Blaues Licht zur Uraufführungsstunde - Junges Ensemble Berlin führt Images of Light auf

Uraufführung – Percussion – Junges Ensemble Berlin

 

 

Blaues Licht zur Uraufführungsstunde

Junges Ensemble Berlin Chor führt Images of Light von Jeremias Schwarzer

 

 

Sehr blaues Licht brach von draußen durch die Fenster der St. Elisabeth-Kirche, als der Ton G, von einer Klangschale unterstützt, den Raum füllte.

 

Es muss dieser Effekt aus Klang, Einatmen, Ausatmen, Stille, Raum und Licht gewesen sein, den der Komponist Jeremias Schwarzer sich nicht besser wünschen konnte. Kurz bevor die Nacht hereinbricht, wird das Licht sehr blau.

Am Samstag vor Palmsonntag gab es gleich zwei hochkarätige Aufführungen von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion. Einmal im Berliner Dom mit der Domkantorei und einmal in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit dem Bach-Chor und –Collegium. Die Zeiten um Weihnachten und Ostern gehören immer noch zu den Hochzeiten der Chormusik. Doch diesmal zog der Chor des Jungen Ensembles Berlin mein Interesse auf sich.  

Einen besseren Chor hätte sich Schwarzer, der Artist in Residence am Radialsystem ist, für seine Uraufführung von Images of Light kaum wünschen können. Das wusste er auch und hatte es bereits während der Einführung in der Villa Elisabeth gesagt. Er und Frank Markowitsch, Chorleiter des Jungen Ensembles Berlin, stellten sich den Fragen des Publikums. Der Chor des Jungen Ensembles Berlin aus jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren umfasst ca. 60 hoch motivierte und äußerst experimentierfreudige Sängerinnen und Sänger.

Unterstützt wurde der Chor für die Uraufführung vom Schülerchor der Otto-Hahn-Schule aus Neukölln und Michael Metzler als Percussionist. Beide waren ein unglaublicher Gewinn für die Uraufführung des Stückes.

Images of Light von Jeremias Schwarzer ist eine vielschichtige Komposition aus westlichen und östlichen Klangtraditionen. Zu Beginn stehen die Sänger im Raum und eine junge Frau umkreist mit einer buddhistischen Klangschale auf der flachen Hand den Chor.

Das Klangerlebnis verändert sich. Die ersten Worte der Genesis spricht der Chor noch gemeinsam. Dann beginnt der Chor sich als Einzelpersonen, die Einzeltexte vor sich hin sprechen, durch den Raum zu wandern. Arabische Percussion bahnt sich im Klang einen eigenen Raum. Rhythmische, tänzerische Elemente steigen auf und Bruchstücke aus arabischen Gesängen werden hörbar.

Der Schülerchor übernimmt einen eigenen Part, bringt weitere Klangfarben in den Raum, beginnt in Linien zu tanzen. Rhythmisches Klatschen dringt durch. Die Komposition bekommt einen entschieden tänzerischen Aspekt. Vom Ton G bis zur Polyphonie im Tanz hat sich die Komposition heraufgearbeitet. Da bricht sie mehr ab, als dass sie einen Abschluss findet.

 

Wie könnte eine Musik klingen, die weder aus dem Osten noch aus dem Westen kommt, war für den Komponisten die Ausgangfrage zum Projekt. Die Formulierung einer Musik weder aus dem Osten noch aus dem Westen geht zurück auf die Lichtsure des Korans.  Schwarzer hat daher sehr gelungen christliche, jüdische und arabische Vokalstile mit einander verknüpft.

Jeremias Schwarzer hatte das Publikum sozusagen in seine Komposition mit einbezogen:

… Idealerweise gibt es niemanden, der „nur“ zuhört, sondern alle lassen sich auf diesen Prozess ein – sei es durch Mitsummen oder durch die bewusste Beteiligung an dem Prozess von Atem und Stille. Damit ist die Trennung von „Chor“ und „Publikum“ aufgehoben: alle sind Teil eines Ganzen.

Doch der programmatische Zettel, den „das“ Publikum vor Beginn in die Hand bekam, birgt auch seine Tücken. Wie wird man „Teil eines Ganzen“, wenn doch gerade die Polyphonie und das Polyglotte die Struktur bestimmen? Das Singen und Reden in vielen Zungen muss nicht unbedingt ein Ganzes hervorbringen.


Akustisch und kompositorisch entstand ein ganz außerordentliches Klangerlebnis. Am Schluss wurden die Chöre und der Komponist ebenso wie Percussion und Chorleiter gefeiert. Das durchaus zu recht und vielleicht war es eben auch ein Ausdruck dessen, dass das Publikum nicht nur zugehört hatte. Es hatte sich mitreißen lassen. Nur zuhören geht eigentlich nicht.    

Images of Light ist ein hoch vernetztes Projekt, mit dem sich der Chor gesellschaftspolitisch positioniert. Die Jugendlichen der Otto-Hahn-Schule hatten sich in Projekten mit der Thematik des Stückes beschäftigt. Cem Özdemir hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen und im April wird der Chor nach Istanbul reisen. Das Junge Ensemble Berlin versteht sich als „Kulturträger“, der gemeinsam mit Berliner Schulen arbeitet.

Doch es waren nicht nur die Uraufführung und das ambitionierte Projekt, die an diesem Abend die Wahl des Jungen Ensembles zum besten Berliner Chor 2009 in seiner Kategorie mehr als bestätigten. Mindestens ebenso überzeugend wie die Uraufführung gelangen dem Chor im zweiten Teil des Konzerts das Deutsche Magnificat von Heinrich Schütz SWV 494, Jan Pieterzoon Sweelincks Psalme, Henry Purcells Hear My Prayer, O Lord und das Magnificat von Arvo Pärt von 1989.

 

Einen sehr gelungenen Kontrapunkt setzten im zweiten Teil rhythmisch-arabische Einlagen unter der Leitung von Michael Metzler. Damit wurde ein Thema von Images of Light wieder aufgenommen. Nun aber eben als Gegengewichte zu den A-Capella-Kompositionen der "großen" Komponisten.

Da die St. Elisabeth-Kirche, wie die deutsche Öffentlichkeit nicht zuletzt seit der Berliner Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler vom 24. März 2009 weiss, nicht beheizt werden kann, wünscht man sich und den Beteiligten eine Wiederholung des Konzerts zu einer wärmeren Jahreszeit.

 

Torsten Flüh