Bilder erzählen - Zur Neu-Eröffnung des Schwulen Museum in der Lützowstraße

Bild – Erzählung - Schwul

 

Bilder erzählen

Zur Neu-Eröffnung des Schwulen Museums in der Lützowstraße

 

Transformation heißt die Interimsausstellung im Schwulen Museum, mit der das neue Haus in der Lützowstraße 73 eröffnet. Transformation handelt vom Sehen und Erzählen, also vom Bild. Denn die Sichtbarkeit des Schwulen, des Queeren lässt sich wie auf dem Porträt von Miss Julia Pastrana auf dem Pirnaer Karneval 1868/1869 in Öl aus der Zeit um 1893 von Johanna Scholtz-Plagemann denkbar schwierig entscheiden. Welchem Geschlecht ist Miss Julia Pastrana auf Rollschuhen im Kleid mit Armreifen, Bart und Ohrringen zuzuschlagen? Darauf wird zurückzukommen sein.

 

Endlich wird nun die Kunstsammlung des Schwulen Museums unter museums- und archivtechnisch gerechten Standards aufbewahrt und präsentiert. Endlich stehen mit den neuen Räumen zeitgemäße Ausstellungsflächen zur Verfügung. Endlich kann Sicherheitsstandards entsprochen werden. Endlich barrierefreie Räume. Endlich erfährt eine zivilgesellschaftlich entstandene Sammlung zur Emanzipationsgeschichte der Schwulen, Lesben und Transgender des Träger-Vereins der Freundinnen und Freunde des Schwulen Museums in Berlin e.V. ihre Institutionalisierung in einem öffentlich geförderten Museum. Und schließlich wurde das neue Schwule Museum auch noch mit einem großen Fest am 17. Mai — 17.5=175 lies § 175 StGB —, dem internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie, gefeiert.  

 

Wahrscheinlich ist nichts schwieriger zu institutionalisieren als der permanente Wandel. Geschlechterbilder wandeln sich und so auch die Bilder des Schwulen. Rollschuhe, Rock und Reifen, aber Bart? Ein schwuler Mann oder eine lesbische Frau? Miss Julia Pastrana gibt das Cover für Transformation. Eine Frau mit Vollbart oder ein Mann im Rüschenrock aus der Frühzeit der modernen Geschlechterdefinition? Wer will, wer kann es entscheiden?

 

Anders gesagt: das Schwule Museum ist nicht nur vom 1. und 2. Hinterhof, 3. Etage am Mehringdamm in das neue Gebäude einer ehemaligen Druckerei sozusagen ins Vorderhaus gezogen. Das Museum selbst, das ohne einen großen Anteil ehrenamtlicher MitarbeiterInnen gar nicht entstanden wäre und existieren könnte, wandelt sich vom „schmutzigen Hobby“ zur anerkannten Institution der Zivilgesellschaft. Das Schwule Museum steht selbstverständlich auch Besuchern offen, die ihr Geschlecht als „straight“ oder „straight acting“ definieren.

 

Das Schwule Museum ist ein Kind des Streits um das Geschlecht und der Geschlechterkämpfe. Als das Museum 1985 von schwulen Aktivisten als e.V., als im Vereinsregister(!) eingetragener Verein gegründet wurde, war die Rechtsform Verein bereits ein Streitpunkt. Sollte und wollte (schwuler) man(n) überhaupt so eine bürgerliche Rechtsform wie einen Verein gründen? Wurden damit nicht die aktivistischen Wurzeln der Schwulenbewegung verraten? Wie bürgerlich oder gar kommerziell wollte man überhaupt sein? Da tobten Anfang der 80er Jahre heftige Kämpfe unter schwulen Männern und lesbischen Frauen.

 

Undenkbar heute die hoch ideologisierten Geschlechterkämpfe von damals. Lederfraktion — Echte Kerle! — und Frauenverbände — Blümchensex! — führten ideologische Kriege gegeneinander. Die Institution Ehe auch für Schwule und Lesben galt als Verbürgerlichung. Wer nach Berlin zog, bekam Geld dafür. Aus einem der Mitbegründer des schwulen, aktivistischen Buchladens Prinz Eisenherz, gegründet als Kollektiv, heute an der Lützowstraße, wurde einer der größten (schwulen) Pornoproduzenten der Welt. Hauptgeschäft USA! Geldverdienen war für die Einen Igitt, Korruption, für die Anderen ein Aufstand gegen die Intellektualisierung des Schwulen, so kann man es jedenfalls einmal grob vereinfachend formulieren. Anders würde ein Berlin-Roman draus. Alle trafen sich dann zur Eröffnung im „neuen“ Schwulen Museum wieder.

