Verzaubert in Nord-Ost - Queer History Ausstellung in Berlin-Pankow: Der Wind, das Foto und Bubi

Schlager – Pankow – Queer History

 

Der Wind, das Foto und Bubi

Verzaubert in Nord-Ost – Queer History Ausstellung in Berlin-Pankow

 

Der Wind hat mir ein Lied erzählt … Er hieß Waldemar … Roter Mohn, warum welkst du denn schon … Davon geht die Welt nicht unter …  Bubi, lass uns Freunde sein ... Alles Texte von Bruno Balz aus Berlin Nord-Ost: Prenzlauer Berg, Pankow, Weißensee. Ein Bezirk findet seine Queer History.

Der Sonntags-Club in Kooperation mit dem Museumsverbund Pankow und dem Schwulen Museum auf dem Mehringdamm hat im wahrsten Sinne des Wortes nach den Verzauberten gegraben. Der Grabstein des Anarchisten, Schriftstellers und Homosexuellen Johannes Holzmann (1882-1914) wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee ausgegraben, restauriert und wieder aufgestellt. Eine Pioniertat!

Keine Geringere als Else Lasker-Schüler (1869-1945) hatte 1914 dafür gesorgt, dass wenigstens die Leiche ihres Schriftstellerfreundes aus einem Gefängnis bei Moskau, wo er verstorben war, nach Berlin überführt und bestattet wurde. Aus seinem Vornamen machte er sein Pseudonym Sena Hoy.

Der Bezirksbürgermeister von Pankow, Matthias Köhne (SPD), eröffnete die Ausstellung persönlich mit dem launigen Hinweis, dass er lernen musste, dass Lesben, Schwule und Transsexuelle nicht einfach unter einen Hut zu bekommen sind. Initiiert hatte die Ausstellung der Sonntags-Club, der sich bereits seit 1973 unter Anregung durch den Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von Rosa von Praunheim, am 15. Januar 1973 im Ersten Programm des Westfernsehens ausgestrahlt, zusammengefunden hatte.

Wie im Westen seit seiner Uraufführung auf der Berlinale in der Sektion Forum des jungen Films am 3. Juli 1971 so wurde der Film auch im Osten zum Stein des Anstoßes für die Bewegung der Schwulen. Der Sonntags-Club formierte sich und versuchte durch Aufklärungsarbeit bei den Behörden der DDR für eine Verbesserung der Lebenssituation der Schwulen zu sorgen.

 

Doch im Osten war einiges anders. Während es als Folge des Films bereits am 29. April 1972 im westfälischen Münster die 1. Schwulendemo in Deutschland gegeben hatte, wurden die Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen bis zum Mauerfall vom DDR-Staat als gefährdende Elemente beobachtet. Die Stasi war auch hier immer dabei und die IMs verkehrten in der Schoppenstube, dem Burgfrieden und anderen Lokalen, wo sich Schwule trafen. Daran erinnerte nicht zuletzt Jens Dobler als wissenschaftlicher Leiter vom Schwulen Museum in seiner Eröffnungsrede.

Die Aufarbeitung der Geschichte der Verzauberten und ihrer Schicksale in der DDR ist keinesfalls abgeschlossen, zumal die Behörde für die Aufarbeitung der Stasiunterlagen weiterhin nur fast gänzlich geschwärzte Unterlagen herausgibt. Die Schreibung einer Queer History der DDR ist keinesfalls abgeschlossen, betonte Dobler.

 

Ein wichtiges Beispiel für die andere Geschichte der Schwulen etc. nach 1945 ist die Entstehung des Films Coming out (1989). Wie kein anderer Film der DDR dokumentiert er das Schwanken des DDR-Staates zwischen Liberalität und tiefstem Misstrauen gegen seine eigenen Bürger.

Coming out ist der erste und letzte Schwulenfilm der DDR. Als die Premierengäste, unter ihnen Schwule, die teilweise kontrovers diskutiert hatten, ob sie zur Premiere gehen sollten oder nicht, weil sie fürchten mussten, dass die Stasi nur an neue Quellen kommen wollte, aus dem Kino International ins Freie traten, war gerade die Mauer gefallen. Kaum erschienen, hatte die Wirklichkeit den Film überholt.

 

Anders als im Westen und vor allem in West-Berlin wurde der Film nicht von einem schwulen Regisseur gedreht, sondern von Heiner Carow (1929-1997). Der durfte ihn nur machen, weil er als integer galt und durch seine Mitgliedschaft in der Ost und West-Akademie der Künste eine ausreichende Machtposition hatte. Carow hatte trotzdem fünf Jahre für den Film kämpfen müssen.

Auf der Berlinale 1990 gewann Coming out den Silbernen Bären. Aber es ist ein Unterschied, ob es ein Staat zulässt, dass eine Minderheit durch Filmproduktionen ihr eigenes Geschick in die Hand nimmt oder eine Autorität sich für die Minderheit einsetzen muss. Getrost darf man von einer Bevormundung sprechen, die sich die Filmemacher im Westen nicht gefallen ließen. Letztlich hatte sich der Film überholt.

Mit dem Widerspruch von Liberalität und Bevormundung bzw. Überwachung setzt sich die gelungene Ausstellung auseinander. Es ist sozusagen ihr Kern. Denn der § 175, der nach der Verschärfung durch die Nationalsozialisten Homosexualität auch unter Erwachsenen unter Strafe stellte, wurde zwar in der DDR seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr geahndet, aber überwacht werden musste die Szene doch nach Ansicht der Staatsorgane.

