ACTORS of HISTORY

Bild - Stimme - Akteure

 

 

ACTORS of HISTORY 
Zwischen Michael Jackson und Akademie der Künste

 

Er war ihr 2002 bei seinem Berlin-Besuch ganz nah gewesen, als er im Adlon Hotel am Pariser Platz Hof hielt. Er war nicht ihr Mitglied. Aber er wurde nun im Vortragssaal der Akademie der Künste über dem Platz erwähnt. Sigrid Weigel bedankte sich als Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL) bei den Gästen, dass sie trotz des „Begräbnisses von Michael Jackson“ zur Veranstaltung gekommen waren. Doch handelte es sich in LA überhaupt um ein „Begräbnis“? Was hatte Michael Jackson mit dem Abend in der Akademie der Künste zu tun?


Mitglieder der Akademie der Künste erleuchtet.

Die Stars waren an diesem Ort in Berlin Georges Didi-Huberman und Carlo Ginzburg. Näher konnte Michael Jackson dem akademischen Gespräch zweier Kulturwissenschaftler der Spitzenliga nicht kommen. Und ferner konnte er nicht sein. Es ging um Bilder. Es ging um die Stimme, the voice. Es ging um die History und deren Akteure. Im Hintergrund das Rauschen eines Michael Jackson-Titels, der erst durch das Zusammentreffen von Schrift und Bild in der Typographie lesbar wurde: HIStory (1995).

Georges Didi-Huberman und Carlo Ginzburg – Humboldt-Forschungspreisträger 2007 und 2008 – hatten ihr Streitgespräch in Kalifornien, USA, vor einiger Zeit begonnen. Zwei um den Globus jettende Groß-Kulturwissenschaftler, der eine aus Frankreich, der andere aus Italien. Nach dem Gespräch lässt sich sagen, dass beide durchaus über darstellerische Qualitäten verfügen. Didi-Huberman, der zurückgenommene, französische Intellektuelle mit unübersehbarem Esprit. Carlo Ginzburg, der groß-gestikulierende, italienische Intellektuelle mit ausdrucksstarken Augenbrauen. Schon die Körpersprache konnte nicht unterschiedlicher sein. Die theoretischen Positionen zum Thema mussten sich allein deshalb vehement unterscheiden.


Podiumsgespräche zwischen Georges Didi-Huberman, Martin Treml (ZfL) und Carlo Ginzburg

Beide knüpften mit ihren Überlegungen und Positionen stark an die deutschen Kulturwissenschaftler Walter Benjamin und Aby Warburg an. Bei einem Abend, dem schon historischen Dienstag, den 7. Juli 2009, an dem es um Bilder und Geschichte geht, kann das kaum überraschen. Der Engel der Geschichte - vielleicht so etwas wie des Geschichtlichen überhaupt - ging am Pariser Platz vorüber. Als Projektion auf der Wand hinter dem Podium hielt sich während des Gesprächs ein Bild, das Didi-Huberman mit seinem bilderreichen Statement eingeführt hatte. Die Diskutanten nahmen wiederholt und unterschiedlich Bezug darauf.

Es war die italienische Renaissance-Darstellung eines knienden Bettlers und einer gebückten Alten am Stock, die an den Bettler bettelnd herantritt. Es könnte auch eine Allegorie auf die Wissenschaft sein, die sich, um Sinn ringend, an die Geschichte wendet. - Didi-Huberman hatte das Bild humanistisch gelesen und in ihm überhaupt ein bildgebendes Verfahren gesehen, mit welchem den Armen ein Gesicht und ein Körper gegeben wird. Dieses Verfahren gerät im 20. Jahrhundert mit dem Film und den gesichtslosen „Extras“, wie Filmstatisten im Amerikanischen heißen, in eine Krise. Es ist eine Krise der Repräsentation von Geschichte, die bereits Walter Benjamin in den zwanziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts diagnostizierte.

 

Podium mit Porjektion

In Hollywood hat der „Extra“ kein Gesicht und keine „acting qualities“, keine darstellenden ebenso wie handelnden Qualitäten. Das „bad acting“ ist vielmehr sprichwörtlich für „Extras“. Sie sind die Masse. Und wenn sie als Einzelne ins Bild rücken, misslingt ihr „acting“ in der Regel. Der russische Regisseur Sergej Eisenstein hatte in seinen Filmen wie dem kommunistischen Revolutionsfilm „Panzerkreuzer Potemkin“ dagegen versucht, dem „Extra“ ein Gesicht und eine handelnde Rolle zu geben.

