Die politische Krux mit der Sicherheit - Homi K. Bhabhas ZfL-Inauguralvorlesung "On Culture and Security"

Sicherheit – Literatur – Kultur 

 

Die politische Krux mit der Sicherheit 

Homi K. Bhabhas ZfL-Inaugural Lecture „On Culture and Security“ in der Akademie der Künste 

 

Abdel Fattah al-Sisi zeigt sich am Mittwochabend gegen 18:30 Uhr kurz an einem Fenster seiner Suite im Hotel Adlon. Eine überschaubare Schar von vielleicht 50 al-Sisi-Anhängern, die Fahne Ägyptens schwenkend, bricht hinter Polizeiabsperrungen auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor dem Starbucks Coffee Shop in Jubelrufe aus. Der Pariser Platz hinter dem Brandenburger Tor ist abgesperrt. Die Akademie der Künste, wo Homi K. Bhabha seine Antrittsrede als Ehrenmitglied des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) On Culture and Security halten soll, ist durch die Sicherheitsvorkehrungen für den umstrittenen ägyptischen Präsidenten und ein Event-Zelt für das UEFA-Champions-League-Finale am Samstag weiträumig abgesperrt.

Homi K. Bhabha sieht sich zu gleicher Zeit mit der Direktorin des ZfL, Sigrid Weigel, die technischen Möglichkeiten für seinen Vortrag im Plenarsaal der Akademie der Künste an. Das Haus der Akademie am Pariser Platz ist eigentlich geschlossen. Denn es muss saniert werden. Der Kopf des Akademiegründers unter Allongeperücke, Kurfürst Friedrich III., der bislang jeder Rednerin am Pult davor über die Schulter schaute, ist abmontiert. Homi K. Bhabha ist einer der herausragenden Literatur- und Kulturtheoretiker und Leiter des Mahindra Humanities Center an der Harvard University, Ehrendoktor des Fachbereichs Philosophie und Humanities der Freien Universität und seit Anfang 2015 Honorary Member des ZfL. Wenn er On Culture and Security spricht, dann eröffnet er die Frage nach der Sicherheit mit der Literatur und erwähnt neben Toni Morrison auch James Baldwin, für die in den USA keine Sicherheit gegolten habe. 

Homi K. Bhabha gehört zu den einflussreichsten Literatur- und Kulturtheoretikern der letzten 25 Jahre, um es einmal so zu formulieren. Seit The Location of Culture (1994), auch schon The Commitment to Theory (1988) schreibt er über Literatur und Film mit den Fragen der Ursprünglichkeit und des Ursprungs, die sich in unterschiedliche Bereiche der Kultur und Literatur auffächern lassen. 2012 entfaltete er The Global Humanities als eine endlose Arbeit der Sprache und an  der Sprache in der Freien Universität. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde ist als Videomitschnitt vom 31. Mai 2012 auf der Seite des Dahlem Humanities Center verfügbar. Homi K. Bhabhas Schreiben und Denken ist, wie es sich noch einmal mit dem Thema der Sicherheit zuspitzt, entschieden politisch. Dies betrifft beispielsweise Politiken der Sicherheit, des Geschlechts, der Herkunft und der Nation.

 

Das Politische des Nachdenkens von Literatur und in der Literatur wird von Bhabha bereits früh und vehement zum Thema gemacht. Um es einmal mit der The Commitment to Theory zu formulieren: Die Verpflichtung zur Theorie als Wissensformation, mit der sich Probleme verortend lösen lassen, wird von Bhabha in einen performativen Prozess des Fragens oder Nachdenkens (rethink) über das Politische transformiert.  

… Political positions are not simply identifiable as progressive or reactionary, bourgeois or radical, prior to the act of critique engagee, or outside the terms and conditions of its discursive and textual address. It is in this sense that the historical moment of political action must necessarily be thought as part of the history of the form of its writing. This is not to state the obvious, that there is no knowledge – political or otherwise - outside representation. It is to suggest that the dynamics of writing - of ecriture - require us to rethink the logics of causality or determinacy through which we recognize the 'political' as a form of calculation and strategic action dedicated to social transformation.[1]    

 

