Von der Zeit der Wahrnehmung - Berlin PianoPercussion präsentiert den ersten Teil von Time Expandings im Werner-Otto-Saal

Moment – Verzeitlichung – Klang

 

Von der Zeit der Wahrnehmung 

Berlin PianoPercussion präsentiert den ersten Teil von Time Expandings im Werner-Otto-Saal 

 

Das Ensemble Berlin PianoPercussion um Ya-Ou Xie und den Künstlerischen Leiter Prodromos Symeonidis hat sich mittlerweile einen prominenten Platz im Berliner Konzertleben und dem Konzerthaus Berlin herbeimusiziert. Symeonides, Xie, Sawami Kiyoshi, Adam Weisman sowie jüngst Ewa Korolczyk und der Toningenieur Andre Bartetzki bilden ein Ensemble, das sich vor allem durch Uraufführungen und Deutsche Erstaufführungen für die Ensemblebesetzung aus Klavier und Schlagzeug einen Namen gemacht hat. 2017 hat es beim namhaften Hangzhou International Music Festival, dem Silk Road Festival in Xi’an und der New Music Week in Shanghai sowie weiteren Metropolen in China gespielt. Das international besetzte Ensemble spielt internationale, zeitgenössische Komponisten und begeistert damit ein wachsendes Publikum.

 

Ende April eröffnete das Ensemble mit Time Expandings I eine neue Programmreihe, die am 13. Juni fortgesetzt wird. Die Kombination aus Klavier und Schlagzeug sowie Elektronik und Video eröffnet dem Repertoire für Klavierkompositionen ständig neue Klangmöglichkeiten. Die Auffassung, das Klavier als Schlaginstrument und oft in unterschiedlich präparierter Weise zu nutzen, generiert ständig neue Kompositionen und Programme. Mit dem neuen Programm stellt das Ensemble, das schon häufig Kompositionsaufträge vergeben hat, Fragen an die Wahrnehmung von Musik. Die Musiker*innen werden zu Forscher*innen im Feld des Konzertes: „Was passiert in uns, wenn der Moment einer bestimmten Wahrnehmung sich in der Zeit ausdehnt?“

Für das Konzert am 30. April hatte das Ensemble für PerMagnus Lindborg von der renommierten ernst von siemens musikstiftung die Mittel für einen Kompositionsauftrag erhalten. Doch bevor schließlich Golden City Variations für zwei Klaviere, zwei Schlagzeuger und multi-point visual light display uraufgeführt wurde, setzte das Ensemble mit Christopher Trapanis „Writing Against Time“ für zwei Klaviere, zwei Schlagzeuge und Elektronik ein programmatisches Stück an den Anfang. Denn der junge, amerikanische Komponist, geboren 1980 in New Orleans, zitiert mit dem Titel seiner Komposition das gleichnamige Buch des Literaturwissenschaftlers Michael W. Clune. Trapani knüpft mit seiner Komposition so an ein wissenschaftliches Buch über den Kanon angelsächsischer Literatur, aber auch Proust und Kafka an. Es geht um Fragen der Zeit, des Schreibens und der Wahrnehmung, insbesondere des Hörens.


© Kee Yong Chong (Ausschnitt T.F.)

Christopher Trapani nennt seine Komposition aus dem Jahr 2014 eine Collage: „Repeated patterns and hocketed rhythms create an intricate, colorful collage that draws on a range of disparate sources“.[1] Eine Collage kann man schon als eine Haltung zur Frage der Zeit in der Musik auffassen. Denn das kompositorische Verfahren der Collage fügt einzelne Teile aus anderen Kontexten so zusammen, dass sie weiterhin als einzelne wahrnehmbar bleiben. Die Collage und die ihr ähnliche Montage werden in der Musik als Verfahren weniger praktiziert.[2] Sie kommen seit Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem in der bildenden Kunst und der Literatur vor, wenn man beispielsweise an die Praktiken des Surrealismus denkt. Doch schon 1970 formulierte Roland Barthes in dem kurzen Text Musica Practica für die Zeitschrift L’Arc: 

