Mach Dir Dein eigenes Meisterwerk - Zur Konferenz Zugang gestalten im Jüdischen Museum

Digitalisierung – Community – Enttextlichung

 

Mach Dir Dein eigenes Meisterwerk! 

Zur Top-Konferenz Zugang gestalten im Jüdischen Museum

 

Die Medienaufmerksamkeit auf der Konferenz Zugang gestalten – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe war beeindruckend. Medienhype. Im Echtzeit-Tempo, parallel zum Live-Stream, wurde getwittert und gepostet, was das Zeug hielt. DRadio Wissen zeichnete eine Sendung von NETZ.REPORTER XL auf. Während Mittags- und Kaffeepause flammten die Kameraleuchten gleichzeitig an mehreren Ecken im Glashof des Jüdischen Museums von Daniel Libeskind auf. Journalistinnen drängelten sich um Master-Blogger Sascha Lobo oder Zukunftsforscher Eike Wenzel, um Datamanager Lizzy Jongma vom Amsterdamer Reijksmuseum, Michael Naumann (SPD), Ranga Yogeshwar, Monika Grütters (CDU) oder drei sechszehnjährige Jungs, die bei den Hackdays „Jugend hackt“ reüssiert haben.

Nein, Jugend hackt keine Petersilie, sondern Internetseiten und Stolpersteine. Die drei Jugendlichen entwickeln eine App, um Erbe und Erinnerung im städtischen Raum beispielweise auf der Berliner Chausseestraße begehbar zu machen. Ihr Ziel ist eine Stolperstein-App „PlateCollect - iOS“, in der sich die einstigen Wohnorte der verfolgten und ermordeten deutschen Juden mit einem Stadtplan und GPS verschalten. Stolpersteine sollen per GPS vom Aufenthaltsort aus gefunden werden und dann auf einer personalisierten Karte als besucht markiert werden können. Eine Erbe-Erinnerungs-App.

Die App ist noch nicht fertig. Aber die Jungs arbeiten dran, weil ihre Welt auf dem Smartphone, Tablet oder sonstigen Bildschirmen aus Apps besteht. Apps sind die ultimative Verschaltung von Bild und Text im App-Logo. Hinter jeder App verbirgt sich ein Link, der in Echtzeit beispielsweise das Wetter für Berlin etc. anzeigt. Was früher durch Suchmaschinen oder im Browser-Verlauf gespeichert wurde, damit es wieder aufgerufen werden konnte, leistet, spätestens seit Windows 8 am 26. Oktober 2012 veröffentlicht wurde, die App. Das grammatische Geschlecht schwankt wie beim Link zwischen Femininum, Neutrum und Maskulinum. Auf jeden Fall ist die App, die Ernährungs- und Musiktipps geben kann, eine Art Hyper-Ultra-Nanny.

Wenn es mit der Konferenz Zugang gestalten insbesondere um Open Data als barrierefreien Zugang zum kulturellen Erbe von Museen und Archiven durch Digitalisierung geht, dann ist vor allem zu bedenken, wie weit sie im Alltag als Verschaltung und Vernetzung bereits in Apps fortgeschritten ist. Schüler und Jugendliche hassen selbstredend die Reglementierung durch Eltern und lieben Apps! Sie lieben Apps! Echt! Sie können kaum existieren, ohne Apps, die gerade auf dem Schulhof In sind. Eine hippe App, lieber Herr Prof. Naumann, hat für einen Jugendlichen heute mehr Aura als die Mona Lisa, die man dann sowieso nicht kriegen kann. Damit sind wir mitten in der Berichterstattung von der Konferenz, bei der, wie der Organisator und Leiter der Konferenz sowie Medien- und Urheberrechtsanwalt Dr. Paul Klimpel ausdrücklich anmerkte, alle Rednerinnen auf ein Honorar verzichtet hatten.

Jeder warnende Kulturpessimismus im Namen der Aura kommt zu spät. Da können Michael Naumann und Ranga Yogeshwar, Deutschlands erster Kulturstaatsminister und sein berühmtester Wissenschaftsjournalist, noch so sehr von der Goethe-Ausgabe in Maroquin schwärmen und dessen Aura heraufbeschwören. Jugendliche in Deutschland dürften in den seltensten Fällen wissen, was Maroquin meint. Sie haben sich aber längst selbst beigebracht, wie wichtig eine bestimmte App ist, die auch all ihre Freunde auf dem Smartphone haben.

