Lieber gefesselt und gestochen, als von Angst regiert - Jossi Wielers Prometheus, gefesselt in der Schaubühne

Prometheus – Ordnung – Chaos

 

Lieber gefesselt und gestochen, als von Angst regiert.

Jossi Wielers Prometheus, gefesselt in der Schaubühne

 

Es ist ein Klima der Angst und des Schreckens, das die Götter, allen voran Zeus, den Menschen im Prometheus, gefesselt des Aischylos bereiten.

 

Links vor mir in Reihe 4 auf den äußersten Plätzen sitzt im Zuschauerraum ein Mädchen mit Kapuzenpulli der autonomen Art. Sie hat die dunkle Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Daneben ein junger Mann, ebenfalls eher autonom gekleidet, der auf sie von der Seite eindringt. Er küsst sie im Versteck der Kapuze. Sie küssen sich. Lang anhaltend. 

 

Rechts von mir setzt sich kurz vorm Schließen der Saaltür ein Mensch so um die Dreißig. Er schafft es kaum, sein Gesäß ins Gestühl zu zwängen. Übergewicht, der sicher nicht gesunden Art. Meine Bewegungsfreiheit ist fortan stark eingeschränkt. Das Atmen wird zur Tantalusqual, da der Nachbar penetrant ausdünstet.

 

Prometheus leidet. Gefesselt steht er (Ernst Stötzner) in der Schaubühne vor der Betonmauer im Halbrund. Nein, nicht nur gefesselt, sondern links und rechts an den Handgelenken mit geradezu monumentalen Eisenketten von Hephaistos (Niels Bormann), dem mythologischen Schmied, an die Betonmauer geschmiedet. Er steht auf einem Betonblock über einem Wasserspiegel.


Prometheus steht in einem abgetragenen, weiten, weißen T-Shirt und blauer Stoffhose vor der Betonwand. Mit seinen nackten Füßen steht er auf einer Fläche von wohl 60 Zentimetern im Quadrat. Es ist ein Bild der Unbeweglichkeit. Vielleicht auch das Bild eines zur Unbeweglichkeit Verdammten. 

 

Ein anderes Bild des Prometheus, ebenfalls gefesselt, in Berlin findet sich nicht von ungefähr als Brunnenplastik ein wenig abseits an der Fassade der Universität der Künste in der Hardenbergstraße. Prometheus als Verbildlichung des Künstlers. Emil Hundrieser (1846 – 1911) hat den Wandbrunnen 1901 geschaffen. Prometheus ist an den Fels geschmiedet.

Die eine Tochter des Okeanos weint, ihr Gesicht in der Hand bergend, zu seinen Füßen. Die andere Tochter ist am Fels empor geklettert und zeigt auf die zur Faust geballte, linke Hand des Prometheus. Dieses Bild ist widersprüchlich. Einerseits bleibt der steinalte Prometheus mit seinem langen Bart und dem Altersgesicht, aber muskulösem Körper gefesselt, fest geschmiedet bis zur Bewegungslosigkeit. Andererseits hat er die Faust, auf die die Okeanide zeigt, zum Widerstand geballt.

Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832) hatte 1773 in einem Dramenfragment und in der Ode Prometheus den Titan von seinen Fesseln befreit und als neuen, künstlerischen Schöpfermythos gefeiert. Die Ode Prometheus dient ganz dem Programm der Aufklärung als Aufbegehren gegen die Macht der Kirche und der Religion. An ihre Stelle wird die Religion der Klassik und des Klassischen bei Goethe und Schiller treten. Der Künstler wird Gott. Goethes Ode Prometheus ist geradezu beispielhaft für den pathetischen Stil des Aufbruchs. Als Drama scheiterte Goethe am Prometheus-Stoff, was zu bedenken wäre.

 

Um 1900 ist die Figur des Künstler-Gottes von Hundrieser nicht mehr ungebrochen. Dass Hundrieser gut 100 Jahre nach Goethe das Aufbruchspathos von Prometheus in eine der jungen, schönen Okeaniden verlagert, entspricht durchaus dem Programm des Jugendstils und der vielfältigen Jugendbewegungen um die vorletzte Jahrhundertwende. Sieht man allerdings genauer hin, dann wurden der Zeigefinger, der Ringfinger und der kleine Finger nachträglich abgeschlagen oder abgebrochen. An die große Geste glaubte selbst Hundrieser offenbar nicht mehr.

