Junge Gastronomie im Urbanhafen und in Mitte - Toca Rouge - Entrecote - Van Loon

Fusion-Kitchen – Nobelfranzose – Schiffsküche

 

Junge Gastronomie im Urbanhafen und in Mitte

Toca Rouge – Entrecôte – Van Loon

 

Das Toca Rouge in der Torstraße umgibt ein Geheimnis. Man hat schon gehört, dass der Koch und Betreiber Chinese ist. Aber diese moderne China-Euro-Küche? Vielleicht hat der Koch in London gelernt?

 

„Nein,“ sagt die junge, thailändische Servicekraft, „er hat alles hier in Berlin entwickelt.“ Erstaunlich. Das Toca Rouge beobachte ich schon länger. Seit Mai hat die Transformation vom Fusion-Kitchen-Imbiss zum Restaurant stattgefunden.

Überhaupt gehört die Torstraße in Mitte zu diesen seltsamen Mitte-Straßen, auf denen man sich entweder beweisen muss oder untergeht. Die Steak-Stube schräg gegenüber vom Toca Rouge wechselt seit ca. 10 Jahren die Nationalitäten und behält trotzdem den zweifelhaften Charme der Ost-Berliner Gastronomie. Das Toca Rouge eröffnete irgendwann um 2006 und schlug ein.

 

Die Servicekräfte chinesischer, türkischer, thailändischer Herkunft sind jung, freundlich, aufmerksam. Der Betreiber und Koch soll ein junger Chinese sein. Ein chinesischer Freund sagt, es sei die dritte Generation der chinesischen Gastronomen in Berlin. Erst sah alles nach China aus und war auf den europäischen Geschmack abgestimmt. Dann kam die original-chinesische Küche nach Berlin, z.B. auf der Kantstraße. Und jetzt in Mitte wagen junge, chinesische Köche das Experiment, modern und qualitativ hochwertig mit originalchinesischen Zutaten zu kochen. Das nennt man dann Fusion-Kitchen.

Die Gerichte heißen im Toca Rouge mit dem abstrakten Mao-Portrait an der Scheibe: Deep Throat Avocado, Hong Kong Garden, Gong Li’s Boat, Stop Making Sense, Chung King Express, Bai Ling’s Lips oder oder oder Mao’s Darling. Geheimnis, Geheimnis.

 

Also die Chinesen, die ich kenne, würden gebackene Dim Sum mit Garnelen auf Koriandercreme niemals nach dem Filmstar Gong Li benennen. Gebratenes Huhn mit Sezuan-Peffer und Paprika – Scharf nach den Lippen von Bai Ling zu nennen, ist eigentlich für einen Chinesen so exotisch wie Roquefortkäse. Gleichviel, das Toca Rouge war vom ersten Tag an mehr als ein Imbiss – viel mehr.

 

Seit dem 3. Mai hat sich das Toca Rouge vom Imbissambiente verabschiedet, die offene Küche nach hinten verlegt, die Sitzplätze schätzungsweise verdreifacht und den ganzen Gastraum in ein hochgestyltes Schwarz getaucht. Enorm! „Wir sind alle die gleichen Mitarbeiter, wie vorher,“ sagt die junge Frau. Schwarz ist mutig. Doch es funktioniert.

Diesmal hatte ich das Crazy Orange Chicken. Orange passt zu schwarz. Das gegrillte Huhn auf Mi Ming Wasserspinat mit Orangensauce an Reis für 8,90 € war super. Hier wird nicht frittiert, sondern eher gegrillt als gebraten. Dafür braucht man ein Huhn, das auch ein Huhn ist und danach schmeckt. Der Wasserspinat, der ebenso als Shanghai- oder Senfkohl bekannt ist, war knackig und frisch. Die Orangensauce wirklich sehr orangeig. Ein traditioneller Chinese würde niemals auf den Gedanken kommen, Huhn mit Orangensauce zu kombinieren. Das ist eben die Fusion.

 

Tatsächlich weiss ich aus früheren Jahren, dass mit dem Dessert nicht immer ganz erfolgreich experimentiert wurde. Tsching Tschang Tschong hat mich allerdings total überrascht und überzeugt. Es handelt sich dabei um ein Chocolate-Ginger-Parfait with Gojiberries. Dies Dessert macht selbst einem gehobenen Restaurant vom Aussehen und Geschmack alle Ehre und darf mit 4,90 € als günstig gelten. Wobei die Preise seit meinem letzten Besuch leicht angestiegen sind. Trotzdem ist das Publikum immer noch sehr jung und frisch.

