Matratzenhöhlen im Theaternebel - Das Meese Prinzip von Oliver Kluck beim Theatertreffen 2010

Publikum – Stück – Generation

 

Matratzenhöhlen im Theaternebel

Das Meese Prinzip von Oliver Kluck beim Theatertreffen 2010

 

Her mit den Matratzen, mit den Wäschestücken, Decken und Kissen, ich will mir eine heimliche Höhle bauen. Ich mach mir ein Jacuzzi draus. Ich hab solche Sehnsucht nach den Mädchen - und einer Höhle. - Diese Sätze werden in Oliver Klucks Das Meese Prinzip, das kein Stück sein will und eigentlich auch kein Theater, nicht gesprochen. Trotzdem war der Abend im Gorki Studio ein tolles Theatererlebnis.

Das Meese Prinzip in der Inszenierung von Antù Romero Nunes ist Fernsehshow, Animationstheater, Stück ohne Handlung, Comedy, Sozialsketch, Verneinungstheater. Wenn es soviel ist, und das auf einmal, dann muss es schief gehen oder sehr gute SchauspielerInnen müssen den Abend tragen. Das Gorki Theater hat mit Anika Baumann mit Wollstrickmütze und Trainingshose und Michael Klammer im Trainingsanzug und Strumpfhose zwei Ausnahmeschauspieler. Der Beifall und die Bravorufe wollen im kleinen Studio am Schluss nach ca. 80 Minuten Spieldauer kaum enden.

Timing ist alles auf dem Theater. 80 Minuten durchgespielt mit allerlei Gesangs-, Musik- und Off-Stimmen-Einlagen sind ein gutes Timing. Das strapaziert die Konzentration nicht zu sehr. Das ist medienkompatibel. Schließlich wendet sich das Stück an die Generation der 30jährigen.

 

„Kennt ihr …?“ Und dann fragt Anika die Fernsehserien ab, mit denen die Generation aufgewachsen ist. Sie macht das, als wolle sie sich mit dem Publikum anfreunden, als wolle sie sich verschwistern. Im nächsten Moment brüllt sie den Fernsehguckern entgegen, dass sie eine „erbärmliche Generation“ sind.

Das Prinzip Meese war auf dem Stückemarkt beim letzten Theatertreffen mit dem Förderpreis ausgezeichnet worden, der von der Bundeszentrale für politische Bildung gestiftet wurde. Es ist also ein Preisträgerstück Made by tt. Ein Kind des Theatertreffens selbst. Ganz nah dran an den aktuellen Theaterströmungen.

Das Theatertreffen hat eine lange Tradition. Es ist ein Mythos. Ein Berlin-Mythos wie die Berlinale. Seit 1964 - warum wohl 1964 – treffen sich jedes Jahr im Mai Theaterschaffende, Journalisten und Gäste in Berlin. Eingeladen werden zum Theatertreffen die 10 „bemerkenswertesten Theaterinszenierungen“. Das garantiert die Frage: Weißt du noch? Heute sagt man aber eher Glamour.

 

Die Geschichte des Theatertreffens ist Zeitgeschichte. Meistens hautnah. Inszenierungen in den 70er Jahren beim Theatertreffen kamen von Peter Stein, Dieter Dorn, Fritz Kortner noch, Rudolf Noelte, Rainer Werner Faßbinder, Peter Palitzsch, Hans Neuenfels, Luc Bondy, Klaus Michael Grüber. Klaus Peymann und wie sie nicht alle heißen und hießen. Peter Stein war in einigen Jahren gleich mit zwei Inszenierungen vertreten. Das schaffte sonst nur noch Peter Zadek.

Das Theatertreffen bot eine gewisse Orientierungshilfe zunächst in der bundesdeutschen Theaterlandschaft. Und die großen Namen wie Peter Stein, Peter Zadek und Klaus Michael Grüber waren Fixsterne, die die Navigation auf den Theatermeeren erlaubten. Das ist anders geworden. Die Fixsterne leuchten in der neuen Unüberschaubarkeit weniger stark, wenn überhaupt noch.

 

Als am 15. Mai in der Akademie der Künste am Pariser Platz der Joana-Maria-Gorvin-Preis an Jutta Lampe, die einen einzigartigen Stil geprägt hat, verliehen wurde, Edith Clever und Peter Stein Reden hielten, die nicht so ganz gelingen wollten, war das auch eine Wiederkehr eben jener 70er und frühen 80er Jahre des Theatertreffens und des Berliner Theaters. Doch sie geriet wohl eher zur Farce.