Komponieren heißt, zumindest tendenziell, zu tun vorgeben, nicht zu hören, sondern zu schreiben geben: Der moderne Ort der Musik ist nicht der Konzertsaal, sondern die Bühne, auf der die Musiker in einem oft hinreißenden Wechselspiel von einer Schallquelle zur anderen wechseln: Wir sind es, die spielen, wenn auch wieder nur über Stellvertreter; aber man kann sich vorstellen, daß – später? – das Konzert ausschließlich eine Werkstatt sei, aus der nichts, kein Traum, kein Imaginäres, mit einem Wort, keine »Seele« herausströmte und das ganze musikalische Tun in einer restlosen Praxis aufginge.[3]

 

Writing Against Time von Michael W. Clune reagiert auf eine neuere, neurowissenschaftliche Methode in der Literaturwissenschaft. Die Imagination oder Einbildungskraft wird mit dem Realen in Deckung gebracht. – „Insofar as the imagination causes the same feelings as the real, it does so by using the same structures in the brain as those used by the real world“.[4] – Kunst bzw. Literatur und das Reale benutzten nach dem neurologischen Wissen die gleichen Strukturen des Gehirns, weshalb es keinen Unterschied zwischen Kunst und Leben gäbe.[5] Clune wendet sich mit dem Argument der Zeit gegen die neurologische Abgleichung von Kunst und „Leben“. Denn die Zeit vergifte („poisons“) die Wahrnehmung. 

… The sickness of literary flowers may be a problem for literary technique. The sickness of living flowers is a problem for philosophy. And this philosophy, as I will argue, has been the constant practice of a literature that doesn’t want to imitate life, but to transform it.[6]        

 

Ob die Vergiftung durch die Zeit nun als unausweichliches Geschenk oder als unvermeidbare Verunreinigung aufgefasst wird, mag einmal dahingestellt bleiben. Writing Against Time lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf die Zeitlichkeit und Verzeitlichung der Wahrnehmung. Der Moment lässt sich in der Wahrnehmung durch die Kunst nicht stillstellen oder anhalten. Der „unreasonable approach to the problem of stopping time“ wird für Clune zum Thema seines Buches.[7] Literaturwissenschaftliche Methodenkritik wird mit der Frage nach der Zeit zur Forschung nach Wahrnehmung von Zeit in Literaturen. Christopher Trapani transformiert seinerseits das Problem in eine Klangkomposition. Die Collage bietet einerseits Originalklänge, die eingespielt werden, andererseits reagieren die Musiker*innen darauf. Aus dem Moment wird eine künstlerische Praxis angestoßen.

 

Die Disparatheit der Klänge – „an early Buddy Holly record, East African xylophone grooves, New Orleans carnival beats, strummed steel strings, and clanging pots from the streets of Istanbul during the Taksim protests…” – zwischen Buddy Holly und Istanbul während der Taksim Proteste stellt keine Zusammenhänge her. Vielleicht wird ein politisches Momentum in der Komposition angeschlagen, das sich auf unterschiedliche Weisen wiederholt. Im Konzert ist es für die Zuhörer durchaus schwierig, diese zu identifizieren. Wenn Adam Weisman in seinem Schlagwerk auf einen Topfboden schlägt, dann gibt es vielleicht noch am ehesten ein Echo auf die von Christopher Trapani in Başkurt Sokak, Istanbul, im frühen Juni 2013 aus Solidarität für die Proteste im Gezi Park aufgenommenen Topfschläge.[8] Im Konzert fand die Aufführung des Stückes großen Beifall.


© Kee Yong Chong

Valerie Schaller hatte für Ulrich Kriegers Stück Oberfläche für verstärktes Klavier und Schlagzeug im Auftrag des Ensembles ein Video aufgenommen. Kriegers Komposition von Oberflächen wird so zum Anstoß für die visuelle Kunst von Valerie Schaller. Krieger lehrt Komposition am California Institute of the Arts in Los Angeles und hatte 2014 eine Duo-Version von Oberfläche (Open Ocean, Marine Desert) geschrieben. Mit dem erweiterten Titel zur Imagination der Oberfläche als Offener Ozean und maritime Wüste oder Einöde spielt Krieger auch auf eine Leere und Ereignislosigkeit in seiner Komposition an. Die Komposition lässt Klangflächen entstehen. Valerie Schaller filmt und bearbeitet in ihrem Video dafür nicht zuletzt das funkelnde Licht auf Wasseroberflächen. Um die Oberfläche visuell zu erforschen, taucht sie mit der Kamera auch ins Wasser und filmt diese von unten. Eine Tiefe erzeugt sie damit nicht.

