In der Sommermittagshitze oder bei klirrendem Frost - Ein Fest für Herta Müller

Herta Müller – Herztier – Haus der Berliner Festspiele

 

In der Sommermittagshitze oder bei klirrendem Frost

Ein Fest für Herta Müller in Berlin

 

Sommer, zwölf Uhr mittags, Sonntagsmatinée auf der Terrasse des Literarischen Colloquiums am Großen Wannsee, 18. Juni 2006. 20 oder 30 Gäste bilden das Publikum. Auf der Bühne sitzen neben dem Moderator Helmut Böttiger Herta Müller und Oskar Pastior. Die Sonne knallt vom blauen, blauen Himmel herab, dass ich mir schon nach wenigen Minuten aus der Sonntagszeitung einen Sonnensonntagshut falten muss.

Herta Müller und Oskar Pastior, der große Lyriker, geben eine Art Arbeitsbericht. Sie waren 2004 mit einem Grenzgänger Stipendium des Literarischen Colloquiums finanziert durch die Robert Bosch Stiftung in die Industrieregion Donbas in der Ukraine gereist. Bewegendes und Anrührendes wird von Herta Müller und Oskar Pastior erzählt. Die Erzählungen kreisen um Oskar Pastiors Begegnung mit dem sowjetischen Lager, in dem er von 1945-49 als Rumäniendeutscher in Kohlebergwerken Zwangsarbeit leisten musste.

 

Knapp 4 Monate später verstarb Oskar Pastior 78jährig am 4. Oktober in Frankfurt am Main, wo er sich zur Buchmesse aufhielt. In den Gesprächen und Erzählungen gab es im Sommer 2006 noch einen Nachhall der Euphorie, in die Pastior geraten war, als er das Lager, in dem er Unmenschliches erlitten hatte, wiedersah. Herta Müller hat erst kürzlich von dieser zweischneidigen Euphorie gesprochen, als sie von Angelika Klammer zum Entstehen des Buches Atemschaukel befragt wurde. Im Sonnenschein der Sonntagsmatinée behielt sie für sich, dass nicht Oskar Pastior unter dem Eindruck des Wiedersehens zusammenbrach, sondern sie die Ambivalenz der Situation nicht aushielt.

Wenn es einer Referenz für das Buch Atemschaukel bedürfte, das, weil es ganz und gar Dichtung ist, so ein äußerst genaues, mikrologisches Dokument für die nackte Existenz in Lagerrealitäten, in totalitären Regimes, in Diktaturen geworden ist, dann ist es das Moment des widersprüchlich euphorischen Pastior und der darunter zusammenbrechenden Herta Müller. Nicht zuletzt dieses Moment macht Atemschaukel zu einem ganz außerordentlichen Buch.

 

Das gilt selbst, wenn Iris Radisch es noch im August als „parfümiert und kulissenhaft“ in der ZEIT abqualifizierte. Radisch stellte Herta Müllers Roman Herztier von 1994 deutlich über Atemschaukel. Am 8. Oktober wurde die Vergabe des Literaturnobelpreises an Herta Müller bekannt gegeben.

 

Freitagabend, 18. Dezember, klirrender Frost. Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises vor 8 Tagen fand sich im Haus der Berliner Festspiele das literarische Berlin und vor allem das weniger literarische Journalismus-Berlin zusammen. Ausverkauftes Haus mit über 1.000 Plätzen. RBB ist gleich mit zwei Kamerateams dabei. Vor der Tür werden Schilder hochgehalten: "Suche Karte". 

Angekündigt wurden zwei Überraschungsgäste im Programm. Oh Gott, oh Gott, doch nicht etwa Guido, der sich schon in Stockholm kraft seines neuen Amtes sozusagen in die Herta-Feier hineingeschmuggelt hatte. Oder Mathias Döpfner, weil er am Abend der Bekanntgabe in der unvergleichlichen Bild-Manier „Unsere Super-Herta“ titeln ließ. Wenn Herta Müller keine Frau wäre, dann hätte es heißen müssen: „Wir sind Herta.“ Ganz nach der Vorlage „Wir sind Papst!“  Überraschungsgäste - und dann noch zwei - können äußerst explosiv sein. Sie haben immer ein wenig von dieser 70er Jahre-Show „Das ist ihr Leben“.     

 

Weder Matthias Döpfner noch Guido Westerwelle traten auf. Keine Berliner Politprominenz suchte die zierliche und leise Herta Müller für sich zu vereinnahmen. Selbst der Direktor der Berliner Festspiele, Joachim Satorius, blieb im Pariser Schneechaos stecken und ließ seine Rede durch den unvergleichlichen Ulrich Matthes verlesen. Damit war ein zurückhaltender, angemessener Ton für den Abend getroffen und gesetzt. Wer hätte das gedacht, dass eine Feier für eine Berliner Literatur-Nobelpreisträgerin in so leisen Tönen stattfinden kann?

