Erlebnis Gastronomie

Autos – Speisen – Straßenbahnen

 

Erlebnis Gastronomie

Gourmetrestaurant und Weinstube - Parc Fermé und Garage

 

Berlin und seine Stadtteile können gastronomisch immer wieder überraschen. Als Gastronom muss man sich in dieser Stadt schon etwas einfallen lassen, sonst kommt man gar noch unter die Räder. Der Zufall wollte es, dass ich in den letzten Monaten zwei sehr unterschiedliche Restaurants kennengelernt habe, die in äußerst verschiedenen Stadtteilen liegen. Sie haben mich beide beeindruckt.

Das Parc Fermé klingt nach einer noblen Adresse in Berlin und liegt mitten im frühindustriellen Moabit. Die Garage klingt so, dass man, selbst wenn ein Gastronomie-Kenner dorthin einlädt, zunächst an nichts Gutes denkt. Sie liegt unweit der Schaubühne im bürgerlichen Charlottenburg. Das Parc Fermé nennt sich Gourmetrestaurant, die Garage Weinstube mit Bistro. Voilá.

 

Sie dürfen diesmal raten, in welchem der beiden Gaststätten ich mich entschieden wohler fühlte und kulinarischere Genüsse erlebte. Garage klingt geradezu schäbig, definiert aber kulinarische Ansprüche. Parc Fermé ist voll nobler Empfehlung, bleibt allerdings kulinarisch hinter der Garage zurück. Trotzdem kann ich Ihnen beide Lokalitäten empfehlen.

Ich muss zugeben, dass ich kein Autofan und schon gar kein Formel-1-Fan bin. Trotzdem oder gerade deshalb hat der Fachausdruck Parc Fermé für mich einen noblen Klang. Soweit reicht mein keineswegs brillantes Französisch dann doch, dass ich mir unter einem Parc fermé einen geschlossenen, also exklusiven Park vorzustellen vermag. Für Formel-1-Fans ist Parc Fermé indessen ein besonderer Bereich in der Boxengasse. Und das trifft dann doch exakt den Kontext und das Ambiente des Gourmetrestaurants.

 

Das Parc Fermé gehört nämlich zum Konzept des Meilenwerks in der Wiebestraße in Berlin. - Wiebe was? Klingt nach einer Terra incognita. Der alteingesessene oder gar gebürtige Berliner wie meine vor nicht allzu langer Zeit verstorbene Berliner Patentante, wäre niemals in die Wiebestraße in Moabit zum Essen gegangen. Wedding war das Äußerste. Zur Wiebestraße passte der Name der Parallelstraße: Berlichingenstraße. Und von Götz von Berlichingen ist vor allem ein berühmter Spruch aus dem gleichnamigen Schauspiel von Johann Wolfgang von Goethe überliefert. Das Schauspiel wird kaum noch aufgeführt, der Spruch dennoch gern zitiert: L… m… a. A….

Doch die Wiebestraße ebenso wie die Berlichingenstraße wartet mit Glanzstücken der Industriearchitektur auf. An der Ecke Berlichingen- und Huttenstraße erbaute Peter Behrens 1909 die berühmte Turbinenhalle für die AEG. Sie ist ein Leitbau der modernen Industriearchitektur geworden. Bereits 1899-1901 wurde in der Wiebestraße Ecke Sickingenstraße das Depot der Großen Berliner Straßenbahn AG erbaut. Es war an der Jahrhundertwende mit Raum für 320 Straßenbahnwagen das größte Depot zumindest in Europa. Größer als das größte Depot in Liverpool.

 

Die vierschiffige Straßenbahnhalle gehörte zu den ersten Kathedralen der Elektrifizierung. Zu Spitzenzeiten arbeiteten mehr als 1.000 Menschen in der Halle. Dass zeitweilig bis zu 10 Straßenbahnlinien in der Wiebestraße endeten, belegt die enorme Bedeutung des Industrieareals in Moabit. Die elektrischen Straßenbahnen transportierten nicht nur die Menschen auf den Boulevards, vielmehr waren sie das Transportmittel der Arbeiter zu den industriellen Produktionsstätten von AEG, Borsig u. a.

