Faszinierend - Zum Forecast Forum im Haus der Kulturen der Welt

Mentoring – Praxis – Prozess 

 

Faszinierend 

Zum Forecast Forum im Haus der Kulturen der Welt 

 

Mobile Hotels - Tapeten aus Moos - Kunst aus Plastikmüll - Musik aus Windkraft - vom Profit erzeugte Erdbeben… Die Projekte zwischen Kunst, Design, Architektur, Umweltwissen und Wissenschaft der jungen Künstlerinnen - bei Forecast werden sie mit Sternchen geschrieben: Künstler*innen - aus China, Indien, dem Irak, Kanada, Mexiko, Peru, Kolumbien, den USA und ganz Europa sind im Foyer des Hauses der Kulturen der Welt noch unscharf. Es geht um die Zukunft und die Welt, während beispielsweise die NASA gerade mal keine Marsbilder und Daten-, sondern Müllströme und -strudel aus 140 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen veröffentlicht hat. Zwischen Ressourcenverbrauch und gigantischer Müllproduktion verlangt die Menschheit nach kreativen Lösungsansätzen. 

Die Unschärfe der Projekte in einer Ausstellungslandschaft aus Pappkartons im HKW ist der erste Ansatz zum Mentoring von internationalen Expertinnen, die gerade z.B. zwischen San Francisco, Markus Diebel, und Helsinki, Barbara Vanderlinden, besonders innovative Ansätze in den Bereichen Design, Komposition, Scientific Fiction, Architektur, Fotografie und Kuratieren verfolgen. Und so geht es denn auch am Samstagabend bei der Eröffnung erst einmal darum, dass Markus Diebel mit Eric Joris, Barbara Vanderlinden mit Lars Petter Hagen, Jürgen Mayer H. mit Bas Princen überhaupt ad hoc über die Grenzen der Fachgebiete ins Gespräch kommen. Das hochvernetzte, internationale Forecast Forum im HKW soll die Beteiligten Mentees und Mentorinnen zu allererst ins Gespräch bringen. 

Die Gespräche beginnen unterschiedlich. Die Mentoren kennen sich untereinander kaum. Freo Majer und sein Forecast-Team haben sie eingeladen und zusammengebracht. Der Produktdesigner Markus Diebel und der Zukunftsforscher Eric Joris kannten sich vorher nicht. Sie hatten offene Vorgespräche. Jetzt sitzen sie auf dem Pappkartonhügel und versuchen herauszufinden, welche Themen gerade aktuell sind. Sie versuchen, Fragen für das Auditorium aus Forecast-Besucherinnen und jungen Künstlerinnen zu formulieren. Das Format des Mentoring von Forecast ist denkbar offen.

 

Man tastet sich an die Zukunft und an einander heran. Was kann oder möchte ein Produktdesigner von den Fragen eines Zukunftsforschers lernen? Der Produktdesigner mit Google-Produkt-Design-Erfahrung bringt diese „ugly, ugly hybrid cars“ ins Spiel. Warum müssen die so häßlich sein, wenn sie gut für die Umwelt und die Zukunft sein sollen? Eric Joris arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft mit seiner belgischen Gruppe CREW wie er als „artist“ auf der Website vorgestellt wird:   

Artist Eric Joris develops his live-art projects in close collaboration with a collective of artists and scientists. Electronic and digital media form the basis of a unique artistic way of thinking and the engine for aesthetic experiences and reflection. This results in hybrid performances that question and redefine commonly accepted performative parameters. (CREW)

Forecast knüpft mit seinem Titel an jenes Feld der Vorhersagen, Ausblicke und Prognosen an, die in Statistiken und Berechnungen beispielsweise Handlungsspielräume  insbesondere von Politik formulieren. In seiner kurzen Eröffnungsrede erinnerte Bernd M. Scherer, Direktor des Hauses, denn auch an das Anthropozän-Projekt der letzten Jahre. Das im Herbst 2014 mit einem fulminanten Bericht im HKW abgeschlossen wurde. Er fragte danach, wie lange die Erde brauche, um den weltweiten Ressourcenverbrauch eines Jahres zu regenerieren. Es sind Zehntausende an Jahren. Seit 1987 wird der Earth Overshoot Day oder Welterschöpfungstag errechnet und tritt seit 2012 jedes Jahr früher ein. Fiel der Tag, an dem die menschliche Nachfrage an natürlichen Ressourcen die Kapazität der zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt, 1987 noch auf den 19. Dezember so wurde er 2012 bereits auf den 22. August berechnet und trat gerade 2015 am 13. August ein.   

