Schwimmen im Heiligen See

Sommerspezial im August

 

Freiheit – Körper - Kultur

 

Schwimmen im Heiligen See

Eine Parabel auf die deutsche Zivilgesellschaft

 

Mit Freunden und Freundinnen aus Irland, Kolumbien und Taiwan war ich in einem der vergangenen Sommer am Heiligen See in Potsdam. Letztes Jahr, als wir mit dem Bürgermeister einer Departement-Hauptstadt Kolumbiens von einem kleinen Picknick am Belvedere auf dem Pfingstberg herunterkamen, konnte ich nicht anders, als am Marmorpalais nackt in den Heiligen See zu steigen und ihn bis zum Nordufer, wo die Freunde warteten, zu durchschwimmen. Die Freunde waren zu Fuß ein wenig schneller gewesen. Schwimmend war es schöner. 

Heiliger See mit Marmorpalais

 

Meine Berliner Freunde und ich hatten dem kolumbianischen Bürgermeister von der Glienicker Brücke, dem Todesstreifen am Jungfernsee und zur Havel hin, dem Schloss Cecilienhof, wo vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 die Potsdamer Konferenz stattfand, und die heutigen Bewohner des Ostufers des Sees erzählt. Wir hatten Günter Jauch und Wolfgang Joop und die Ottos erwähnt. Die Ufer des Heiligen Sees sind nicht zuletzt seit dem 20. Jahrhundert sozusagen historisch hoch kontaminiert.

Rotes Haus am Heiligen See neben dem Marmorpalais

Mein spontaner Entschluss, textillos in den See zu steigen und zu schwimmen statt zu gehen, löste eine leichte Verwunderung bei unserem kolumbianischen Freund aus. - Darf man das? - Aber für mich war es geradezu das Natürlichste, weil ich seit 2002 den See regelmäßig zum Schwimmen aufsuche.

 

Die Liegewiese am Nordufer neben dem Grünen Haus mit seinen bekleideten und gänzlich unbekleideten Frauen, Männern, Kindern - und Hunden sowieso - halte ich für eine der schönsten Parabeln auf die deutsche Zivilgesellschaft. Mit anderen Worten: Sollte ich heute noch einmal an einer ausländischen Universität Landeskunde unterrichten, würde der Heilige See mit Sicherheit vorkommen.

Blick durch die Informationstafel zur Revolution in Potsdam mit Marmorpalais und Wiese

 

In Irland ist es völlig undenkbar, dass an einem vergleichbaren Ort Bürger sich die Freiheit nähmen, im See nackt oder auch nur bekleidet zu baden. In Italien liegt es außerhalb der Vorstellungskraft, weil der Ort abends nur zugemüllt wäre. In Kolumbien wüssten die Reichen und Mächtigen "ihren" See mit Waffen gegen Bürger zu verteidigen. Selbst aus der Schweiz soll derartiges nicht bekannt sein. Undenkbar eine vergleichbare Kultur in den USA, wo ähnliche Orte kameraüberwacht und hermetisch abgeriegelt werden. - Es sei denn, ein Stifter hätte ausdrücklich verfügt, dass ein solches Treiben erlaubt und gewünscht sei.

Informationstafel zur Mauer im Neuen Garten

 

Das Marmorpalais im Neuen Garten zu Potsdam wurde von König Friedrich Wilhelm II., dem Neffen und Nachfolger Friedrich des Großen, in den Jahren 1787 bis 1792 erbaut. In der Geschichtsschreibung genießt Friedrich Wilhelm II. als Staatsmann kein großes Ansehen. Er ergab sich zu sehr dem Wohlleben, wie man es nennen könnte. In Berlin kam das Wort vom Lüderjahn auf. Architekturhistorisch haben wir ihm das Marmorpalais mit seinen nackten, goldenen Putten auf der Schlosskuppel zu verdanken. Vor allem deshalb ist im Heiligen See schöner schwimmen.  

Wiese am Nordufer des Sees mit Sonnenbadenden

 

Kürzlich bei einem Essen mit Freundinnen und Freunden in einer Küche im Wedding (!) – ja, lieber Schöneberger, lieber Zehlendorfer, lieber Charlottenburger – im Wedding kamen wir ganz zwanglos auf Strandbäder in Berlin zu sprechen. Und Ando geriet gegenüber den Gastgeberinnen aus der Steiermark als Architekt ins Schwärmen vom Strandbad Wannsee. - Ja, gewiss, kein schlechter Ort. Kenn ich auch. Aber ich liebe den Heiligen See. Wenn ich es irgend zeitlich einrichten kann, fahre ich extra dort hin. - Ach, sagte Ando, den Heiligen See in Potsdam. Da wohnt der Kronprinz. Darf man denn da noch baden? - Ich musste zugeben, dass ich es in diesem Jahr noch nicht an den Heiligen See geschafft hatte.

