Ankh ankh, en mitak ... - Echnaton in der Parochialkirche

Echnaton – Musik – Projektionen

 

Ankh ankh, en mitak …

Kerstin Behnkes grandioser „Echnaton“ in der Parochialkirche

 

Lieber Philip Glass, wissen Sie eigentlich, dass ungefähr 1.400 Berliner und Berlinerinnen Ihnen und Ihrer Kunst an zwei Abenden hintereinander Frostbeulen dargebracht haben? Jede einzelne Frostbeule und steif gefrorene Nase, die wie den ägyptischen Büsten abzubrechen drohte, sollte ein vielfaches des Eintrittspreises Wert sein. Nicht in Euro haben wir bezahlt, das kann ja jeder. Nein, mit kalten Füßen, klappernden Zähnen und eisigen Ohrläppchen in Berlin am 17. Oktober im Jahr 2009.

 

Schweinegrippe? Harmlos! Die Berliner und Berlinerinnen hat das Glass- und Ägypten-Fieber gleichzeitig gepackt. Die Symptome stellen sich wie folgt dar. Alte, junge und sehr junge Berliner strömen in Scharen bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt nach Einbruch der Dunkelheit zur kriegszerstörten und notdürftig gesicherten Parochialkirche in der Klosterstraße. Mit verschwörerischem Geraune treten sie durch das barocke Portal.

 

Die konzertante Aufführung der Oper Echnaton ist restlos ausverkauft. Um die letzten Karten gibt es Handgreiflichkeiten. Allerdings solche, wie sie sich unter wohlerzogenen, der Kunst ergebenen Menschen gehören. Kein böses Wort, aber die bestimmte Ansage: „Der Herr war vor Ihnen da, dann komme ich, und Sie stellen sich bitte hinten an.“

 

Um zehn Minuten vor Sieben hatte ich meine Karte. Die erste von den letzten drei vorbestellten Karten. Dutzende Menschen unterschiedlichster Herkunft warteten ebenfalls auf das Glück oder den Zufall, noch irgendwie in die Aufführung zu kommen.

 

Als ich um die Karte anstand, ahnte ich nichts Böses. Dann sah ich das Schild. Über der Kirchentür war ein fast zu übersehendes Papierschild angebracht: Polar-Fleece-Decke  6,-€ . Polar-Fleece-Decke?! Sollte die Kirche etwa …? - Die freundliche, junge Frau mit den Decken und mit ihrem nicht weniger freundlichen Helfer sagte mir später: „Diese Temperaturen waren nicht vorgesehen. Das war anders geplant.“ Für die winterlichen Temperaturen konnte die Berliner Capella nun wirklich nichts. Beim Auspacken der Polar-Fleece-Decke bekam der Knochenmann über dem barocken Epitaph nun allerdings eine ganz andere Bedeutung: Auch Du kannst an Unterkühlung sterben!

 

Ankh ankh, en mitak … oder Lebe, Leben, du sollst nicht sterben; … Zur Besonderheit der Kompositionen von Philipp Glass gehört, dass er mit Originaltexten arbeitet. Während die Oper des 19. Jahrhunderts das blumige und emotionalisierte Drama durch einen Librettisten beispielsweise in der Aida Verdis bietet, bleibt der Originaltext in der Komposition Glass’ geheimnisvoll.

 

Der gesungene Text ist kein dramatisches Duett, das auf ein Verstehen und Teilhaben an Gefühlen zielt, vielmehr geht er mit hebräischen, ägyptischen und akkadischen Worten an die Grenzen des Verstehens. Wie die Hieroglyphen vor 3550 Jahren ausgesprochen wurden, wissen wir nicht. In den zwischengeschalteten narrativen Texten der Figur des Schreibers - in der Parochialkirche auf Deutsch - tritt dagegen die Erzählung als Erzählung umso stärker hervor. Ein Schreiber ist eben immer derjenige, welcher allererst eine Erzählung herstellt.

 

In The Photographer hatte Glass bereits 1982 Gerichtsprotokolle, Kommentare des Prozesspublikums sowie Briefe von Eadward Muybridge an seine Frau Flora zu einer vielstimmigen Collage verarbeitet. Wird im Gerichtsprotokoll allererst die Geschichte der Tat konstruiert, löst sie sich in der Collage wieder auf. Im Falle der Oper Echnaton, englisch Akhnaten, heißt das, dass er poetische Texte, Gebete und Grabinschriften aus der 18. Dynastie des alten Ägypten, 1550 vor Christi, verwendet hat. Die Oper Akhnaten wurde im März 1984 an der Staatsoper Stuttgart unter Dennis Russel Davies uraufgeführt.