Wenn am Pariser Platz sozusagen Abdel Fattah al-Sisi und Homi K. Bhabha unvermittelt im Politischen zusammentreffen, dann treffen auch zwei Konzepte von Sicherheit, die kaum unterschiedlicher sein könnten, aufeinander, was Bhabha vermutlich niemals sagen würde. So wies Homi K. Bhabha in der Einführung und Danksagung vor seinem Vortrag lediglich daraufhin, dass er sich für das Kommen der Zuhörerinnen trotz der Umstände durch die Sicherheitsvorkehrungen bedanke. Dennoch kann für eine Besprechung der Antrittsrede unter dem Titel On Culture and Security die plötzliche Konstellation des Sicherheitspolitikers al-Sisi, der vom Kairo-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung am 3. Juni 2015 um 12:45 Uhr, Paul-Anton Krüger, ein „Polizeistaatschef“[2] genannt wird, mit dem Kulturtheoretiker nicht unterschlagen werden. Anders gesagt: Der „Polizeistaatschef“ von Ägypten verspricht Sicherheit, die sich nach Krüger an Deutschland als „Vorbild“ orientiert, lässt sich am Fenster und später sogar für einen Moment direkt an der Absperrung von seinen Anhängern lautstark feiern, um Sicherheit zu inszenieren, die dann vermutlich auf Nile TV gesendet worden ist. ─ Das politische Versprechen der Sicherheit funktioniert auf diese Weise nur durch Ab- und Ausgrenzungen, drakonische Strafen und Modelle der Dichotomisierung.[3]  

  

Die Krise der Sicherheitskonzepte für die USA, für Europa und für die arabischen Staaten führt derzeit zu einer durchaus dramatischen Renationalisierung bei Pegida und AfD, einem fatalen Regendering, beispielsweise und durchaus symptomatisch durch Übergriffe von nationalistischen Gruppen auf Gay-Pride-Paraden in Kiew, und einem absurden Repunishment beispielsweise in Ungarn als Recht, Straffällige mit dem Tode zu bestrafen, um sie auszulöschen. Für ein Dazwischen oder die Hybridität, wie sie Homi K. Bhabha strategisch formuliert hat, ist in der gespenstischen Wiederkehr der Sicherheitskonzepte in Russland, der Ukraine, Ungarn, Ägypten, aber auch an den Grenzen Europas kein Platz.

  

Die Wissensformationen von Sexismus, Homophobie, Rassismus, Nationalismus, Eurozentrismus etc., in denen sich Kultur verorten lässt, gehen derzeit als Wiedergänger um und zirkulieren ebenso in Talkshows wie in Kabinettsitzungen. Bhabha hat 1988 mit The Commitment to Theory konkret an Gayatri Chakravorty Spivak angeknüpft. Damit wird die Inaugural Lecture On Culture and Security aktuell zu einem Kommentar zu Sicherheitskonzepten an den Grenzen Europas, wie es Spivak 2014 in ihrer Mosse-Lecture auf andere Weise getan hat.     

 

Sigrid Weigel stellte Homi K. Bhabha in ihrer Einführungsrede als Denker des „3rd space“ bzw. des Dazwischen oder „in-between“ vor und unterstrich, dass er als Literaturwissenschaftler seine Arbeit in die Kultur- und Geisteswissenschaften bzw. Humanities überführt hat. Denn die Frage nach den Aufgaben und Funktionen der Geisteswissenschaften, die im derzeitigen Wissenschaftsmarkt häufig marginalisiert werden, bewegen auch das ZfL, wie 2011 besprochen.  Die Humanities wurden und werden im angelsächsischen Sprach- und Wissenschaftsraum als eine Wissenschaft vom Menschen oder der Conditio humana überwiegend von naturwissenschaftlich-philosophischen Diskursen bestimmt. Nicht zuletzt mit Homi K. Bhabhas Funktionen in den Humanities als Fakultät haben sich diese nicht nur ins Literaturwissenschaftliche, vielmehr noch in Literarische verschoben, worauf zurückzukommen sein wird.