Aura ist ein Modus sinnlicher wie sinnhafter Erinnerung, worüber er mit dem kulturellen Erbe verkoppelt ist und der ─ das muss man sehr genau bedenken ─ akribisch vorschreibt, wie ich mich beispielsweise einem Kunstwerk zu nähern habe, damit sie eintritt. Konkretes Beispiel: Auf meiner Frankreichreise in diesem Sommer wollte sich sozusagen mein Reiseführer auf keine andere Weise dem Straßburger Münster als frontal über die Rue Mercière nähern. Wir hätten uns fast über diesen  Umweg und Umstand gestritten. Aber es ging natürlich um die Aura, von der ich nichts wissen konnte.

Dem Maroquin Aura zuzusprechen und dem iPhone oder iPad diese absprechen zu wollen, erweist sich als kulturkonservative Fehleinschätzung. Zerstört wird die Aura des Maroquin als Bild auf dem iPad, weil es dann nicht mehr so riecht. Doch es gibt selbstverständlich schon iPhone- und iPad-Schutzhüllen aus Maroquin. Selbst Walter Benjamin schreibt bezüglich der „Zertrümmerung der Aura“ 1935/36 nicht von ihr als etwas per se Vorhandenes, sondern ausdrücklich von den historischen Bedingungen der „Sinneswahrnehmung“:

Innerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektion auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung. Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert — das Medium, in dem sie erfolgt — ist nicht nur natürlich sondern auch geschichtlich bedingt…

Digitalisierung und Vernetzung verändern die Sinneswahrnehmung(!) entscheidend innerhalb sehr kurzer Zeit.

 

Sascha Lobo ist für unkonventionelle Positionen und Formulierungen bekannt und deswegen bei einer Netzgemeinde, wer sie auch immer sei, beliebt. Als Blogger, Buchautor und Strategieberater, Spiegel-Kolumnist und „Vortragsredner, Internet hat er zusammen mit Kathrin Passig 2012 das höchst erfolgreiche Buch Internet – Segen oder Flucht geschrieben. Das ist sprachlich zwar kein besonders anspruchsvoller Titel, sondern spielt eher in einem religiös-hierarchischem Modell, in dem es so etwas wie ein höheres Wesen über dem Internet gibt, das über Segen oder Fluch entscheidet. Doch der Titel spricht offenbar an.

Jedenfalls war Sascha Lobo eingeladen worden, die Konferenz mit einem Input über Was erwarten wir? zu eröffnen, woraufhin er vor allem das Wir in Frage stellte. Die Einladung und die Positionierung von Sascha Lobo gingen mehr oder weniger von der Existenz einer Netzgemeinde aus. In etwa so wie man von einer kommunalen Gemeinde im Analogen ausgeht. Doch nach Lobo zeichnen die Netzgemeinde, die außer im Netz vielleicht gar nicht existiert, geringe Trennschärfe und „überhaupt keine Leitlinien“ aus.

Wo es daher so gut wie keine Gemeinde im Sinne von Gemeinschaft oder gar Gesellschaft gibt, sondern eher eine „digitale Gesellschaft, die allein abhängig von Technologien“ existiert, wird ein Sprechen für ein Wir schwierig. Das machte Sascha Lobo klar. Dennoch oder gerade deshalb hat er sich die Domain „Netzgemeinde“ gekauft, wie er in seinem Input verriet. Er nutzt sie aber offenbar nicht, hält sie in der Rückhand. Währenddessen erscheint bei Google auf die Sucheingabe „Netzgemeinde“ folgendes Ergebnis. Google zeigt in der Auflistung ein Ergebnis mit der merkwürdige URL http://mspr0.de/?p=3723 und einem Link zum Blog-Eintrag „Netzgemeinde“ (08.09.2013) von Michael Seemann an, was auf fortgeschrittene Algorithmus-Kenntnisse hinweist. Seemann stellt dann gleich klar:  

Unter den vielen Ankackungen, die mein Artikel hervorruft, ist einer der wiederkehrendsten und inhaltsleersten der Verweis auf die Tatsache, dass es ja “keine fucking Netzgemeinde gibt, verdammt noch mal!”

