Einbruch der Moderne - Michelangelo Antonionis Il Grido im Arsenal

Arsenal – Michelangelo Antonioni – Drifter

 

Einbruch der Moderne

Michelangelo Antonionis Il Grido im Arsenal

 

Wie weit entfernt von einander sind die Welten am Potsdamer Platz? Im IMAX, CineStar und CinemaxX laufen die Blockbuster und bisweilen auch Das weiße Band. Nur eine durchsichtige Glaswand trennt die CineStar-Kinos vom Arsenal. Im IMAX gibt es die Welt und die Urzeit samt digitaler Dinosaurier und die Tiefsee in 3D und Farbe.

Im Arsenal weicht der Blick ab. Experimentelles, Künstlerisches wie beispielsweise die andere Seite der Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton und Zeitgeschichtliches des Kinokosmos mit seinen winzigkleinen und ganz großen Sternen lockt hier Cineasten. Einige Sterne scheinen schon erloschen, kaum ist das Nachglühen noch zu sehen, da explodieren sie wie eine Supernova noch einmal.

Bevor der Stern Michelangelo Antonionis (1912 – 2007) womöglich auf eine sehr lange Zeit erlöschen wird, ehrt das institut für film und videokunst e.V. den „Architekten der Kino-Moderne“ mit der Retrospektive „Chroniken des Verschwindens“. Unvergessen ist Antonionis Blow up von 1966. Doch auch oder gerade in einer guten Retrospektive können völlig unbeachtete Sterne als Supernova explodieren.   

Beispielsweise ist ein Drifter ein Mensch, im Kino in der Regel ein Mann, der sich treiben lässt. Ziel- und meist mittellos lässt er sich vom Leben treiben. Drifter tauchen immer dann mit Vehemenz im Film, in der Kunst und Literatur auf, wenn besonders einschneidende gesellschaftliche Umbrüche stattfinden. Sie sind Krisenfiguren. In einem „guten“ Drifter bündeln sich die vielfältigen Ebenen einer Krise einem Brennglas gleich. Daher mag es nicht nur Zufall sein, dass gerade die neueste Manga-Serie von Kouta Hirano Drifters heißt.

 

Eine, wenn nicht die stilbildende Ausformung des Drifters im Film ist der Tramp, den Charlie Chaplin 1915 schuf. Zwischen Charlie Chaplin, dem in vieler Hinsicht witzigen Tramp, und den Drifters des Manga, die als klassisch japanische Historiengestalten in eine andere Zeit und Welt geraten, gibt es zahlreiche Drifter-Figuren. Michelangelo Antonioni hat mit Aldo in Il Grido (1957, Der Schrei) eine der schönsten und traurigsten Drifter geschaffen.

Aldo ist ein italienischer Drifter zur Jahrhundertmitte des 20. Jahrhunderts. Und er bietet einen fesselnden und genauen Blick auf die Einbrüche in die italienische und europäische Gesellschaft des letzten Jahrhunderts. Vor dem großen Aufbruch der 60er Jahre zeigt uns Antonioni nicht das farben- und lebensfrohe Rimini-Italien, das der Deutschen Sehnsuchtsziel wurde, sondern die neblige, verregnete und verschneite Po-Ebene südöstlich von Ferrara im Winter. Selten sah man mehr Tristess Italiens.

 

Claudia Lenssen bezeichnete am Samstag im arsenal in ihrem kurzen Einführungsvortrag Il Grido als „monolithisches Einzelstück“ im Werk Antonionis. Es ist wert, in seiner ganzen Einzigartigkeit wiederentdeckt zu werden. Lenssen sah, wie sie sagte, den Film nach 20 Jahren zum ersten Mal wieder. Eigentlich hätte ich sie gern gefragt, was sie diesmal gesehen hatte. Denn Il Grido im Kontext des Werkes von Antonioni zu sehen, ist sehr wahrscheinlich etwas Anderes, als ihn ein erstes Mal zu sehen.

