Die Aliens sind wir - Susan Chales de Beaulieus Zizek-Film Alien, Marx und Co.

Ideologie – Philosophieren – Blenden

 

Die Aliens sind wir

Susan Chales de Beaulieus Žižek-Film Alien, Marx und Co.

 

Wenn Ellen Ripley/Sigourney Weaver aus ihrem Astronautenhelm in das Gesicht des Alien sieht, sich zu Tode erschrickt, die Weltraumharpune herausholt, gleichzeitig die Luftschleuse des Raumschiffes öffnet, zielt und final das Alien - den Fremden, den Staatenlosen - hinaus ins All schießt, dann ist das ein Fall zum Philosophieren für Slavoj Žižek.

Die Szene des Philosophierens über Aliens ist jetzt im Kino Lichtblick in der K77 oder Zuhause auf dem DVD-Player zu sehen. Žižek steht auf der Rückseite irgendwelcher Film- oder Theaterkulissen und sortiert Fotos auf dem Boden, auch das Still mit Ellen Ripley und der Alien queen. Susan Chales de Beaulieus und Jean-Baptiste Farkas’ furioser Žižek-Film ist nun mit reichem Bonusmaterial in der filmedition suhrkamp als DVD erschienen. Zu bestaunen ist das Monstrum Mensch, wie es philosophiert.

Das Film-Porträt ist eines jener glücklichen Momente der Filmgeschichte, in der der Film eine Sprache findet, die dem spezifischen Gegenstand, dem Philosophen, Psychoanalytiker, Kulturkritiker und Kommentator Slavoj Žižek (geb. 1949) in seiner Arbeit auf der Spur folgt. Der Film im Modus eines Porträts ist Simulation des Philosophierens und Dokumentation dessen zugleich. Dazu wird es später mehr zu schreiben geben.

Wer ist Slavoj Žižek? Diese Frage wird nicht beantwortet. Doch fast jeder dürfte wenigstens seinen Namen schon einmal gehört haben. Denn es gibt kaum Philosophen, die nahezu global präsenter sind als er. Am 8. Juli hat sich Žižek zuletzt auf dem Londoner Southbank Centre Literature Blog zur Ölkatastrophe im Golf von Mexiko geäußert. Ende April hatte er im britischen New Statesman den Vulkanausbruch auf Island philosophisch kommentiert.

Den oft und mit Vorliebe von Lehrern formulierten Wunsch, der Philosoph möge ihm/ihr doch die Welt so erklären, dass er/sie jene verstünde, wird von Žižek, zumindest was die Regelmäßigkeit seiner Kommentare anbetrifft, eingelöst. Doch Žižeks Formulierungen und Forderungen eignen sich schlecht fürs Sofa. Eher schon für den Kinosessel im Lichtblick. Da muss man hellwach sein und aufrecht sitzen, um sich von der Schubkraft ins Polster drücken zu lassen. Die Pantoffeln setzen der Film und Žižecks Philosophieren nämlich in Brand.

Im Juni war Slavoj Žižek wie sein Freund Alain Badiou (geb. 1937) auf der Konferenz Idee des Kommunismus. Philosophie und Kunst an der Berliner Volksbühne. Beide Kommunisten oder Marxisten oder doch eher Philosophen, die mit Marx philosophieren. Im Edition Suhrkamp Laden in der Linienstraße, der wieder geschlossen ist - die Party ist vorbei -, soll Žižek auch gewesen sein. Kolportiert wird, dass Žižek Filme über sich nicht mag. Und aus dem Film-Porträt wissen wir, dass er seine Kinderfotos verbrannt hat. Er mag sich beim Philosophieren nicht selbst sehen. Vielleicht weil man das Philosophieren nicht sehen kann? Oder weil unsere Zeit der Ideologie der Sichtbarkeit anhängt?

Seit geraumer Zeit geistern Experten und Expertinnen für Körpersprache durch die Medien. Kaum gibt eine Person oder gar Persönlichkeit Rätsel auf, die sie nicht beantwortet, wird die Körpersprache analysiert und eine gnadenlose Expertise veröffentlicht. In jedem von uns steckt mittlerweile ein kleiner Körpersprachen-Versteher. Spricht Žižeks Körper im Film-Porträt? Das könnte naheliegen. Haben doch bereits einige Kommentatoren des Films das Philosophieren von der Körpersprache her verstehen wollen. - Hübsche, kleine Ideologen! Die Ideologie bestimmt den Alltag, heißt es bei Žižek!

