Zwischen Wiener Saftgulasch und dem Wunder als Frage des Trainings - 30 Jahre Café Einstein

Wiener Caféhaus – Einstein – Stolpersteine

 

Zwischen Wiener Saftgulasch und dem Wunder als Frage des Trainings

30 Jahre Café Einstein

 

Das Stammhaus des Café Einstein in der Kurfürstenstraße 58 ist nicht nur ein gastlicher Ort, vielmehr ist es selbst schon Literatur geworden. Um es gleich klarzustellen, nein, das Einstein hat seinen Namen nicht nach Albert Einstein (1879 – 1955), dem Physiker, sondern nach Carl Einstein (1885 – 1940), dem Kunst- und Kulturkritiker, dem Schriftsteller. Der passt jedenfalls besser zum Café Einstein als Phil Glass' Oper Einstein on the beach wie neuerlich kolportiert wird.

 

Wenn diese Restaurant-Besprechung zwischen Kulinarischem, Historischem und Literarischem hin- und herspringt, so ist das dem Namen des Cafés selbst geschuldet. Vom Essen im Einstein soll die Rede sein, aber auch vom Schreiben und Lesen mit besonderer Rücksicht auf die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. So genussverpflichtet sich der gastronomische Ort mit eigener Kaffeerösterei gibt, für so ungenießbar hielten viele Zeitgenossen den Romanautor Carl Einstein.

Gerade ist im Nikolai Verlag ein prächtiger Band zur Geschichte des Hauses von Kirstin Buchinger „Café Einstein Stammhaus – Die Geschichte eines Berliner Kaffeehauses“ erschienen. Erinnert wird darin auch an den Namenspatron. Doch Carl Einstein hat es in sich. Mit seinem Roman Bebuquin landete er 1912 nicht weniger als einen Schlüsselroman für die Literatur des 20. Jahrhunderts.

 

Kirstin Buchinger ist Historikerin und Kunsthistorikerin, weshalb ihr Buch vor allem zu einem Kaleidoskop(!) berliner Kaffeehaus-Geschichte am Beispiel der Villa in der Kurfürstenstraße geworden ist. Ihre Arbeit hat schließlich dazu geführt, dass Gäste, Mitarbeiter und Besitzer des Cafés zwei Stolpersteine für die ehemaligen, jüdischen Eigentümer der Villa am Rande des Tiergartens im September 2009 verlegen ließen. Sie sollen an Georg Blumenfeld und seine Frau Margarete Lucia erinnern.

 

Der Privatbankier Georg Blumenfeld (gest. 21.6.1939) und seine Ehefrau Margarete Lucia (geb. Sussmann, gest. 11.11.1941) lebten bis 1933 in der Villa. Unter dem Druck des Naziregimes wählten sie den Freitod. Dabei darf an dieser Stelle durchaus bemerkt werden, dass es in Berlin noch ältere Menschen gibt, die den Erwerb einer Villa aus jüdischem Eigentum nach 1933 weiterhin für rechtens halten. Es sei ein Jude gewesen, der „Briefmarken gefälscht“ habe, kann man hören.

Lange war das Haus in der Kurfürstenstraße als die legendäre Henny Porten-Villa bekannt. Buchinger kann es trotz eindringlicher, posthumer Befragung des Stummfilmstars nicht bestätigen. Der späte Glamour von Deutschlands erstem Stummfilmstar Henny Porten (1890 – 1960) vermochte allerdings 70 Jahre lang den Tod Georg Blumenfelds und seiner Frau zu überstrahlen. Kirstin Buchinger hat die Geschichten um das Einstein nun in ihrem Buch genauer recherchiert und in eine recht unterhaltsame Geschichte des Kaffeehauses allgemein verpackt und mit Schleifchen versehen.

 

Als 1979 das Café Einstein eröffnet wurde, regierte Helmut Schmidt als Bundeskanzler in Bonn. Die Mauer teilte Berlin und Deutschland. An der Tiergartenstraße verwilderten die Botschaften Italiens und Japans. Der Deutsche Herbst von 1977, in dem der Terrorismus der RAF seinen Höhepunkt erreichte, war noch nicht vergessen. Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe hatten sich 1976 und 1977 in Stammheimer Hochsicherheitstrakt das Leben genommen.