 

Die Verschiebung der Humanities geht damit einher, genauer die unterschiedlichen Praktiken von Künstlern in der Literatur, der Bildenden Kunst, dem Film etc. zu untersuchen, weshalb Homi K. Bhabha auch das Feld der Praxeologie eröffnet hat. Das Konzept des „Cosmopolitanism“ beschäftigt ihn vor allem unter der Frage nach dem „cosmopolitan citizen“. Weigel kündigte an, dass Bhabha am ZfL nicht nur im Forschungsprojekt Security and Future, sondern auch stärker zu Hannah Arendt arbeiten werde. Denn neben den Arbeiten von Joseph Conrad, Adrienne Rich, Toni Morrison, V.S. Naipaul, J.M. Coetzee gehören vor allem die Arbeiten von Walter Benjamin zu seinen Schwerpunkten.[4]

 

Das ZfL sieht denn auch eine Neuausrichtung in den Schriften Homi K. Bhabhas „vom spezifischen Bereich der postcolonial studies zu einer Positionsbestimmung von Gegenwart und Zukunft der humanities, die er als das Feld von human learning bestimmt. Die humanities lassen sich – bei aller Vielfalt ihrer disziplinären Zugänge – über eine letztlich gemeinsame Art des Welt-Bezugs definieren: „They are in the world, but not entirely of it“. Die Besonderheit geisteswissenschaftlichen Wissens liegt demnach in der Aufmerksamkeit für Prozesse der Vermittlung, Rahmung, Darstellung und Übertragung sozialer Realitäten. Die Leistung etwa der Literatur- und Kunstwissenschaft sieht er darin, dass sie mithilfe ihrer Expertise für die figurative und technische Machart von Texten und Bildern in der Lage sind, Aussagen über das politische Bewusstsein (und Unbewusste), über religiöse Kultur, sozial wirksame Affekte und Wahrnehmungsweisen zu machen. Zugleich weist er darauf hin, dass geisteswissenschaftliches Wissen immer einen Abstand zur alltäglichen Erfahrung markiert und betrachtet diese Distanz zur Empirie als Schwellenposition, die die verschiedenen Fächer verbindet: zwischen wirklicher Welt und künstlichen, imaginierten, symbolischen Welten. Es ist diese Zwischenstellung, aus der Bhabha auf so ingeniöse wie überzeugende Weise Interdisziplinarität ableitet – als die den Geisteswissenschaften angemessene Existenzform im Bereich zwischen ansonsten separierten Kompetenzen und Zuständigkeiten.“[5]

 

Seinen Vortrag eröffnend wendete sich Homi K. Bhabha vor allem gegen jeglichen Ansatz von Generalisierung und richtete deshalb seine Aufmerksamkeit stärker auf spezifische Bewegungen. Warum sind generalisierende Aussagen problematisch oder erfahren eine entschiedene Kritik? Generalisierende Aussagen schaffen immer Verortungen von der Art Diesseits und Jenseits. Sie gehören semantisch zu den Strategien der Wissensproduktion von einem Wir und den Anderen. Indem Bhabha sich stattdessen für „specific movements“ interessiert, verschiebt er die Frage nach der Kultur in einen Raum der Bewegung und setzt sogleich ein bei 9/11 und dem Schatten der Sicherheit (shadow of security) sowie dem Film Citizenfour (2014) von Laura Poitras über Edward Snowden. Er lenkte insbesondere das Interesse darauf, wie die Filmemacherin arbeitet. Denn es sei ein Beispiel für ein „cinema verité“, das zeige, wie wichtig die Form ist. Wie wird Sicherheit hergestellt und was richtet sie an?

 

Durch die National Security Agency (NSA) und ihre Überwachungsprogramme mit der Technik der Filterung als Selektion wie PRISM wird Sicherheit versprochen, deren Darstellbarkeit nicht zuletzt deshalb schwierig wird, weil sie erstens geheim produziert werden sollte und zweitens im Digitalen unsichtbarer Lichtströme stattfindet, wie 2013 mit In Ritzen lesen - X-KEYSCORE und PRISM als Darstellungs- und Entschlüsselungsproblem besprochen wurde. Bhabha steckte mit der Anknüpfung an 9/11 und die Praktiken der NSA sozusagen den Rahmen dafür ab, wovon mit einer Generalisierung von Sicherheit landläufig gesprochen wird. Erweiternd lässt sich hier formulieren, dass das algorithmische Verfahren des Wenn-dann und Entweder-oder der Programme erstens selektive Dichotomien als Digitalismen erzeugen muss und zweitens auf diese Weise allererst Gefahrengruppen und ein Wissen über sie geschaffen wird. Gleichzeitig wird die institutionalisierte Sicherheit der NSA notorisch von Gefahren überrascht, die nicht durch Selektion erfasst werden konnten, weil die Prognostik des Gefahrenwissens immer einer Nachträglichkeit unterliegt.  

