Werner Schroeters Engel der Fotografie - Autrefois et Toujours

Laterna Magica – Engel – Polaroid

 

Werner Schroeters Engel der Fotografie

Autrefois et Toujours - Fotoarbeiten 1973-2009

 

Ein Engel geht durch den Raum.

 

Engel kann man sehen oder auch nicht. Dieser Engel ist unsichtbar – und sichtbar zugleich. Dieser Engel ist dünn, schwarz gewandet, trägt einen schwarzen Schlapphut. An der rechten Hand zwei große Saphire in Gold gefasst, an der linken ebenfalls einen. Eher Damen- als Herrenringe. Dieser Engel ist groß, er geht vorn über gebeugt, von Geschichte und Krankheit mehr denn vom Alter gezeichnet. Er selbst ist der Engel der Geschichte. Das sagt er nicht. Das sieht man nicht sogleich. Vielmehr ist es das, was der Freund später Aura nennen wird.

 

Auf einmal ist Werner Schroeter im Raum.

Zwischen den Jahren sagt man zur Zeit nach Weihnachten und vor Neujahr. Die Zeit zwischen den Jahren ist magisch aufgeladen. Immer noch geht das Leben in Deutschland und so auch in Berlin zwischen dem 26. Dezember und dem 1. Januar anders. Sieht man einmal ab vom Umtausch- und Schnäppchenjagd-Rausch, bleibt es meistens ruhig. Sogar die Schwimmhallen in Berlin fahren ihren Betrieb runter oder bleiben ganze Tage geschlossen.

 

Den Film-, Theater- und Opernregisseur Werner Schroeter mag man einen Experten für das magische Zwischen nennen. Am 28., 29. und 30. Dezember, also zwischen den Jahren, hat er im Rahmen seiner Fotoretrospektive eine Performance oder Inszenierung im Haus am Lützowplatz angesetzt. Es ist eine petite messe noire.

Der Engel ist nackt. Eines der jüngsten Fotos, die der Kunsthändler und Freund Christian Holzfuss aus einer Fülle von Polaroids, Kleinbildfotos etc. des berühmten Regisseurs ausgewählt und vergrößert hat, zeigt den Engel selbst. Werner Schroeter (geb. 1945) hat sich - vermutlich in einem Hotelzimmer - selbst fotografiert. Ein ausgemergelter, nackter Körper. So nackt wie sich selbst hat Schroeter keinen seiner Freunde fotografiert.

 

Später in der Studio Galerie wird er vor einem Foto, das nicht er gemacht hat, sagen, dass für ihn die Fotografie eine Laterna Magica ist. Fotografie-historisch gesehen wäre das recht gewagt. Doch wenn man die Ausstellung, die Inszenierung gesehen und Schroeters Erzählung vom Engel in der Fotografie gehört hat, dann stimmt es.

Werner Schroeters Fotografie ist Totenbeschwörung und Beschwörung des Lebens in einem. Nicht nur zufällig knüpft er deshalb an den französischen Dichter Lautréamont und dessen Gesänge des Maldoror an. Der Comte de Lautréamont könnte ins Deutsche mit der Graf vom Anderen Ufer ebenso wie der Graf des schwarzen Engels übersetzt werden. L’ autré amont - der andere Engel - war als Pseudonym Programm für die erste und einzige Veröffentlichung des 1870 im Alter von 24 Jahren in Paris verstorbenen Isidore Lucien Ducasse (1846-1870). 1868 hatte er Les Chants de Maldoror anonym in Paris veröffentlicht. Weitere sollten folgen, doch dazu kam es nicht mehr und der Dichter starb während der Belagerung von Paris durch die Deutschen an einer ungeklärten Krankheit.

 

Vom Frühverstorbenen war lange kein Foto bekannt und überliefert, denn selbst die Überlieferung der Gesänge des Maldoror verdankt sich keiner frühen Archivierung oder Institutionalisierung, vielmehr war es allein der Zufall, welcher den Dichter und sein sonderbares Werk zum Vorfahren des Surrealismus im letzten Jahrhundert machten. Dass nunmehr ein Foto von Isidore Lucien Ducasse gefunden und veröffentlicht wurde, nun also wissenschaftlich belegt existiert, sagt viel über den modernen Glauben an die Fotografie.     

 

Les Chants de Maldoror gehören zu den Schlüsseltexten der Moderne. Auf vielfältige Weise knüpfen Dichter an Formulierungen der Gesänge noch heute an. Formulierungen in den Texten von Ginka Steinwachs o. a. SchriftstellerInnen zitieren sie auf vielfältige Weise z.B.: 

„Er ist schön wie … das Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch!“ (6. Gesang, 3. Strophe)

 

Werner Schroeter hat seine Inszenierung der Fotografie äußerst kunstvoll in eine Konstellation mit den Chants de Maldoror, die man auch mit Gesänge des bösen Goldes o. ä. übersetzen könnte, mit einem Kurz-Drama gesetzt. Ohne diese Konstellation kann man seine Fotografie und ihre Magie gar nicht verspüren. Am 29. Dezember wurde das  Drama mit der höchst auratischen Almut Zilcher in der Doppelrolle des Vaters/Maldoror, Pascale Schiller als Mutter und dem jungen Anton Andreew als Sohn sowie Werner Schroeter als Leser aufgeführt.

 

Schroeter hat das Mini-Drama selbst verfasst. Es ist von ihm nach der alten Kunst des Lebenden Bildes inszeniert. Nachdem das Drama mit dem Tod des Sohnes und der Mutter durch den Todesengel Maldoror geendet hat, lässt Schroeter das Familienbild am Schluss noch einmal für einen Moment aufleuchten.

Was inszeniert Schroeter, wenn er seine Fotografien mit dem kurzen Maldoror-Drama in eine Konstellation bringt? Sehr viel später nach dem Applaus kam mir der Gedanke, dass die Inszenierung auf einen testamentarischen Zug der Fotografie hinausläuft. Die Magie von Schroeters Fotografie ist immer auch Zeugnis des Gelebten. Zeugnis des Momentes, der vergangen ist. Berührt vom Engel des Todes ist der Moment nicht mehr, aber er ist bezeugt.

 

Wenn man die vielen, unterschiedlichen und oft unscharfen Fotos sieht, dann ist es vor allem ihr testamentarisches Vermögen, das die Fotos von Uli Lommel und Barbara Valentin, Marianne Hoppe und anderen mehr sowie letztlich ihm selbst ausmacht.

 

Torsten Flüh

 

Werner Schroeter

Autrefois Et Toujours

Fotoarbeiten 1973 – 2009

Noch bis 28. Februar 2010

 

Haus am Lützowplatz

Förderkreis Kulturzentrum Berlin e.V.

Lützowplatz 9

10785 Berlin