 

Die Methoden zur und Erzählungen von der Berechnung des Earth Overshoot Day mögen grundsätzliche Fragen zum Vorwissen über die Zukunft aufwerfen. Lässt sich doch beispielsweise aktuell hinsichtlich der Flüchtlingsströme nach Europa eine Krise, wenn nicht Versagen der Prognostik beobachten. Nichtsdestoweniger sind es die neuartigen Erzähl- und Wissensformate des Global Footprint Network – Advancing the Science of Sustainability, die ihrerseits Diskurse verschieben. Die Verantwortlichkeit für einen persönlichen ökologischen Fußabdruck via Footprint Calculator durch beispielsweise Ernährung mit oder ohne Fleisch gehört ebenso zum neuartigen Wissen wie der beim Fliegen oder Autokauf und bei der Regulierung von Flüchtlingsströmen aus politischen und ökologischen Krisengebieten.

 

Die neuartigen Erzählungen von der Nachhaltigkeit zur Sicherung der Überlebenschancen der Menschheit verändern gegenwärtig in einem zunehmenden Maße die Strukturen von Kunst, Politik und Wissenschaft. Monokausale Lösungsversprechen existieren alleine noch am Rand des Rechtspopulismus, der nicht nur nach Grenzen ruft, sondern sie gleich selbst über Ausgrenzungen formuliert. Grenzen als strukturell monokausale Lösungsstrategie funktionieren nicht mehr. Wer die Grenzen zieht, lebt von der Ausbeutung riesiger, durch Zäune und Wachtürme gesicherter Plantagen für beispielsweise Ananas und rote Rosen in Kenia, das vom fundamentalistischen Terrorismus in Somalia heimgesucht wird, der Flüchtlingsströme generiert, wenn er seiner Freundin aus dem rechten Club eine hübsche Rose schenkt. Deshalb ist das Forecast Forum im HKW nicht nur eine Karriereplattform für junge Künstlerinnen, Talente aus (fast) aller Welt. Vielmehr schafft das Forum zu allererst eine neuartige Plattform zur Praxis von Kunst, Politik und Wissenschaft. 

Die Schirmherrschaft für Forecast haben Frank-Walter Steinmeier, Bundesminister des Auswärtigen, und Thorbjørn Jagland, Generalsekretär des Europarats, übernommen, womit die politische Relevanz der „künstlerischen Produktionsprozesse unterschiedlichster Genres“ (Forecast-platform Über uns) deutlich markiert wird. Forecast ist als Plattform politisch und kulturell in Berlin, Deutschland und Europa hochvernetzt. Nun hatte der deutsche Außenminister zwar gerade keine Zeit, sich das Forum live im HKW anzuschauen, weil er am 30. August in Kabul war. Doch hatte und hat er versprochen, sich das Kunstförderungsprojekt anzusehen. 

… Forecast ermutigt und befähigt junge Talente aus aller Welt. Es verhilft ihnen dazu, an der Seite starker Mentoren ihre Träume zu verwirklichen. An der Entwicklung jedes einzelnen Mentees wird nachvollziehbar sein, wie aus einer starken Idee ein guter Plan und schließlich ein erfolgreiches Projekt wird. Das sind handfeste Synergien, die jede Unterstützung verdient haben. Ich verspreche mir von FORECAST im HKW große Strahlkraft – weit über die Kunst und auch weit über Berlin als Ort des Geschehens hinaus. Ich werde mir das ansehen! 

