Das Sichtbare und das Unsichtbare - Invisible City in der U 10

Untergrund – Kunst – Comic

 

Das Sichtbare und das Unsichtbare

„Invisible City“ in der U 10 Von hier aus ins Imginäre und wieder zurück

 

Ist das Imaginäre unsichtbar? – Es gibt Fragen, über die man erst stolpert, wenn man sie stellt. Wie könnte man ins Imaginäre reisen und einfach wieder zurückkommen? Kommt man denn aus dem Imaginären so einfach zurück?

Die Berliner Kunst-U-Bahn der Linie 10 verspricht eine Reise ins Imaginäre mit Rückfahrschein. Die U 10 ist ein Gemeinschaftsprojekt der NGBK und der BVG unterstützt von Berlin, Wall AG und Zitty. Was nun also ist oder wird sichtbar im U-Bahnhof Bernauer Straße auf der Linie U 8 von der Hermannstraße in Neukölln im Süden nach Wittenau im Norden?

Comics ... - Nein, nicht nur Bilder im Comic-Stil mit Sprechblasen sind hier zur Zeit zu sehen, sondern erst einmal der U-Bahnhof selbst. Den U-Bahnhof Bernauer Straße sieht man. Und man sieht ihn nicht.

 

 

Bahnhöfe sind Orte zum Warten. Warten heißt heute, die Augen schließen und sich auf die Musik aus dem iPod konzentrieren. Vielleicht liest der Eine oder Andere noch die Reklame. Beim Warten auf die Bahn wird gern zur Zeitung gegriffen, eine SMS verschickt – Warte gerade auf die Bahn -, ein Schmöker gelesen oder die Spiele-Funktion des Mobiles genutzt. Warten ist irgendwie blöde. Verlorene Zeit.

Der U-Bahnhof Bernauer Straße bleibt so gut wie unsichtbar. Die Comics auf den Werbetafeln des Stadtmöblierers Wall AG fallen ins Auge … Moment! Die Comics sind zwar ein wesentlicher Teil des Bahnhofs, aber sie sind nicht der Bahnhof. Der Bahnhof ist seine Architektur. Die Architektur eines U-Bahnhofs, eines von 173 im Berliner U-Bahnnetz, ist das, wo man durchläuft, wenn man nicht warten muss. Der U-Bahnhof Bernauer Straße ist ziemlich niedrig, das fällt einem vielleicht noch auf. Mehr aber auch nicht.

Mir sind zunächst die Säulen aus schwarzem, poliertem Stein aufgefallen. Die Säulen – Achtung, wir befinden uns im Imaginären – erinnerten mich an solche in alten Berliner Häusern und Regierungsbauten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die mittlerweile offenbar teilweise ersetzten, cremefarbenen Kacheln, passen aber nicht dazu. Das irritiert. Vor oder nach 1914?

 

Aufklärung gibt die von mir sehr geliebte Denkmaldatenbank der Berliner Stadtentwicklung. Der U-Bahnhof Bernauer Straße wurde 1914 geplant, 1915 noch begonnen zu bauen, aber wegen des Krieges erst 1929-1930 beendet. Die Säulen stammen tatsächlich noch aus dem Kaiserreich, während die Kacheln der Neuen Sachlichkeit geschuldet sind. Peter Behrens, sozusagen der Hausarchitekt der Allgemeinen-Elektricitäts-Gesellschaft, kurz AEG, und Alfred Grenander, der Pionier der U-Bahnhöfe Berlins, haben dem Raum sein Aussehen gegeben.

Die Stationen Bernauer Straße und Voltastraße sind in der Säulenkonstruktion ähnlich. Das macht Sinn. Beide wurden offenbar von Peter Behrens konzipiert. Denn beide Bahnhöfe sollten an das AEG-Gelände in der Brunnenstraße 111 anschließen. Vor allem Arbeiter und Angestellte, die in den Werkhallen der Hussitenstraße, Gustav-Meyer-Allee und Brunnenstraße arbeiteten, sollten die Bahnhöfe nutzen. In der von Peter Behrens (1868-1940) entwickelten Corporate Identity der Produkte und Fabriken der AEG nehmen die beiden fast unsichtbaren Bahnhöfe eine Scharnierfunktion ein. 

Die AEG wurde als Deutsche Edison-Gesellschaft 1883 von Emil Rathenau u. a. auf einem Hinterhof in der Schlegelstraße, parallel zur Chausseestraße gegründet. Die Edison-Höfe zeugen heute noch von diesem Geburtsort der deutschen Glühbirne. Von der Schlegelstraße entwickelte sich schnell die industrielle Produktion aller Produkte für die Erzeugung von Elektrizität bis zu ihrer Anwendung, also von der Turbine bis zur Glühbirne in den Berliner Norden nördlich der Bernauer Straße.

