Unter Spinnweben

Mausoleum – Stein – Spinnweb - Efeu

 

Unter Spinnweben

 

Es gab Zeiten in Berlin, zu denen entschieden mehr und entschieden besser gestorben wurde.


Zierleiste und Spinnweb am Mausoleum Neumeister

Mit einer kaum zu überbietenden Entschiedenheit, verstarb Pierre Louis Ravené 1861 im Alter von 68 Jahren. Er war durch die Industrialisierung Berlins und den Handel mit Eisenbahnschienen für die ersten Strecken von Berlin nach Potsdam, Stettin, Hamburg, Lehrte bei Hannover usw. zu märchenhaftem Reichtum gelangt. Gegen Ende seines Lebens wandte er sich dem Okkultismus zu und ließ sich womöglich durch eine Evokation weissagen, dass er im Jahr 1861 sterben würde. Er tat es am Silvesterabend.


Grabmal Pierre Louis Ravené mit dem Schlafmohn-Gitter und einer Plastik des Toten nach dem Leben.

Seine Grabstätte, die bereits einem Mausoleum ähnelt, nach einem Entwurf des Schinkel-Schülers Friedrich August Stüler befindet sich auf dem Französischen Friedhof in der Chausseestraße vor dem Oranienburger Tor.


Das Mausoleum einer Familie mit dem Allerweltsnamen Schultz auf dem St.-Matthäus-Kirchhof.

Wenige Jahre zuvor, 1854, wurde in der Großgörschenstraße in Berlin-Schöneberg im Süden der Stadt der St.-Matthäus-Kirchhof angelegt. In den folgenden Jahren wurde der neue Kirchhof, obwohl gartenarchitektonisch nicht so aufwendig, der Pére Lachaise Berlins. Wer etwas auf sich hielt in der Gründerzeit, ließ sich und seiner Familie dort ein Mausoleum erbauen. Oft sind die Namen vergessen oder allzu geläufig, als dass die Bauherren heute noch bekannt wären. Ihrem entschiedenen Willen zur Repräsentation tat das keinen Abbruch.

Eine kapellenartige Nische im Mausoleum von Berthel Henry Strousberg.

Während 1854 bereits Berlins erster „Eisenbahnkönig“, August Borsig, verstorben war und sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof quasi gegenüber seiner ersten Eisengießerei und Maschinenbauanstalt bestatten ließ, wurde sozusagen Berlins zweiter „Eisenbahnkönig“ Berthel Henry Strousberg 1884 in einem Mausoleum auf dem St.-Matthäus-Kirchhof bestattet. Der Titel „Eisenbahnkönig“ war nicht erblich, sondern wurde qua Volksmund von den Berlinern an den jeweils bedeutendsten Eisenbahnunternehmer verliehen.

 

Längst sind die Zeiten der Eisenbahnkönige in Berlin vorbei. Daran kann selbst das Hauptquartier der Deutschen Bahn AG am Potsdamer Platz in Blickweite des Kirchhofs nichts ändern. Heute geht es darum, wie die kulturhistorisch wertvollen Mausoleen erhalten bleiben können. Dafür setzt sich seit 2006 der Förderverein EFEU e.V. ein. Als die koreanische, in Berlin und Seoul lebende Künstlerin Jinran Kim ein Mausoleum suchte, um einen überdimensionalen Sarg aus Seife im Rahmen ihres Soap Projects auszustellen, traf sie auf EFEU und eine Idee wurde geboren: Kunstraum Mausoleum.


Jinran Kim: 108 Stufen Tempel im Mausoleum der Familie Hermmann u. Riese

Seit dem 2. August zeigen nun 7 internationale KünstlerInnen in 7 Mausoleen auf dem St.-Matthäus-Kirchhof ihre Arbeiten zum Thema Tod und Erinnern unter und zwischen Spinnweben. Geplant war die Ausstellung bis 20. September, aber weil es in Berlin etwas länger dauern kann, bis das Publikum auf besondere Attraktionen aufmerksam wird, muss die Ausstellung nun bis Ende September verlängert werden.

 

Das Mausoleum erzeugt neue, bisweilen überraschende Interferenzen. Spinnweben und abblätternder Putz werden Teil der Installationen. Zwischen dem vorgefunden Raum Mausoleum und dem Kunstobjekt entsteht Kunst neu. Kim hat dafür sogar zwei ganz neue Objekte geschaffen, die an die koreanische Erinnerungs- und Todeskultur anknüpfen. Im Mausoleum der Familie Herrmann und Riese überlagern sich die geheimnisvollen Wellen der europäischen Todeskultur mit denen der asiatischen. Den die individuelle Erinnerung an einen verstorbenen Menschen heraufbeschwörenden „Letzten Matratzen“ steht ein monumentaler „108 Stufen Tempel“ en miniature aus Holz gegenüber.


Jinran Kim: 108 Stufen Tempel und drei der sechs Letzten Matratzen.

