Nice. - Political Correctness und Queer Underground Porn - Über Collateral Murder und Otto; or, up with dead people

WikiLeaks – Picture Theory – pic

 

Nice. - Political Correctness und Queer Underground Porn

Über Collateral Murder und Otto; Or, Up With Dead People

 

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Dieser Artikel wird WikiLeaks, den Irak-Krieg, W. J. T. Mitchells Picture Theory (1994) und den UndergroundfilmOtto; or, up with dead people (2008) in eine Konstellation bringen. Es kann zu pic – political in-correctness – führen.

Louisa Reichstetter hat im Feuilleton der ZEIT vom 15. April 2010 unter dem Titel Genial gefährlich über die Veröffentlichung des geheimen US-Army-Videos geschrieben, das die gezielte Tötung der Reuters-Pressefotografen Namir Noor Eldeen und Said Chmagh zeigt, weil die Hubschrauberpiloten die Kameras mit den Teleobjektiven für Waffen hielten. WikiLeaks und das Video sind mittlerweile weltweit bekannt.


W. J. T. Mitchell, einer der einflussreichsten Bild- und Kulturtheoretiker, hat 1991 die Kriegsberichterstattung von CNN und Oliver Stones Film JFK (1991) in eine Konstellation gebracht und analysiert. Er hat dies „America, 1991“ genannt. Die Nachrichten auf CNN werden nach Mitchell zum Melodrama und der Spielfilm zur „wahren“ Geschichte.

 

Das geheime Video der US-Armee wurde am 27. Juli 2007 aufgenommen und am 5. April 2010 von The Sunshine Press unter dem Titel Collateral Murder auf WikiLeaks veröffentlicht. Otto; or, up with dead people wurde 2007 gedreht und 2008 im Januar auf dem Sundance Film Festival als Weltpremiere und im Februar auf der Berlinale  im offiziellen Programm gezeigt.

Otto von Bruce LaBruce hat auf der Berlinale nicht einmal den Teddy, Queer Film Award, für den besten schwulen Spielfilm 2008 gewonnen. Der Film ging irgendwie unter. Auch eine Queer Film Award Jury kann irren. Den Bären der Berlinale hat Otto sowieso nicht gewonnen. Der Film geriet in Vergessenheit, wurde übersehen und landete trotzdem in der Auswahl der Filmgalerie 451 in der Berliner Torstraße. Dort habe ich ihn zufällig vor ein paar Tagen ausgeliehen.

 

Während JFK 1991 ein heiß und kontrovers diskutierter Blogbuster war, der 205 Millionen Dollar eingespielt haben soll, ist Otto ein Undergroundfilm, den wenige Menschen kennen. Immerhin soll bzw. will Warner Bros. 15 Millionen Dollar für die JFK-Werbung ausgegeben haben. Aber nicht nur die Geldflüsse bestimmen Erfolg oder Misserfolg eines Films.


Vielmehr ist es eine Frage der political correctness geworden. PC, wie es Josef Joffe kürzlich in der ZEIT genannt hat, ist ein entscheidender Faktor. Die PC von JFK war 1991 strittig. Die von Otto nicht. Er darf heute noch als pic – politically in-correct – gelten. Schließlich gilt Bruce LaBruce als „underground gay porn star“.


Pornos sind pic. Otto ist eine durchaus krude Mischung aus Undergroundfilm, Filmtheorie und -geschichte, Kriegsfilm, Porno, Zombie-Film, Queer-Film, Berlin-Film, Gothic, Skin-Sex, Kannibalismus, Gesellschaftskritik. Der Film setzt eine ungeheure Bildmaschine – pic-ture machine - in Gang.

Zitiert werden Bilder aus dem Irak-Krieg ebenso wie der Stummfilmstar Louise Brooks (1906-1985), die 1929 als Lulu in George Wilhelm Pabsts Wedekind-Verfilmung Die Büchse der Pandora Aufsehen erregte. Brooks’ „Bubikopf“ prägte das Bild der Frau vor 1933. Am Eingang zu einem Szene-Club steht „Flesh“. Das Zitat ist beziehungsreich. Denn es geht wie in Andy Warhols gleichnamigen Film von 1968 um Fleisch, das der Film zu sehen verspricht.  – Schauen Sie sich den Film nicht an. Die Film-Gedärme und das Film-Blut könnten Sie schockieren. Der pornographische Inhalt sowieso.

WikiLeaks ist HPC. Nein, in diesem Kontext ist HPC nicht die Health Professional Card oder Hamburg Port Consulting. HPC steht hier für Hyper Political Correctness. Über der Political Correctness als Tagesgeschäft hat sich WikiLeaks spätestens seit der Veröffentlichung von Collateral Murder vor 14 Tagen mit der Aufforderung und dem Versprechen „Click here to make a secure submission“ als hyper politically correct etabliert.


