Die hängenden Alphabe(e)t-Gärten - Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum

Bibliothek – Lesesaal – Bücher

 

Die hängenden Alphabe(e)t-Gärten

Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum eröffnet

 

Sie müssen Ihren nächsten Berlin-Besuch umdisponieren. Nichts mit den längsten Beinen von Berlin im Friedrichstadtpalast. Nichts mit Mary Christmas von Georg Preuße im Admiralitätspalast. Und auch Schwanensee in der Staatsoper Unter den Linden wird diesmal storniert, weil neuerdings ein Ozean an Büchern freihand zum Bad in Wörtermeeren einlädt.

Deutschlands größte und modernste Freihandbibliothek lockt seit dem Sommer mit 2,5 Millionen Büchern auf 22.000 qm Nutzungsfläche - auch und besonders zur Blauen Stunde, wenn die Sonne über der Spree untergeht und danach. Die Bibliothek hat wochentags 8:00 bis 24:00 Uhr geöffnet. Das ist verlockend. Ein Gläschen Rotwein darf man zwar nicht mit in die Bibliothek nehmen, dafür entschädigen aber die Leseterrassen im Hauptsaal mit einer ebenso intimen wie großzügigen Räumlichkeit. So viel Raum zum Lesen war nie.

Wem der große Lesesaal zu groß ist, der kann sich in eine der großzügigen, individuellen Arbeitskabinen zurückziehen. Auch stehen unterschiedliche kleinere Lese- und Arbeitsräume zur Verfügung. An den Fenstern neben den Regalen gibt es ebenfalls etliche Plätze. Aber die wirkliche Attraktion sind die Leseterrassen, die mit nichts Geringerem als den Gärten der Semiramis zu vergleichen sind. Sie sind das architektonische Herzstück, die entscheidende Invention des Architekten Max Dudler (geb. 1949).

Bevor morgen die Bibliothek von 8:00 bis 15:00 Uhr geschlossen bleibt, um mit gebührender Prominenz offiziell eröffnet zu werden, bin ich im Novembersturm heute noch einmal rüber. In der Geschwister-Scholl-Straße hat mein Schirm in einer Böe ziemlich gelitten. Aber was heißt das schon, wenn Leseterrassen und Wörtermeere locken. Ab 15:00 Uhr lädt das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum am 19. November mit einem Rahmenprogramm zum Tag der Offenen Tür ein. Aber eigentlich steht die Tür immer für jeden interessierten Besucher offen. 

 

Der Schweizer Architekt Max Dudler hat zunächst mit O.M. Ungers zusammengearbeitet, der unter anderem die Galerie der Gegenwart in Hamburg baute. In der rationalistischen und minimalistischen Art des Bauens bezieht sich Dudler nicht zuletzt beim Bau des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums auf Friedrich Schinkel, der 1833 eine Bibliothek für die Berliner Universität, also der Humboldt-Universität zu Berlin bauen sollte. Und dann passierte erst einmal 170 Jahre gar nichts. Jedenfalls wurde keine Zentralbibliothek für die Humboldt-Universität gebaut. Institutsbibliotheken und Notbehelfe in der Staatsbibliothek in der Dorotheenstraße mussten den verpassten Bau ersetzen.

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 200jährigen Jubiläum der Berliner Universität wird nun die Zentralbibliothek zwischen Geschwister-Scholl- und Plankstraße offiziell eröffnet werden. Sie ist ein wahres Schmuckstück geworden. Der Hauptlesesaal über 5 Etagen bietet in seiner Kombination aus Holz und Glas eine betörende Transparenz bei gleichzeitiger Wärme durch die holzverkleideten Betonsäulen. Das ist eine besonders gelungene Lösung, die sich ganz offensichtlich in der konzentrierten Lese-Arbeit der Studenten widerspiegelt.

Immer wieder eröffnen sich im Gebäude neue Durchblicke, die im Zusammenspiel von offenem und geschlossenem Raum überraschen und jeglichen Eindruck von Enge, aber auch Verlorenheit vermeiden. Bis in das Detail der schlichten Leselampen mit ihren hellgrünen Achatscheiben drängt sich die Architektur nie monumental auf, sondern behält in der Maserung des Holzes wie des Achats immer ein natürliches Maß.

Selbst in den seitlichen Regalräumen stimmen die Proportionen. Die Regale wirken durch die Deckenhöhe nicht zu hoch und nicht zu niedrig. Das Licht stimmt in seiner Helligkeit. Man mag sich gleich auf den Boden setzen, um zu überprüfen, ob es nun wirklich das richtige Buch ist, das man an den Leseplatz nehmen möchte.

Im Foyer laden Lounges ein, die bequem über Treppen zugänglich sind. Unversehens sitzt man über den Menschenströmen in roten Ledersesseln und lümmelt sich mit dem kleinen Samsung auf dem Schoß in eine Sofaecke. Selbst die Wandgestaltung passt wieder im Foyer und den Lounges.

Unaufdringlich, aber beziehungsreich schaffen Fotografien von verwitterten, zerschossenen und zerbombten Sandsteinfassaden in der Umgebung Raumteilungen. Erst wenn man erkannt hat, wie raffiniert diese historischen Relikte in den Bau eingefügt sind, beginnt man die kluge Kombination aus modernem und minimalistischem Betonbau mit den unterschiedlichsten Kleinstrukturen von Stein, Sand und Holz zu würdigen.

 

Es ist eine lese- und leserfreundliche Atmosphäre, die Dudler geschaffen hat. Und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es auch ein ökologischer Gedanke war, der Dudler zu den Leseterrassen, auf denen der Lesestoff nicht nur eingebimst, sondern aufmerksam und bis in feinste Details beackert werden soll, inspiriert hat.

 

Torsten Flüh 

 

Humboldt-Universität zu Berlin

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