Totgelacht - Nicolas Stemanns La Perichole an der Komischen Oper Berlin

Operette – Selbstvermarktung – Regietheater

 

Totgelacht

Nicolas Stemanns grandiose La Périchole an der Komischen Oper Berlin

 

Gefeiert wird am Vizekönigs-Hof in Lima, Peru, feuchtfröhlich und bunt. Die drei Cousinen sind zum Anbeißen in der BiFi-Energy-aufreißen-reinbeißen-Plastikhülle. Das Volk ist grau. Périchole hungert. Und Piquillo kriegt ebenfalls vor Hunger keinen Ton aus seiner Straßensänger-Kehle. Das ist Grund genug bei Jacques Offenbach, die Liebe besingen zu lassen.

Die Geburt der Operette aus der Verzweiflung ist in der Komischen Oper so knallbunt und lustig, dass man heulen möchte. Aber weil die Operette so wahnsinnig unterhaltend ist, heult man dann doch nicht los. Schließlich sind da auch die beiden Conférenciers im Paillettenjacket auf der Bühne.

 

Die Conférenciers kommen immer wieder in DSDS-Manier vor den Vorhang und sagen:

Wenn während einer Vorstellung im Theater jemand vor den Vorhang tritt, dann bedeutet das nichts Gutes. Aber das ist anders heute. Wir zeigen ihnen die lustige Operette La Périchole.

Ein Running Gag. Da mögen sich die Spassfernsehgucker und Salzburg-Operetten-Fans auf die Schenkel klopfen, hier kann man sicher sein, dass es zum Totlachen traurig wird. Telefonvoting á la DSDS inbegriffen.

Die Welteinsamkeit hat Richard Wagner im Tristan-Akkord komponiert. Das Tempo – langsam schmachtend – kann man auch als traurig empfinden. Regietheater ereignet sich, wenn an einem Theater-Stück ein Sakrileg begangen wird. Nicolas Stemann begeht eines! Stemann montiert den Tristan in La Périchole. Der lang gediente Großkritiker ist fassungslos. So manch ein Wagner-Opern-Freund vor den Kopf geschlagen.

 

Es ist alles so wahnsinnig lustig, vor allem wenn Alkohol getrunken, um nicht zu sagen, gesoffen wird. Im Libretto der Périchole fließt reichlich Alkohol. Ohne Alkohol, ohne Champagner und Schnaps ist im Operetten-Peru von 1874 schon lange kein Staat mehr zu machen. Damit es auch recht lustig wird zum Geburtstag des Vizekönigs, bezahlt er einfach die Zeche und lässt sich das Volk ins Koma saufen.

In echt, so beginnt Offenbachs lustige Operette von Anfang an. Generationen von Operettenfreunden fanden es total lustig. Kostenloses Saufen ist lustig. So wie Geiz geil ist und BiFi-Energie zum Anbeißen. Um die Unterhaltung nicht vor die Hunde gehen zu lassen, sind die Conférenciers, Graf Miguel de Panatellas (Peter Renz) und Don Pedro de Hinoyosa (Günter Papendell) in das Stück eingebaut. Der alte Gefangene (Andreas Döhler) ist auch nicht vom Regisseur hinzu erfunden, aber doch erheblich ausgebaut worden.

 

Der alte Gefangene ist nicht nur Gefangener des Vizekönigs. Vielmehr noch ist er Gefangener seiner revolutionären Ideen und Aufrufe der Pariser Kommune von 1871. „Es ist die große Schlacht …“ Die Linke lässt grüßen und wird recht bissig gegrüßt. Der alte Gefangene will gegensteuern. Gegen den Zwang zum Spass und meldet sich doch ganz zum Schluss über Videoeinspielung aus dem brennenden Paris. Die große Schlacht ist verloren.

Der Chor tritt im Ich-bin-freundlich-T-Shirt auf und hält Smile-Gesichter hoch. Ich-bin-freundlich ist keine Haltung, sondern ein Befehl an die Netto-Kasse-Jobber. Selbstvermarktung oberstes Gebot. Nicolas Stemanns inszeniert Offenbachs Cancan-Seeligkeit als Terror. Gern hätte man den einen oder anderen richtigen Cancan in seiner terrorisierenden Überdrehtheit gesehen, aber das verwehrt uns Stemann dann doch. Cancan schlägt immer wie Yes, we can in Terror um. Plötzlich müssen alle alles genauso können.

 

Die lustige Geschichte von der Straßensängerin, in die sich der Vizekönig verliebt, um sie zu seiner Mätresse zu machen, sie dafür aber mit ihrem abgerissenen Straßensänger Piquillo verheiratet werden muss usw. ist der reine Irrsinn. Das war auch so gedacht.

 

Richard Wagner (1813-1883) warf dem Zeitgenossen und Konkurrenten Jacques Offenbach (1819-1880) zu wenig revolutionären Geist vor. 1870 ätzte Wagner in Eine Kapitulation:

Retter des Staats! Rattenerlöser!

Blase jetzt immer noch melodiöser!

Orpheus entstieg aus dem Schatten,

die Kunst mit der Republik zu begatten!

Offenbach entgegnete mit dem Vorwurf der Langenweile in Wagners Opern. Sie wurden sich nicht grün. Sie bekämpften sich. Doch sie waren sich vielleicht näher, als sie wahrhaben wollten.

