Entsetzen beim Über-Setzen - Über das Symposium Benjamin Lektüren Zur internationalen Rezeption

Übersetzen – Sprache – Gleichnis

 

Entsetzen beim Über-Setzen

Über das Symposium Benjamin Lektüren - Zur internationalen Rezeption

 

Walter Benjamin wirkt am Taksim Platz in Istanbul, erklärt die Urbanistik-Dozentin Asli  Odman. In Shanghai philosophiert Prof. Wang mit ihm an der führenden Fudan Universität über den Begriff der Moderne. In Japan gehört eine Benjamin-Übersetzung zu den Qualifikationen für eine Professur an einer führenden Hochschule wie der Meiji Universität, an der Prof. Kazuko Okamato lehrt. Über-Setzungen in andere Sprachen und in unterschiedliche Disziplinen. In Süd-Korea macht Benjamin häufig den Umweg über die Kommunikations-, Übersetzungs- oder Kulturwissenschaft aus den USA, um dann doch von jungen ForscherInnen wie Saein Park auf Deutsch gelesen zu werden.

Überraschend fruchtbar und anregend wirken die zerstreuten und weit gefächerten Schriften von Walter Benjamin in Zeiten des Internets. Dr. Gudrun Schwarz, Mitarbeiterin am von Prof. Dr. Erdmut Wizisla geleiteten Walter Benjamin Arichiv, recherchiert via Internet und Google-Übersetzungstool für die Anlegung einer internationalen Bibliothek, wer in den entlegenen Ecken und Sprachen der Welt etwas von Benjamin übersetzt oder zu ihm einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben hat. Auf diese Weise erfuhr sie, dass der Professor für Ästhetik an der Fudan Universität in Shanghai, Prof. Dr. Cai-Yong Wang, bereits Ende der 80er Jahre Benjamins berühmten Kunstwerk-Aufsatz ins Chinesische übersetzt hatte. Das mutige Unterfangen eines jungen Germanistik-Absolventen der Fudan Universität sollte nicht folgenlos bleiben. Die ansonsten eher an den USA ausgerichtete Fudan Universität berief Wang Mitte der 2000er Jahre zum Professor.

Im Vortragssaal der Akademie der Künste am Hanseatenweg traf sich vom 18. bis 20. September die, sagen wir, virtuelle Walter Benjamin Community leibhaftig. Das Internet kann kein Symposium mit seiner eigenen, oft unvorhersehbaren und deshalb ereignisartigen Dynamik ersetzen. Längst gibt es unterschiedliche Lager und Cluster der Benjamin-Rezeption. Das Werk, sollte es dies denn einmal gegeben haben, ist in unterschiedliche Lesarten zersplittert. Machte Benjamin postum durch Theodor W. Adorno Karriere als Philosoph in der Frankfurter Schule, so hielt Hannah Arendt bereits 1968 entschieden mit ihrer Edition und Einführung zu Illuminations (1955 bei Suhrkamp) im Amerikanischen dagegen und legte eine andere Spur. Benjamin sei vielmehr ein Schriftstellerdenker des in-between, des Dazwischen, oder auch „poetical thinking“, woran Adelheid Hanke-Schäfer (Madrid) in der Sektion Lateinamerika erinnerte.        

 

Man kann es einmal so formulieren: Walter Benjamins Schriften in so unterschiedlichen Genres wie philologische Doktor- und Habilitationsschrift, Literatur-, Kunst- und Medienkritik, Prosa und Poesie, Essay und Radio-Feature, Theater- und Buchrezension, Baudelaire-Übersetzung und Berlin-Chronik, Theologie, Philosophie und Psychoanalyse, Politik und Brief etc. eröffnet ein geradezu enzyklopädisches Panorama der Moderne, das in seiner Zerstreuung das Universale anruft, Fragen anreißt und zugleich positive Antworten unterläuft. Gerade deshalb lassen sich die Schriften auf verschiedenste Weisen lesen. Bevor auf das Symposium im Einzelnen näher eingegangen werden soll, kann die Frage des Lesens in der Konstellation von Übersetzung, Schrift und Sprache scharf herausgestellt werden.