 

Michelangelo Antonioni hatte sich bereits Anfang der 40er Jahre mit dem Po-Delta und seinem sozialen Milieu in einem Dokumentarfilm befasst, wie Lenssen berichtete und in einer Rezension nachzulesen ist. Als der Spielfilm dann Mitte der 50er Jahre gedreht wurde, lag nicht nur das Ende des faschistischen Italiens dazwischen, sondern ganz Europa war nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein anderes geworden. Es sind die Motive dieser Einbrüche, die Aldo als Drifter einzigartig machen. Die Frauen sind andere, die Arbeit wird eine andere, das Land wird ein anderes. Statt der Fischerboote rasen flache, superschnelle, amerikanische Rennboote über den Fluss. Im Hintergrund ist der Kirchturm einer alten Stadt zu sehen. Wo Frauen, Arbeit und Land anders werden, geraten Verhaltensmuster in Erosion. Sie passen nicht mehr.

 

Man muss heute nicht mehr verneinen, ob Il Grido mit dem amerikanischen Markt liebäugelte und wie die Besetzung mit amerikanischen Schauspielern passte oder nicht. Der heute nahezu unbekannte Steve Cochran (1917 – 1965) jedenfalls bietet einen äußerst genauen und treffenden Drifter an. Cochran galt in Amerika wegen seiner zahlreichen Affären als Womanizer, was vielleicht nur ein anderes, eher aufwertendes Wort für einen Drifter ist. Ein offenbar originaler Trailer zu Il Grido inszeniert Cochran geradezu als Womanizer und setzt ihn in eine positive Beziehung zu den schnellen Rennbooten.

 

Aldo wird zu Beginn des Films von Irma (Alida Valli) verlassen, weil sie Gewissheit darüber erlangt, dass ihr vor 7 Jahren nach Australien ausgewanderter Ehemann, nicht zurückkommen wird.  Er ist verstorben. Irmas Reaktion auf die Todesnachricht ist ambivalent. Während ihre Beziehung zu Aldo dadurch funktionierte, dass sie nicht verheiratet waren und der Ehemann hätte zurückkehren können, stellt die Todesnachricht sie in der italienischen Kleinstadt-Gesellschalft vor eine lebenswichtige Entscheidung. Soll sie  die Beziehung zu Aldo legalisieren? Oder muss sie sich um einen ganz neuen Anfang in ihrem Leben kümmern? Ihre gewonnene Freiheit lässt ihre Entscheidung zu Gunsten einer bürgerlichen Existenz an der Seite eines jüngeren Mannes ausfallen. Die Todesnachricht wird so zur widersprüchlichen Befreiung. Irmas Tränen gelten nicht nur dem verstorbenen Ehemann, sondern auch dem bevorstehenden Ende der leidenschaftlichen Beziehung zu Aldo.  

 

Sieht es zunächst so aus, als ob Aldo nur all zu bereitwillig, die Beziehung zu Irma hätte legalisieren wollen, wird im Verlauf des Films doch deutlich, dass die Uneindeutigkeit der Beziehung zu Irma nicht Vorenthaltung, sondern Voraussetzung für die lang andauernde Beziehung gewesen war. Aldos aus den Fugen geratene Existenz macht ihn zum Tramp mit Rosina (Mirna Giradi) an der Seite, von der keinesfalls sicher ist, ob sie seine leibhaftige Tochter oder nur die angenommene ist. Die Existenz als wohnungsloser Tramp wird zur Parabel auf eine aus den Fugen geratenen Zeit.

 

Legt der Trailer zu Il Grido vor allem den Schwerpunkt auf die Dramatik von Flucht und Verführung, so führt die Originalversion viel entschiedener mit langen Einstellungen in eine fiktive, fast mythische Landschaft. Landschaft und Räume überführen die Figur des Drifters ins Mythologische. Das in kleinen, engen und niedrigen Häusern noch behütete, traditionelle Leben beginnt selbst brüchig zu werden, während am Horizont und an der Grenze der Stadt Ferrara bereits Großfabriken und Neubau-Siedlungen die Segnungen der Moderne versprechen.

