Gnadenlose Winterträume - Ohne Gnade im Projektraum The Absence of Art

Schneekugel – System – Serie

 

Gnadenlose Winterträume

Projektraum The Absence of Art zeigt Ohne Gnade

 

Schneekugeln sind niedlich, kitschig, ein Erinnerungsstück an Neuschwanenstein. Sie stellen eine Idylle her von berühmten Orten, einer Winterlandschaft oder der Bergwelt. Schneekugeln gehören eigentlich auf jeden Weihnachtsmarkt. Das System Schneekugel zeigt eine kleine, heile Welt im belebenden Schneegestöber.

Wo kommt die Schneekugel her? Aus Deutschland? Wann wurde sie erfunden? Im harmoniesüchtigen Wirtschaftswunderland der 50er Jahre? Ist der Erfinder der Schneekugel überhaupt bekannt? Um die Schneekugel ranken sich wilde Geschichten. Nein, die  „Preißen“ wären sicher nicht auf so eine schöne Idee gekommen. Die Geburtsstätte der Schneekugel liegt in Wien. War doch klar, oder?

Der Vienna Snow Globe wurde von Erwin Perzy I im Jahr 1900 erfunden. Mittlerweile hat der Enkel, Erwin Perzy III, die Schneekugel globalisiert und als Museum ins Netz gestellt. In Wien denkt und nennt man sich halt immer noch dynastisch. Von der Website grüßt der Schneemann mit Zylinder im animiertem Schneefall. Schneekugelwunderland digital.

Erwin Perzys Namensvetter Erwin Stephanie Posarnig (Österreich) hatte in diesem Jahr ebenfalls eine Idee mit der Schneekugel. Er lud 65 KünstlerInnen ein, Schneekugeln zu gestalten. Dazu machte er die Vorgabe, dass es zu dem Titel Ohne Gnade und nicht Ohne Titel passen sollte. Denn der Kurator Erwin aus Graz ist Systemkritiker. Das System sondert gnadenlos aus, ist sein Diktum. Wir sind heute umgeben und eingeschlossen von Systemen, die jeden Nonkonformismus ausschließen. Was taucht also in der Schneekugel auf, wenn KünstlerInnen das System Schneekugel überdenken und anders wenden?

 

Iwona Borkowska und Lucyna Viale haben im Weddinger Projektraum The Absence of Art Platz geschaffen für 6 Regale mit Schneekugeln. Da stehen nun die Schneekugeln in Reih und Glied wie in einem Warenlager und man denkt sich schon in einem Verkaufsraum für Weihnachts- und Adventszubehör auf einem der vielen Weihnachtsmärkte in Berlin. Man möchte fast meinen, dass das System schon wieder zugeschlagen hat.

Zum System der Schneekugel gehört es, dass sie klein ist und man genau hinschauen muss. Das kann zur Tortur werden. Niedliche, zerschossene Tiere. Winzige Afrikaner auf Flößen im Mittelmeerschnee. In Kunstharz gegossenes Unkraut und Ungeziefer. Abgeschnittene Nasen und Finger. Zur Unkenntlichkeit schön operierte Promis. Heute schon gegruselt vor der Schneekugel? Mit anderen Worten: in den künstlerischen Schneekugeln taucht all das auf, was vom System Schneekugel ausgeschlossen wird. Das Hässliche, das Monströse, das Böse.

 

Ein weiterer Aspekt der Schneekugel ist ihre Serialität. Schneekugeln werden in Serie gefertigt. Selten das eine Schneekugel einzigartig ist. Fast ist es dann keine Schneekugel mehr. Die Serie gehört schließlich auch zum Verkaufstrick der Schneekugel, damit sie gesammelt werden kann. In der Serie können aber auch Unterschiede sichtbar werden, wie es sich die Künstler zu nutze gemacht haben.

Schneidend und nicht verschneit sind die Schneekugeln zu den Promis mit den Schönheitsoperationen von Sabine Mayer. Die Operation zum „schönen“ Körper gehört heute zu einem weltumspannenden System der Schönheitschirurgie. Andererseits hatte Michael Jackson mit seinen Schönheitsoperationen vor allem der Nase den Wunsch, einem System von Rassismus und Unterdrückung zu entkommen. Er entkam ihm nicht. Jede Schneekugel ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht zuletzt eine Schönheitsoperation.

 

Die Schneekugel ist dem Niedlichen verpflichtet. In Florian Arlts Schneekugeln sind es denn besonders niedliche Tiere wie ein Schimpanse, ein Schneetigerbaby und ein Koalabär, die sich auf schmerzliche Weise selbst verletzen. Denn der Schneekugelkonsument würde so etwas nie tun. Er würde einem Koalabären niemals einen angespitzten Stock ins Auge stechen. Das machen die doch selber. Und wenn Koalas immer weniger Lebensraum in Australien haben und auszusterben drohen, dann sind die selbst Schuld daran. Die könnten sich doch anpassen, integrieren und sich gehörig vermehren.