 

Das Schwule Museum kann bereits auf seine eigene His-torie zurückblicken. Und das tut es auch. Am Eröffnungsabend wurde viel davon gesprochen. Thomas Hermanns, René Koch, Ulrike Ottinger, Klaus Wowereit, Bruno Gmünder etc. alle, alle waren gekommen. Der schwule Pornohändler, der seinen Konzern mittlerweile verkauft hat, blickt mit seinem frühen Mann mit nacktem Oberkörper aus einer Serie von Freundesphotographien aus den frühen 80er Jahren. Ich erkenne ihn sofort. Wir sind befreundet. Abends, als wir uns mit seinem Mann treffen im ersten Raum der Ausstellungsräume, sage ich ihm, dass er ganz hinten nackt auf einem Foto zu sehen ist. Unmöglich! — Das im Zeitalter der ZensurAPPteilungen von Apple und Google! — Ich zeig ihm das Foto und sogleich kommt er mit einem anderen, nackten Mann von den Freundesphotos ins Gespräch, wie das damals war. Plötzlich wird von einer großen Berliner Altbauwohnung mit einer fotogenen Badewanne, in der mehr oder weniger alle badeten, erzählt. Und wie der andere Nackte aus der Altbauwohnung mit der Badewanne nach Paris reiste und überall, an jeder Metro-Station, Denfer-Rochereau und Montparnasse-Bienvennüe und so, Hanna Schygulla auf einem Fassbinder-Film-Plakat eben aus dieser Badewanne herausschaute.

 

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der die Eröffnungsveranstaltung mit bestritt, und dem es durchaus mit zu verdanken ist, dass Berlin nun das „neue“ Schwule Museum bekommen hat, in Zeiten drastischer Sparmaßnahmen und havarierender Flughäfen, gehörte zu der ganz anderen Fraktion der Schwulen, wie ein bester Freund, C., noch einmal deutlich herausstreicht beim Museumsrundgang. C. kennt das alles live, was der Berichterstatter nur aus der Ferne der Provinz mit Interesse für das Exotische in Berlin aus Zeitschriften las. C. amüsiert sich darüber, wie nun ausgerechnet der ultra-bürgerliche Klaus Wowereit, damals Bezirksstadtrat in Tempelhof für die SPD, das neue Museum eröffnet und alle alten KombatTanten (queer lesen!) sich freuen. — Fotos von den Eröffnungsreden gibt es nicht, weil der Berichterstatter sich zu der Zeit in der Stiftung Brandenburger Tor und der Botschaft der französischen Republik aufhielt.

 

Das Schwule Museum heißt auch, weil mich vor einigen Tagen meine Freundin Eugenia Gortchakova noch fragte, warum es ein schwules Museum geben müsse, dass der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika Philip D. Murphy am 23. Mai 2013 auf einer Pressekonferenz im Friedrichstadtpalast eine Erklärung des Präsidenten der USA, Barack Obama, verlesen und die Regenbogenfahne mit dem Intendanten des Hauses, Bernd Schmidt, und den Organisatoren des CSD-Berlin gehisst hat. Nach wie vor und ganz unbedingt schreibt das Schwule Museum Emanzipationsgeschichte. Vergleichbare Museen und Institutionen gibt es nur in San Francisco mit dem GLBT History Museum und in Amsterdam. Und mit den Worten von Obama:

Unsere Reise ist nicht beendet, bis unsere homosexuellen Brüder und Schwestern vor dem Gesetz wie alle anderen auch behandelt werden – denn wenn wir alle gleich geschaffen sind, dann muss auch die Liebe zueinander gleich sein.

 

Doch Eugenias Frage war nicht ganz unberechtigt. Eine Musealisierung der Schwulenbewegung ist auch schwierig. Geht es um die Abschließung eines Prozesses, der mit der Verabschiedung gleicher Rechte qua Gesetz für beendet erklärt werden kann? Das Inkrafttreten gleicher Rechte wie aktuell in Frankreich mit der Öffnung der bürgerlich rechtlichen Institution Ehe für Menschen von gleichem Geschlecht garantiert eben nicht den Abschluss einer Entwicklung, wie man an den erschreckend breiten Protesten in Paris lernen kann. Vielmehr müssen Rechte ständig neu legitimiert werden. Genau deshalb ist eine Musealisierung auf hohem Niveau kein Abschluss. Vielmehr beinhaltet sie die Verpflichtung zur ständigen Transformation. Und die Proteste in Frankreich können eben auch daran erinnern, dass das Erreichte an anderer Stelle ständig in Frage gestellt, unter Umständen gar bedroht wird.

