Res Erben - Das Neue Museum

Fotografieren – Neues Museum – Ägypten - Eisen

 

Res Erben

Das wiedereröffnete Neue Museum definiert Museum neu.

 

Überwältigend!
 

Fotografieren ist Überwältigungsabwehr. Die komplexe Kulturtechnik des Fotografierens kann unterschiedliche Funktionen annehmen. Sie kann der Abwehr des Lichts oder dessen Verehrung dienen. In jedem Fall geht es um Licht, das nicht nur äußerlich ist.

Im Treppenhaus des von David Chipperfield restaurierten Neuen Museums war am 6. März 2009 zu beobachten, wie sehr das Fotografieren eine Schutzfunktion erfüllt. Die Besucher und Besucherinnen waren überwältigt vom hellen, monumentalen Raum des Treppenhauses, das zu den eindrücklichsten Schöpfungen Chipperfields im Neuen Museum zählt. Das Publikum erwies sich staunend und machtlos vor dem alt-ägyptischen Gott Re.

Die ägyptische Sammlung mit der weltberühmten Nofretete-Büste gehört zu den bedeutendsten des Neuen Museums. Weniger bekannt ist schon die merkwürdige Funktion des Re. Re ist im ägyptischen Altertum die Gottheit des Ursprungs. In der Sonne materialisiert sich das Ursprüngliche. Bevor die Sonne, bevor Re seit der 3. Dynastie (2639-2502 vor Christus) als Gottheit im Pharao als dessen Sohn personifiziert wird, taucht Re als Kreis mit einem Innenkreis in der Hieroglyphenschrift auf.

Die Hieroglyphe - Kreis im Kreis - lässt sich als Re entziffern. Sie macht verschiedene Wandlungen durch. Ein senkrechter Strich unter der ursprünglichen Hieroglyphe kommt hinzu. Erst sehr viel später schließen sich mythologische Erzählungen von Re an den Kreis an. Re, die Sonne, soll nun ursprünglich ein Mensch auf Erden gewesen sein.   

 

 

Re lässt sich als die alt-ägyptische Ursprungsgottheit in ihrer Ambivalenz von Fülle der Kraft und Leere der Darstellung denken. Genealogisch gewendet wird Re zum Göttervater oder auch Gottvater, auf den sich die Pharaonen berufen, um ihre Macht zu festigen. Re als Sonnen-Hieroglyphe bleibt zunächst geschlechtslos. Seine graphische Darstellung findet Re in der Leere des Kreises, die vom Kreis umschlossen wird. Erst später gewinnt Re ein grammatisches Geschlecht. Seit der 19. Dynastie (1292-1186 vor Christus) erhält Re durch die Maler der Grabkammer der Nefertari, der Gemahlin Ramses des II., männliche Züge. Fotografieren könnte ägyptisch gewendet auch re-graphieren heißen.

Das in seiner Schlichtheit und graphischen Einfachheit ägyptisch anmutende Treppenhaus Chipperfields ist vor allem deswegen hell, weil der Raum nach der Kriegszerstörung nicht wieder in seiner Buntheit und Bilderfülle hergestellt worden ist. Anstelle der bildreichen Ausmalungen der Wände trifft der Blick auf den nackten Backstein. Der Appetit des Blicks auf Bilder läuft am Backstein ins Leere. Das Museum blieb zunächst leer, wo Bilder zu sehen gewünscht wurden. Soviel Licht und Nacktheit im Museum ließ ins besondere im Treppenhaus zur Kamera greifen.

 

Die Nacktheit der Wände macht allerdings sichtbar, was unerwartet das Publikum überrascht und überwältigt. Es ist der nackte Backstein aus handgefertigten Ziegeln, der dem Museumsbau ursprünglich zugrunde liegt. Der Backstein in der Kombination mit der Eisenkonstruktion, die immerhin teilweise im restaurierten Museum aufblitzt, ist das Einzigartige am Neuen Museum. Wurde dieses bei Fertigstellung des Museums durch den Schinkel Schüler August Stüler unter dem Putz verborgen und nur in schmückenden wie funktionalen Eisenkonstruktionen zum Beispiel im Niobidensaal ausgestellt, so kommt das Einzigartige erst in der Re-konstruktion wieder zu seinem Recht.

Das Neue Museum war nicht nur ein Schauplatz für geheimnisvolle Schätze versunkener Kulturen, die, an die Geschichtsphilosophie Georg Friedrich Wilhelm Hegels anknüpfend, in der Moderne des 19. Jahrhunderts als ewiger, linearer Fortschritt im Museum erzählt wurden. Es war bei seiner Eröffnung 1855 zugleich Ausstellungshalle des technisch Machbaren in Berlin und damit Preußen. In der Doppelfunktion von Museum des Fortschritts in der Geschichte und Präsentation des eigenen Fortschritts verdichtete sich das Neue Museum zum Geschichtsort der anbrechenden industriellen Moderne.

 

Zeigte das Museum in seinen Exponaten den Fortschritt der Menschheitsgeschichte, so blieb der Fortschritt der Technik am Bau verborgen. Dabei war das Verborgene von epochaler Bedeutung. Die Doppel-T-Träger als verborgener technologischer Fortschritt in der Architektur dienten dem Museum allein seiner Zurschaustellung. Stüler wandte in Deutschland und Preußen als erster den Doppel-T-Träger an, während in England bereits noch kühnere Eisenkonstruktionen erbaut wurden. Der epochale Umbruch dieser Konstruktion wird erst richtig erkennbar, wenn man die Innenkonstruktion von Schinkels Denkmal für die Preußischen Befreiungskriege von 1821 auf dem Tempelhofer Berg, heute Kreuzberg, gesehen hat.

