Die deutsche Sprache hat mich angesprochen - Yoko Tawadas Mosse-Lecture in der Humboldt Universität Berlin

Schrift – Magie – Biographem

 

Die deutsche Sprache hat mich angesprochen

Yoko Tawadas Mosse-Lecture in der Humboldt Universität Berlin

 

Auf dem Bebelplatz gegenüber dem Hauptgebäude der Humboldt Universität Unter-den-Linden fahren am 21. Januar die Limousinen zur abendlichen Modenschau vor, die heute Fashion Show heißt und auf einem Catwalk stattfindet. Berlin während der Fashion Week, die mehr bietet als nur Brot und Butter. Trotzdem bleibt es meist dünn auf dem Laufsteg. Dünne Models, dünne Kleider, aber dicke Scheinwerferkegel und dicke Limousinen.

 

Auf der anderen Straßenseite versammelt sich das Publikum im Senatssaal der Universität wegen dicker und dünner Bücher. Dabei müssen nicht immer dicke Bücher mehr Gewicht haben. Selbst Modekataloge können manchmal ganz schön dick sein, ohne Gewicht zu haben. Es gibt sogar Romane vom Gewicht eines Modekatalogs. Ob am Catwalk oder im Senatssaal, es geht darum, dass man/frau von etwas angesprochen wird. Moden oder Sprachen können einen ansprechen oder auch nicht.

Yoko Tawada wurde von der deutschen Sprache angesprochen. Wo wurde Yoko Tawada von der deutschen Sprache angesprochen?

 

Zunächst war es die Frage einer Hörerin nach der Vorlesung, wann sie die deutsche Sprache für sich als Sprache zum Schreiben entdeckt habe. In der Schule oder im Studium oder auf einer Reise? Die Frage nach dem Wann verkehrte sich unversehens ins Wo. Doch anstatt mit einem Datum oder einem Ort zu antworten, sagte Yoko Tawada:

Ich hätte auch in Russisch oder Englisch anfangen können zu schreiben, ja, aber die deutsche Sprache hat mich angesprochen.

Yoko Tawada war über ihre Antwort selbst ein wenig erstaunt. So treffend hatte sie das wohl noch nie formuliert. Da muss man erst einmal nachhören, was sich im Gespräch wie von selbst ergeben hatte. Die sich spontan in der Mosse-Lecture entwickelnde Formulierung ist für Yoko Tawadas Dichtung geradezu programmatisch.

 

Warum hat denn noch nie ein Dichter davon gesprochen, dass das Schreiben davon abhängt, ob eine Sprache sie/ihn anspricht? Das wäre doch naheliegend gewesen. Viel näher liegend als die Frage nach dem Wo und Wann. Näherliegend möglicherweise auch als nach der Muttersprache zu gehen.

 

Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) und Mitinitiatorin der seit 1997 vom Institut für deutsche Literatur veranstalteten Mosse-Lectures, hob in ihrer Einführung zur Vorlesung von Yoko Tawada hervor, dass sie ein japanisches Werk und ein deutsches Werk vorzuweisen habe. Aber es gäbe wohl nur wenige HörerInnen im Senatssaal der Humboldt Universität zu Berlin, denen beide Werke gleichermaßen zugänglich wären. Womit sich Sigrid Weigel vor allem auf das deutsche Werk der Schriftstellerin konzentrierte. Denn die beiden Werke sind unterschiedlich. Nicht einfach Übersetzungen.

Bei Yoko Tawada gibt es keine Übersetzungen, sehr wohl aber Überseezungen (2002). Damit wird auf geradezu graphische Weise der dichterische Prozess selbst angezeigt. In den Übersetzungen kommt immer wieder das Unerwartete dazwischen. Das dichterische Wort beginnt sich und die Übersetzungen in mancherlei Richtungen aufzufächern. Aus den Übersetzungen fallen mit einem Mal die Zungen und die Seezungen wie selbstverständlich heraus. Das Wort wird dem fraglosen Muttersprachler anders serviert. Natürlich haben Übersetzungen etwas mit den unterschiedlichen Zungen zu tun. Aber wer hatte es denn schon einmal so rafiniert zubereitet?

 

Yoko Tawadas deutsche Sprachwerke sind voll von ähnlichen Prozessen. In ihrer Vorlesung ging sie performativ auf einige Aspekte ihres literarischen Verfahrens ein. Sie zeigte beispielsweise Kanji, japanische Schriftzeichen, die auf chinesische Schriftzeichen zurückgehen. Im Japanischen gibt es daneben Silbenschriften wie Hiragana. Für Tawadas Dichtung sind die Kanji besonders wichtig. Sigrid Weigel bezeichnete sie als Ideogramme, womit eine Bilderschrift für Worte gemeint ist. Man kann sie ebenso als Ideenschrift bezeichnen. Darüber hinaus entfalten die Kanji für Tawada andere Kräfte mehr.   