Sowohl die fiktiven „Letzten Matratzen“ von Berühmtheiten der koreanischen Kultur wie der „Tempel“ verlocken das Auge, genauer hinzusehen. Auf den Matratzen, die zunächst seriell anmuten, finden sich individuelle, letzte Spuren des Lebens, z.B. der letzten koreanischen Kaiserin Min, die 1895 von einem japanischen Terrorkommando ermordet wurde. Im Tempel dagegen lassen sich aufgehängte Schriftrollen und eine winzige Schildkröte entdecken. In der alten chinesischen Kultur wie in der koreanischen ist die Schildkröte ein glückverheißendes Symbol. Sie steht für Langlebigkeit und Dauer. Nicht zuletzt trugen die Schildkröten auf ihrem Panzer die Gesetzestafeln und Bekanntmachungen der Kaiser. Vor allem in konfuzianischen Tempeln nimmt die Schildkröte eine wichtige Rolle ein. So durchdringen individuell-private und symbolisch-öffentliche Züge Kims Installation.

Der vorgefundene europäische Raum des Mausoleums mit seinem Altar, Kreuz und Gedenktafeln wird von Kim in ihre Installation einbezogen. Nicht zuletzt hat Korea im 20. Jahrhundert eine starke christliche Erinnerungskultur entwickelt. 26% aller Südkoreaner sind heute Buddhisten und ebenso viele Christen. Der Konfuzianismus wird weniger als Religion, denn als mit den Religionen vereinbare Gesellschaftsphilosophie gesehen. So wird Kims Installation zu einem hochvernetzten Erinnerungsfeld.

 

Im Mausoleum Gehring hat Bärbel Rothhaar „Talking Heads III“ installiert. Die plastischen Miniaturköpfe, die aus dem rissigen Putz der Wände sprießen, haben für sich eine fast schon beklemmende Präsenz. Irgendetwas an diesen Köpfen beunruhigt. Sie verfügen über einen Blick. Sie schauen einen nicht an, aber sie schauen. Das ist beunruhigend genug. Mittels mehreren Tonaufnahmen von Menschen, die über ihren Tod oder eine Todeserfahrung sprechen, hört man die Stimmen wie aus der blauen Kuppel des Mausoleums auf einen hinunterreden, was durchaus verstört. Bärbel Rothaars Installation berührt. Sie ist zutiefst menschlich und gespenstisch zugleich.


Bärbel Rothhaar: ein "Talking Head" im Mausoleum Gehring.

Baruch Gottlieb, Henning Rhode, Line Claudius und Jan Goldweida, Kerstin Brümmer und Ambra Brigazzi haben weitere Mausoleen für herausfordernde und sensible Installationen genutzt. Sie machen die Ausstellung zu einem regelrechten, spätsommerlichen Wallfahrtsort für Kunstfreunde.


Henning Rhode: "Der Tod" im Mausoleum Neumeister.

Am äußersten südlichen Ende des St.-Matthäus-Kirchhof hoch über Berlin befindet sich das Mausoleum der Familie Bolle. Carl Andreas Julius Bolle ist heute noch mit dem Berliner Stadtgedächtnis tief verbunden. Der Unternehmer Bolle lieferte seit den 1870er Jahren frische Kuhmilch in der modernen Metropole Berlin aus. Er muss ein Mann mit einem untrüglichen Sinn für Marketing gewesen sein. Als Bolle 1910 verstarb, wurde ihm ein Mausoleum erbaut, das nur so von Hygiene strahlt. Das Nonplusultra der Hygiene waren weiße Kacheln. Und so ließ er sich selbst oder seine Familie ließ ihm ein Mausoleum mit strahlend weißen Kacheln errichten. Die kirchenähnliche Rosette über dem Eingang wurde nicht mit buntem Bleiglas, sondern geriffeltem Milchglas verglast. Das konnte jeder verstehen.

Im Jahr 1910 als der bedeutende Bakteriologe Robert Koch, der in Berlin für die Hygiene und gegen die Tuberkulose gekämpft hatte, ebenfalls verstarb, war Bolles Mausoleum das Dokument einer neuen, hygienischen, gesunden Zeit - und, wenn man ehrlich darüber nachdenkt, ein Marketinggag.

 

Torsten Flüh

 

Kunstraum Mausoleum

 

Finissage: Sonntag, den 20. September 2009 14 Uhr

 

Alter St.-Matthäus-Kirchhof

Großgörschenstraße 12-14

10829 Berlin- Schöneberg

 

U/S-Bahnhof Yorckstraße (Großgörschenstraße)

 

Nur geführte Besichtigung (Treffpunkt: EFEU-Pavillon):

Mo-Fr 16Uhr, Sa/So 14 Uhr und 16 Uhr sowie nach Vereinbarung

 

Tel: 030/7811850 oder Fax: 030/7883435 oder E-Mail: info@efeu-ev.de