Der Clou mit dem Parkdeck - Saisoneröffnung an der Deutschen Oper mit Oresteia von Yannis Xenakis

Orestie – Götter – Demokratie 

 

Der Clou auf dem Parkdeck 

Saisoneröffnung an der Deutschen Oper mit Oresteia von Yannis Xenakis 

 

Wenn es keiner Notlösung bedurft hätte, man hätte sie erfinden müssen. Erstmals in der Geschichte des Hauses an der Bismarckstraße werden der Verbindungsweg von den Werkstätten und Magazinen zum Bühnenhaus selbst für Oresteia zur Bühne und das Parkdeck darunter zum Parkett fürs Publikum. Die Obermaschinerie des Hauses wird noch bis voraussichtlich November erneuert, so dass die Bühne nicht bespielbar ist. Deshalb zog das Regieteam um David Hermann auf die Arbeitswege hinter der Bühne und landete den Opern-Clou der beginnenden Saison. Statt malerischer Bühnenbilder verwandelt sich die Funktionsarchitektur zum Bild für den Kampf der Götter mit den Menschen nach der Orestie des Aischylos. 

Der Ausweichort wird Schauplatz und erweitert die Spielmöglichkeiten des Musiktheaters kolossal. Die Bühne mit Orchester liegt nun oben und nicht unten. Aus der, geschätzte 10 Meter hohen, Flügeltür zu den Werkstätten wird das Tor zur archaischen Atridenburg. Der Frauenchor singt links aus den Fenstern der Garderoben im 4. Stock auf das Publikum hinunter. Der eselsohrige Chor schleicht durch die Reihen im Publikum. Agamemnon (Raffael Hinterhäuser) kommt von hinten über das Parkdeck und steigt die steile Treppe hinauf, die selber Bühne ist. Kassandra (Seth Carico) stampft und singt in einem Orakelei, das sich oben öffnet. Die schrecklichen Erynnien kommen von unten und rütteln links am Gittertor, um zu guten Eumeniden zu werden. Athene (Michael Hofmeister) kommt von hinten mit einer Mercedeskarosse staatsfraulich grüßend und singende hereingefahren, verschenkt Orden und befriedet die Menschen. Das Publikum ist mittendrin. 

Yannis Xenakis hätte zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen als zeitgenössischer Komponist ganz groß in einem Projekt mit Robert Wilson herauskommen sollen. Doch er verstarb 2001 78jährig. Bereits 1947 hatte er aus Griechenland vor dem Militärregime nach Paris flüchten müssen, wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt und konnte erst nach dem Ende des Regimes der Obristen 1974 wieder gefahrlos nach Griechenland reisen. Zudem wurde er an der Seite von Le Corbusier in Paris eher als Architekt, denn als Komponist bekannt. Mehr noch: er entwickelte in Anlehnung an die Serielle Musik eine singuläre stochastische Musik nach Prinzipien der Architektur. Auch seine Oresteia führte bislang eher ein Schattendasein auf den Opernbühnen der Welt.  

Seit 1966 komponierte Yannis Xenakis die Oresteia in altgriechischer Sprache nach der Orestie des Aischylos, nahm aber auch Euripides und Sokrates als Texte hinzu. Das merkwürdige Werk entstand zunächst mit einer Konzertsuite und wurde bis 1992 immer wieder um Teile ergänzt. Anders als beispielsweise Hugo von Hofmannsthals und Richard Strauß‘ Elektra (1909) wird der antike Mythos nicht als Psychodrama komponiert. Es werden keine Charaktere herausgearbeitet. Xenakis sprach von Protagonisten. Eher treiben Kräfte und Mächte die Protagonisten zwischen den gegensätzlichen Göttern Apollon und Helena hin und her. Helena befriedet schließlich die Parteien mit dem Versprechen der Demokratie. Das alte Recht der Rache wird abgelöst. 

Yannis Xenakis gehört zu den großen, intellektuellen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er arbeitet seit den 1950er Jahren an der Schnittstelle von Architektur, Technik und Musik. Die Produktionsmodalitäten der Architektur der Moderne eines Le Corbusier verknüpft Yannis Xenakis mit den Kompositionsverfahren von Arthus Honegger, Darius Milhaud und Olivier Messiaen. Nicht zuletzt erregen Le Corbusier, Edgar Varese und Yannis Xenakis mit dem Poème électronique auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel einen Skandal und werden mit ihrer Verschaltung von asymmetrischer Architektur, dem 8-minütigen Musikstück von Edgar Varese, einem Film aus Fotos und dem Lichtdesign sowie das 2 ½ minütige Concret PH von Yannis Xenakis schlagartig berühmt. 