Lucyna Viale hat Pflanzen vom Ufer der Panke, die durch den Wedding fließt gesammelt und in Kunstharzzylinder gegossen. Brennnessel, Diestel und anderes. Auch Marienkäfer. Mein Gott, Marienkäfer, diese kleinen niedlichen orangen Tierchen mit den Punkten. In diesem Sommer wurden die Marienkäfer in Deutschland zur Plage erklärt. Ein paar Marienkäfer sind niedlich und angenehm, wenn sie die Grenzen des Systems überschreiten, werde sie zur Plage.

Es ist unmöglich alle wunderbaren und auch verwundenden Schneekugeln zu besprechen. Man muss sich in diesen Adventstagen schon selbst die Zeit nehmen und die Regale im Projektraum The Absence of Art in der Osloer Straße 105 durchstöbern. Schließlich soll nicht nur die Schneekugel, sondern auch jeder Besucher nach dem Wunsch von Erwin Stephanie Posarnig heftig geschüttelt und gerührt werden.

 

Trotzdem möchte ich noch drei Beispiele für Arbeiten mit der Schneekugel herausgreifen. Maki Stolberg hat Schneekugeln geschaffen, die ein altes, scheinbar weitentferntes Thema der Kunstgeschichte wieder aufnehmen. Das Floß der Medusa von Théodor Géricault aus dem Jahr 1819. Schiffbrüchige auf einem Floß in einem dunklen düsteren Meer bei hohem Wellengang sind dort zu sehen. So etwas gibt es doch gar nicht mehr im Zeitalter unsinkbarer Rettungsinseln. Jedem seine Rettungsinsel. Stolberg nennt ihre Arbeit allerdings Lampedusa. Das macht das Thema schon etwas unangenehmer. Ist das nicht die italienische Insel im Mittelmeer, wo angeblich tausende afrikanischer Wirtschaftsflüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen vor den Grenzen Europas zurückgehalten werden?

Man muss auch bei Maki Stolberg sehr genau hinschauen, um die Schneekugelidylle als Katastrophe zu erkennen. Von den 5 Schneekugeln gibt es 3 mit bunt angemalten Menschen in guten Kleidern auf Booten. 2 zeigen schwarze Figuren im Schneetreiben. Das Schneetreiben kann nicht zuletzt zum Ausdruck einer unmenschlichen Kälte werde. Das System Europa meint sich vor abgerissenen, ausgehungerten, durstenden, illegalen Einwanderern aus Afrika schützen zu müssen. Als dächte man in Europa, die Flucht über das Mittelmeer sei eine Sonntagsparty in Schneekugelidylle.

Michael Pinter-Koschel hat seine Schneekugeln für Propagandazwecke umfunktioniert. Er ist der Meinung, dass der Vienna Snow Globe ein Werkzeug der Globalisierungspropaganda. Dementsprechend baute er seine Schneekugeln zu Störsendern um, stiftet der Antiglobalisierung seinen Domenikusorden und hat die Plastik eines Afrikaners aus Ghana bis zur Unkenntlichkeit verbogen, damit sie in den Snow Globe hineinpasst. So ohne weiteres kommt man eben nicht in den Globe.

Man muss schon bereit sein, für die Schneekugel etwas zu geben, mag sich Ursula Kiesling gedacht haben und hat 5 Schneekugeln mit Erinnerungsstücke an Männer gebaut. Man möchte meinen, dass es sich um eine Art Poesiealbum handelt. Allerdings der radikaleren Art. In den Schneekugeln werden ein abgeschnittener Daumen, herausgerissene Zähne, eine halbe Nase, ein Pflaster und womöglich ausgerissene Haare mit Fotos arrangiert. Erinnerung ist immer auch schmerzhaft.

Posarnig hat die Ausstellung zunächst in der steirischen Landeshauptstadt Graz gezeigt. Von dort aus ging es in die Bundeshauptstadt Wien, um nun in Berlin gezeigt zu werden. Berlin lag auf dem Weg, sagt er. Denn nach Berlin wird Ohne Gnade noch in weiteren europäischen Städten gezeigt werden. Die Ausstellung läuft noch bis zum 12. Dezember und ist gnadenlosen zu empfehlen.

 

Torsten Flüh

 

The Absence of Art

Projektraum für zeitgenössische Kunst

Osloer Straße 105

13359 Berlin

 

Nähe U-Bahnhof Osloer Straße

Tram 50 Haltestelle Osloer Straße/Prinzenallee