Survival - Überleben - Homi K. Bhabhas Hegel-Lecture in der Freien Universität Berlin

Postcolonialism – Sichtbarkeit - Überleben

 

Survival - Überleben

Homi K. Bhabhas Hegel-Lecture in der Freien Universität Berlin

 

Die Hegel-Lecture an der Freien Universität Berlin wird vom Dahlem Humanities Center als Höhepunkt seiner nach außen gerichteten Arbeit einmal jährlich veranstaltet. Sie ist ein akademisches und bildungspolitisches Ereignis, das eines „der sichtbarsten kulturellen Ereignisse in der Stadt Berlin“ (DHC) werden soll. Zieht man diese Programmatik in Betracht für die Auswahl der ersten drei prominenten Vortragsredner - André Glucksmann (Paris), Judith Butler (Berkeley), Homi K. Bhabha (Harvard) -, dann kommt das Programm einer wissenschaftlichen Zeitenwende gleich. 

Berlin stand Kopf, um in die Hegel-Lecture von Homi K. Bhabha zu kommen. Bereits Wochen vorher wurden Alumni in das Max-Kade-Auditorium des Henry-Ford-Baus der Freien Universität eingeladen und um Anmeldung bis zum Stichtag gebeten. Der Dahlem Humanities Center ließ Anmeldungen bis zum 21. Januar zu. Dann war Schluß. Die Jüdische Gemeinde Berlins kündigte die Vorlesung auf ihrer Website an. Und der Queer-o-mat vom Bloggeramt riet, auch ohne Einladung trotzdem zu versuchen, in die Veranstaltung zu kommen. Die Spannbreite von der Jüdischen Gemeinde bis zum Queer-o-mat ist keine zufällige. Als höchst einflussreicher Vertreter des Postcolonialism knüpft Bhabha an die Diskurse von Jacques Lacan, Michel Foucault und Jacques Derrida an.

 

Zugegeben ist es einmal ganz schön, wenn Berlin kopfsteht und nicht nur an Mode, vereiste Autos und Fahrräder oder Hertha BSC auf dem letzten Tabellenplatz der Bundesliga denkt. Mit Homi K. Bhabha hielt diesmal der wohl einflussreichste, lebende Vertreter des Poststrukturalismus in der Weiterentwicklung des Postcolonialism die hochdotierte Vorlesung. Postcolonialism stellt die Fragen nach Identität, Kultur und Ort anders. Bereits 1994 hat Bhabha formuliert, dass „postcolonial critique“ sich „otherwise than modernity“ mit der Kritik am Norden und dem Süden, Stadt und Land befasst. (The Location of Culture)

Bhabha spricht nicht belehrend von Dekonstruktion, vielmehr betreibt er sie in der ihm eigenen und fremden Sprache des Englischen. Die Fremdheit der Sprache ist ein wesentlicher Zug in Bhabhas Schreiben. Er hat die Formulierung an einer Lektüre von Walter Benjamins Die Aufgabe des Übersetzers (1921) entwickelt.

 

Und: als in die hybride Kultur Bombays geborenem Inder parsischer Herkunft ist ihm Englisch sowohl die Sprache, in der er sich ausdrückt - artikuliert -, als auch jene, die ihn sozusagen kolonialisiert hat. Mumbai ist nicht mehr das Bombay, in dem er als Parse unter Hindus, Moslems, Juden und Christen aufgewachsen ist, worauf er 2003 zuletzt im Vorwort zur Ausgabe von The Location of Culture in Routeledge Classics hingewiesen hat.

Während noch vor gar nicht allzu langer Zeit, sagen wir in den Neunzigern, in den deutschen Humanwissenschaften, wenn man einmal das englische Humanities nicht gleich mit Geisteswissenschaften übersetzen will, der Poststrukturalismus teilweise erbittert bekämpft wurde, gilt er nun als richtungweisend. Wollen die deutschen „Humanities“ mit den vorherrschenden Diskursen in Harvard Schritt halten, empfiehlt es sich nun, beispielsweise den Harvard-Professor Homi K. Bhabha, der das dortige Center of Humanities leitet, einzuladen.

 

Insofern stand Berlin wirklich einmal Kopf. Die Internationalisierung der Wissenschaft, insbesondere der lange Zeit fast wie in einem Reservat gehaltenen deutschen Geisteswissenschaften, führt heute die großen Namen der amerikanischen Universitäten in spektakuläre Vorlesungen. Man kann sich nicht mehr Dahlem Humanities Center nennen, ohne sich den Ansprüchen Harvards anzunähern. Die Begrüßung zwischen den Mitgliedern des DHC und Homi K. Bhabha fiel denn auch äußerst herzlich aus.

