Erzählungen zwischen den Linien - Michel Bergmanns Lesung Die Teilacher im Jüdischen Museum Berlin

Linie – Erzählung – Zickzack

 

Erzählungen zwischen den Linien

Michel Bergmanns Lesung Die Teilacher im Jüdischen Museum Berlin

 

Am 10. Mai las Michel Bergmann aus seinem Romandebüt Die Teilacher im Jüdischen Museum Berlin. Bergmanns Vortragsweise und die Erzählweise des Romans gaben zu wiederholter Heiterkeit Anlass.

Am darauffolgenden Tag gaben das Jüdische Museum und Daniel Libeskind auf einer Pressekonferenz bekannt, dass er nach dem Museumsbau und dem Glashof als drittes Gebäude die Akademie für das Jüdische Museum Berlin bauen wird. Sie soll auf dem Gelände des ehemaligen Blumengroßmarktes in der Friedrichstraße, Rückseite Lindenstraße gegenüber dem Museum, entstehen.


Libeskinds Architektur verflogt eine dekonstruktivistische Erzählweise, die man insbesondere am Museumsbau mit seinem Titan-Zink-Mantel verfolgen kann. Es werden nicht nur gewohnte architektonische Formen aufgelöst, vielmehr erzählt die Architektur auf andere Weise von der Geschichte der Juden in Berlin und Deutschland.

 

Seinen Wettbewerbsbeitrag für den Museumsbau nannte Daniel Libeskind 1988 „Between The Lines“. Das war ein mehrdeutiger Titel, der sich in mehrere Richtungen auffächern lässt. „Between The Lines“ verweist sowohl auf das Konzept der differance  von Jacques Derrida (1930-2004) als auch auf die Geschichte der Juden in Berlin seit dem 4. Jahrhundert, die zwischen die Linien gerieten. Im Zwischen geht es um das Wechselspiel von An- und Abwesenheit. 

It is a project about two lines of thinking, organization and relationship. One is a straight line, but broken into many fragments; the other is a tortuous line, but continuing indefinitely. (Daniel Libeskind)

 

Libeskind selbst hat 4 Aspekte seines Projektes explizit genannt: Das Nachdenken über die Linie, der Versuch, Arnold Schönbergs (1874-1951) unvollendeter Oper Moses und Aron (1951) architektonisch zu vollenden, sein Interesse an den Namen der Menschen, die von Berlin deportiert worden sind, und Walter Benjamins (1892-1940) philosophisch-fragmentarische „Lesestücke“  Einbahnstraße (1928), die in den 60 Teilen des Zickzack die "Stationen des Sterns" verkörpert werden sollen.

Die Koinzidenz von Lesung und Bekanntgabe des Neubaus ermöglicht es, die Erzählweisen des Romans und der Architektur zu konstellieren. Bergmanns Erzählstruktur, die assoziativ zwischen mehreren Zeit- und Erzählebenen hin und her springt, lässt nicht zuletzt an den Zickzack des Museumsbaus denken.

 

Der Zickzack des Museumsbaus, der von einer Linie im Innenraum durchstoßen wird, lässt sich außen von der ebenen Erde nur erahnen. Aus der Luft wirkt der Museumsbau schmal – er ist oft aus der Luft fotografiert worden. Aber der Besucher, der Passant bleibt an den Boden unter den Füßen verwiesen. Vom Weg und von der Straße aus ragt der Museumsbau hoch und abweisend auf.

Um den Bau gruppieren sich einzelne Elemente wie der Turm des Holocaust und der Garten des Exils, die nur in ihrer konstellativen Anordnung  zum Hauptbau in Beziehung treten. Libeskind ist nicht nur Architekt, er ist auch Landschaftsarchitekt. Das Jüdische Museum ist eine dekonstruierte Landschaft, eine fragmentarische.

