W O M I T ...

Shoppen – HDTV – Schirm - Tüten

W O M I T …

W O M I T ist keine neue Software. Es geht um Hardware. Harte Ware gegen harte Münze! Schluss! Basta! Hol Dir, was du kriegen kannst! WOMIT KANN ICH DIENEN?

Hugs for free, bieten junge Leute vor dem Galeria Kaufhof Flagship-Einkaufstempel am Alexanderplatz in Berlin an. Da Shoppen in Berlin nach 20:00 Uhr ganz normal geworden ist, gibt es Umarmungen auch noch nach der Tagesschau. Aber nur am Alexanderplatz. Wer mit besonders großen Tüten fast zu nächtlicher Stunde das Kaufhaus verlässt, braucht wahrscheinlich gerade besonders dringend eine kostenlose Umarmung.

Vom Alexanderplatz sieben Stationen in den Norden mit der U 8 kommt man zur Osloer Straße, wo unweit in der Koloniestraße das Team Kiesling & Stolberg gerade mit seinem Institut das Shoppen erforscht. Kiesling & Stolberg haben einen Galerieraum wieder in seine ursprüngliche Funktion als Laden zurück verwandelt. In der Koloniestraße in Berlin Wedding gibt es eben Ladenräume als Galerien, weil die Läden dank Supermärkten und mangelnder Kaufkraft hier nicht mehr existieren können. Hier wohnen und leben Menschen, die buchstäblich vom Flaggschiff der Galeria Kaufhaus-Gruppe abgeschnitten sind. Sie werden kaum auf den Gedanken kommen, zum Shoppen an den Alexanderplatz zu fahren. Es ist schlechthin undenkbar. Hartz IV erlaubt kein Shoppen am Alexanderplatz mehr.

Komme ich in den Shop von Kiesling & Stolberg, seh ich gleich die Zeichnung an der Wand und sag zu Stolberg: Ah, ja, und das Quadrat ist der HDTV-Bildschirm. Sagt Stolberg zu mir: Genau, den sehen da alle. Den Tisch, den Stuhl und den Vorhang in der Zeichnung sehe ich erst später. Und noch ein paar Gedankengänge später erkenne ich die Ähnlichkeit der Zeichnung mit einer viel älteren Verkaufsszene. Aber zunächst war da der HDTV-Bildschirm. Von Samsung natürlich.

Samsung aus Korea ist der Marktführer in der High Definition Reality der LED-Fernseher. Die geht so …

 

Shockwaves in Farbe ohne Flimmern. Samsung hatte die größte Halle auf der IFA 2009, zu der ich nur gegangen war, weil mein Vater (76) darum gebeten hatte, Infomaterial für ihn zu sammeln. Samsung hatte die größte Show auf der Internationalen Funkausstellung, der größten Konsumentenmesse für Unterhaltungstechnologie. Die IFA ist ebenso real wie sie ein Mythos der 60er Jahre für den technologischen Fortschritt der Medien von der Mikro-Kamera bis zum Riesenbildschirm in HD-Quality ist. Und wenn alle Besucherinnen und Besucher bei Kiesling & Stolberg den HDTV-Bildschirm an der Wand sehen, dann bestimmt Samsung heute viel stärker unsere Bildwelten, als wir es zugeben wollen.

 

Unsere Bildwelten sind Readymades. Straßenkunst von und für die Straße. Straßenkunst hat viel mit Streetart zu tun, ist aber nicht ganz das gleiche. Kiesling & Stolberg sind ein von Graz, der Hauptstadt der österreichischen Steiermark, aus operierendes Team, das Stadt und Park und Straße erforscht. Deshalb nennen sie sich, IEFS oder Institut für Experimente und Fragen zu Sozialeinheiten. Sie haben ihre Waren oder Kunstproduktion im Juli 2009 in die Kolonie Wedding und dort genau in die Galerie Sumpfhahn der Koloniestraße verlegt. Ihre Produktionslinie ist im engen Austausch mit den Bewohnern der Straße entstanden. Und deshalb kommt die Straßenkunst von der Straße für die Straße und bleibt nicht nur Streetart.

Zum Produktionsprozess gehörten Gespräche mit den Anwohnern, weshalb Stolbergs fast flapsige Antwort, „Genau, den sehen da alle“, durchaus durch die Gespräche mit Anwohnern und Passanten belegt sein dürfte. Stolberg sagt so etwas natürlich mit der in Berlin so charmant klingenden österreichischen Sprachfärbung.

Womit kann ich dienen? Der Frage ging im Produktionsprozess eine Aufforderung voraus: Kauf, wer will. Und diese Aufforderung wird in der Weddinger Koloniestraße eben durch ein verschwiegenes „und kann“ ergänzt. Hier können nämlich längst nicht alle kaufen, die wollen. Das Markenspülmittel von Pril wird durch die Verhältnisse zum unerreichbaren Luxusgut. Hier wird mit den Billigmarken aus dem Discounter abgewaschen. Das Pril-Versprechen, in einer Musterküche edlen Designs wie in der Werbung abzuwaschen, bleibt vielen Anwohnern ein unerreichbarer Traum. Von vorneherein und mit äußerst geringen Chancen, es zu ändern. Das ist so in Deutschland. Bezahlt wird bei Pril nicht für das Spülmittel, auch der Duft nach Zitrone ist selbst in Billigspülmitteln enthalten, sondern dass beim Spülen von der Küche und der grünen Wiese vor dem Küchenfenster geträumt werden kann.

