Rohe Diamanten hochkarätig - Gutes Wedding Schlechtes Wedding im Primetime Theater

Sitcom – Seifenoper – Kult

 

Rohe Diamanten hochkarätig

Gutes Wedding Schlechtes Wedding Folge: 62 Die Verabschiebung

 

Die meisten Zuschauer sind bereits zum zehnten Mal oder öfter hier. Es läuft heute die Folge 62 von GWSW. Das Zeug muss süchtig machen. Es hat eine gewöhnungsfördernde Wirkung auf die Lachmuskeln. Es ist ausverkauft. Die Gäste auf der Warteliste kriegen schließlich ein Kissen und setzen sich kurz vor Beginn auf die Treppe. - Als gegen 23:00 Uhr die Vorstellung unter dem Jubel der Fans zu Ende geht, ist mit dem Feiern in der Burgsdorfstraße im Wedding noch lange nicht Schluss.

Das Primetime Theater in der Weddinger Müllerstraße ist eine Erfolgsgeschichte. Im Mai 2009 ist das Primetime Theater von der Müllerstraße 161 in die Müllerstraße 163b umgezogen und dürfte seine Sitzplatzkapazität mehr als verdoppelt haben. Trotzdem ist immer ausverkauft. Restlos. Auch in der Woche. GWSW ist Kult. Eine Mischung aus Theater, Seifenoper und Sitcom, Familienfest und Kieztreff, Studienobjekt und Life Style.

In Folge 62, die noch bis zum 16. März läuft, kommt der Dönerbudenbesitzer Ahmed mit seiner neuen Digicam auf die Bühne, zeigt den Film mit seiner Frau beim Songcontest im Badezimmer und erhält ein amtliches Schreiben mit seiner Abschiebung. Er hat seit über sechs Jahren keine Steuern für seine Dönerbude bezahlt. Soweit so Wedding. Welch Dönerbudenbesitzer denkt schon an seine Steuererklärung. Ahmed ist zerknirscht, als ihm Mahmud das Schreiben vorliest und sich sogleich bereit erklärt, sich um Ahmeds Ehefrau Heidemarie zu kümmern.

Nach wenigen Minuten und knappen Infos Schlag auf Schlag ist klar, dass Verabschiebung nicht nur im Wedding spielt, sondern durchaus mit Faktischem jongliert. Geht es in der deutschen Seifenoper par excellence, der LINDENSTRAßE um lebensnahe Lösungsansätze gesellschaftlich relevanter Themen, so sind es nur noch die Beziehungskisten des Bastards Gute Zeiten Schlechte Zeiten, GZSZ, die die Folgenproduktion am Laufen halten. GWSW liegt dazwischen und ist anders. Als zeitnahe Sitcom auf der Bühne lösen die Probleme Lachsalven aus, um nicht weniger relevant den Aberwitz von Gesetzen, Verordnungen und dem Alltag zu entlarven.

GWSW nennt sich "Sitcom on stage" und hat doch mit der Kontinuität der Figuren - z.B. Claudio Fabrigio, Heidemarie Schinkel, Sabrina Sonne und Ronny Horror sowie mehrerer anderer Figuren wie eben auch Onkel Ahmed - Ähnlichkeiten mit der Soap. Nicht zuletzt durch die Texte von Constanze Behrends wird GWSW immer ein wenig mehr als reine Situationskomik und erfreulich weniger als Lindenstraße. Während LINDENSTRAßE einen stark pädagogisierenden Gestus hat, der normalisiert, löst der Aberwitz von GWSW die Lachsalve aus.

Ist das Volkstheater? Wiederholt, insbesondere von der TAZ ließ sich lesen, dass das Primetime das neu Volkstheater sei. Das war durchaus positiv gemeint. Das Hamburger Ohnsorg Theater  war immer Volkstheater! Heidi Kabel vermochte, in ihren niederdeutschen Figuren Identifikations- oder Hasspotentiale auf einer breiten Ebene ihres Publikums auszulösen und zu verkörpern. Volkstheater sucht Normalisierung, Menschen aus dem Volk werden typo-logisiert. Das Lachen über Heidi Kabels Figuren entsprang immer aus einer breiten Übereinstimmung: Tratsch im Treppenhaus (1966), ist nicht komisch, weil die Putzfrau Meta Boldt auf unerträgliche Weise den Blockwart spielt, sondern weil sie es so sehr überzieht und sich selbst damit schadet, dass es lustig anzusehen ist. Die Blockwartmentalität wird aber keinefalls fragwürdig. 

Ansätze zur Typo-logisierung sind in den Figuren von GWSW durchaus vorhanden. Onkel Ahmed ist der Dönerbudenbesitzer, der einen krummen Rücken hat. Heidemarie Mechthild Schinkel ist das ewige FDJ-Mädchen aus Dresden. Sabrina Sonne ist die Kiezschlampe aus dem Wedding. Claudio Fabrigio ist aber schon eine höchst widersprüchliche, wenn nicht hybride Figur, weil er als Schlachter Klaus Faber zu Claudio Fabrigio mutiert. Schon die zufällige Heirat von Ahmed und Heidemarie passt in keine Typo-logie mehr. Sie präsentieren sich wohl noch als Türke und Ost-Deutsche, liefern auch die entsprechenden Gags, die aus ihrer Kombination hervorplatzen, aber sie bedienen den Typ nicht mehr als Typ.

