Fragmentierte Wahrnehmung

Körper  -  Licht  -  Raum

Fragmentierte Wahrnehmung

Raum #1 von David Bloom in der Kulturbrauerei

L I E B E machen die fünf mannshohen Buchstaben aus verrostetem Eisen zu einer Skulptur im Durchgang der Kulturbrauerei, wo ich um Punkt drei Uhr abgeholt werde. Es regnet gerade an diesem Junitag 2009 in Berlin. Eine junge Frau begrüßt mich freundlich und persönlich. Sie hat eine Baulampe in der Hand.

Wir gehen jetzt mehrere Etagen in die Tiefe des alten industriellen Brauereigebäudes. Sie geht vor und leuchtet. Ich folge und habe bei der einen oder anderen Stufe schon das Gefühl von Unsicherheit. „Wenn Du möchtest, dass die Performance vorher endet, dann kannst Du mich rufen. Ich mache jetzt die Lampe aus."

Plötzlich stehe ich allein in der Dunkelheit. Die Assistentin mit der Lampe ist in der Finsternis verschwunden. Orientierung einzig durch eine Art Maschinenakustik. (Sound Support: Alex Arteaga) Das Timing ist gut. Gerade als ich denke, sehr viel länger möchte ich jetzt nicht hier in der Dunkelheit stehen, blitzt ein ziemlich leistungsstarker Bauscheinwerfer rechts hinter mir auf. (Lichtdesign: Benjamin Schälke) Für einen Sekundenbruchteil erhellt er den Raum. Lang genug, um zu sehen, dass ich in einem riesigen, hohen Backsteingewölbe stehe.

Ein weiterer Blitz erhellt die Wände. Ich schaue mich um. Aber gerade als ich daran denke, mich umschauen zu wollen, ist es schon wieder dunkel. Stockfinster.

Die Installation von David Bloom hat viel mit mir selbst zu tun, denke ich. Ich bin konzentriert. Ich habe Vertrauen, dass ich nicht erschreckt werden soll. Ich konzentriere mich auf die bruchstückhafte Wahrnehmung in Sekundenbruchteilen. 

Jetzt sehe ich an den Wänden Fotografien. (Fotografie: Anne-Mareike Hess) Close ups. Sie sind unregelmäßig an den Wänden verteilt. Halbes Gesicht. Handdetail. Beindetail. Gerade genug, um es während des Aufblitzens in der Finsternis zu sehen. Zeit zum Schauen bleibt mir nicht.

Plötzlich sitzt da jemand an der Wand. Habe ich ihn bisher übersehen? Der Anflug eines Zweifels. Beim nächsten Blitz sitzt er da nicht mehr. David Bloom als Tänzer taucht nun mal hier, mal da im Raum auf. Verschwindet. Ist wieder da.

Mikro-Choreographien eindringlich. Mal kauernd und zitternd auf dem Boden wie ein Junkie. Mal akrobatisch.

Die regelmäßigen Blitz- und längeren Dunkelheitssequenzen strukturieren nun Zeit und Raum. Der Tänzer ist mal weiter von mir entfernt, mal steht er ziemlich nah vor mir, so dass ich mich bei jedem Blitz wundere, wie er in der Dunkelheit dorthin gelangt ist.

Plötzlich spricht mich der Tänzer an. Er sagt für den Moment des Aufblitzens etwas, das nur uns beiden bekannt ist. Eine Art Codewort. In die Dunkelheit hinein antworte ich mit einem bejahenden Murmeln. Es ist nicht Zeit noch Raum, um darüber zu sprechen. Dafür ist der Wechsel zwischen Finsternis und Blitz zu schnell, zu nachdrücklich.

Der Sound, die Akustik wird wichtiger. Der Tänzer schlurft jetzt über den Boden, klopft an die Backsteinwand mit der flachen Hand. Vom Sehen wechselt die Wahrnehmung automatisch ins aufmerksamere Hören. Tänzerische Figuren blitzen nur für einen Moment auf, um im nächsten schon wieder aufgelöst zu sein. Es hat alles ein unglaubliches Timing. Präzise.

Durch den schnellen Wechsel von Dunkelheit und Licht wird die Wahrnehmung zerstückelt. Es hat etwas Filmisches. Dann denke ich irgendwann, wie gut muss David den dunklen Raum kennen, dass er nicht gegen eine Wand läuft, dass er mich nicht umrennt, dass er so vor mir steht, dass wir nicht zusammenstoßen.

Mit einem Mal ist Schluß. Es bleibt still im Raum. Kein Blitz erhellt ihn mehr. Ich werde von der Assistentin, die nun aus einer Ecke der riesigen Gewölbe mit dem Scheinwerfer wieder auftaucht, abgeholt und zurück hinauf vor die Skulptur geleitet.

Raum #1 ist zweifellos eine Grenzerfahrung. Eine Präzisionsarbeit des Choreographen und Tänzers David Bloom. Eine unglaublich sinnliche und intime Begegnung, die doch auch eine strikte Distanz herstellt. Kommunikation will in diesem Fall nicht passen. Aber von der Intensität her, von dem her, was die Performance selbst mit mir machte, war es eines der stärksten Erlebnisse, das ich seit langem bei einer Aufführung erlebt habe. Bedrohlich? Nein, dafür ist David Bloom zu höflich und sensibel, aber herausfordernd.

Torsten Flüh