 

Zickzack und Linie, Turm des Holocaust und Garten des Exils werden nicht in einer Linie oder einem geschlossenen Raum angeordnet, sondern durch Materialien - Beton und Titan-Zink-Mantel - sowie durch die Anordnung der 49 um 12 Grad geneigten Stelen des Gartens des Exils gegeneinander ins Spiel gebracht. Museum, Holocaust und Exil werden narrativ durch Zwischenräume von einander abgetrennt und in Bezug gesetzt. Ein einzelner Baum blüht vor dem Museumsbau, zwischen dem Garten des Exils und dem massiven Turm des Holocaust.

Der Titan-Zink-Mantel wird wie eine Schreibfläche von schrägen, unregelmäßigen und unterschiedlich langen Linien durchbrochen. Einzelne Linien verzweigen sich, bilden Überschneidungen, Kreuze, formieren sich zu einem Pfeil, der von der Fläche in einen Raum zeigt, der mit seinen Scharten und einer angedeuteten Rampe aus Schiefer an die Deportation erinnern könnte. Dazwischen Sträucher und Bäume und Büsche, die die einzelnen Elemente fast schon überwuchern.

Die Landschaft wird zur Installation, wenn Libeskind beispielsweise sagt, dass der Garten des Exils „für den Versuch (steht), den Besucher vollständig zu desorientieren, für einen Schiffbruch der Geschichte“. Der Garten ist auch ein Bruch in der Landschaft. Sein quadratischer Grundriss ist Einbruch und Bruch in das, was man eine gewachsene Landschaft nennen könnte.

 

Vom Weg her stellen die kräftigen Bäume, Nadelhölzer und Laubbäume ebenso wie unterschiedliche Büsche und Hecken Landschaft als eine überschaubare her und lassen sie von Linien aus Natursteinen durchschneiden. Sieht man über die Linien hinweg, zeichnet sich eine Landschaft vor dem Titan-Zink-Mantel ab.

Ist das nicht zuviel Grün? Sind das nicht zuviel Bäume, Büsche und tief grüne Nadelhölzer? Sollte es nicht noch nackter und abweisender sein? Verdeckt das ganze Grün nicht die Dramatik der Schreibfläche? Oder ist es nicht auch so mit der Erzählung, dass einzelne Stränge zu wuchern beginnen? Ist Erzählung nicht immer schon von Überwucherungen bedroht?

 

Brüche, Abbrüche, Einschläge, Kerben, Ritzen, Neigungen, wo unsere Wahrnehmung darauf trainiert ist, Geraden zu sehen, zu denken, machen Architektur und Landschaft zu einem metaphorischen Ereignis, das vom jüdischen Leben erzählt. Vom Versuch, dieses generalstabsmäßig auszulöschen, und seiner Wiederkehr als anderes, in seiner Ab- und Anwesenheit.

Michel Bergmann erzählt von der Wiederkehr des jüdischen Lebens 1946 in Frankfurt am Main. Es gibt keine Rückkehr für die 4 Männer, die beispielhaft als Überlebende 1946 nach Frankfurt kommen und – als hätten sie nicht genug Lagerleben hinter sich - von den Amerikanern wieder, und sei es in wohlmeinender Absicht, ins Lager gesteckt werden. Das ist der Aberwitz der Geschichte, von dem Bergmann erzählt.

 

Gebrochene, zerbrochene, brüchige Existenzen, die versuchen, im Territorium der Deutschen, die nichts gesehen und nichts gehört und nichts gewusst haben, zu überleben. Bergmann erzählt das un-mögliche Überleben, der Juden in Frankfurt am Main 1946 und später. In der hessischen Stadt fanden sich nach 1945 besonders viele Juden aus Breslau, Polen und Russland ein.

Alles ist un-möglich und passiert doch in ihrem Leben. So passiert es Max Holzmann, dass er sich in eine junge Deutsche, Else, verliebt, deren Verlobter als vermisst im Osten gilt. Max, dem Teilacher, passiert, was er nicht will, dass es ihm passiert. Die einzelnen Erzählungen von David Bermann, Jossel Fajnbrod, Emil Verständig, Moische Krautberg und Max Holzmann, den Teilachern, „den Gestrandeten“, die die Idee gehabt  hatten „Warenhausbesitzer, Wundergeiger, Architekt, Anwalt oder Arzt zu werden“, verfahren nach dem Paradox als Prinzip.

