Voll auf Öko - Katie Mitchells energieladende Inszenierung von Ducan McMillans Atmen

Energie – Leben – Wissen

 

Voll auf Öko

Katie Mitchells energieladende Inszenierung von Duncan McMillans Atmen

 

Atmen ist nicht gut für die CO²-Bilanz. Und überhaupt ist es ein Trauerspiel mit der Energieeffizienz des Menschen. „Der Mensch ist zu 25% effizient“, steht auf einer Seite im Programmheft zur deutschen Erstaufführung von Duncan McMillans Stück Atmen in der Inszenierung von Katie Mitchell. Wer sich eine Feierstunde der „Trennstadt Berlin“ erwartet oder gar befürchtet hatte, wird sich wundern. Ironie leitet den ökologischen Textfluss von M und F oder Mann (Christoph Gawenda) und Frau (Lucy Wirth). Sie sind grandios. In der B-Premiere des Stücks am Montag gibt es begeisterten Beifall und deutliche Bravos.

Ökologisches Verhalten ist total wichtig. Deshalb fahren auch so viele Berliner weiterhin mit Sport Utility Vehicles, SUVs, durch die Stadt. SUV macht sportlich. Und steigen sie um aufs Fahrrad, dann ist oft schon mal klar, dass sie die besseren Menschen sind. Das nicht nur Gut-, sondern Besser-Bewusstsein, führt in Berlin gelegentlich dazu, dass sich Fahrradfahrer schon mal extrem rücksichtslos verhalten und auch recht ruppig werden können, selbst gegenüber Läufern. Kann man also noch bruchlos vom Bessersein wegen ökologisch richtigen Verhaltens ernsthaft überzeugt sein? Berechtigt das Fahrradfahren zum Überfahren?

Der Terror des Guten wird gebetsmühlenartig auf der ökologischen und CO²-Ausstoß-neutralen Fahrradinstallation (Bühnenbild: Chloe Lamford) in der Schaubühne mit der nach Bestätigung suchenden Frage „Sind wir gute Menschen?“ wiederholt. Das Wissen um die ökologischen Folgen der eigenen Existenz oder gar der verantworteten Existenz eines „neuen“ Menschen beherrscht das Paar auf den Fahrrädern des Lebens. Sollen oder sollen wir nun nicht bei zunehmender Überbevölkerung ein neues Leben mit CO²-Fußabdruck im Anthropozän produzieren? Und dann kommt es in dem unaufhörlich fließenden Text aus mehr oder weniger Dialogen zur Fehlgeburt. 

Weil die beiden brillanten Schauspielerinnen in der Fahrrad-Existenz-Installation parallel angeordnet sind, reden sie mehr aneinander vorbei, als dass sie miteinander sprechen. Unter dem Regime der Ökologie als Existenz ordnendes Verfahren, das natürlich immer wieder verletzt wird und werden muss im Laufe eines Lebens, bleibt am Schluss die Liebe auf der Strecke. Anders gesagt: erst nachdem M gestorben ist, kommt F über die Lippen: „Ich liebe Dich.“ Lucy Wirth und Christoph Gawenda hasten auf höchstem Niveau durch den Text wie durch das Leben, bis dann eben auch die auf den Fahrrädern erzeugte Energie für die Beleuchtung der Aufführung erlischt.

Klar, dieses Stück und seine sprachlich, äußerst präzise Inszenierung durch Katie Mitchell werden zum Streitfall der Ökologie. Sind das Stück und seine Inszenierung nun für oder gegen ökologisch korrektes Verhalten? Im Programmheft gibt es keine Zusammenfassung oder Auslegung. Es gibt ein Statement der Bühnenbildnerin, Angaben zu den Fahrrädern der Schauspieler, zu „kWh“ und „Verbrauch im Alltag“, „Energieübermittlungsprozess“ und Fotos von der Konstruktion. Im Heft liegt gefaltet ein genauer Konstruktionsplan. Weil es in Atmen um eine ganze Lebenserzählung unter den Bedingungen der Ökologie geht, ist der Plan auch einer fürs Leben.