Der Joana-Maria-Gorwin-Preis wird alle 5 Jahre von fünf männlichen Mitgliedern der Sektion Darstellende Kunst der Akademie der Künste verliehen und ist mit 25.000,- € dotiert. 1995 erhielt als Erste Pina Bausch den Preis, der von Maximilian B. Bauer, dem zweiten Mann der Schauspielerin Joana Maria Gorwin (1922-1993), gestiftet wurde. In erster Ehe war sie mit Jürgen Fehling (1885-1968) verheiratet, der mit ihr in etlichen Hauptrollen das Berliner und bundesdeutsche Theater der 50er Jahre prägte.

 

Jedes Theater hat sein Publikum. Theater braucht Publikum. Das war schon immer so. Während aber über das Theater und seine Theaterschaffenden viel gesprochen und geschrieben wird, bleibt das Publikum meist im Dunkel des Zuschauerraums. Gelegentlich der Aufführung im Gorki Studio war das Theatertreffenpublikum doch deutlich ein anderes als das, das sich auf der Hauptbühne des Maxim Gorki Theaters Friedrich Dürrenmatts (1921-1990) Der Besuch der alten Dame anschaute. Das verwunderte mich zunächst, als ich meine Karte abholte.

 

Das Publikum im Haupthaus war gestern Abend eine Mischung aus Lehrerinnen und Lehrern, Schulklassen und Theatergängern des gesetzten Alters. Der Besuch der alten Dame wird offenbar noch immer in der Schule gelesen, so wie es damals zu meiner Schulzeit war, dachte ich mir. Naja, ist ja auch ein wichtiges Stück.

Aber ist Dürrenmatts tragische Komödienhaftigkeit heute noch relevant? Ist das nicht eher etwas altbacken. Gibt es denn noch eine „westliche Wohlstandsgesellschaft“? Und wird im Besuch nicht eher eine verniedlichende Art der „Macht des Geldes“ vorgeführt. Gut, ich habe die Inszenierung nicht gesehen. Kann sein, dass sie den guten, alten Großdramatiker Dürrenmatt mit seinem Stück von 1956 aufpoliert hat. Ist auch immer ein Stück für Großschauspielerinnen gewesen.

Jedenfalls war es frappierend, wie sehr sich das eine Publikum von dem anderen an jenem Abend unterschied. Das hat viel mit dem Stück von Oiver Kluck, das kein Stück sein soll, zu tun. Es hat aber auch etwas mit dem besonderen Theatertreffenpublikum zu tun. Festivalpublikum ist immer ein wenig aufgeregter als das übliche Theaterpublikum. Es erwartet keinen Theaterabend als solchen, vielmehr soll es schon ein besonderer werden. Gern auch kontrovers. Wobei die Bereitschaft zur Kontroverse wiederum vom jeweiligen Festival abhängt.

„Das Theater braucht dieses Stück nicht. Dieses Stück muss kein Erfolg werden“, verkünden eine männliche und eine weibliche Stimme aus dem Off, während Matratzen, Wäschestücke, Decken und Kissen in den Bühnenraum getragen werden. Dann kommen Micha und Anika aus dem Theaternebel in den Bühnenraum. Er mit einer Tuba, sie mit einer Strickwollmütze auf dem Kopf. Micha und die Tuba sind ein Kapitel für sich. Micha mit Tuba und Blockflöten durch die Nasenlöcher spielend, in der Matratzenhöhle fernsehend, ist in den einzelnen Sequenzen ein sympathisches Weichei. Anika lümmelt mit der Mütze auf dem Kopf in Kissen. Sie ist der Motor und die Göre, die bis an den Rand der Publikumsbeschimpfung geht.

„Das Prinzip Meese ist das Finden der eigenen Verwirrung“ dieser Generation, zu der Micha und Anika gehören und von der sie nicht einmal genau wissen, ob sie das nur spielen oder es selbst sind. Klucks „Stück ohne Stück“ ist natürlich auch ein Stück ohne Rollen. Und eigentlich hatte Kluck sich maximalprovokant sowieso gewünscht, dass Helmut Schmidt, der Welterklärer der ZEIT, den Text liest.

 

Helmut Schmidt, der durch seine Politik- und Finanzsystembeiträge sowie durch Zigarettenpausen mit Giovanni di Lorenzo nahezu wöchentlich die Welt erklärt, sollte den Text einer Generation lesen, die sich selbst nicht versteht, Serienfernsehen sieht, Matratzenhöhlen baut, Hanuta mit Sammelbildern isst, ständig die Wasserflasche mit sich schleppt und Winterstrickwollmützen im Sommer trägt, lesen. Na, wenn das kein Statement des Autors zur Generationenfrage ist.

