Wandlungen des Geschlechts - LOVE BITES mit Claudia Gehrke

Geschlecht – Erotik – Burlesque

 

Wandlungen des Geschlechts

LOVE BITES ein Programm mit Claudia Gehrke im BKA-Theater

 

Die Berliner Kabarett Anstalt, kurz und knapp BKA, ist eine der führenden Kleinkunstbühnen Berlins. Sie liegt zwischen dem weltberühmten Curry-Wurst-Pommes-Imbiss Curry 36 und Europas größtem Biomarkt, dem LPG-Biomarkt, auf dem Mehringdamm. Diese Lage sagt alles über das BKA-Theater und sein Programm. Von weltberühmt deftig bis regional gesund ist alles drin.

Vor dem Curry 36 trifft man draußen auf dem Gehweg selbst an kalten Tagen ein buntes Völkchen von Arbeitern, Anwohnern aus dem schicken Bergmannkiez und Touristen aus aller Herren Länder. Es soll internationale Curry-Wurst-Gäste geben, die sich nach dem letzten abgeschleckten Ketchup-Tropfen am Taxistand in den nächsten Wagen setzen und in ein citynahes 5-Sterne-Hotel fahren lassen.

 

Nina Hagen, die immer mal wieder im BKA unter dem Dach vorbeischaut, hat bestimmt schon Curry-36-Wurst genossen. Geh ich von aus. Irgendwie, man weiß nicht genau warum und wie, ist dieses zerschnittene Teil mit roter Sauce und scharfem Puder sexy. Meine Tante Martha hat einmal den Satz geprägt: „Igitt Spargel! Nein, Spargel ess ich nur kleingeschnitten.“ Mit tat’s leid drum, aber was ihr nun mal nicht runter ging, ging eben nicht. Zu Würsten hatte sie ebenfalls keine besondere Affinität.

Im BKA wurden am Montag Love bites also Liebesbissen oder Liebeshäppchen serviert. Klar, dass es da um Sex ging. Sex heißt nicht immer gleich Porno, was im Deutschen oft vergessen wird. Unvergessen mein Nachmittag mit Giséle Freund (1908 – 2000) in ihrer Pariser Wohnung. Wir sprachen über die Fotografie. Sie holte das neue Buch eines ihrer New Yorker Fotografenfreunde, Alfred Eisenstaedt (1898 – 1995), hervor, das er ihr gerade zugeschickt hatte. „Voilá, sehen Sie, le sexe, le sexe, überall le sexe. Naja, wissen Sie, das ist eben die Fotografie. Aber ich mag es nicht.“ Wir hatten einen wunderbaren Nachmittag. - Le sexe ist im Französischen einfach das (männliche) Geschlechtsteil.

Mit Love bites stellte die Tübinger Verlegerin Claudia Gehrke gleich 3 Autorinnen ihres konkursbuch verlags vor. Anne Bax, Sigrun Casper und Litt Leweir lasen aus ihren Büchern, die im Verlag erschienen sind.

 

Bridge Markland, von der Arbeiten im Jahrbuch der Erotik 2009/10, Mein heimliches Auge, zu sehen sind, eröffnete mit einer zuschauerbezogenen Performance den Abend. Im goldenen Glitzerkleid und mit langen roten Haaren verteilte sie Weintrauben zur Saxophonbegleitung von Nikola Lutz an das Publikum. Es war ein wenig, als verteile sie Hostien, indem sie den Frauen und Männern jede Weintraube einzeln auf die Zunge legte. Geil. Ups ...  

Bei Bridge Markland geht es immer ums Geschlecht, also Sex. Mal kommt sie als verführerische Bacchantin auf die Bühne, mal verwandelt sie sich auf der offenen Bühne zum Saxophon von einer Frau in einen Mann oder von einem Mann in eine Frau. Das Geschlecht kommt bei ihr nur im Plural vor. Ihre Wandlungskunst vom russischen General oder dem General überhaupt in eine junge Frau ist eine Weiterentwicklung des Burlesque, das sich seit einiger Zeit mit Ditta van Teese einer Wiederbelebung erfreut. Für bigotte Charaktere ist es freilich nichts.

 

Ging es beim Burlesque in seiner historischen Form um das erotische Abstreifen eines Handschuhs, so streift sich Bridge Markland als General nicht nur nach und nach die Handschuhe ab. Kleidungsstück für Kleidungsstück legt der fette General, der sich ständig über den Hosenschlitz streicht, nicht nur seine Generalität, sondern seine geschlechtliche Identität ab, bis selbst die Latexschwanzattrappe mit elegantem Schwung in die Ecke flieg. Zuletzt steht "der General" mit einem Trägerhemd und der Beschriftung „Yes we can!“ über Frauenbrüsten auf der Bühne.