 

Neben Einstein on the Beach (1975) und Satyagraha (1980) ist Akhnaten Glass’ dritte Oper, die sich mit Männern befasst, die die Welt durch die Kraft ihrer Ideen verändert haben. Sich mit einem derartigen Programm zu befassen, sichert indessen keinesfalls die eigene Position. Philip Glass ist als Komponist vielleicht einer der populärsten seiner Generation und der Minimal-Musik, aber auch der umstrittenste. Gleichwohl gehört Glass heute eher zu den seltener gespielten Komponisten.

 

Glass erscheint kaum noch auf den Opernspielplänen. Umso verdienstvoller hat sich die Berliner Opern- und Musikszene wiederholt an Glass gewagt. Nicht die großen Opernhäuser sind es, an denen Glass immer wieder auftaucht, sondern an den Nebenschauplätzen mit engagierten jungen Musikern, Sängern und DirigentInnen wird jede Glass-Aufführung zum unvergesslichen Ereignis. Im Sommer 2001 wurde Einstein on the Beach von Philip Glass und Robert Wilson in der unsanierten, ehemaligen Staatsbank auf der Behrenstraße und im Dezember 2005 in der Parochialkirche inszeniert, wobei die erstere musikalisch nicht ganz zufriedenstellend, aber spannend war. Nun also Akhnaten in der notdürftig gesicherten Parochialkirche.

 

Durch die konzertante Aufführung in der Kirche stellte sich ein höchst aufschlussreicher Eindruck her. Echnaton ist weniger eine Oper als vielmehr ein Oratorium. Nicht nur die fehlende Bühnenaktion der Oper verschärfte diesen Eindruck. Vielmehr speist sich die Kunstform Oper aus der Illusionskunst des dramatisierten Gefühls. Gilt das Oratorium musikhistorisch als Vorform der Oper, so kehrt Glass dieses Verhältnis von Oratorium und Oper durch Komposition und Text um. Nicht nur handelt es sich um schriftlich überlieferte Gebete in einer Sprache, die wir nie gehört haben, vielmehr noch verweigert sich das Minimalistische der Musik der Gefühlsökonomie der Oper.

 

Was in der Kritik landläufig als flacher, eintöniger Klang gescholten wird, erinnert vor allem an das, was sonst durch Kadenz erzeugt wird. Aus technischen Gründen musste Glass 1984 die Violinen fortlassen. Doch es ist der Violinenklang, der oft in höchstem Maße für die Gefühlsebene in der Oper zuständig ist. Oder mit den Worten des Deutschen  Filmorchesters Babelsberg: Ohne Geigen küsst man nicht … Im Echnaton gibt es nicht nur einen dunkleren Klang durch das Fehlen der Violinen. Stattdessen dominieren in der Komposition unübliche Rhythmusinstrumente und Blechbläser.

 

Die Dominanz der Blechbläser erinnerte bisweilen an die Filmmusik der Breitwandepen aus Hollywood, was zunächst störte. Sicher verfügt Glass über genau diese Hörerfahrung der 60er Jahre und man ist geneigt, die Verwendung der Blechbläser für eine seriöse Komposition in Zweifel zu ziehen. Doch es handelt sich bei dem Textmaterial und den überlieferten Zeugnissen gerade um Gefühlen gegenläufige Inhalte. Blechbläser kündigen in der Regel die Haupt- und Staatsaktion an. In der Klangökonomie der Oper werden die Blechbläser geradezu typisch gegen die Gefühlsebene der Violinen eingesetzt. Insbesondere durch Kerstin Behnkes Akzentuierung in der Parochialkirche wurde dies als plausible Interpretation deutlich.

 

Glass hat die Rolle des Echnaton mit einem Countertenor besetzt. Tim Severloh konnte mit seiner kräftigen und in der Höhe immer auch lyrischen Stimme das geheimnisvoll, entrückte des zentralen Großen Sonnenhymnus zur Geltung bringen. Sally Wilson, Mezzosopran,  als Echnatons Gemahlin Nofretete und Katharine Weber, Sopran, als Echnatons Mutter Königin Teje brachten vor allem in der dritten Szene, das den überlieferten Bildern innewohnende Verhältnis stimmlich zum Ausdruck. Severloh dominiert stimmlich um soviel mehr, wie Echnaton in den bildlichen Darstellungen größer dargestellt wird. Wilson und Weber boten eine wärmere Abstufung im Terzett. Diese und ähnliche Momente bleiben klanglich besonders eindrücklich in Erinnerung. Glass war zweifellos an dieser Art Klangerlebnis gelegen.