Gut, das wäre dann der Jargon der Netzgemeinde oder eben auch nicht. Im Internet riecht und schmiert die Kacke nicht mehr oder anders. Sascha Lobo bewegte sich  also auf der Höhe der aktuellen Diskussion über die Netzgemeinde, die es nicht gibt, die sich aber deutlich über fäkale Kraftausdrücke artikuliert, als müsse an eine sinnliche Ebene im Digitalen erinnert werden. Es gibt Leute, die lieben das. Doch der Jargon verweist auf noch etwas anderes. Der sogenannte Shitstorm, der auf einen Blogger im Netz mit zahlreichen Wiederholungen niedergehen kann, verfängt eben doch so sehr, dass er mit einem Kraftausdruck pariert werden muss.

Es geht mit dem Jargon nicht etwa um einen Nebenschauplatz, sondern um eine exklusive Teilhabe am Diskurs der Netzgemeinde, der sie allererst ausmacht. Angesprochen werden die sprachlichen Modi einer Regulierung, die sich als GEGEN Regulierungsmechanismen und –strategien gewandt formuliert. Doch Michael Seemann weist gerade mit seiner Entgegnung auf Regime der Netzgemeinde hin. Wer den Konsens, dass es „keine fucking Netzgemeinde gibt“, nicht teilt, wird aus ihr quasi ausgeschlossen. Was der Autor natürlich auch nicht möchte. Er lebt von und in ihr. Die Rede von der Netzgemeinde wird daher von einem Paradox strukturiert: es gibt sie nur, insofern es sie nicht gibt.

Sascha Lobo formulierte dennoch mehrere Forderungen wie z.B. die „Datensouveränität“, was eine „Hoheit über die Daten“ meint, die einen Netzteilnehmer definieren. Netzteilnehmer sind beispielsweise schon alle, die ein Handy benutzen. Das ist dann zwar eine hehre Forderung, die allerdings voraussetzt, dass jeder Netzteilnehmer überhaupt von seiner Verdatung weiß, sich darüber Gedanken macht und eine hohe Fachkompetenz über Verdatungsmöglichkeiten besitzt. Es ist eine Wissensfrage zwischen Nutzung u.a. des Smarthphone-Komforts und der Verdrängung der eigenen Verdatung. Doch die Parameter, mit denen Menschen aktuell unter dem Begriff Big Data beispielsweise am Berkman Center for Internet & Society, Harvard University, verdatet werden und die Dynamik dieser Verdatung sind den meisten Netzteilnehmern weder bekannt, noch wollen sie es wissen, weil der Modus der Anonymisierung doch eigentlich beruhigt.

Der Berichterstatter erschrickt dann doch ein  wenig, wenn ausgerechnet Jeremy Bentham (1748-1832) von Sascha Lobo als Lösungsansatz für ein Prinzip der Entscheidungsfindung im Internet herbeizitiert wird. „Größtes Wohl für den größten Teil von Leuten“, heißt nach Lobo die vermeintlich einfache Formel für die Entscheidungsfindung im Internet: und öffnet dem Majoritätsprinzip Tür und Tor. Nicht umsonst, sondern strukturell notwendig gebiert Benthams Utilitarismus das Panoptikum als Modus totaler Überwachung.[1] Der größte Nutzen, Vorteil oder Zweck heiligt die Mittel. NSA lässt grüßen! Das behaupten die auch.

Der erste Artikel von Benthams Schlüsselwerk An Introduction to the Principles of Morals and Legislation von 1780 erhebt zwei souveräne Meister zur Herrschaft oder Steuerung der Menschheit: Schmerz und Genuss. Gerade das weite Bedeutungsfeld von „pleasure“ im Englischen eröffnet eine auch problematische Polysemantik von Freude, Glück, Vergnügen, Behagen, Belieben, Wohlgefallen. Die Befreiungsgeste der Menschheit durch das Prinzip, Naturgesetz oder der Gesetzmäßigkeit des Nutzens, „principle of utility“ öffnet dem Terror des Nützlichen und Guten, des Glücks alle Rechte. Aber auch einem reinen Mehrheitskonsumismus.   

 I. Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and pleasure. It is for them alone to point out what we ought to do, as well as to determine what we shall do. On the one hand the standard of right and wrong, on the other the chain of causes and effects, are fastened to their throne. They govern us in all we do, in all we say, in all we think: every effort we can make to throw off our subjection, will serve but to demonstrate and confirm it. In words a man may pretend to abjure their empire: but in reality he will remain subject to it all the while. The principle of utility recognizes this subjection, and assumes it for the foundation of that system, the object of which is to rear the fabric of felicity by the hands of reason and of law. Systems which attempt to question it, deal in sounds instead of sense, in caprice instead of reason, in darkness instead of light.

(Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation)

Das von Bentham spätaufklärerisch und positivistisch formulierte System privilegiert vom ersten Absatz des ersten Kapitels an Sinn (sense), Grund und Vernunft (reason), Licht, um deren Gegenteile Dunkelheit, Launen und Geräusche rigoros auszugrenzen. Dem Prinzip der Nützlichkeit wird mit der Geste der Befreiung das Leben der Menschheit unterworfen. Es geht um die Unterwerfung (subjection) im Namen eines neuen Regimes. Und Bentham schiebt hinterher um die Ebene der Sprache als Gesetz unmissverständlich deutlich zu machen.

But enough of metaphor and declamation: it is not by such means that moral science is to be improved.

Keine Metaphern und rhetorische Übungsreden mehr: jetzt geht es um die harten Fakten der Moralwissenschaft. ─ Es genügt nicht, nur den Zitatenschatz des Internets anzuzapfen, wenn die Ebene der Sprache und deren Folgen nicht mitgedacht werden. Der Utilitarismus erweist sich vor allem als Beherrschungs- und Unterwerfungsphantasie.

Eike Wenzel vom Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) mit der schönen Domaine http://www.zukunftpassiert.de/ warnte nicht zuletzt vor einem Solutionism und dockte damit an das aktuelle Buch To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism von Evgeny Morozov an. Morozov kritisiert vor allem die Annahme, dass das Internet und die technologischen Lösungen zur Teilhabe an demokratischen Prozessen mehr Demokratie gewährleisten könnten. Er fragt in seinem Vorwort, ob Demokratie nicht zu einem Spiel wird, weil die Menschen dabei sich selbst inszenieren können. Verfängt sich die internetbasierte Demokratie im Narzissmus? Darüber könnten allerdings die wirklich utopischen Entwürfe verloren gehen.

I, for one, find much of this future terrifying, but probably not for the reasons you would expect. All too often, digital heretics like me get bogged down in finding faults with the feasibility of the original utopian schemes. Is perfect efficiency in publishing actually attainable? Can all environments be smart? Will people show up to vote just because they are playing a game? Such skeptical questions over the efficacy of said schemes are important, and I do entertain many of them in this book… [2]

Als Trend- und Zukunftsforscher gibt sich Eike Wenzel skeptisch: „Warum wir uns vor der Digitalisierung fürchten sollten.“ Er fordert Regularien, um beispielsweise „Kinder nicht zu Junkies zu erziehen“, wenn es um die Nutzung von Smartphones auf dem Schulhof geht. Wenzel argumentiert und forscht nach der Devise „Zukunft braucht Herkunft“, womit er ein Modell der Prognostik formuliert, dass an Odo Marquardt anknüpft, der insbesondere von der Erzählung vom Menschen als „ihre Geschichte“ ausgeht. Wenn der Mensch und die Geisteswissenschaften als „erzählende Wissenschaften“ nicht mehr von ihm erzählen, dann stirbt nach Marquardt auch das Humanum, der Mensch. Entsprechend formuliert Wenzel seine Zukunftsforschung über die Frage, wie die Geschichten vom Menschen weiter erzählt werden können. Dafür identifiziert er auch das „Bedürfnis nach komplexer Erzählung“ als Trend.

Wenn es keine komplexe, d.h. durchaus geschlossene Erzählung mehr gibt und beispielsweise ein Fußballspieler im Fernsehen Live in realer Zeit durch Einblendung nur noch dahingehend beurteilt wird, wie oft und ob er überhaupt einen Zweikampf gewonnen hat, dann geht auch die Erzählung vom Menschen verloren, kann man nach Wenzels Vortrag sagen. Das Fußballspiel wird auf Grund der Technologie zur statistischen Auswertung einzelner Spieler inhuman. Dazu passt dann auch, dass Wenzel die Zukunft durch Big Data und die Verdatung des Menschen als unmenschlich sieht. Oder lassen die neuen, aus Big Data gewonnen Erzählungen ein neues Menschbild und Bild vom Leben entstehen? Alles wird zu jeder Zeit an jedem Ort präsent sein. Das Leben, ein Cluster aus Apps?