 

Das Lesen — vor aller Rezeption — lässt sich nicht anhalten. Und es ist, wie nicht zuletzt die frühe, extrem politische Aufspaltung der Rezeption zwischen Theodor W. Adorno und Hannah Arendt im Feld der Philosophie zeigt, recht schwierig über ein richtiges oder falsches Lesen zu entscheiden. Hannah Arendt eröffnet ihre Einleitung nicht zufällig mit der Frage der Fama am Schnittpunkt von Gerücht und Ruhm. Sowohl das freigesetzte Gerücht als Modus des Sprechens (und Schreibens) als auch der Ruhm lassen sich nicht beherrschen oder einfangen. Womöglich beruht der Ruhm gerade auf einem Gerücht. 

Fama, that much-coveted goddess, has many faces, and fame comes in many sorts and sizes-from the one-week notoriety of the cover story to the splendor of an everlasting name. Posthumous fame is one of Fama's rarer and least desired articles; although it is less arbitrary and often more solid than the other sorts, since it is only seldom bestowed upon mere merchandise...[1]

Hannah Arendt war sich beim Schreiben und Lesen der Schriften Walter Benjamins durchaus bewusst, dass sie sie anders als Theodor W. Adorno rezipierte. Die Verwaltung und Aufarbeitung des Nachlasses als erster Schritt der Rezeption führte früh zu einer Kontroverse. In einem Briefwechsel mit Theodor W. Adorno von 1967 kündigt Arendt für ihre erste Publikation zu Benjamin an, dass sie „nicht dasselbe Bild von Benjamin wie Sie“[2], Adorno, habe. Fast zwei Monate später am 2. Mai 1967 macht Adorno in einer Antwort aus Frankfurt am Main an Arendt in New York seine Benjamin-Rezeption fast ein wenig scharf noch einmal deutlich: „Für mich ist axiomatisch, wodurch Benjamins Bedeutung in meiner eigenen geistigen Existenz umschrieben wird: das Wesen seines Denkens als eines philosophischen.“[3] Das „poetical thinking“, das Arendt dagegen formulierte, musste nicht nur eine Kontroverse verschärfen, sondern bei Adorno und Gershom Scholem zur Verstimmung führen.

… Es könnte schon passieren, dass weder Sie noch Scholem mit mir zufrieden sein werden.

Mit freundlichen Grüssen

       Ihre

Hannah Arendt      


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Gudrun Schwarz war bei der Konzeption des Symposiums von der spannenden Frage ausgegangen: Was liest beispielsweise ein Japaner, wenn er Benjamin japanisch, in Japanisch liest? Das sollte sich als fruchtbare Fragestellung erweisen, weil sich das vielleicht gar nicht eindeutig beantworten lässt. Was passiert im Lesen und Übersetzen, wenn beispielsweise der Begriff der „Offenbarung“ bei Benjamin ins Japanische oder Koreanische übersetzt wird? Erstens gibt es keine Offenbarung in der fernöstlichen Philosophie und zweitens gebraucht Benjamin sie dann noch einmal auf eigenartige Weise im Unterschied zur Darstellung. Andere Schriftzeichen müssen kombiniert werden, was Saein Park vorführte. Lässt sich aber beantworten, was gelesen wird? Oder müsste die Fragestellung statt eines hermeneutischen Was in ein modales Wie der Praxis, der Art und Weise verschoben werden? Das Lesen kommt vor der Rezeption.


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Bereits mit der Eröffnung des Symposiums durch Wolfgang Trautwein und Prof. Dr. Jan Philipp Reemtsma wurde auf unterschiedliche Weise auf Benjamin Bezug genommen. Eine entscheidende Rolle dabei spielte das Archiv. Für das Archiv der Akademie der Künste, das Wolfgang Trautwein leitet, stand und steht der Exil-Aspekt der im Nationalsozialismus verfolgten und verfemten Schriftsteller und Künstler beim Aufbau des Archivs im Vordergrund. Es gibt 361 Nachlässe von Emigrierten im Archiv der Akademie. Der Versuch der Auslöschung durch die Ideologie des Nationalsozialismus machte die Notwendigkeit eines Archivs als Ort des Erinnerns durch Aktualisierung notwendig. Das Walter Benjamin Archiv versammelt seit April 2004 erstmals, zuvor in Deutschland und Frankreich verstreute, unterschiedliche Teile des Nachlasses.