Als durch den ersten Überraschungsgast aus der frühen Prosa von Herta Müller gelesen wurde, und die Nudeln immer oben schwammen, sah sich ein großer Teil des doch eher weit über 40jährigen Publikums zum Dauerglucksen animiert. Aber selbst der Humor Herta Müllers ist sehr leise. Der Wunsch sich zu amüsieren, erschien dringender als das Verständnis für den Text. Ohnehin hatte die Ankündigung „Freie Platzwahl“ gleich beim Öffnen der Saaltüren etliche Ellenbogen freigesetzt, was nicht unbedingt für die Literaturbeflissenheit vieler Gäste sprach.

 

Es ist Herta Müllers Art nicht, sich lautstark feiern zu lassen. Als kurz vor Veranstaltungsbeginn die geehrte Autorin durch die Seitentür hereingeführt wird, gibt es sogleich sich verstärkenden Beifall. Ungeachtet der Aufmerksamkeit setzt sich Herta Müller auf den ihr zugewiesenen Platz. Und so verhielt es sich mal um mal, wenn das Publikum ihr allzu nah mit dem Beifall rücken wollte.

 

Als sie zum Dank für die Ehrungen - u.a. durch ihren ebenfalls sich vornehm zurückhaltenden Verleger Michael Krüger - ihre Text-Buchstaben-Collagen vorlas, während diese schräg über ihr projiziert wurden, begann ein Großteil des Publikums zunächst, Collage für Collage zu beklatschen. Bis es doch einsehen musste, dass das nicht die gewünschte Reaktion war. Als Herta Müllers vorletzte Collage projiziert wurde, stand darüber „Für Oskar“. Und als sie es mit leiser Stimme las, mochte man ein Beben in ihrer Stimme hören. - Herta Müllers Nobelpreis ist nicht ohne Oskar Pastior zu denken, gegen diese Formulierung würde sie als Letzte Einwände haben.

Die literarischen Schreibverfahren, die Herta Müller bereits in Herztier zu höchster Kunst entwickelt hatte, wendete sie für Atemschaukel neuerlich an. War Herztier stärker autobiographisch geprägt, bringt sie in Atemschaukel das Kunststück fertig, dass der Ich-Erzähler nicht ohne Pastior zu denken ist, es aber keinesfalls ist. Beide Texte schieben die Schmerzgrenze weit hinaus.

 

Wenn Ulrich Matthes die Hungersequenz aus Atemschaukel liest, dann wird hörbar wie aus Hunger für Oskar Pastior als 17jährigen jegliche essbare Pflanze seiner Lagerumwelt nur existiert, weil er sie essen kann. Der Hunger regiert die Existenz und macht die Realität zu einer anderen, zur Lagerrealität. Die ungeheuerliche Brutalität des Hungers lässt alles verschwinden, was nicht essbar ist. Herta Müller hat dafür eine gänzlich unparfümierte Sprache gefunden. Erschienen die Pflanzen als kulissenhaft, dann sind sie allemal die Kulisse eines Grauens.

Eine weitere Erzählstrategie Herta Müllers ist das Paradox. Erst wenn man als Leser erkennt wie sehr sie dieses Verfahren entwickelt hat, um die Stimmung des Widersinns unter einem totalitären Regime zu inszenieren, lernt man ihre Literatur zu lieben. Wenn sich in einem totalitären Regime alles verstellt, kann es nur ein angemessenes Mittel sein, die Verstellung radikal zu formulieren. Im Paradox: Wie müsste man leben, dachte ich mir, um zu dem, was man gerade denkt, zu passen.

 

Bereits in der merkwürdigen Wortschöpfung Herztier als Titel kommt dies zur Geltung. Geht es doch eigentlich ständig um Menschen, wenn von ihrem Herztier gesprochen wird: Ich hatte mich fast in der Hand, nur ein winziges Teil machte nicht mit. Vielleicht war es das Herztier. Oder eine dieser ganz starken Formulierungen: Ich sah sein Herztier. Es hing eingeschlossen in der Glühbirne. Es war gekrümmt und müde. Ich schlug den Kühlschrank zu, weil das Herztier nicht gestohlen war.

   

 

Totalitäre Regime sind nicht einfach mit 1989 verschwunden. Auch daran hat Herta Müller in diesem Jahr mit einem Reisebericht aus Rumänien erinnert. Die Securitate wirkt in den Strukturen fort. Doch ist es keinesfalls ihr einziges Anliegen, über Rumänien zu berichten. Totalitäre Systeme sind auf die eine oder andere Weise mit mehr oder weniger konkreten Todesdrohungen weit verbreitet. Aber man kann nicht über alle schreiben, nur die die sich durch schmerzliche Recherche und genaue Spracharbeit errungen hat.  

„Nun, wenn Du morgen im Radio davon hörst, wirst Du sagen können, dass du dabei gewesen bist“, konnte man nach der Veranstaltung im Foyer auch wortwörtlich hören. So gesehen bringt ein Nobelpreis nicht einfach mehr Leser, noch viel weniger verständige Leser. Aber der Abend war doch in seinem Tonfall so sehr gelungen, dass man dem Veranstalter und dem literarischen Berlin wirklich keinen Vorwurf machen kann. So ganz wird eben die Medienwelt nie zusammenpassen, mit den vielen anderen Welten, die trotzdem existieren.   

 

Torsten Flüh