Die Podien und die hängenden Boxen über den Fahrrädern bestehen aus Kunststoffplatten. Diese sind aus gepressten Recyclingmaterialien hergestellt, wie man sie in der gelben Tonne sammelt.
(Chloe Lamford über das Bühnenbild)

Die Inszenierung ist sozusagen ökologisch wasserdicht. Cycling wird zum Recycling. Dafür gibt es weit fortgeschrittene Recycling-Technologien. Der Kreislauf soll einem geschlossenen angenähert werden. Blöderweise kommt das Leben dazwischen oder die erzeugte Energie verflüchtigt sich im Zuschauer. Ausgerechnet bei der Übermittlung von „Schallenergie, Lichtenergie, thermische Energie“ an „die Zuschauer“ stellen sich „Verluste“ ein. Verdammt. Das Recycling wird nicht nur von Verlusten heimgesucht. Es wird geradezu von Verlusten strukturiert, weil irgendetwas mit dem „Energieübertragungsprozess“ nicht funktioniert. Der ganze, ökologisch korrekte Energieaufwand geht dann beispielsweise in einer vernichtenden und hämischen Theaterkritik verloren.

Es könnte allerdings sein, dass der Theatereffekt dann doch funktioniert und einige wenige Zuschauerinnen nicht gleich urteilen, weil man sich das Stück auch hätte SPAREN können, sondern ausgerechnet durch kontroverse Kritiken, eine Diskussion über das Regime der Ökologie angestoßen wird. Für oder gegen Ökologie ist nicht die Frage, die Duncan McMillan und Kathy Mitchell stellen. Sie decken vielmehr auf, wie das Regime der Ökologie das Leben von zumindest jungen, gutinformierten, reflektierenden Menschen um die 30 beherrscht. Omas oder Muttis Spruch „Mach Dir nicht so viele Gedanken, wenn es um die Liebe und Kinderkriegen geht“, wird natürlich ebenso durchgespielt, wie das Ratgeberwissen Kinderkriegen.

F und M sitzen nicht wirklich fest im Sattel des Lebens, selbst wenn sie sich scheinbar mühelos und kaum schwitzend abstrampeln. F raucht und hat eine Fehlgeburt. M hat was mit der Sekretärin oder so und ist eher erfolglos mit dem Musikmachen. ─ Rauchen! Während der Schwangerschaft! Das hälst du ja im Kopf nicht aus. Und dann wissen die das dank Ratgeberkultur im Fernsehen, im Radio, in Büchern und durch Apps auf dem Smartphone doch alles schon im Voraus. Und trotzdem gibt es Fehlgeburten. Meine Nachbarin, um es einmal so zu sagen, sagte vor kurzem an der Wohnungstür in etwa: „Nein, wir wollen kein zweites Kind. Ich bin nicht mehr die Jüngste, weißt du. Und dann der Stress mit der ganzen pränatalen Diagnostik. Das ist mir zu viel Stress.“


Foto: Stephen Cummiskey

Die Ratgeberkultur, die aufs Engste mit dem Guten, Recycling und der Effizienz des Lebens heute zumindest in hochentwickelten Industrienationen verschränkt ist, erweist sich als überaus ambivalent. Nie zuvor hat sich so viel Wissen in so schneller Zeit in allen Bereichen über die Existenz vom Genom bis zum Karriereknick gelegt. Keinen Ratgeber gelesen oder befolgt zu haben, wird mit intensiven Schuldgefühlen geahndet. Nicht-Wissen schützt vor Strafen nicht. Sogleich werden die juridischen Modi von Fahrlässigkeit oder gar Vorsatz in die Bewertung des Verhaltens eingespeist. Darum geht es mit Ökologie, Recycling und Atmen.


Foto: Stephen Cummiskey

Wenn man heute die falsche App auf dem Smartphone hat, dann kann das das Leben kosten. Hast wohl die falsche App gehabt, was?! Trennstadt Berlin gibt es für Facebook, Twitter, Stumble Upon, Pinterest, Google etc. Das Verhältnis von Ökologie und Medien scheint sich ein weiteres Mal zu verschieben. Armin Schäfer hat bei seiner Antrittsvorlesung der Professur für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte der Medienkulturen im März 2012 darauf aufmerksam gemacht:

Von dem Ziel der Ökologie, dass Mensch und Natur in ein natürliches Gleichgewicht kommen, müssen wir uns verabschieden. Denn es gibt für uns Menschen keinen authentischen und unverstellten Zugang zur Natur. Die Begriffe Kultur und Natur lassen sich nicht oppositionell oder simplifizierend gegenüber stellen. Und es gibt auch nicht die eine Kultur, sondern viele Medienkulturen.

(Milieu und Medium: Wege zur Ökologie.)


