Die Leere in der Mitte der Mitte - Neujahrsempfänge und Stadtplanung in Mitte

Mitte – Neujahrsempfang – Stadtpläne

 

Die Leere in der Mitte der Mitte

Neujahrsempfänge und Stadtplanung in Mitte

 

Die ersten Wochen des neuen Jahres sind mit Neujahrsempfängen angefüllt. Je weiter die Vernetzung gediehen, desto mehr Einladungen zum Neujahrsempfang flattern zu Jahresbeginn in den Postkasten. Neujahrsempfänge dienen der Vergewisserung der Kontakte aus dem alten Jahr, weshalb das Jahr meist neu, die Gesichter aber alte sind.

 

Man freut sich durchaus die alten Gesichter wiederzusehen und freut sich noch mehr, wenn man dazu noch neue kennenlernt. In Mitte, also im Bezirk Mitte von Berlin ist die Neujahrsempfangsdichte besonders hoch. Das liegt zum Einen an den etlichen Institutionen, Landes- und Ländervertretungen in Mitte und zum Anderen an der Stadtentwicklung. Wenn man Glück hat, dann werden die Besuche der Neujahrsempfänge zu kleinen Weltreisen.

Weltreisen in Mitte müssen nicht gleich nach Feuerland führen, es reicht der Weg von der Prinz-Eugen-Straße am nördlichen Rand von Mitte in die Rathausstraße in der Mitte der Mitte. Während man dann in der Prinz-Eugen-Straße eine junge Bezirksverordnete mit Kinderwagen trifft, fällt einem unvermittelt beim Neujahrsempfang des Vereins für die Geschichte Berlins e.V. im sogenannten Roten Rathaus auf, dass es hier gar keine Frauen mit Kinderwagen gibt. Junge Frauen mit Kinderwagen meist mit migrantischem Hintergrund aus Irland, Dänemark, England, Frankreich, Franken, Baden, seltener schon aus der Türkei oder dem Libanon gehören aber zum Bild von Mitte. Dafür wird der Besuch beider Neujahrsempfänge an einem Abend dem Motto des Vereins gerecht: Was du erforschet hast du erlebt.

 

 

Zu den neuen Gesichtern beim Neujahrsempfang des Quartiersmanagement Pankstraße gehörte ein Herr, der neuerdings Berufsberatung und -begleitung in einer Weddinger Schule macht. Er ist in der Schule für die Schüler ansprechbar. Wir gerieten in ein Gespräch, wofür es mehrere Anknüpfungspunkte gab.

 

Teilen konnten wir unsere Beobachtung, dass Jugendliche in der Übergangsphase von der Schule in den Beruf Orientierung suchen. Sie suchen nach Vorbildern und väterlichen Respektpersonen. Teilen konnten wir die Überzeugung, dass es sich unsere Gesellschaft nicht leisten kann und darf, Talente zu verschenken. Teilen konnten wir gleichfalls die Erfahrung, dass Jugendliche aus Weddinger Schulen meistens das Gefühl haben, dass sie eine reale Chance gehabt hätten. Mein Gesprächspartner fand als Kenner der Materie diese Einschätzung noch absurder als ich. „Sie waren nie in Zehlendorf. Sie wissen gar nicht, wie Schule sein kann,“ sagte mein Gesprächspartner. 

 

Am nördlichen Rand von Mitte werden durch neue Modelle Weichen für die Stadtentwicklung gestellt. Vieles ist über Generationen von Lehrern und Schülern versäumt worden. Mein Gesprächspartner bestätigte mir, dass Lehrer in Weddinger Schulen, aus welchen Gründen auch immer, kaum Interesse für die ihnen anvertrauten Schüler mit, um das Ordnungskriterium des Statistischen Bundesamtes einmal zu zitieren, Migrationshintergrund haben. Schon in der Internationalen Schule in Mittes Linienstraße dürfte das vollkommen anders sein. Wenn die Jugendlichen aus den Weddinger Schulen endlich einmal einen Erwachsenen kennenlernen, der sich für sie interessiert, werden häufig Vaterprojektionen geweckt. Der Wunsch, dass man sich um sie kümmert ist groß. Das sollte entschieden zum Nachdenken anregen. - Vielleicht wird bürgerschaftliches Engagement daraus.

