Choreographie und Fußball - Interview mit dem Choreographen David Bloom

Fußball – Choreographie – Sauna

 

Choreographie und Fußball

Ein Interview mit dem Choreographen David Bloom

 

Der Choreograph David Bloom hat zuletzt Anfang Juni durch enemy mit Annett Gurteler und Kenta Shibasaki in einer Berliner Sauna überrascht. Wer oder was ist der Feind?

Bis zu 20 ZuschauerInnen trafen sich zu insgesamt 6 Vorstellungen in der Olivin-Sauna auf der Schönhauser Allee. Sie wurden darüber aufgeklärt, dass es für sie selbst bei zwei Saunagängen in einer Finnischen Sauna Momente der Nacktheit geben werde und dass sie bei 90°C Saunatemperatur an der Aufführung teilnehmen sollten. Nicht nur die 90°C waren für einen Teil des Publikums ein Problem.

 

NIGHT OUT @ BERLIN hat David Bloom mit Blick auf die Kuppeln der neuen Synagoge in Mitte getroffen.

NIOBE: David, ich falle gleich einmal mit der Tür ins Haus: Ist Fußball Choreographie?

DB:      Ja, in Bezug auf meine Arbeit jedenfalls mehr als das Ballett des 19. Jahrhunderts.

NIOBE: Warum hat Choreographie für dich etwas mit Fußball zu tun?

DB:      Mein persönliches Arbeiten mit Choreographie hat mit dem Körper in Raum und Zeit zu tun, Strukturen zu finden, mit Körpern in Raum und Zeit umzugehen. Fußball hat für mich sehr wahrscheinlich mehr mit Choreographie zu tun als ein klassisches Ballett.

NIOBE: Um noch einen Moment beim Fußball zu bleiben. Hast du selbst Fußball gespielt?

DB:      Nein, ich bin Sofa-Fußballer. Ich sehe mir das gern zusammen mit Freunden an.

NIOBE: Fußball kann sehr unterschiedlich gespielt werden, wie wir wissen. Magst du im Fußball mehr ein körperbetontes Spiel oder mehr ein strategisches?

DB:      Ohne Körper kann man nicht spielen. Meinst du ein kampfbetontes Spiel mit körperbetont?

NIOBE: Ja.

DB:      Das ist für mich völlig egal. Es muss spannend sein. Es muss schön sein.

NIOBE: Was ist das Schöne am Spiel?

DB:      Ein schönes Spiel ist es, wenn sich da in meinem eigenen Körper etwas tut.

NIOBE: Wir kommen zu einer allgemeinen Frage. Gibt es eine Dimension des Sozialen in deinen Choreographien?

DB:     Ja, dadurch dass da ein Live-Publikum ist, Live-Performer da sind, dass ich etwas erlebe, gibt es eine soziale Interaktion im Gegensatz zum Kino, beispielsweise.

NIOBE: Provozierst du gern?

DB zögert.

NIOBE: Deine Choreographien sind immer leicht am Rande der Provokation angesiedelt?

DB:     Naja, es gibt auch Menschen, die fühlen sich überhaupt nicht provoziert. Die werfen mir dann vor, dass ich da etwas nur anschneide. Man könnte noch viel weiter gehen. Ich möchte einfach Fragen aufwerfen. Es ist spannend, wie unterschiedlich Menschen da reagieren.

NIOBE: Das scheint dich zu interessieren. In der Aufführung von enemy sind wir in die Sauna gegangen. Und du warst die ganze Zeit dabei. War das auch die Neugier darauf, was zwischen den Performern und den Zuschauern passiert?

DB:      Ich schaue mir jede Vorstellung von meinen Choreographien an. Das war erst einmal nur meine eigene Neugier auf die Performance. Andererseits war ich nicht als Choreograph anwesend, weil viele Zuschauer gar nicht wussten, dass ich der Choreograph bin. Es war mir wichtig, als Teil des Publikums dabei zu sein. Und schließlich hat jede Gruppe anders reagiert.

NIOBE: Choreographie kann ein sehr weit gefasster Begriff sein. So habe ich einmal an einer Kleist-Tagung zum Thema Kleists Choreographie teilgenommen. Kannst du dir vorstellen eine Choreographie zu Texten zu machen? Was ich bisher von dir gesehen habe, war weniger auf einer Musikbasis.

DB:      In der Choreographie enemy waren auch ganz viele Texte drin. Die Materialien, aus denen ich da schöpfe, sind aus allen möglichen Medien.

NIOBE: Kannst du verraten, aus welchen Texten und Materialien du die Choreographie entwickelt hast?

DB:      Sicher. Da ist natürlich auch vieles drin, das gar nicht bewusst ist. Letztendlich ist da immer alles drin, was ich bisher gemacht habe. Eine Formulierung aus Salman Rushdies Midnight’s Children hat mich sehr beiendruckt: To understand just one life you have to swallow the world. Um ein Leben oder Kunstwerk oder irgendetwas zu verstehen, muss man eigentlich alles verstehen, was bis zum jetzigen Zeitpunkt passiert ist.

