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Fotografie – copyright – Magazin

 

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Als die Fotografie um 1840 fast gleichzeitig in Paris und England auf verschiedene Weise erfunden wurde, stellte sie sogleich den Künstler in Frage. Wer hatte das Bild gemacht?

 

William Henry Fox Talbot nannte als Antwort sein und damit das erste Fotobuch überhaupt in zwei Zusammenstellung zwischen 1844 und 1846 The pencil of nature/Der Zeichenstift der Natur. Talbots emphatisches Versprechen, dass niemand Anderes als das Licht selbst die Sonnen-Bilder (sun-pictures), ohne die Hilfe eines Künstlers in die fotografische Platte eingeschrieben habe, brachte gleichzeitig die ungeheuerliche Frage nach dem Recht des Fotografen am fotografischen Bild hervor – das Copyright.

 

Ute Lindner: La Jolla 2008 - Fotografie, Diasec. 110 x 140 cm.

 

Bis zum Jahrhundertwechsel 1899/1900 ließ die Frage unablässig das neue Medium Fotografie selbst als fragwürdig erscheinen. War sie Kunst oder seelenlose Technik? Kennt die Fotografie ein Subjekt? Oder läuft etwa alles von selbst? Das seelenlose und subjektlose Ding Fotografie, das nicht Nichts war, beunruhigte die Kunst und Künstler ca. bis zu Jahrhundertwende. Schließlich wurde in langjährigen Prozessen vor Gericht das Recht am fotografischen Bild dem Fotografen zugesprochen.

 

Ute Lindner: Through the looking glass (Arthur) Siebdruck auf blauem Glas. 120 x 100 cm 2008

 

Mit der digitalen Fotografie als einem Wechsel vom Analogen – Sonne - zum Binären – 0 und 1 - ging in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erneut ein kräftiger Ruck durch die Bildwelt. Er ist heute schon fast vergessen. Anders gesagt: Um die Wahlplakate für Angela Merkel und Co. als Fotos zu sehen, muss man die digitalen Bildbearbeitung schon vergessen haben. Damals aber fragte man sich: Wenn das Foto kein analoges Bild mehr zeigt, was soll dann aus der Fotografie werden? Wenn es anstatt der Sonne nur noch die veränderbare Binarität gibt, kann man dann noch an die Bilder glauben? Wo bleibt die Fotografie in den unendlichen digitalen Weiten von Photoshop?

 

Mit Roland Barthes’ kleinem, aber epochalem Büchlein La chambre claire/Die helle Kammer, 1980, stand das Subjekt angesichts der Fotografie ein weiteres Mal in Frage. Barthes rettete sich ins Individuelle. Den großen digitalen Umbruch hatte er noch nicht im Auge.

 

Bei jedem Medienwechsel vermögen neue Bilder, die ein Mehr an Schärfe oder Wirklichkeit – HDTV - versprechen, das Subjekt aufs Heftigste zu verunsichern. Jedes Mal gibt es eine Art Spiegeleffekt, der die Frage stellt: Wer bin ich? Bin ich Maler? Bin ich Fotograf? Bin ich Autor? Medienwechsel bringen stets zu allererst diese beunruhigende Frage mit sich. Warum? Spiegelungen, Sichtbarkeiten, Subjekt/Objekt, Innen/Außen, Dauer und Flüchtigkeit durchdringen Medien.

 

Lindner/Huber copyright projektraum Bernauer Ecke Brunnenstraße

 

 

 

Ute Lindner und Patrick Huber stellen sich als Künstler seit einigen Jahren immer wieder diesen Fragen. Copyright ist aus LindnerHuber hervorgegangen. Das sind zwei. Und das ist schon wieder schwierig, weil es doch immer um die Zuschreibung eines einzigen Rechts am Bild und an der Kunst gehen soll.

 

2006 lernte ich Ute Lindner und Patrick Huber auf ihrer Ausstellung während des Mois de la photo in Paris am Gare de Paris-Montparnasse kennen. Das ist heute so, weil Ute Lindner und Patrick Huber in der Bernauer Straße an der südlichen Grenze von Berlin-Wedding ihren copyright projektraum hatten. Man fährt nach Paris und Freunde von Freunden sagen einem, man müsse den und den kennenlernen. Und dann sind es fast Nachbarn aus Berlin.

Patrick Huber: Paris Love 2006

 

Am 1. September 2009 ist nun die Nummer 7 des copyright magazins erschienen. Das copyright magazin ist aus dem zwischenzeitlichen copyright projektraum in der Weddinger Schwedenstraße 16 hervorgegangen. Es widmet sich dem Thema der Abwesenheit: Here there and anywhere … Von Geistern, Hologrammen und anderen Abwesenheiten

 

Damit nimmt sich die neue copyright-Ausgabe einem weiteren entscheidenden Thema der Fotografie an. Fotografie ist auch immer das, was nicht mehr da ist. Es ist immer schon etwas Vergangenes. Ein Datum und Daten von etwas, das vergangen ist. Insofern wird ein fotografisches Thema mit dem magazin ein weiteres Mal gedreht. Das Magazin, das sich aus den Arbeiten im projektraum entwickelt hat, nimmt der Leser und Betrachter an einem Abend in die Hand, wenn der projektraum sich bereits aufgelöst hat.   