Werbung lässt sich als Erzeugung und Verwertung von Kopfkino und Emotionen denken. Das wird bezahlt. Dafür zahlen wir. Insofern ist es nur folgerichtig, dass Kiesling & Stolberg eine Serie von Emoticons produziert und mit dem Stempel WOMIT KANN ICH DIENEN versehen hat. Emoticons sind Bilder, die Gefühle ausdrücken und meist in einem Handy oder Blog für die Kommunikation zur Verfügung stehen. Emoticons sind Bild gewordene Gefühle. Wie die Pril-Flasche oder das Schild „Hugs for free!“ verspricht nun das Emoticon vor allem eine Teilhabe an Gefühlswelten. Denn Armut ist kalt. Eiskalt.

Aber geht es nicht immer beim Shoppen um Gefühle? Kaufen wir nicht immer das Verspechen auf eine Teilhabe und Sexiness? Berlin sei arm aber sexy, hatte sich verbreitet. Der semantische Unterschied zwischen den Konjunktionen aber und und ist entscheidend. Arm und sexy geht nicht. Arm ist nicht sexy. Niemals, nie! Mit den Emoticons von Kiesling & Stolberg rückt auf weibliche Weise also das mit Wucht ins Bild, was sonst unterschwellig jeden Kaufvorgang antreibt.

Das wussten bereits die Niederländer in ihrem sogenannten Goldenen Zeitalter, dem 17. Jahrhundert. Die Niederländer waren zur europäischen Handelsmacht empor gestiegen. Sie waren beispielsweise mit dem Handel des Porzellans aus China zu märchenhaftem Reichtum gelangt. Kostbare Teppiche aus fernen Ländern und Stoffe galten als Quelle und Zeichen des Wohlstandes. Doch offenbar waren es nicht nur die Stoffe, Teppiche, Glas, Porzellan und sonstige feine Waren, die die Warenzirkulation in Gange hielten. Nahezu untrennbar erzählen die Bildwelten des Goldenen Zeitalters immer auch von Liebeshändel, wie man es früher nannte. So auch das Gemälde vom Kavalier in der Stoffhandlung, das ca. 1660 von Franz von Mieris dem Älteren gemalt wurde.

Von diesem Bild waren Kiesling & Stolberg sozusagen ausgegangen bei ihrer Shop-Installation.

Ein zur Seite gezogener Vorhang gibt den Blick auf die Szene im Verkaufsladen frei. Durch ein filigranes Eisengestänge am oberen Bildrand ist ersichtlich, dass der Vorhang gar nicht dazu dienen kann, dass er die gebotene und vermeintlich enthüllte Szene verbergen könnte. Aber wie die Stoffe und Teppiche gehört der zur Seite geraffte Vorhang, der die Szene freigibt in die Bilderwelt des Goldenen Zeitalters. Er enthüllt nicht so sehr das Geheimnis, vielmehr erzeugt er das Geheime der Kaufszene.

Beim ungleich virtuoseren Jan Vermeer gibt es ebenfalls häufig den Vorhang als Bildmetapher im Gemälde. Das Geheime der Kaufszene findet sich in dem die Verkäuferin unter dem Kinn streichelnden Kavalier. Sein Kaufbegehren richtet sich weniger auf den Samtstoff auf dem Tisch, der als solcher schon kostbar wäre. Vielmehr begehrt er die sittsame Verkäuferin und nimmt nur an ihrer Statt den Samt. Mit Stoffen kann man die Wände tapezieren, was der Kavalier auch täte, wenn er dadurch die Verkäuferin gewinnen könnte.

Die Zeichnung an der Wand des Shops von Kiesling & Stolberg ähnelt nicht zuletzt der Verkaufsszene, die Frans van Mieris vor ca. 350 Jahren in Szene gesetzt hatte. Vor allem enthält die Zeichnung den zur Seite gerafften Vorhang. Das zentrale, leere Quadrat der Zeichnung ist und war immer schon ein (Bild-)Schirm für ganz andere Projektionen. Wir tragen immer etwas in blauen Tüten nach Hause, was wir eigentlich gar nicht kaufen wollten. Oder wie der Berliner mit einer alten Formulierung sagt: Das iss ja de Wucht in Tüten.

Das Blau der Tüten aus Kunststoff ist nicht nur wie das Blau der Einkaufstüten, sondern im Farbton auch wie das Blau der Blue Box oder des Hintergrundes im Fernsehstudio, wo heute alle Bilder hineinkopiert werden können, die unser Denken bewegen.

Torsten Flüh

Shop

noch bis 20. Oktober 2009 in

Kolonie Wedding
Galerie Sumpfhahn
Koloniestraße 38
13359 Berlin
U-Bahnhof Osloer Straße