Wer politisch hochbrisantes und geheimes Datenmaterial veröffentlichen will, der kann auf WikiLeaks dieses einreichen, ohne von den Geheimdiensten der Welt erkannt zu werden. Das macht die Internetseite hyper politically correct. Die HPC funktioniert als Verrat an der PC. Früher sprach man von Hochverrat. Heute geht es darum, die anonyme Quelle durch Chiffrierung vor den Geheimdiensten - FBI, KGB, BND, Mossad oder Chinas KeGeBo - zu schützen.


Collateral Murder ist weltweit wie eine Bombe in die Medien- und Nachrichtenlandschaft eingeschlagen. Ausschnitte des Videos wurden in den Nachrichtensendungen gezeigt und kommentiert. Die Presse schreibt und diskutiert darüber. YouTube hat das Video mit einer Altersbegrenzung von 18 Jahren  versehen.  Deshalb kann das Video hier nicht wie sonst direkt embedded werden. Was ist so schockierend an den Bildern? Was ist zu sehen?

 

Zunächst einmal geht es um eine fatale Verkennung. Die Kameras mit den langen Teleobjektiven der Pressefotografen werden als Waffen von der Huschrauberbesatzung per Zielkamera identifiziert. Die Verkennung ist ebenso fatal wie banal. Kameras sind heute mehr denn je in einem Krieg Waffen. Die wiederholte, paranoide Benennung und Identifizierung der anfangs lässig über der Schulter hängenden Kameras als Waffen führt zum Einsatz von 30 mm Geschützen.

Unter dem eingangs platzierten Still aus dem Video steht „Nice.“. Was ist an diesem Bild „nice“? Ohne Ton und dechiffriertem Funkgespräch zwischen dem Hubschrauberpiloten und seiner Leitstelle wäre kaum etwas zu erkennen auf dem Bild. Mehr noch als das Bild der Zielkamera ist der Funkkontakt zwischen dem Hubschrauberpiloten, der sieht und benennt an einem Ende, und der Leitstelle, die die Anweisungen gibt und nichts sieht am anderen Ende, entlarvend für das Wesen der Bilder.

 

„Nice.“ ist ein Skandal. Die lustvolle Äußerung „Nice.“ als Kommentar zum Bild, d.h. im Video ebenso der vorausgegangenen Tötung, übersteigt das Bild. Es macht das Bild sichtbar in einer Perversion. In einer endlosen Wiederholung des „Nice.“ würde sichtbar werden, wie sich der Schütze am Ergebnis seines Schusses delektiert. Sich an einem Bild  delektieren, sich an etwas gütlich zu tun, wirft ein grelles Licht auf die Praxis am Bild. Das Bild wird zum Fetisch. Mit anderen Worten: so porno-graphisch, wie es in diesem Video zugeht, kann gar kein „underground gay porn“ mit Film-Blut sein.

Mitchell hat in seiner Picture Theory von einem „pictorial turn“ gesprochen, was man eher unzureichend mit einer Bild-Wende übersetzen könnte. Seine Rede von einer Wende zur Macht der Bilder anstelle der Worte hat ihn zu einem der einflussreichsten Kulturtheoretiker gemacht. Dabei hat man allerdings vor allem im zweiten Teil des fünften und letzten Kapitels seiner Theorie – V. Pictures and the Public Sphere: … 13. From CNN to JFK - den Eindruck, dass er mehr über die Diskurse in der Öffentlichkeit als über Bilder schreibt.    

 

Es ist der Gebrauch der Bilder, der Mitchell davon sprechen lässt, dass die Bilder immer öffentlich und privat zugleich sind. Eine wichtige Rolle nehmen in seiner Analyse die Körper der getöteten Soldaten, die nicht mehr als Körper gezählt werden oder in „body bags“ zurückkehren, sondern von General Schwartzkopf mit dem Euphemismus „human remains pouches“, Beutel für menschliche Überreste bezeichnet wurden. Der Krieg ist immer einer um Körper und Sprache.

Mitchell hat als Bild für die Frage nach den Bildern in Oliver Stones JFK eine Vergrößerung aus einem Bildausschnitt abgedruckt, auf dem der Gerichtsmediziner seinen Zeigefinger in die Wunde der Leiche John F. Kennedys steckt. Der Umgang mit der Leiche des ermordeten Präsidenten in dem Spielfilm, der eine Dokumentarästhetik benutzte, wurde heftig diskutiert. Norman Mailer (1923 – 2007) nannte in Vanity Fair den Film einen der schlechtesten großen Filme, die jemals gemacht wurden. Das Eindringen des Zeigefingers in den toten Körper des Präsidenten, dürfte zu den skandalösesten Bildern des Films gehört haben, wird aber nach Mitchell erstaunlich wenig kommentiert.

 

Stattdessen wurden die narrative Ebene des Films und ihre Darstellung diskutiert. Wenn man vor allem von der Erzählung und ihrer bildlichen Umsetzung spricht, dann bleiben die Bilder unbesprochen. Das, was nicht artikuliert wird, was ungesagt bleibt über das Bild, könnte indessen der eigentliche Skandal des Bildes sein. Nämlich die Penetration der Leiche mit dem Zeigefinger.

