Zuspitzung der Poesie - Zur Uraufführung von Das schwarze Wasser nach Roland Schimmelpfennig

Zeitung – Polaroid – Liveticker 

 

Zuspitzung der Poesie 

Zur Uraufführung von Das schwarze Wasser nach Roland Schimmelpfennig von Vivan und Ketan Bhatti

 

Jubel im Publikum der Neuköllner Oper gestern Abend. Der Nachrichtenticker läuft noch: „… Rücktrittsforderungen werden laut…“. Nachrichtenticker sind Sprachformat. Sie laufen als Realitätsgeneratoren. Roland Schimmelpfennigs Stück Das schwarze Wasser erlebte vor ziemlich genau einem Jahr seine Uraufführung am Nationaltheater Mannheim. Im September hatte es Premiere am Hans Otto Theater in Potsdam. Schimmelpfennigs Stücke werden in Deutschland und international gespielt. Er ist der zurzeit meistgespielte deutsche Dramatiker der Gegenwart. Kaum ein Jahr später haben Vivan und Ketan Bhatti das Drama um Integrationsfragen in der Textfassung und Regie von Michael Höppner sowie dem Bühnenbild von Judith Philipp maximal zugespitzt.

  

Die Zuspitzung des Stücketextes von Roland Schimmelpfennig wird durch die Musik von Vivan und Ketan Bhatti zwischen Grooves und kammermusikalischer Lyrik erreicht. Auf leeren Bierflaschen wird gepfiffen, Rap wird angerissen. Als Leyla weint, spielen die zwei Celli. Zwei Violoncelli und zwei Violen in einem Orchester mit Violine, Klavier, Bassklarinette und Schlagzeug unter der Leitung von Yonatan Cohen sind auch ein Statement für die Poesie. Das schwarze Wasser springt nicht nur von Satz zu Satz zwischen den Sprech- und Singweisen von Teenagern, Liebenden, Journalisten und Migranten hin- und her, es spielt auch zwischen der Zeitdifferenz von 20 Jahren. Die „Gleichzeitigkeit von Gegensätzlichem“, so Vivan und Ketan Bhatti, in Deutschland wird mit der Musik herausgearbeitet.

 

Das schwarze Wasser ist nicht nur ein Drama über Integrations- und Klassenfragen in Deutschland, vielmehr handelt es vom Gebrauch der Medien. − „Star-Politiker nach Zusammenbruch in Krankenhaus ei...“ − Das hat Michael Höppner mit seinem Team scharf herausgearbeitet. Welch Zwanzigjähriger kennt heute noch Polaroids? Im Zeitalter der digitalen Fotografie und der Smartphone-Selfies benutzen höchstens noch Künstler die Sofortbildkameras mit der Polaroid-Technologie. 2008 wurde die Produktion von Filmkassetten und Kameras eingestellt.

 

Die Unikate der Schwarzweißfotos oder Polas, später auch in Farbe, versprachen ein Bild im Sofortmodus. Andy Warhol und Robert Mapplethorpe haben in den 70er und 80er instensiv mit Polas experimentiert. Es sind nun bei Roland Schimmelpfennig derartige Polas, die nach zwanzig Jahren einem designierten Innenminister zum Verhängnis werden sollen. Die Polas sind kopiert und vervielfältigt worden, um in einer Zeitungsredaktion zu landen. 


Foto: Matthias Heyde  

Auf den Polas, die besonders gern auf Parties und für Selfies eingesetzt wurden, ist das Wasser schwarz. Deshalb geht Schimmelpfennig in seinem Drama von der Frage aus, was in dem schwarzen Wasser gelesen bzw. gesehen wird. Für die Jugendlichen Cynthia, Leyla, Frank und Karim spiegeln sich in den Polas die Sterne und die Gefühle einer illegalen Party im Schwimmbad irgendeiner Stadt in Deutschland. Für die Journalistinnen sind die Polas Stoff für die Berichterstattung über die „Jugendsünde“ eines Politikers.


Foto: Matthias Heyde 
 

Es gehört zum dramaturgischen Verfahren von Schimmelpfennig gerade keine geschlossene Geschichte wie im Liveticker des Journalismus in kurzen Sätzen zu bieten, sondern die Sensationen der Nachrichten – „Polaroids zeigen Star-Politiker …“ – permanent von Erinnerungstexten – „Frauen brechen durch das Schwarz des Wassers“ – zu durchbrechen. So wird die Sprache zum Drama selbst. Mehr als Inhalte entscheiden die Art und Weise der Formulierungen darüber, was gesagt werden soll. Während der Liveticker deiktisch und apodiktisch formuliert, was die „Polaroids zeigen“, wird in der Formulierung „Frauen brechen durch das Schwarz des Wassers“ durch die ungewöhnliche Kombination der Farbe Schwarz mit dem Wasser offengelassen, was das Schwarz sein könnte.


