Gambrinus' Versprechen

Frankreich – Deutschland – Italien – Marokko

 

Gambrinus’ Versprechen

Von der Restauration bis zur Brasserie

 

Der belgische König Gambrinus, der der Legende nach das Bierbrauen erfunden haben soll, gilt heute als unbelegte Erfindung. Obwohl sich Heerscharen von Bierbrauern und Legionen von Lokalen unter das Patronat des Gambrinus gestellt haben, lässt sich ein König dieses Namens nicht nachweisen. Um die vorletzte Jahrhundertwende war er groß in Mode.  

 

Mein Großvater ging in den sechziger Jahren bis Anfang der siebziger einmal wöchentlich zu Gambrinus. Das war in Kiel auf dem Knooper Weg. Bei Gambrinus traf er vor allem Freunde aus seinem Angeliter Verein. Angeliter sind die Bewohner der Landschaft Angeln in Schleswig-Holstein. Angeln liegt zwischen der Schlei im Süden und Flensburg im Norden. Jedenfalls ist mir der Name Gambrinus deshalb seit meiner Kindheit bekannt. Und Opa hatte, obwohl in Kiel geboren, als Bäckermeister noch immer einen Bezug zu den Angelitern. Sein Vater war von Kappeln an der Schlei vor der Jahrhundertwende ins aufstrebende Kiel gekommen, um eine Bäckerei zu gründen. So war das Damals.

Bente und Mike hatten uns ins Berliner Gambrinus in Mitte in der Linienstraße 133 Ecke Friedrichstraße eingeladen. Sie kommen aus Vancouver in Washington im äußersten Nordwesten der USA. Bente und Mike haben seit einigen Jahren eine kleine Wohnung in der Chausseestraße. In der Nachwendezeit kamen sie mit einem gebrechlichen Auto zweiter Hand inklusive Panne aus Dänemark über Rostock nach Berlin. Seither sind sie verliebt in Berlin. Mike erkundet mittlerweile alle halbe Jahr Berlin mit dem Fahrrad und fährt auch schon mal durch den Tegeler Forst bis Spandau oder diesmal nach Treptow. Er liebt es, weil er das in Vancouver nicht machen kann – keine Infrastruktur. So gesehen ist das Auto im amerikanischen Roadmovie nicht Freiheit, sondern Knast.

 

Überhaupt ist Mike mittlerweile ein wenig deutsch sozialisiert. Nachdem wir Bente und Mike zum Dinner eingeladen hatten, führte uns Mike nun voller Entdecker-Stolz im Gambrinus ein. Mit den Servicekräften ist Mike vertraut und sie mit ihm. Mike liebt Salate American size. Bente bestellte sich ein Wiener Schnitzel. Udo nahm ein vegetarisches Sellerie-Schnitzel. Cay und ich probierten die halbe Freiland-Ente mit Rotkohl und Thüringer Kloß. Das nennt man bodenständig. 

 

Das Gambrinus wurde 1896 eröffnet. Und vielleicht erinnern Sie sich an die Geschichte der Engelhardt-Brauerei, die ich im ersten EAT OUT-Artikel erzählte. Die Engel der Engelhardt-Brauerei gibt es im Gambrinus tatsächlich, obwohl es nun eine Klein-Brauerei des Oetker-Konzerns ist.

Essengehen ist ganz entschieden davon abhängig, mit wem man es macht. Im Gambrinus war es nicht zuletzt Bentes und Mikes Vertrautheit mit dem Ort, die es  besonders machte. Sie empfingen uns fast, als wäre es ihr Wohnzimmer.

 

Seit wir Bente und Mike kennen, hat sich unser Blick auf Amerika verändert. Man kann sich nämlich anspruchsvoll mit ihnen über Politik unterhalten. Sie sind keine Intellektuellen, sondern bezeichnen sich selbst als American Middleclass. Aber ihre Freunde in USA kommen schon seit einiger Zeit nicht mehr ganz mit, was dieses Paar politisch denkt. Jene halten Obama wegen der Pläne zur Gesundheitsreform für einen Sozialisten, wenn nicht gar Kommunisten und Nazi gleichzeitig, was weniger über Obama, aber viel über eine verunsicherte American Middleclass aussagt.

 

Auf diese Weise kommt man im Gambrinus in der Berliner Linienstrasse der American Middleclass sehr nah und beginnt mehr vom aktuellen Amerika zu verstehen als in jedem Hochschulseminar.

 

Mit meiner Freundin Karin war ich im Casalot fast schräg gegenüber in der Claire-Waldoff-Straße. Das nennt man Kontrastprogramm. Die Straße ist eine Sackgasse und geht von der Friedrichstraße ab. Das Casalot liegt ein wenig weiter zurück, weshalb das touristische Laufpublikum eher daran vorbei rennt. Als ich im Sommer einmal dort zum Brunch war und am Nachbartisch ein Geburtstag mit Live-Saxophonbegleitung gefeiert wurde, lernte ich die leicht abseits gelegene Lage und natürlich das frische, aromatische Essen schätzen.

Das Casalot bietet Arabische Spezialitäten mit dem Schwerpunkt Marokko an. Dazu gehört nicht zuletzt Marokkanischer Tee, der sehr stilvoll in vergoldeten Kännchen serviert wird. Den Tee bestellten Karin und ich auch zum Abend-Essen. Das marokkanische Nationalgericht Mansaf Freekeh mit Lammfleisch auf geräuchertem Grünkern mit gerösteten Mandeln und einer Yoghurt-Sauce war ausgezeichnet. Auch Karin, die mit Lammfleisch vorsichtig ist, war mit ihrem Gericht sehr zufrieden.