WAS DU ERFORSCHET HAST DU ERLEBT. Das Berliner Milieu beim Neujahrsempfang im Großen Saal des Berliner Rathauses ist ein anderes. Eine andere Welt. Immerhin hat der Verein den Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten André Schmitz für die Begrüßung gewinnen können. André Schmitz ist seit kurzem selber Mitglied des ältesten Vereins für die Geschichte von Berlin. Er besteht seit 1865. Vorsitzender des Vereins ist Dr. phil. Manfred Uhlitz. Es ist der wohl renommierteste Verein für die Stadtgeschichte. Sogar illustre Persönlichkeiten wie Hans Wall, der im Moment in Berlin hundertfach von Wall-Plakatsäulen herunter, für sein Buch „Aus dem Jungen wird nie was …“: Vom Mechaniker zum Millionär: Warum in Deutschland jeder eine Chance braucht wirbt, sind Mitglied des Vereins. Gesichter unter 40 fehlen bei diesem Neujahrsempfang so gut wie völlig.

 

Im Großen Saal des Berliner Rathauses, das im Berliner Volksmund nicht nur wegen seines roten Backsteins Rotes Rathaus genannt wird, hielt Staatssekretär a.D. Dr. Hans Stimmann einen Vortrag mit dem Thema „Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“. Denn der West-Berliner nannte das Rathaus auch Rotes, weil es das Rathaus des roten Berlin, der Hauptstadt der DDR, war. Der Saal war somit auf vielfältige Weise mit Geschichte aufgeladen.

Der Rahmen des Neujahrsempfangs bot nicht nur auf diese Weise eine bürgerliche Atmosphäre. Bürgertum im Sinne eines Engagements von Bürgern für Bürger wird immer wichtiger für die Städte. Bürger müssen an den stadtplanerischen Diskussionen in der Stadt nicht nur teilnehmen können, sondern dazu ermuntert werden. Hinzu kam noch das äußerst beeindruckende Violinkonzert der jungen finnisch-deutschen Violinistin Fiona Günter. Sie hatte anspruchvolle Kompositionen von Johann Sebastian Bach bis Eugène Ysaye als Vor- und Zwischenspiele gewählt.

Geht es dem Verein für die Geschichte Berlins zur Zeit um die Erkundung der historischen Mitte von Berlin vom „Klosterviertel“ über „Alt Cölln“ bis zu „Alt Berlin“, so befasste sich der Vortrag von Hans Stimmann genau mit dem letzteren bzw. dem historischen Stadtviertel St. Marien und Heiligengeist. Denn wo heute vor dem Berliner Rathaus bis zur historischen St. Marien-Kirche vor dem Fernsehturm eine große Freifläche mit dem vom Schlossplatz hierher verpflanzten Neptunbrunnen herrscht, war vor 1945 mit der Börse, der Post, der Industrie- und Handelskammer sowie modernen Kaufhäusern wie dem Kaufhaus Wertheim und dem Salamanderhaus die ökonomische Mitte der Stadt, die dem Wunsch einer „Citybildung“ nach dem Vorbild Londons entsprach.

 

Nicht zuletzt das moderne Bürgertum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts empfand Alt Berlin als ein „die freie Bewegung hemmendes Geschwür“ das aufgestochen werden müsse, „um Lebensquellen sprudeln zu lassen“, wie Wolther von Kieseritzky in den aktuellen Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Heft 1, 2010 zitiert. Auf dem Weg in die Moderne ging es beispielsweise unter dem Einfluss der wissenschaftlichen, insbesondere medizinischen Elite der Stadt wie Rudolf Virchow (1821-1902) und Robert Koch (1843-1910), um ein hygienisches Berlin.

Rudolf Virchow gehörte seit 1861 als Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung zu den Vorreitern der Hygiene in der Stadt und den Initiatoren des Abwassersystems samt Pumpwerken. Virchow und Koch, die durchaus wegen wissenschaftshistorischer Verschiebungen geradezu verfeindet waren, konnten sich zumindest in den hygienepolitischen Anstrengungen für die Stadt seit der Zeit um 1880 einig werden. Weder die frühindustriellen Wohnquartiere im Norden der Stadt noch das mittelalterliche Stadtzentrum konnten auch nur annähernd den Hygieneanforderungen einer modernen Großstadt genügen.