NIOBE: Geht das denn überhaupt mit dem Verstehen?

DB:      Naja, verstehen ist natürlich schwierig. Es geht mehr um eine ästhetische Erfahrung. Die passiert auf einer anderen Ebene. - Als Text war es einmal Paradise lost von John Milton. Dieses unglaublich schöne Gedicht vom Verlust des Paradieses. Und es war The Origin of Satan von Elaine Pagels.Diese Texte haben mich inhaltlich bei dieser Choreographie beeinflusst.

NIOBE: Da wir gerade bei den Materialien sind. In der Inszenierung von enemy gibt es einen Bambusgarten, in den wir nach den Saunagängen gegangen sind. Es gab die Tänzerin, Annett Gurtler, die verschiedene Posen einnahm. Bei einer Pose fühlte ich mich sehr stark an die Geburt der Venus von Boticelli erinnert, eine Renaissance-Darstellung. Wolltest du diese Bilder erzeugen oder ist das eher Zufall?

DB:      In diesem bestimmten Fall haben wir schon mit Renaissance-Darstellungen gearbeitet. Ich versuche, an die Arbeiten generell relativ abstrakt an Sachen heranzugehen. Also dass man mit Raum und Zeit arbeitet oder hier mit dem Körper selbst. Ich habe mich länger mit dem Körperbau, dem Skelett und den Körperflüssigkeiten beschäftigt. Ich denke, dass die Bilder mehr zwischen dem Körper und dem Zuschauer entstehen.

NIOBE: Ich frage noch einmal anders nach. Für mich ließ sich da schon so etwas erkennen wie die Kunst der Lebenden Bilder, die um 1800 durch Lady Hamilton berühmt wurde. Das schwebte dir hier nicht vor?

DB:      Das ist schwer zu sagen, was mir vorgeschwebt hat. Die Frage stellen mir ja viele Leute. Sie haben da etwas flüchtig erkannt. Aber das bestimme ich nicht wirklich. Lady Hamilton war mir nicht bewusst. Aber, diese Renaissance-Geschichte, damit habe ich dann gearbeitet, weil es um den Akt in der Kunst ging. Mir ging es nicht so sehr um die Renaissance-Bilder in dem Sinne, dass ich gesagt habe, wir arbeiten jetzt mal mit Renaissance-Bildern, sondern mir ging es mehr um eine Dekonstruktion dessen, was diese Renaissance-Skulptur ausmacht. Wir haben mit Asymetrie gearbeitet, wie dann eine Hüfte zur Seite geht. Und mit dem Fett des Körpers haben wir gearbeitet. Damit kann man durchaus auch arbeiten in der Bewegungsfindung.

NIOBE: Nacktheit ist das Thema der Choreographie enemy. Du bist in dem Umgang damit sehr höflich, politically correct würde ich fast sagen. Die Performer waren nackt - und das Publikum auch. Dafür dass dieses Thema so entscheidend war, fand ich dann allerdings, dass die Nacktheit nicht aufdringlich war. Das ist schon ein interessanter Effekt, weil andererseits einige Freunde wegen der Nacktheit gesagt haben, dass sie nicht mitkommen wollten. Wie weit hat dich die Reaktion auf Nacktheit interessiert?

DB:     Das hat mich auf jeden Fall interessiert. Und es freut mich, dass es nicht aufdringlich rüber kam. Es sollte nicht zu einem so zentralen Thema werden. Es war ja der Ort und welche Geschichte er hat. Das war nicht beliebig. Der Ort und das Stück sind sozusagen gleichzeitig in das Projekt hineingekommen. Dieses Saunaumfeld ist ja etwas Anderes, als wenn das Publikum nackt in ein Theater oder so geht. Die Stimmigkeit war mir sehr wichtig. Und dann als diese Frage auftauchte, sind natürlich viele gar nicht gekommen deswegen. Das finde ich schon mal klasse, weil es auch zum Theater dazu gehört, dass einige Leute nicht kommen. Das ist eben ein wesentlicher Unterschied zum Kino zum Beispiel, dass man wirklich eine bewusste Entscheidung trifft, als Publikum da hinzugehen und da dann auch körperlich präsent zu sein. Das ist die Geschichte z.B. mit der Hitze und der Dusche zum Anfang.

NIOBE: Gehen wir einmal auf die Hitze ein. Die Hitze war ebenfalls ein wichtiges Thema in der Sauna bei 90° C, als wir sozusagen den Raum in zwei Saunagängen nacheinander mit Annet Gurtler und Kenta Shibasaki geteilt haben. Und dass die beiden dann dort noch getanzt haben, das fand ich schon ziemlich unglaublich.

DB:      Ja, ich war auch überrascht.

NIOBE: Das scheint mir sehr viel mit Körperbeherrschung zu tun zu haben. Das war natürlich ein ungewöhnlicher Ort. Wie wichtig war dir diese Hitze?

DB:      Das Stück ist als Ganzes entstanden. Es hat eben mit dem Aufführungsort Sauna und seiner Geschichte zu tun. Und nicht damit, dass ich mir nun gesagt habe, ich mache ein Stück über Hitze.

