Das Auge des Stars - Robbie Williams

Live – Star – Streetcredibility

 

Das Auge des Stars

Robbie Williams’ pop-up-gig in Berlin

 

Prenzlauer Berg ist hipp. Da landen nicht nur Raumschiffe. Auch Robbie Williams schaut mal kurz für 5 Songs und 2 Zugaben auf dem Platz vor der Max-Schmeling-Halle vorbei. Alles ganz spontan. Völlig unvorhergesehen. Einfach aus einer Laune heraus kommt der Megastar vom Typ Boy-next-door mal kurz in Berlin vorbei, gibt ein kostenloses Konzert, schneidet typische Robbie-Williams-Grimassen und dann: „Thank you for comming.“ - Ein vieltausendstimmiger Chor antwortet mit Kreischen.

 

Es sollen 10.000 Menschen gewesen sein, die am Freitag, den 23. Oktober 2009 um 16:00 Uhr kurz mal zum pop-up-Gig kamen. Es waren mindestens 10.000! Kann ich sagen. War dabei. In Berlin lassen sich schnell 10.000 und mehr Menschen mobilisieren, wenn die richtigen Leute für live und umsonst mal vorbeikommen. Berliner, inklusive aller Zugereisten und Touristen, sind ziemlich locker und begeisterungsfähig. Berlin hat eine funktionierende Medienmaschine, die schnell einsetzbar ist und die die gewünschten Bilder produziert.

 

Das war nicht zuletzt beim Besuch Barack Obamas am 24. Juli 2008 so. An der Siegessäule sollen es 20.000 Menschen gewesen sein. Und das waren es auch. Die Stimmung an jenem Donnerstagnachmittag auf der Straße des 17. Juni war anders, aber die mediale Verarbeitung ähnlich. Die überraschend vielen jungen Menschen im Juli 2008 wollten wirklich eine Message von Obama hören. Die gab es. Ich stand bei der Veranstaltung relativ weit entfernt vom Podium und sah Obama wie viele tausend Andere nur auf dem Bildschirm. Trotzdem war es ein Live-Erlebnis, das Gefühle hervorrief.

 

Als Obama auf der Bühne und den riesigen Bildschirmen über den Menschen erschien, zückten fast alle wie im Affekt das Mobile und fotografierten die Bildschirme. Obama schaute von riesigen Bildschirmen auf die Menge herab. Das Zücken des Mobiles oder der kleinen Digikamera gehört heute zu jedem Event dieser Art. Es ist ein Mythenproduzent geworden. Weniger mit der Profikamera als vielmehr mit dem immer verfügbaren Mobile mit Fotofunktion werden heute hoch emotionalisierte Mythen produziert. Sie sind der Träne im Augenwinkel im Moment des Erscheinens des Stars verwandt. Und das Zücken des Mobiles ist heute so weit und allgemein verbreitet, dass es die Signatur unserer Zeit genannt werden darf.

 

Der Profifotograf oder gar Kameramann macht seine Bilder unter technischen Gesichtspunkten, was ein hoch komplexer Vorgang ist, bei dem es gleichfalls um das richtige Gefühl geht. Der Laie handelt aus Gefühl, wenn er das künstliche Auge, die Kamera, zückt, und abdrückt.

 

Bei Robbie Williams stand ich nicht weit hinten, sondern durch Zufall seitlich direkt an der Bühne. Das machte einen Unterschied. Noch bevor das Konzert begann, hatte ich das Gefühl, dass ich mich bei der nicht viel jüngeren Frau vor mir entschuldigen müsse, weil ich ständig von hinten und der Seite gedrängt wurde. Sie hatte Reaktionen der Missbilligung gezeigt. „Ich kann leider nichts dafür, entschuldigen Sie, wenn ich Sie so bedränge. Es wird eher noch schlimmer werden.“ „Ja, das befürchte ich auch.“ – Ich weiß, das klingt lächerlich für einen hart gesottenen Fan oder regelmäßigen Pop-Konzert-Besucher. Aber bei Obama hatte ich soweit hinten gestanden, dass nicht gedrängelt wurde.

