Die Künste der Verführung - Istanbul, Transgelinler am HAU2 und Secret Service Berlin in der Schwelle 7

Installation – Tanz - Vertrauen

 

Die Künste der Verführung

Istanbul, Transgelinler am HAU 2 und Secret Service Berlin in der Schwelle 7

 

Gleich zweimal habe ich mich gestern Abend verführen lassen.

Barbara Ehnes entführte mich mit ihrer „Begehbaren Installation“ im Igluzelt am Hebbel am Ufer, also dem Hebbel-Theater am Halleschen Ufer in die Welt der Transsexuellen im Istanbuler Stadtteil Tarlabasi. Burçin Korkmaz und Elçin Yaman gehören sozusagen als Transsexuelle zur Installation, was ich später näher erklären werde. Fotografieren darf man sie nicht, weil sie dann der Gefahr der Verfolgung in der Türkei ausgesetzt werden.

 

David Bloom hat mich später mit der Choreographie Secret Service von Felix Ruckert selbst zum Tanz verführt. Bloom ist zur Zeit der große Verführer der Berliner Tanz-Szene. Ruckert bezeichnet er als einen seiner Lehrmeister. Bloom verführt sein Publikum und seine Fans zu Grenzerfahrungen, wie schon vor knapp einem Jahr im Hopfenkeller der Kulturbrauerei. Jeder Tanzliebhaber wird schon einmal den Wunsch gehabt haben, selbst Akteur zu sein. Bloom erfüllt diesen Wunsch.

Die beiden Kunstereignisse sind sehr unterschiedlich. Und sie sind ein gutes Beispiel dafür, was in den sehr unterschiedlichen Kulturen von Istanbul und Berlin möglich bzw. nicht möglich ist. Wie viel Körperkontakt darf unter und zwischen den Geschlechtern stattfinden? Welche Rolle spielen geschlechtliche Verortungen?

 

Die Grenzen in Istanbul verlaufen knallhart. Einerseits ist Körperkontakt unter Männern auch in der Öffentlichkeit viel üblicher. Ständig küssen sich Männer auf die Wangen. Freunde gehen Hand in Hand durch die Straßen. Andererseits funktioniert das selbst in der 16-Millionen-Metropole und  Europäischen Kulturhauptstadt 2010 Istanbul nur so lange, wie nicht der Verdacht aufkommt, dass es sich um den Ausdruck sexueller Präferenzen handeln könnte. Sobald der Ruch der Homosexualität aufkommt, müssen die Liebenden damit rechnen, von Familienangehörigen und/oder Sittenwächtern ermordet zu werden.

Barbara Ehnes hat sich für die Grenzen, die Geschlechtergrenzen und Geschlechterrollen-Zuschreibungen genauer interessiert. Barbara Ehnes ist eine erfolgreiche Bühnenbildnerin. Zu ihren Spezialitäten gehört es, dass Böden sich zu Wänden aufrichten, an denen Schauspieler in der Vertikalen entlang laufen. Mit Istanbul, Transgelinler hat sie eine begehbare Installation geschaffen, die bei den Besuchern Emotionen freisetzt.

 

Das Hebbel am Ufer 2, kurz HAU 2, liegt direkt am Landwehrkanal und dem leider sehr viel befahrenen Halleschen Ufer. Das führt zwei Berliner Großstadteigentümlichkeiten zusammen: die Idylle des Kanals, an dem die Kastanien blühen, mit der U 1 darüber und eine brausende Hauptverkehrsader. Das soziale Umfeld ist eher rau, kann aber schon sehr schick werden. Jedenfalls macht die Großbeerenstraße gerade eine Wandlung zum Schicken durch.

Das HAU 2 hat schon mit Peter Stein und den Seinen große Berliner Theatergeschichte geschrieben. Und das heißt vor allem politische, sozial engagierte Theatergeschichte. Bevor die Schaubühne an den Kurfürstendamm und den Lehniner Platz zog, entwickelte sie am Halleschen Ufer in den 70er Jahren ihren berühmten Stil. Hier ließ sich der junge Bruno Ganz in der Inszenierung der Bakchen von Klaus Michael Grüber wiederholt von den Dionysos-Verehrerinnen zerfleischen. 

 

Kaum noch nachvollziehen lässt sich heute, wie radikal politisch das Theater der Schaubühne am Halleschen Ufer war. Es befand sich sozusagen im Auge des politischen Orkans. Einerseits formulierte sich hier das Theater neu, andererseits gingen die Neuerungen dem politischen Umsturz nicht weit genug. Die Schaubühne wurde als konterrevolutionär denunziert.

Mit Bob Wilson betrat hier 1979, also bereits gegen Ende der Schaubühnen-Zeit am Halleschen Ufer, ein anderer, großer Theatererneuerer nicht nur die Berliner Bühne, sondern Deutschlands überhaupt. Death, Destruction & Detroit präsentierte Wilson als Bühnenbildner, Regisseur etc. Insbesondere die Funktion des Bühnenbildes und des Lichtdesigns wurde von Wilson neu definiert. 