Jossi Wieler bezieht in seiner Inszenierung durchaus eine Position zum Prometheus. Die jungen Okeaniden (Grit Paulussen, Luise Wolfram) sind von Angst geplagt bis zu neurotischen Körperverrenkungen. Ihr Vater Okeanos (Thomas Bading) trägt einen schneidigen Anzug im Stil der dreißiger Jahre. Er überspielt seine Ängste mit Binsenweisheiten und indem er sich am Feuerchen auf Hephaistos Handschuh eine Zigarette aus dem silbernen Etui anzündet. Mehr Feuer schadete dem Okeanos sicher, weshalb er sich davor zu hüten weiß.

1974 inszenierte Klaus Michael Grüber (1941 – 2008) Die Bakchen des Euripides mit Bruno Ganz in der Rolle des Pentheus in der Schaubühne am Halleschen Ufer. Grübers Bakchen markierten auch eine Wiederkehr des Weiblichen. Als Schüler Siegfried Melchingers lenkte Grüber seine Inszenierung auf das „Irrationale“ und das Chaos, das in der Inszenierung anders als im Text des Euripides nun mit Vehemenz zum Ausbruch kam und sein Recht mit einer neuen Lesart von Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie (1872) einforderte.

 

Zur historischen Konstellation von Grübers Bakchen gehört, dass die Prozesse gegen Andreas Baader und Ulrike Meinhof 1974 in Stammheim stattfanden und dass Jean-Paul Sartre am 4. Dezember 1974 Andreas Baader in Stammheim besuchte. 35 Jahre später sind die Zeiten andere. Das „Irrationale“ erscheint weit weniger als Versprechen. Was ist links und was ist rechts? Einen anderen Anfang wagen mit Prometheus als Modell?

 

Das Programmheft zum Prometheus, gefesselt enthält neben der Textfassung der Schaubühne in der Übersetzung von Kurt Steinmann Bildendes. Vielleicht auch ein wenig zuviel Bildung zum philosophischen Hintergrund des Prometheus und der Antikenrezeption. Textauszüge von Karl Kerényi, Siegfried Melchinger, Hans Blumenberg, Hans-Georg Gadamer, Dieter Bremer wurden abgedruckt. Weitere Kommentare oder Assoziationen nicht. Man kann sich des Eindrucks einer wohlmeinenden Bildung im Sinne von Okeanos’ Entgegnung nicht erwehren.

Ich seh’s Prometheus, und ich möchte dir

das Beste raten, so gewitzt du bist und klug.       

Wäre es denn mit dem zusammengestellten Wissen der Altertumswissenschaftler und Philosophen getan, dann müsste man nicht mehr selber lesen, hören und sehen. Und alles wäre gut. Liest man dagegen die Textfassung, dann können die Ängste des Okeanos und seine daraus resultierende Wohlmeinung unmöglich leiten. Es sieht nämlich am Schluss so aus, als habe sich Okeanos von dem Schreckbild der von Bremsen gestochenen Io und des vorbildlichen Zeus-Sohnes Hermes überzeugen lassen:

Etwas anderes sprich, gib anderen Rat, der mich auch überzeugt;

unerträglich ist nämlich die Sprache, die du da führtest.

Wieso rufst du mich auf, mich feig zu verhalten?

Mit diesem will ich erleiden, was immer auch nottut;

Die Verräter hab ich ja hassen gelernt,

und keine Seuche gibt’s, die mehr ich bespeie als diese.

(Chor ab.)

 

Oder hatte Okeanos sich durch die überzogenen Drohungen des Hermes in allerletzter Minute zum Bekenntnis für den leidenden Prometheus bewegen lassen? Sind die Drohungen des Hermes überzeugender als die Standfestigkeit des bedrohten Prometheus, die an Starrsinn grenzt? - Okeanos Rede folgt unmittelbar auf die wüsten Drohungen des Hermes, der ihm rät:

… ziehe anderswohin, damit dir nicht deine Sinne betäube

das unerbittliche Brüllen des Donners!