 

Die „räumliche Erweiterung“ des Museums, ein weiterer Schritt der Institutionalisierung, verstärkt, nachdem das Museum seit Januar 2010 mit einer „Zuwendung in Höhe von 250.000 Euro jährlich“ gefördert wird, den Prozess einer Weiterentwicklung. Der Umzug wurde „durch öffentliche Fördergelder, insgesamt 644.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin“ gefördert. Gesellschaftliche Prozesse müssen letztlich institutionalisiert werden, damit sie nicht abbrechen oder getilgt werden, worauf zurückzukommen sein wird. Im Selbstverständnis des Hauses und seiner leitenden Mitarbeiter wie Jens Dobler als Leiter des Archivs und Birgit Bosold als Kuratorin der Interimsausstellung wird das „Schwule Museum … verstärkt zu einem Ort, der über die Diversität von sexuellen Identitäten und Geschlechterkonzepten informiert. Die bisherige Dauerausstellung wird archiviert“. 2015 soll eine neu erarbeitete Dauerausstellung gezeigt werden.

 

Beeindruckend sind nicht nur die Bestände — 16.000 Bücher, 3.000 Zeitschriftentitel, 3.000 Videos, 50.000 Flugblätter, Flyer, Plakate, Presseausschnitte, Nachlässe und thematische Sammlungen sowie eine Kunst- und Fotosammlung von etwa 20.000 Konvoluten und Objekten -, sondern auch die nationale und internationale Kooperation des Museums beispielsweise mit dem Deutschen Historischen Museum, Berlin, dem Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, der Stiftung Denkmal für die Ermordung der Juden Europas, Berlin, dem GLBT History Museum, San Francisco, der Kampania Przeciw Homofobii (Kampagne gegen Homophobie), Warschau, und anderen. Das Museum und seine Sammlung sind mit Leihgaben in allen Dauerausstellungen der großen KZ-Gedenkstätten in Deutschland, dem Imperial War Museum in London und des United States Holocaust Museum in Washington vertreten. Damit ist das Museum bereits jetzt international hoch vernetzt.

 

Beim Presserundgang wies Birgit Bosoldt als eine der Kuratorinnen darauf hin, dass die Bilder aufs Innigste mit Erzählungen verknüpft sind. Häufig sieht ein Porträt nicht anders aus als andere auch aus der gleichen Zeit. Miss Julia Pastrana ist da eher ein Ausnahmefall, der noch bevor eine Erzählung beginnt, die Zuschreibung des Geschlechts verunsichert. Viele Objekte der Kunstsammlung werden erst durch Erzählung des letzten Eigentümers als oral history zum Bild einer schwulen oder lesbischen, geschlechteten Lebenspraxis. Damit wird das „offenbare“ Geschlecht eines Bildes im Sinne seiner Herkunft eben auch aufgebrochen. Die Interimsausstellung Transformation, in der selbst klassische Bilder von Ganymed oder auch Porträts von Friedrich II. nicht fehlen, hakt genau in die Verschränkung von Erzählung und Bild als Produktion von Sichtbarkeit ein.

 

Für die zukünftige Dauerausstellung wünscht sich der Berichterstatter sehr, dass das Bild, das Photo, die Objekte bis hin zu einer prominenten Problematisierung und Einarbeitung in die Brüche der Homosexualisierung, wie sie sich bereits in der Ausstellung Friederisko im letzten Jahr mit Friedrich II. beobachten ließ, angeschnitten werden. Das Narrativ Homosexualität, das seit den 80er Jahren eben mit dem Schwulen Museum subversiv entmedizinierend[i] als Schwul verstärkt worden ist, sollte eben nicht nur in Bildern eingelöst, sondern in seiner auch fetischisierenden Funktion thematisiert werden. Der bisher häufig praktizierte Ansatz der Sichtbarkeit von Homosexualität im Bild oder im Objekt, beispielsweise Betender Knabe (Sanssouci), sollte durchaus in der Weise offengelegt werden, dass gesellschaftliche Geschlechtszuschreibungen allererst dazu zwingen (s)ein Geschlecht, und sei es als „3. Geschlecht“ (Magnus Hirschfeld), 4. oder 5. …, zu definieren, auszusprechen.