 

Das Programm des HAU mit seinen drei Spielstätten ist heute vor allem ein politisches aus allen Ecken der Welt, das von jungen Menschen gemacht wird. In diesen Kontext passt die Arbeit von Ehnes. Theater, insbesondere Tanztheater, ist nicht etwa der Versuch, Wirklichkeit auf der Bühne darzustellen, vielmehr wird es zu einem Ort sozialer Wirklichkeiten aus aller Herren Länder.


Die Instanbul-Aufführungen finden immer nur in kleinen Gruppen zu jeweils 12 Personen statt. Vor Beginn der Aufführung stellen sich Burçin und Elçin vor. Zwei Männer in Frauenkleidern mit Silikonbrüsten, langem Haar und sonstigen weiblichen Rundungen. Verführerisch schön. Sehr weiblich. Nicht mehr ganz jung.

 

Zur Begrüßung gießt Elçin Rosenwasser über die Hände der BesucherInnen. Dann sieht man in zweier Gruppen nacheinander die 6 Video-Portraits von Gül, Günes, Harika, Ketrin, Latoya, Melisa, Raşit, Sara, Sezen sowie Burçin und Elçin. Die Video-Portraits gehen unter die Haut.

Natürlich weiß man spätestens seit Lola und Billydikid (1998) von Kutlug Ataman, dass es in Berlin eine türkische Transsexuellen-Szene gibt. Billydikid treibt in dem Film als türkischer Macho seine Freundin Lola zum Selbstmord in der Spree, um sogleich mit dem nächsten hübschen türkischen Jungen anzubändeln und ihm die Frauenrolle zu zuschreiben. Billydikid ist also mit anderen Worten ein ziemlich gutaussehendes Arschloch, das sich selbstverständlich nicht als schwul ansieht.

 

Selbst Hardcore-Fiction wie Lola ist immer noch Fiktion. Die Video-Portraits der 6 Transsexuellen sind knallharte Realität. Realität am Rande der türkischen Gesellschaft. Die Marginalisierung der Transsexuellen, die ohne ärztliche Betreuung Hormontherapien an sich vornehmen, steht im totalen Widerspruch zu ihrer Attraktivität als Sexarbeiterin für „den“ türkischen Mann. Transsexuelle sind Super-Weiber wie aus der Werbung, die besser als Frauen wissen, was Männer wünschen.

 

In dem Maße wie die Transsexuellen als Super-Weiber begehrt werden, werden sie als geschlechtliche Monstren von und in der eigenen Familie verfolgt sowie von der Polizei in Istanbul terrorisiert, was allgemein bekannt ist und auf keinen Widerstand stößt.

Die Träume der Transsexuellen formulieren sich in der türkischen Gesellschaft als Sehnsucht nach der Rückkehr ins eigene Dorf und die dörfliche Familie oder als Sehnsucht nach dem Mann, der ihre große Liebe war. Sara ist mit ihrem Rambofreund, der sich am Maschinengewehr in Szene setzt, glücklich. In ein paar Jahren will Burçin wieder zurück in sein Dorf. Dann werden die Haare einfach abgeschnitten und das Silikon aus der Männerbrust entfernt, sagt Burçin.  

 

Durch die Video-Portraits wird klar, dass es nicht in erster Linie die sexuelle Orientierung ist, die sich als problematisch erweist, sondern der erzwungene Geschlechter-Rollentausch in einer zutiefst homoerotischen Gesellschaft, die umso härtere Grenzen zieht. Vulgär wie in Lola formuliert: ein Mann darf niemals Loch sein, sonst muss er sein Geschlecht wechseln.

Am anderen Ende von Geschlecht- und Körperlichkeit lässt sich in Berlin David Blooms Secret Service Berlin vorstellen. So wie Blooms Tanz-Arbeiten niemals ins Vulgäre abgleiten, ermöglichen sie intensive Grenzerfahrungen, in denen die Geschlechtergrenzen sich auflösen, hybrid werden.

 

In der Uferstraße am Gesundbrunnen liegt der, sagen wir, Club Schwelle 7, den Felix Ruckert betreibt. Diese Räumlichkeiten hat sich Bloom für seine Performance ausgesucht.

Secret Service is an interactive dance performance. Its succeeding depends on mutual trust,

heißt es ebenso vielversprechend wie herausfordernd auf dem Handzettel zur Performance.

 

Voraussetzung und Herausforderung ist Vertrauen. Fragen Sie mal einen Transsexuellen aus Tarlabaşi, z.B. Burçin, wem sie vertraut, und sie werden sofort verstehen, wie weitreichend die Frage des Vertrauens für eine Kultur ist.

