Hörbilder zeigen - Karin Sanders Zeigen. Audiotour durch Berlin

Hören – Sehen – Zeigen

 

Hörbilder zeigen 

Karin Sanders Audiotour durch Berlin in der Temporären Kunsthalle Berlin

 

Es ist so gut wie gar nichts in dieser Ausstellung der Temporären Kunsthalle Berlin zu sehen. Lassen Sie sich nicht täuschen. Sie werden nichts an Kunst sehen außer ein sehr schmales, weiß durchbrochenes Band in Schwarz an der Wand. Es wird kein Ah-das-kenn-ich-doch und kein Oh-wie-schön geben, wenn Sie die aktuelle Kunstausstellung besuchen.

Die jungen Frauen an der Audioguide-Ausgabe hatten heute Nachmittag ihre liebe Mühe, nicht zuletzt älteren Besuchern zu erklären, dass diesmal der schon fast unvermeidliche Audioguide nichts Zusätzliches zur Ausstellung ist, sondern die Hauptsache. Geht man heutzutage in ein halbwegs respektables Museum irgendwo auf der Welt, wird man in der Regel sofort an die Leine des Audioguides gelegt. Nix mehr mit selber sehen, erklärt werden muss! Das kann bisweilen hilfreich sein. Bisweilen ist das didaktisch Erklärte blöde und im aller schlimmsten Fall sieht man etwas nicht, was man ohne Leinenzwang gesehen hätte.

 

Wow! Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin, das verspricht nie geahnte Einblicke. Die Konzeptkünstlerin Karin Sander hat 566 in Berlin lebende und arbeitende Künstlerinnen und Künstler eingeladen, einen ca. 2-minütigen akustischen Beitrag zum Thema „Zeigen“ zur Ausstellung beizutragen. Sander begründet auf dem Handout zur Ausstellung ihr Konzept damit, dass „die spezifisch menschliche Fähigkeit des Zeigens sowohl für uns Künstler als auch für die Kuratoren von zentraler Bedeutung ist“. Was wird also gezeigt, wenn es ums Hören geht?

Das ältere Ehepaar, das am Informationspult vor mir von den jungen Frauen informiert wurde, hatte vermutlich eine ganz bestimmte Vorstellung von einer „Audiotour durch Berlin“, die auch noch „Zeigen“ heißt. Irgendwie wird da schon etwas gezeigt werden. Allerdings birgt das Konzept eine Fußangel. Haben Sie Künstler schon einmal gefragt, was sie zeigen wollen? Und was denken Sie, wird dabei herauskommen, wenn Sie 566 Künstler und Künstlerinnen um einen Beitrag zu einem Thema bitten? Künstler haben eine Position - und manchmal auch mehrere.

Was fiel mir also ein, als mir die Einladung zur Ausstellungseröffnung in die Mailbox flatterte? Mir fiel gar nichts Künstlerisches ein. Vielmehr erinnerte ich mich, dass ich sozusagen als Versuchsperson einen Sound Walk mit dem Forschungsteam von Frau Prof. Dr. Schulte-Fortkamp von der Technischen Universität Berlin und der DEGA, der Deutschen Gesellschaft für Akustik, mitgemacht hatte. Es ging um die Klanggestaltung des Nauener Platzes im Wedding. Er liegt an der Kreuzung zweier vielbefahrener Straßen, der Schulstraße und der Reinickendorfer Straße, die hier als Bundesstraße 96 entlang führt.

 

Welche Geräusche der Großstadt Berlin machen krank und welche nicht? Durch das Team von Prof. Dr. Schulte-Fortkamp habe ich viel über die Lärmsituation in Berlin erfahren. Es wird mit dem Umweltbundesamt an Umgebungslärmrichtlinien und einer Lärmkartierung in Deutschland gearbeitet. Denn obwohl der 16. April seit 12 Jahren der „Tag gegen Lärm“ ist und als „International Noise Awareness Day“ begangen wird, ist er eher unbekannt.

 

Grob gesagt, macht vor allem der Lärm krank, der nicht gehört wird. Das ist paradox, kann aber nach meiner Kenntnis als Richtlinie in der Lärmforschung gelten. Besonders niedrige Frequenzen, die nicht gehört werden, sind am schädlichsten. Sie entstehen insbesondere durch Verkehrslärm. Nicht das, was man hört ist gesundheitsgefährdend, sondern das, was man nicht hört.