 

Da sitze ich nun an einem Abend mit dem copyright magazin auf meinem Lesemöbel und versetze mich wechselweise in die Labore, den Projektraum und ein Symposium. Etymologisch ist ein Magazin ein Vorrats- oder Lagerraum und eines der wenigen Wörter, das in den romanischen Sprachen aus dem Arabischen übernommen worden ist. Denn das Arabische mahazin kommt von dem Singular mahzan, das soviel wie Warenniederlage oder Lagerhaus heißt.

 

Deshalb ist ein Magazin Lagerraum für Daten, um es einmal so zu formulieren. Daten werden unterdessen nicht einfach aufbewahrt, sondern sie warten auf die Wertschätzung eines Kunden oder Lesers. Er oder sie misst den Daten allererst Wert bei. Man darf demnach bei einem Magazin genauso wenig wie bei einem Foto erwarten, dass Daten einfach nur gespeichert sind und dann abgerufen werden. Vielmehr gewinnen die Daten durch den Leser allererst ihren Wert. Deshalb ist in der Fotografie das Fotografierte nicht einfach abwesend oder anwesend.


Ute Lindner: Through the looking glass. Savignyplatz, Berlin 2007

Das copyright magazin No. 7 versammelt Laborarbeiten von Jenny Michel/Michael Hoepfel, SpringerParker, Yuki Jungesblut und Doreen Uhlig. Durch einen Ausstellungsparcours im September 2008 kamen weitere Künstler wie Beck/Huber, Markus Bertuch etc. hinzu. Schließlich fand am 6. und 7. September 2008 in der Akademie der Künste, Berlin, ein Symposium mit Wolfgang Ullrich, Birgit Eusterschulte u. a. m. statt. Besondere Erwähnung soll aus den Arbeiten von „Gedankenpumpe“ bis zur Frage „Gibt es auch in China Gespenster?“ „At safe distance“ von Fabrizio Urretini/Matteo Segna/Yuki Jungesblut finden. 

„At safe distance“ ist ein sehr lesenswertes Essay über die Verwendung der Fotografie für polizeiliche Zwecke seit 1839. Denn der Physiker und Politiker François Aragò hatte dem französischen Staat den Ankauf des Patents für die Fotografie empfohlen, weil Daguerres’ fotografisches Verfahren der Daguerreotypie zum ersten Mal die Fixierung eines fotografischen Bildes auf einer silbrigen und spiegelnden Platte garantierte. Damit glaubten die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, sie hätten das Bild auf Dauer und könnten der Gesellschaft wie der Natur habhaft werden.

Seit 1879 entwickelte dann der französische Kriminalist und Anthropologe Alphonse Bertillon ein anthropometrisches Verfahren, die Bertillonage, um Verbrecher standardisiert für polizeiliche Karteien zu erfassen. Wie die Autoren anmerken, sind es die Vorläufer jener Techniken, die heute als Antwort auf Phobien jeglicher Art des guten Staatsbürgers funktionieren:

Das obsessive Herausstellen des „Staatsfeindes“ und seiner PRÄSENZ generiert auf der einen Seite eine gewisse fortwährende Unsicherheit und Angst und koppelt diese mit der Beruhigung, dass aber auf der anderen Seite diese soziale Abnormität bestens kontrolliert wird. S.35

Wir grüßen an dieser Stelle Herrn Schäuble & Co.                  


Ute Lindner: Belichtungszeiten 1996

Unter den vielseitigen Arbeiten von Ute Lindner und Patrick Huber ist es immer wieder Ute Lindners witzige fotografische Arbeit „Belichtungszeiten“ von 1995, die mich besonders berührt. „Belichtungszeiten“ zeigt einerseits etwas, das nicht mehr da ist. Und sie zeigen vor allem, wo Bilder gewesen sind. Das Bild ist, dass kein Bild mehr da ist. „Belichtungszeiten“ zeigt, wo Bilder gehangen haben. Nämlich sogar richtige Gemälde. Dabei hat sich die Fotografin nicht einmal exponiert, sondern nur die alte, von der Sonne ausgeblichene Wandbespannung einer Gemäldegalerie ausgeschnitten. Wenn Ute Lindner nicht einmal mehr selbst fotografiert hat, kann sie dann ein Copyright an den „Belichtungszeiten“ haben?

Natürlich darf man sich nun alle möglichen Gemälde, die dort gehangen haben mögen, imaginieren oder man lässt einfach die Gedanken über die Fotografie weiter schweifen.

 

Torsten Flüh

RELEASE copyright magazin No. 7

Here, there and anywhere ... Von Geistern, Hologrammen und anderen Abwesenheiten

Die aktuelle 7. Ausgabe von copyright ist soeben erschienen. Auf 120 Seiten dokumentiert sie das umfangreiche Projekt vom letzten Jahr zum Thema An- und Abwesenheit mit acht Ausstellungen und einem Symposium mit über zehn Vorträgen in der Akademie der Künste, Berlin. Als zeitlich begrenzte Sonderaktion ist die Publikation zu einem Preis von 12 EUR bei uns erhältlich. Ein PDF mit Auszügen (296 KB) ist hier als Download bereit gestellt.

21 x 21 cm, 120 Seiten, 19 EUR
ISSN: 1439-7730
© Künstler und Autoren
Berlin 2009

Bestellungen bitte per Mail unter info(at)copyright-projekt.de
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