 

Ulrich Kriegers Komposition und Titel gibt einen Wink auf die Zeitlichkeit der Oberfläche, indem nicht zuletzt eine Tiefe oder „Seele“ durch die Flächigkeit ersetzt wird. Anders als in Trapanis Collage gibt es so gut wie keine Einschläge des Realen. Klavier und Schlagzeug werden eingesetzt, um die Schläge als „die einzigen strukturellen Elemente des musikalischen Textes“[9], wie es Roland Barthes einmal formuliert, zu vermeiden. Die Oberfläche der Wasserwüste generiert zwar Lichteffekte doch keinen Text oder gar Sinn. Vielmehr kommt es statt zu einer Imagination zur Impression, einer sinnlichen Wahrnehmung von Zeit. Mit der Impression wird die Zeit audiovisuell als Wahrnehmung ausgedehnt. Valerie Schaller setzt in ihrem Video entsprechend auf das Audiovisuelle als Impression, wofür sie anhaltenden Applaus bekam.

 

Christian Mason hat 2015 den Komponistenpreis der ernst von siemens musikstiftung erhalten. Equinoxes of the Infinite (in Memoriam Karlheinz Stockhausen) für zwei Klaviere und zwei Schlagzeuge von 2008 bringt mit der „Tagundnachtgleiche der Unendlichkeit“ das Licht und die Zeit auf andere Weise ins Spiel der Musik. Geht es bei den Lichteffekten der liquiden Oberfläche um unendliche Flächen so wird bei Christian Mason das Licht der Äquinoktien ins Unendliche verlängert. Das Licht spielt auch für Paul Griffiths eine entscheidende Rolle für die Komposition. 

Das Licht, natürlich; der Glanz. Sie leuchten aus Christian Masons Musik und erstrahlen in ihr, wie bei anderen Komponisten, über Gérard Grisey zurück bis zu Guillaume Dufay und zu den anonymen Urhebern gregorianischer Gesänge (um nur einiges Verwandte zu nennen), und dies rührt aus der Art, wie sich Klang und Resonanz verbinden. Licht und strahlender Glanz stellen sich selbst dann ein, wenn Mason – wie die, die ihm musikalisch am nächsten stehen, etwa Scelsi, Radulescu, Stockhausen und auch Grisey – mit komplex hallenden Resonanzen arbeitet: dem Klang von Glocken womöglich, oder dem Geräusch von Wind, der durch reifbedeckte Bäume weht.[10]    

Die Tagundnachtgleiche findet nur einen Moment statt und markiert damit einen Wechsel in der unterschiedlichen Länge von Tag und Nacht. Sie ereignet sich im Modus der Wiederholung alle 6 Monate. Gleichzeitig knüpft Christian Mason im Titel aus der letzten Strophe des, nach Robert Fraser surrealen, Gedichtes Mozart: Sursum Corda von David Gascoyne zitierend an, während die Komposition jazzartige Elemente hören lässt. 

World of transparency and last release 

And world within the world. Beyond our speech 

To tell what equinoxes of the infinite 

The spirit ranges in its rare utmost flight[11]

 

Formuliert David Gascoyne in seinem Gedicht, ein „(b)eyond our speech“ (außerhalb, jenseits unserer Sprache) in Mozarts Musik mit den „equinoxes of the infinite“, so knüpft Christian Mason über das paradox-poetologische Lichtmoment der Tagundnachtgleich der Unendlichkeit an die Lyrik an. Robert Fraser schreibt: „Gascoyne’s poem is an evocation of some awful silence, imagining music Mozart―(…)―might have supplied to clothe meanings ‘beyond our speech‛“.[12] Die sprachliche Elastizität der Lyrik und die Montage von Welt-Wahrnehmung durch Mozarts Musik als „Empor die Herzen“ mit dem naturwissenschaftlichen Wissen der Äquinoktien generiert ein Mehr und Jenseits unserer Sprache. Die Lyrik tendiert bei Gascoyne weniger zum Text, als zu einer sinnlichen Praxis der Musik.