Über den Typ kann man lachen. Der Typ ist immer eine Überzeichnung. „Prenzelwichser“ sind lustig, weil niemand „Prenzelwichser“ sein will und dennoch jeder Weddinger ein bisschen vom Prenzlauer Bergvolk infiziert ist. Die „Prenzelwichserin Katrin“, die um ihr „Karma“ zu verbessern, in den Wedding geht, ist eben nur lustig, weil es genügend Frauen wie Katrin bereits im Wedding gibt. Gegen „Prenzelwichser“ will der Weddinger sich abgrenzen und muss doch zugeben, dass die Medizin-Studenten, die sich schon mal Figaros Hochzeit in der Staatsoper Unter-den-Linden ansehen und anhören und die früher im Prenzlauer Berg wohnten, längst seine lieben Nachbarn geworden sind. Wedding ist besser und schicker als Prenzelberg, weil es noch Potentiale für eine Abgrenzung bereithält.

GWSW ist Wedding in der Transformation zum neuen Inquartier. Anders lassen sich weder der Erfolg noch das äußerst bunte (Stamm-)Publikum des Primetime erklären. Vom Studienrat über trendige Schwule und romantische Mädchen, den älteren Herren und Damen, die vor 50 Jahren im Wedding ihr Abitur gemacht haben, den Sekretärinnen und Mitarbeitern einen Sicherheitsfirma, die ihre Betriebsfeier im Theater begehen, bis zum Kiezakteur vom Kinderradio radijojo am Nauener Platz kommen alle in das ehemalige Großraumbüro der SPD-Berlin. Der Typ und der Anti-Typ zünden Lachsalven im Moment ihres Verschwindens.

Die Serialität von GWSW erlaubt die Wiederholung - und die Verschiebung. Constanze Behrends beherrscht offenbar mit einem messerscharfen Gespür für Situationskomik das Gesetz der Serie, um bereits zwei weitere Folgen „Ärzte Hilfe!“ (ab 19. März) und „Kampftrinklager“ (ab 16. April) im Programm zu haben. Moment! „Verabschiebung“ und „Ärzte Hilfe!“? Was macht eine Verabschiebung gegenüber einer Abschiebung aus? Worin unterscheidet sich eine „Ärzte Hilfe!“ von „Erste Hilfe!“? Es sind die Verschiebungen, die es provozieren, dass das Publikum sich vor Lachen auf die Schenkel klopft und der Studienrat sich trotzdem sagen kann: Moment mal.

GWSW ist Aberwitz. Es ist weit mehr absurdes, aber-witziges Theater als Volkstheater. Schenkelklopfer ja, aber um den Preis, dass trotzdem was hängen bleibt. Moment mal, wie ist das mit dem Einbürgerungstest? Was muss man da wissen? Bekommt man tatsächlich für sechs Jahre gezahlte Steuern die deutsche Staatsbürgerschaft? In welchem Park liegen denn Ronja und Oktay auf der Decke? Was, das ist der Max-Josef-Metzger-Platz gegenüber? Gleich neben der Müllerstraße?

Es ist der ganz normale Wahnsinn - der Wahnsinn des Normalen -, in dem sich das Publikum wiederfindet. Und dann kommt Mahmud als Biene Maja in den Park, weil er Promotion bei Karstadt macht. Als Biene Maja läuft er nicht freiwillig rum, sondern die Arbeitsagentur hat ihn zur Promotion verdonnert. Und Ronja und Oktay werden nach Hassleben in die Uckermark fahren, wo der liebe Pappi und die liebe Mami wohnen. Mami wird sich beim Anblick von Oktay als bibelfeste Ehefrau die Frage aller Mütter stellen: Mein Gott, was habe ich falsch gemacht? Das ist zum Lachen komisch - und auch nicht. Schließlich kommt es immer noch nicht allzu häufig vor, dass Ronjas aus der Uckermark und Oktay aus Wedding einander lieben. Selbst dann nicht, wenn Oktay zehnmal im Virchow-Klinikum zur Welt gekommen ist  und in der Pankstraße zur Schule ging.

Auf diese Weise unterscheidet sich das Primetime mit seinem GWSW von ähnlichen Produkten. Die zur Zeit sechs SchauspielerInnen spielen in jeder Folge gleich mehrere Rollen. Sie sind darin famos. Jenny Bins ist als Richterin Clara Fall und als Katrin große Klasse. Constanze Behrends überzeugt als Frau Schinkel ebenso wie als Autorin. Felicitas Vajna ist als Ronja und als Frau Schnarrenheimer umwerfend. Alexander Ther ist in den völlig gegensätzlichen Figuren von Onkel Ahmed und Ronny Horror total überzeugend. Kaan Satik ist als Bayer ebenso treffsicher wie als Oktay. Und allen voran ist Oliver Tautorat als Kalle, Mahmut und Conferencier überhaupt die Seele vom ganzen Laden.

Am Schluss gab es lauten Beifall und Bravos sowie das Versprechen: to be continued: Fortsetzung folgt! Vergessen Sie nicht hinzugehen.

 

Torsten Flüh

Primetime Theater

Gutes Wedding Schlechtes Wedding - GWSW

Folge 62: Verabschiebung
Folge 63: Ärzte Hilfe! (ab 19. März 2010)
Folge 64: Kampftrinklager (ab 16. April 2010)

Müllerstraße 163b (Eingang Burgdorferstraße)
13353 Berlin

U + S Bahnstation: Wedding