In den 60er und 70er Jahren begann die Reisetätigkeit der Pariser „Meisterdenker“ Jacques Lacan, Michel Foucault, Roland Barthes, Jacques Derrida u. a. an die amerikanischen Eliteuniversitäten. Das durchaus schwierige Prädikat des Meisterdenkers hat sich im Zeitalter der Starkultur zum Stardenker gewandelt. Nun gibt es die ersten Anzeichen dafür, dass die mittlerweile global reisenden Stardenker – Bhabha war bereits zweimal „faculty advisor“ beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos - aus Harvard und Berkeley zu regelmäßigeren Gästen an deutschen Universitäten und humanwissenschaftlichen Zentren einkehren. Dazu zählen in Berlin nicht zuletzt das Dahlem Humanities Center (DHC) und das Zentrum für Literatur- und Kulturwissenschaft (ZfL).        

Homi K. Bhabhas Vortrag hatte den Titel: Our Neighors, Ourselves: Contemporary Reflections on Survival. Wie mir die Frau an der Kamera versichterte, wird der Vortrag in den nächsten Tagen als Videoaufnahme in bester Qualität auf der Seite der Hegel-Lecture zur Verfügung stehen, wie es bereits für die Veranstaltung im letzten Jahr mit Judith Butler der Fall ist. Sie hielt ihren Vortrag zum Thema Frames of War. Diese Form der Medialisierung gehört heute entschieden zum Sichtbarwerden von Wissenschaft.

 

Es ist nun ein enormer Vorteil die Vorlesungen von Judith Butler und vor allem Homi K. Bhabha nicht nur als Text lesen, sondern im Internet jederzeit auch hören und sehen zu können. Insbesondere Homi K. Bhabhas anspielungsreiches und wortspielerisches Philosophieren profitiert von einer Medialisierung, die dem Performativen seiner Texte Raum gibt. Bhabhas Vortragskunst hat einen hohen gestischen Anteil. Vergleichbares kennt man von deutschen Professoren kaum.  

Doch das Performative ist nicht nur im Vortrag ausgeprägt, vielmehr ist es ein eigener Zug seines Denkens. Aus Sigmund Freuds Begriff des Unheimlichen macht Bhabha im Englischen kein uncanny. Vielmehr entwickelt er daraus ein programmatisches Unhomely, was keinesfalls einfach mit unwohnlich zu übersetzen ist. Unhomely wird bei Bhabha zu einer Formulierung für die Wiederkehr des Verdrängten oder Unbewussten, das das Heim unheimlich macht. Unhomeliness wird für Bhabha mit seiner nicht weniger anspielungsreichen und widersprüchlichen Rede vom vernacular cosmopolitanism seit 2003 geradewegs zur Forderung an das Zeitalter der Globalisierung. Das Weltbürgertum muss für ihn daheim beginnen.

 

Insbesondere am Beispiel der Rede über den Kosmopolitismus, dem Weltbürgertum, wird Bhabhas Verfahren deutlich. Er knüpft dabei ausgerechnet an Johann Wolfgang Goethes Anmerkungen zu einer Weltliteratur an. Während Goethe allerdings seine Rede von der Weltliteratur, eine universale Literatur hervorbringen sollte, spürt Bhabha in ihr die Formulierungen auf, mit denen Goethe nahelegt, dass eine nationale Sprache schon immer von anderen Sprachen durchdrungen ist. In Goethes Weltliteratur kündigt sich somit durch Bhabha eine Pluralität von Sprachen oder auch eine Hybridität der Kultur an.    

Neuerdings hat sich, wie man an den Vorlesungen von Butler und Bhabha hören kann, eine nicht nur zufällige Verschiebung im Diskurs ereignet. Das Überleben (Survival) hat in beiden Vorlesungen einen fast leitmotivischen Stellenwert bekommen. Im Überleben steckt der Kampf ums Überleben als eine ungesicherte, prekäre Form der Existenz. Während Lebensentwürfe von Sicherheiten und gesicherten Existenzformen ausgehen, ging es bei Judith Butler bereits ums Überleben in prekären Existenzen an den Rändern der Kriege. Mit seinen Contemporary Reflections on Survival knüpft Bhabha mehr oder weniger an das jüngste Leitmotiv an.