Offenbach und Wagner verzweifelten auf jeweils andere Weise an den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der nicht zuletzt 1867 Karl Marx’ erster Band von Das Kapital entsprang. Auch kein lustiges Buch. Insofern hat Nicolas Stemann mit seinem Regietheater-Coup ein berechtigtes Fenster geöffnet. Hatte die Montage der Operette mit dem Tristan-Akkord im ersten Akt zu Momenten der „Tiefe“ zwischen Périchole und Piquillo schon etwas Drohendes, so beging Stemann in der Gefängnisszene das Sakrileg.

 

Im zweiten Akt ist das Orchester der Komischen Oper mit seinem Dirigenten Markus Poschner plötzlich hinter den goldenen Gitterstäben auf der Bühne. Und dann, es ist kaum zu glauben, singen die Straßensänger das höchste, aller hohen Liebesduette:

Oh, sink hernieder Nacht der Liebe …

Soll ich wachen, soll ich träumen ...

Tristan, 2. Akt - Stimmlich muss das eingeschränkt bleiben. Trotzdem überwältigt Wagners Überwältigungsmusik. Oder sind Tristan und Isolde auch nur Périchole und Piquillo? - So falsch ist die Frage nicht! Aber einen Wagnerianer zerreißt’s dann doch.

 

Oh, welch ein Glück, dass es die Liebe gibt. (Offenbach)

Oder:

Unbewusst höchste Lust. (Wagner)

Quicky oder Sex als Lebensinhalt. Der Tristan ist purer Sex viereinhalb Stunden lang - durchschnittlich. Fragen sie spaßeshalber mal gepiercte Wagnerianer, welche Musik sie im Sling hören. Unbewusst höchste Lust und auf sich schwingend, in mich dringend. Aber es ist ein Sakrileg den Tristan mit Périchole zu verschneiden. Oder? – Ein kolossaler Theatermoment.

Ein großer Theatermoment muss nicht nur Zustimmung hervorrufen. Gepierct bin ich nicht und meine schwere Wagnerphase liegt auch schon eine Weile zurück. Aber es war eben doch jenes hochproduktive Schwanken zwischen Schock und Zustimmung. Wird der Tristan dadurch profaniert? Wird ihm seine Tiefe genommen?

 

Warum sollte Tiefe Périchole und Piquillo vorenthalten bleiben? Nur weil sie hungernde Straßensänger sind? Tristan und Isolde sind hehrer Adel des Mittelalters, in den sich vor allem das deutsche Bürgertum des Industriezeitalters zwischen Größenwahn und Arbeitszwang beim Opernbesuch hineinträumte. Wie viel Oberfläche hatte - und hat - die Tiefe?  

Die Geburt der Operette und die Geburt des Wagnerschen Musikdramas finden nahezu gleichzeitig statt! Voilà! Sie sind Geschwister, wenn nicht Zwillinge. Zweieiige. Oberfläche – Operette – und Tiefe – Musikdrama – brauchen einander. Ihre Väter sind „dämliche Männer, die dagegen sind,“ und Mütter, die das Heft in die Hand nehmen. Die neurotische (Pariser) Gesellschaft hat sie zusammengeführt.

 

Markus Poschner dirigiert Offenbach jazzig. Und, bitte sehr, den Tristan-Akkord kann man auch als Jazz-Harmonik deuten. „Offenbach ist vielleicht einer der besten Jazz-Musiker, die es je gab: frech, reaktionsschnell, endloser Ideenreichtum, virtuos, sensibel und sehr reif,“ sagt er. Wenn die Operette jazzig wird, dann wird sie auch anders. Das Rauschhafte der glättenden Bögen wird gegen gebürstet.

Der Vizekönig (Roger Smeets), der sich in der Maskerade des BSR-Mannes in Orange unter das Volk mischt, sich verliebt, Périchole mit auf sein Schloss nimmt und zwischen den drei Cousinen in Lackstiefeln und Strapsen durch das lustige Verwirrungsspiel stöckelt, ist zwar eine lächerliche Gestalt, doch nicht ohne Macht. Final schießt sich der Betrogene in den Kopf und selbst die ständig überdrehten, grellen Cousinen (Anna Borchers, Mirka Wagner, Olivia Vermeulen) sind für einen Moment betroffen. Die wunderbare Périchole von Karolina Gumos, die im Video aussieht wie Penelope Cruz, wird ebenso mit dem Maschinengewehr niedergemäht wie ihr Partner Johannes Chum als Piquillo.

 

Finale mit „Oh, welch ein Glück, dass es die Liebe gibt“. Und einer der boshaftesten Offenbach-Operettenabende der Musikgeschichte ist zu Ende. Es ist auch einer der intelligentesten, ein großer Wurf. Eigentlich hätte das Publikum beim volksmusikartig dargebotenen „Mein Gott, was sind die Männer dämlich, dass sie dagegen sind …“ mitsingen und mitklatschen sollen, vielleicht auch wollen, aber bei vielen saß der Schrecken über die lustige Operette schon so tief, dass sie sich nicht trauten.


Als Nicolas Stemann zum Applaus auf die Bühne kommt, entlädt sich ein Orkan an Bravos - und Buhs. Hatte Nicolas Stemann sich doch vor fast einem Jahr eine Replik auf Daniel Kehlmanns Salzburger Regietheater-Abrechnung geleistet. Nein, das Regietheater, welch ein Glück, ist nicht totzukriegen.

 

Torsten Flüh

            

Komische Oper Berlin

 

La Périchole …

Opéra-bouffe in drei Akten von Jacques Offenbach

 

Weitere Aufführungen am

9./14./18./22./26./29. Juni, jeweils 19:30 Uhr

Komische Oper Festival … 18. Juli 2010, 20:00 Uhr