Foto: Matthias Heyde 

An den Polas brechen sich die Sprachebenen und Sprech- sowie Schreibweisen. Das schwarze Wasser ist keinesfalls nur das poetische Wasser im Schwimmbecken, sondern ebenso der geheimnisvolle Wirklichkeitsspeicher der Polas. Wird dieser auf den Liveticker verkürzt und in Aussagesätzen formuliert, kann er tödliche Folgen haben. Es ist diese Medienbefragung der Fotografie und des Journalismus, die allererst den Anstoß für das Drama um Integration und Parallelgesellschaften bietet.


Foto: Matthias Heyde 

Bei Roland Schimmelpfennig versagt die Sprache in Das schwarze Wasser immer auch. Sie hinterlässt Reste oder gleitet in ein Rauschen. Als Frank seine Jugendliebe Leyla auf der Straße trifft, versagen ihm auch die Worte. Die Komponisten lassen dann wie bei anderen Stellen auch Worte im Off sprechen, während Leyla (Marielou Jacquardt) und Frank (Robert Elibay-Hartog) stockend einzelne Vokale singen. Sie interpretieren und spitzen damit das Drama durch Musik zu. Während Leitmotive in der Oper bei Richard Wagner zum lückenlosen Erzählen eingesetzt werden, schafft die Musik nun eine Lücke und gibt einen Wink auf die Lückenhaftigkeit des Textes selbst.[1]


Foto: Martin Koos 

Nicht jede Transformation eines Dramentextes in ein Musiktheaterstück muss funktionieren. Doch Vivan und Ketan Bhatti komponieren mit dem Auseinanderklaffen dessen, was sich sagen lässt, und dem, was im Moment der Überwältigung von Erinnerung durch zeitliche Differenz nicht in Worten gesagt werden kann, das Verfehlen der Sprache. Sie eröffnen so über die Musik einen dritten Raum, den man „Rauschen“ nennen könnte oder der nicht in der Sprache und den daraus generierten Erzählungen aufgeht. Anders gesagt: ein Raum, der nicht integriert werden darf, um das Zusammentreffen von Frank und Leyla für einen Moment zu ermöglichen.  


Foto: Matthias Heyde 

Das schwarze Wasser ist nach der Meldung „Was aus Teenagerträumen wurde“ der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in der Zeit vom 11. Januar 2015 dafür kritisiert worden, dass das Stück zu simpel sei. Bingo! Wenn das Drama nur auf der Ebene einer Geschichtserzählung wahrgenommen und nacherzählt wird, was im Stück schon lange nicht mehr funktioniert und als Dysfunktion thematisiert wird, dann könnte der Sprachmodus selbst zum Problem werden. 

Mit diesem simplen Schwarz-Weiß-Bild macht es sich das Stück aber ein wenig zu einfach. Es gibt inzwischen mehr Grautöne zwischen Minister und Döner-Händler - die Milieus in Deutschland verschwimmen viel mehr als Schimmelpfennig mit seinem Stück glauben machen will. Aber mit seinem melancholischen Traum von der Nacht am Wasser trifft er den Nerv des Publikums. Wahrscheinlich denken viele an eigene, lang zurückliegende Momente, beim langen und begeisterten Applaus.[2]   

 

Die Aktualität von Das schwarze Wasser hat seit Januar 2015 nicht ab-, sondern zugenommen. Und diese wird vor allem durch die Konstellation von – ein wenig vereinfachend – unterschiedlichen Sprechergruppen wie Jugendliche, Liebende, Erwachsene, Karrieristen, Franks Eltern, Leylas Eltern und Journalistinnen verschärft. Die Lesarten von Bildern und dem Selfie der Bundeskanzlerin mit einem Flüchtling haben sich nicht angeglichen, sondern sind exorbitant polarisiert worden. Das schwarze Wasser handelt genau von dieser divergierenden Wahrnehmung von Fotos als Wirklichkeitsspeicher, an denen die Erzählungen in ihr Gegenteil umschlagen können. Die Inszenierung findet nicht im freien Raum eines assoziativen Textes statt, sondern am Redaktionstisch der Zeitung. Die Krise der Zeitung, der Presse und des Journalismus als „Literarisierung der Lebensverhältnisse“, wie es Walter Benjamin schon 1934 formulierte, hat sich zugespitzt.[3]   

  