„Enjoying security“, in den Genuss von Sicherheit zu kommen, ist zutiefst ambivalent. Denn er findet quasi in einem Körper des Wissens statt, um andere nicht daran teilhaben zu lassen, wofür Homi K. Bhabha James Baldwin und Toni Morrison erwähnte und intensiver mit dem Gedicht „Whose House Is This?“ bedachte. Die USA als Home oder Homeland wurde James Baldwin und Toni Morrison in den 70er Jahren aus rassischen und sexuellen Gründen abgesprochen. Ihnen wurde der Genuss der Sicherheit vorenthalten. Daran erinnerte Bhabha pointiert, um die Vertonung des Gedichtes von André Previn einzuspielen. Denn das Gedicht in seiner Vertonung verkörpert als Kunst im wiederholten Modus der Frage die Effekte der Unsicherheit. Für Bhabha sind die Effekte der Unsicherheit, wie sie nach 9/11 zu beobachten waren, ein Hinweis auf die „complexity of culture“, die sich nicht einfach als ein Konflikt von „good and evil“ darstellen lassen.  

 

Die Opposition von Sicherheit und Unsicherheit sowie ihre Effekte versetzt Homi K. Bhabha dahingehend in Bewegung, als der Effekt des Von-der-Sicherheit-ausgegrenzt-seins für James Baldwin und Toni Morrison ihre Kunst allererst hervorgebracht hat. Gleichzeitig muss allerdings ein Anspruch auf Sicherheit für sie formuliert werden können. Es geht also weder darum die Unsicherheit der Sicherheit als, ich möchte sagen, heroischen Akt vorzuziehen, wie unlängst und durch die Narrative der Presse allemal bei Edward Snowden praktiziert, noch eine trügerische Sicherheit mit ihren Selektionsmechanismen und Filtermaschinen zu wünschen. Vielmehr sollte es darum gehen, in einer tendenziellen Unsicherheit als einem Dazwischen eine Vielfalt von Praktiken auszuüben und dies auch zu dürfen. 

Der Modus der Frage und die Melancholie bezüglich des Eigentums oder auch nur der Teilhabe an dem Haus in dem Gedicht Whose House Is This? von Tony Morrison durch André Previn von 1992 erfasst durch Pausen, Winde oder Atem in der gesanglichen Artikulation Sprache wie Musik. Bernard Holland schrieb am 7. Januar 1992 als Classical Music in Review in der New York Times zur Aufführung mit Kathleen Battle, Sopran, unter der Leitung von André Previn mit dem Orchestra of St. Luke in der Carnegie Hall, dass Lied sei „clean and clear in its melancholy: winds alone and in duets, icy string tremolos as added coloring“. 

Whose house is this? 

Whose night keeps out the light 

In here? 

Say, who owns this house? 

It’s not mine. 

I had another sweeter, brighter, 

With a view of lakes crossed in painted boats; 

Of fields wide as arms open for me. 

This house is strange. 

Its shadows lie. 

Say, tell me, 

Why does its lock fit my key?  

Mit dem Gedicht wie der Liedkomposition und der Aufführung durch Kathleen Battle verschränkt sich die Frage nach dem Eigentum ─ „who owns this house?“ ─ mit der Sicherheit und dem Unhomely, wie es Homi K. Bhabha bereits in The Location of Culture eröffnend im Kapitel Unhomely Lives: The Literature of Recognition mit Morrison, Freud und Goethe entfaltet hat.[6] Bhabha transformiert dafür das Unheimliche in das „unhomely“ im Englischen. Dabei ist zu bedenken, dass das Unheimliche im Englischen in der landläufigen Praxis als the uncanny übersetzt wird. Indem Bhabha mit der Übersetzung zu unhomely von einer vor allem psychologischen Wissenspraxis abweicht, gibt er literarisch zugleich einen Wink auf die homeliness als Einfachheit, die homelessness als Obdachlosigkeit und schreibt einen dritten, polysemantischen Begriff in das Feld des home als Haus, Heim, Heimat und Wohnort ein. Die Melancholie von Whose House Is This?, die sich in auch unheimlichen Winden artikuliert, lässt sich als ein Modus des Zwischen von Sicherheit und Unsicherheit formulieren.  

