Abbinden - Ilona Kálnoky in der Galerie Heike Curtze

Gips – Silicon - Stahlseil

 

Abbinden

Ilona Kálnoky in der Galerie Heike Curtze

 

Die Wiener Galeristin Heike Curtze hat seit geraumer Zeit ihre Berliner Galerieräume von Charlottenburg nach Mitte in die Friedrichstraße 210 verlegt. Im Umfeld des ehemaligen Checkpoints Charlie hat sich seit ein paar Jahren eine lebhafte Galerieszene entwickelt. Parallel zur Friedrichstraße verläuft die Dorotheenstraße, wo gelegentlich in leerstehenden Ladengeschäften spontanere Ausstellungen von jungen KünstlerInnen stattfinden.

Schräg gegenüber der Galerie Heike Curtze Richtung Norden floriert das immer wieder zu Diskussionen Anlass gebende Geschäft mit der Geschichte im privaten Museum am Checkpoint. Ganztägig stehen Statisten in amerikanischer und russischer Uniform mit Plastikgewehr und Blümchen am Holzhäuschen. DISNEYLAND und Geschichte treffen aufeinander. Die Uniformierten stehen für ein DIStoryfoto zur Verfügung.

 

Richtung Süden gegenüber auf der Friedrichstraße 18 befindet sich seit 1886 der Berliner Blumengroßmarkt, der sich mittlerweile auf einer Fläche von 24.000 m² ausgedehnt hat. Das Großmarkttreiben in der Halle bleibt den Touristen und den meisten Berlinern allerdings verschlossen und unsichtbar. Denn man braucht für den Zugang einen Gewerbeschein. Im Großhandel werden hier um die 36 Mio. Euro im Jahr mit Blumen und Pflanzen umgesetzt.

Am 23. Oktober war Vernissage der Ausstellung „leibwerden“ mit Werken von Ilona Kálnoky. Die poetische Wortschöpfung „leibwerden“ darf und soll man als Verb verstehen. Es benennt damit eine Tätigkeit und rückt nun den Produktionsprozess der Skulpturen von Ilona Kálnoky in den Vordergrund. Im Gespräch sagt sie wiederholt, wie wichtig ihr die Arbeit mit dem Material ist. Mit Gips arbeitet Kálnoky gern, was durchaus ungewöhnlich ist. Sie liebt aber auch Silikon, das zerfließt und eine Haut bekommt wie Yoghurt. Dann benutzt sie wieder Stahlseile, um Kontraste zu erzeugen.

Die Galeristin hat für die Ausstellung eine Werkstatt-Atmosphäre inszeniert. Das passt gut zu Kálnokys Arbeiten. Das aktuelle „Wurfrelief“ aus Gips an der Galeriewand lässt sich käuflich erwerben. Obwohl das „Wurfrelief“ relativ unscheinbar ist, betont es einmal mehr den besonderen Charakter der Arbeit und des Materials. Kálnoky mag Gips nicht nur wegen seiner Formbarkeit, vielmehr geht es ihr um die taktile Sinnlichkeit beim Arbeiten mit Gips. Der abgebundene, feste Gips erinnert vor allem an die Handarbeit vorm Abbinden.

Verhärtet der abgebundene Gips, so bleiben Latex und Silicon elastisch. Die weiße Siliconfläche auf dem Betonboden der Galerie ist ähnlich unscheinbar, wie die schmale Säule oder das Wurfrelief. Während die Oberflächen von Säule und Relief rau und uneben sind, glänzt und spiegelt die Siliconfläche wie ein See. Kálnoky nennt sie „Siliconteppich“, als wolle sie den spiegelnden Siliconsee entzaubern. Dass die weiße Fläche in ihrer Schlichtheit trotzdem zu faszinieren vermag, verweist einmal mehr darauf, dass Kálnoky mehr am Entstehungsprozess und dem Material interessiert ist als an einem bildhaften Ergebnis.

Kálnokys Säule mitten im Raum der Galerie ist zierlich, fragil und doch Produkt handfester Arbeit der Künstlerin. Das Fragile der Säule aus Gips ist bereits bewiesen worden. Bei einer früheren Ausstellung wurde eine ähnliche Säule umgestoßen und zerbrach. Jede Säule Kálnokys ist einzigartig. 

Kálnoky hat die Säule aus Gips Schicht für Schicht mit eigenen Händen aufgetragen. In einzelnen Schichten wurden Gips-Fladen aufeinander gestapelt. So wird die Säule nicht nur zum Erinnerungsstück einer an den Fladen abzählbaren Arbeitszeit, vielmehr bewirken die nicht glattgestrichenen Fladen, dass die Säule eigentlich gar keine Säule ist. Eine Säule hätte immer eine tragende Funktion und wäre aus rein statischen Gründen ein fester Körper mit einer glatten Oberfläche. Aber all das ist Kálnokys Säule nicht.

Einzelne Arbeiten von Kálnoky sind so fein, dass man genau hinschauen muss. Eine Kugel aus Gips mit Wachsmantel hat die Künstlerin tätowiert. Dabei ging es ihr offenbar gar nicht darum, durch die Tätowierung ein bestimmtes Bild zu erzeugen. Vielmehr wird durch die geradezu filigrane Tätowierung aus blauem Pigment wiederum der Arbeitsprozess mit den unterschiedlichen Materialien – Gips, Wachs, blaues Pigment – deutlich. Alle drei Materialien erfordern ganz unterschiedliche Techniken im Umgang.

Erst wenn man sich die unterschiedlichen Materialien und Arbeitsprozesse vergegenwärtigt, lässt sich erkennen, dass für Kálnoky Skulptur etwas anderes ist als das Ergebnis einer „Bildhauerarbeit“.

 

Für mich ist Skulptur:

Raum Zeit Begegnung

Skulptur ist Sprache

ein Moment der ewig anhält

eine Reflexion über uns hinaus.

Ilona Kálnoky

 

Das Vernissage-Publikum der Galerie Heike Curtze musste sich schon ein wenig auf die Arbeiten einlassen, um einen Zugang zu finden.

 

Torsten Flüh

 

Galerie Heike Curtze

Friedrichstraße 210

10969 Berlin

 

leibwerden

Skulpturen

von Ilona Kálnoky

noch bis 21.11.2009