Mediales Sperrfeuer

Bürgerkrieg - Werbung - Geistersingspiel

 

Mediales Sperrfeuer

„Die schwarze Kammer" zu Pfingsten 2009 im Berliner
Theaterdiscounter

 

Theaterdiscounter passt vom Namen her als Aufführungsort für „Die schwarze Kammer" von Brigitte und Niklaus Helbling. Als Aufführungsort wünscht man sich indessen einen größeren Bühnenraum. Doch das Stück, das ohne Pause gespielt wird, knüpft in Ästhetik und Handlung an das mediale Sperrfeuer der Privatsender und der Werbung Wie-Wo-Was-weiß-OBI, Plus oder Real an. Alltäglicher medialer Bürgerkrieg als Werbung im Sekundentakt ist real.

Auf den Bildschirmen im Bühnenbild Blutlachen in Serie, Knalleffekte, Rauchbomben und Megaexplosionen. Einspielungen und Wiederholungen der Schlüsselszenen aus „Doktor Schiwago" und „Vom Winde verweht". Dreisprachig die Aufforderung „Evakuieren – Evacuate – Evacuer" warnblinkend in Glotzkästen, die plötzlich als Schlachtbank für einen Molch herhalten können. Messer und Gabeln, Schlingen und Küchenbeile werden ebenso wie Maschinengewehr und Großkaliberpistole als Überzeugungsmittel eingesetzt. Nach gut zwei Stunden ist der Zuschauer erschossen.

 

Die Schweizer Theatergruppe „Mass und Fieber" entfacht unter ihrem Regisseur Niklaus Helbling ein anarchisch vernetztes Feuerwerk als „Geistersingspiel", das eigentlich dem Genre Splattermovie oder Horrorspektakel oder Geisterbahn der Erinnerungen an Bürgerkriege zugeschlagen werden müsste. Die Genrebezeichnung „Geistersingspiel" jedenfalls scheint einem spezifisch schweizerischen Understatement entsprungen zu sein.

Die Sängerakrobatendarsteller haben erstaunliches zu leisten. Und sie meistern es bravourös in Blitzverwandlungen von der Hausfrau zur Femme fatale, vom mahnenden Priester zum rockenden Zombie, in Dialogszenen, Monologen und Singtanzeinlagen. Fabienne Hadorn als Rosa ist mal Krankenschwester mal amputierender Oberarzt mit Bart mal kopfwackelnde Zombie und ein anderes Mal Sekretärin. Man könnte das eine multiple Persönlichkeit nennen. Eine vielgestaltige Rolle namens Rosa ist es allemal. Und der Name Rosa erinnert wohl nicht von ungefähr an eben jene Rosa, die ein Berliner Mediziner kürzlich in einem Formaldehydbassin in der Charité als die Wasserleiche Rosa Luxemburgs identifiziert zu haben glaubt. Geister sind widerspenstig und lassen sich nicht so schnell zähmen oder auslöschen.

 

Malika Khatir als Marguerite und Nicole Steiner als Katharina haben als Faschistengeneral, Scarlett O’Hara, Lara, Zombie, Scareletts Köchin Mamy und und und ... eine ähnliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Es geht eben Schlag auf Schlag wie in einem Uhrwerk. Die Aktionen haben die Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Tische werden untereinander durchgeschoben, Wände verrückt.

Allein die Rolle Der junge Mann, der sich in das Haus von Rosa, Marguerite und Katharina verirrt, bleibt einfach nur ein junger Mann, den die Schockwellen der Bürgerkriegserinnerungen in Angst und Schrecken versetzen, um schließlich zum Maschinengewehr zu greifen. Samuel Streiff steht der Wandlungsfähigkeit seiner 3 geliebten Hexen in nichts nach. Er wird zum Amokläufer. Sogleich wird der junge Mann von einem Blauhelmmajor mit kugelsicherer Weste und großkalibriger Pistole in Schach gehalten. Zum Personal eines richtigen Bürgerkrieges gehört nicht nur der Friedenssoldaten, sondern auch die Rolle des Pfarrers, moralische Instanz und Agitator in einem. Martin Gantenbein und Markus Schönholzer, die die rockige und bisweilen geisterhaft schaurige Musik zum Geistersingspiel beisteuern, brillieren ebenfalls in ihren Rollen.

Es war nicht zuletzt Heinrich von Kleist, der 1811 in der Berliner Zeitschrift „Der Freimüthige" mit seiner Novelle „Die Verlobung von St. Domingo" so etwas wie das narrative Modell des Bürgerkrieges und seines Personals entwickelte. Kleists Novelle könnte auch heißen: Liebe in Zeiten des Bürgerkriegs. Es geht bei Helbling wie bei Kleist immer um eine Zeit, „als die Schwarzen die Weißen ermordeten". Es gibt immer Schwarze und Weiße wie im Schach. Immer Vergewaltigungen, Verfolgung, Friedensstifter, Verräter und in mitten ein Liebespaar, das nicht anders als in einer wortlosen Vermischung wie Toni und Gustav zu einander finden kann.

In Helblings Geistersingspiel „Die schwarze Kammer" gibt es sie alle. Es gibt alle und alles als Zitat, weil womöglich Bürgerkriege nicht zuletzt Zitate sind oder zumindest aus Zitatschätzen schöpfen. Gibt es aber heute in den Egoshootern wie „F.E.A.R." noch ein Liebespaar, das sich gegen alles Ballern - und sei’s für einen Moment - in der wortlosen Vermischung trifft?

 „Must see!" wäre das Prädikat für eine solche Aufführung. Aber weil es in der Struktur freier Theatergruppen liegt, gab es nur zu Pfingsten „Die schwarze Kammer". Vielleicht war es so etwas, wie eine aktuelle Form der „Dreigroschenoper"? Das Wesen von Geistern ist es nun einmal, das nicht so genau fassen zu können. Man bleibt mit dem Wunsch zurück, es noch einmal sehen zu wollen.

 Torsten Flüh Berlin, Pfingstsonntag 2009