 

Nachdem der Straßenbahnverkehr in West-Berlin eingestellt und das Depot 1964 geschlossen wurde, verfiel die Kathedrale und wurde schließlich mit denkmalschützerischen Auflagen an einen einfallsreichen Immobilienentwickler verkauft, der es zum Standort des Meilenwerks machte. Das Meilenwerk versammelt in der vierschiffigen Halle nun, was das Zeitalter des Individualverkehrs an spiegelnden Motorhauben hervorbrachte: Oldtimer und Liebhaberfahrzeuge.

Die Liebe zum Automobil, insbesondere wenn es die individuelleren Züge eines Oldtimers in geringer Stückzahl trägt, hat im Depot ihren zentralen Andachtsraum gefunden. Vom hoch spezialisierten Automechaniker, dessen eigentlich unterbezahlte Fachkenntnisse und Fertigkeiten nur mit Liebe zu erklären sind, bis zu mehreren Oldtimer Clubs und Rolls Royce- oder Ferrari-Besitzern finden sich alle im Meilenwerk zum Dienst am Automobil ein.

 

Hineingelassen werden allerdings nur solche Autos, die älter als dreißig Jahre sind. Was unter Menschen eher zum Wertverfall führt - das Alter -, lässt die Herzen vor allem der Männer beim Automobil höher schlagen. Was sonst längst der Asche anheimgegeben, wird hier mit unerschöpflicher Liebe zum Detail gewienert und poliert, dass es bei der sonntäglichen Spritztour die Extraportion Ruß abblasen darf.

Das Meilenwerk in Berlin ist ein derart erfolgreiches Konzept, dass es bereits von Lizenznehmern in anderen deutschen Städten kopiert worden ist. Es ist die Nobelgarage in Vitrinenoptik für den Autofetischisten ebenso wie Ausflugsziel für die automobile Familie. Das Meilenwerk ist der perfekte Ort, um die Säkularisierung des religiösen Fetischismus in den sexuellen zu studieren.

Die zivilere Gastronomie im Meilenwerk heißt Trofeo und lässt eine Braut auf dem Motorrad vorfahren. Gleich daneben liegt das Pan-Classica-Gourmet-Restaurant Parc Fermé. Das Meilenwerk hat sich eben auch sprachlich ganz dem Automobil verschrieben. An dem Abend, als ich im Parc Fermé aß, wurde als Hauptgang ein kleines Rumpsteak auf Schalotten serviert. Es war perfekt, aber für Berliner Verhältnisse leicht überpreist, was daran liegen mag, dass es einfach nicht darauf ankommt, wenn Mann seinen Porsche-Oldtimer am Wochenende aus der Vitrine zum Ausflug mit der Freundin abholt.

Garage ist nicht gleich Garage. Die Weinstube Garage ist tatsächlich in zwei zusammen gelegten Garagen eines hochherrschaftlichen Etagenhauses in der Damaschkestraße parallel vom Kurfürstendamm untergebracht. In der Garage gibt es sogar Berliner Blut- und Leberwurst, was nach meiner Erfahrung hier durchaus zu empfehlen sein dürfte. Die Tageskarte empfiehlt stets anspruchsvolle Speisen.

 

Für das besonders auf Qualität ausgerichtete Konzept spricht, dass die Garage nur montags bis freitags zum Abendessen geöffnet und am Samstag für Familienfeiern etc. reserviert ist. Geht es auf dem Ku'damm als Renomiermeile oft touristisch her, so bietet die Garage ein eher familiäres Ambiente. Der Wirt kennt die Gäste und die Gäste wohl schon mal die anderen aus der Nachbarschaft auch. Nichts von wegen Pan-Classica, aber doch von klassisch deftig bis raffiniert bietet die kleine Garage kulinarische Genüsse zu zivilen Preisen.

 

Torsten Flüh

 

Garage

Weinstube – Bistro – Küche

Damaschkestraße 8-10

10719 Berlin

 

Tel: 45 08 62 50

 

Bus: Lehniner Platz

 

Montag bis Freitag 18:00 – 24:00 Uhr

 

Parc Fermé

Gourmet-Restaurant

Pan Classica Gastronomie

Wiebestraße 36-37

10553 Berlin

 

Tel : 20 61 30 30

 

S-Bahn: Beusselstraße

 

Dienstag bis Samstag ab 18:00 Uhr