Hirn an der Wand scheibchenweise - Rainald Goetz liest loslabern im Edition Suhrkamp Laden

Hirn – Krise – Edition Suhrkamp

 

Hirn an der Wand scheibchenweise

Rainald Goetz liest loslabern im Edition Suhrkamp Laden

 

»alles, was man weiß, vergessen« HIRN, steht als Motto zwischen loslabern, Bericht, Herbst 2008 und Podrostock, einer Zeichnung, und dem Titel Reise. Dann 164 Seiten und „... Prost.“ Und: „Später dann, im Gehen: Gehen ist ein metaphysischer Akt, loslabern

ein ethischer.“ Punkt. „3. Meine Gedanken“ und »gehet hin und schreibet« MONTESQUIEU. loslabern und Hobbes und Montesquieu, das muss es schon sein. loslabern ist ein Bestseller. Die ORF Bestenliste 2009 platziert loslabern auf Rang 5 vor Verbrechen von Ferdinand von Schirach (6) und Portnoys Beschwerden

von Philip Roth (10). Ob loslabern damit das größere Verbrechen ist und Anlass zu Beschwerden gibt, bleibt noch dahingestellt. Rainald Goetz ist ein Star und so liest er auch am Samstag, den 15. Mai, in der Linienstraße 127 im Edition Suhrkamp Laden, dem Autorenladen. An den Wänden die ES-Bände 1962

vom legendären Willy Fleckhaus (1925-1983) gestaltet. Aber interessiert das hier überhaupt jemanden. Bunt. Viel Hirn. Der Laden ist gerammelt voll. Die Brille beschlägt. Draußen gefühlte 5 Grad und Dauerregen, drinnen irgendwas zwischen 20 und 30 Grad und fritz-kola. Turnschuhe. fritz-

kola-lebenddabseinmittendrin-gefühl. Noch 3 Minuten bis zur Lesung. Ich halt’s kaum aus, sagt Rainald Goetz. Immer um Voll und um Halb bricht die Lesung los. Start. Losbrechend. Es muss raus. Alles muss raus als Ode auf das Nichtwissen, dem Goetz huldigt: „Allein dieses Wort Tischherr war ja so unendlich

traurig und 50er-jahrehaft verblödet, dazu hatte sich eine Rebecca Casati also, hey, hey, hey, hochgeschrieben, im totalsten Spießermilieu als Tischdame, ebenfalls ihr Wort, geendet zu sein, wo die neuesten und kleinsten Kleinstbürger schön Essen spielen, um sich dabei von lauter verblödeten langweiligen Tischherren mit dem langweiligsten Blödsinn antexten und langweilen zu müssen, und das auch noch so oft, dass sie schon eine kleine Spatzenhirnsoziologie daraus machen zu müssen glaubte, crazy. …“ Goetz liest schnell, hastet zwischen sinnfrei und „Kulturkritik“, Iris Radisch. Er ganz in Blau, das Buch in

Blau, die live-produzierten Texte mit blauer, königsblauer Farbe gemalt. "I. die ordnung des ladens II. grosse sehnsucht nach niedlichen mädchen" Sehr viel Action für eine Lesung. Action-Reading. Schriftproduktion. Statement. Sex fehlt irgendwie in loslabern, obwohl auch darüber passagenweise nur geschrieben wird. Man kann über Sex so schön labern. Wer mit wem wann und wo. Aber irgendwie ist das loslabern

auch sexy so wie der bunte Gürtel und Sneakers; fritz-kola ist sowieso sexy. Die kola für Erwachsene! Weniger süß, mehr Koffein! Eben keine Allerwelts-Cola! Kapiert?! Fast schon erwachsen, aber niemals erwachsen werden wollend. Wer will das heut noch?! loslabern ist auch Tratsch im Gewand des Berichts von der Frankfurter Buchmesse 2008 und dem Empfang der FAZ im Dezember im Hotel de Rome in Berlin. Alle kommen vor und werden in Goetzens künstlicher „Ichliteratur“