Musikalisch begleitet wurde der Abend von der famosen und vielseitigen Nikola Lutz. Sie ist Saxophonistin und Komponistin. Ihre Vielseitigkeit ist atemberaubend. Saxophon spielt Nikola Lutz in der Mehrzahl und das heißt, dass sie je nach Szene einem Alt-, Tenor- oder Sopransaxophon Ton und Melodie entlockt. Zum Schleiertanz wählte sie das Sopransaxophon, das bisweilen schon ins Klarinettenhafte gehen kann. Sowohl durch die Wahl der Saxophone als auch durch ihren optischen Auftritt spielt Nikola ebenfalls mit dem Geschlecht. Mal ist es weiblicher mal männlicher, aber nie ganz und gar eindeutig. Dabei darf das Saxophon durchaus als ein erotisches Instrument gelten.

Die Tänzerin Angelina wirkte durch ihren schlanken Körper und das markante Gesicht androgyn. Ihre Burlesque-Darbietungen entsprachen eher dem klassischen Repertoire. Das Schulmädchen, die Szene mit dem Japanschirm, die Ballon- und Zigaretten-Szene, der Schleiertanz. Jedes Mal wandelt sie ihren Charakter, bleibt eher spröde, zeigt ihre Nacktheit bis zur Scham selbstbewusst. Es war nicht einfach die Striptease-Akrobatik an der Stange, vielmehr zeigten die verschiedenen Szenen eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit.

Glatt und einfach waren die Liebesbissen nicht, eher herausfordernd, provozierend, anregend. Erotik auf diese Weise verstanden, zielt auf mehr als Triebbefriedigung. Diese spielte in den Texten der Autorinnen durchaus auf die eine oder andere Weise eine Rolle. Anne Bax hat ein untrügliches Gespür für das komische Moment beim Reden über Sex. Das Publikum schüttelte sich vor Jauchzen über die kleinen und großen Versprecher beim Reden über Lesbensex in Kochen und Küssen. Wie geht Sex denn nun eigentlich, und Lesbensex im Besonderen? Bax findet nicht nur witzige Formulierungen für die bisweilen sträfliche Dummheit Uneingeweihter, sie weiß die Pointe auch zu servieren.

Sigrun Casper aus Berlin las eine Episode aus Hippi-Zeiten und Katzengedichte. Casper erzählt knapp, wortspielerisch und direkt in Bleib Vogel vom Liebe machen. Der Freund bringt einen Freund zu seiner Freundin mit. Zwischen dem Schallplattenumlegen wird dann zu dritt nicht nur die Schallplatte umgelegt. Wenn ich ein richtiges Gespür für die Zeit habe, dann hieß das Umlegen von Mädchen im Jargon der 68er bumsen. Davon hat sich die Autorin bereits 2004 in ihrem Buch zweisamkeit und andere wortschätzchen literarisch distanziert. Im Abschnitt BUMSEN Verraten heißt es einleitend:

"Jemand ist beim Fahrradstehlen erwischt worden und muss zur Strafe drei Tage lang bumsen. Im Steinbruch. Im Krankenhaus. Oder in der Bibliothek. Eine Sportart wie Bobfahren oder Kugelstoßen könnte Bumsen sein. ..." 

 

So zeigen Caspers erotische bis pornographische Katzengedichte aus dem Heimlichen Auge, wie sehr die Sprache über Sex und das Liebemachen von zeitlichen Strömungen und kulturellen Kontexten abhängig ist. Das war und ist immer ein Anliegen der mutigen Verlegerin Claudia Gehrke gewesen. Sex ist eben nicht überall gleich und Pornographie lässt sich nicht nur an dem Winkel des erigierten Gliedes oder der Sichtbarkeit des Geschlechtsteils bemessen.

Litt Leweir las aus ihrem 512seitigen Thriller „Migräne“ einige der Sex-Stellen. Hardcore. In einem Thriller gibt es natürlich Hardcore. Litt Leweir liest ihre Hardcore mit einer derart sanften und freundlichen Stimme, dass das Harte soft wird. Ihr Thriller-Personal aus Toni, Joshua und der Hauptkommissarin Monika Haberstroh u. a. entfacht nicht nur Spannung, sondern einen fröhlichen und verwirrenden Reigen unterschiedlichster sexueller Handlungen im Prenzlauer Berg. Sex findet in verschiedenen Paarungen statt: Mann/Mann, Mann/Frau, Frau/Mann, Frau/Frau etc. Neben Händen, Gliedmaßen, Zungen und Dildos wird schon mal die Faust gebraucht. Die Sprache ist, was man direkt nennt. Bisweilen reicht sie nicht ohne Komik bis zu einem jungendlichen Jargon.    

Claudia Gehrke führte charmant und gewandt als Moderatorin in eigener Sache durch den Abend. Zwischen Unterhaltendem, Buntem und Anregendem blitzte immer wieder the little extra auf. Sex und das Geschlecht im Wandel gibt es bisweilen noch jenseits der Pornokonzerne, die bis in unseren eigenen Sex hineinregieren. Wer hätte das gedacht!

 

Torsten Flüh