 

Nicht nur das Essen stimmt im Casalot und ist sehr empfehlenswert, sondern auch das Ambiente. Restaurant und Lounge sind sehr zurückhaltend arabisch ohne großen Plüsch eingerichtet. Man kann durchaus sagen, dass die Atmosphäre wie die frischen und aromatischen, auch vegetarischen Speisen, einen Hauch arabischen Luxus in Berlin Mitte verströmen.

 

Bevor wir diesmal wieder weiter in den Norden aufbrechen, machen wir noch einen kleinen, aber bemerkenswerten Abstecher in die Auguststraße 87, die parallel zur Linienstraße verläuft. Dort zaubert Jean-Claude im Café und Bistro NORD-SUD. Jean-Claude gehört zum Village. Das Village ist die Ecke zwischen Oranienburger und Torstraße sowie Friedrichstraße und Rosenthaler Straße. Es ist strittig, ob noch das Terrain bis zur Karl-Liebknecht-Straße hinzu gehört. Im Village wohnt zentral, unauffällig, aber nicht ohne Luxus, wer Geld und Namen und Kreativität hat. Ein wenig Hamburger Pöseldorf in Berlin, doch ganz anders. Ist auch nicht so leicht zu sehen, bekommt man erst mit, wenn man die Nachbarn besser kennenlernt.

Gambrinus ist noch nicht Village, sondern liegt an der Grenze. NORD-SUD ist Village. Wir haben Ginkas Geburtstag dort zu viert gefeiert. Für so einen bedeutenden Anlass kann man natürlich auch in ein mondäneres Restaurant gehen. Da sich aber Ginka mit ihrer Parisophilie aus Studienzeiten in Jean-Claude und seine Künste verliebt hat, ging es sehr französiesch bei einem kleinen, feinen, fast ländlichen Menu auf Gartenbänken zu.

 

Jean-Claude ist das französische Original im Village. An den Wänden hängt Kunst von befreundeten Künstlern. Wenn man mit Freunden in Paris zum Mittag geht, dann ist es nicht viel anders, aber teurer. Die Küche ist originell und frisch und dürfte so gar nicht existieren. Aber was heißt das schon, wenn eine andere Festgesellschaft in einer anderen Ecke auf einmal beginnt, Happy Birthday für Ginka zu singen.

In der Müllerstraße erwarten die wenigsten Menschen eine französische Brasserie. Doch der Wedding gehörte zum Französischen Sektor und deshalb liegt auf der Müllerstraße das Centre Francais mitsamt La Brasserie de France und einer bescheidenen Eifelturm-Nachbildung. Eine Brasserie ist kein Restaurant. Da macht der Franzose feine Unterschiede. Brasserie kommt vom Französischen brasser, das brauen bedeutet.

 

Diesmal waren wir mit Paco dort, einem Freund aus Barcelona. Im Sommer kann man wunderbar draußen sitzen, was ich schon bei verschiedenen Gelegenheiten ausprobiert habe. Bei den richtigen Temperaturen kann dann schon eine entfernt mediterrane Atmosphäre aufsteigen. Schwester und Schwager ließen sich mit der Patentochter schon im Sommer vor dem Eifelturm bei Nacht fotografieren. Innen lockt das Ambiente mit einem 60er-Jahre-Charme. Die Speisen sind französisch rustikal. Wer es deftiger liebt, für den ist die typische Zwiebelsuppe ein Hit.     

Brüssel ist für Franzosen eher das, was die Ostfriesen den Deutschen sind. Trotzdem gehört diesmal mein Geheimtipp dem Valle dei Templi in der Brüsseler Straße. Dort aßen Udo, Cay und ich nach einer Ausstellungseröffnung. Die Pizza Tricolore war schlechthin sensationell. Dünner, knuspriger Boden, Durchmesser fast 50cm und gut belegt. So sind alle Pizzas im Valle dei Templi und dazu noch äußerst preisgünstig. Udo und Cay waren mit ihren Speisen ebenfalls sehr zufrieden. Udo isst immer vegetarisch. Auf meine Tricolore hatte ich etwas länger warten müssen, dafür erntete ich neidvolle Blicke von Udo und Cay.

Das Valle dei Templi besticht - wie alle anderen diesmal vorgestellten Restaurants auf ihre Weise -, durch seine originelle, um nicht zu sagen authentisch italienische Atmosphäre. Das Angebot an Restaurants ist in Berlin mittlerweile so reichhaltig, dass es kein Restaurant mehr nötig hat, sich einem „deutschen“ Geschmack anpassen zu müssen. In Berlin bekommt man alle Zutaten, die eine originale Küche braucht. Und die Gäste gehen gern auf die jeweiligen Landessitten ein, wenn Essengehen zu einer kleinen Auslandsreise wird.  

 

Für diesmal: Arrivederci e Grazie.

 

Torsten Flüh

 

Valle dei Templi

Brüsseler Straße 10

13353 Berlin-Wedding

T: 030/ 454 39 27

 

NORD-SUD

Auguststraße 87

10117 Berlin

T: 030/ 97 00 59 28

 

Casalot

Arabische Spezialitäten

Claire-Waldoff-Straße 5

10117 Berlin

T: 030/ 27 57 22 10

 

La Brasserie de France

Müllerstraße 74

13349 Berlin

T: 030/ 450 222 29

 

Gambrinus

Linienstraße 133

10115 Berlin

T: 030/ 282 60 43