Variations sérieuses in der Villa Elisabeth - Neuer Gesang der Sing-Akademie zu Berlin

Felix Mendelssohn Bartholdy - Liedertafel – Sprachmusik

 

Neuer Gesang der Sing-Akademie zu Berlin

Variations sérieuses in der Villa Elisabeth

 

Ganz so ernst waren die ernsthaften Variationen der Sprach-, Musik- und GesangskünstlerInnen im großen, wunderbar unrestaurierten Gemeindesaal von Friedrich Schinkels Elisabeth-Kirche in der Invalidenstraße am Schluss doch nicht. Ein Aquarellbild blieb übrig – Mendelssohn als Barthobby – und der Nachklang von Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses. Unter der Leitung von Kai-Uwe Jirka ging kurz vor Mitternacht ein zauberhaft musikalischer Abend bei heftigem Applaus zu Ende.

Zauberhaft kann so ein alter Damen-Ausdruck sein, für diesen Abend wird er anders benutzt. Der Abend war in der Nähe der Zauberhaftigkeit von Shakespeares Sommernachtstraum, zu dem Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847) am 6. August 1826 in Berlin eine Ouvertüre geschrieben hatte. August ist es nicht und eine Sommernacht war es gestern schon gar nicht. Auf der Invalidenstraße und vor der Kirche wie der Villa Elisabeth war es klirrend kalt. Doch die Variationen der jungen DichterInnen, KomponistInnen und SängerInnen hatten oft etwas Sommernächtliches.

1841 hatte Mendelssohn Bartholdy seine Variations sérieuses als einen Gegenentwurf zum „bloßen Virtuosentum seiner Zeit“ komponiert. 1835 war bereits die Elisabeth-Kirche von Friedrich Schinkel im Auftrag König Friedrich Wilhelm III. eingeweiht worden. Als der König 1828 den Auftrag zu den Entwürfen für mehrere, kleine Kirchen vor allem im nördlichen Randgebiet der Stadt erteilte, begann gerade die erste Phase der Industrialisierung Berlins an Dynamik zu gewinnen.

 

Es war nicht allein die Wohltätigkeit des Königs, die ihn bewog, im sogenannten Voigtland zwischen Brunnen- und Gartenstraße, dem Gesundbrunnen, dem Dorf Wedding und Moabit von Schinkel Kirchen bauen zu lassen. Das Interesse des Herrscherhauses an Kirchenbauten bestand nicht zuletzt in der Disziplinierungsaufgabe der zunehmend verarmenden Arbeiter in den umliegenden Quartieren.

Als 1907 ein neuer Gemeindesaal der Elisabeth-Kirche, die Villa Elisabeth, gebaut wurde, war die Umgebung hochindustrialisiert. Das Einzugsgebiet der Gemeinde gehörte allerdings schon zu den besseren Gegenden, in denen nicht nur Arbeiter, sondern auch selbständige Handwerker, Händler und Angestellte wohnten. Deshalb fiel der Gemeindesaal etwas größer und schicker aus.

 

Seit wenigen Jahren wird der Saal vor allem für kulturelle Veranstaltungen genutzt, denn die Gemeinde ist mit anderen zusammengelegt worden. Die Sing-Akademie zu Berlin probt hier regelmäßig, lädt zum Mitsingen ein und veranstaltet kleinere Konzertangebote in der Villa.

Mit den Variations sérieuses war nicht nur eine Komposition für den Abend vorgegeben, sondern eine Programmatik für zeitgenössische Kompositionen in Musik und Sprache. Denn auch aktuell mag man daran glauben, dass Musik- und Sprachstücke auf reiner Virtuosität basieren oder eben auch nicht.

 

Die Variations sérieuses vom Mittwochabend sind von Mendelssohn Bartholdy ausgehend entstanden. Zwölf Dichter und Komponisten waren von der Sing-Akademie zu Berlin aufgefordert, sich auf die Variation als Verfahren einzulassen. Die Variation als Technik einer Umschrift, Übertragung, auch Kritik durch elf andere Sprachen, Stile und Ansätze in mindestens fünf Variationen sollte praktiziert werden.

Das Ergebnis wurde gestern zwischen 21:00 Uhr und Mitternacht unter Anwesenheit aller Künstler präsentiert. Auf magische Weise bleibt ein äußerst polyphones Konzert als Gesamteindruck und - wenn es nicht missverständlich wäre - Gesamt-Kunstwerk zurück. Kein Wagnersches Gesamtkunstwerk, sondern ein, wenn man es einmal so formulieren darf, Filipssches Gesamt-Kunstwerk. Der Dramaturg der Sing-Akademie, Christian Filips, der ebenso Dichter und Sänger ist, hatte nicht nur die Künstler eingeladen. Er hatte auch die Beiträge verknüpft und dem Abend die Form gegeben. Kai Uwe-Jirka hat ihn mit der Tavola di Canto, dem jungen Vokalensemble der Sing-Akademie zu Berlin für Neuere Musik und Improvisation, einstudiert und dirigiert.