NIOBE: Aber die Hitze war doch der Feind, wenn ich mich richtig erinnere.

DB:      Das ist eine super Interpretation. Es geht mir darum, in diesem Live-Performance-Moment eine körperliche Erfahrung zusammen zu machen.

NIOBE: Es passierte noch etwas ganz Erstaunliches. Während des Saunaganges haben die Performer die Zuschauer sehr direkt angeblickt. Das war fast ein Schock für mich. Was bedeutet für deine Arbeit der Blick gerade in dieser Performance?

DB:      Diesen oder diese Art den Blick so einzusetzen, ist nicht unbedingt meine Erfindung. Den Blick so einzusetzen gibt es schon seit den 60er Jahren.

NIOBE: Den Blick im Tanz auf diese Weise an diesem Ort einzusetzen, ist doch noch einmal etwas Anderes.

DB:      Ja, das ist schon klar. Das ist eine Form der Kontaktaufnahme. Es geht natürlich darum, ob es eher unangenehm ist oder ob es egal ist. Es war ein Bewegungselement dieser Performance. Es sagt ja etwas über den Menschen aus in der Kombination mit der Nacktheit. Es ist ein Thema, das durchgeht. Ich möchte eigentlich Bedeutungsfelder aufmachen und nicht sagen, das bedeutet jetzt das und das. Ich möchte einen Gegencode geben, der eine ganze Anzahl von möglichen Reaktionen herausfordert.

NIOBE: Du hast von Dekonstruktion gesprochen. Geht es für dich um die Dekonstruktion von Grenzen oder wo würdest du sie ansetzen?

DB:      Dekonstruktion meine ich in Bezug auf die Bilder. Ich will keine Repräsentation in dem Sinne: wir stellen jetzt das und das dar, sondern was macht Bilder aus? Wie kann ich diese Atmosphäre der Renaissance erzeugen, ohne dass es um ein plattes Abbild geht?

NIOBE: Du hast Klangschalen als Sound eingesetzt. Ansonsten hast du wenig mit Akustik gearbeitet. Wolltest du ein asiatisches mit einem europäischen Moment kombinieren?

DB:      Einer der Performer, das sind 50% schon mal, ist japanisch.

NIOBE: Kanntest du Kenta Shibasaki schon vorher?

DB:      Wir kennen uns seit 5 Jahren. Er ist nach Darmstadt gekommen, als ich dort getanzt habe. Ich wollte einfach mit ihm arbeiten.

NIOBE: Er war auch wirklich sehr toll.

DB:      Das fand ich auch. Ich habe sowieso ein gewisses Faible für Japan. Es war mit durchaus bewusst, dass da viel Asiatisches drinsteckt, was ich mache.

NIOBE: Es hätte ja auch sein können, dass dich diese Wellness-Esoterik-Schiene interessiert.

DB:      Naja, es war mein Ansatz, mit dem zu arbeiten, was schon da ist. Wenn man z.B. in dem Garten ist, dann gibt es da eine Menge Klänge, das Wasserplätschern, die Vögel, die Geräusche der Stadt. Damit versuche ich, ein Stück weit auf Betrachtungsmodalitäten einzugehen. Es geht darum einen anderen Blick auf das, was man schon hundertmal gesehen hat oder hundertmal gehört hat, zu schärfen.

NIOBE: Fandest du selbst deine Performance hedonistisch? Die Performance an diesem Ort könnte auch die Frage des Hedonismus, der Lust als höchstes Gut aufwerfen.

DB:      Einige Leute im Publikum haben sich doch nicht wohl gefühlt. Für sie kann es wohl nicht hedonistisch gewesen sein.

NIOBE: Ja, das ist ein Argument. Ich habe mich durchaus sehr wohl gefühlt. Aber du sagst, dass es Leute gab, für die das nicht so war.

DB:     Es gab Leute, für die war es echt eine Entscheidung. Es gab Leute im Publikum die blieben die ganze Zeit in ihrem Handtuch eingehüllt. Für die war es schwierig, duschen zu gehen. Ich habe aber auch gemerkt, dass sich da nach einer Stunde oder so was verändert hat. Und dass sie sich dann in der Situation wohler gefühlt haben. Da tut sich dann was, bei dem Menschen selber. Das finde ich natürlich, den höchsten Anspruch den Kunst überhaupt haben kann.

NIOBE: Das hört sich nach einem kathartischen Moment in deinen Choreographien an. Ist das nicht schon fast ein wenig altmodisch?

DB:      Nein, das finde ich überhaupt nicht, wenn man z.B. an die Ursprünge des Theaters denkt wie das Element des Rituals oder an das einer Zusammenkunft.

NIOBE: Das rituelle Moment war durch Frederica Fiore in der Tat stark betont.

DB:      Ich mag diese Bezüge zu den ganz alten Formen des Theaters.

NIOBE: Danke für das Interview und weiterhin viel Glück bei der Realisierung von Tanz-Projekten.

DB:      Danke ebenfalls.