Homi K. Bhabha kritisierte in seinem Vortrag durchaus prononciert, die Philosophie des Weißen Hauses und die normativen Positionen zur Sicherheit in der maßgebenden (standard) politischen Philosophie. Sie (be)gründeten ständig, wovon sie sprechen (they grounds from which they speak). Und sie schauten niemals in die Form des Diskurses, den sie führen (never looks in the form oft he discourse). Vielleicht lässt sich dies gar von einer ebenso verallgemeinernden wie verallgemeinerbaren Diskursform von Sicherheitspolitikern insbesondere Innen- und Außenministern sagen. Anders formuliert: die Position des Innenministers in Deutschland und des Secretary of Homeland Security in den USA, im UK Secretary of State for the Home Department oder Home Secretary wird Kraft der Titel geradezu darauf verpflichtet, einen Diskurs der Sicherheit zu führen. Bhabha sprach indessen pointiert von einer „safety of security and insecurity“ und fragte danach, was Kultur prophylaktisch tun könne.

 

Citizenfour als Film über Edward Snowden wie als Film über die Produktion von Bildern erfuhr von Homi K. Bhabha eine intensive Aufmerksamkeit nicht zuletzt, weil es um „the materials of message“ geht. Die Materialien der Nachrichten ebenso wie Meldungen oder Information wurden von ihm daraufhin bedacht, dass Snowden ständig von moralischen Gründen spricht aber niemals von Sicherheit. In einem vorherrschenden Sicherheitswahn durchbricht Snowden mit der Rede von moralischen Werten quasi das institutionalisierte Sicherheitsprogramm der NSA. Und Bhabha sieht genau mit diesem radikalen Bruch immerhin mit einem sicheren Leben und Arbeitsplatz im Sicherheitsapparat eine wichtige Funktion der Geisteswissenschaften oder Humanities. Denn man müsse den Produktionsprozess der Bilder eines Cinema securité aufbrechen. Sein Schwenk ist hier genau zu bedenken. Er fragt weniger danach, was Snowden zu seiner Aktion bewogen hat, als vielmehr, welchen entlarvenden Effekt sie hinsichtlich der Sicherheit hatte. Zugespitzt ließe sich sagen, dass Snowden als Insider vollkommen in den Sicherheitsapparat eingebettet war und so ein sicheres Leben mit all seinen Konsumversprechen hätte genießen können. Doch genau das hat er radikal abgebrochen.

Jeder Akt der Herausgabe ist ein moralischer Akt/each act of editing is a moral act, formulierte Homi K. Bhabha. Das betrifft sowohl die Herausgabe der Datenprotokolle der Sicherheitsprogramme durch Edward Snowden wie den Schnitt (editing) des Films über Snowden und seinen Akt von Laura Poitras und ihrer Cutterin Mathilde Bonnefoy. Denn der Film beachte sehr genau die Arten des Erzählen (storytelling) und die Formen der Zirkulation (forms of circulation). Die Zivilgesellschaft erscheint in Citizenfour in einer instabilen Modernität. Ästhetisch zeichnet sich der Film durch Unterbrechung und Abbrüche sowie ständige Entscheidungen aus. Citizenfour bietet eben keine geschlossene Erzählung, sondern wählt aktuelle Schnittverfahren von Unterbrechung, Abbruch, Schnitt und Gegenschnitt aus, um Material, das bereits in anderen Medien zirkulierte, zu montieren.[7]

 

Zum Schluss kam Bhabha auf die Arbeit Homes I Made/A Life in Nine Lines (1997) der indischen Künstlerin Zarina Hashmi zu sprechen, die noch bis zum 22. November bei der 56. Biennale in Venedig unter dem Titel All the World’s Futures im Pavillon Indiens vertreten ist. Der Kurator Ranjit Hoskoté schreibt zum Thema der Ausstellung  Everyone Agrees: It’s About to Explode..., dass sie als eine der künstlerischen Positionen ausgewählt worden sei, für „articulate diverse ideascapes and constituencies, which is vital when mandated with making decisions that reflect India’s vast plurality“.[8]Für Zarina Hashmi gilt mit den Worten Hoskotés wie den anderen Künstlern im Pavillon: „These artists are transcultural in the range of their conceptions and their practice, yet anchored in a strong commitment to the specific historical dynamic of South Asia. Taken together, they embody impulses from diverse regional modalities, religious lineages, sub-cultural locations, aesthetic choices, and philosophical perspectives, within the larger formation of India”. Bei Hoskoté darf man gewiss Homi K. Bhabha mit- oder auch wiederhören, womit auf seinen Einfluss eines kosmopolitischen Diskurses in der Kunst aufmerksam gemacht werden kann.