 

Siedend heiß erinnerte ich mich an die Querelen mit den Anwohnern und der Direktion der Preußischen Schlösser und Gärten. Eintrittsgelder waren im Gespräch. Die Nackten wollte man von der Wiese des Weltkulturerbes haben. Die aus dem See wurden sowieso zum Sicherheitsrisiko für die Anwohner – zumindest zu einem potentiellen. Trotzdem erklärte ich Ando, dass es doch sehr schade wäre, wenn diese hybride Kultur am Heiligen See verschwände. Sie sei für mich ein vermutlich einmaliges Beispiel für die liberale und gleichzeitig disziplinierte Bürgerkultur in Deutschland.

 

Ob es Andos Kronprinz wirklich stört, wenn ich im See schwimme, weiß ich nicht. Doch wie froh war ich, dass die Freikörperkultur am Heiligen See lebt. Denn ich hatte vor der mittlerweile renovierten Villa Schöning an der Schwanenallee, das allerschlimmste befürchten müssen, als ich von einem silbernen Benz-Coupé angehupt wurde.

 

Junger Mann! Anhupen! Auf der Schwanenallee in Potsdam! Nicht, dass ich mich sonderlich erschrocken hätte. Aber welches Benehmen! Welche Sitten! HUPEN auf der Schwanenallee am Jungfernsee. Also, wenn mich ein Ferrari auf der Weddinger Pankstraße anhupt, damit ich ihm den Weg frei mache, dann gehe ich davon aus, dass der Fahrer aus der Nachbarschaft es wahrscheinlich nicht anders weiss. Aber von einem Anwohner der Schwanenallee hätte ich mehr Benehmen erwartet.

Villa Schöning an der Schwanenallee 

Vermutlich kommen die Nachbarn von der Schwanenallee nicht zum Bad in den Heiligen See. Doch ich sah eine ganze Reihe bekannter Gesichter wieder. Hatte ich auch im letzten Sommer an gleichem Ort getroffen. Nicht, dass wir, in der Sonne liegend, groß mit einander palavern, eigentlich grüßen wir uns noch nicht einmal. Jedenfalls nicht direkt. Ich war ja auch in diesem Jahr zum ersten Mal wieder da. Und es ist immerhin schon August. So selten wie ich komme, gehe ich gar nicht davon aus, dass man sich an mich erinnert. Aber beim nächsten Mal werde ich mir ein Herz fassen und das Grüßen einführen.

 

In Wannsee grüßt man sich sicher schon wegen der Massen nicht. Aber am Heiligen See an „meiner“ Badestelle, wurde mir heute klar, dass da zwar jeder Hinz und Kunz liegen könnte, es aber trotzdem mehr oder weniger die gleichen Leute wie in den Vorjahren sind. Natürlich nehmen wird unseren Müll mit. Wer hier den Müll nicht mitnimmt, verrät sich als Neuling oder jemand, der einfach nicht dazu passt. So muss man das doch einmal sagen.

Glienicker Brücke heute

 

Die Freikörper-Kultur am Nordufer des Heiligen See als Ausdruck von Freiheit soll sich in Zeiten der Teilung entwickelt haben. Im Rücken die Mauer, der Todesstreifen und Selbstschussanlagen. Vor sich ein Ensemble grauer, verfallender Villen und das marode Mamorpalais. Nicht so wirklich prickelnd.

 

Aber der Himmel über dem See! Die Wolken und das wunderbar saubere Wasser! Das muss zum Träumen eingeladen haben. Die Villen, die alle wie die Villa Schöning aus der Toskana hierher versetzt wirken, werden auch ohne Farbe und ohne goldene Zierbänder im richtigen Licht ein arkadisches Italien für die FKKler herauf beschworen haben.

Himmel über dem Heiligen See

So stelle ich mir als "Westler" die Ursprünge einer Freikörper-Kultur vor, die sich seither – in den letzten 20 Jahren – so weit entwickelt hat, dass heute junge, nackte Männer mit ihrem Hund in der Sonne auf der Wiese liegen oder mit einem schicken Panamahut im Schatten unter den Bäumen Ball spielen.

PS: Im Blau der Informationstafel zur Revolution in Potsdam spiegeln sich am 9. August 2009 der Jungfernsee und das andere Ufer der Havel. Wo vor 20 Jahren die Mauer mit dem Todesstreifen den Blick versperrte, schaut nun nicht nur der Fotograf auf eine Sommerwiese mit nackten Menschen. Freiheit.

Torsten Flüh

Die Große Neugierde von Schloss Glienicke an der Glienicker Brücke