"Ich will die Nationalität von Osnabrück annehmen." Zu Hélène Cixous' Osnabrück und Colin Crouchs Mosse-Lecture zur Kritik des Liberalismus

Liberalismus – Nation – Literatur 

 

„Ich will die Nationalität von Osnabrück annehmen.“ 

Zu Hélène Cixous‘ Osnabrück und Colin Crouchs Mosse-Lecture zur Kritik des Liberalismus

 

„Le Théâtre du Soleil ne s’abstiendra pas. Pour battre Marine Le Pen, il votera Emmanuel Macron“, steht auf dem DINa-3-Blatt, das die Literatin und Feministin Hélène Cixous hochhält, als sie am Mittwochabend die Bühne des Gorki Theaters zum Passagen Gespräch mit Peter Engelmann betritt. stören heißt das Format der Passagen Gespräche. Hélène Cixous will stören: Das Théâtre du Soleil verzichtet nicht. Um Marine Le Pen zu schlagen, wird es Emmanuel Macron wählen. „s’abstiendra“ war nach der Vorwahl zur Präsidentschaft in Frankreich zur Bewegung geworden. Viele Franzosen wollten nicht zwischen dem Neoliberalen Emanuel Macron und Marine Le Pen wählen. Zwischen Pest und Cholera lässt sich nicht wählen, doch ausgerechnet Hélène Cixous hält dagegen, dass „ihr“ Théâtre du Soleil Macron wählen werde, weil die Angst vor Marine Le Pen größer sei.

Am Donnerstagabend gleich darauf spricht die Literaturprofessorin Ulrike Vedder mit Colin Crouch, der den Liberalismus als „linker“ Soziologe verteidigen will, davon, dass es in Frankreich zu einer großen Bewegung der Nichtwähler kommen könne. Der Liberalismus und das Wahlverhalten in einer semipräsidentiellen Demokratie wie in Frankreich unterscheiden sich von der parlamentarischen Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland. Präsidentielle Demokratien wie die USA und semipräsidentielle wie Frankreich und Russland haben aktuell offenbar größere Probleme mit Populisten und ihrem autokratischen Begehren, als parlamentarische, obwohl oder weil Erdogan gerade die türkische, parlamentarische in eine präsidentielle Demokratie verwandeln will.

 

Hélène Cixous hat die Bürgermeisterin der „Friedensstadt“ Osnabrück, in der ihre Mutter geboren worden war, bevor sie nach Frankreich emigrierte, angeschrieben, dass sie die „Nationalität“ Osnabrücks annehmen wolle, wie sie im Gespräch mit Peter Engelmann sagte. Das ist ein wenig verquer, weil Osnabrück keine Nationalität sein kann. So ähnlich hat ihr dann auch die Bürgermeisterin Birgit Strangmann geantwortet. Doch das verquere Ansinnen der Literaturtheoretikerin und Mitformuliererin der Dekonstruktion, wie sie es 2014 im HAU als „Komplizenschaft“ gesagt hatte, wählte sehr wohl den Begriff der Nationalität als für sie einer Stadt der Frauen Osnabrück (1999). Es ist ihre dekonstruktivistisch-feministische Formulierung von Nationalität.

 

Osnabrück, dieses unmögliche und legendäre, feministische Buch, das im französischen Original ohne Punkt und Komma, ohne strukturierende Interpunktion wie davon fließender, haltloser Text in den Editions des Femmes erschienen war, ist nun von Esther von der Osten mit ausgeklügelten Satzzeichen übersetzt worden. Mit der Rückkehr der Regeln der Interpunktion einer Sprache ändert sich alles. Während die Interpunktion in der Rede so gut wie gar nicht vorkommt, werden schon Regelverletzungen der Interpunktion in der aufgeschriebenen Sprache zur „Problematisierung des Lesens“.[1]  Das heißt, dass es auch ein anderes Buch, ein anderer Text geworden ist. Am Tag nach der Vorstellung im Gorki hat Hélène Cixous es auf Einladung der SPD-Ratsfraktion im Friedenssaal der Stadt Osnabrück präsentiert.

 

Unter den Frauen wurde in Oran im französischen Algerien, wo Hélène Cixous geboren wurde deutsch gesprochen, weil die Familie Klein mütterlicherseits aus Osnabrück kam. Cixous formuliert ihre feministische Haltung zur Politik und Nationalität deutlich aus diesem biographischen Feld. Nicht zuletzt daher ließ sich für sie das Verhältnis zur Sprache als ein mütterliches formulieren. 