 

Das Schwule Museum heißt aus gutem Grund nicht Homosexuelles Museum oder Museum der Homosexualität. Vielmehr griffen die Initiatoren des Museums mit schwul ein umgangssprachliches Adjektiv auf, das in den 80er Jahren überwiegend pejorativ, durchaus ehrverletzend und marginalisierend, also diskriminierend gebraucht wurde. Gleichzeitig wurde es als Synonym für das sexualmedizinische Wissen der Homosexualität verwendet. Die Herkunft des Adjektivs schwul ist allerdings durchaus umstritten und ungewiss, zumal es sich offenbar erst spät im 20. Jahrhundert als Synonym für Homosexualität durchsetzte. Schwul changiert demnach zwischen einer Geheimsprache, um Eingeweihten oder Gleichgesinnten eine sexuelle Orientierung zu verraten, einem Schimpfwort, das mit „unmännlich“ synonym war oder ist, also einer Absprechung des Geschlechts sowie der Potenz, und einem sexualmedizinischen Krankheitsbild, der Homosexualität.

 

Das sexualmedizinische Krankheitsbild Homosexualität wurde mit schwul unterwandert und bestätigt zugleich. Das Schwule Museum wird mit der neuen Dauerausstellung nicht nur schwule Bilder einlösen, sondern sich durchaus der Frage eines Krankheitsbildes stellen müssen. Es geht mithin nicht um einfache Sichtbarkeitseinlösungen oder –bestätigungen, sondern um das ständige Wechselspiel von Bild, Sichtbarkeit, Fetisch und Erzählung. Mit Transformation scheint da ein erster Schritt in diese Richtung gemacht. Natürlich soll viel Unterschiedliches eben über Geschlechtergrenzen hinweg gezeigt werden.

 

Am 6. Juni um 19:00 Uhr steht die Eröffnung der Ausstellung lesbisch, jüdisch, schwul im Schwulen Museum bevor. Die Ausstellung findet statt im Rahmen des Berliner Themenjahres Zerstörte Vielfalt. Die Litfasssäulen, die in Berlin an vielen Orten wie z.B. vor dem Deutschen Theater, am Bahnhof Friedrichstraße oder auf dem Schlossplatz aufgestellt sind, gehören in diesem Jahr, 80 Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten, zum Berliner Stadtbild. Sie erinnern wie die Ausstellung im Schwulen Museum an Einzelpersonen und deren Schicksal, das durch die Absprechung grundlegender Rechte im Nationalsozialismus aufs Schärfste beeinflusst und beschädigt oder gar durch Mord beendet wurde.

 

Jens Dobler hat die Sonderausstellung des Schwulen Museums quasi aus dem Archiv des Museums heraus zusammengestellt. Magnus Hirschfeld wird neben anderen Frauen und Männern eine wichtige Rolle spielen. Denn bereits am 6. Mai 1933 um 9:30 Uhr wurde das Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld generalstabsmäßig von Nationalsozialisten überfallen und geplündert. Sein Lebenswerk zerstört. Sein gesamtes wissenschaftliches Werk und seine Büste aus dem Institut wurden am 10. Mai 1933 von nationalsozialistischen Studenten auf dem Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz, verbrannt.

 

Hirschfeld nahm eine besonders prominente Position bei der Bücherverbrennung ein. Denn er war jüdisch und schwul. Zudem hatte sich Hirschfeld für eine Liberalisierung des Sexualstrafrechts eingesetzt, die beispielweise noch 1932 in seinem Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas nicht nur die Abschaffung des § 175 StGB forderte, sondern auch die Entkriminalisierung von Abtreibung, Prostitution und der Sexualität von Häftlingen in Gefängnissen anstrebte. Da sich Hirschfeld im Ausland befand und nie wieder nach Berlin zurückkehren konnte, entging er selbst den Schergen des Regimes.

 

Torsten Flüh  

 

Schwules Museum
Lützowstraße 73
10785 Berlin   

So, Mo, Mi - Fr 14 bis 18 Uhr
Sa 14 bis 19 Uhr
Di Geschlossen

 

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[i] Anm.: Im Englischen gibt es eine breite Diskussion um „Demedicalisation“. Damit wird nicht etwa nur das Absetzen von Medikamenten bei einer bestimmten Erkrankung angesprochen, vielmehr geht es darum, ein Krankheitsbild aus dem Raster der Medizin herauszunehmen. Krankheiten werden als historische Narrative aufgefasst. Damit knüpft die Entmedizinisierung an Michel Foucaults Die Geburt der Klinik (1963) und dessen Vorrede an.