Mit Intelligenz Gefühle durchgespielt - Zu Enno Poppes und Marcel Beyers IQ - Testbatterie in acht Akten

Intelligenz – Test – Variation

 

Mit Intelligenz Gefühle durchgespielt
Zu Enno Poppes und Marcel Beyers IQ ─ Testbatterie in acht Akten

 

Nach Vorspielen, Sternevent und Almwiesen-Erkundung, nach part file score, Einstein on the Beach, Schau lange in den dunklen Himmel also, wurde am Freitagabend, fast möchte man sagen, endlich die Kernzeit des Festival für aktuelle Musik, MaerzMusik, vom als künstlerischen Leiter scheidenden Matthias Osterwohld und dem Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, mit IQ – Testbatterie in acht Akten eröffnet. Einstein on the Beach wurde zum medialen Kracher, zur Hype, zur Bob-Wilson-Party und Schlacht um die allerletzten Karten für ein Jahrhundertereignis. Enno Poppes und Marcel Beyers IQ-Oper fand nun mit Generalprobe und zwei Aufführungen am Freitag und Samstag eher als entspanntes, doch nicht weniger exklusives wie anregendes Familientreffen statt. Von Chico Mello (Komponist) über Erika Rabau (Berliner Fotografinnenlegende) bis zu Andreas Schett von Franui waren zur Eröffnung alle da, die im Festivalspiel mitspielen.

MaerzMusik verspricht seit 2002 eine Vielzahl von Uraufführungen, seltene Wiederaufführungen von wegweisenden Musiktheaterproduktionen, Crossovers von Sound und Installation, Instrumentalmusik, Sonic und Digital Art sowie Stadtmusik und -exkursion in Berlin. Nach Berlin! Nach Berlin! Berlin – Magnet musikalischer Immigration heißt das Programm in diesem Jahr. Zugewandert sind sie mehr oder weniger alle – Enno Poppe, Marcel Beyer, Susan Philipsz, Benoît Maubrey, Chico Mello, Øyvind Torvund, Ya-ou Xie etc. Und Robert Wilson bedankte sich auf der Pressekonferenz vor Einstein on the Beach mit: „Thank you for giving me a home Berlin.“ Berlin und die aktuelle Musikproduktion der vielleicht letzten 20 Jahre lässt sich kaum anders als ein Durchlauferhitzer mit ständiger Tendenz zur Grenzüberschreitung formulieren. Zwischenräume werden aufgesucht, erforscht und verkoppelt. Berlin und seine Musikszene sind nach Enno Poppe vor allem „traditionslos“.

Berlin als Sound-Installation ist vieltönig[1] und überraschend.  Zur Eröffnung schaltete Benoît Maubrey sein Gateway – a Speakers Sculpture frei und ließ seine Audio Ballerinas tanzen. Aus 700 recycelten Lautsprechern wird hörbar, was nicht nur der Künstler einspeist, sondern was Besucherinnen über Bluetooth mit ihren Smartphones ebenfalls übertragen möchten. Eine Sound-Participation-Sculpture sozusagen. Mit jeder Position verändert sich der Sound der Skulptur wie Stadt. Und die Audio Ballerinas nehmen den Sound beispielsweise von Matthias Osterwohlds Eröffnungsansprache auf und geben ihn dann bearbeitet wieder: „Ich träume davon - Ich träume davon – Ich träume davon …“

In der Partitur von Enno Poppes IQ – Testbatterie haben der Cross-Cut Paper Shredder ebenso wie das Computersignal ihren Einsatz. Dabei dachte er vielleicht nicht unbedingt an die Tradition. Aber wie in seinen Kompositionen die Stadt und die Arbeits- wie Verarbeitungsprozesse hörbar eingebaut werden, erinnert dann doch an die fernen Anfänge zu Beginn des 20. Jahrhundert in Kurt Weills Licht-Song oder Edgar Varèses Amèriques. Verarbeitet und geshreddert werden die Intelligenztests. Die doch einen merkwürdigen Sog zwischen Testerin (Katja Kolm) und Testpersonen einsetzen lassen.  