vom Ich irgendwie eingewickelt, mal auf die freundliche Art, mal als Hymnus, mal als Verarsche, mal „totfotographiert“ wie Christian Kracht. Hauptsache das Warholsche name-dropping meiner 635 besten Freunde funktioniert. loslabern ist Blogwurst von der groben Art mit reichlich viel Gewürzen. Und irgendwie schmeckt man immer die Tannenzapfen aus der Wostock-Brause, Tannenwald, heraus. So recht wird man nicht schlau draus, ob „Mr. Hölderlin“ nun Don Alphonsos FAZ-Blog gut findet oder nicht. Aber aus diesem Buch soll man ja wohl auch nicht schlau werden. Vielmehr kommt dann lieber auch noch Daniel

Kehlmann drin vor und und und. Dann weiß, man wenigstens woran man ist. Ein Büchner-Kleist-Preisträger. Das wird dann aber nicht gesagt oder geschrieben und getextet oder gelabert. Fotographieren überhaupt ist für Rainald Goetz mit der Inkongruenz von f und ph wichtig. Fotografiert oder lomographiert oder sonstwiegraphiert oder

iphonegraphiert oder doch fotografiert mit dem Mobile, denglisch Handy, wird allenthalben. Ist ja auch viel Hiern an der Wand und auf dem Tisch und, so möge Gott doch gnädig sein, im Raum. Die Hirndichte im Raum ist hoch. Was allerdings ganz und gar nichts besagt. Die Lektüre von loslabern erst in der Wohnung mit dem Hirn an der Wand 20 Schnitte, das Hirn ist da, regelmäßig, wer hätte das gedacht, Innenansicht des Schädels durch Computertomographie, toll, alles da in 48 Scheiben als Negative, dann über die Gerichtstraße, Hassan mit Handschlag vor dem Wettbüro gegrüßt - mach keinen Scheiß, verspiel

dein Geld nicht – wo willst du hin – in den Humboldthain ein Buch lesen – lesen? – ja – Tschüß – Tschüß - im Rosengarten des Humboldthains auf die Bank zu mit der meisten Sonne, sonnenhungrig nach gefühlten 30 Tagen grauen Himmels und Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt im Mai, auf der Bank ein arabischer, älterer Herr im Anzug, daneben sein Stockschirm - ist der Platz

noch frei – bitte – danke -, nach einiger Zeit steht er auf, nimmt das blütenweiße Taschentuch, auf dem er gesessen hatte, von der Bank, faltet es fein säuberlich, nimmt den Stockschirm – Wiedersehen – Wiedersehen - und geht. Bütenweißes Taschentuch zum Unterlegen auf Bank. Buchmesse und FAZ-Empfang mit all den Namen und der Kanzlerin im Kreis der

FAZ-Männer auf der Bank im Rosengarten von 1954 im Wedding an der Badstraße. Lesen hat immer etwas mit dem Wo zu tun. Bevorzugte Leseorte: U- und S-Bahn, im Zug, auf der Recamiere, im Café, im Restaurant, auf der Parkbank in der Sonne, Rosengarten sowieso neben Herren in Anzügen, die sich blütenweiße Taschentücher zwischen Anzug und Bank legen, mittendrin zwischen Kindern, Vätern und Frauen mit Kopftuch und Studenten und Jungs,

geboren alle im Wedding, die mit Mädchen auf der Bank sitzen. Integriertes Lesen quasi. Integriert euch. Kein blütenweißes Taschentuch dabei. Ach, gefeiert wird übrigens 60 Jahre Suhrkamp durch die Autorenbuchhandlung Fürst & Iven. Siegfried Unseld (1924-2002) darf es nicht mehr erleben und Peter Suhrkamp (1891-1959) schon längst nicht mehr und Willy Fleckhaus auch nicht. Aber feiern muss man das ja trotzdem.

Und natürlich ist das dann wieder SV.

 

Torsten Flüh

 

Edition Suhrkamp Laden

noch bis 24. Juli 2010

Linienstraße 127

10115 Berlin

 

Rainald Goetz

loslabern

Bericht

Herbst 2008

und müsste ich gehen

in dunkler Schlucht

Buch 6

Frankfurt am Main 2009