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)


Jan Philipp Reemtsmas Begegnung mit den Schriften Walter Benjamins reicht zurück bis in seine Gymnasialzeit. Ihn erfasste eine geradezu „überfallartige Faszination“ durch die Schriften, wie er in seinem Grußwort sagte. Benjamin spreche für ihn „aus einem Raum, den man nicht zu sehen bekomme,“ in einer Art „Privatsprache“ und zugleich „apodiktisch“. Die Privatsprache zwischen Einzigartigkeit und öffentlicher Anschlussfähigkeit sollte tatsächlich eine besondere Rolle für das Symposium spielen. Reemtsma gründete 1984 als Mäzen und Forscher die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Die Stiftung finanziert aktuell sowohl das Walter Benjamin Archiv innerhalb des Archivs der Akademie der Künste ebenso wie die auf 21 Bände angelegte Kritische Ausgabe bei Suhrkamp und ermöglichte das Symposium mit seinen internationalen Teilnehmern und Referenten. Die Keynote Lecture hielt am Mittwochabend Prof. Dr. Irving Wohlfarth von der Université de Reims, der zu den renommiertesten Benjamin-Experten gehört. Auf seinen Vortrag unter dem Titel „Proben. Theorie und Praxis der Übersetzung bei Walter Benjamin“ wird zurück zu kommen sein.


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Wie wirkt eine Privatsprache, die sich mit den Schriften Benjamins an der Schnittstelle von Privatem und Öffentlichen entfaltet? Stellt sie eine besondere Hürde bei der Übersetzung dar? Wahrscheinlich kann man gerade wegen der sogenannten Privatsprache, deren Raum sich nicht sehen noch erfassen lässt, formulieren, dass den Benjaminschen Schriften eine hohe Anschlussfähigkeit in anderen Sprachen offensteht und erschwert. Sie erweist sich von einer besonderen Elastizität, die es selbst und besonders Muttersprachlern, Englisch „native speakers“, schwierig macht, einen kulturell abgeschlossenen Raum des Deutschen zu behaupten. Selbst der Eingeborene wird als in die Sprache Hineingeborener unablässig von den Veränderungen des Raumes erfasst. Hannah Arendt nennt dies poetic/poetisch. Der Sprache wird von Benjamin im Raum des Sprechens beispielsweise mit Klangfarben und Echolalien  nachgelauscht.


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Walter Benjamin lauscht nicht zuletzt in seinem frühen Essay Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen (1916) der Sprache und ihren Möglichkeiten selbst nach. Der Begriff Sprache wird von ihm eröffnet, erweitert und durchgearbeitet.

… Mit einem Wort: jede Mitteilung geistiger Inhalte ist Sprache, wobei die Mitteilung durch das Wort nur ein besonderer Fall, der der menschlichen, und der ihr zugrunde liegenden oder auf ihr fundierten (Justiz, Poesie), ist. Das Dasein der Sprache erstreckt sich aber nicht nur über alle Gebiete menschlicher Geistesäußerung, der in irgendeinem Sinn immer Sprache innewohnt, sondern es erstreckt sich auf schlechthin alles. Es gibt kein Geschehen oder Ding weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser Weise an der Sprache teilhätte, denn es ist jedem wesentlich, seinen Inhalt mitzuteilen. Eine Metapher aber ist das Wort »Sprache« in solchem Gebrauche durchaus nicht. Denn es ist eine volle inhaltliche Erkenntnis, daß wir uns nichts vorstellen können, das sein geistiges Wesen nicht im Ausdruck mitteilt; der größere oder geringere Bewußtseinsgrad, mit dem solche Mitteilung scheinbar (oder wirklich) verbunden ist, kann daran nichts ändern, daß wir uns völlige Abwesenheit der Sprache in nichts vorstellen können. Ein Dasein, welches ganz ohne Beziehung zur Sprache wäre, ist eine Idee: aber diese Idee läßt sich auch im Bezirk der Ideen, deren Umkreis diejenige Gottes bezeichnet, nicht fruchtbar machen.[4]