Mit einem Jauchzen lernte ich schreiben. Ich erinnere mich an den Geschmack jedes Buchstabenzuges. Ich schickte mich. Auf dem Papier zwischen den Buchstabenbeinen war ich glücklich, ich jubelte. Aber – kaum hob ich die Nase, zerhieb mir ein Schwert die Brust. Ich begriff, dass ich vermaledeit war: Die anderen Kinder heulten nicht. Ich war heimgesucht. Ich trug im Herzen jenes riesige unbewohnte Reich, dessen Sklavin ich war und an das mich ein Furor fesselte, der Maman hieß.[2]      

 

Hélène Cixous formuliert ein paradoxes Verhältnis zum Schreiben und der Sprache, das in der deutschen Publikation an Poesie und Paradox kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Das Schreiben wird mit einem begrüßenden „Jauchzen“ erlernt, die Buchstabenzüge lassen sich als ein „Geschmack“ erinnern und trotzdem „zerhieb mir ein Schwert die Brust“. Die „vermaledeite“ Erfahrung der Schriftsprache und -züge wird ebenso mit einem Verhältnis zur französischen „Maman“ und nicht einfach Mutter in Verbindung gebracht. Schon an dieser Stelle lässt sich sagen, dass das Andere der Übersetzung Esther von der Osten auf kunstvolle Weise gelungen ist. In Osnabrück stiftet Cixous ein feministisches Geschlecht „ohne“: le soleil, die im Französischen maskuline Sonne wird nicht einfach weiblich geschlechtet. Vielmehr wird sie durch „ohne Geschlecht“ aus der sprachlichen Geschlechtung befreit. 

Zitternd vernehme ich die Nachricht: Das Sonnensystem, das wir waren, Mutter und Kind, zusammen von der Trennung angefallen, ist nicht gefolgt. Es ist eine Nachricht, an die ich mich nicht gewöhne. Ich willige ein. Die Nachricht nutzt sich nicht ab. Ich erinnere mich. Es gibt nichts Traurigeres. Wir sind vergangen. Zu ihrer Linken am Frühstückstisch sitze ich, schauen wir dem Aufgehen der Sonne zu. Sie ist groß und rot ohne Antlitz und ohne Geschlecht. Sie ist draußen.[3]

 

Wie Feminismus und Dekonstruktion praktiziert werden, entfaltet Cixous in ebenso literarischer wie wissenschaftlicher Weise mit Osnabrück. Esther von der Osten gelingt es, die Schwebe des Sinns in die Übersetzung zu transformieren. Ein Gespräch auf einer Theaterbühne über die Neuerscheinung von Osnabrück auf Deutsch mag wohl nicht das optimale Format für ein dekonstruktivistisches Sprechen sein. Cixous macht es trotzdem. Auch aus dem Publikum kommen Fragen, die die Festlegungen, Geschlechtungen wünschen, Antworten begehren. Zum Beispiel die Frage nach dem Feminismus. Eine Frau aus dem Publikum formuliert zumindest dem Ton nach die Frage, ob sie nicht mehr feministisch schreibe. Sie erinnere sich an die feministischen Schriften von Hélène Cixous in den 90er Jahren, die sie gelesen habe. Aber jetzt? – Anstatt etwa zu antworten: chérie, Osnabrück auf Deutsch ist ja wohl purer Feminismus; sagt sie, dass der Feminismus in Frankreich tot sei, nicht mehr stattfinde. 

… Sie sind doch die Vorsitzende, sagt er, könnten Sie bitte eine Verlautbarung machen? Darauf erklärte der Mann, dass es ein entsetzliches Massaker gegeben hatte, die Opfer waren auf die Autobahn geworfen worden die Frauen waren als dumme Fotzen behandelt worden, man musste etwas tun. Ein Tribunal. Einen Skandal. Gut. Aber war ich denn die Vorsitzende? Ich war mir bei Weitem nicht sicher. Doch vielleicht saß ich auf ihrem Platz. 

So öffnete ich den Mund und sagte: „ – “ Sehr laut. Und niemand im Raum rührte sich. Dabei hatte ich geschrieen gerufen. 