Wer ist der Verräter? Prometheus oder Hermes? Ist es die späte Einsicht des wohlmeinenden Okeanos, dass die Götter alle Verräter sind?

 

Okeanos und seine Töchter nehmen nach dem letzten Wort Reißaus durch die Seitentür. Die bis zuletzt nicht enden wollenden guten Ratschläge – Gehorch! Denn schändlich ist’s für einen Klugen, fehlzugeh’n. – des Okeanos müssten  letztlich zu einer für ihn katastrophalen Erkenntnis der Gottverlassenheit geführt haben. Das aber ist mir in der Aufführung entgangen. Den katastrophischen Wendepunkt habe ich nicht gesehen, nur das Verschwinden hinter der Eisentür.

Es ist zu befürchten, dass die Katastrophe in der Inszenierung nicht vorgesehen war. Sie lässt den Okeanos allein zurück. Sie lässt, anders formuliert, den Mittelschicht-Menschen in Zeiten der Krise vor leeren Götterbildern zurück und sei es dem des Mammon. Prometheus, gefesselt glaubt selbst nicht mehr an seine Versprechungen, die der Aufklärung reiches Identifikationspotential von Ärzten aller Arten für jedwede Krankheit des Menschen zur Verfügung stellten.

Okeanos: Erkennst, Prometheus, du denn nicht, dass Worte Ärzte sind

               für kranke Wallungen des Zorns?

Prometheus: Ja, wenn man denn zur rechten Zeit ein Herz erweicht

                   und nicht gewaltsam hemmt ein stark geschwoll’nes Zorngeschwür!

 

Prometheus, Ernst Stötzner, knickt nach seinen Reden immer wieder vorn über. Er verkörpert die Haltung eines Trotzdem. Seine Reden sind nur noch Abglanz eines gebrochenen Aufklärers. Prometheus bleibt in der Darstellung Stötzners eine vielfältig gebrochene Figur. Die Geste der ausgestreckten Faust als Auftrag an die Jugend fällt ihm nicht nur wegen der massiven Ketten schwer.

 

Niels Bormann in den drei Rollen des Hephaistos, der Io und des Hermes agiert komödiantisch. Die Stiche der Bremse werden von dem dummen Ding Io noch aufgekratzt, um die Schmerzen nur zu verschlimmern. Ist Io nur ein dummes Ding, wenn sie nach Prometheus’ Vorsehung doch ein neues Geschlecht pflanzen soll, dessen Nachkomme ihn eines Tages freischießen soll? Der "zum voraus Wissende", Prometheus, hat gefesselt das Wissen um die schicksalshafte Zukunft eingebüßt.

 

Hermes schwebt als Göttervaterbote im Anzug vom Schnürboden herab. Das „göttliche“ Stahlseil an seinem Rücken hält ihn zurück, wenn er sich ein rasantes Wortgefecht mit Prometheus liefert. Eher lächerlich als furchterregend wirkt der kleine Halbbruder Hermes gegenüber Prometheus. Okeanos wird Zeuge dessen und auch das sollte zu seinem späten Sinneswandel beigetragen haben.

 

Jossi Wielers Inszenierung hat etwas Fragmentarisches, Zersplittertes. Klare Botschaften des einstmaligen Prometheus-Mythos gibt es nicht mehr. Es herrscht keine Ordnung mehr, an die Kraft des Chaos mag man nicht mehr glauben. Aber Okeanos katastrophische Erkenntnis bleibt leider eher nebensächlich. Das allerdings ist ein verschenktes Moment.

 

Empfehlenswert ist die Aufführung des Stückes auf jeden Fall, denn das leise Gefühl einer Ratlosigkeit sollte zum Überdenken der Wünsche an die Götter bewegen. Gute Ratschläge, soviel lässt sich lernen von Okeanos, werden nicht nur nicht gern gehört, sondern bleiben meist folgenlos.

 

Torsten Flüh

 

Prometheus, gefesselt

Übersetzt von Kurt Steinmann

Fassung der Schaubühne am Lehniner Platz

November 2009

Regie Jossi Wieler

 

Nächste Vorstellungen:

7., 8., 23., 26., 27.12.2009