Anika und Micha spielen einen Text, der keine Rollen, keine Charaktere entwickelt. Das ist für Schauspieler ziemlich schlecht. Wie soll man da eine Rolle spielen? Oder Anika und Micha springen immer wieder in neue Rollen. Micha mit Tuba, Thomas aus der Schule, Alexander, der Jungzahnarzt, Animateur, Samstagabendshowmaster etc. Bei Anika genauso auf der Frauenspur. Und die O-Töne von den Generationsbeispielen kommen dann genauso wie in der Dokufiction der Privatsender. Verblödung pur. 

 

Gefehlt hat eigentlich nur noch eine Episode direkt aus dem Privatfernsehen von RTL z.B. aus der Anti-Messie-Sendung Einsatz in 4 Wänden mit Tine Wittler. Euphemistisch heißt dort eine Sendung Vom alten Bauernhaus zum schönen Liebenest. In der Sendung werden total zugemüllte Wohnungen und Häuser von Paaren und Familien entmüllt und mit Dekoschrott gestylt. Die Entmüllungs-Tine geht dann mit den Kandidaten sozusagen in einer Kurzreha durch die gestylte Wohnung und jauchzt, wie schön alles geworden ist. - Leider wurde diese Episode vergessen, wohl weil eine zweite Tine nicht so schnell zu finden war.

Mit den Matratzen und all dem Zeugs ist Micha eigentlich ein Messie. Jemand, der sich durch das Sammeln von Müll oder zum Beispiel auch Zeitungen auf paradoxe Weise, einen heimlichen Raum schafft. Der unwirtliche Ort wird zum Inbegriff des Heimlichen, obwohl er bereits unheimlich ist. Vielleicht ist gerade das ein gutes Bild für eine Generation, die hochqualifiziert ist, mehrere Sprachen spricht, stets viel gereist ist, sich selbst globalisiert und flexibilisiert hat, und die doch einen heimlichen Ort gegen die Un-homeliness der Serien, des Fernsehens und der digitalen Medien sucht.

 

Das Publikum lachte viel. Ein Großteil des Publikums war um die Dreißig. Nach anfänglichem Zögern kamen auf Anikas Serienfrage, dann doch viele Serien aus dem Publikum. Und als Micha und Anika in Animateurmanier das Publikum dazu aufforderten, mit dem Leuchtdisplay des Mobiles oder sonst einem leuchtenden Gegenstand, den anderen eins auf den Kopf zu hauen, da gingen im Publikum wirklich die Leuchtdisplays an und die Übung wurde von fast allen mitgemacht.

 

Letztlich ist Das Prinzip Meese ein hochparadoxer Text: zum Lachen todtraurig. Michael Klammer und Anika Baumann führen ihn in scharfer Weise mit viel Talent vor. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie sich selbst wunderten, wie sehr das Publikum mitmacht. Wie das Publikum auf Samstagsabendshowmoderation, Goldschnipselregen am Schluss und Comedy-Einlagen abfährt, das hatte auch einen überraschenden Effekt.


Zum Schluss bleibt die Frage, ob das Generationenkonzept, wie es hier auf die Altersgruppe der Dreißigjährigen angewendet wird, noch ein zeitgemäßes Erklärungsmodell ist. Aus dem Off kommen am Schluss wieder durch eine Männer- und eine Frauenstimme genau Anmerkungen in diese Richtung.

 

Funktioniert das Konzept der Generationen noch, das die Statistiken des Staates generieren? Oder sind die Grenzen der Generationen mittlerweile nicht längst porös? Ist das Wissen über eine Generation nicht schon längst einer Post-Generation gewichen? Dem Nicht-Wissen darüber, was heute eine Generation jenseits von Fernsehserien noch ausmacht.

 

Generationen werden meistens in Dekaden gerechnet. Der Generationenvertrag bezeichnet einen fiktiven, gesellschaftlichen Konsens, dass die jüngeren, produktiven Generationen für die älteren in der Rentenversicherung sorgen. Doch längst wird der Generationenvertrag als Euphemismus diskutiert. Das wirkungsmächtige Denken in Generationen wird sich nicht nur durch eine Generation der jetzt Dreißigjährigen verschieben.


Das Publikum im Studio aus Theatertreffenbesuchern und Leuten um die Dreißig, also nicht mehr Schulklasse und Besuch der alten Dame, war vielleicht noch stärker als das Stück selbst, aber auch nicht ohne es, die Momentaufnahme und Signatur des Theatertreffens 2010.

 

Torsten Flüh

 

Theatertreffen 2010

noch bis 24. Mai 2010