Das weiße Band von Michael Haneke - Stuerzende Pferde

Schwarz – Weiß – Rot

 

Stürzende Pferde

Michael Hanekes Meisterwerk Das weiße Band

 

Ein Pferd stürzt.

Ein Arm bricht. Eine Scheune brennt lichterloh. Eine Tochter bricht vor der väterlichen Gewalt zusammen. Der Wellensittich liegt mit der Schere gekreuzigt auf dem Schreibtisch des Pastors. Kohl-Köpfe werden mit der Sense abgeschlagen. - Chouchou, in Frankreich wachsen die Babys aus Kohl-Köpfen.

Die gute, alte Zeit. Um 1900 in Friedenszeiten noch. Als die Kulturbrauerei, wo ich den Film sah, als Bierbrauerei blühte, zogen noch richtige Pferde die Bierkutschen. In hölzernen Fässern wurde das Bier ausgeliefert. Die Schornsteine verströmten den Duft nach Hopfen und Malz über den Prenzlauer Berg. Brautag. Die Pferdeäpfel dampften in den kühlen Morgenstunden auf dem Kopfsteinpflaster.

 

Die Glocken der Segenskirche läuteten am Morgen und am Abend seit 1908. Ein Segen das blühende Kaiserreicher. Berlin platzte aus den Nähten. Am Sonntag läuteten die Glocken länger. Die Menschen strömten in die Kirche. Alte Weiber verkauften vor dem Portal Maiglöckchensträuße. Die gute, alte Zeit.

Es ist ein Mikrokosmos, den Michael Haneke für das Jahr 1913/14 in der protestantischen, norddeutschen Provinz schafft. Kleine Unfälle, kleine Kinder, kleine Köpfe. Alles ist ruhig und beschaulich. Die Schürzen sind gebügelt. Die Zöpfe geflochten. Alles ist in bester Ordnung, gäbe es diese kleinen, hässlichen Zwischenfälle nicht.

 

Was ist schon ein stürzendes Pferd? Wie kann man um einen gebrochenen Arm Aufhebens machen? Was soll einen der tödliche Unfall der Frau des Kleinbauern scheren? Sie sind doch nicht einmal besonders spektakulär diese dummen Sachen. Und wenn nun jemand den Sohn des Barons verdrischt und den behinderten, vaterlosen Sohn der Hebamme verprügelt, dann sind das doch eher Streiche als Verbrechen.

Da ist immer noch die schöne, fast unberührte Landschaft des Sommers. Da sind die Alleen friedvoll unter der Schneedecke. Da ist das tanzende Paar. Der junge Lehrer (Christian Friedel) und Eva (Leonie Benesch), die Tochter aus dem Nachbarsdorf, die ein Zugeld als Kindermädchen verdient. Da ist die kleine Kirche mit dem kleinen Chor der zum Reformationsfest: Ein fest Burg ist unser Gott singt.    

 

Michael Haneke erzählt mikrologisch. Er erzählt Eine deutsche Kindergeschichte, eine Geschichte von Menschen, die noch nicht groß sind. Mikrologisches Erzählen ist leise, ist ruhig und genau. In den mikrologischen Gesten, in winzigen Kammerspielen, in leisesten Tönen hockt das Grauen einer Gesellschaft, die sich selbst nicht mehr aushält. Nicht im großen Berlin, in dem Carl Einstein gerade, 1912, den ersten Großstadtroman deutscher Sprache – Bébuquin – veröffentlicht hat, sondern im Dorf kocht es siedend heiß unter der Oberfläche.

In Schwarzweiß sieht alles noch viel harmloser aus. Sie müssen schwarzweiß lesen, wenn Sie die Glocken der Segenskirche oben hören. In Schwarzweiß ist eben alles schwarz und weiß. Die Grautöne funktionieren auch als Schwarz und Weiß. Schwarzweiß kennt keine Sensationen. Das Blut ist nur mehr oder weniger schwarz.

 

Schwarz, Weiß, Rot, das waren die Farben des deutschen Kaiserreichs seit 1892. Das Rot fehlt im Film. Und das weiße Band ist eben ein weißes Band. In ihm aber zeigt sich der ganze Sadismus des Pfarrer-Vaters (Burghart Klaussner).

 

Selten, fast nie hat man Schauspieler im Kino mit einer derartigen Präzision spielen sehen. Wo heute der Schnitt das Kino bestimmt, wo der Schnitt im unvermeidlichen Trailer alles ist, regieren bei Haneke im Film die Einstellungen, die ein winziges Zucken aufbauen, das fast unsichtbare Ereignis in einem Augenwinkel zum dramatischen Höhepunkt machen. Man kann die Augen nicht lassen von diesen Gesichtern.

