Dazwischengefunkt - Mona Winters Hörspiel zum Friedensaktivisten Abie Nathan im kulturradio rbb

Doxa – Störung – Odysseus  

 

Dazwischengefunkt 

Mona Winters Hörspiel zum Friedensaktivisten Abie Nathan im kulturradio rbb 

 

Von irgendwo im Mittelmeer funkt Abie Nathan dazwischen. Er gibt nicht nach. Er lässt sich seine Friedensaktivitäten nicht verbieten. „The Voice of Peace“ funkt ab Mai 1973 von einem Schiff vor der Küste Israels zwischen die Fronten. Das Internet gibt es noch nicht. Twitter schon gar nicht. Es gibt Staatssender. Abie Nathan stellt sich gegen die Nachrichtensender, gegen Kriegserzählungen, gegen Freund-Feind-Denken, indem er mit eigenem Geld und abweichendem Handeln von einem Schiff aus einen Störsender aufbaut. Mona Winter hat jetzt die Geschichte und Geschichten des Friedensaktivisten und Störenfrieds Abie Nathan in ein Hörstück umgearbeitet.


Foto: Yoav Dothan  

Am Sonntagnachmittag um 14:04 Uhr steht die Erstsendung des Hörstücks From Somewhere in the Mediterranean Abie Nathan, Odysseus im kulturradio des rbb auf dem Programm. Eine gute Gelegenheit, genauer hinzuhören, wie die Theater- und Rundfunkautorin sowie Regisseurin Mona Winter das akustische Material zu einer ebenso unterhaltenden wie mitreißenden Odyssee verarbeitet. Der Berichterstatter hatte Gelegenheit, vorab hineinzuhören. Mona Winter montiert O-Ton-Material und Scharniertexte zu einer poetisch-akustischen Irrfahrt. Sie wird durchaus zum Lehrstück für humanitäres Engagement in Zeiten der Abschottung.

  
Screenshot: Abie Nathan Webmemorial

 

From Somewhere in the Mediterranean ist nicht zuletzt ein Stück Medien-, ja, Radiogeschichte. „In dem Hörstück From Somewhere in the Mediterranean thematisiert sich das Radio mit seinen subversiven Reichweiten selbst“, schreibt Mona Winter. Abie Nathans „Voice of Peace“ sendete auf Mittelwelle bei 1539 Khz AM aus den internationalen Gewässern vor Israel. Am 31. Dezember 2015 endete diese Ära der terrestrischen Ausstrahlung in Deutschland mit der Abschaltung der Mittelwellensender des Saarländischen Rundfunks und des Deutschlandradios. Es gibt keine Mittelwellensender mehr in Deutschland, weil das Radio weitestgehend auf Digital Audio Broadcasting und Internet umgestellt worden ist.  

 

Doch in Mona Winters Hörstück geht es nicht nur um die bereits historische Mittelwelle, vielmehr geht es ihr darum, was mit dem Radio und „seinen subversiven Reichweiten“ gehört werden kann. Die große Erzählung der Odyssee wird von Homer mit den sprichwörtlich gewordenen Sirenen nicht zuletzt als eine des Hörens der Übertragung entfaltet. Odysseus erzählt Kirke seine Geschichte im 12. Gesang, woraufhin diese ihn vor dem Gesang der Sirenen warnt. Er bringe nicht nur den Tod, sondern das ganze Schiff in Gefahr und mache eine Rückkehr zu Frau und Familie unmöglich. Auf diese Weise wird der qualvoll verführerische Gesang auch zu einem der Entfremdung. Es könnte nämlich sein, dass die Sirenen von etwas Anderem singen, als den Versprechen der familialen Heimkehr um den Preis des Krieges mit dem Feind, die letztlich auch ziemlich schiefgeht.  


Screenshot: Avie Nathan Webmemorial

„The Voice of Peace“ als Radiosender wird selbst zur Sirene, wo Joan Baez, John Lennon und nicht zuletzt Peter Seeger – We Shall Overcome – vom Frieden, von der Notwendigkeit des Friedens singen, während auf dem israelischen Festland alle von Krieg sprechen. So kursierten selbst Gerüchte, dass John Lennon den Kauf des Schiffes von New York aus finanziert haben soll. Abie Nathan, erzählt eine O-Ton-Stimme, war als Sohn einer wohlhabenden iranisch-jüdischen Stoffhändlerfamilie aus Bombay bzw. Mumbai auch ein Außenseiter in Israel.

Reden Offenbaren Sprechen
Stimmen erheben
Eine Odyssee riskieren
Wo Sprechen nicht im Schweigen
Verschwimmt
(Mona Winter: From Somewhere in the Mediterranean Abie Nathan, Odysseus)


Screenshot: Izzi Ibrahami: The Changing of the Minds (1994)

 

Ein Außenseiter, der anders hörte, als es die Doxa verbreitete. Er wich ab von der Doxa, um mit dem Feind zu sprechen. „1966 fliegt er mit einem Doppeldecker nach Ägypten, dem damaligen Erzfeind, der Israel auslöschen will, um Präsident Nasser zu kontaktieren“, erinnert Mona Winter. Später trifft er Arafat. Er wird verhaftet und verurteilt. 1978 geht er in den Hungerstreik aus Protest gegen die israelische Siedlungspolitik. 1993 endet nach 20 Jahren die Sendetätigkeit von „The Voice of Peace“. Weil sich niemand findet, der das Schiff übernehmen und finanzieren will, wird es vor Tel Aviv versenkt. Mit dem Osloer Friedensabkommen von 1993 schien die Mission auch erfüllt. Am Strand erinnern Gegensteine daran, wo das Schiff und „The Voice of Peace“ versenkt wurden.  