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Benjamins frühe Schrift über Sprache wird zu einer Umwertung des Begriffes, was nicht nur die Sprachtheorie betrifft. Vielmehr stellt er die Frage nach dem Subjekt des Sprechens und schickt auf bis dahin unerhörte Weise quasi voraus, dass dies nicht der Sprecher sei. Was sich durch Sprache mitteilt, ist gerade kein Subjekt der Aussage oder einer Kultur. In Zeiten des Internets, des semantic web und der Computersprachen, um es einmal so zu sagen, erweist sich dies auch und besonders fast 100 Jahre später als fruchtbarer Wink. 

Was teilt die Sprache mit? Sie teilt das ihr entsprechende geistige Wesen mit. Es ist fundamental zu wissen, daß dieses geistige Wesen sich in der Sprache mitteilt und nicht durch die Sprache. Es gibt also keinen Sprecher der Sprachen, wenn man damit den meint, der durch diese Sprachen sich mitteilt. Das geistige Wesen teilt sich in einer Sprache und nicht durch eine Sprache mit – das heißt: es ist nicht von außen gleich dem sprachlichen Wesen: Das geistige Wesen ist mit dem sprachlichen identisch, nur sofern es mitteilbar ist. Was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, das ist sein sprachliches Wesen. Die Sprache teilt also das jeweilige sprachliche Wesen der Dinge mit, ihr geistiges aber nur, sofern es unmittelbar im sprachlichen beschlossen liegt, sofern es mitteilbar ist.

Die Sprache teilt das sprachliche Wesen der Dinge mit. Dessen klarste Erscheinung ist aber die Sprache selbst…


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Es lässt sich mit dem Aufsatz Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen mit seinen merkwürdig apodiktischen Aussagesätzen zwischen Sprache und dem Entsprechenden ein Bogen zur Blog-Wissenschaft als einer Wissenschaft vom Lesen und der Sprache schlagen. Denn wie in den Besprechungen der Nacht @ Berlin mit dem Modus der Besprechung in ihrer Polysemantik von Kritik, Unterredung, Gespräch zwischen zwei und mehreren, medizinische Beratung und Beratschlagung sowie Magie zum Zuge kommen soll, so spricht Walter Benjamin entschieden die Dimensionen der Medien und der Magie mit seinem Aufsatz an. Das hat beispielsweise natürlich Folgen für die Dinge, die vermeintlich im semantic web gefunden werden sollen.

Die Antwort auf die Frage: was teilt die Sprache mit? lautet also: Jede Sprache teilt sich selbst mit. Die Sprache dieser Lampe z. B. teilt nicht die Lampe mit (denn das geistige Wesen der Lampe, sofern es mitteilbar ist, ist durchaus nicht die Lampe selbst), sondern: die Sprach-Lampe, die Lampe in der Mitteilung, die Lampe im Ausdruck. Denn in der Sprache verhält es sich so: Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache. Das Verständnis der Sprachtheorie hängt davon ab, diesen Satz zu einer Klarheit zu bringen, die auch jeden Schein einer Tautologie in ihm vernichtet. Dieser Satz ist untautologisch, denn er bedeutet: das, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, ist seine Sprache. Auf diesem »ist« (gleich »ist unmittelbar«) beruht alles. – Nicht, was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, erscheint am klarsten in seiner Sprache, wie noch eben im Übergange gesagt wurde, sondern dieses Mitteilbare ist unmittelbar die Sprache selbst. Oder: die Sprache eines geistigen Wesens ist unmittelbar dasjenige, was an ihm mitteilbar ist. Was an einem geistigen Wesen mitteilbar ist, in dem teilt es sich mit; das heißt: jede Sprache teilt sich selbst mit. Oder genauer: jede Sprache teilt sich in selbst mit, sie ist im reinsten Sinne das »Medium« der Mitteilung. Das Mediale, das ist die Unmittelbarkeit aller geistigen Mitteilung, ist das Grundproblem der Sprachtheorie, und wenn man diese Unmittelbarkeit magisch nennen will, so ist das Urproblem der Sprache ihre Magie. Zugleich deutet das Wort von der Magie der Sprache auf ein anderes: auf ihre Unendlichkeit…