Foto: Stephen Cummiskey

Man muss noch einmal auf den Konstruktionsplan für das Bühnenbild zurückkommen. Weil der Plan größer als DIN a4 ist, mussten die beiden Wandhydranten links und rechts weggefaltet werden. Eingezeichnet sind ebenso die Plätze für „2 Rollstuhlbenutzer“. Hinten mittig ist die „Mini Power Station + Sound Operating Position“ platziert, die jeweils zwei „Standing Bikes To Power Sound and Projection“ links und rechts mit Energie beliefert wird. Die Wege des In- und Outputs von Energie sind deutlich eingezeichnet. Doch was verrät der Plan über die Engerieflüsse hinaus? Mit den Wandhydranten und Rollstuhlplätzen werden Gesetze und Verordnungen gleichwertig markiert. Die Feuerschutzverordnung schreibt natürlich für den Saal und seinen Betrieb die Kenntlichmachung der Wandhydranten vor. Und auch die Plätze für die Rollstuhlbenutzer entsprechen bestimmten Vorschriften.


Foto: Stephen Cummiskey

Der Konstruktionsplan ist letztlich ein komplexer Gesetzestext aus Wissen über Elektrizität und Energie sowie Vorschriften über Bau und Sicherheit, in dem sich zwei Schauspielerinnen in einem Text abstrampeln. Der Konstruktionsplan tendiert zur energieeffizienten Verschaltung von Welt, in der ein Theaterstück aufgeführt wird. Scheinbar kommentarlos wird mit dem Programmheft unter Beigabe des Plans vor allem die Konstruktion von Ökologie ausgestellt. Ökologie als der Versuch, das Leben des Menschen mit der Natur in Übereinstimmung zu bringen, basiert auf Rechenmodellen und Gesetzen. Atmen erzählt indessen vom Scheitern der Berechenbarkeit.

Es geht nicht darum, großindustriellen Ökologie- oder Klimaschutzgegnern und us-amerikanischen Jüngern des Profits wie den Gebrüdern Koch oder Sarah Palin auch nur einen Deut recht zu geben. Vielmehr geht es darum, das Paradox der Ökologie zwischen Berechenbarkeit und Scheitern durchaus schmerzhaft herauszuarbeiten. Das schärfste Paradox markiert eben das Atmen als Voraussetzung für Leben. Am Titel des Theaterstücks selbst erscheint somit das Paradox der Ökologie - Atmen. Es geht zwischen Berechenbarkeit und Scheitern um Modi des Aushaltens oder Überlebens. Weil ein durchaus nicht unbedeutender Teil der Theaterkritik wie z.B. Tagesspiegel und RBB-Kulturradio dies Paradox überhaupt nicht aushalten konnten oder wollten, wurde die Premiere von Atmen an der Schaubühne abgestraft.


Foto: Stephen Cummiskey

Zumindest ein Teil der Theaterkritik forderte unverhohlen und deutlich eine ökologische Position von Stück und Inszenierung. Doch obwohl nun gerade die Inszenierung als CO²-neutral konzipiert wurde, erscheint den Kritikerinnen die ökologische Aussage nicht klar genug. Katie Mitchell wird gar beschimpft, weil vermutet wird, dass der Stücktext klarer Position beziehen würde. Das ist falsch. Sie inszeniert die Aufführung in absoluter Übereinstimmung mit dem Text, geradezu werkgenau. Und sie verstärkt ihn. Während sich der Berichterstatter mit Katie Mitchells Inszenierung von Luigi Nonos Al gran sole carico d’amore 2012 im Kraftwerk Mitte nicht anfreunden konnte, weil die Inszenierung die Struktur der Komposition anders auslegte, werden nun gerade in einem 2-Personenstück ihre Stärken sicht- und hörbar.  

Es gehört zu den Stärken der Inszenierung, dass Katie Mitchell mit der Cyclingkonstruktion eine Ebene des Textes offenlegt und gerade nicht das anthropomorphe Drama zweier Menschen ausstellt. Beherrscht wird die Lebensgeschichte von F und M durch Konstruktionen, Medien und Ideologien, ohne die es vielleicht gar nicht möglich wäre zu leben. Doch es sind eben auch Konstruktionen, die dazu führen können, dass eine Frau eines Tages Blumen an ein Grab bringt in dem Gefühl, dass trotz effizientem Recycling doch etwas verpasst wurde.

Torsten Flüh

 

Schaubühne am Lehniner Platz
Atmen
von Duncan McMillan
Regie: Katie Mitchell
Weitere Termine 09., 19. Und 20. Dezember 2013 20:30 Uhr

Screenshots, Scans und Außenaufnahmen Schaubühne: Torsten Flüh