Hätte ich Flügel wie Tauben, ... Mose von Adolph Bernhard Marx

Mose – Musikdrama – Mauerfall

 

Hätte ich Flügel wie Tauben, …

Die  gefeierte Wiederkehr des Mose von Adolph Bernhard Marx

 

Unerhörtes gibt es aus den Berliner Nächten zu berichten. Nach mehr als 156 Jahren erklang am 14. November das Chor-Oratorium Mose (1841) von Adolph Bernhard Marx (1795 – 1866) in der Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg. Einhundertsechsundfünfzig, unwiderrufliche Jahre trennten und trennen uns von dem Nun-Gehörten. Eineinhalb Jahrhunderte deutsche Geschichte. Es war kein geringerer als Franz Liszt, der 1853 in Weimar die für sehr lange Zeit letzte Aufführung dirigierte.

Am Donnerstag erhielt ich von meiner klugen Freundin B. eine E-Mail. Sie lade mich, wenn ich Zeit habe, was sie nicht glaube, zur Aufführung des Mose in die Gethsemanekirche ein. Sie singe nämlich als Laie im Chor der Sing-Akademie, der diese Aufführung initiiert habe. Marx sei ein glückloser und vergessener Zeitgenosse Mendelssohns. Das Konzert finde anlässlich der Feierlichkeit zu 20 Jahren Mauerfall statt, was ihr allerdings selbst nicht so ganz einleuchte. Aber, naja, das Konzert sei kostenlos. Ich sagte erfreut zu.

Meine Freundin B. ist Berlinerin und Französin. Nach der Aufführung, als wohl an die 2.000 Menschen in der Gethsemanekirche über drei Stockwerke applaudierten, den wiederentdeckten Komponisten feierten, die traditionsreiche Sing-Akademie mit Bravorufen hochleben ließen, die Symphonische Compagney Berlin als Orchester beklatschten, jeden einzelnen der 7 Solisten mit Beifall überschütteten und nicht zuletzt dem Leiter der Sing-Akademie und Dirigenten des Abends, Kai-Uwe Jirka, stürmisch dankten, war all das in Erfüllung gegangen, was sich der Komponist Marx gewünscht haben mag. Ein grandioser Laienchor mit hervorragenden Solisten hatte sein hochdramatisches Oratorium, sein Meisterwerk, vor einem sachverständigen und enthusiastischen Publikum aufgeführt.

Berlin hat ein musikkundiges Publikum. Und es hat erstklassige Kräfte für jede noch so ausgefallene Darbietung klassischer Musik. Das ist nicht Nichts. Schon gar nicht, wenn man den historischen Horizont mit in Betracht zieht, der für die Aufführung des Mose nicht unerheblich ist. Marx lobte 1853 Franz Liszt ausdrücklich dafür, dass er „die weimarischen Lämmer in ihren weißen und himmelblauen Röckchen“ durch das Aufspringen „von seinem Dirigentensitze“ in einen „tiefen Ausdruck des Entsetzens“ zu stürzen vermochte. Ihm war die Dramatik in der Aufführungspraxis wichtig. Die Sing-Akademie zu Berlin, unterstützt durch das Vokalconsort Berlin und den Staats- und Domchor Berlin, ließ in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig.

„Der Strom ward Blut! Blut! Wehe!“ singt der Chor als „Ägypter“ mit wahrhaft alttestamentarischem, wenn nicht wagnerianischen Entsetzen. Denn das Oratorium Mose handelt vom Volk Israel in Ägypten in den drei Teilen der Berufung, dem Gericht und dem Bund. Das Libretto hat Marx selbst aus Zitaten der Lutherbibel zusammengestellt. Über eine Zusammenarbeit am Libretto geriet Marx mit Felix Mendelsohn Bartholdy derart in Streit, dass das Ende ihrer Freundschaft fortan besiegelt war.