Die Frage nach Integration wird in Das schwarze Wasser entschieden als eine von Sprache und Erzählweisen bearbeitet. Kann man Parallelgesellschaften oder „Parallelwelten“ als Narrative befürworten? Oder soll Integration als Homogenisierung einer Deutschlandgeschichte betrieben werden? Homogene Klassen- oder Herkunftserzählungen des Deutschen inklusive Grenzschließungen funktionieren im Januar 2016 besser als noch vor einem Jahr. Integration wird auf Homogenisierung eines „christlichen Abendlandes“, das längst untergegangen zu sein schien, ausgerichtet und schleicht sich nicht nur in die Formulierungen der CSU ein. Statt Vielfalt zu leben, überfallen in Templin junge Männer von Rechts eine Mitarbeiterin im Jugendhaus.[4]

  

Vivan und Ketan Bhatti setzen in ihrer Musik auf Parallelwelten. Denn es gibt nicht zuletzt eine Parallelwelt der Presse und der Zeitung, wo in Redaktionssitzungen Erzählungen besprochen und entschieden werden. Natürlich gibt es unterschiedliche Zeitungsredaktion und eine Vielfalt der Presse, die nicht zuletzt in Rückkopplungsprozessen um Leserinnen konkurrieren. Gegenwärtig steht die Vielfalt auf dem Spiel. Deshalb ist es umso wichtiger sie hörbar zu machen. 

Entsprechend treffen choralartige Passagen auf installative Momente und elektronische Verfremdungen von Sprache, wie wir sie bei unserer Arbeit im Theaterkontext verwenden. So bestimmte das Arbeiten mit der Gleichzeitigkeit von Gegensätzlichem auch unseren Kompositionsprozess. Elektronisch orientierte Grooves erklingen im kammermusikalischen Gewand, um eine urbane, zeitgenössische Musik zu schaffen. Ein weiteres Hauptanliegen war es, die verschiedenen Zeitebenen der Geschichte herauszuarbeiten und sie sich aus einer Art Grundrauschen herausschälen zu lassen aus dem es kommt und in das alles zurückkehrt.[5]

 

Insofern als Roland Schimmelpfennig die Rollenkonzeption als Sprecherinnen bzw. Sängerinnen von unterschiedlichen Redeweisen angelegt hat, werden auch Identitätskonzepte brüchig. Alle Sängerinnen sprechen zugleich Journalistinnen und verkörpern mehre Rollen wie Cynthia, die zugleich Franks Frau spricht (Hrund Ósk Ádnadóttier), Karim (Magnús Hallur Jónsson), Franks Eltern (Katarina Morfa) und den Nachtwächter (Angelos Samartzis). Identifizierbar werden die Rollen einzig und allein an der Sprechweise. Man könnte dies auch ein post-identisches Konzept nennen. Identitäten werden nicht durch Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht definiert, sondern die Redeweisen und Sprachmuster. Dabei ist das junge, exzellente Ensemble aus Isländern, Deutsch-Amerikanern, Franzosen, Deutsch-Kubanern und Griechen nicht nur hoch flexibel und wandlungsfähig, vielmehr unterläuft es auch noch Klischees einer Übereinstimmung der Akteure mit ihrer Rolle.

 

Die Neuköllner Oper praktiziert und inszeniert mit dem Produktionsteam und Ensemble von Das schwarze Wasser sozusagen Integration 2.0. Eine plumpe Festschreibung auf klassen- oder allgemeiner herkunftsspezifische Identitäten wird unterlaufen. Stattdessen wird die Integrationsfrage mit der Frage nach den Medien verstärkt. Damit eröffnet die Neuköllner Oper im Brennpunkt an der Karl-Marx-Straße eine Alternative zur Integrationsdebatte, wie sie sonst in den Medien geführt wird. 

 

Torsten Flüh 

 

Das schwarze Wasser 

nach Roland Schimmelpfennig 

von Vivan und Ketan Bhatti 

Neuköllner Oper

Karl-Marx-Straße 131-133 

12043 Berlin 

Weitere Vorstellungen am 23., 24., 28., 29., 30. und 31. Januar 2016 um 20:00 Uhr 

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[1] Siehe auch: Texturen in der Musik. Das Sonderkonzert der Deutschen Oper und das Emerson String Quartet mit Barbara Hannigan beim Musikfest 2015. NIGHT OUT @ BERLIN 16. September 2015 20:52.

[2] Mannheim (dpa): "Das Schwarze Wasser": Was aus Teenagerträumen wurde. In: Die Zeit, 11. Januar 2015, 11:20 Uhr

[3] Siehe auch: Zeitung und Blog als „Literarisierung der Lebensverhältnisse“. Zu Walter Benjamins Buch EINBAHNSTRASSE und dem Nachtrag Die Zeitung. NIGHT OUT @ BERLIN 7. Januar 2015 19:22.

[4] Staatsschutz ermittelt nach Angriff auf Dozentin. Berliner Morgenpost 21.01.2016.

[5] Vivan und Ketan Bhatti: Parallelwelten. Zur Musik. In: Programmheft: Das schwarze Wasser. Berlin: Neuköllner Oper, 2016.