 

Yoko Tawada zeigte in ihrer Vorlesung das Schriftzeichen

und las:

Yuna war hungrig, wollte wieder an einer neuen Sprache knabbern. Während der Schulzeit bekam sie nur dürftige Noten in den Pflichtfächern Englisch und Klassisches Chinesisch, aber sie verlor nie den gesunden Appetit auf neue Sprachen und Wörter. Sie ass sogar Wörterbücher Seite für Seite auf, um Vokabeln zu lernen. Daher wusste sie, dass einige Verlage knuspriges Papier benutzen, während andere faseriges oder mehliges. Beim Erlernen der Sprachen verwandelte sich ihr Schreibtisch in einen Esstisch und ihr Bleistift in ein Stäbchen.

Das Schriftzeichen ist für einen in der chinesischen Schrift unkundigen Leser unlesbar, während es für Yoko Tawada im Schreibprozess die Geschichte in deutscher Sprache generiert. Oft ist es die Kombination mehrer Schriftzeichen-Elemente, die im Kanji einen Begriff oder ein neues Ideogramm erzeugen. Tawada geht den Elementen nach, liest sie heraus und schreibt daraus Geschichten in Deutsch. 

 

Es sind Interferenzen, Überlagerungen von unterschiedlichen Sprachen wie Wellen, die zum dichterischen Prozess führen. Bei Überlagerungen kommen Sinnverschiebungen zwischen Tokio und Berlin, zwischen Japan und Deutschland, zwischen Japanisch und Deutsch zum Zuge. Die japanische Schrift und die Buchstabenschrift des Abendlandes kommen gleichermaßen zum Zuge. Obwohl Yoko Tawada im Gespräch mit Sigrid Weigel hervorhob, dass ihr besonders das Alphabet im Deutschen wegen der vielfältigen Möglichkeiten der Umstellungen gefalle, ist das nicht einfach eine Erklärung der Schrift. Vielmehr spricht sie gern von einer Magie der Schrift.

 

Das Magische in der Schrift und die Magie als Ursprung der chinesischen Schriftzeichen sind für Yoko Tawada eine andere Möglichkeit, mit Schrift umzugehen. Sie verwies im Gespräch darauf, dass die ganz einfachen Zeichen im Japanischen wie das Schriftzeichen für Mensch - - zunächst auf magische Weise einen Menschen auf zwei Beinen dargestellt hätten, der geopfert werden sollte. Oder dass das Schriftzeichen für Demokratie -民主-immer das einfache Schriftzeichen für Auge - - enthalte, das durchstochen werden sollte. Die Magie der Schrift eröffnet, wenn Tawada sie liest, neue und andere Assoziationsräume.

In der Vorlesungsreihe der internationalen Dichter, wie eine Woche zuvor dem Nobelpreisträger Orhan Pamuk, geht es um Dichter und ihre Ortschaften. Für Yoko Tawada wurde deutlich, dass Tokio und Berlin nicht einfach Ortschaften im Sinne von benennbaren Orten sind, sondern dass sie zwischen Tokio und Berlin, zwischen Tokio und Hamburg, wo sie zuvor lange direkt an der Elbe lebte, oder zahlreichen anderen Orten auf der Welt, wo sie als Writer in Residence kürzere oder längere Aufenthalte verbrachte, wandert. Bordeaux und Saint Nazaire bei Nantes, USA oder Irland haben Yoko Tawadas Existenz zu einer im wahrsten Sinne des Wortes als nomadisierenden Writer in Residence gemacht, wie Sigrid Weigel hervorhob. Dennoch oder gerade deswegen hat sie der deutschen Sprache eine besondere Treue bewahrt. Sie ist zu einer Botschafterin der deutschen Sprache mehr als der japanischen geworden. Allerdings lassen sich die beiden so unterschiedlichen Sprachen und Schriften gar nicht mehr ohne die jeweils andere bei ihr denken.

 

Wenn sich, sagen wir es ruhig einmal, im Hirn einer Dichterin zwei Sprachen derart vermengen und sich gegenseitig stimulieren, dann kann man von einem Biographem sprechen. Mit Biographem formulierte Roland Barthes unter anderem in Über mich selbst (1978) den Übergang vom Leben in die Schrift und von der Schrift ins Leben.

Dazu eine kurze von Yoko Tawada vorgelesene Passage aus ihrem Buch Bioskoop:

">Es war für mich immer ein qualvolles Spiel, auf einer Fete neue Menschen kennenzulernen. Zuerst versuchten sie, mit mir über das Wetter, das Tagesgeschehen oder über Bücher zu sprechen. Worüber wir auch sprachen, zum Schluß stellten sie mir immer dieselbe Frage:

“Und in welcher Sprache träumen Sie?”

