Außerirdisch

Spätschwimmen – Architektur – Duschen

 

Außerirdisch

 

Zwei außerirdische Raumschiffe haben sich fast unbemerkt in den Erdboden an der Landsberger Allee eingegraben. Metallisch schimmert ihre Außenhaut nachts im Flutlicht. Das leise Surren von Maschinen steigt in die Nacht. Chlorhaltige Dämpfe steigen auf.

 

Straßenbahn- und Autofahrer auf der Landsberger Allee fahren an den Raumschiffen einfach vorbei. Sie können sie nicht sehen von der Straße. Nur dem Fußgänger, den Gästen des Generator Hostels oder des Andel’s Hotel sowie einigen wenigen Anwohnern erschließen sich die wahren Ausmaße der Raumschiffe. Das eine rund, das andere quadratisch.

 

Gelandet sind die Raumschiffe im Prenzlauer Berg 1997 und 1999 dank der Deutschen Einheit und der Nachwende Euphorie, die Berlin schon als Olympiastadt 2000 sah. Und dann dauerte alles viel länger und die Euphorie schwand. Sydney durfte die Olympischen Sommerspiele 2000 beherbergen und die ganz großen Bauprojekte in Berlin wurden verschoben. Dominique Perrault durfte das Velodrom und die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark (SSE) trotzdem bauen.

 

Mit dem Bau war im Juni 1993 kurz vor der Entscheidung gegen Berlin und für Sydney begonnen worden. Zuvor fast zweitgleich baute Perrault die neue Bibliothèque nationale de France in Paris von 1990 bis 1996. Die vier Türme der Bibliothèque – Tour du temps, Tour des lois, Tours des nombres, Tours des lettres – stehen wie aufgeschlagene Bücher gegeneinander. Sie wirken in ihrer Größe und metallisch-gläsernen Fassade genauso außerirdisch wie die beiden Bauten des Europasportparks.

 

Im Velodrom finden das alljährliche Berliner Sechstagerennen und viel zu wenig Konzerte statt. Im Dezember kommt Rammstein mit 4 Konzerten. Das Sechstagerennen im Januar ist eine Berliner Institution. Aber außerirdisch ist das Velodrom trotzdem. Es bietet 12.000 Plätze. In der SSE gibt es Spätschwimmen zur Konzertzeit ab 20:00 Uhr. Ist auch entschieden günstiger: 2,50 €. Dafür darf man bis 22:00 Uhr schwimmen. Um 22:30 Uhr wird die Halle geschlossen.

 

Die SSE besteht eigentlich aus zwei Hallen. Neben dem quadratischen Raumschiff für Schwimm- und Sprungwettkämpfe hat sich noch eine kleinere Halle mit 50m-Bahnen fürs Training mit Therapie-, Lehrschwimm- und Wäme-Becken in das Erdreich gegraben. Wer sportlichen Ehrgeiz im Schwimmen entwickelt hat, will im Trainingsbecken seine 20, 40, 60 Bahnen oder mehr ziehen. - Durchschnittlich schwimme ich einmal die Woche 40 Bahnen nach 20:00 Uhr. Wenn ich dann um 22:00 Uhr aus dem Becken muss, fühle ich mich einfach besser.

 

Dem Kraulen ziehe ich das Brustschwimmen vor. Das ist wahrscheinlich eine Glaubensfrage. Kraulen bringt mehr Geschwindigkeit. Ist schon klar. Werde auch ständig von Kraulern überholt. Ich schwimme allerdings nicht so sehr auf Geschwindigkeit, sondern auf Langstrecke. 3 Kilometer am Stück beim Müggelseeschwimmen waren meine längste Strecke bisher. Ein besonderes Erlebnis, das man nur sehr selten haben kann, weil 3.000 Meter in der Halle einfach ganz anders sind. 3.000 Meter in der Halle sind 60 Bahnen in einem 50m-Becken. 

 

Brustschwimmen hat für mich auf längerer Strecke etwas Meditatives. Das ist fast wie beim Marathon. Am schönsten wird es, wenn die Bewegungsabläufe wie von selbst gehen. Ich liebe den Bewegungsablauf beim Brustschwimmen. Das rhythmische Einatmen beim Auftauchen, das Gleiten unter Wasser. Mit der Atmung komme ich besser klar als beim seitlichen Einatmen im Kraulen. Ich bin kein Rolf Beab. Mir geht es um Ausgleich und Entspannung. Beim Kraulen muss man eher eine Schlagbewegung machen. Den Körper streckt man dabei auch, aber das ist nicht zu vergleichen, mit der vorschießenden und dann ausgreifenden Armbewegung beim Brustschwimmen.

 

 

Ich zähle die Bahnen beim Schwimmen. Nach spätestens 10 Bahnen genieße ich nur noch das Hervorstoßen der Arme und das weite Ausgreifen. Die ersten 20 Bahnen sind reine Kopfsache. Nach der 21. Bahn muss ich nur noch weniger schwimmen. Jede weitere geschwommene Bahn macht das Ziel 40 leichter. Ich muss keine Meisterschaften gewinnen. Die Atmung funktioniert wie von selbst. Ich habe meinen Rhythmus im Auf- und Eintauchen gefunden. Das Sprudeln der Luftblasen vor meiner Schwimmbrille beim Ausatmen unter Wasser. Das tiefe Einatmen beim Auftauchen. Die Streckung des Körpers kann man so nur beim Brustschwimmen erleben. Sie bleibt uns im Leben sonst vollends verschlossen.

 

Als normaler Hobbyschwimmer muss ich mir die Bahn beim Spätschwimmen mit anderen Schwimmern und Schwimmerinnen teilen. Es gibt Gegenverkehr. Und dann gibt es ruppige Krauler, die ständig meinen, überholen zu müssen. Deshalb laufen meine Schwimmbewegungen nicht immer so vorbildlich wie bei Rolf Beab ab. Der hatte auch die ganze Halle für sich. Erst kurz vor 22:00 Uhr wird die Bahn frei. Ich habe sie für einen Moment ganz für mich allein. Dann freue ich mich an den eigenen Schwimmzügen, die fast so perfekt sind wie die von Rolf Beab. Das ist dann eine richtige Belohnung für meine Ausdauer.

 

Die SSE von Dominique Perrault ist vorbildlich. Weil sie in die Erde eingegraben ist, hat sie einen niedrigen Energieverbrauch. 2003 wurde eine Schlammwasseraufbereitungsanlage eingebaut. Das Duschwasser wird wiederaufbereitet und nicht einfach verbraucht. So kann man sorglos länger duschen. Schwimmer duschen gern länger, weil es eine leichte Massage der Schultermuskulatur ist. Das tut einfach gut, weil man nach 2.000m oder mehr einfach die Schulter- und Nackenmuskulatur spürt, um es einmal so zu formulieren.

 

Torsten Flüh