Das Projekt führte mit so unterschiedlichen Dichtern wie Ann Cotten, Christian Filips, Mara Genschel, Florian Neuner, Monika Rinck und Ulrich Schlottmann gleichfalls sehr verschiedene Komponisten wie Sebastian Elikowski-Winkler, Christoph Herndler, Harald Muenz, Arne Sanders, Katia Tchemberdji und Asmus Trautsch an einem langen Tisch, einer Tafel, zusammen. Erst in der Kombination der unterschiedlichen Künstler durch die Variationen entsteht Filips' Komposition des Abends.

 

Überraschend, die Hörer fordernd, professionell, einem ausgeklügelten Regelwerk folgend, leidenschaftlich, gewitzt und vor allem niemals langweilig. Immer wieder greift der Hörer nach einem Satz, einer Formulierung, die im Moment ihres Gehörthabens schon wieder entglitten ist. Der Klang wird wichtiger gewesen sein als eine Erzählung. Sinnlichkeit statt Sinn. Die DichterInnen lasen meist selbst am Mikrophon ihre Texte vor, modulierten durch Stimmhöhe und Schnelligkeit, um eine eigene Sprachmusik zu erzeugen.

Die jeweils mehr oder weniger 7 Variationen zu 11 Themen machen es dem Hörer nicht leicht, die Eigenartigkeit eines Komponisten oder Dichters im Nachhinein zu formulieren. Es ist wie ein ziemlich komplexes Spiel mit wenigen, aber wirkungsvollen Regeln.

 

Mit dem wichtigen Bedenken, dass die Kompositionen und Darbietungen der anderen keinesfalls weniger wichtig für den Eindruck des Abends waren, möchte ich dennoch einige Wenige herausgreifen. In Variation 2 zum Thema von VII Unter die/der Decke von Florian Neuner bietet Monika Rinck ein Vages Las Vegas, was das Verfahren der Variation besonders deutlich macht. "Vegas" ist eben auch die Variation von "Vages" - und umgekehrt. In der Kombination entsteht die Spielhölle eines vagen/s Las Vegas, die andersherum ein Spielerparadies ist. Dichtung ist immer Variation und Spiel.

Ähnliches gilt für die musikalische Komposition in der Variation 3 von Harald Muenz Vages unter Las die/der Vegas Decke, um schließlich mit dem zauberischen Ach was-Kanon von Katia Tchemberdji beendet zu werden. Beim Ach was-Kanon kam der ganze Chor in seiner mehrstimmigen Kraft zum Ausdruck. Das Erstaunen in der Formulierung des Ach was, war mit dem uralten Erstaunen vorgegeben. Die ernsthaften Variationen warfen auch Fragen des Erstaunens auf.

 

Wurden wir evidenter, je höher wir stiegen, fragte beispielsweise Ann Cotten. Eine nicht unberechtigte Frage, denn es ging nicht zuletzt um die stimmliche Höhe in der Musik. Und misst sich an der Höhe einer Turandot und dem Nessun dorma des Kalaf nicht alles? Wahrheit? Erfolg? Die Höhe im Nessun dorma machte Paul Potts zum Superstar.  

Die auf zeitgenössische Musik spezialisierte Sängerin Claudia Herr, Mezzosopran, ist eine wunderbare Performerin und steuerte als Variation zum Thema Sinn und Gegensinn (Sang und Antisang) von Monika Rinck ihren Gesang unter Wasser als Variation bei. Doch auch in anderen Kompositionen übernimmt sie Soloaufgaben. Ann Cotten beschränkte sich während der Aufführung nicht aufs Sprechen ihrer Variationen, vielmehr malte sie und präsentierte als Thema XI ein Bild mit dem Titel Mendelssohn als Barthobby.

Zum Abschluss spielte die Komponistin und Pianistin Katia Tchemberdji die Variations Sérieuse, op. 54 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Spätestens in dem Augenblick hatte man dann das Gefühl, dass der Abend weit mehr gewesen war als eine künstlerische Übung. In seiner Einzigartigkeit wird sich dieser Abend nicht wiederholen lassen. Darin war er ein unwiederbringliches Musikereignis und Dokument für einen witzigen Leichtsinn im Kompositionsleben der Stadt, denn alle KünstlerInnen leben und arbeiten in Berlin.   

Dokumentiert ist das Projekt Variations sérieuse auf der Website der Liedertafel.

 

Torsten Flüh