 

Bruno Balz (1902-1988) wohnte zeitweilig in der Oderbergerstraße 43 im Prenzlauer Berg. Das ist für die Queer History des Bezirks Pankow Grund genug, ihm einen eigenen Ausstellungsbereich zu widmen. Sicher nicht zum Nachteil der Ausstellung. Aber es zeigt auch die Schwierigkeit, eine Queer History über gut 100 Jahre innerhalb Berlins regionalisieren zu wollen.

Durch Jürgen Draeger, dem Lebensgefährten von Balz und Schöpfer des Filmplakates für Rainer Werner Fassbinders Querelle (1982), werden Nachlass und Archiv des Schlagertexters leidenschaftlich verwaltet. Die Schreibmaschine von Balz, auf der er die Schlager für Zarah Leander, Rosita Serrano u.a. tippte, wird gezeigt.

Zu den gezeigten Devotionalien Balz’ zählen auch die drei japanischen Affen – nichts (Böses) sehen, nichts (Böses) hören, nichts (Böses) sagen. Und man versteht sofort, wie und warum Bruno Balz sich während des Nationalsozialismus trotz Verhaftungen und Repressalien durchschlagen konnte. Schließlich war er der Texter für die Durchhaltesängerin Zarah Leander: Davon geht die Welt nicht unter. Denn sie wird ja noch gebraucht

 

Es war nicht nur das Versprechen, dass die Welt gebraucht wird, sondern dass auch der Hörer – und der Texter selbst - weiterhin gebraucht und deshalb überleben werden. Während im Film Die große Liebe (1942) Zarah Leander vor der SS und der Wehrmacht in einem Schunkelanfall das Lied singt, soll Bruno Balz paradoxerweise den Text in oder nach Entlassung aus der Gestapohaft 1941 verfasst haben. Die Inkarnation des Nazi-Regimes schunkelte eben zu einem queeren Schlagertext.

 

Rosita Serrano, die als „chilenische Nachtigall“ bis 1943 in Nazi-Deutschland Erfolge feierte, um dann nach Schweden zu gehen und wahrscheinlich auch dort jüdischen Flüchtlingen zu helfen, wurde 1953(!) im Berliner Sportpalast ausgepfiffen. Damit widerfuhr ihr ein ähnliches Berliner Schicksal wie Marlene Dietrich, die wenigstens bis 1960 mit ihrer Rückkehr auf die Bühne in Deutschland wartete, aber trotzdem noch immer als „Vaterlandsverräterin“ angesehen wurde. Mittendrin Bruno Balz. Gerade die Trivialität (Roland Barthes) des Schlagers und seiner Texte schlug dem Regime ein Schnäppchen. Allerdings war die Herrschaft des Regimes eben noch lang nach dem Krieg nicht einfach beendet. Gerade auch für die Schwulen in Ost und West nicht.

Der Chor Männerminne sang vielstimmig und hoch professionell zur Eröffnung am Donnerstagabend Lieder von Bruno Balz u.a. den Serrano-Hit Roter Mohn … und Im Mai ...

 

Bruno Balz soll bis zu 1.000 Schlagertexte gedichtet haben. Und auf seltsame Weise gab es wohl immer eine Spur des Queer-Biographischen in seinen Texten. Man kann es auch Hybridität nennen. So soll er im ersten Jahr der Bekanntschaft mit seinem Lebensgefährten Draeger das Lied Wir wollen niemals auseinandergehn (1960) getextet haben.    

          

In der Ausstellung ist das Verbrecheralbum des Erkennungsdienstes der Polizei, "Kategorie Homosexuelle" von 1937  aus konservatorischen Gründen nur 4 Wochen zu sehen. Es ist eine Novität die Hunderte von erkennungsdienstlichen Erfassungen von Homosexuellen in Berlin aufführt. Dabei könnten die Herren mit ihren Hüten ohne weiteres zur gegnerischen Kategorie der Polizeispitzel zählen. Doch wo das Fallbeil der Kategorie herrscht, gibt es keine Hybridität mehr.

Papa, sind die alle schwul, fragt ein Junge von vielleicht 10 Jahren am Abend der Eröffnung, als ich das mörderische Album fotografiere. Sagt der Vater: Nein, wahrscheinlich sind sie nicht alle schwul, aber sie sind deshalb fotografiert worden. Etwas verquer die Antwort des Vaters.  Doch die sind wahrscheinlich  schwul. Aber schwulsein ist nicht schlimm, sage ich zu ihm. Dass die Männer deshalb von der Polizei fotografiert worden sind, das ist schlimm.

 

Die Verfolgung und Diskriminierung der Schwulen etc. ist mit einiger Verve und gestalterisch auf der Höhe der Zeit inszeniert. Neben den Einzelschicksalen auf den Akten ist allein der Stapel mit den Aktenkartons erdrückend und bedrückend.

Die Ausstellung ist gut inszeniert, informativ und wartet mit einigen Entdeckungen wie den Fotografien des ersten bekannten Berliner Crossdressers, Gerda von Zobeltitz, auf. Fast nebenbei erfährt man, dass von Zobeltitz schon 1914 durch ein Gutachten von Magnus Hirschfeld vom Preußischen Staat die offizielle Erlaubnis erhielt, sich in der Öffentlichkeit als Frau zu kleiden.

Sehr empfehlenswerte Ausstellung mit Begleitband, der mehr ist als nur ein Ausstellungskatalog.

 

Torsten Flüh

 

Verzaubert in Nord-Ost

Die Geschichte der Lesben, Schwulen und Trans*

in Prenzlauer Berg, Pankow und Weißensee

 

12. Juni bis 12. Dezember 2010

 

Museumsverbund Pankow

Prenzlauer Allee 227/228

 

M2, Knaackstraße/U2, Senefelder Platz

Sa bis Do, 10:00 bis 18:00 Uhr

Eintritt frei

 

Infos durch den Sonntags-Club