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)


Benjamin schreibt vom „Mitteilbaren“ und kommt über das „Mediale“ auf die „Magie“ der Sprache zu sprechen. In dieser Weise kommt Benjamin im Zeitalter der Schreibmaschine, der Mikroschrift und der technischen Reproduzierbarkeit — wer sagt eigentlich, dass das nicht auch auf Copy and Paste als Modus des technischen Schreibens zutreffen könnte(?) — auf die Magie zu sprechen. Entgegen technischer und wissenschaftlich-theoretischer Anstrengungen die Mitteilung vom Medialen und der Magie zu trennen, um Sinn und Semantiken zu identifizieren, zu kategorisieren und zu reproduzieren, insistiert Walter Benjamin auf die Magie. Durch die Magie der Sprache selbst wird die Unendlichkeit angesprochen, die keine klare Ein- und Begrenzung erlaubt.


Walter Benjamin Archiv: Archivfenster „Benjamin in Berlin“ (Akademie der Künste am Hanseatenweg)

Es ist das merkwürdige Verhältnis von Apodiktik und Magie, das einen markanten Zug der Schriften Walter Benjamins ausmacht. Die Apodiktik als durchaus philosophischer Modus eines Wissen produzierenden Sprechenschreibens ─ „Jede Sprache teilt sich selbst mit.“(Punkt) „Das sprachliche Wesen der Dinge ist ihre Sprache; …“ ─ evoziert nahezu unablässig das Vermögen der Aussage in der Sprache, um dies durch ihre Unendlichkeit qua Magie in eine Schwebe zu versetzen. Es ist möglicherweise dieser Zug, der das Lesen als ein Versprechen insbesondere für andere Sprachen besonders reizvoll macht. Das Apodiktische der Syntax wirft seine Angel zur Philosophie aus. Doch die unendliche Polysemantik der Sprache appelliert an die Poesie. Was Benjamin schreibend produziert, seine Praxis des Sprechenschreibens ist unauflösbar mit der Sprache und Sprachtheorie verknüpft.

Und es kommt ein weiterer Zug des Schreibens hinzu. Benjamin formuliert Fragen. Die Apodiktik wird so nicht zuletzt zum Effekt des Formulierens von Fragen, die bisher nicht formuliert wurden. Und wenn Benjamin fast beiläufig von der Lampe schreibt, als würde es nur beispielhaft von der Lampe als Ding schreiben, dann spielt er doch zugleich auf das Licht als platonisches Erkenntnismodell in der Philosophie an. Wenn Benjamin philosophiert, dann in der Weise, dass die Lampe (nicht) zur Erkenntnis taugt, weil sie bereits von der Sprache des Menschen gemacht wurde. Der Mensch verfügt über die Sprache in der Benennung und ist ihr zugleich ausgeliefert. 

Wozu benennt? Wem teilt der Mensch sich mit? – Aber ist diese Frage beim Menschen eine andere als bei anderen Mitteilungen (Sprachen)? Wem teilt die Lampe sich mit? Das Gebirge? Der Fuchs? – Hier aber lautet die Antwort: dem Menschen. Das ist kein Anthropomorphismus. Die Wahrheit dieser Antwort erweist sich in der Erkenntnis und vielleicht auch in der Kunst. Zudem: wenn Lampe und Gebirge und der Fuchs sich dem Menschen nicht mitteilen würden, wie sollte er sie dann benennen? Aber er benennt sie; er teilt sich mit, indem er sie benennt. Wem teilt er sich mit?