Da erhebt sich Eve aus des Chaos Tiefen und sagt ich gehe hin.[4]  

 

Lässt sich Osnabrück heute nur noch so lesen, als gebe es ein Wissen vom Feminismus und das Wissen von der Dekonstruktion? Und alles ist erledigt? Sollte es so sein, dass heute alle nur noch Dekonstruktion als amerikanische deconstruction und damit Rückbau wie Abriss verstehen. Im aktuellen Journalismus wird deconstruction selbstredend immerhin mit „Dekonstruktion“ in Anführungsstrichen übersetzt.[5] Ein unberechenbares Wissen der Sprache und Übersetzung verdreht Steve Bannons deconstructionSteve Bannon Details Trump Agenda: Deconstruction of the Administrative State (Breitbart, 27. Feb. 2017)[6] – in Dekonstruktion. Die Verdrehung der „linken“ Dekonstruktion in eine ultrarechte „Deconstruction“ hinterlässt ihre Spuren. Die Dekonstruktion von „՚68“ war, wie sich durch AfD-Ideologen etc. festsetzt[7], an allem Schuld und hat Trump und Marine Le Pen überhaupt erst möglich gemacht.

 

Dekonstruktion als philosophisch-literarische Praxis, wie Hélène Cixous sie mit Osnabrück entfaltet hat und in der Übersetzung von Esther von der Osten nachklingt, lotet allererst die Bedingungen der Sprache aus, weil sie immer unterwirft, was sie hervorbringt.[8] Um 2000 war die Dekonstruktion nicht zuletzt hinsichtlich des Feminismus stärker. Digitalisierung und Semantic Web arbeiten ihr entgegen. Der Verzicht auf die Interpunktion dekonstruiert zumindest ein fragloses Lesen, dem beispielsweise nicht auffällt, dass Osnabrück im Schreiben und als Spur Feminismus praktiziert. 

– Weiß sie, dass du schreibst? sorgt sich mein Freund der Dichter. 

Aber ich weiß nicht wie antworten, ich könnte ihr sagen ich schreibe, aber ich habe es ihr nie gesagt, das ist etwas Ursprüngliches, sie sieht mich an den Schreibtisch gekrümmt in meinem Land, aber was soll schreiben in ihrem Land heißen, ich könnte, aber was soll wissen heißen das ändert nichts, Eve und ich rennen zum Zug zum selben Zug, da sieht man, wie alles uns trennt nichts passt ich halte ein Taxi an, sie will es fortschicken, im Fahrzeug gehen wir uns beinah an die Gurgel, sie hätte nie getan was ich tue, wenn du mich weiter kritisierst schreit sie fahre ich nicht mit dir, ich steige aus und gehe fort, aber ich habe gar nichts gesagt sage ich, siehst du schreit sie, du machst weiter, du sagst nichts, du rufst ein Taxi, also ich steig aus, ich hab es satt, mich kritisieren zu lassen, sie steigt indes nicht aus, sitzt stumm, entrüstet, wir kommen am Bahnhof an, wo …[9]    

 

Esther von der Osten unterwirft ihre Über-Setzung nicht gänzlich den Regeln der Interpunktion der deutschen Sprache. Sie setzt auch anders. Sie verzichtet gelegentlich auf Kommasetzungen, um in der nächsten Zeile mit einer Verkettung durch Kommata fortzufahren. Man kann nie genau wissen, ob das den Leser*innen auffällt und sie es wertschätzen. Im Digitalismus ist heute alles darauf angelegt, die Gewalt der Interpunktion oder das Sicherheitsrisiko der Attribution und Zuschreibungen vergessen zu lassen.[10] Erst wenn der Algorithmus vergessen wird, entfaltet er seine volle Macht als Wahrheitsgenerator. Auf diese Weise wird das Buch und seine Übersetzung nicht nur zu einer verspäteten, vielmehr interveniert es, stört es in einem Diskurs digitaler Medien und eines „erledigten“ Dekonstruktivismus. 

Und auch ich kam nie auf die Idee. Ich staunte sogar, bewunderte ihre Beständigkeit, die meiner Mutter, ihre Widerständigkeit. Vor ihr weichen die Bücher zurück. Taxis fliehen. Zwischen ihr und Schreiben besteht Unvereinbarkeit. Mit dem, was das Buch an Tod voraussetzt und dem, was der Tod an Trauer, an Verinnerlichung voraussetzt. 