In der Audiotour durch Berlin kam bei den 20 Künstlerinnen und Künstlern, die ich gehört habe, das Thema Lärm nicht vor. Ob das nun ein repräsentatives Ergebnis bei 566 Künstlern ist, wage ich nicht zu sagen. Mit Lärm könnte man auch etwas zeigen.

 

Wen habe ich gehört? Gehen wir der alphabetischen Reihenfolge nach, wie es das Konzept vorgibt: Elvira Bach, Florian Bach, Norbert Bisky, Kristleifur Björnsson, Hartmut Böhme, Eva Castringius, Helen Cho, Eva & Adele, Tao Furukato, Karl Holmquist, Patrick Huber, Ilona Kalnóky, Ute Lindner, Jonathan Meese, raumtaktik, Yorgos Sapountzis, Eva-Maria Schön, Catriona Shaw, Haegue Yang, Ralf Ziervogel.

 

Die Mischung aus sehr bekannten Künstlern und weniger bekannten entspricht durchaus dem Verhältnis unter den 566. Das Hören ist gefordert. Das Hinhören und das Zuhören entfachen ein wahres, akustisches Feuerwerk an Hörerlebnissen. Das wäre ein Ergebnis dieser Ausstellung. Was sieht man, wenn man hört? Sieht man überhaupt etwas und wenn ja, wie stellt sich das Sehen dann ein? Was heißt zeigen?

Selbst bei 20 Höreindrücken fällt es nicht leicht, das Gehörte einzeln in Worte zu fassen. Elvira Bach bietet eine jazzige Hörperformance. Florian Bach inszeniert einen Beitrag mit dem Titel Der Apparat. Was kann man hören? Eine Tür oder ähnliches wird zugeschlagen. Etwas wird auf dem Boden geworfen. Man weiß nicht was. Vielleicht wird etwas ausgestanzt? Oder an einen Heftapparat könnte man denken.

 

Norbert Bisky bietet ein komplexes Hörerlebnis mit dem Titel Alaska Judith, 2006 an. Fahrgeräusche. Vielleicht ein Zug. Ein Ansagesignal. Vielleicht ein Aufzug? Eine Tür schließt oder öffnet sich. Dann Schritte. Mädchenstimmen. Ein Motorflugzeug. Die Gruppe der Stimmen wird größer. Ein Ball fällt auf den Boden. Es könnte ein Schulhof sein. Zu den Mädchenstimmen kommen Jungen- und  Männerstimmen. Das Signal ertönt wieder und die Stimmen entfernen sich.

 

Kristleifur Björnsson hat eine Klanginstallation aus verfremdeten Tönen, Sprache und Musik zusammengestellt, die er sawing lingerie nennt. Der Berliner Kulturtheoretiker Hartmut Böhme liest den Text Geometrika des Schriftstellers Albrecht Fabri (1911 – 1998) von 1990 über die Wirkung von Horizontale und Vertikale. Es ist ein Kabinettstückchen. Eva Castringius’ Back to the Future erinnert mit amerikanischen Rundfunkstimmen an den Zukunftsglauben der NASA. Helen Cho nennt ihren Beitrag Fortune und liest einen Text mit einer sehr leisen Stimme wie im Schlaf.

Das Künstlerpaar Eva & Adele „kommt aus der Zukunft“, wie sie in ihrem Beitrag als künstlerisches Statement sagen. Sie sind ein lebendes Kunstwerk und spielen mit Geschlechtsidentitäten, weshalb sie mit Glatze und stark geschminkt in selbstentworfenen Kleidern auftreten. Durch den Hörbeitrag stellt sich nun allerdings das Erlebnis einer Frauenstimme und einer Männerstimme ein. Das, was visuell als Geschlechtsidentität aufgelöst wird, wird akustisch unterlaufen. Der Hörbeitrag zeigt etwas anderes als das, was visuell gezeigt wird.

 

Tao Furukato bietet einen minimalistischen Höreindruck mit The 2 Minute Miracle, der darin besteht, dass man das Wunder nicht einfach hören kann. Insofern zeigt Tao Furukato auch etwas, was man nicht zeigen kann. Das Wunder geschieht im Zuhörer selbst. 

 

Karl Holmquist hat in Atomic eine lautmalerische Sprachakrobatik inszeniert. Patrick Huber lässt eine wellness-musikalisch untermalte Frauenstimme über das Füsseln sprechen, womit er sich in minimalistischen Füsselzeichnungen bereits visuell auseinandergesetzt hat. Füsseln handelt vom erotischen Kommunizieren mit Füssen.