 

Gascoyne verdichtet und collagiert unterschiedliche, gar widersprüchliche Sprach- und Wissensbereiche zwischen dem anglikanischen Sursum Corda – „Die Herzen in die Höhe“ – als liturgischer Beginn der Abendmahlfeier und dem naturwissenschaftlichen Wissen der Äquinoktien. Erstens entsteht so eine transparente Ausgeglichenheit zwischen Licht und Schatten, zweitens werden widersprüchliche Wissensbereiche collagiert, um ein Jenseits auch der Musiksprache zu generieren. Das Widerspielende von glatt und kantig, zärtlich und rabiat spielt für Mason beim Schreiben der Komposition eine entscheidende Rolle: „The various lines articulate contrary expressive qualities - such as smooth and angular, delicate and violent - in a variety of contexts and relationships.”[13] Komplexe und facettenreiche Klanglinien generieren sich aus den Klavieren und Schlagwerken. Mason interpretiert weniger das Gedicht, er schreibt es vielmehr in der Musik.

 

Die Uraufführung von PerMagnus Lindborgs Golden City Variations führte mit dem „multi-point visual light display“ eine neuartige visuelle Live-Technik ein. Die Performer haben Lichtsensoren an ihren Handgelenken, die offenbar über Computerprogramme 4 Projektionen beim Spielen erzeugen. PerMagnus Lindborg lebt in Singapore und forscht über neue Technologien für die Aufführung von Musik. Er bewegt sich zwischen Pop, Multimedia und Elektronik. So hat er beispielsweise im Shakespeare-Jahr 2016 ein „Romeo and Juliet Swordle“ mit dem Wort-Wolken-Programm Wordle und Sound komponiert. Der shakespearesche Dramentext wird in wechselnden Wortwolken mit Ton generiert und abgespielt.[14]  


© Kee Yong Chong

Golden City Variations zeigen nun nicht etwa Videos von einer fernöstlichen goldenen Stadt, vielmehr wird das Machen der Klänge in größter Nähe zu Hand und Instrument ins Bild gerückt. Doch anders als in der Logik von Konzertmitschnitten für das Fernsehen oder die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, wird keine Sichtbarkeit der Musik konstruiert. Während die Bildregie der Digital Concert Hall in der Berliner Philharmonie den Blick auf beispielsweise Solisten mit ihrem Instrument lenkt, um so die Komposition qua Partitur sichtbar und lesbar zu machen, generiert das „multi-point visual light display“ visuelle Effekte aus einer technischen Verkoppelung mit dem Spiel selbst. – Die Uraufführung erhielt begeisterten Applaus. 

 

Torsten Flüh 

 

Time Expandings II 

Berlin PianoPercussion 

Andre Bartetzki 

Werner-Otto-Saal 

Konzerthaus Berlin 

Mittwoch 13.06.2018 20:00 Uhr

 

Berlin PianoPercussion

Website

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[1] Christopher Trapani: Writing Against Time (2014) for two pianists, two percussionists, and electronics [20:40]. http://christophertrapani.com/wordpresssite/writing-against-time/

[2] Siehe dazu auch die Collagen von Herta Müller in: Torsten Flüh: Flugblatt – Zeitung – Blog. Materialität und Medialität als Literaturen. Wien: Passangen, 2017, S. 194-212.

[3] Roland Barthes: Musica Practica. In: ders.: Der entgegenkommende und der stumpfe Sinn. Frankfurt am Main: edition suhrkamp, 1990, S. 268.

[4] Timothy Schroeder und Carl Matheson zitiert nach: Michael W. Clune: Writing Against Time. Redmond: Stanford University Press, 2013, S. 1.

[5] Vgl. zur Diskussion der Neurowissenschaften auch: Torsten Flüh: Über die Verabschiedung des Ichs in die neuronalen Netze. Wolf Singers Walter-Höllerer-Vorlesung 2011 in der Technischen Universität Berlin. In: NIGHT OUT @ BERLIN 19. Juni 2011 23:24.

[6] Michael W. Clune: Writing … [wie Anm. 3] S. 3.

[7] Ebenda S. 19.

[8] Christopher Trapani: Tencere Tava 3 (YouTube 29.04.2014)

[9] Roland Barthes: Der Körper der Musik. In: ders.: Der … [wie Anm. 2] S. 309.

[11] Siehe: Equinoxes of the Infinite, Christian Mason 06:59. Einspielung mit Ya-Ou Xie im Ircam Audio-Archiv.

[12] Robert Fraser: Night Thoughts: The Surreal Life of the Poet Gascoyne. Oxford: Oxford University Press, 2012, S. 201.

[13] Equinoxes … [wie Anm. 11]

[14] PerMagnus Lindborg: Romeo and Juliet Swordle. Sonntag, 13. November 2016 03:35 EST.