 

Das Entrecôte in der Schützenstraße liegt mit seiner exquisiten französischen Küche in der mittleren Preisklasse – Hauptgericht zwischen 12,- und 20,- €. Die Schützenstraße befindet sich zwischen Krausen- und Zimmerstraße. Kann man sich nicht merken?

Meine verstorbene Berliner Patentante hatte da immer einen Spruch: Georgen und Dorotheen gingen mittel unter den Linden. Sie sprachen mit Behren französisch. Da kamen die Jäger und schossen die Tauben. Die Mohren trugen die Kronen. Die Leipziger, die Krausen, trafen die Schützen ... Georgen-, Dorotheen- und Mittelstraße, Unter den Linden, Behren- und Französische Straße, Jäger- und Taubenstraße, Mohren- und Kronenstraße, Leipziger, Krausen- und Schützenstraße.


Das Publikum im Entrecôte ist wie das ganze Ambiente ein völlig anderes als im Toca Rouge. Als ich letzte Woche dort mit Freunden aß, saß am anderen Ende des Saales der Bundespräsident im kleinen Kreis. Am Nebentisch wurden Austern stilvoll serviert und von einem Paar verspeist, wie man es sonst nur aus Paris kennt. Dafür kostet es in Berlin selbst im Entrecôte schätzungsweise nur die Hälfte.

 

Der Service ist perfekt. Der Sancerre zum gegrillten Entenfilet war erstklassig. Die Quiche als Vorspeise eine kleine Sensation und die Mousse au Chocolat lässt keine Wünsche offen. Natürlich ist es ungleich schwieriger in der am Abend ruhigen Schützenstraße den sehr großen, fast schon mondänen Gastraum in der Woche voll zu bekommen. Das sind so Berliner Verhältnisse. Die jungen Leute aus Mitte unter 30 sind spontaner und gehen häufiger essen, was der Torstraße zugute kommt.        

Im Urbanhafen in Kreuzberg gibt es eine höchst empfehlenswerte Schiffsküche: das Van Loon. Es wird von jungen, engagierten Leuten gemacht. Nein, Labskaus gibt es nicht. Stattdessen wird der Saibling auf der Haut gegrillt im Porzellanschiffchen mit Spargel serviert. Und im Mai war genau die richtige Zeit für ein Bärlauch-Süppchen als Vorspeise, wenngleich es der Bärlauch in diesem Jahr kalt hatte. Da tat die heiße Suppe schon gut.

Von der Originalität her sind die wenigen Tische im Schiff unschlagbar. Bei entsprechenden Temperaturen kann man wundervoll auf dem Ponton um das Restaurantschiff herum sitzen. Preislich liegt das Van Loon ungefähr zwischen Toca Rouge und Entrecôte, weshalb das Publikum nicht ganz so jung, aber trotzdem leger ist.

Dem jungen engagierten Team vom Van Loon ist es gelungen, eine ambitionierte Küche mit regionalen Produkten und Tageskarte in einem schon fast ausflugsartigen Ambiente zu entwickeln. Das ist eine ziemliche Gratwanderung. Doch genau diese Gratwanderungen zwischen unterschiedlichen Konzepten sind im Moment in Berlin besonders erfolgreich. Weil der kleine Gastraum unter Deck so begrenzt ist, kann ich im Van Loon nur zu einer rechtzeitigen Reservierung raten.    

 

Torsten Flüh

 

Toca Rouge

Torstraße 105

10115 Berlin

T: 84 71 21 42

 

S-Bahn: Oranienburger Straße

Tucholskystraße bis Torstraße

 

Entrecôte

Schützenstraße 5

10117 Berlin

T: 20 16 54 06

 

U-Bahn: Kochstraße oder Stadtmitte

Friedrichstraße bis Schützenstraße

 

Van Loon

An der Baerwaldbrücke

Urbanhafen

10961 Berlin

T: 69 26 293

 

U-Bahn: Prinzenstraße

Prinzenstraße bis Urbanhafen