Wie Christian Filips in seinem außerordentlich umfangreichen Aufsatz „Historismus und Experiment“ zur Wiederaufführung des Mose im Programmheft ausführt, war einer der Streitpunkte, ob der Mose sich nur auf alttestamentarische und damit jüdische Texte beziehen sollte oder ob auch Stellen des neuen Testaments ins Libretto einfließen sollten. Das war nicht irgendeine Frage, sondern durchaus eine über die Widerspiegelung von Judentum und Christentum im Text. Trennung oder Zusammenführung? Selbstbewusstsein eines aufsteigenden, jüdischen Bürgertums oder Assimilierungsbestrebungen? Dramatik aus dem Konflikt heraus oder Harmonie, um den Konflikt abzugleichen?

 

Setzt man sich diesen Fragestellungen aus, dann waren die Assimilierungswünsche historisch stärker als die Dokumentation eines Selbstbewusstseins vor einem auch trennenden Horizont. Die Harmonisierungsbedürfnisse wurden stärker als die Bereitschaft zum Aushalten von Konflikten. Diese und andere Konstellationen mögen entschieden dazu beigetragen haben, dass Marx’ Mose nicht nur von den Aufführungsplänen verdrängt wurde, bis die Nationalsozialisten den Komponisten und Musikprofessor jüdischer Herkunft endgültig aus dem kulturellen Gedächtnis der Deutschen löschen wollten. Mehr als 60 Jahre schien es, als sei ihnen das gelungen.

Musikalisch glättet Marx nicht. Der Mose ist nicht gefällig. Dadurch geriet der Mose aus Sicht der Musikkritik ins Abseits. Den einen war er nicht modern genug, den anderen zu modern. „Es scheint, als habe Marx versucht, das Dilemma, in das die Oper und die Symphonie nach Beethoven geraten waren, durch eine neue Gattung zu lösen: durch das Musikdrama“, schreibt Filips. So kann man das formulieren, aber mit dem feinen Bedenken, dass Marx wohl nie vom Mose als Musikdrama gesprochen hat und schon gar nicht vom Musikdrama im wagnerschen Sinne. Gleichwohl werden die historischen Charaktere „psychologisiert“. Über die Tradition des Oratoriums hinaus bekommen die einzelnen Charaktere musikalisch und textlich ein Eigenleben.

 

Sprachlich wird das psychologische Eigenleben beispielsweise deutlich in dem Arrangement Mirjams mit den Jungfrauen. Mirjam adressiert die Verstörung ihres Volkes an die Jungfrauen, die diese erwidern und in einem poetischen Bild transzendieren:  

Mirjam mit den Jungfrauen.

Hebt euch von mir, lasst mich bitterlich weinen, müht euch nicht, mich zu trösten über die Verstörung meines Volks.

So höret nun ihr Weiber: lehret eure Töchter weinen, und eine lehre die andere klagen! Der Tod ist auf uns gefallen, die Kinder zu würgen auf der Gasse und die Jünglinge auf der Straße.

Die Jungfrauen.

Hätte ich Flügel wie Tauben, dass ich flöge und wegbliebe: siehe, so wollt’ ich mich fern wegmachen und in der Wüste bleiben.

 

Mose ist musikalisch zweifelsohne ein Scharnierstück in der Geschichte von Oper, Oratorium und Symphonie. Es gehört zu den beglückenden Momenten eines Musikliebhabers, wenn er während der Aufführung hier an einen Wagnersturm, dort an eine Hallenarie, jetzt an romantische Hörner, dann wieder an eine Bach Arie und so weiter sich erstaunt erinnert fühlt, um es später durch einen musikwissenschaftlichen Beitrag im Programmheft bestätigt zu finden. Filips’ Ausführungen ist in diesem Punkt kaum etwas hinzu zu fügen.

Wäre das nun als Schwäche oder als Stärke einzuordnen, wie es Musikkritiker immer wieder getan haben, um einen Komponisten über andere zu setzen? Selbst ein Komponistengenie ist nicht voraussetzungslos. Die Suche, um nicht zu sagen Sehnsucht nach dem Originalgenie ist mindestens ebenso historisch, wie die „weißen und himmelblauen Röckchen“ der „weimarischen Lämmer“. Diese Frage muss man nicht nur nicht beantworten, man sollte sie lieber gar nicht erst stellen.