 

Die Schwierigkeit der Erzählung vom Menschen, die sich scheinbar so leicht und unterhaltsam mit dem Fußballer illustrieren lässt, ruft durchaus ältere Erzählmuster wie dem von Mensch und Maschine auf. Nicht zufällig taucht in der Erzählung vom Menschen immer wieder die Gefahr der Maschinenwerdung auf. Das ist ein wiederkehrendes Motiv insbesondere in der Aufklärung. Verdeckt wird auf fast naive Weise mit dem Fußballer-Beispiel, dass sich heute jede Fußballer-Existenz seit frühester Jugend in einer großen Karriere- und Belastungsmaschine befindet, die vom Burn-Out bis zum wiederholten Bänderriss Psyche und Physis eines Fußballers beherrscht. Wenn deutsche Fußball-Teams derzeit besonders erfolgreich sind, dann verdanken sie das dem effizienten Einsatz von Medizin- und Trainingssoftware in Computern, die die Entscheidungen fällen. Fußball-Trainer sind heute eher die Dummies, mit denen der Crashtest der errechneten Aufstellungen und Einsätze durchgeführt wird. 

Vielleicht geht es weniger darum, bestimmte, konservativ ausgerichtete Erzählmodi beizubehalten, als vielmehr darum, die neuen Regime wie Apps zu überdenken, indem man sie für und mit Jugendlichen und anderen Usern analysiert. Sie machen ja vermeintlich das Leben so viel einfacher. Warum soll man sie also nicht nutzen? Und was hat das nun alles mit der Digitalisierung von Museumssammlungen und Archiven zu tun? Erstens geht es wie bei Sascha Lobo und Michael Wenzel immer um Erzählungen, die für oder gegen das Internet, den Zugang für alle zum kulturellen Erbe und die Digitalisierung appliziert werden. Die großen Versprechen des Zugangs zum kulturellen Erbe durch Digitalisierung setzen immer schon einen höchst wandelbaren Begriff von Erbe voraus, worauf nicht zuletzt Stefan Willer in der vorausgegangenen Konferenz im Juni hingewiesen hatte. Zweitens gibt es bereits mit dem Amsterdamer Rijksmuseum eine Institution, deren Digitalisierung und Zugänglichmachung außerordentlich weit fortgeschritten ist. Und diese basiert nicht zuletzt auf Apps.

Wie viel Schutz braucht Erbe? Wovor muss man das kulturelle Erbe eines öffentlichen Staatsmuseums schützen? Sollen die Bilder als Erbe überhaupt geschützt werden oder sollten sie nicht lieber zur kreativen Nutzung freigestellt werden, damit sich die Menschen überhaupt mit dem Erbe befassen? Diese und andere Fragen mögen sich Lizzy Jongma, Datamanager at the Rijksmuseum Amsterdam, und ihre Kolleginnen gestellt haben. Nach Abwägung einer betriebswirtschaftlichen Gewinn- und Verlustrechnung ist das Rijksmuseum zu dem Konsens gekommen, die Sammlung seit 2011 in hochauflösender Bildqualität von Hertogenbosch über Den Haag und Aachen bis ins kleinste chinesische Dorf weltweit online auf http://www.rijksmuseum.nl/ zugänglich zu machen. Und sogleich erscheint die Aufforderung: Maak je eigen Meesterwerk.

Der Paradigmenwechsel heißt Kreativität. Für Lizzy Jongma ist „Creativness“ das Schlüsselwort für die Online-Politik des Museums: Open Data. Die Kreativität soll nicht zugunsten des Bild-Erbes eingeschränkt werden, sondern gar durch eine eigene App, nämlich das Rijks Studio gefördert werden. 125.000 Meisterwerke warten darauf, zum eigenen Meisterwerk als Tatoo auf der Schulter oder Sofakissen etc. gemacht zu werden. Do it yourself, aber mach’s mit den richtigen Daten, könnte man mit Lizzy Jongma sagen. Und was den Profit angeht, so kommen die Leute aus aller Welt sowieso ins Rijksmuseum nach Amsterdam und lassen ihr Geld auf die eine oder andere Weise dort. Statt Eigentumsansprüche zu erheben, sieht sich das Rijksmuseum bestens vernetzt in Amsterdam und freut sich über 200.000 Besucher auf der Website.

Mit den Tools und Apps im Rijks-Studio kann man beispielsweise Johannes Vermeer De liefdesbrief/The Love Letter hochaufgelöst, am Bildschirm analysieren, raus- und reinzoomen, Details ausschneiden oder das ganze Gemälde von 44cm x 38,5cm nahezu beliebig vergrößern oder weiter bearbeiten. Hinter „More Details“ finden sich umfangreiche Angaben zum Material, Gattung und maßgebliche Aufsätze zum Bild. Durch Ausschneiden und Auswählen können Sets erstellt werden. Beispielsweise lässt sich De liefdesbrief mit Brieflezende vrouw kombinieren, um die Eigentümlichkeit der Leseszenen von Vermeer genauer zu betrachten.