– Nein, kein Buch über sie, das ist evident, weder ein Buch über sie noch sie über ein Buch. Denn sie hat weder Anfang noch Ende. Ihre Formel braucht nur drei Buchstaben, E, V, E. Sie ist kurz wie die Formel aller endlichen Dinge: Meer, Himmel, Ja, Nein. Gott. Stop.[11]   

 

Die Unmöglichkeit der Übersetzung und die immer besser berechneten Übersetzungsmaschinen für den Buchmarkt und Journalismus vereitelten die Übersetzung von Osnabrück, wenn sie nicht von gleich drei Institutionen gefördert worden wäre. Die Osnabrücker Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung, das Institut français und der Deutsche Übersetzerfonds haben die Übersetzung ermöglicht und gefördert. Cixous‘ Osnabrück wehrte sich nämlich gegen einen noch so perfektionierten Algorithmus der Übersetzung. In zunehmendem Maße beherrschen Algorithmen die Übersetzungen, weil sich jede Regel in einen Algorithmus fassen lässt! Doch es gibt in der Literatur immer auch die Differenz zur Regel. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich alle Regeln verdaten lassen. Doch die tendenzielle Regelbrüchigkeit, die „Widerständigkeit“ und das Unterlaufen der Interpunktionsregeln in der Schrift machen Osnabrück zu einem brandaktuellen Buch, das nicht zuletzt einen Wink auf die Folgen des Digitalismus  für Literatur und Übersetzung gibt.

 

Osnabrück wird als Osnabrück-Buch geehrt und gewürdigt, weil die Formate der Ehrungen und Verdienste darauf ausgerichtet sind. Seine entscheidende Kraft entfaltet das Buch, das kein Buch verspricht, indessen vor den Datenströmen der Programmiersprachen und Semantiken. Alles wird programmierbar, zur Frage des perfekten Algorithmus. Doch wenn es den Feminismus und die Dekonstruktion noch gibt, dann entfaltet sich auch eine andere Schrift und nicht nur digitale Datenströme. Das Buch Osnabrück ist heute so wichtig, damit Cixous sich wünschen kann, dessen Nationalität anzunehmen.   

Es ist ein Buch ohne Ereignis. Das Ereignis ist Eve. 

Diesem Buch darf es nicht an Wasser fehlen, dachte ich. 

Man müsste erfinden, wie wir am Morgen, während sie schlief – und dazu wecken wir einander sehr früh, noch früher als sie also vor Tagesanbruch – schweigend in ihr Zimmer huschten unsere Körper von heftigem Hass durchfegt. Diese Leidenschaft war so stark, dass sie Götter aus diesen Kindern machte. Es war 1950. Das Feuer verbrannte auf seinem Durchzug alles, vor allem jede moralische Reminiszenz, jede Unruhe der Seele und jedes Zaudern. Ich fühle, dass ich es nicht gut erzähle, denn alles in dieser Szene müsste von einer solchen Reinheit sein, man müsste in der Schwebe des Schweigens einer verlassenen Synagoge bleiben und keine Rechenschaft schuldig sein.[12]

 

Frankreich, die Franzosen haben mit überraschender Deutlichkeit nicht nicht, Marine Le Pen, sondern Emmanuel Macron gewählt. Doch das ist nicht das Ende der Krise, nicht die Rettung, vielmehr ihre Zuspitzung. Der Liberalismus und seine Ausgestaltung werden in den nächsten Jahren Frankreich zu einem für Europa entscheidenden Feld politischer Reformen machen. Bewährt er sich nicht, wartet Marine Le Pen. 2011 erschien von Colin Crouch bei Suhrkamp Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus – Postdemokratie II, was ihn gewissermaßen zum Urheber einer Kritik des Liberalismus machte. Doch die axialen Modelle, die Colin Crouch zur historischen Klärung politischer Prozesse entwirft, haben auch ihre Tücken. 

 

Seine Mosse-Lecture unter dem Titel Antworten des Liberalismus auf die neuen Herausforderungen von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit hielt Colin Crouch weitestgehend in freier Rede auf Deutsch. Er entwarf, nachdem er kurz eine schematische Analyse der Positionen von Emmanuel Macron und Marine Le Pen vorgestellt hatte, zunächst zwei Achsen – Autorität, Tradition gegen Freiheit, Veränderung und Gleichheit gegen Ungleichheit –, die sich kreuzen, um vier Felder anzubieten. Macrons Neoliberalismus ließe sich auf diese Weise von Anfang an im Feld von Freiheit, Veränderung und Ungleichheit verorten, während Crouch eine historische Entwicklung beispielsweise der Sozialdemokratie mit dem Anspruch auf Gleichheit zur sozialliberalen Ungleichheit entwickelte.

