Abkühlen mit Kunst - Max Pechsteins Glasfenster in der Sauna Mitte

Sauna – Licht – Stadtbad

 

Abkühlen mit Kunst

Max Pechsteins Glasfenster in der Sauna Mitte

 

Häufig erhitzt Kunst die Gemüter. Das ist gut so, weil man dann darüber spricht. Bildende Kunst braucht das Gespräch. Selten gibt es Kunst, mit der man sich abkühlen kann. Im Stadtbad Mitte gibt es seit seiner Eröffnung 1930 kunstvolle Glasfenster von Max Pechstein (1881 – 1955) zum Abkühlen. Zum Beispiel das Doppelfenster Der Winter aus der Serie Die vier Jahreszeiten.

Foto: Colmán O'Regan

Die Fenster waren schon immer zum Abkühlen gedacht. Selbst als der Brücke-Maler Max Pechstein, 1933 sofort zum „entarteten Künstler“ erklärt, seines Amtes als Professor enthoben und 1937 aus der Berliner Akademie der Künste ausgeschlossen wurde, ließen die Nazis die insgesamt 8 Glasfenster in den Ruheräumen des Russisch-Römischen Dampfbades im Stadtbad Mitte kühl. Es muss die Funktion des Ortes vor der Sauna gewesen sein, die weder durch die Nacktheit der Personen noch durch ihre Farbigkeit die Gemüter erhitzte.

 

Genauere Saunagewohnheiten der Naziverwaltung und –prominenz sind nicht überliefert. Womöglich sind sie nicht in die Sauna gegangen oder sie wurde als undeutscher Ort geschlossen, was ebenfalls nicht überliefert ist. Faktum ist, dass das Stadtbad Mitte nach seinen wiederholten Restaurierungen ein in mancher Hinsicht bedeutender kultur- und architekturhistorischer Ort ist, der heute zumindest im privatwirtschaftlichen Bereich der Sauna Mitte schöner erstrahlt als kaum jemals zuvor.

Foto: Colmán O'Regan

„Licht, Luft und Sonne“ waren die Schlüsselworte für das Neue Bauen der zwanziger Jahre in Berlin. Bei Dunkelheit leuchtet der Schwimmhallen-Körper aus sich heraus, wie er bei Helligkeit in seiner Stahlkonstruktion das Licht widerstandslos den Raum durchfluten lässt. So viel Licht war im städtischen Einzugsgebiet des Stadtbades nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die Wohnquartiere in der Novalis-, Borsig-, Berg- und Ackerstraße, ganz zu schweigen von der vielbefahrenen Torstraße waren verschattet durch kleine Innenhöfe und enge Straßen.

 

Im Umfeld des Stadtbades Mitte in der Gartenstraße wurden in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen so gut wie gar keine Wohnhäuser gebaut. Das hieß u.a., dass es keine Bäder in den Wohnungen gab. Die neuen Wohnanlagen wurden in Berlin vor der Stadt gebaut. Deshalb muss das Stadtbad Mitte ein berauschender Ort des Lichts gewesen sein.

Heute ist das anders. Das Areal zwischen Torstraße im Süden und Invalidenstraße im Norden hat sich in den letzten 5 Jahren derart entwickelt, dass hochwertige und lichte Designerhäuser auf freie Grundstücke gebaut worden sind. Wohnungen und Hinterhöfe wurden renoviert. Es ist schick – und teuer – geworden, hier zu wohnen.

 

Wo einst die Anwohner zum wöchentlichen Wannenbad ins Stadtbad kamen, ist nun ein Zentrales und ambulantes Rehabilitationszentrum (ZAR GmbH) entstanden. Unter der Woche werden hier die unterschiedlichsten medizinischen Anwendungen verabreicht. Im 3. Stock ist die Sauna Mitte mit den historischen Glasfenstern entstanden, die montags bis freitags bis 23:00 Uhr und am Wochende bis 21:00 Uhr geöffnet hat. Leider ist die Kombination aus Schwimmbad und Sauna nicht zu praktizieren. Denn die Bereiche sind nicht zusammengelegt, sondern getrennt.

Trotzdem gehört die kleine Sauna Mitte zu den verborgenen Attraktionen von Mitte nicht nur wegen der Pechstein-Fenster. Denn das Stadtbad Mitte hat eine Geschichte, die bis weit ins 19. Jahrhundert reicht. 1880 als das Wohnquartier noch neben den schwerindustriellen Eisenfabriken auf der Chausseestraße lag, wurde an diesem Ort der Grundstein für Berlins erste Volksbadeanstalt gelegt. Der durch seine Kunstsammlungen und vor allem dem Ankauf der Nofretete berühmte, jüdische Mäzen James Simon (1851–1932) hatte die Volksbadeanstalt gestiftet. Heute erinnert an ihn eine Gedenktafel am Haus.