 

Im Vorraum in der Uferstraße sitzen vor allem junge Menschen unter 40, die auf die eine oder andere Weise mit der Tanzszene zu tun haben, denke ich mir. Es ist der zweite von zwei Abenden, an dem die TänzerInnen um David Bloom Secret Service aufführen. Als Besucher bekommt man aber nichts zu sehen. Denn jedem einzelnen Besucher werden die Augen so verbunden, dass er/sie absolut nichts sehen kann. - Und dann ein Feuerwerk!

 

Ich habe mit dem übrigen Publikum nicht gesprochen. Vorher saßen wir alle mit nackten Füßen auf den Stühlen und Sofas und warteten auf unseren „Auftritt“. Danach verließen viele wortlos den Ort der Handlung – offenbar tief bewegt. Als mein „Auftritt“ vorüber war, war es so spät geworden, dass ich gehen musste. Nicht ohne der Assistentin am Kartentisch zugeraunt zu haben: Please, tell David it has been a realy great experience. Thank you.

Es war ein Feuerwerk an sinnlichen Eindrücken, sich mit verbundenen Augen von Tänzern und Tänzerinnen führen zu lassen. Tanz als eigene Körper-Erfahrung. Tänzer und Tänzerinnen haben mich durch den Raum geführt, teilweise in atemberaubender Geschwindigkeit. Sie haben mich berührt und ich habe mich an den mädchenhaften Schultern und den männlichen Armen durch den Raum führen lassen. Die Rollenverteilung ist klar, wenn einem die Augen verbunden sind. Und doch haben wir durch die Hände am ausgestreckten Arm auf der Brust auch Kräfte gemessen.

 

3. You are not obliged to remain passive. You can interact with the dancers in a playful, sensitive way. If you wish to interrupt the process, you can do so any time by asking to stop.

Nein, ich habe nicht gefragt oder gebeten aufzuhören. Vielmehr hätte ich endlos in der interaktiven Tanzperformance weitertanzen wollen. Mit verbundenen Augen konnte ich nicht so aktiv sein, um andere Körper zu heben. Ich musste mich schon heben lassen. Unmöglich mit verbundenen Augen eine Richtung bestimmen zu wollen, aber die Geschwindigkeit austesten, das ja. Ich fühlte mich mutiger und mutiger mit meinen PartnerInnen die Geschwindigkeit zu erhöhen. Das nennt man Interaktivität.

 

Ich hätte den Level 1 wiederholen können und mögen. Ich hätte den Level 2 ausprobieren wollen. Doch irgendwie war mir auch klar, als ich mit meinen verbundenen Augen wieder in den Vorraum geführt worden war und die Augenbinde abgenommen bekam, dass ich etwas ganz Besonderes, ungeheuer Intensives erlebt hatte, das man nicht wiederholen kann. Schon jetzt war es für mich eine der intensivsten Tanz-Erfahrungen, die ich je in meinem Leben hatte.

Das Schlüsselwort war Vertrauen – trust. Es gibt Vertrauen. Und es ist ein unglaubliches Glück, in einer Stadt – Berlin - zu leben, in der man ein derartiges Vertrauen praktizieren kann. Das Vertrauen ermöglicht Grenzerfahrungen und es macht Geschlechtergrenzen porös. Es war für die Performance völlig unerheblich, ob man Mann oder Frau, hetero-, bi- oder homosexuell ist.  

 

Am Freitag werde ich Burçin Korkmaz und Elçin Yaman sowie ihrem Dolmetscher Berlin zeigen, weil Burçin noch Wien schöner als Berlin findet. Vielleicht werden wir zum Heiligen See nach Potsdam hinausfahren oder einfach nur an Weddings Riviera, dem Plötzensee, wo man auch textillos schwimmen kann. Und ich werde ihnen von Secret Service erzählen. Denn abgesehen von den Schlössern und Museen und Gärten, der Havel und der Spree liegt die Schönheit einer Stadt darin, welches Maß an Vertrauen man ausprobieren kann.

4. As any session is created individually according to your reactions, you are free to repeat Level 1.

Das stimmt. Aber wiederholen muss man es nicht unbedingt wollen.

 

Torsten Flüh          

 

Istanbul, Transgelinler

Begehbare Installation

www.hebbel-am-ufer.de

Hallesches Ufer 32 Ecke Großbeerenstraße

T. 030-25900427

Aufführungen/Begehungen

06.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 20.15 / 21.00 UHR / HAU2
07.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 20.15 / 21.00 UHR / HAU2
08.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 21.30 / 22.15 UHR / HAU2
09.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 20.15 / 21.00 UHR / HAU2
11.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 UHR / HAU2
12.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 20.15 UHR / HAU2
13.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 21.30 / 22.15 UHR / HAU2
14.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 21.30 / 22.15 UHR / HAU2
15.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 21.15 UHR / HAU2

16.05.2010 / 18.00 / 18.45 / 19.30 / 21.30 / 22.15 UHR / HAU2

 


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Categories: Tanz | Theater

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