Immerhin gelingt es Mitchell auf der narrativen Ebene heraus zu arbeiten, dass die öffentliche Sphäre von der privaten gezielt durchdrungen wird und umgekehrt. Es geht auch hier um „body politic“. Mitchell weist daraufhin, dass Jim Garrison unter Schock durch das Attentat auf Robert Kennedy, das er im Fernsehen miterlebt hat, nicht nur trotzdem, sondern gerade deshalb mit seiner Ehefrau Liebe mache. Mitchell sieht darin „overtones of necrophilia at the heart of the bourgeois marriage bed”. Mit anderen Worten: in die private Sphäre des bürgerlichen Ehebettes dringt durch das Fernsehen die öffentliche als Nekrophilie ein. Nekrophilie ist die Liebe zum bzw. mit dem toten Körper.   

 

Die Medienwissenschaftlerin und –künstlerin sowie Filmemacherin Claudia Reiche hat in ihrer Dissertation 2009, die der Redaktion vorab als Dokument vorliegt, exakt die Frage nach der Sichtbarkeit und dem medizinischem Wissen, das nicht zuletzt seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Kriegstechnologie verschaltet ist, „als digitale Szene“ untersucht. The Visible Human Project – ein medizinischer Bildkörper als digitale Szene und geschlechtlicher Raum lenkt das Interesse auf eine nekrophile Dimension im Umgang mit dem digitalen Bild vom menschlichen Körper:

Was vergessen werden soll, kehrt wieder – doch verändert. Der Auffangcontainer für die körperlichen Reste des Zerschnittenen bewahrt nicht nur den medialen Körper des Schnitts als schneidende Erkenntnisstruktur, sondern produziert bildlich nochmals ein eigenes ‚untotes’ Leben. Denn zu unterscheiden von den abfallenden, medialen Effekten des ‚historischen Einschnitts’ eines Zerschneiden eines Körpers sind die phantasmatischen Bilder des „zerstückelten Körpers“.    


Die Untoten der Bildmedien wie dem Film kehren als Zombies im Kino wieder. Otto im Film von Bruce LaBruce ist ein Zombie, weshalb die Website zum Film auch www.ottothezombie.de heißt. Die pics und die Geschmacklosigkeiten des Films Otto; or, up with dead people erweisen sich als eine Strategie, aktuelle Medienpraktiken aufzudecken. Wenn beim blutigen Skin-Zombie-Sex das Glied in die Film-Gedärme eindringt, dann ist das auch schon ein Zitat von JFK.

 

Die Rückseite der PC ist pic. Otto ist das Vexierbild der ganz alltäglichen Medienpraktiken, das als underground gay porn inkriminiert wird. All das, was in dem Armee-Video im Funkkontakt nahezu wörtlich gesagt wird und dennoch unsichtbar bleibt, wird in Otto Bild. Dafür muss man sich noch einmal die Bilder mit dem dechiffrierten Funkkontakt ansehen. Sie sind kaum auszuhalten.

Die Einsatzleitstelle ist der Regisseur des Videos. Die Regieanweisungen – Roger, go ahead. – von „Hotel Two-Six“ an „Crazyhorse One-Eight“ könnten tatsächlich O-Ton aus dem legendären Pariser Nightclub Crazy Horse sein. Sie sind – Fucking prick. – hoch sexualisiert. Die Tötung als Killerspiel und das befriedigende Bild der verstreuten Leichen – Nice. – funktionieren auch als kannibalischer Gruppensex wie im Filmprojekt Up with dead people, der Untergrundregisseurin Medea Yarn im Otto-Film. Dort gibt Medea Yarn per Megaphon die Regieanweisungen und hält uns das Medusenhaupt  der PC-Media - CNN, NTV, BBC, CCTV, ARD, ZDF etcetera etcetera - zum Schrecken hin. Sie legt indessen auch den Ariadne-Faden – Yarn – durch das Labyrinth der Pic-tures.

 

Sah sich W. J. T. Mitchell 1994 außerstande, eine Kulturkritik an CNN und Oliver Stones JFK durch Bilder zu formulieren, so darf mit Otto gesagt werden, dass Bilder - und nicht nur der Plot - sehr wohl Kritik an Medienpraktiken üben können. Das ist keine Utopie, aber subversiv.


Otto; or, up with dead people deckt einerseits die Hybridität der aktuellen Medienpraktiken auf und setzt sie ins Bild. Durch Bruce LaBruces  Bildstrategien wird es andererseits schwierig, das pornographische Material zum Fetisch zu machen. Wenn der Fetisch als Fetisch vorgeführt wird, verliert er auch sein Verführungspotential. Denn zum Wesen des Fetischismus gehört es, dort etwas zu erblicken, wo es (nicht) zu sehen ist.

 

Torsten Flüh

 


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