 


Man kann die Konstruktion mit eigenen Augen bei einer Führung im Sockelgeschoss des Denkmals sehen. Die Träger sind massiv ausgegossen. Dies war nicht nur Materialverschwendung, sondern ein Gewichtsproblem am morastigen Standort auf der Museumsinsel in der Spree. Die Innenkonstruktion des Denkmals stammt aus der Königlich Preußischen Eisengießerei in der Invalidenstraße. Erst mit dem Doppel-T-Träger wird das Material Eisen zum Baustoff für eine Leichtbauweise, wie sie heute noch an höchsten Hochhäusern in China, Dubai, Japan und anderswo praktiziert wird. Die Eisenteile wurden in der Eisengießerei und Maschinenbauanstalt von August Borsig in der Chausseestraße Ecke Torstraße angefertigt.

 


Mit der Restaurierung des Neuen Museums durch David Chipperfield tritt die Bau-Technik am nackten Ziegel der leeren Wände allererst in ihr museales Recht. Sie macht sichtbar, was zur Unsichtbarkeit bestimmt war. Damit wird das im Museum praktizierte Spiel von Ausstellen und Verbergen umgedreht. Das bisher Verborgene wird gezeigt und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf die technische Herkunft des Ausstellungsstückes. Die Schönheit der Nofretete tritt als Produkt technischer Fähigkeiten des alt-ägyptischen Bildhauers und seiner Werkstatt ins Licht.

 

Chipperfield und sein Team haben auf höchst subtile Weise das fast schon brachiale architektonische Verfahren des Centre national d’art et de culture Georges Pompidou von Renzo Piano aus dem Jahr 1971 umgewandelt. Piano machte in einem revolutionären Akt die Haustechnik in ihrer Maschinenhaftigkeit sichtbar. Für die Kunst der Moderne hatte Pianos Maschinen-Gedanke seine Berechtigung und Überzeugungskraft. Überdimensionale und verspielte Rohre, Röhren, Gitter, Rolltreppen, Kabel, Gitterroste und Anschlüsse feiern die Maschine.  

Im Neuen Museum dagegen fehlt im Detail immer etwas. Die gefeierte Maschine, ohne die heute kein Museum mehr auskommt – Licht, Wärme, Luftfeuchtigkeit, Sicherheit, Bewegungsmelder, Aufzüge etc. -, ist ganz in den Hintergrund getreten. Der Restaurator wird nun in seiner Kunstfertigkeit am konservierten Wasserfleck zum gefeierten Künstler. Die Wissenschaft und technische Fähigkeit des Restaurators lassen den Wasserfleck nicht einfach verschwinden, in dem ein vermeintliches Original wieder hergestellt wird, vielmehr gilt nun dem durch Wasser, Feuer oder sonst wie elementaren Fleck seine Kunst.

 

An den Leerstellen, den Brüchen und Rissen, den Brandspuren und Abbruchstellen, den verstümmelten Torsi und polierten Wangen, den abgebrochenen und geflickten Nasen, den fehlenden Unterkiefern und gemeißelten Lippen aller Zeitalter werden das Wüten und der Schönheitswunsch des Menschen, bisweilen das Wüten im Schönheitswunsch, ausgestellt. Das restaurierte Neue Museum leugnet nicht die Spuren der Zerstörung an seinem Torso. Es macht sie zum Exponat. 

Am unscheinbaren, unregelmäßigen, in seiner Einzigartigkeit unfassbaren, handgefertigten Ziegel im Treppenhaus, im dem Nichts als Ziegel wird ein humaner Gedanken vergegenwärtigt. Wollte das Neue Museum Stülers in der technologischen Aufbruchstimmung um die Mitte des 19. Jahrhunderts die titanischen Kräfte des modernen Menschen zur Schau stellen, in dem der Backstein verputzt und mit Heldenepen übermalt wurde, so ist es nun der namenlose Backsteinformer, der am Ziegel sichtbar und unkenntlich zugleich hervortritt. Das ist ein überwältigender Gedanke beim Anblick des Treppenhauses. Mit einem Mal wird das Museum zum Memorial vom Wesen Mensch.

 

Am 16. Oktober 2009 wurde das Neue Museum in Berlin samt seiner völlig neu eingerichteten Exponate nach 70 Jahren wiedereröffnet. 70 Jahre seiner über 150 jährigen Geschichte war das Neue Museum geschlossen, zerbombt, dem Verfall preisgegeben. Unauslöschbar haben sich 70 Jahre der deutschen Hybris, der Katastrophe des II. Weltkrieges und des Traumas nach der Katastrophe in das Museum eingeschrieben. Eine weniger anspruchsvolle und herausfordernde Architektur als die David Chipperfields hätte das Projekt der Restaurierung der Lächerlichkeit preisgegeben. So ist es das Monument eines humanen Gedenkens geworden.

 

 

Torsten Flüh

 

Neues Museum

 

Öffnungszeiten

 

Sonntags bis Mittwochs      10:00 bis 18:00 Uhr

Donnerstags bis Samstags   10:00 bis 20:00 Uhr

 

Preise

 

Eintritt

10,- Euro, Ermäßigt 5,- Euro