Mit der Frage nach den Übersetzungen von Benjamins Schriften wurde mit dem Symposium keine Frage unter anderen zu Walter Benjamin angeschnitten. Vielmehr geht es damit um einen Bereich, dem er sich intensiv und höchst innovativ gewidmet hat. Benjamin treibt mit quasi Neologismen wie dem „Aussprechlichen“ die Sprache selbst bis an ihre Grenzen. Er führt vor, was Benennung heißt und wie Sprache wirkt. Darauf wird er bis in seine letzten Schriften immer wieder zurückkommen.  

… Innerhalb aller sprachlichen Gestaltung waltet der Widerstreit des Ausgesprochenen und Aussprechlichen mit dem Unaussprechlichen und Unausgesprochenen. In der Betrachtung dieses Widerstreites sieht man in der Perspektive des Unaussprechlichen zugleich das letzte geistige Wesen. Nun ist es klar, daß in der Gleichsetzung des geistigen mit dem sprachlichen Wesen dieses Verhältnis der umgekehrten Proportionalität zwischen beiden bestritten wird. Denn hier lautet die Thesis: je tiefer, d. h. je existenter und wirklicher der Geist, desto aussprechlicher und ausgesprochener, wie es denn eben im Sinne dieser Gleichsetzung liegt, die Beziehung zwischen Geist, und Sprache zur schlechthin eindeutigen zu machen, so daß der sprachlich existentester, d. h. fixierteste Ausdruck, das sprachlich Prägnanteste und Unverrückbarste, mit einem Wort: das Ausgesprochenste zugleich das reine Geistige ist. Genau das meint aber der Begriff der Offenbarung, wenn er die Unantastbarkeit des Wortes für die einzige und hinreichende Bedingung und Kennzeichnung der Göttlichkeit des geistigen Wesens, das sich in ihm ausspricht, nimmt…

 

Es ist auf das Symposium zurückzukommen. Die von Jan Philipp Reemtsma angesprochene „Privatsprache“ lässt sich durchaus mit dem Aufsatz Über die Sprache… lesen. Sie erweist sich keinesfalls als eine Marotte. Vielmehr wird die „Privatsprache“ zum Moment des Schreibens über Sprache selbst. Die angesprochenen ÜbersetzerInnen kamen wiederholt genau auf dieses Problem von Sprache zurück. Nach einem ersten, vielleicht übermütigen Schub bei der Übersetzung kommen die Übersetzerinnen bei Benjamin an den Punkt, wo sie an ihrer Übersetzung zweifeln. Es lässt sich um jede Übersetzung streiten. Einer der vielleicht schönsten Momente, war als Ahmed Farouk als in Deutschland lebender und für die Deutsche Welle arbeitender Übersetzer und Sprecher aus seiner Übersetzung der Berliner Kindheit um Neunzehnhundert (1934) eine Passage auf Hoch-Arabisch vorlas. Denn nun ließ sich die (arabische) Sprache als eine besonders rhythmische hören. Damit verändert sich alles. Der Sprachrhythmus richtet sich nach der Betonung des Subjekts im gesprochenen Hoch-Arabisch, wie Ahmed Farouk auf Nachfrage verriet. Eine andere Frage wäre es, warum gerade die Berliner Kindheit um Neunzehnhundert im Arabischen Leser ansprechen könnte.  

Der Klang der Sprache und ob die Übersetzung klingt, gehört zum Bereich des Magischen in der Sprache. Ohne Klang geht es vermutlich in der Sprache gar nicht. Und eine Übersetzung muss klingen. In den Überlegungen zu seinen Baudelaire-Übersetzungen unter dem Titel Die Aufgabe des Übersetzers kommt Benjamin auf das Echo als Klang, im Englischen sound, und Widerhall zu sprechen. Ohne Klang kein Widerhall. Der „Widerhall eines Werkes der fremden Sprache“ und das Echo in der „eigenen“ Sprache sprechen einen schier unauflösbaren Bereich der Übersetzung weil unkalkulierbaren an. 