Die Intelligenz ist eine junge Erfindung. Noch im 19. Jahrhundert waren die Menschen so gut wie gar nicht intelligent, was den Gebrauch des Wortes im Deutschen anbetraf. Der Eintrag für die Intelligence in der Encyclopédie 1766 fällt eher bescheiden aus. Kein D’Alembert, Diderot oder Marmontel nimmt sich ihrer als einem term ─ Begriff ─ ausführlicher an. Im Unterschied zu anderen Begriffen wird sie nicht besonders mit einem Verweis – „Voyez“ – kontextualisiert. Vielmehr zeichnet die Intelligence aus, dass sie als mot ─ Wort, Ausspruch, Floskel ─ viele verschiedene Bedeutungen in Redewendungen annehmen kann. Sie ist im Französischen in Gebrauch, lässt sich aber schwer bestimmen, was sie beispielsweise im Unterschied zu Comique oder Masse für den Gebrauch im Deutschen eher uninteressant machte.   

INTELLIGENCE, s. f. (Gramm.) ce mot a un grand nombre d’acceptions différentes, que nous allons déterminer par autant d’exemples.     

Quasi übergangshalber kennt Krünitz die Intelligenz-Anstalt als polizeiliche Einrichtung. Die sogenannten Intelligenz-Anstalten dienten der Überwachung und Spionage wie es sich im us-amerikanischen CIA, Central Intelligence Agency, und dem Intelligence Service erhalten hat. Krünitz‘ Encyklopädie verweist auf Montaigne und sieht die Intelligenz-Anstalten oder auch Intelligenzblätter im Kontext staatlicher Erziehung und Regulierung. Doch im 18. Jahrhundert war wie in der Encyclopédie ohne Hinweis auf Montaigne auf einen breiten Gebrauch verwiesen worden.

Unsere Zeiten sind darin glücklicher, daß durch die Einrichtung der Intelligenz=Contoire an vielen Orten, dem von Montagne bemerkten Polizeymangel abgeholfen, auch oft geschickten Leuten, insonderheit denen, welche sich dem Unterrichte der Jugend widmen, dadurch anständige Gelegenheit, sich fort zu helfen, und dem Staate durch Cultur dieser zarten Pflanzen zu nutzen, verschaffet worden ist…

Entgegen der vieldeutigen Intelligenz-Anstalt, die bei Krünitz staatlich kontrollierte Schule und Polizei verkoppeln und als „zarte Pflanzen“ dem „Staate durch Cultur“ nutzen sollen, macht Hugo Ball am symbolischen Datum 24. Dezember 1918 die Intelligenz zum antiklerikalen und gleichwohl religiösen Kampfbegriff für die Freiheit. In Zur Kritik der deutschen Intelligenz, veröffentlicht in der Freie Verlag Bern 1919, wendet sich Ball gegen eine „preussisch-deutsche Willkürherrschaft“ mit einer Geste der Befreiung. Die „neue Internationale der religiösen Intelligenz“ verspricht nicht nur einen Zusammenschluss von intelligenten, kommunistischen Menschen, vielmehr wird nun die Intelligenz als Modus des Denkens quasi als neuer Gott der Freiheit ausgerufen. 

... Und da ich den religiösen Despotismus für das Grab des deutschen Gedankens hielt, versuchte ich, das neue Ideal ausserhalb des Staates und der historischen Kirche in einer neuen Internationale der religiösen Intelligenz zu begründen. Es kennzeichnet die Freiheit, dass sie so wenig verwirklicht werden kann, wie Gott zu verwirklichen ist. Es gibt keinen Gott ausser in der Freiheit, wie es keine Freiheit gibt ausser in Gott.

Bern, 24. Dezember 1918.