 

Das Hinauf- und Heruntergedudel der Best of Mozart, Wagner und wie sonst die Lieblinge des Betriebs heißen, müssen wir Adolph Bernhard Marx nicht antun, um ihm unsere Wertschätzung zu erweisen. Die hat er allerdings mit dem Mose durch die Wiederaufführung auf ewig verdient.

 

Filips hatte offenbar den Eindruck, dass sein Aufsatz dadurch interessanter zu lesen wäre, dass er Marx „Größenwahn“ unterstellt, indem jener „den Bewusstseins- und Bildungsstand des ganzen Volkes an der ausbleibenden Anerkennung seines Werks“ bemessen habe. Das ist eher eine ärgerliche als eine interessante Formulierung. Denn den „Bildungsstand“ hatte das Publikum am 14. November 2009 durchaus. Insofern darf man es als eine zivilisatorische Leistung ansehen, dass es heute kaum größerer Mühen und Werbung bedarf, um eine Kirche mit an die 2.000 Menschen, die den Mose hören wollen, zu füllen.

Was allerdings den auch unglücklichen Zug der reformerischen Moderne von Marx ausmacht, ist der Anspruch, dass das „ganze Volk“ ihn lieben müsse. Hinter dem „ganzen Volk“ und dem Begriff des Volks bei Marx, nicht zuletzt im Mose als Urszene der monotheistischen Relegion(en), dämmert immer schon der Begriff des Volks im Totalitarismus herauf. Dieser Zug war dem Volk in der Moderne von Anfang an eingeschrieben, und darin erweist sich das Oratorium Mose als modern. Marx gab sich dem aber nicht bruchlos hin. Dass sich das seit Beginn des 19. Jahrhundert herausbildende deutsche Volk unter Führung Preußens, dessen Herrscher sich als Könige von Gottes Gnaden sahen, einem „jüdischen“ Mose anvertrauen könnte, wird er kaum zu glauben gewagt haben.

 

Die Wiederaufführung des Mose war hoch vernetzt. Über dem Eingang zur Kirche hing nicht nur die Ankündigung des Oratoriums, sondern auch das Transparent WACHET UND BETET. Es ist ein Zitat aus dem Matthäus Evangelium, also dem Neuen Testament. Und es soll an den Herbst 1989 erinnern, in dem die Gethsemanekirche eine wichtige Rolle spielte. Unversehens wurde so der Mose als ein anderer „liberaler“ Gesellschaftsentwurf, der die deutsche Nation als eine andere hätte beeinflussen können, in Beziehung gesetzt.

 

Die Fragwürdigkeit dieser Verknüpfung war meiner Freundin B. eher beiläufig aufgefallen. Sie ist mehr als das. Die Befreiung des Volkes Israel wird um den Preis der sieben Plagen und einer genozidartigen Flut gegen die Ägypter errungen. Der Geburt des Volkes, das entschieden in den Zusammenhang mit der Geburt der deutschen Nation gestellt wird, wird in der Moderne um den Preis millionenfachen Todes erkauft.

 

An die alttestamentarische Sage von der Stiftung des Bundes durch Mose kann eben nach 156 Jahren nicht mehr fraglos angeknüpft werden. Der Mose von Adolph Bernhard Marx ist ein historisch höchst bemerkenswertes Stück Musikgeschichte, wie es Wagner nicht anders ist. Eine Überstrapazierung tut allerdings weder Marx noch der Erinnerung an den Herbst 1989 gut. Diese Art der Sinnstiftung schadet.

 

Torsten Flüh

 

Mose

Oratorium

aus der heiligen Schrift

Adolph Bernhard Marx

 

Sendung im:

Deutschlandradio Kultur

19. November 2009

20:03 Uhr