 

Obwohl Echnaton die Haupt- und Titelpartie der Komposition ist, so hat sich Glass in seiner Komposition deutlich vom Starkult der „großen“ Stimme in der Oper distanziert. Als Gesamteindruck bleibt deshalb, dass man einen wunderbaren nuancenreichen Chor und eine hervorragende Ensembleleistung erleben durfte. Die Berliner Cappella und das Deutsche Filmorchester Babelsberg sowie alle Solostimmen brachten unter Kerstin Behnke eine Aufführung zu Stande, die es mit jeder Inszenierung auf den großen Opernbühnen aufnehmen konnte und sie sicher in manchen Aspekten übertraf.

 

Beim Schlussapplaus waren es vor allem Kerstin Behnke als Dirigentin und Katrin Bethge als Lichtkünstlerin, die sich als Team für die Aufführung in den Armen liegen durften. Katrin Bethge hatte mit ihrer teilweise wirklich berauschenden Lichtinstallation eine visuelle Umsetzung der Komposition erzeugt. An drei Overheadprojektoren entfachte sie ein Farben- und Lichtspiel in den Deckenkuppeln, das sich der dramatischen Entwicklung in Klang und Text anverwandelte. Bethges Kunst besteht in der wohl kalkulierten Aktion ihrer Projektionen.

 

Sie hantiert mit den unterschiedlichsten Flüssigkeiten und Materialien, um auf der Glasplatte im Moment die ungeheuerlichsten Farbeffekte zu entfachen. Ihre ganze Kunst ist dem Moment ihrer Entstehung und ihres Verschwindens geschuldet, insofern der Musik ähnlich. Farben, Blasen, Sprengsel entstehen für einen Moment, um im nächsten unwiederbringlich verschwunden zu sein. Ihrer Kunst liegt eine ebenso hohe Experimentierfreude wie Sachverstand zugrunde. Denn um den richtigen, visuellen Effekt im richtigen Moment zu entfachen, muss Bethge im Voraus wissen, wie welche Flüssigkeiten vom Spülmittel über die Tinte bis zum Öl aufeinander reagieren. Hinzu kommen Sand und Samen, Glassschüsseln und Folien.

 

Ganz entfernt ist Bethges Kunst verwandt mit der Lavalampe der achtziger Jahre. Doch wo die Lavalampe nur in Blasen blubbert, explodieren bei Bethge Formen, Farben und letztlich Klugheit. Was hätte besser passen können bei einer Opernaufführung, deren Thema die Einführung des monotheistischen Sonnenkultes durch Echnaton war?!

 

Am Schluss nach ca. 3 Stunden hing die Stille für einen Moment unter dem nackten Dachstuhl der Parochialkirche, das Farb- und Klangspiel war zu Ende, das Raumlicht ging an, und dann brach ein Applaus und Bravorufen los, wie es selbst den großen Opernhäusern würdig ist. 

 

Torsten Flüh

 

Postscriptum: Ich war durchaus misstrauisch, dass über 700 Menschen an einen Ort strömten, um Minimal-Musik zu hören. - Die kommen doch alle nur, weil das mit der Eröffnung des Neuen Museums zusammenfällt. - In der Pause fragte ich das junge Paar hinter mir. Sie trug eine Art Topfhut mit einer großen Strickblüte über der Stirn. Sehr 80er Jahre. „Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“ „Ja.“ „Weswegen sind Sie hergekommen und sitzen noch nach der zweiten Pause hier?“ Wegen der Kälte hatten sich die Reihen nach der zweiten Pause doch leicht gelichtet. Jetzt guckten sie mich an, als wollten sie sagen: Kann ja wohl echt nicht die Frage sein Alter oder was?! Das sagten sie aber nicht. Ich wehrte schon entschuldigend ab: „Ich wollte ja …“ „Na wegen der Musik natürlich.“ - Okay, aber selbstverständlich ist das nicht, dass so viele Menschen plötzlich an Glass- und Ägyptenfieber erkranken.

 

Addendum: Das Projekt geht zurück auf die Initiative von Prof. Dr. Heinz-Eberhard Mahnke und Prof. Dr. Dietrich Wildung, dem am 1. Juli 2009 in Ruhestand getretenen Direktor des Ägyptischen Museums.