Die Frage nach dem Bild vom Handelnden in der Geschichte besteht zumindest seit dem 20. Jahrhundert als Problem. Das Bild und die Rolle des „Extra“, die paradoxer Weise nur in ihrer Indifferenz, in der Ununterscheidbarkeit der Masse eine Rolle spielt, bleibt ein Problem von Geschichte und Handelndem. Die Differenz, die in der Masse durchaus vorhanden wäre, bleibt eine Undarstellbare. Didi-Huberman zieht die Darstellung durch das humanistische Einzelbild - mit Stimme und Namen - vor, weil sie zum Beispiel dem Soldaten der alliierten Truppen bei der Landung in der Normandie wie dem ermordeten Juden im KZ auf dem Leichenberg als Individuum Gesicht und Name zurückgibt und ihn zum Akteur der Geschichte werden lässt. Aber ist es wirklich ethischer?

Das Bild vom knienden Bettler und der gebückten Alten am Stock trat mit dem Fortgang des Abends als Hintergrundbild immer stärker hervor. Carlo Ginzburg, dem wir die Mikrohistorie als Disziplin verdanken, machte in seinem Statement auf ein mikrologisches Ereignis aufmerksam. Dem Unterschied zwischen der Stimme und dem Handelnden/the gab between history and actor.

Seine beispielhafte Erzählung bezog sich am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor auf einen ebenso präsenten wie abwesenden Moment. Nämlich auf den Abend des 9. November 1989 als Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum der DDR in der Mohrenstraße – nur einige Gehminuten entfernt vom Pariser Platz – eine vorformulierte Erklärung zur Reiseregelung verlas und vom italienischen ANSA-Journalisten Riccardo Ehrmann unerwartet vor laufenden Kameras live gefragt wurde, ab wann die Regelung gelte. Schabowski antwortete wörtlich:

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Noch am selben Abend wurde der Grenzübergang Bornholmer Straße als erster geöffnet. Am Morgen des 10. November 1989 war die Reeperbahn in Hamburg voller Trabis. Es war das Ende der DDR.

Der verunglückte Satz, die drei Auslassungspunkte sind es oder eben eine winzige Pause der Sprachlosigkeit - auf YouTube allgemein zugänglich dokumentiert -, die die Frage nach dem Actor of History beantwortet und auch nicht. Wer war das handelnde Subjekt, wenn es für einen Moment in den Abgrund der Sprachlosigkeit gestürzt wurde?

Drei Punkte, eine Pause, ein Herzstillstand UND die Erzählung der Geschichte setzt ein. Es gibt Geschichte/History oder Historia UND es gibt die Geschichte im Sinne einer Erzählung. Auf dieses Moment machte Carlo Ginzburg zweifellos prominent aufmerksam.


Zuhörer, die nicht live in LA dabei sein konnten.

Gilt das auch für den Abend des 7. Juli 2009, als 700 Millionen oder gar eine 1 Milliarde Menschen global live am goldenen Sarg des King of Pop standen? - Der Sarg war nicht wie üblich aus billigem Holz, Fichte oder Pressholz, Pappe gar, sondern aus Gold. Eine goldene spiegelnde Oberfläche, in der sich soviel wiedersehen ließ. Eine Spiegelfläche ist nichts. Sie ist reine Oberfläche und bietet Tiefe nur im Spiegeln. Es lässt sich alles in ihr sehen. Soviel hatte die Familie Jackson verstanden. Und soviel bot sie als Bild-Profi am Sarg der Welt.


S-Bahnhof-Gesundbrunnen mit händchenhaltendem Paar am 7. Juli 2009
  
    

Postscriptum: HIStory 1995 war ein Paradox. Die drei Majuskeln H, I und S behaupten eine Macht über „seine“ Geschichte. Es ging zweifelsohne um das Moment einer Selbstbehauptung. Jetzt rede ich! Ein individuelles und subjektlogisches Versprechen auf die eigene, wahre Geschichte. Dabei ist es doch gerade die Geschichte des Michael Jackson in den Medien, die die Macht über das Eigene und die eigene Geschichte ad absurdum führte. Nie war ein König machtloser in seiner Geschichte. Auch das ein benjaminsches Denkbild: The King of Pop in a golden coffin without brain.

Torsten Flüh