 

Das Universum erklärt der Philosoph vom Klo her und der Art und Weise zu scheißen. Man könnte das seinen freud-lacan-marxistischen Materialismus ironischer Wendung nennen. Susan Chales de Beaulieu findet dafür ein Bild, während Žižeks Stimme im Off bleibt: Das Wasserkloset in den unendlichen Weiten der Milchstraße. Das WC taumelt als Raumschiff - Explorer oder Enterprise - durchs Universum, während Žižek den Unterschied zwischen einem französischen, einem deutschen und einem angelsächsischen Klo erklärt.

Das ist ein starkes Bild. Im französischen Kloset verschwindet die Scheiße gleich im Unsichtbaren, im deutschen liegt sie auf dem Präsentierteller und im angelsächsischen schwimmt sie so lange im Wasser herum, bis gezogen wird. Es treten die Unterschiede der jeweiligen Metaphysiken hervor, erklärt Žižek. Der Deutsche will eben jeden Morgen seine Scheiße aufs Genaueste analysieren.

 

Die Szene kommt im zweiten Kapitel des Films über Ideologie vor. Was Sie schon immer über Ideologie wissen wollten? Und im Off hatte eine Frauenstimme zuvor erklärt:

Um das „Große“ zu denken, geht Slavoj Žižek oftmals von der Beobachtung des „Kleinen“ aus. Es sind unsere alltäglichen materiellen Abläufe und Praktiken, die laut Žižek offenbaren, wie Ideologie konkret funktioniert…

Der 52minütige Film haut Žižeks Thesen und Formulierungen Schlag auf Schlag raus. Die einzelnen Takes aus mehreren Interviews werden thematisch und nicht chronologisch komponiert.

1 Ein guter Terror?

2 Was Sie schon immer über Ideologie wissen wollten.

3 Hat jemand Slavoj Žižek gesagt?

4 Politik als Kunst des Unmöglichen.

5 Blick auf die Zukunft

6 Lehren der Fiktion      

Intensive Farbe, schnelle Schnitte und Schiebeblenden während der Interviews schließen den Film nicht ab, sondern setzen immer wieder neue Schnitte, Texteinblendungen setzen Zäsuren. Insgesamt 5 unterschiedliche Stimmen, 3 Männer 2 Frauen, erzeugen mehr eine Polyphonie, als dass man sich an die Autorität einer erklärenden Stimme halten könnte.

 

Was machen die Schiebeblenden? Sie schieben während der Interviews die Bilder wie eine Formulierung über die andere. Es geht nicht um eine wie auch immer geartete, kontinuierliche Erzählung, sondern die Unruhe des Philosophierens – die Unruhe mit der Žižek immer wieder abbricht und die Unruhe, die das Philosophieren in den Zuhörerschauern auslöst. „Wo ist Slavoj Žižek?“ „Wo bist Du?“ Dann lautet seine Antwort: „Ich bin in der Theorie.“

Jacques Lacans (1901-1981) Arbeiten zur Psychoanalyse lassen sich in derartigen Formulierungen mithören. Denn die Weise, in der Lacan Freud las, stellten nicht zuletzt die Fragen nach dem Ich und dem Subjekt neu. Žižek knüpft nicht nur an Lacan an, indem er die Psychoanalyse strategisch und politisch benutzt, vielmehr noch wendet er dessen Verfahren ebenso auf Marx an.

 

Seine Lektüren zum Kommunismus sind parteipolitisch kaum einzulösen, stattdessen erhellen sie kulturelle Vorgänge. Im Vulkan-Kommentar vom 29. April unter dem Titel Joe Public v the volcano/Otto Normalverbraucher gegen den Vulkan schreibt Žižek darüber, dass wir in einem Zeitalter leben, in dem wir sowohl die Natur verändern können als auch mehr als jemals zuvor von ihr abhängig seien, wie der isländische Vulkanausbruch gezeigt habe.

Das wochenlange Flugverbot habe nämlich auch gezeigt, wie unterschiedliches Wissen und unterschiedliche Theorien gegeneinander gearbeitet hätten. Unser Überleben (survival) hänge ab von einer Serie von stabilen natürlichen Parametern, die wir für garantiert hielten. Žižek beendet seinen Kommentar mit der Formulierung:

Once upon a time, we called this communism.

Als er dann am 5. July beim London Literature Festival im Southbank Centre auftrat, hatte die Katastrophe im Golf von Mexiko, die sich die Mehrheit der Amerikaner, als Katastrophe wahrzunehmen, weigert, die Frage nach dem Überleben überholt.

 

Was heißt also Kommunismus bei Žižek? Er sieht nicht zuletzt im Voluntarismus, also in einer auf dem Willen basierenden Äußerung, eine Möglichkeit, die Schrecken der ökologischen Katastrophe in einer kollektiven Entscheidungsfindung die „spontane“ Logik der kapitalistischen Entwicklung zu stoppen und die Geschichte im Sinne Walter Benjamins anzuhalten.