 

Gegen die Dynamik der Masse hier vorne, kann ich überhaupt nichts tun, dachte ich mir. Dann war es 16:00 Uhr und pünktlich trat Robbie Williams auf die Bühne, den ich weder sehen noch hören konnte. Denn das Kreischen der Fans übertönte alles. Das Publikum war so zwischen 25 und 50, was ich immerhin eine erstaunliche Alterspanne fand für einen Popstar, der 35 Jahre alt und mittlerweile seit 20 Jahren im Geschäft ist.

 

Als Robbie Williams nun an den Rand der Bühne trat, wurde ich mit einem Schub ziemlich weit nach vorne gespült. Damit hatte ich gerechnet, war mir aber nicht sicher gewesen, ob es diesen Spüleffekt wirklich geben würde. Mit einem Mal hatte ich also sogar einen ganz guten Blick auf die Bühne und den Star, den Megastar. Neben 55 Millionen verkaufter Platten, schaffte er es mit dem Verkauf von 1,6 Millionen Konzertkarten an einem Tag ins Guiness Buch der Rekorde.

 

Dass der Star leer ist, hat bereits Wayne Koesterbaum 1995 in seinem immer noch lesenswerten Buch Jackie O. Der Fan und sein Star geschrieben. Der Star ist dem Fan Projektionsfläche. Der Star ist umzingelt von Mythen, die ihn allererst zum Star machen. Nicht jeder Star ist wie der andere. Jeder Star ist einzigartig, aber eben leer. Die Leere hat in der Erzählung vom Star Robbie Williams durchaus eine Referenz ins Reale. Robbie Williams ist nichts Besonderes. Als Schüler soll er eher schlecht gewesen und lediglich ein Talent zum Klassenkasper gehabt haben, wird gesagt.

 

Ist Robbie Williams sexy? Kann Robbie Williams tanzen? Kann er singen? Die Meinungen darüber sind geteilt. Die Kommentare bei Youtube oft ätzend. Für einen Fan zählt das alles wenig. Fan und Star gehen eine seltsame Symbiose ein. Solange jemand Fan eines Stars ist, gibt es eine sonderbare Anverwandlung. Die Schwächen des Stars machen ihn menschlich. Der Star muss nicht perfekt sein. Vielmehr ist das Weniger-Perfekte an ihm, das was den Fan mit dem Star verbindet.

 

Die Krankheiten der Stars – bei Williams jüngst eine lebensbedrohliche Tablettensucht – entwerten den Star nicht, sondern funktionieren geradezu seismologisch in Bezug auf deren Verbreitung, Stärke und Akzeptanz in Gesellschaften. Erinnert man sich an die Rosenkriege des Paares Elisabeth Taylor und Richard Burton, an die alkoholischen Exzesse und hysterischen Zusammenbrüche so werden sie retrospektiv als Zeitgeschehen der 60er und 70er Jahre von soziohistorischer Aussagekraft deutlich. Heute gibt es vergleichbares kaum. Die Krankheiten der Stars sind die der Gesellschaftsgeschichte. Taylor und Burton beherrschten mit ihren Exzessen mehr als 10 Jahre lang die Yellow Press. Wer hat Angst vor Virginia Woolf, grenzte 1966 an eine frühe Form von Reality TV.  Für den Star Elisabeth Taylor sind die Krankheiten unverzichtbar.

 

Tablettensüchte, Alkoholprobleme, lebensbedrohliche Zwischenfälle funktionieren in der Starlogik als Steigerung. Beim Comeback geht es nicht einfach um ein Wiederkommen, vielmehr funktioniert es als eine theologische Wiederauferstehung. Robbie Williams hat das Comeback in seiner Radikalität bereits mehrfach praktiziert. Und jedes Mal funktionierte es als Steigerung des eigenen Starglanzes.