 

Die Zeit vergeht wie im Fluge, wenn man die ungeheuere Dramatik und unvorstellbare Gewalt in dem winzigen Zögern des Pfarrers sieht, als er der Tochter Klara (Maria-Victoria Dragus) beim ersten Abendmahl der Konfirmationsfeier den Kelch geben soll. - Für Dich gegeben. Nein, für Dich nicht. Doch auch für Dich, denn so mach ich Dich mir gefügig. - Die Tochter ist seine beste Schülerin.

 

Hanekes Regie, seine haarscharfe Erfindungsgabe, seine genauesten Beobachtungen lehren dem Kinobesucher hören und sehen. Erklärt, erklärt wird dabei so gut wie nichts. Die Erzählerstimme erklärt nicht. Sie berichtet in einer geradezu Kleistischen Ruhe, um das Ungeheuerlichste aufzudecken. Am Vorabend des Krieges herrscht kein Friede, sondern der Kleinkrieg eines Jeden gegen Jeden in einem kleinen Dorf. Der Krieg ist dann nur noch ein Abzug dessen, was die Gesellschaft zu Friedenszeiten regiert hat. Wenn der Feind in jedem Einzelnen steckt, dann muss man sich einen draußen suchen.

 

Beim Baron scheint alles noch am ehesten in bester Ordnung. Die Herrschaften geben das Erntedankfest mit dem Segen des Pfarrers. Wenn Sigi (Fion Mutert), der Sohn des Barons von Thomas Mannschen Gnaden, verprügelt wird, dann reist die Baronin samt Dienerschaft in den sonnigen Süden. Mit der Rückkehr scheint alles wieder ordentlich eingerichtet. Und dann gibt nach dem Abendessen ein Wort das andere. Die Baronin (Ursina Lardi) hält das Klima aus Missgunst und Neid nicht mehr aus. Der Baron (Ulrich Tukur) ist fassungslos. Präziser wurde selten eine Ehekatastrophe epochalen Ausmaßes in Szene gesetzt. Die Frau hat sich emanzipiert. Die Frau äußert ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit. Die Frau sprengt die Gesellschaft.

 

Im Kinosessel hält man diese Atmosphäre, diese Anspannungen, die nach und nach sich zeigenden Verlogenheiten kaum noch aus. Sind die Gardinen doch weiß und die Schürzen gebügelt. Der Bart des verwitweten Arztes säuberlich gestutzt. Respektspersonen, Honoratioren. In der Nacht hält sich der Arzt (Rainer Bock) im Behandlungszimmer schadlos an der eigenen Tochter (Roxane Duran).

 

Schön waren die Zeiten noch, als die Hebamme im Dorf wohnte und die Kinder zur Welt brachte. Die Hebamme (Susanne Lothar) ist das monströseste Opfer des Dorfes. Der Arzt ist angewidert von seiner alternden Geliebten. Sie lässt sich seine chauvinistische Hasstirade gefallen. Nur dass sie mit dem behinderten Sohn gestraft ist, das hält sie kaum noch aus. Die Behinderung des Kindes ist ihr Schandmal, das jede und jeder sehen kann. In der guten, alten Zeit waren körperliche und geistige Behinderungen Beweise für ein begangenes Unrecht.

 

Es hätte gut sein können, dass das ganze kleine Dorf, der Mikrokosmos implodiert. Stattdessen bricht der Krieg aus. Ein Segen. In der aller schönsten Eintracht kommt die Gemeinde ein letztes Mal in der kleinen Kirche zusammen.

 

Konrad Felixmüllers Soldat im Irrenhaus von 1918, Otto Dix' verschollene Kriegskrüppel von 1920, Ernst Barlach mit seiner weniger bekannten Figurengruppe für den Magdeburger Dom von 1929. Sie alle haben die zerfetzten Seelen und Körper als Mahnung an den Ersten Weltkrieg gemalt, aus dem Holz gestemmt und aufgestellt. An diesen Äußerlichkeiten entzündete sich abermals der gute Sinn der deutschen Gesellschaft. Es hat lange gedauert bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Gesellschaft ihr Recht bekamen. Doch hat man Hanekes Das weiße Band gesehen, dann sind all die zerfetzten Münder, Nasen, Fressen nur eine verspätete Äußerlichkeit.

 

Es ist ein nie zuvor gesehenes Meisterwerk, das Michael Haneke geschaffen hat. Alles nur in Schwarzweiß und leise in einem kleinen Dorf mit kleinen Menschen. Das Rot, das muss sich der Kinobesucher schon selber denken. Ist es einmal geschehen, lässt es ihn nicht wieder los.   

Torsten Flüh