 

Jede Erzählung, jedes Ereignis wird von Erinnerungen und z.B. Tratsch der Frankfurter in hessischer Mundart durchbrochen. Fühlt Max Holzmann in einem Moment die Verliebtheit in sich aufsteigen, so sorgt das Abspielen einer Schallplatte im nächsten dafür, dass er an die Trennung von seiner Frau und seinem Kind und deren Ermordung in Auschwitz erinnert wird. Schelllackplatten, Lieder, Briefe, Zettel, Notizen brechen immer wieder in die Erzählung ein und brechen sie.

Aber es sind nicht nur die Deutschen, die nach 1945 unter einer glücklich-fatalen Amnesie leiden. Schlimmer ergeht es Max, als er, durch etliche absurde Zufälle der Vernichtungsmaschinerie entronnen, in sein Haus in Polen zurück will. In seinem Haus wohnen bereits Polen, die ihn, als er sein Haus zurückfordert, fast totschlagen. Womit ein weniger bekanntes Kapitel jüdischer Schicksale von Michel Bergmann eher en passant angeschnitten wird.

 

Bergmann macht in seinem Roman den Titel transparent. Das Substantiv „Teilacher“ kommt nach Bergmann vom „jiddischen Berliner Verb »teilachen«, und das heißt im vulgären Sprachgebrauch so viel wie »abhauen«. Seinen Ursprung hat dies wiederum in dem Wort für Hausierer und müsste eigentlich »Teillaacher« geschrieben werden.“ Teilacher sind Handlungsreisende, die auch vor sich selbst und dem, was sie erlebt haben, abhauen müssen.

Wie können derartige Erzählungen, in denen alles mit allem verknüpft ist, der Schrecken und das Verlieben, der Überschwang und der Übergriff, zur Heiterkeit Anlass geben? Es ist die Art und Weise wie Bergmann die Widersprüche aufeinanderprallen lässt, die lachen macht. Es ist der Aberwitz, der lachen macht. Und es ist die ironische Weise, auf die Bergmann erzählt und liest, wie er das Jiddisch mit hineinmischt.

 

Bergmann erzählt in Die Teilacher nicht linear. Eher folgt Bruchstück auf Bruchstück aus dem Fluss der Menschen, denen die Erinnerung immer wieder dazwischen kommt. Wenn Max Holzmann und David Bermann mit viel Chuzpe ihre „Aussteuerpakete“ an Eisenbahnerfrauen verkaufen, dann können sie nicht anders, als bei älteren Männern daran denken, was diese wohl vor 1945 gemacht haben. Jeder dieser Männer hätte ein Mörder in Auschwitz oder anderswo gewesen sein können.

Ebenso wie ganz normale Soldaten, Familienväter und Ehemänner, Polizisten, nicht zuletzt im Russlandfeldzug an Massenhinrichtungen und Pogromen teilgenommen haben, so konnten die Männer in der Eisenbahnersiedlung in Frankfurt zu den schlimmsten Schreibtischtätern gehört haben. Michel Bergmann erzählt insofern auch vom Paradox der Befreiung.

 

Die Existenzen der Teilacher, von denen Bergmann erzählt, sind unsichere, brüchige. Insofern sind es nicht nur humoristische Geschichten mit autobiographischem Hintergrund, vielmehr werden sie zu paradigmatischen Existenzen im Chaos der zerbombten, ehemaligen Freien Reichsstadt Frankfurt.

Zwischen den Zeilen erzählt Michel Bergmann von den prekären Existenzen, die den Deutschen mit den Aussteuerpaketen zu überhöhten Preisen weiße Wäsche aus Damast verkaufen. Die Nachfrage nach Weißwäsche war groß.

 

Torsten Flüh

 

Jüdisches Museum Berlin

Lindenstraße 9-11

10969 Berlin

 

Öffnungszeiten

Täglich 10-20 Uhr

Montags 10-22 Uhr

 

Michel Bergmann

Die Teilacher

Roman

Arche Verlag

Hamburg 2010

19,90 €