(Die Aufgabe des Übersetzers) besteht darin, diejenige Intention auf die Sprache, in die übersetzt wird, zu finden, von der aus in ihr das Echo des Originals erweckt wird. Hierin liegt ein vom Dichtwerk durchaus unterscheidender Zug der Übersetzung, weil dessen Intention niemals auf die Sprache als solche, ihre Totalität, geht, sondern allein unmittelbar auf bestimmte sprachliche Gehaltszusammenhänge. Die Übersetzung aber sieht sich nicht wie die Dichtung gleichsam im innern Bergwald der Sprache selbst, sondern außerhalb desselben, ihm gegenüber und ohne ihn zu betreten ruft sie das Original hinein, an demjenigen einzigen Orte hinein, wo jeweils das Echo in der eigenen den Widerhall eines Werkes der fremden Sprache zu geben vermag. Ihre Intention geht nicht allein auf etwas anderes als die der Dichtung, nämlich auf eine Sprache im ganzen von einem einzelnen Kunstwerk in einer fremden aus, sondern sie ist auch selbst eine andere: die des Dichters ist naive, erste, anschauliche, die des Übersetzers abgeleitete, letzte, ideenhafte Intention. Denn das große Motiv einer Integration der vielen Sprachen zur einen wahren erfüllt seine Arbeit…

Irving Wohlfarth knüpfte in seiner Keynote Lecture Proben. Theorie und Praxis der Übersetzungen bei Walter Benjamin auf andere Weise an dessen Überlegungen zum Übersetzer an. Er brachte nämlich eröffnend den kurzen Text Von den Gleichnissen aus dem Nachlaß von Franz Kafka ins Spiel. Gibt es nämlich ein anderes Sprechen als das in Gleichnissen? „Wenn der Weise sagt: »Gehe hinüber« so meint er nicht, daß man auf eine andere Straßenseite hinüber gehen solle, was man immerhin noch leisten könnte, wenn das Ergebnis des Weges wert wäre, sondern er meint irgendein sagenhaftes Drüben, etwas was wir nicht kennen, was auch von ihm nicht näher zu bezeichnen ist und was uns also hier gar nichts helfen kann.“ Trotzdem und gerade deshalb führt Kafka vor, dass zwei gar nicht anders als im Gleichnis miteinander sprechen können und dass das „in Wirklichkeit“ Folgen hat. 

 

Mit den Proben stellte Irving Wohlfarth das Übersetzen und die Sprache selbst auf die Probe, in dem er die Texte Die Aufgabe des Übersetzers und Über den Begriff der Geschichte in eine Konstellation brachte. Denn im Modus der Probe wird das Vorläufige ebenso wie das Revolutionäre angesprochen. Die Konstellation der drei Texte war überraschend, weil damit zwei wichtige Schriften in eine Korrespondenz versetzt wurden. Was sagt der Geschichts-Text über die Übersetzung und umgekehrt?  

… Wenn aber diese derart bis ans messianische Ende ihrer Geschichte wachsen, so ist es die Übersetzung, welche am ewigen Fortleben der Werke und am unendlichen Aufleben der Sprachen sich entzündet, immer von neuem die Probe auf jenes heilige Wachstum der Sprachen zu machen: wie weit ihr Verborgenes von der Offenbarung entfernt sei, wie gegenwärtig es im Wissen um diese Entfernung werden mag.

Übersetzung ist nach Irving Wohlfarth „Sprachgeschichtsschreibung auf die reine Sprache hin“. Denn „alles muss zur Sprache kommen, bevor sie zu sich selbst kommen kann“. Auf diese Weise wird die Sprachpraxis revolutionär. Die Aufgabe des Übersetzers lässt sich durchaus mit Über den Begriff der Geschichte lesen. Die revolutionäre Sprachpraxis beim Übersetzen sieht Wohlfarth in der „vorläufigen Art der Übersetzung“. Dies betrifft allerdings nicht nur das Übersetzen von einer in eine andere Sprache, sondern ein Über-Setzen in seiner Tragweite überhaupt. Wenn es die Möglichkeit der Übersetzung gibt, beispielsweise aus einer Privatsprache, dann geht es mit Wohlfarth auch um eine metaphysische Ebene des Übersetzens. Die reine Sprache wäre eine Sprache, die nichts mehr meint und ausdrückt.