Das derart prominent verortete Projekt hat allerdings ein Manko, das Kunst- und Kulturjournalisten, den Kunstmarkt und das Kunstgeschäft beeinträchtigt. Die Mentoren sind eher einem begrenzten Kreis von Experten bekannt, die Mentees sollen erst noch bekannt werden. Die sogenannten Großen Namen fehlen, womit die Kulturredakteure der breiten Medien zögern, überhaupt einen Beitrag in Artikelformat oder einen Fernsehbericht zu platzieren. Denn statt Großer Namen geht es um nicht gerade leicht formulier- und bebilderbare „künstlerische Produktionsprozesse“.

Kulturjournalismus läuft heute vor allem über Große Namen, Gesichter und Superlative. Gerade die Kluft zwischen künstlerischen Prozessen und Produktionspraktiken zum Diktat der Zeitungsseiten und Nachrichtenmeldungen erschwert eine Berichterstattung in den Medien und lässt sie doch zugleich zu einer anregenden Herausforderung werden. Entblödend wird die Ankunft von Ai Weiwei in Tegel zur Nachricht. Und ein Interview von Angela Köckritz und ihrer Assistentin Zhang Miao in der ZEIT vom 12. August muss zum Eklat führen, weil Ais künstlerische Produktionspraktiken überhaupt nicht zu Sprache kommen, obwohl er ständig in seiner Kunst Kommunikationsprozesse bearbeitet  und die chinesische Sprache wie mit dem Crabe House im Film und in der skulpturalen Installation thematisiert.   

Glücklicherweise bietet die forecast-platform.com einen Internetauftritt, der das Forecast Forum und seine Atmosphäre zwar nicht ersetzen kann, doch eine gewisse Nachhaltigkeit über die dreitägige Veranstaltung hinaus generiert. Die intelligenten, vernetzenden und das Event verzeitlichenden Digitalisierungspraktiken ermöglichen heute eine Datenfülle und –vernetzung, die einerseits dazu einlädt, surfend eigene Vernetzungen herzustellen, und anderseits, in den Produktionsprozess von Zusammenhängen einzutreten. So wird das Projekt von Natalia Carrus, Packarting Plastic, im Internetauftritt anders als mit den Kartons und den Vitrinen in der Ausstellung präsentiert. Hinsichtlich des Mentoring durch Markus Diebel im Rahmen von Forecast wird es nun besonders interessant sein, wie ihre Live-Präsentation am Samstag verlaufen ist und ob Markus Diebel Packarting Plastic als Mentoren-Projekt ausgewählt hat, um dann die weitere Produktionspraxis zu verfolgen.  

Die Praxis des Mentoring verschiebt sich durch das offene Format von Forecast. Denn Mentorin und Mentee werden auf gleiche Weise in die personalisierte Erziehungspraxis verwickelt. Insofern Mentoring Erziehungspraktiken meint, durch die unterschiedliches Wissen übertragen und ausgetauscht wird, geht es ebenso um Erziehungsprogramme wie literarische Prozesse und nicht zuletzt um die Figur Mentor als Name in der Odyssee von Homer. Epistemologisch hat sich das Mentoring als Übertragung von Wissen spätestens seit der frühen Neuzeit in der Literatur vielfältig entwickelt, um schließlich als Management-Tool in der Personalentwicklung wiederzukehren. Über Mentoring-Praktiken lässt sich vorzüglich streiten, weil sie über die Zeiten zwischen Günstlingswirtschaft und Erziehungsprogramm changieren. Tendenziell geht es beim Mentoring immer auch um eine Grauzone der Wissensvermittlung, die sich erstens hinsichtlich des zu vermittelnden Wissens schwer bestimmen und zweitens bezüglich der Vermittlungspraxis erhellen lässt. 