In ihren Augen leuchtete Erwartung, ich wußte aber nicht, was sie von mir erwarteten.

“Ich weiß das leider nicht. Es ist eine Sprache. Ja, es ist sicher eine Sprache, aber eine Sprache, die ich nie gelernt habe, deshalb verstehe ich meine eigene Traumsprache nicht.”

“War das Deutsch oder nicht?”

“Ja, ich denke schon, daß es auch deutsch war, zumindest hatte diese Sprache für mich etwas Deutsches. Aber eigentlich war keines von den Wörtern ganz deutsch, sondern anders deutsch.”

 

Während das akademische Modelle der Biographie zumindest seit seiner wissenschaftlichen Herausbildung im 19. Jahrhundert die Entschlüsselung von Literatur im Vorleben suchte und bisweilen weiterhin sucht, legt das Biographem Wert auf den doppelten Prozess von Schreiben und Geschrieben werden. Glaubte man einst, dass man die Literatur hätte, wenn die Biographie eines Dichters bis in ihre kleinsten Verästelungen bekannt wäre, bietet Yoko Tawada ein anderes Verfahren an. Das hieße, dass sie nicht einfach aus ihrem biographischen Umständen heraus ein Werk in Japanisch und Deutsch geschrieben hätte, vielmehr müsste man dem Rechnung tragen, dass immerschon Japanisch und Deutsch an ihrem Biographem mitgeschrieben hätten.

Das Hauptgebäude der Humboldt Universität und allemal der Senatssaal sind politische Orte. Noch viel mehr gilt dies für den Aufgang mit seinen Stufen zum Senatssaal im ersten Stock. Vorsicht Stufe! steht mittig an jeder einzelnen Treppenstufe. Stufen gemahnen zur Vorsicht. Ebenfalls mittig ist in der Ära der Deutschen Demokratischen Republik ein Zitat von Karl Marx angebracht worden, das auf Friedrich Hegel, sozusagen dem Philosophen der stufigen Systeme, zurück geht. Das kann man auf einem Schild mit erklärendem Gestus lesen. Schließlich steht einige Stufen höher in einem nicht jedem zugänglichen Zimmer noch der mächtige, originale Schreibtisch Georg Wilhelm Friedrich Hegels.

 

Kein Schild verrät, dass die Marmorverkleidung der Stufen aus Hitlers Reichskanzlei stammen soll. Das wäre heute heikel. Zu Zeiten der selbstgewiss besseren DDR, die sich als Verwirklichung des Programms der philosophischen und politischen Moderne nach Karl Marx sah, hatte die Symbolkraft der Marmorverkleidung und ihrer Herkunft erhebliches Gewicht. 2001 erfuhr ich nur mündlich von einem langjährigen Mitarbeiter der Universität die Herkunft der Verkleidung. - Und immer gilt das dunkle Hegelwort: „Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Sigrid Weigel fragte im abschließenden Gespräch mit Yoko Tawada und Ulrike Vedder, ob ihre Literatur politisch sei. Tawada sieht ihre Literatur sehr wohl politisch. Das gilt für mehrere Ebenen in der Literatur Yoko Tawadas. Ob man eine Sprache, Japanische oder Deutsch beispielsweise, als homogen sieht oder nicht, hängt von einer politischen Haltung ab. In beiden Ländern und Kulturen gibt es die teilweise heftige Diskussion um die Homogenität der Sprache. Sind Sprachen abgeschlossen? Müssen Sprachen Festungen sein, die sich gegen eindringende Wortfeinde verteidigen?

 

Yoko Tawada praktiziert auf äußerst witzige und verführerische Weise ein anderes Verfahren. Sie zeigt, dass es anders geht. In ihrer Literatur ist es das Moment des Lachens, wie sie selbst sagte, das politisch wirkt. Insofern ist Yoko Tawada von der Sprache her eine wirksame politische Schriftstellerin. In der Verkehrung der Sprache stolpert der Leserhörer über Formulierungen. Worte, die in festgefügten Diskursen als Waffen benutzt werden, werden nicht nur lächerlich, vielmehr erhalten sie eine politische Sprengkraft, die Lachen macht.

 

Torsten Flüh  

 

   

Die deutschen Bücher von Yoko Tawada sind im Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erschienen.

 

Das nackte Auge (in Paris)

von Yoko Tawada

Aufführung des Lasenkan Theaters

Regie: Saburo Shimada

mit Kana Torino, Kei Ichigawa, Franziska Piesche

Uraufführung am 18. März 2010, 20:00 Uhr

Brotfabrik

Caligariplatz, 13086 Berlin

  

Mosse-Lecture

Donnerstag, 4. Februar 2010, 19:00 Uhr c.t.

Juri Andruchowytsch FRANYK / UKRAINE

Einführung und Gespräch:

Sylvia Sasse, Universität Zürich