 

Die medizinisch-merkantile Metaphorik - Aufstechen eines Geschwürs, um Lebensquellen sprudeln zu lassen - zur Modernisierung Alt Berlins seit den 1880 Jahren hat demzufolge mit dem vorherrschenden, modernen Hygienediskurs zu tun. 1882 hatte Robert Koch, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, in Berlin den Erreger der Tuberkulose, die eine tödliche Massenkrankheit war, gefunden. Neben dem heftigen Wunsch, dass man den bakteriellen Erreger nun massenwirksam durch Impfungen bekämpfen könne, brachte die Entdeckung die Überzeugung hervor, dass die Übertragung der Krankheit durch Hygiene verhindert werden könne.

Ein Impfstoff gegen Tuberkulose ist bis heute nicht gefunden. Tuberkulose lässt sich nur mit einer Kombitherapie heilen. Nicht zuletzt hat die WHO ein Tuberkuloseprogramm bis 2015 entwickelt. In den modernen Städten Deutschlands ist die Tuberkulose auf Einzelfälle zurück gegangen.

 

Stadtentwicklung und Stadtplanung in der Moderne hieß vor diesem Hintergrund nicht zuletzt, welche Diskurse stark genug wurden, um eine Stadt nach dem Bild und auch der Hybris der Moderne zu gestalten. Das galt ebenso für den Kern der Stadt. Die Hybris der Moderne spiegelt sich final in der nur noch in Achsen geplanten Welthauptstadt Germania wider. Rechtwinklig durch die Stadt gefräste Achsen sind genau das Gegenteil wuchernder, mittelalterlicher Städte, mit einem anderen Wort von „Geschwüren“. Hans Stimmann wies durchaus auf die Germania-Pläne hin, um sie mit der Gestaltung des Kerns durch die DDR als Staatsmitte zu vergleichen.

Die Staatsmitte entwickelte sich ebenso in axialen Freiflächen wie ideologisch aufgeladenen Monumenten. Sie erfüllte das Versprechen einer „Moderne ohne Kompromisse“ (siehe von Kieseritzky). Nachdem sich das Ideologische verflüchtigt hat, bleibt nur noch die Freifläche als Leere. Stimmanns im Vortrag bekräftigtes Projekt ist es nun, die quälende Leere zu füllen und zu beleben. Visualisiert wurde die Bemühung durch eine Fülle bunter Pläne.

 

Die Mitte der Mitte von Berlin ist leer - und das verstört. Wo nichts mehr ist als zusammenhanglose, gar widerstreitende Monumente aus unterschiedlichsten Epochen – St. Marien des Mittelalters mit Turmhaube aus dem Barock, Neptunbrunnen des Neobarock, Marx und Engels sowie "Aufbauhelfer" und Fernsehturm des real existierenden Sozialismus -, da muss wieder etwas hin. Und zwar nicht irgendetwas, sondern die Stadtviertelstruktur, die durch den Zweiten Weltkrieg zerstört und die Staatsmitte der DDR gelöscht wurde, so muss die Forderung des obersten Stadtplaners a.D. zusammengefasst werden.

Stimmanns Forderung einer, wie er es nennt, „Kritischen Rekonstruktion“ fand unter den Gästen des Abends nicht nur Zuspruch, auch Kopfschütteln war zu sehen. Die Diskussion um die historische Mitte Berlins ist keine neue. Sie währt seit gut 20 Jahren. Bevor man in Berlin über Migranten zu diskutieren begann, spaltete sich die Diskussion um die Mitte in politische Lager der Stadt auf. Das ist immer schlecht.

 

Die CDU wollte alles wie einstmals; die SPD war sich nicht einig; und die Linken; die noch PDS hießen, wollten sowieso, dass alles bruchlos so blieb, wie es war. Der Pläne gibt es viele bis zu einer an Venedig vor dem Markusplatz oder Hamburg erinnernden großen, freizeittauglichen Wasserfläche anstelle der sozialistischen Struktur, womit eine wiederholte Löschung, letztlich eine Löschung des Historischen stattfinden würde.