 

Die von Crouch stark durch Achsen schematisierte Geschichte der Ausbildung eines Neoliberalismus gegen die Sozialdemokratie und als Opposition zum von „Autorität, Tradition“ und „Gleichheit“ geprägten Rechtspopulismus von Marine Le Pens Front National lässt sich in diesem Schema deutlich darstellen. Doch wie funktionieren die „Antworten des Liberalismus“? Einerseits wird sich nach der Wahl Macrons zum Präsidenten sagen lassen, dass die Versprechen auf Freiheit, Gleichheit und Inklusion statt Ausgrenzung funktioniert haben. Andererseits schlägt sich Crouch damit entschieden auf die Seite des Neoliberalismus, den er 2011 mit einer „engagierten, kampflustigen, vielstimmigen Zivilgesellschaft“ kritisiert hatte.

Ich plädiere … für das Eingreifen einer vierten Kraft, nämlich einer engagierten, kampflustigen, vielstimmigen Zivilgesellschaft, die die Nutznießer des neoliberalen Arrangements mit ihren Forderungen unter Druck setzt und ihre Verfehlungen anprangert. Damit will ich keinesfalls eine Gesellschaftsordnung versprechen, die sich grundsätzlich von einem von Großkonzernen dominierten Kapitalismus unterscheidet. Doch wenn die Zivilgesellschaft offen und wachsam bleibt, könnte unser Leben um einiges besser werden, als wenn wir den Staat und die Unternehmen sich selbst überlassen.[13]

 

Der Neoliberalismus müsste nur ein wenig durch die „Zivilgesellschaft“ reformiert werden, dann werde schon alles gut. Indessen war der Sieg Macrons am Donnerstag (4. Mai) keinesfalls sicher, so dass er in Frankreich abermals unversehens zum Geburtshelfer einer nationalistischen, fremdenfeindlichen Autokratie hätte werden können. Zu den Absurditäten der Wahlversprechen von Marine Le Pen gehörte nicht zuletzt, dass Frankreich mit dem Austritt aus der EU und der Einführung des Franc als Nationalwährung stärker werden werde. Ausgerechnet der Franc als starke Währung! Beim Glauben an das Britische Pfund gibt es noch eine Rest-Realität mit London als Finanzplatz, den der Brexit indessen nicht wiederbelebt, sondern bereits dabei ist zu „dekonstruieren“. Kurz: die Zuspitzung durch das semipräsidentielle System spielt den Sieg eines zivilgesellschaftlich regulierten Neoliberalismus vor, der sich binnen kürzester Frist in eine Katastrophe verwandeln kann. 

 

Nach Crouchs Achsenmodell wird der Liberalismus in seinen Positionen von Freiheit, Veränderung und Internationalismus gleichzeitig von einem Modernen Konservatismus und in seiner Verteidigung einer Ungleichheit von der Modernen Sozialdemokratie bedrängt. Anders gesagt, sie haben seine Positionen übernommen. Crouch hat mit seiner Forschung der letzten zwanzig Jahre nicht zuletzt den Begriff der Postdemokratie geprägt. Insofern reagierte sein Buch von 2011 auf die Finanzkrise von 2009. Die Politik der Postdemokratie ließe sich durchaus anhand der Finanzkrise als einem Versagen einer demokratischen Wirtschaftspolitik und der Macht von Großkonzernen fokussieren, doch die ungeregelte Freiheit der Finanzmärkte, Geldinstitute und Finanzprodukte ging allererst aus dem Neoliberalismus hervor.  

 

Der Liberalismus wäre nicht Ursache, sondern Effekt betrügerischen Handelns in der Postdemokratie, indem Crouch selbst in seinem aktuellen Buch Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht – Postdemokratie III gerade einschränkt, dass er nicht behaupten wolle, „daß die Ursache des gegenwärtig überall zu beobachtenden Vertrauensverlusts sei“. [14] Der Neoliberalismus der Finanzmärkte müsste nach Crouch von betrügerischem Verhalten gesäubert werden, damit das Vertrauen in die Demokratie und den Liberalismus wieder wachse. 