Hugo Ball

 

Enno Poppe hat für IQ ─ Testbatterie in acht Akten auf die Psychologie und psychologische Diagnostik am Ende des 19. und frühen 20. Jahrhundert hingewiesen. Insofern findet die Intelligenz erst spät in der Wissenschaft eine begriffliche Verwendung. Und wird damit zum Gegenstand quantifizierbarer Methoden einer Wissenschaft vom Menschen. Dies kann deshalb als bemerkenswert formuliert werden, weil beispielsweise der Begriff der Masse sehr viel früher nahezu unauflösbar durch D’Alembert mit Rechenmodellen verknüpft worden war und so seine Karriere in der Wissenschaft antrat. Der Intelligenzquotient als „Kenngröße zur Bewertung des intellektuellen Leistungsvermögens (der allgemeinen Intelligenz)“ (Wikipedia) verspricht nunmehr überhaupt eine Messbarkeit von Intelligenz und Wissen.

Was messen wir, wenn wir Intelligenz messen? Was ist überhaupt Intelligenz? Die Geschichte der Intelligenztests beginnt Ende des 19. Jahrhunderts in einem Umfeld, zu dem auch Eugenik und die sogenannte Rassenhygiene gehören… (Enno Poppe)[2]

Am anderen Ende einer quantifizierbaren Intelligenz stehen die Gefühle, um es einmal so zu sagen. Und das Genre der Oper oder des Musiktheaters, vielleicht die gesamte Musik wird landläufig weniger mit der Intelligenz als vielmehr mit dem „Ausdruck“ ─ oder, geradezu schon gewagt formuliert, der Produktion ─ von Gefühlen verknüpft. Intelligenz und Gefühle gehen höchstens in einer auf zweifelhafte Weise und das klassische Modell des IQ kritisierende, emotionalen Intelligenz ziemlich genau seit 1990 eine Verbindung ein. Doch durch das Modell der EQ. Emotional Intelligenz (1995) von Daniel Goleman wird nicht etwa das Gefühl gegen die Intelligenz ins Spiel gebracht, vielmehr wird der IQ mit dem Emotionsquotienten im Modus der Totalität durch Testverfahren erweitert. Enno Poppe und Marcel Beyer haben künstlerisch, musikalisch, literarisch einen entschieden anderen Weg mit IQ ─ Testbatterie in acht Akten eingeschlagen.

Im Durchspielen von 7 Testsituationen mündet IQ in einen zusätzlichen, den achten Akt. Dann geht es nicht mehr um Testmodelle und –situationen, sondern um ein Aufbrechen des vertrackten Verhältnisses von Tester und Testperson durch Gefühle. Das wird szenisch von Anna Viebrock (Regie/Bühne/Kostüme) schließlich mit Gitarren und Akkordeons im Orchestergraben von allen Mitwirkenden geradezu in einer Lagerfeueridylle umgesetzt. Ironisch gebrochen wird es dadurch, dass die Musik in einzelnem Zupfen der Saiten endet und verklingt, was gerade nicht der Art einer kollektiven Lagerfeueridylle folgt.

Wir müssen auf das Ungedachte 

Schauen und mit ein wenig Übung die 

Gedanken auf einen fernliegenden 

Punkt hinlenken, um die gewohnten 

Bahnen zu verlassen.

  

Poppe, Beyer und Viebrock versprechen keine Emphase der Verschwisterung als Gegenmodell zum Test-Wahn-Sinn, der sich in oder mit den „Testbatterien“ der aktuellen Existenz in den Modellen von Wissenschaft, Intelligenz und Gefühl fortentwickelt. IQ ─ Testbatterie in acht Akten wird dagegen an der Schnittstelle von Wissenschaft und Variationsverfahren in der Musik zu einer anders gelagerten Versuchsanordnung und Kunstproduktion. Wann kommen Gefühle auf und wie dazwischen? Gefühle können bei Enno Poppe/Marcel Beyer zu einer Umwertung der Intelligenztestergebnisse führen. Doch die Funktion der Gefühle ist durchaus ambivalent.