Mit Barbara Vanderlinden, der Mentorin für das Kuratieren, lässt sich wohl am ehesten das Konzept von Forecast formulieren. Laut ihrem Mentor Hans-Ulrich Obrist geht es ihr darum, eine Struktur der Produktion in hybriden Kollaborationen zu schaffen. Hybridität heißt dabei nicht nur, dass sie sich mit dem Mentor für Komposition, Lars Petter Hagen, am Eröffnungsabend unterhält und sich hat von der Offenheit der Veranstaltung faszinieren lässt. Vielmehr betrifft die Hybridität auch die unterschiedlichen Medien wie Gespräch, Mentor Focus, Ausstellung und nicht zuletzt Drinks und Musik, die die Präsentation und Produktion ermöglichen.  

… Arnold Bode, Harald Szeemann, Kasper König und Pontus Hulten zum Beispiel haben mit ihren Ausstellungen relevante Fragen über die Rolle des Kurators aufgeworfen. Ein Großteil ihrer Arbeit geschah außerhalb des traditionellen Museums, und das hat eine Diskussion darüber in Gang gesetzt, was eine Ausstellung ist oder sein kann. Ich glaube nicht daran, dass Kuratoren Ausstellungen entwickeln, indem sie in anderer Leute Fußstapfen treten – Ich zumindest tue das nicht. Heute würde ich sagen, die Aufgabe des Kurators ist, die Ausstellung als ein Momentum neu zu denken. 

Das Mentoring lässt sich ebenso wenig planen oder kopieren wie das Kuratieren. Es gilt vielmehr, temporal Räume zu öffnen und durch Vernetzung zu generien. Orientierung wird nicht vorgegeben, sondern zur Aufgabe, die eigenen Orientierungsstrukturen zu öffnen und für die Veränderungen offen zu sein. Was Barbara Vanderlinden mit dem Momentum anspricht, betrifft auch das Ding oder das Artefakt in der Ausstellung. Ging es doch wenigstens tendenziell darum, das Ding in seiner Zeitlichkeit zu verorten oder auch einer Zeitlichkeit durch Dauer zu entkleiden. In diesem Bereich, vielleicht dem spannendsten bei der Frage der Topologie von Ausstellungen ohne Zeit oder auch auf Zeit spielte sich, wie besprochen, nicht zuletzt Tino Sehgals Ausstellung im Martin-Gropius-Bau als ein großes Geflecht aus Zeiten und Orten ab. Indem die Zeitlichkeit als Momentum in die Ausstellung einbricht, geht es nicht mehr darum, etwas Fertiges, Stillgestelltes, Abgeschlossenes zu präsentieren.

 

In die Ausstellung der Projekte für Forecast im Durchgangsraum Foyer(!) des Hauses der Kulturen der Welt zu gehen, forderte auch dazu auf, gerade nicht die Resultate eines Produktionsprozesses, wenn es denn überhaupt um Resultate in der künstlerischen Praxis geht, zu bestaunen, sondern sich von den Momentaufnahmen aus der Produktion wie z. B. und vielleicht am radikalsten in Svenja Schüfflers Projekt Installing Seismic Risk of Istanbul für den Bereich Scientific Fiction von Eric Joris faszinieren zu lassen. Sobald die Faszination für einen Moment eintritt, werden Fragen aufgeworfen, die sich durcharbeiten lassen. Das Betonbruchstück in der zerquetschten Pappkartonlandschaft lud nicht nur zum Hinschauen und Lesen ein, sie machte auch die gewaltige Kraft der Verschiebungen und Erschütterungen plötzlich erfahrbar. 

Auf die eine oder andere Weise wird es eine Dokumentation vom Forecast Forum geben. Berichtet werden konnte nur von einigen wenigen Momenten eines ereignishaften Prozesses bzw. dem Forum als Laboratorium. In einem Laboratorium muss man nicht jeden Vorgang verstehen. Vielmehr ist das Laboratorium ein Ort des zeitlich kaum wahrnehmbaren Zufalls, der alles verändert. Man muss sich davon faszinieren lassen können. Doch das dreitägige Forecast Forum als eine neue Praxis des Mentoring hat bewiesen, dass es möglich ist. Und machte Lust auf mehr. 

 

Torsten Flüh 

 

forecast-platform.com