Das multimediale Event Poème électronique, das den literarischen Modus des Gedichtes für seine Architektur bemüht, widerspricht den Gesetzen der Symmetrie in der Architektur.  Le Corbusier, Varese und Xenakis bauen den Weltausstellungspavillon nicht für eine Nation, sondern den damals schon internationalen Elektronikkonzern Philips. Sie setzen auf neue Materialien wie Asbest und Techniken, z.B. Lautsprecher und Projektoren, um dadurch eine Geschichte vom Menschen zu erzählen. Die Erzählung vom Menschen verlangt auf der ersten Weltausstellung nach dem 2. Weltkrieg nach anderen Techniken. Die Selbstdarstellung des Elektronikkonzerns wendet sich im Zeichen der Elektrotechnik und des alle Pavillons überstrahlenden, legendären Atomiums als Versprechen der friedlichen Nutzung der Atomenergie an die ganze Menschheit. 


ORESTEIA von Yannis Xenakis, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 9. September 2014, copyright: Bernd Uhlig

Concret PH und die völlig neuartige, auch euphorische Verschaltung von Künsten und Techniken sind für eine Annäherung an die Oresteia nicht unerheblich. Sowohl die Struktur des Werkes wie Musik und Dichtung funktionieren auf eine neuartige Weise, die den Modi eines Librettos oder Opernerzählung entgegenstehen, als auch die Darstellungsweisen des alten humanistischen Mythos der Orestie. Der Humanismus wird von Yannis Xenakis umgeschrieben, womit sich nicht zuletzt an Hermann Hesses Nobelpreisrede und seiner Zurückweisung eines homogenisierenden Humanismus erinnern lässt. 1958 wird Yannis Xenakis zu einem der Väter der elektronischen Musik. Ein traditioneller Orchesterapparat der Grundtöne fällt damit völlig aus. Stattdessen werden Obertöne wichtig. 

Start with a sound made up of many particles, then see how you can make it change imperceptibly, growing and developing, until an entirely new sound results... This was in defiance of the usual manner of working with concrète sounds. Most of the musique concrète which had been produced up to the time of Concret PH is full of many abrupt changes and juxtaposed sections without transitions. This happened because the original recorded sounds used by the composers consisted of a block of one kind of sound, then a block of another, and did not extend beyond this. I seek extremely rich sound (many high overtones) that have a long duration, yet with much internal change and variety. Also, I explore the realm of extremely faint sounds highly amplified. There is usually no electronic alteration of the original sound, since an operation such as filtering diminished the richness.[1]


ORESTEIA von Yannis Xenakis, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 9. September 2014, copyright: Bernd Uhlig 

Technizität, Architektonik und die Suche nach einem anderen Theater haben Yannis Xenakis bei der Komposition der Oresteia umgetrieben. Das Genre der Oper war ihm wohl am wenigsten Vorbild. Dass er sich für das Altgriechische, von dem niemand wissen kann, wie es geklungen hat, entscheidet, zeitigt auch einen Verfremdungseffekt und spielt nicht nur mit bildungsbürgerlich humanistischem Wissen. Auch Griechen werden den Text wohl kaum verstehen. Vorsichtshalber wird der Text an die Bühnenrückwand in Deutsch projiziert. Doch Xenakis bringt hier zwischen dem Klang der Sprache und dem Verstehen des Textes gezielt Verständnismodi in Bewegung. Jeder kennt mehr oder weniger die Orestie und kennt sie doch nicht. 


ORESTEIA von Yannis Xenakis, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 9. September 2014, copyright: Bernd Uhlig

1996 hat Yannis Xenakis ganz dezidiert das Nō als Modus für sein Theater angesprochen.[2] Er rückt seine Vorstellung vom Theater ganz in die Nähe des Nō. Und zwar ganz besonders hinsichtlich des Verhältnisses von „szenischer Handlung“ und „Musik“. Szenische Handlung und Musik sind im Nō auf eine ganz besondere Weise formalisiert. Um als Nō-Darsteller auftreten zu dürfen, braucht es jahrelanges Studium und hochdisziplinierte Übung, wie sich zuletzt 2012 prominent an der Aufführung von Hougen-monogatari im Konzertsaal der Universität der Künste beobachten ließ. Nō lässt sich nur in sehr restriktiven Schulen erlernen. Man kann sich Nō nicht einfach selbst beibringen und dann auftreten. Diese Ausbildungs- und Aufführungspraxis, die einen großen Einfluss auf die Frage der „Bedeutung“ hat, dürfte Xenakis nicht unbekannt gewesen sein. 