Folgen die Gefühlsausbrüche gar einer Logik des Tests und bestimmten Kompositionsweisen? Sie ereignen sich im 7. Akt: Testaufgabe Ähnlichkeiten von Dingen und Wörtern erkennen und benennen II zwischen Testleiterin (Rosemary Hardy) und Proband (Andreas Fischer) ganz wundersam wiederholt, wenn die Testsituation in Tristan-Akkorde kippt bzw. diese schon im 6. Akt anklingen: „Ich halte fest: Ich erkenne die Wirklichkeit an: den Testraum, den Tod und den fiebrigen Wachzustand.“ Im 7. dann schließlich schwingen sich TESTLEITERIN & PROBAND gar zu einer ironisch gebrochenen Verschmelzung auf:

Durchtesten heißt schließlich auch: 

Verständnis schaffen.        

Enno Poppe steckt mit seinen musikalischen und thematischen Anklängen ein breites Klangspektrum von der Audio-Software (Wolfgang Heiniger) über den Shredder bis zum BOMAT-Blues der Probandin (Anna Hauf) ab. Der „Bochumer Matritzentest“-Blues ist schon eine ziemlich tolle Nummer, die das Genre Blues als derb-melancholische Stimmung mit Kontrabass (Aleksander Gabrys), Schlagzeug (Björn Wilker) und Saxofon (Gerald Preinfalk) sprachlich geradezu idealtypisch mit der Qual der Testsituation verknüpft. Einerseits ist das ganz bestimmt ein stark empfundenes und subjektlogisch aufgeladenes Gefühl, andererseits ist die damit verknüpfte Testsituation höchst künstlich und testhalber kalkuliert. Diese Art der Kombination und Komposition gibt immer auch einen ironischen Wink, der den IQ (+ EQ) als Testergebnis auch in Frage stellt.

Ich steckte tief im Bochumer 

Matritzentest, knietief im BOMAT, 

ich dachte ewig nach, denn 

jedes klare Muster schien mir 

lückenhaft und jeder Lösungsansatz 

wirkte furchtbar schief…

Der BOMAT-Blues erzählt von jener vertrackten Verschränkung von Subjekt und Testaufgabe, die es zu lösen gilt. Diese sprachlich, semantische Verschränkung einer Identität, die sich im Testergebnis zeigen soll, wird von Marcel Bayer ebenso kunstvoll wie komisch durchgespielt. Im BOMAT-Blues wird die Erzählung vom sich als „Opfer“ formulierenden Ich und der Testaufgabe bis zur Unkenntlichkeit in Übereinstimmung gebracht. Die Probandin versinkt „knietief im BOMAT“. Die Selbst-Kritik wird über den Test als „mein Manko“ formuliert. Einer derartigen Verschränkung lässt sich nur durch einen anderen Modus von Sprache entkommen. So bleibt es schließlich nicht bei: „Sprache ist Ratte.“ Vielmehr gilt dann doch der Ein- und Widerspruch:

Nein, Sprache sticht Ratte.    

Folgen die Variationen mit den Tests nicht auch einer über den Intelligenzquotienten hinaus verbreiteten Logik der Oper als dramatischem Sujet? Geht es doch in der Oper, insbesondere bei Tristan und Isolde von Wagner, um Testsituationen, in denen sich das Subjekt findet oder auf meist fatale Weise verliert. Getestet und schwer auf die Probe gestellt wird im Tristan das Liebes- und Verschmelzungsversprechen, aber auch die Möglichkeiten der Übertragung von Sprache und Musik. Insofern gibt der spröde Titel IQ mit einem Doppelsinn der Akten im Untertitel einen Wink auf das Genre Oper. Testbatterie in acht Akten lässt sich leicht (miss)verstehen als acht Opernakte und acht Sammelakten über Versprechen der Intelligenz.

 

Torsten Flüh 

 

MaerzMusik 2014

Nach Berlin! Nach Berlin!
Berlin - Magnet musikalischer Immigration

bis 23. März 2014
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[1] Anm.: Ein etwas aus dem Gebrauch geratenes Wort, das aus aktuellen Wörterbüchern fast verschwunden ist, hier einmal neu verwendet. Vgl. Deutsches Wörterbuch

[2] „Enno Poppe. IQ Testbatterie in acht Akten“. Programmheft Schwetzinger SWR Festspiel GmbH (Hrsg.) 2012

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