Vermeers brieflesende Frauen sind einzigartig und inszenieren allererst Szenarien des Lesens. Vorhänge, geöffnete Türen oder geschlossene Räume, in die der Betrachter blickt, gehören zum Modus der Leseszene. Während die Brieflezende vrouw, beispielsweise gegen ein Fenster gewendet, das nicht zu sehen ist, vor einer Karte der Niederlande einen Brief liest, erhält die Frau in De liefdesbrief einen noch versiegelten Brief. Und wie im zweiten Bild die Kammer mit Türen und Vorhängen allererst als Ort des Lesens inszeniert und gerahmt wird, um den Betrachter zum Lesenden zu machen, so wird er auf das Lesen selbst zurückgeworfen.

Doch wird heute überhaupt noch gelesen? Und wenn dann wie? Immerhin sprach Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland e.V. von einer rapiden Enttextlichung als Trend. Visualisierung durch Bilder, Apps, Logos führt zu einer Enttextlichung zumindest in dem Sinne, dass es auf älteren Websites wenig Bilder und viel Text gab. Richter sieht Wikipedia selbst als ein textbasiertes Medium, weshalb er den Trend mit einem leichten Bedauern dia- und prognostiziert. Doch worum geht es bei den aktuellen Strategien der Enttextlichung?

Die Visualisierung ist heute von den Datenmengen, die im Internet zugänglich gemacht werden können, kein Problem mehr. Texte erforderten früher im Internet, das heute über Glasfaserkabel und UMTS entsteht, weniger Traffic, um es einmal so zu sagen. Doch dieses Argument zählt heute nicht mehr. Um den Zugang und Zugriff zu erleichtern, wird auf dem Interface beispielsweise vom Rijksmuseum viel Bild und wenig Text eingesetzt. Lesen soll keine Barriere darstellen. Lesefreundlicher ist im Interface die Graphik bzw. das Bild, das mit einem minimalen Text auskommen soll. Die Grafikkarte, die im Computer die Grafikausgabe steuert, hat über "den"  Text gesiegt. Scrollen, wie noch auf dem Interface von NIGHT OUT @ BERLIN erfordert, wird durch das animierte Aufklappen von Registerkarten ersetzt. Keywords oder Tags erscheinen in unterschiedlicher Größe, um ihre Wichtigkeit hervorzuheben. Ansonsten werden die kurzen Textblöcke zu einem befehlsförmigen Modus verschlankt.

Visualisierung heißt nicht etwa weniger Text. Denn jedes Bild im Interface generiert sich allein aus großen binären Textmengen. Aus Anweisungen und Befehlen. Reaktionsschnelligkeit und Wiederholungsintensität leiten die Leserinnen der Website. Und dieses Leiten besteht letztlich in Befehlseinheiten. Die anscheinend komfortable Accessability durch das Bild erweist sich als eine scharf zugeschnittene, letztlich militärisch-hierarchische Befehlsstruktur, die sich beispielsweise grundsätzlich vom Lesen der Briefe in den Bildern von Johannes Vermeer und dem des Lesebetrachters unterscheidet. Denn die Originale sind kaum viel größer als zwei DINa-4-Blätter, 46,5cm x 39 und 44cm x 38,5cm, die eine gleichsam brieflesende Hinwendung an das Bild erfordern. Statt schweifendes Lesen und Wiederlesen entscheidet der Click. - Wie lang ist die Verweildauer bei Brieflezende vrouw? Sie selbst nimmt sich offenbar viel Zeit zum Lesen.

Torsten Flüh

 

DRadio Wissen

Netz.reporter xl

Zugang gestalten

Eine Diskussion im Jüdischen Museum in Berlin

Sendung vom 1. Dezember 2013 mit hör-bar

 

Webpräsenz der Konferenzen

Zugang gestalten

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[1] Anm.: Es wäre sicher noch einmal genauer zu bedenken, wie sich sein Utilitarismus im totalen Überwachungsblick und seinem Wunsch, nach dem Tod mumifiziert in einem Schaukasten zu „überleben“, verschränken. Dafür ist hier allerdings nicht die Gegelegenheit.   

[2] Morozov, Evgeny: To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. United States of America 2013. P. xii/xiii

 


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