Heute sitzt man im Café Einstein auf Wiener Rohrstühlen und isst den unvergleichlichen, hausgemachten Apfelstrudel zum Kaffee, nimmt ein frühes oder spätes Abendessen mit Freunden ein oder trinkt zu später Stunde nach einem Konzertbesuch nur ein Weizen. Der nackte Kaffeehaustisch in schwarzem Gusseisen mit glatter Marmorplatte trifft den mit weißer Decke und Stoffservietten eingedeckten Restauranttisch. Das frühe Mittagsmenu blinzelt dem späten Frühstück vielsagend zu.

 

Die Bandbreite des Café Einstein macht erfinderisch. Das Konzept eines Wiener Caféhauses in Berlin eröffnet viele Möglichkeiten. Im Sommer lockt der eisgekühlte Champagner im Garten mit der Geißblattlaube, im Winter wärmt der dampfend frische Kaiserschmarrn mit Zwetschgenröster. Im Einstein hat sich eine eigene Kultur entwickelt, die auf einem stets verlässlichen Preisleistungsverhältnis und untadeligem Service gedeiht. Sie macht die freie bis feine Atmosphäre des Hauses aus.

 

Im Einstein zu Abend zu essen ist nicht unbedingt preisgünstig, aber solide. Das Wiener Saftgulasch mit Serviettenknödel für 14,50 € wird so serviert, wie es der Name verspricht: saftig und zart. Die Ziegenkäsepraline in Muscovado-Zucker mit Orangen-Fenchelsalat und Crostini wird für 12,50 € als Vorspeise angeboten, lässt aber auch das Herz von Vegetariern als Hauptgericht höher schlagen. Die Crème brûlée mit Bratapfelkompott und Calvadosschaum für 8,00 € taucht auf der Karte als Dessert auf, ist als solches aber nur in Kombination mit einer Vorspeise zu empfehlen, weil die Mengen sonst zu groß werden könnten.

 

Sich ein Menu aus Vorspeise, Hauptgericht und Dessert selbst zusammen zu stellen, erscheint immer wieder als Unmöglichkeit. In dieser Situation sollte jeder Gast Carl Einsteins Bebuquin parat haben, um daraus einen Einstein-Aphorismus als Weisheit zu zitieren: „Man muss das Unmögliche solange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird.“

 

Bisher ist es mir trotz wiederholter Übungen nicht gelungen. Aber das Scheitern an einem köstlichen Klassischen Tafelspitz mit Bratkartoffeln, Schnittlauchsauce und Apfelkren (18,00 €) oder einem riesigen Wiener Schnitzel mit Petersilienkartoffeln und grünem Salat (19,00 €) ist im Café Einstein so verlockend, dass man das Unmögliche immer wieder ansieht, bis es eines Tages leicht werden möge. „Das Wunder ist eine Frage des Trainings“, formulierte Carl Einstein 1907 weiter.    

Carl Einsteins Roman Bebuquin ist ein Schlüsselwerk der Moderne des 20. Jahrhunderts. Die Schriftstellerin Ginka Steinwachs gehört zu seinen Wiederentdeckern. Ein erstes Manuskript des Bebuquin datiert aus dem Jahr 1907. 1912 wurde der Roman als Buch veröffentlicht.

Bebuquin setzt sich aus neunzehn Kurzkapiteln zusammen. Das Genre Roman wird von Einstein in mehrere Richtungen aufgelöst. Es finden sich lyrische ebenso wie dramatische Passagen. Streckenweise konterkariert er die Form des Essays oder wechselt zu poetisch gewendeter Naturwissenschaft. Ist das Genre Roman der psychologischen Erzählung verpflichtet, macht Einstein schreibend das Psychische selbst zum Thema.

 

Weniger durch Handlung - falls es sie gibt - als vielmehr durch Schlüsselwörter wie „Bogenlampen“, „Gasbeleuchtung“, „Wiener Rohrstühle“, „Litfaßsäule“, „Kintop“, „Autohupe“, „Drehbühne! Shakespeare bei Reinhardt“ und die Formulierung „die Lichter eines Autos sausten durch die Stube“ machen Bebuquin zum ersten Großstadtroman in deutscher Sprache. Die bildmächtigen Schlüsselwörter sind es denn auch, die einen Hinweis auf Einsteins literarisches Verfahren geben. Die poetische Realität des Wortes überbietet und destruiert die Kausalität einer Erzählung. Worte werden Realien, die Wirklichkeit herstellen.