Jenseits der dramatischen Liebeshandlung sind es die alten und irren Männer am Rande des Kohlfeldes, die eine surreale Schlüsselszene für Il Grido abgeben. Nachdem Rozina vom Wunsch beseelt, wieder in die Schule zu gehen, dem Ball über die Straße nachgelaufen  war und fast überfahren worden wäre, eine Strafpredigt von Aldo anhören musste, läuft sie auf einem Feld in eine Gruppe seltsamer Männer hinein. Sie tun sonderbare Dinge. Schließlich gelangt Rozina zu einem Mann mit einem Stoffhasen auf dem Arm, den er selbstvergessen streichelt. Im Hintergrund ist die Silhouette einer industriellen Anlage im Nebel zu erkennen.

 

Einer der Verwirrten wendet sich Rozina zu, sie beginnt zu weinen und läuft zurück in Aldos Arme. Als Aldo sie tröstet, blickt Rozina deutlich in Richtung der nun ebenfalls unübersehbaren industriellen Anlage. Am Schluss wird Aldo auf seinen alten, aber verlassenen Arbeitsplatz in der Raffinerie zurückkehren. Er wird die Felder, die einer Landebahn weichen sollen, brennen sehen und unmittelbar darauf zu Tode stürzen.

Was auf der Ebene der dramatischen Liebesgeschichte zwischen Aldo und Irma als Beziehungskrise erzählt wird, überschneidet sich ständig mit den Verlockungen und den Schrecken des industriellen Fortschritts der Nachkriegszeit. Aldo ist als Mechaniker ein beruflich durchaus begehrter Mann. Ob in Italien oder Venezuela Mechaniker werden gebraucht, gleichzeitig will er sich nicht binden. Aldos Dilemma ist beruflicher und persönlicher Natur. Die Frauen wollen ihn und die Arbeitgeber ebenfalls. Selbst als er scheinbar wieder Fuß gefasst hat und in Anzug und Krawatte nach Goriano zurückkehrt, will das Leben nicht gelingen. Irma hat bereits ein Baby von dem anderen Mann bekommen und die Bewohner müssen sich gegen die Landebahn wehren.   

 

Wenn Aldo mit Rozina umherzieht, waten sie ständig durch Matsch. Selten sah man in einem Film soviel Matsch an Hosen und Schuhen. In den Häusern der Frauen – Irma, Elvia (Betsy Blair), Edera (Gabriella Palotta), Virginia (Dorian Gray), Andreina (Lyn Shaw) – herrscht bisweilen pedantische Ordnung und Sauberkeit. Aldo fühlt sich offenbar wohler im Holzverschlag an der Tankstelle oder den undichten Schuppen im Flussbett als in den sauberen Betten der Frauen. Die Existenz des Drifters im undefinierten Matsch, auf der Straße, auf dem Tankwagen, frierend in Decken auf dem Lastwagen scheint immer noch besser als eine kleinbürgerliche Existenz an der Seite der verführerischen Virginia, die ihren alten und irren Vater ins Altenheim bringen will, um Aldo ganz für sich und möglichst in einer Neubauwohnung am Rande der Stadt zu haben.

Aldos Sturz vom Aufsichtsturm ist nicht einer Verwirrung oder der Verzweiflung an der unerwiderten Liebe zu Irma geschuldet. Irma erwidert geradezu seine Liebe, indem sich am Fuße des Turms nach ihm ruft. Vielmehr erweisen sich im Moment des Blicks auf die brennenden Felder die Versprechen einer zukünftigen Landebahn als überwältigender Schrecken gegen den selbst Anzug und Krawatte nicht helfen. Das Begehren des Drifters besteht in der größtmöglichen Ungebundenheit beim gleichzeitigen Wunsch nach Sicherheit. Wenn sich aber die Sicherheiten unaufhaltsam nahen, dann bedrohen sie die Existenz des Drifters tödlich.

 

Torsten Flüh

 

Chroniken des Verschwindens 

Die Filme von Michelangelo Antonoini

noch bis 5. Januar 2010

arsenal

institut für film und videokunst e.V.

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