 

Durch die Entstehung des Maschinenbaus und der Schwerindustrie seit den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts auf der Chausseestraße war das Areal zwischen Ackerstraße und Borsigstraße zu einem Arbeiterquartier geworden. 1837 hatte August Borsig an der Ecke Tor- und Chausseestraße seine Eisengießerei und Maschinenbauanstalt gegründet. Sie wurde zu einem Weltkonzern und produzierte in der 1870er Jahren die meisten Lokomotiven weltweit hinter Stevenson in den USA. Die industrielle Revolution mit all ihren auch sozialen Aspekten ging über die angrenzenden Straßen hinweg. Die Gartenstraße als Teil des Vogtlandes in Berlin erlangte 1843 mit Bettina von Arnims Schrift Dies Buch gehört dem König traurige Berühmtheit.

Foto: Colmán O'Regan

 

In mehreren Dialogen klagte Bettina von Arnim (1785-1859) König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1861) das soziale Leid der Bevölkerung. Im zweiten Teil des Buches veröffentlichte sie die Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtlande. Bereits seit geraumer Zeit hatte sie sich Briefe und Berichte über verarmte Weber aus ganz Deutschland zuschicken lassen. Sie verlieh damit Bevölkerungsgruppen eine Stimme, die sonst sprachlos blieben. Ob Bettina von Arnim den nicht namentlich überlieferten „jungen Schweizer“ selbst in das sogenannte Vogtland vor dem „Hamburger Tore“ begleitete, ist nicht bekannt.

 

Der Ort, an dem der „junge Schweizer“ seine frühen soziologischen Forschungen in den „sogenannten >>Familienhäusern<<“ durchführte und als kurze, individuelle Geschichten niederschrieb, lag genau gegenüber des Stadtbades Mitte in der Gartenstraße. Die heutige Bebauung entstand später. An Bäder war gar nicht zu denken.

Foto: Colmán O'Regan

 

"In der Kellerstube Nr. 3 traf ich einen Holzhacker mit einem kranken Bein. Als ich eintrat, nahm die Frau schnell die Erdäpfelhäute vom Tische, und eine sechzehnjährige Tochter zog sich verlegen in einen Winkel des Zimmers zurück, da mir ihr Vater zu erzählen anfing. Dieser wurde arbeitsunfähig beim Bau der neuen Bauschule. Sein Gesuch um Unterstützung blieb lange Zeit unberücksichtigt. Erst als er ökonomisch völlig ruiniert war, wurden ihm monatlich fünfzehn Silbergroschen zuteil. Er musste sich ins Familienhaus zurückziehen, weil er die Miete für eine Wohnung in der Stadt nicht mehr bestreiten konnte. …“

 

Die neue Bauschule bezeichnet die Bauakademie von Friedrich Schinkel (1781-1841), die 1832 zu bauen begonnen wurde. In anderen Erzählungen des „jungen Schweizers“ treten die Folgen der industriellen Entwicklung noch genauer hervor als beim Holzhacker, dessen Schicksal man zwar mit dem epochalen Entstehen des Schinkelschen Berlin in Verbindung bringen mag, der aber noch kein Arbeiter in der entstehenden Schwerindustrie ist.

 

Die Erfahrungen bieten ein ganzes Bündel an Erzählungen von Menschen und ihren Schicksalen, die in den „Familienhäusern“ in der Gartenstraße wohnten. Meistens wohnten vielköpfige Familien in einer einzigen Stube. Das Industriegebiet, an das die Wohnquartiere im Vogtlande anschlossen, nannten die Berliner Feuerland. Denn in den Kupolöfen der Eisengießereien von August Borsig (1804-1854) und Anton Egells (1788-1854) sowie der Gebrüder Freund brannte Tag und Nacht das Feuer und erhellte den Himmel.

 

Zur Jahrhundertwende erloschen die Feuer auf der Chausseestraße, weil die Fabriken mittlerweile viel zu klein geworden waren und moderne Fabriken in Moabit, Wedding und Tegel gebaut worden waren. Die Chausseestraße wurde die nördliche Verlängerung der Friedrichstraße mit Wohn- und Geschäftshäusern. Doch die Nebenstraßen blieben weiterhin Wohnquartiere für Arbeiter. In diese städtische Situation brachte das Stadtbad Mitte „Licht, Luft und Sonne“.

Foto: Colmán O'Regan 

Als ich gestern Abend in die Sauna Mitte ging, hielt ich mich nicht allzu lange im Raum mit dem Tauchbecken auf. Schnell die kalte Dusche nach dem Saunagang, einmal untertauchen in dem fast eiskalten Becken und dann im Ruheraum auf den bequemen Liegen entspannen. Bei Minusgraden standen die Fenster offen, weshalb ich mich diesmal nur im Vorübergehen an den Pechsteinfenstern erfreute.

 

Torsten Flüh

 

Sauna Mitte

Im Stadtbad Mitte

Gartenstraße 5

10115 Berlin

 

Mo. – Fr. 16:00 – 23:00 Uhr

Sa. + So. 14:00 – 21:00 Uhr

Di. + Do. Damentag