In seinem Vortrag machte Bhabha mit den minimalistischen Radierungen in Schwarz auf weißem Arches Cover Papier und als Chine collé auf handgemachtem nepalesischem Papier darauf aufmerksam, wie Zarina Hashmi unterschiedliche Materialien für ihr Portofolio verwendet und kombiniert, um mit einer minimalistischen Praxis die Idee der Territorialität (idea of territoriality) zu befragen. Die „Homes“ in Paris, New Dehli und Tokio ─ „Watched the Seine flow by and waited“, „A room of my own“ und „A room of four and a half tatami“ ─ werden im Minimalismus als Kunst auf ganz unterschiedliche Weise verfertigt. Die Materialien der Homes überschneiden einander in der sprachlichen Herkunft wie dem technischen Verfahren der Radierungen und ihrer Materialien. Die Technik der Radierung (etching) europäischer Herkunft, die im 15. Jahrhundert vermutlich von Daniel Hopfer in Nürnberg entwickelt wurde, kombiniert Zarina Hashmi mit französischem Papier, das sozusagen auf chinesische Weise auf nepalesischen geklebt wird, um Drucke von Homes in Paris, New Dehli und Tokio herzustellen.     

Mit Baghdad (2003) von Zarina Hashmi als Holzschnitt mit Urdu Text in Schwarz auf Okawara Papier gedruckt und montiert auf Somerset Papier spitzte Homi K. Bhabha seine Lektüre noch einmal zu. In Indien gehört Urdu zu den 22 anerkannten Nationalsprachen und wird in Pakistan als Amtssprache genutzt. Dabei ist Urdu als زبان اردو معلہ zabān-e urdū-e mo'alla oder Sprache des gebildeten Hofes des Sultanats von Dehli ebenso sehr künstlich wie muttersprachlich und gilt als Perso-Arabischer Herkunft. Das japanische Okawara Papier mit dem Druck wird auf das seit dem 18. Jahrhundert als hochwertiges Zeichenpapier in England produzierte Somerset Paper montiert. Bhabha entfaltete mit Baghdad (2003) die Erinnerung an dessen Bombardierung 2003, womit der Holzschnitt ein anderes Bild zu den Bildern von Bagdad in den Medien und ein Nachdenken über Sicherheit und Unsicherheit wird. Denn es geht ihm um ein Dazwischen (inbetween them) und einen anderen Modus als „somewhere between“.            

 

Torsten Flüh 

On Culture and Securiy
Dokumentation mit Audio-Datei des Vortrags

Homi K. Bhabha 
Honorary Member des ZfL, 

Professor of the Humanities, 

Director of the Humanities Center an der Harvard University

 

CITIZENFOUR

von Laura Poitras 

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[1] Bhabha, Homi K.: The Commitment to Theory . In: new formations NUMBER 5 SUMMER I 988 p. 8 http://www.amielandmelburn.org.uk/collections/newformations/05_05.pdf

[2] Krüger, Paul-Anton: Merkels Besuch vom Polizeistaatschef. Kein Präsident hat Ägypten so repressiv regiert wie al-Sisi. Deutschland hat er zum Vorbild für sein Land erhoben. Deshalb muss Merkel ihm klar sagen, dass nur Demokratie auf Dauer Wohlstand bringt. In: Süddeutsche Zeitung. Politik. 3. Juni 2015, 12:45 Uhr

[3] Anm.: Neben Berlin besuchte der ägyptische Präsident vor allem Ungarn, das unter seinem ultrakonservativen Ministerpräsidenten eine dramatische Renationalisierung als Sicherheitsversprechen erfahren hat. Derzeit wird die Wiedereinführung der Todesstrafe diskutiert, was zu großen Verwerfungen mit der EU führt.

[4] Siehe auch: Interests Homi K. Bhabha, Anne F. Rothenberg Professor of the Humanities, Department of Englisch, Havard University 

[5] Siehe: Inauguralvorlesung unseres Honorary Members und Mittwochsvortrag - Homi K. Bhabha (Harvard University): On Culture and Security.

[6] Vgl.: Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. New York 2004. P. 13 ff

[7] Anm.: Snowden sich bei der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) laut netzpolitik.org beschwert, weil in Citizenfour ein Interview verarbeitet wird, das bereits am 11. Juni 2013 vom Guardian veröffentlicht worden war.  

[8] Siehe: India, Pavillon of India, All the World’s of Futures.