 

Die Corporate Identity, die Peter Behrens für die AEG vom Schriftzug bis zur Turbinenhalle entwarf, fügt das Sichtbare symbolisch zusammen. Unter dem Symbol bzw. der Marke AEG versammelte sich bei Peter Behrens als einem der Ersten ein durchgängiges, bildhaftes Design. Das heute oft schon als Karrieremodell oder gar Lebensentwurf formulierte Lableling hat seine Ursprünge bei Peter Behrens, kann man sagen. Bildwelten generieren das Lable bzw. die Marke und schaffen den Wiedererkennungswert eines einzigartigen Produktes.

Heute ist die Architektur der U-Bahnhöfe Bernauer und Voltastraße aus ihren Kontexten gerissen. Der Krieg war dazwischen gekommen. Tendenziell muss man sich vor allem die Säulen der Bahnhöfe als Bestandteil der imaginären AEG von Peter Behrens vorstellen. Arbeiter, Angestellte, Führungskräfte und Kunden sollten sich in einer zusammenhängenden Bildwelt bewegen, die auch dann an AEG erinnerte, wenn der Schriftzug nirgends zu lesen war. Und nun kommen wir zu den Comics.

Simon Grennan und Chris Sperandio machen seit Oktober 2009 noch bis Ende Februar 2010 mit ihren Comic-Einzelbildern sichtbar, was sonst im Untergrund des Systems U-Bahn eher unsichtbar bleibt - Sicherheits- und Reinigungspersonal, Weichensteller und Gewerbetreibende. Es sind NachtarbeiterInnen in Berlin, die vielen Menschen schon deshalb unsichtbar bleiben, weil sie arbeiten, wenn die meisten Berliner schlafen. Auf den Werbetafeln erscheinen Menschen, die im System der Verkehrsbetriebe anonym und gesichtslos bleiben. Nun werden sie in einer modifizierten Form der streetart unter der Straße sichtbar.

 

Comics sind sequentielle Kombinationen aus Bild und Text. Sie haben etwas Filmisches. Dabei können mehrfach unterteilte Sprechblasen selbst bildhaft werden und eine Abfolge von Bildern generieren. Die Sprechblasen gehören zum Sichtbarwerden dazu. Mit der Sprechblase erhalten die Personen der Invisible City eine Geschichte. Die Geschichten bestehen in diesem Fall aus 9 Interviews, die die Künstler im August und September 2009 geführt haben. Sie haben beispielsweise Herrn R. und Frau K. interviewt.

Herr R. und Frau K. arbeiten mit ihrem Hund Hella häufig in der Frühschicht als Sicherheitsbeamte, erfährt man aus der Sprechblase. Hella kommt nur imaginär vor. Sie ist auf dem Bild nicht zu sehen. Hella existiert im Comic (nur) in der Sprechblase. Auch der völlig nackte Mann, der auf einem Bahnhof rum lief, und von dem Herr R. erzählt, bleibt im Imaginären. Er ist nicht da, doch die LeserInnen sehen ihn sofort aus dem Mund mit Herrn R.s Worten nackt über den Bahnsteig rennen.

Seltsame Spiegeleffekte tun sich im Imaginären auf. Wo befinden sich Herr R. und Frau K., Herr P., Frau J. und all die anderen? Immer verweisen die Comicbilder und die Sprechblasen auf anderes, was sich gleichwohl beim Sehen und Lesen belebt. Die Poster auf den Hintergleisflächen, die sich zwischen den Kacheln der Neuen Sachlichkeit und den im Moment auf die U-Bahn Wartenden befinden, wären das Reale, das doch allein im Imaginären seine Wirkung entfalten kann.

Es ist nicht so einfach, dem Imaginären zu entkommen. Rückfahrscheine lassen sich nicht ohne Weiteres auf das Reale lösen. Die BVG bietet ohnehin keine an. Entweder muss man Einzelfahrscheine für nur eine Richtung lösen oder eine Tages-, Mehrtages-, Monats- oder Jahreskarte kaufen. Das ist die Realität der Tarifpolitik der BVG.

 

Das Imaginäre wäre als ein sehr weit verzweigtes Streckennetz aus Spiegeleffekten im Untergrund denkbar. 173 „Bahnhöfe“ sind da gar nichts. Immer wieder bricht das Reale plötzlich und unvorhersehbar ein. Plötzlich stehe ich vor der polierten Säule. Plötzlich steige ich am U-Bahnhof Bernauer Straße aus und sehe plötzlich Poster auf den Hintergleiswerbetafeln.


Ich wünsche mir, dass Sie plötzlich das Bedürfnis haben, zum U-Bahnhof Bernauer Straße zu fahren.

 

Gute Fahrt wünscht

 

Torsten Flüh

 

PS: Vergessen Sie in Berlin nie, den Fahrschein vor Antritt der Fahrt abzustempeln.

 

U10

VON HIER AUS INS IMAGINÄRE UND WIEDER ZURÜCK

 

Simon Grennan

Chris Sperandio

Invisible City

 

noch bis 28. Februar 2010

 

U 8 Bernauer Straße