Bebuquin markiert eine epochale Wende. Das noch in den 70er Jahren von Erich Kleinschmidt implizierte Begehren, die Subjektivität des Erzählens auch als Subjekt – 1. Person Singular - darzustellen, zerschellt an der Radikalität des Romans. Eine Perspektive oder eine Perspektivierung wird im Roman gerade aufgelöst. Georges Bebuquin ist auch sein Widersacher Böhm. Wer was sagt oder denkt, lässt sich im Bebuquin nicht mehr deutlich trennen. Vielmehr werden Grammatik und Zeichensetzung ebenso wie der Zeilenumbruch dazu eingesetzt, allererst die Bedingungen eines subjektlogischen Erzählens durchscheinen zu lassen. Nicht Bebuquin ist verrückt, vielmehr verrückt und hinterfragt der Text im Druck den Horizont des Genre Roman. Dies geschieht im Bebuquin durch grammatische Operationen.

 

Deshalb ist Einsteins Formulierung „Das Wunder ist eine Frage des Trainings“ nicht nur ein Aphorismus, sondern durchaus ein programmatischer Auftrag an die Moderne, den Walter Benjamin (1892 – 1940) 27 Jahre später wie kein Anderer am 27. April 1934 im Institut zum Studium des Faschismus in Paris aktualisiert hat. Mit seiner Rede vom Autor als Produzent nimmt Benjamin im Pariser Exil Einsteins Wendung quasi wieder auf. Dass Benjamin zu den Besuchern in Einsteins Wohnung in Paris zählte, mag den Bezug nur beglaubigen.       

Einstein hat Die Dilletanten des Wunders, wie Bebuquin zunächst heißen sollte, André Gide gewidmet und mit der Angabe „Geschrieben 1906/9“ versehen. Dies ist oft übersehen worden. Die Angabe der Zeit des Schreibens gehört zur Rahmung des Textes. Mit dem Rahmen wird die Angabe zur Entstehungszeit des Textes hier auf den Kopf gestellt. Denn eine 9 ist eine umgedrehte 6 oder andersherum. Nicht zuletzt war Einstein seiner Zeit mit der folgenden Formulierung weit voraus: „Negation besagt gar nichts, ebenso wenig die Bejahung. Das Künstlerische beginnt mit dem Wort anders.“

 

Der zweite Widmungsvermerk irritiert ebenfalls. Weitgehend ungeklärt ist das Verhältnis Carl Einsteins zur Hamburger Malerin Anita Rée. Einstein widmete „Frl. Anita Rée“ das fünfzehnte Kapitel des Bebuquin. Sowohl 1906 in Berlin als auch 1912 in Paris könnten sie sich begegnet sein. Einsteins Bebuquin-Manuskript datiert von 1907. 1912 wurde der Bebuquin in Franz Pfemferts Wochenzeitschrift „Die Aktion“ veröffentlicht. Da Anita Rée erst im Winter 1912/13 zum Erlernen des Aktzeichnens bei Ferdinand Léger in Paris weilte, ist eher anzunehmen, dass sie sich bereits seit Rées Besuch bei Max Liebermann in Berlin im Jahr 1906 kannten.

 

Die Widmung an Anita Rée genauer zu datieren, ist deshalb nicht ganz unwichtig, weil Rée um 1912 mit dem Kubismus nach Pablo Picasso experimentierte. Daraus könnte man  schließen, dass Einstein nach dem Parisbesuch mit Franz Pfemfert seinen Roman in den Diskussionen im Umfeld des Kubismus ansiedeln wollte. Diese und ähnliche Fragen werden in der Literaturwissenschaft seit längerem diskutiert. Doch selbst damit hätte man den Roman als Literatur wohl noch lange nicht.

Anita Rée wie Carl Einstein als auch Walter Benjamin, der als einer der wenigen den Bebuquin zu würdigen wusste, nahmen sich unter dem Druck des nationalsozialistischen Regimes auf der Flucht das Leben. Anita Rée am 12. Dezember 1933 in Kampen auf Sylt. Carl Einstein im Juni 1940 bei Bordeaux. Walter Benjamin am 26. September 1940 in Portbou. Die aussichtslose Lage eines herannahenden totalitären Regimes hatte Depressionen erzeugt, die sie den Freitod wählen ließ. Auch daran kann und soll der Name eines sehr erfolgreichen Cafés in Berlin erinnern. Café Einstein.

 

Torsten Flüh  

 

PS: Anders, aber nicht weniger solide kann man sich auf Atmosphäre und Qualität im Café Einstein Unter-den-Linden verlassen.

 

Café Einstein Stammhaus

Kurfürstenstraße 58

10785 Berlin

 

Öffnungszeiten: 8:00 – 1:00 Uhr

Café Einstein Unter-den-Linden

Unter den Linden 42

10117 Berlin

 

Montag bis Sonntag 7:00 – 22:00 Uhr