 

Bhabhas schon 1994 in The Location of Culture, das 2000 mit Die Verortung der Kultur ins Deutsche übersetzt wurde, aufgenommene Rede vom Überleben gewinnt 2010 weiter an Schärfe. In seiner Hegel-Lecture legte Homi K. Bhabha vor allem wert auf die ethische Dimension des „in-between“. The Location of Culture knüpfte 1994 an die Fatwa Chomenis (1989) gegen Salman Rushdies Satanische Verse (1988) an.

If hybridity is heresy, then to blaspheme is to dream. To dream not of the past or present, not the continuous present; it is not the nostalgic dream of tradition, nor the Utopian dream of modern progress; it is the dream of translation as 'survival' as Derrida translates the 'time' of Benjamin's concept of the afterlife of translation, as sur-vivre, the act of living on boderlines. Rushdie translates this into the migrant's dream of survival: ...

(The Location of Culture, p. 324)

Sein Denken der Recognition wurde auf vielfältige Weise durchgearbeitet und entwickelt. Denn recognition hat im Englischen eine Bedeutungsvielfalt von Anerkennung, Bestätigung, Erkennen, Kennung, Wiedererkennung und Zeichenerkennung. Nicht zuletzt hakte Bhabha mit seinem Vortrag in die Diskussion um die staatliche Anerkennung der Immigranten aus Mexico in den US ein, was einen wichtigen Zug vorführte. Er bezieht sich immer auch auf gegenwärtige - contemporary - Ereignisse, Diskussionen. Recognition berück-sichtigt nichtsdestoweniger das Erkennen in der Aufklärung als ein wichtiges Problem.

 

Eine weitere auffällige Formulierung in seinem Vortrag war die Rede von einer „paradoxical community“. In dem Maße wie Bhabha seine Formulierungen in der Vorlesung gestisch, mimisch und durch ein ganzes Repertoire an stimmlichen Modulationen entwickelt, wird es schwierig, den Vortrag auf eine Aussage hin zu zentrieren, was durchaus beabsichtigt ist. Deshalb wird es hier auch gar nicht erst versucht. Die Frage nach der Aussage hat Bhabha strategisch in Richtung der Artikulation - enunciation - verschoben - shift.

Dass Bhabha bisher ins Deutsche nur mit Die Verortung der Kultur übersetzt worden ist, liegt nicht zuletzt daran, dass sich seine Formulierungslust im Englischen nur schwer ins Deutsche übersetzen lässt. Dabei spielen Walter Benjamin, Hanna Arendt, Goethe, Hegel, Heidegger eine prominente Rolle in seinem Denken. Bhabha knüpft insbesondere an die Formulierungen Walter Benjamins an. Im Titel der Vorlesung wird das nicht zuletzt höchst anspielungsreich mit dem Contemporary vorgeführt: Contemporary Reflections on Survival. Contemporary knüpft an Walter Benjamins Nu an:

The undecidability from which Walcott builds his narrative opens up his poem to the historical 'present' which Walter Benjamin describes as a 'present which is not a transition, but in which time stands still and has come to stop'.
(Theses on the philosophy of history(1969)/Über den Begriff der Geschichte (1942) - Benjamin, The Location of Culture p. 334)

 

Bhabhas post-colonialism ist Literaturtheorie und Literaturwissenschaft. Er ist literarisch ebenso wie er mit Literatur arbeitet. Post-colonialism ist Philosophieren, das sich allererst in der Art und Weise seiner sprachlichen Artikulation entwickelt, wobei die Entwicklung eben kein zitierbares Ergebnis bietet, sondern die Entwicklung als Performanz vorführt. Glaubte man, man hätte ein Ergebnis, müsste man sich eingestehen, dass die Vielfältigkeit der Anspielungen unterschlagen wird. Bhabha trifft keine Aussagen über das In-between, vielmehr führt er das Zwischen vor. Denn ob das Zwischending schon ein Ding wäre, wie man In-between übersetzen könnte, das wäre gerade die Frage. Was In-between für Bhabha heißt, gibt sich nur in der Performanz zu sehen, hören und lesen.

Auf dem Bahnsteig der U-Bahnstation Thielplatz standen die HörerInnen der Vorlesung vereinzelt mit einem Glas Rot- oder Weißwein in der Hand und manch ein älterer Hörer wollte doch nun endlich zu fassen kriegen, was Homi K. Bhabha gesagt hatte.

 

Torsten Flüh

 

PS: 2011 ist bei De Gruyter die Hegel-Lecture von Homi K. Bhabha auch online mit Open Access erschienen: Bhabha, Homi K.: Our Neighbours, Ourselves. Contemporary Reflections on Survival. Berlin/New York 2011.

  


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Categories: Medien Wissenschaft

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