Der Text Über den Begriff der Geschichte wird in zahlreichen Umschriften, vielleicht auch Übersetzungen, überliefert. Zu zahlreichen Änderungen wurde Benjamin u.a. von Adorno eher aufgerufen als angeregt. In Band 19 der Kritischen Ausgabe wird nun das von Hannah Arendt aus New York an Theodor W. Adorno geschickte Manuskript zugänglich gemacht. Es war nicht zuletzt die Lektüre dieses Manuskriptes, die Hannah Arendt 1967 zu ihrer Einführung veranlasste. Man kann sagen, dass der Text selbst und die Geschichte beispielsweise unter VI mit einer Formulierung „des wirklichen Ausnahmezustandes“ ins Wanken geraten.

Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, daß der „Ausnahmezustand“, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Begriff der Geschichte kommen, der dem entspricht. Dann wird uns als unsere geschichtliche Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustandes vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern. Dessen Chance besteht nicht darin, daß der Gegner ihm im Namen des Fortschritts als einer historischen Norm begegnen. - Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert „noch“ möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist. (S. 19) 

Die Sprachgeschichtsschreibung der Übersetzung wäre geradezu notwendiger Weise eine vorläufige, die nie an ein Ende kommen sollte. Doch genau dies betrifft den Ausnahmezustand als revolutionären Prozess und das Denken eines Kommunismus, der gerade nicht nur durch eine bzw. die „Partei“ eingelöst werden kann.[5] Denn wenn man dem Gespräch von Alain Badiou mit Peter Engelmann, das unter dem Titel Philosophie und die Idee des Kommunismus 2013 erschienen ist, nachlauscht, und so erging es dem Berichterstatter durchaus bei der Keynote Lecture von Irving Wohlfarth, dann übersetzt sich das Denken Walter Benjamins beispielsweise und sehr exponiert eben auch bei diesem Philosophen, ohne dass das Gespräch auf Benjamin gekommen wäre. Darauf wird noch zurück zu kommen sein.

Von der Probe und dem Vorläufigen kann man nicht nur einfach sprechen oder schreiben, um dann eine setzende Schließung durchzuführen. Walter Benjamin, seine Schriften werden selbst unablässig auf die Probe gestellt, wenn sie bespielweise als Kühlschrankmagnet im Schaufenster einer Buchhandlung in der Nähe des Taksim Platzes gleich zweimal unter Pop-Prominenz erscheinen. Das Vorläufige bedarf einer Offenheit, die nicht in einem Sinncluster ankommt. Viel wäre noch über das Symposium Benjamin Lektüren zu schreiben. Doch einerseits sollen die Bei- und Vorträge ohnehin zweisprachig als Open Source vom Walter Benjamin Archiv online gestellt werden und andererseits halten eben Übersetzungen den Prozess der Benjamin Rezeption offen.

 

Torsten Flüh  

  

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[1] Benjamin, Walter: Illuminations. Translation of Illuminationen. (Translation Harcourt Brace Jovanovich. Introduction Hannah Arendt). New York 1968.

[2] Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte. (Herausgegeben von Gérard Raulet) In: Benjamin, Walter: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe. Band 19. Berlin 2010. S. 358

[3] Ebenda S. 359/360

[4] Ausgabe: Benjamin, Walter: Ein Lesebuch. Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. (Michael Opitz) Leipzig 1996. S. 27ff

[5] Vgl. zur Repräsentation und der Partei Alain Badious Kritik der Partei: „Die Idee einer Partei des Proletariats stammt nicht von Marx, ganz gewiss nicht.“ In: Badiou, Alain: Philosophie und die Idee des Kommunismus. Alain Badiou im Gespräch mit Peter Engelmann. Wien 2013. S. 78