Der Neoliberalismus spielt in diesem Zusammenhang vor allem deshalb eine Rolle, weil seine Advokaten unerschütterlich behaupten, daß der Markt alle Vertrauensprobleme lösen werde, weil er Vertrauen überflüssig mache. Das trifft, wie wir sehen werden, sogar in vielen Fällen zu. Aber eben nicht in allen. Und auf verschiedene Weisen kann der Markt dem Vertrauen sogar abträglich sein.[15]

 

Crouch argumentiert mit einem Kredit, einem Vertrauenswissen, das vom Neoliberalismus nicht ausreichend berücksichtigt werde. Insofern geht es ihm nicht um eine systematische, sondern reformierende Kritik des Liberalismus. Seine Kritik richtet sich darauf, das Vertrauen in den Liberalismus, für den es, wie er im Gespräch sagte, nichts Besseres geben, zurückzugewinnen. Während Crouch gerade durch seine deutschen Titel bei Suhrkamp als veritabler Kritiker – „das befremdliche Überleben“, „das Wissen bedroht“ – des Liberalismus auftritt, geht es ihm doch eher um dessen (un)kritische Rettung. Auf der Suche nach einer Kritik des Liberalismus wird Colin Crouch aus der Kritik der „Finanzmärkte“ zu seinem pragmatischen Verteidiger. 

 

Torsten Flüh 

 

Hélène Cixous 

Osnabrück 

Herausgegeben von Peter Engelmann 

Übersetzt von Esther von der Osten 

ISBN 9783709202500 

235 x 140 mm, 200 Seiten 

Preis 26,70 EUR

 

Colin Crouch
Jenseits des Neoliberalismus
Ein Plädoyer für soziale Gerechtigkeit
Herausgegeben von Peter Engelmann

Übersetzt von Georg Bauer
Erschienen 2013, Aufl. 1
ISBN 9783709200674
235 x 140 mm, 236 Seiten
Preis 20,50 EUR 

Nächste Mosse-Lecture
Dieter Langewiesche
Bildungsliberalismus - historische Reflexionen
Donnerstag, 18. Mai 2017, 19 Uhr c.t.
Unter den Linden 6
Senatssaal


Nächstes Passagen Gespräch
stören!
Strategien politischer Intervention
13. Juni 2017 19:30
Jean-Luc Nancy
Maxim Gorki Theater 

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[1] Vgl. Marianne Schuller: Verpassen des Geschlechts: Kleists „Die Verlobung von St. Domingo. In: Susanne Gottlob, Claudia Jost, Elisabeth Strowick (Hrsg.): »Was ist Kritik?« Fragen an Literatur, Philosophie und digitales Schreiben. Hamburg: LIT, 2000, S. 322-324. Und: Torsten Flüh: Zu einigen Destabilisierungen des Sprechens und des Hörens. In: Ebenda, S. 332.

[2] Hélène Cixous: Osnabrück. Aus dem Französischen von Esther von der Osten. Wien: Passagen, 2017, Prolog, S. 13.

[3] Ebenda S. 57.

[4] Ebenda S. 42.

[5] mm/mak (dpa, ape, rtre): Trump-Stratege Steve Bannon will den Staat „dekonstruieren". http://www.dw.com/de/trump-stratege-steve-bannon-will-den-staat-dekonstruieren/a-37698576

[6] Charlie Spiering: Steve Bannon Details Trump Agenda: Deconstruction of the Administrative State. http://www.breitbart.com/big-government/2017/02/23/steve-bannon-details-trump-agenda-deconstruction-administrative-state/  

[7] Vgl. Torsten Flüh: Das Nachleben der Diskursfriedhöfe. Falk Richters Fear an der Schaubühne am Lehniner Platz. In: NIGHT OUT @ BERLIN 31. Mai 2016 18:48.

[8] Siehe auch Verräter (2017) von Falk Richter und Torsten Flüh: Ziemlich heftiges Verräter-Ding. Zur umjubelten Uraufführung von Falk Richters Projekt Verräter — Die letzten Tage. In: NIGHT OUT @ BERLIN 2. Mai 2017 22:17.   

[9] Hélène Cixous: Osnabrück … [wie Anm. 2] S. 43.

[10] Siehe Brad Smith: A Cloud for Global Good. Die Cloud als Wegbereiter für globalen Wohlstand: Vertrauen – Verantwortung – Teilhabe. Eine Denkschrift. Redmond: Microsoft, 2016, S. 61,

[11] Hélène Cixous: Osnabrück … [wie Anm. 2] S. 45.

[12] Ebenda S. 129. 


[13] Colin Crouch: Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus - Postdemokratie II. Berlin: Suhrkamp, 2011, S. 14-15.

[14] Colin Crouch: Die bezifferte Welt - Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht – Postdemokratie III. Berlin: Suhrkamp, 2015, S. 48.

[15] Ebenda.