Schließlich heißt Kommunismus für ihn Vertrauen in die Menschen. Allerdings zeigt die größte ökologische Katastrophe im Golf von Mexiko dann gerade, dass es weder mit dem Voluntarismus noch mit dem Vertrauen in die Menschen weit her ist. Den Verursachern der Katastrophe und ihren Mittelsmännern aus dem republikanischen Lager hat die Katastrophe mehr genützt als geschadet. Geschadet hat sie Präsident Obama.

Insofern fällt Žižeks Kommentar zur Golf-Katastrophe nicht mehr appellativ aus. Er fällt in den Sarkasmus mit dem Titel: Two Types of Off-Shore Drilling. Einerseits geht es um die (Erdöl-)Bohrungen außerhalb der Küstengewässer. Andererseits geht es um eine sarkastische Bemerkung eines republikanischen Senators. Nachdem Senator Ted Kennedy, der sich gegen Bohrungen außerhalb der Küstengewässer ausgesprochen hatte, von einem Paparazzo bei einem außerehelichen Geschlechtsverkehr fotografiert worden war, hatte der republikanische Senator trocken bemerkt: "Es scheint, dass Senator Kennedy seine Position zum Off-shore drilling geändert hat." Žižeks Reprise, dass das Off-shore drilling, das Kennedy praktiziert habe, das einzige akzeptable sei, wirkt eher hilflos.

 

Es könnte allerdings auch sein, dass Sarkasmus, die mit beißendem Spott zerfleischende Rede, angesichts von allein profitgeleiteten Ölgesellschaften und des global operierenden Service-Konzerns - inklusive Legionärsdienste - Halliburton mit 52.000 Mitarbeitern, einem Umsatz von mehr als 18 Milliarden Dollar und einem operativen Gewinn von 4 Milliarden Dollar die einzig mögliche Rede ist. Schließlich war der Sarkasmus vom republikanischen Senator als Rede über Ölbohrungen außerhalb der Küstengewässer eröffnet worden und hatte das Bild der sexuellen Penetration mit den Tiefsee-Bohrungen verschaltet. Auf diese Weise wird der Sarkasmus des Philosophen zum gesellschaftlichen Engagement. Ein Zug des Philosophierens, den nicht zuletzt Michel Serres auf ungleich leisere Weise, nämlich sprachlos, in seiner Lecture Performance praktiziert hatte, als er das Tiefsee-Video vom hervorquellenden Öl einspielen ließ.  

Im Film werden virtuelle Dialoge und Kommentare inszeniert. Žižek kommentiert in einem Studio Äußerungen, die er während einer Sendung auf France Culture gemacht hat. Alain Badiou und Jacques Rancière äußern ihre Gedanken zum „authentischen, politischen Akt“, die Žižek auf Monitoren sieht und kommentiert. Die junge, slowenische Philosophin Alenka Zupančič spricht über Slavoj Žižeks Person. Das gegenseitige Kommentieren, die Bezugnahmen und Abgrenzungen sind ein Teil des Philosophierens. Sie sind ein Mittel, die den Film auszeichnen. Wiederum entstehen neue, andere Facetten, aber niemals ein Bild.   

 

Susan Chales de Beaulieu schneidet wiederholt Szenen von Müllsammlern auf riesigen Müllhalden in den Film. Eine Frau schmelzt auf einer Halde das gesammelte Blei in einem Kochtopf. Kinder retten schmutzige Teddybären aus dem Müll. Denn nicht zuletzt sind es die Slums, die Slavoj Žižek bewegen. Er sieht in ihnen die Unfähigkeit im Denken, den Kapitalismus radikal zu verändern. Und er macht darin eine verheerende Utopielosigkeit des gesellschaftlichen Denkens aus.

Slavoj Žižeks neuestes Buch - Living in the End Times -, das am 25. Mai diesen Jahres erschienen ist, wird bereits heiß diskutiert. In Deutschland ist es noch nicht erhältlich oder muss aus USA importiert werden. Sicher darf man sich sein, dass Žižek eher radikaler geworden ist. Die Zeiten sind nun mal so.

 

Torsten Flüh

 

Chales de Beaulieu, Susan / Farkas, Jean-Baptiste

Alien, Marx & Co.

Slavoj Žižek im Porträt

Etwa 100 Minuten. Farbe DVD mit mit einem Essay von Jens-Christian Rabe

© Suhrkamp Verlag

filmedition suhrkamp 19

978-3-518-13519-8

 

Kino Lichtblick

Kastanienallee 77

Do. 12. August 18:00 Uhr

Do. 26. August 18:00 Uhr