 

Williams tanzt bisweilen geradezu ungelenkt. So sieht es zumindest aus. All das Spontane, das Ungelenke, auch eine flapsige Ader sehen von relativ nah neben der Bühne allerdings keinesfalls ungekonnt vor. Stattdessen hatte man als aufmerksamer Beobachter das Gefühl, das Robbie Williams ein hochprofessioneller und ziemlich perfekter Entertainer ist. Robbie Williams, und das mag er möglicherweise sogar ganz gern hören, ist der einen Tick weniger draufgängerische Frank Sinatra des 21. Jahrhunderts. Er hat bereits mehrfach den Sinatra gegeben. Freilich ist es heute nicht mehr so schick, mit Mafiabossen eine Party zu machen. Aber wenn es einen Star gibt, der die Lücke, die Sinatra hinterlassen hat, besetzt, dann ist es Robbie Williams.

 

Mit seinem weltweit in Kinos übertragenem, recht intimem Konzert in London hat Williams offenbar genau den medialen Nerv der Zeit für ein Comeback getroffen, das im Zeitalter von Youtube und IPhone funktioniert. Die selbstverständlich ausverkaufte Aufführung imn der Berliner ASTOR Film Lounge war wohl ein intimes Ereignis, aber es fehlte etwas. Die Bühnenshow vor der Max-Schmeling-Halle war so perfekt, dass sich nur mit Mühe glauben lässt, dass man sich erst ein paar Tage vorher für den Auftritt entschieden hätte. Sie gehörte mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zum zeitgemäßen Drehbuch eines Comebacks.

 

Live beschenkt den Fan mit einem unersetzlichen Gut. Es ist der Moment, indem das Auge des Stars ihn oder sie trifft. Robbie Williams ist in seiner Kunst so gut, dass er dies selbst zur Seitenbühne einsetzte, wo etliche Profikameras standen - und natürlich auch Fans mit IPhone. Der Moment, indem er lausbübisch durch das Gestänge über die riesigen Boxen blickte, wurde mit einem extremen Kreischen quittiert. Das Kreischen heißt auch: Bitte, sieh mich! Bitte, hör mich!

 

Es hatte funktioniert. Ein hochprofessioneller Moment der Hinwendung an den Fan. Vom Auge des Stars getroffen zu werden, ist die Erfüllung für den Fan - und verlangt sofort nach Wiederholung. Tatsächlich muss man hier zwischen Auge und Blick unterscheiden. Die hohe Kunst des Stars, des Bühnenkünstlers besteht darin, dass er niemals ins Publikum blicken darf. Allein das Fan-Publikum muss das Gefühl des Blicks bekommen. Williams beherrscht dies auf ehrfurchtgebietende Weise.

 

Zum Kalkül des Comebacks gehört es heute, dass der Fan während der Show mit dem IPhone oder Mobile filmt. Während im Kino die Aufzeichnung verboten ist, fordert das Pop-up-Gig das Filmen des Fan-Publikums heraus. Kurz nach dem Mini-Konzert kursierten bereits etliche Videos bei Youtube. Erst Youtube stellt heute jene Exklusivität her, die heute noch bei einem Star wie Barbra Streisand mit hunderten von Dollars oder Euros bezahlt wird. Sie ist auch ein anderer Typ Star.

 

Nun wird man sich nicht sorgen müssen, dass Robbie Williams bei seinem Konzert - live und umsonst - nicht auf seine Kosten gekommen ist. Es waren NUR 10.000. Und es ist bereits legendär. Welche medialen Vernetzungen letztlich das Konzert ermöglicht haben, wäre eine lohnenswerte Frage, die hier nicht mehr zu klären ist. Dass aber Pro7 für umsonst die Bühne plakatieren durfte, ist nicht anzunehmen. Zum unerlässlichen Faktor der streetcredibility von Robbie Williams haben allein schon die abwandernden Zuschauer nach dem Konzert beigetragen. Paradox: schön war es trotzdem. 

 

Torsten Flüh