Geschichte und Geschichten wurden immer schon gelöscht, um mit einem prekären Gestus das vermeintlich Bessere an ihre Stelle zu setzen. Die Löschung von Geschichte geht in der Regel mit Zensur und Bücherverbrennungen einher. Deshalb ist Geschichte in ihrer Pluralität für eine Bürgergesellschaft unverzichtbar. Das Quälende an der Leere könnte, anders gedacht, eine Fülle an Historischem hervorbringen. Denn das Historische muss keine bessere und in sich kohärente Geschichtsschreibung hervorbringen, vielmehr sollte es Aufgabe sein, das Historische in seinen Brüchen sichtbar zu machen.  

 

Die historische Mitte von Berlin war keine bessere Mitte im Sinne einer romantischen Mittelalter-Rekonstruktion. Sie war der Moderne bereits preisgegeben. Die Definition eines Kerns der Stadt ist ohnehin eine schwierige, zumal Berlins Stadtkern aus Berlin und Cölln bestand. Der Stadtkerne waren somit zwei. Sie wurden erst später zu einem zusammengefügt.

 

Wichtig und kritisch wäre es, die Geschichte der Stadt in ihren Brüchen sichtbar werden zu lassen. Denn wo es in den Städten keine Vielzahl von Geschichten gibt, werden Städte inhuman. Sie werden unfreundlich oder gar bedrohlich in ihrer Größe. Sie können so unfreundlich werden, dass in Berlin geborene Menschen, die in Berlin zur Schule gegangen sind, niemals im Schlosspark von Charlottenburg spazieren gegangen sind. Dies kann für Berliner mit und ohne Migrationshintergrund gelten.

Der Kiez, der im modernen Berlin seit mehr als hundert Jahren den Dorfanger ersetzt, bietet ein überschaubares Identifikationspotential. Berlin hat viele Kieze, selbst da, wo man noch einen Dorfanger hat. Fatal wird der Kiez als Lebensmodell, wenn alles außerhalb des eigenen Kiezes Angst macht und man sich deshalb nicht über den eigenen Kiez hinaustraut, obwohl der Park von Charlottenburg nur wenige Minuten mit der S- oder U-Bahn entfernt ist.

 

Wenn Geschichte einen Auftrag hat, dann sollte sie beispielsweise Berlins Mitte für den Berliner Kiezbewohner zugänglich machen. Doch das erreicht man nicht durch die Rekonstruktion einer Stadtteilstruktur, sondern durch ein Transparent-werden von Geschichte und Geschichten von Menschen, die in Berlin gelebt haben. Will man an das Wohnhaus Moses Mendelsohns (1729-1786) in der Spandauer Straße erinnern, dann sollte es durch ein Kunstwerk geschehen, das informiert. Was ein Haus auf der Spandauer Straße 52 für die Erinnerung an den Salon der Henriette Hertz (1764-1847) leisten sollte, bleibt in der Rekonstruktion des Viertels ebenfalls ungeklärt. Sie wohnte ebenso in der Neuen Friedrichstraße 52 und in der Markgrafenstraße 59.

Das Name dropping mit großen Namen der Berliner Geschichte rechtfertigt noch keine Rekonstruktion. Der schwierige Stadtraum, den die deutsche Geschichte mit der Freifläche hervorgebracht hat, sollte selbst zum Erinnerungsraum werden. Denn er ist schließlich ein auch mahnendes Monument der Moderne. Berlin ist kein Lübeck oder Hildesheim. Die Verwüstungen der Moderne sind nicht zuletzt ein Preis für den ihr eigenen Fortschrittsglauben und ihre Annehmlichkeiten.

 

Eine Geschichte ist immer abhängig von einem vorherrschenden Diskurs, viele Geschichten in ihrer Widersprüchlichkeit können Lust machen, einzelne zu erforschen. Darum sollte es vor allem gehen. Denn: was Du erforschet hast du erlebt.

 

Torsten Flüh