Streetart

Klebeband – Bierflasche – Sprühdose – Hammer

AND THEN WE TAKE BERLIN - Urban Affairs @ STATTbad Wedding

Streetart @ the net. Wie findet Streetart im Internet statt? Noch nicht drüber nachgedacht? Keine Ahnung? Dann muss man die aktuelle Website zu Urban Affairs Extended im Stattbad besuchen.

Klicke auf das folgende Link. Bewege den Cursor. Und dann einfach die Return-Taste, um den Roten Faden dieses Artikels nicht zu verlieren. www.urbanaffairs.de

Kapiert? Wenn du die Maus bewegst, betätigst du eine Radierfunktion. Es könnte auch eine Sprühdüse sein. Eine vergleichbare, interaktive Installation mit Sprüh-Sound ist in den Männer-Duschen aufgebaut.

Streetart ist immer die eigene Aktion im öffentlichen Raum der Straße oder des Netzes. Obwohl die Künstler im STATTbad fast alle eine abgeschlossene Kunstausbildung haben, beziehen sie sich auf kreative Aktivitäten im öffentlichen Raum, die zumindest an Vandalismus grenzen. Streetart wird vom Vandalismus zur Kunst in dem Maße, wie das zerstörerische Potential im Vandalismus neue Bilder und Kontextualisierungen produziert.

 

Aus der Fülle der Medien, die für die Streetart im Rahmen von Urban Affairs Extended im alten, seit Jahren geschlossenem Stadtbad Wedding in der Gerichtstraße eingesetzt werden, greife ich 4 heraus: Klebeband, Bierflasche, Sprühdose und Hammer - auch als Vorschlaghammer. Streetart siedelt sich im prekären Feld einer Konsumismus-Kritik wie dem eigenen Wunsch nach Vermarktung der Kunst als Lebensunterhalt an. Sie spielt mit den Grenzen von Zerstörung und Schöpfung, von Konsum und Verweigerung, von Straße und Salon.

Indizien? Welche Veränderung kündigt sich an mit der fast übersehbaren Transformation vom Stadtbad zum Stattbad? Lange war die Gerichtstraße im Wedding gerade zwischen Neue Hochstraße und Reinickendorfer Straße ein sozial äußerst prekäres Feld. Hoher Migrantenanteil, schlechte Wohnungen, Hartz IV, Schulabbrecher und Bildungsferne. Wo Friedrichshain, Prenzlauer Berg und Mitte abzogen und hipp wurden, blieb der Süden des Wedding im Elend stecken. Drittklassige Dönerbuden. Mit Urban Affairs Extended übernimmt EAT DRINK MAN WOMAN das Catering.

Richtig! Wer an Ang Lees Film von 1994 dabei denkt, liegt richtig. Der Film spielt im Grandhotel Taipei. Es geht ums Essen, um Männer und Frauen, Kinder und die Metropole. Jetzt geht es um eine Mobile Food Company inklusive Event und Filmcatering. Ist auch eine Form von Streetart, die Wurzeln liegen in der Imbissbude. Heißt nur anders jetzt.

 

Streetart also nutzt andere Medien und Medien anders. Der Vorschlaghammer wird in den alten Wannenbädern aus den siebziger Jahren zum kreativen Werkzeug. „The medium is the message“, schrieb Marshall McLuhan zum ersten Mal 1967. Ob er damals schon an den Vorschlaghammer im Stattbad gedacht hat, ist nicht übermittelt. McLuhan wird aber gern als theoretische Referenz für die Streetart angegeben. Herausgerissene Türen werden zu Bildtafeln und der Griff graphisch ins Bild integriert.

El Bocho nutzt das Klebeband, um die Fassade in der Gerichtstraße in einen Comic strip mit der Message AND THEN WE TAKE BERLIN zu verwandeln. Klebeband und Comic gehen auf 1100m² eine Allianz im Krieg auf der Straße ein. Streetfight. Wer wird da wohl der Sieger werden? Berlin gilt seit einigen Jahren als eine der Metropolen der Streetart. Selbst Bansky, einer der Großmeister der Streetart, wurde schon in Berlin von ahnungslosen Polizisten verhaftet, als er ein neues Kunstwerk schuf.

 

Die Sprühdose kommt vielfach vor. Ob bei 1010 oder bei ALIAS mit seiner Cut out und Stencil Technik, bei Just oder bei WOW THE DEAD, die  als eine der wenigen Frauen in der Streetart Stencil-Art mit klassischen Kunsttechniken wie Öl verbindet. Das Kryptische der Künstlername entspricht dem Flair des Illegalen und des Protestes.

nOel hat ein geradezu poetisches Projekt mit Leergut von der Straße angezettelt. Neben einem Berg von Bier- und anderen Flaschen ist eine Pinwand angebracht, auf der man Botschaften anheften soll. Dies soll während der gesamten Laufzeit der Ausstellung vom 1. bis 31. Juli 2009 praktiziert werden. Dann werden die Botschaften in die leeren Flaschen gesteckt und an die Straße zurück gegeben. Poetisch. Ich mag das Konzept. Aber was, wenn die Berliner Flaschensammler nun gar kein Interesse an der Botschaft haben, sondern nur das €-Zeichen im Blick haben? Streetart: Es gibt immer mehr Menschen in Berlin, die von S-Bahnwagen zu S-Bahnwagen und von Müllbehälter zu Müllbehälter und von Container zu Container und überhaupt tagein tagaus durch die Straßen ziehen, um von leeren Bierflaschen, 8 Cent, und leeren Plastikflaschen, 25 Cent, zu leben. So ernährt die Streetart ihre Künstler.

Steht man allerdings an der Kasse bei den neuen Nachbarn und will sich einfach mal umsehen, dann muss man schon 4 € berappen oder einen Hartz IV-, Behinderten- oder Studentenausweis vorzeigen, wenn man in den großzügigen Genuss der 2 € Ermäßigung kommen will. Hier gibt es eben auch Spielregel. Hier herrscht auch Krieg. Why not?

Streetart ist zumindest eines nicht und kann allein deshalb ihren Anspruch auf das Künstlerische erheben: Sie ist nicht widerspruchsfrei. Sie widerspricht, protestiert und produziert doch auch ihre eigenen unbequemen Widersprüche. Insofern ist Streetart aktuell. Streetart im Stattbad ist übrigens nur möglich, weil ein Investor das abgewirtschaftete Stadtbad für nen Appel un nen Ei vom Land Berlin gekauft hat und weil es mit dem Abschluss der Fashionweek eröffnet wurde. Fashion needs street cred. Mode braucht die Glaubwürdigkeit der Straße. 

Torsten Flüh

Postscriptum: Zur Unauflösbarkeit der Medien gehört es heute, dass selbst Michael Jackson in Urbain Affairs durch eine Arbeit von SP38 quasi händeringend in der Streetart wiederkehrt.