Ilona Kalnóky gibt ein poetisches Statement über ihre Kunst. Auch bei ihr ist schwierig zu sagen, ob sie etwas zeigt, weil ihre Kunst besonders im Schaffensprozess besteht. Wenn sie Gips gegen die Wand wirft, dann wird mit dem Wurfrelief eben nicht etwas Bestimmtes gezeigt, sondern das, was gewesen ist, das, was stattgefunden hat. Somit ist das Gezeigte der Rest eines Vorgangs, das, was übrig bleibt. Der Wurf/Erinnerung von Ilona Kalnóky formuliert mit dem Schrägstrich von rechts oben nach links unten eben auch eine Trennung und Unmöglichkeit des Zeigens. Der Wurf zielt auf die Wand und nicht auf das Zeigen.

 

Ute Lindner bietet mit Take the long look einen theoretischen Text über das Blicken. Jonathan Meese hat mit Vampir Mädchen Scarlettierbelege einen nicht nur akustisch überdrehten Hörbeitrag geschaffen. Durch das überschnelle Abspielen eines Tonbandes wird die Stimme bekanntlich so sehr verfremdet und in die Höhe getrieben, dass man weder verstehen kann, was gesagt wird, noch welches Geschlecht die Stimme hat. Da nun am Abend der Eröffnung durch die anwesenden Gäste auch noch ein beträchtlicher Geräuschpegel herrschte, war es kaum möglich, irgendetwas zu verstehen.

 

raumtaktik, von Borries/Böttger irritieren mit einem akustischen Raumerlebnis, das sich schwer einordnen lässt. Erst wenn man den merkwürdigen Titel auf dem Touchscreen des Audioguides liest - Schlüpferstadt Chemnitz -, könnte man sich vorstellen, in einer sehr ruhigen Fußgängerzone zu hören.     

Yorgos Sapountzis hat mit a o/alpha and omega eine Geräuschinstallation geschaffen, die vor oder nach dem verständigen Hören angesiedelt ist. Eva-Maria Schön erinnert mit ihren 3 Bilder(n) daran, wie schwierig es ist, in Worte zu fassen, was man auf Bildern sieht. Selbst wenn man die Maße und z.B. „Bienen“ hört, kann man sich zwar Bienen vorstellen, sie werden als Wort gezeigt, aber wie es dann aussieht, ist noch etwas ganz Anderes. Ein Bild entsteht erst durch die Syntax.

 

Catriona Shaw singt uns im Hospital Architect Drawing ein Lied, das sie schon vor längerer Zeit folksongartig geschrieben hat. Haegue Yang hat mit Heat in work, 2009 eine sehr kluge Klanginstallation geschaffen. Man kann ganz am Anfang eine Stichflamme hören und dann ca. eine Minute und 58 Sekunden nichts mehr. Hat er uns nun die Stichflamme gezeigt? Würde man eine Stichflamme hören, wenn man den Titel nicht gelesen hätte?

 

Das Ausstellungsalphabet endet mit Christof Zwiener, den ich nicht gehört habe. Ob der Fülle der Hörbeiträge dachte ich daran, ob man auf RBB Kulturradio nicht über 566 Tage jeweils einen dieser Beiträge senden sollte, denn hörenswert sind sie allemal.

 

Ralf Ziervogel hat ein Minihörspiel mit Witz geschaffen. Es heißt Mit der Bahn zur Arbeit und stammt bereits von 2005. Mit einer Rhythmusmaschine untermalt wird die Formulierung "Mit der Bahn zur Arbeit" mehrfach wiederholt. Schon sieht man, einen Berliner morgens mit der Bahn zur Arbeit fahren. Dann hört man jedoch ein Modem, das sich in die Datenautobahn einwählt.

Vielleicht sollte RBB Kulturradio die Ausstellung wirklich in seinem Programm senden. Denn eine Audiotour durch Berlin ist die Ausstellung nur insofern geworden, als man Künstler von überall aus Berlin hört, die Berlin aber nicht zeigen.

 

Torsten Flüh

 

Zeigen. Eine Audiotour durch Berlin

von Karin Sander

noch bis 10. Januar 2010

 

Temporäre Kunsthalle Berlin

Schlossplatz

10178 Berlin