ORESTEIA von Yannis Xenakis, Deutsche Oper Berlin, Premiere am 9. September 2014, copyright: Bernd Uhlig

Oresteia ist schon seiner Genese und Form nach keine Opernerzählung. Die Szenen der Kassandra und Die Göttin Athena sind 1987 und 1992 ergänzt worden. Eine Vollständigkeit der Erzählung des Orestie-Mythos wird offenbar weder angestrebt noch geboten. Vielmehr wird durch die nachträglichen Ergänzungen der Kassandra, die von Apollon mit der Gabe des Vorhersehens bestraft wird, und der Athena, die vermeintlich autonom ein neues Recht stiftet, der Wechsel von Rechtssystemen unterstrichen. Athena bringt 1992 die Versprechen von Demokratie und Menschenrechten. Funktioniert das 1992 noch ungebrochen? Und wie sieht es heute damit aus? 

Die Ablösung eines Rechts durch ein anderes, war schon 1992 nicht bruchlos. Das dürfte dem Intellektuellen, Xenakis, nicht entgangen sein. Selbst wenn man die friedliche Revolution von 1989, die zum Untergang der DDR führte, als Demokratisierungsprozess in Anschlag bringen will, formuliert er 1996, dass ihn die Veränderung des „Begriff(s) von Gerechtigkeit“(S. 10) an der Orestie interessiert habe. Das gibt auch einen Wink auf die Konzeption des Stückes. Kassandra und Athene verkörpern sozusagen zwei unterschiedliche Begriffe von Gerechtigkeit. Die Rollen ähneln sich in ihrer Konzeption und sind unterschiedlich. Die Stadtgöttin Athene agiert nicht ohne Zwang bei der Befriedung der Stadt. In der Inszenierung schimmert deshalb nicht nur zufällig im blauen Kostüm, Perlenkette und Frisur ikonographisch Margaret Thatcher durch, die seit 1979 die Strukturen des britischen Sozialstaates aus der Nachkriegszeit rigoros zerstörte, was Ken Loach 2013 mit The Spirit of '45 in Erinnerung gerufen hat.  

Die Verkörperungen von Gerechtigkeit sind auch in sich gespalten. Sie sind nicht homogen. Nicht zuletzt sind Kassandra und Athene Männerstimmen, die Frauenrollen singen, die Gerechtigkeit verkörpern. In der großen Erzählung vom Geschlecht der Atriden in der Orestie, lässt es dann doch aufhorchen, dass die Verkörperungen der unterschiedlichen Gerechtigkeitskonzeptionen gerade eine Unsicherheit des Geschlechts hervorbringen. Kassandra wird gesungen von dem amerikanischen Bassbariton Seth Carico und muss ständig im Sprechgesang zwischen Bass und Kopfstimme wechseln. Kassandra wird hier zu einem männlich/weiblich gespaltenen Protagonisten. Athene ist besetzt mit dem Countertenor Michael Hofmeister. Es sind eher Sprechgesänge als Opernarien, die diese beiden Protagonisten zu singen haben. Harmonischer Wohlklang wird auch vom kammermusikalisch besetzten Orchester nicht erzeugt. Es dominieren vielmehr das Solo-Schlagzeug (Björn Matthiessen) und das harfenähnliche Psalterion (Georg Glasl).

Die Inszenierung von David Hermann und Christof Hetzer (Bühne, Kostüme) macht Oresteia zu einem dekonstruktivistischen Spektakel. Die Atriden, Agamemnon, Orest, Elektra, Klytämnestra tragen monströse, schwarze Blumenkohlgewächse als Köpfe. Sie sind entstellt, haben keine Gesichter. Gesungen werden sie von mehreren Sängerinnen, also chorisch. Das Geschlecht der Atriden ist kein Menschengeschlecht. Vielmehr dessen Entstellung. Kassandra ist nicht nur eine Weissagerin, der man nicht glaubt, sondern ruft ebenso gut den Tanz der Elektra im Blut wie ein dionysisches Stampfen im Rotweinbottich in Erinnerung. Der Chor trinkt davon. Agamemnons Knochen werden von einem (goldigen) Mini-Bagger über die Treppenbühne gekippt. Athene wird zum Politmedienstar. Alle Protagonisten und Bilder generieren mehr als eine Bedeutung und überschneiden sich. Das tut der Oresteia extrem gut. Sollte man/frau gehört und gesehen haben. 

 

Torsten Flüh 

 

Oresteia 

Deutsche Oper 

Parkhaus 

Sa 13. September 2014 20:00 Uhr 

Mo 15. September 2014 20:00 Uhr 

Di 16. September 2014 20:00 Uhr

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[1] Xenakis, Yannis: Electro-Acoustic Music, Paris 1970 (Xenakis hatte auch das Cover der Venyl-Schallplatte mit Concret PH II gestaltet.

[2] Xenakis, Yannis: Oresteia. Programmheft Deutsche Oper Berlin 2014. (hier ursprünglich 1996) S. 11