Screenshot: Izzi Ibrahami: The Changing of the Minds (1994)

 

Der Störsender und die Doxa, wie Roland Barthes sie formuliert und gebraucht hat, bedingen einander. Nach Roland Barthes verändert sich die Doxa nicht, sie kehrt immer wieder als ein bereits Gelesenes, schon immer Gewusstes. In seinen wiederholten Ausbrüchen aus der Doxa, in der Überschreitung des Zulässigen wird Abie Nathan vor allem zu einem fremden Israeli, der bisweilen als Playboy gesehen wird. Auf diese Weise wird er für Mona Winter zum „israelischen Freiheitskämpfer“. Nicht weil er immer das Richtige oder das Gute tut, sondern weil er vor allem der Doxa entkommen will, weil er gegen sie arbeitet mit dem Paradox.[1] 


Foto: Verhoeff, Bert / Anefo - The Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989

 

Die Doxa lässt sich als eine Wissensformation aus der permanenten Wiederholung des Gleichen bedenken. Sie wird so als ein Wissen praktiziert, das sich ständig selbst bestätigt und das nicht hinterfragt wird. Auf diese Weise generiert sie ein Versprechen auf Sicherheit oder gar das Gefühl der Sicherheit. Dabei ist sie nicht einfach eine Mehrheitsmeinung, sondern gewinnt ihre Macht aus der Wiederholbarkeit der Nationalismen, der Rassismen und Sexismen. Sie herrscht gerade dort, wo das Wissen von der Nation, einer homogenen Kultur etc. bereits äußerst fragwürdig geworden ist. Das gilt nicht nur für Israel als jüdisch-arabische Kultur, sondern ebenso für die Russische Föderation, die sich als Erbe der Sowjetkultur in den Staatsmedien präsentiert. Die Schließung der Grenzen insbesondere von Ungarn und Polen folgt(!) auf die größte innenpolitische Instabilität. 


Foto: Moshe Pridan, GPO - Israel National Photo Collection

Mona Winter durchbricht in ihrem Hörstück die Einförmigkeit der Doxa durch eine Polyphonie der Stimmen. Passagenweise überschneiden sich mehrere Klang- und Erzählebenen: Der Jingle von The Voice of Peace – „24 hours a day“ – überschneidet sich mit den Erzählungen von Abie Nathan und Shula Volkov von der Tel Aviv University. Anstatt eine geschlossene Geschichte zu erzählen, eröffnet Mona Winter die Polyphonie mehrerer Geschichten. So erzählt Abie Nathan beispielsweise davon, wie er ungefähr 1967 auf Zypern in seinem Hotelzimmer saß und über Mittelwelle die verschiedenen israelischen und arabischen Sender hörte. Damit wird das Erlebnis der Polyphonie zu einer Art Ursprung für das Konzept von Musik und Beiträgen der multinationalen Sendercrew auf dem Schiff in den exterritorialen Gewässern.


Foto: Dr. Avishai Teicher

 

Die Exterritorialität des Senders umgeht nicht nur die Gebote und Verbote des nationalen Territoriums, vielmehr wird sie zum Ort des Senders. Mona Winters Hörstück bietet keinen behaglichen Ort, von dem aus sich die „Geschichte eines faszinierenden Widersinnigen, der gegen alle Vorurteile, Befangenheiten, Einseitigkeiten, gegen alle Rassismen, gegen Lethargie, Alltagsgleichgültigkeit als Einzelner, ohne Partei, ohne Anhängerschaft (kämpft)“, hören lässt, vielmehr wechselt er oder wird selbst exterritorial, fasziniert erst einmal. Und genau an dieser Stelle kommen das Radio und die Mittelwellensender wieder zum Zuge. Denn die Mittelwelle erlaubte, anders als die Ultrakurzwelle erst die Sendung vom Außerhalb. 


Bild: Nissim Hizkiyahu

 

Wie haben sich die Sender in Zeiten des Internets verschoben? Die Reichweite der Sender ist grundsätzlich global möglich geworden. Wer beispielsweise auf Facebook aus einer Luxuswohnung in Sidney seine persönliche Presseschau deutscher Medien sendet, kann in Auckland, Aachen oder Austin Texas im Moment des „Post“ gelesen und gehört werden. Dennoch kann man im Internet aus urheberrechtlichen Gründen nicht überall alles lesen oder hören. Die Urheberrechte an Musiktiteln beispielsweise könnten bei The Voice of Peace durchaus mit der Exterritorialität umgangen worden sein. Im Internet erscheint dann ein Sperrvermerk. Gleichviel Mona Winters Hörstück From Somewhere in the Mediterranean Abie Nathan, Odysseus erinnert nicht nur an eine Person, sondern an die Notwendigkeit der Spracharbeit gegen die Doxa. 

 

Torsten Flüh 

 

Mona Winter 

From Somewhere in the Mediterranean 

Abbie Nathan, Odysseus 

kulturradio rbb 

27. März 2016 14:04 Uhr 

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[1] Vgl. zur Doxa: Donald E. Hall: Queer Theories. Houndmills: Palgrave Macmillan, p. 87.