zu einem Porno machen. Denn eigentlich müsste auch Dick geixt werden, weil D**k im Englischen ein Wort für das männliche Geschlecht ist.


Die Verschaltungen des iPads sind keinesfalls fehlerfrei. Doch ziemlich umfassend. Die Verschaltung geschieht unter moralischen Geboten, um das erotische Produkt, das gestreichelt werden will, letztlich im Video doch auf Lendenhöhe zu halten. Dass ausgerechnet die Wochenzeitschrift Focus das saubere Produkt iPad dann doch wieder mit der Pornoindustrie in Beziehung setzt, könnte daran liegen, dass das Produktvideo richtig verstanden worden ist.

Und dann kommt doch sicher auch Jerry Cotton auf die eine oder andere Weise auf dem iPad zum Einsatz. Denn ganz zufällig ist ausgerechnet vor ein paar Wochen ein neuer Jerry Cotton-Film im Kino angelaufen mit allem drum und dran: New York, Phil Decker, einer schönen Frau und einem Jaguar x-Type. Schön wäre es nun, wenn man einfach durch Streicheln über das iPad im Jaguar die Verbrecher jagen könnte, um die Langeweile zu killen. Wahrscheinlich gibt es das JC-Spiel schon bei iGames.

 

Torsten Flüh