Frauen-Phantasien - Nina Hoss spielt Hedda Gabler am Deutschen Theater

Langeweile – Leere – Frau

 

Frauen-Phantasien
Nina Hoss spielt Hedda Gabler am Deutschen Theater

 

Natürlich ist Hedda Gabler (Nina Hoss) eine Männer-Phantasie von einer Frau, der nichts recht zu machen ist. Sie bedroht das Konzept des Mannes, fordert es heraus und stellt unerfüllbare Forderungen, um ihm sein Ungenügen gnadenlos spüren zu lassen. Da konnte sich ein Mann wie Ibsen nur wehren. „Die zunehmende Einbildung der verheirateten Dame, eine bedeutende Persönlichkeit zu sein, und als Folge davon die Notwendigkeit, sich eine aufsehenerregende Geschichte verschaffen zu müssen“, heißt es in den Notizen von Henrik Ibsen zu Hedda Gabler.

 

Für Fräulein Juliane Tesman (Margit Bendokat), Jörgen Tesmans (Felix Goeser) unverheiratete Tante und Ersatzmutter, ist Jörgens Heirat mit Hedda die pure Erfüllung all ihrer quälenden Träume vom sozialen Aufstieg. Happy-End. Dafür gibt sie im Tonfall des Boulevard-Theaters gern ihre Rente als Bürgschaft her. Hedda, die schöne Beute, die Schönste von allen aus bestem Hause muss verwöhnt werden, weil sie die leere Erfüllung der eigenen Träume ist. Träume von Macht und Aufstieg.

 

Die Beute, Hedda Gabler, ist freilich auch das Verderben. Was passiert, wenn man  den Kulturgeschichtsbürgertext von 1890 zusammenstreicht? Mit dem Boulevard-Ton auf der Bühne vor sehr dicken Holzstämmen ins und zugleich aus dem Haus fällt? Was passiert, wenn man eine Starschauspielerin, die Nina Hoss zweifellos ist, durch die Räume über eine Drehbühne hetzt? Was passiert mit dieser Frauen-Phantasie einer alten Jungfer, Tante Tesman, und der Männer durch die Interpretationen des 20. Jahrhunderts? Und wie kann sich die Beute überhaupt gegen all das wehren? Wann kommt Frau zu sich selbst? Wer – Stefan Pucher - solche Fragen im schnellen Schnitt zwischen Drehbühne, Videoprojektionen und Songs vorführt, darf nicht erwarten, dass ein hochkarätig kulturbürgerliches Premierenpublikum von Rang und Namen in schieren Enthusiasmus ausbricht.

Trotzdem gab es sehr anständigen Beifall am Mittwochabend bei der Berlin-Premiere von Hedda Gabler, die unlängst, am 3. Mai bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere gehabt hatte. Wenn der Eiserne Vorhang hochgeht, dann verbirgt sich dahinter ein eher enger Raum (Bühnenbild: Barabara Ehnes) mit sehr dicken, dunklen Holzstämmen. Das ist keine Holzhütte mehr. Aber schon gar keine Belletage eines Bürgerhauses am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Holzstämme und auch die blöde, niedrige Tür, durch die Hedda gleichsam gebückt ein- und auftreten muss, sind nicht heimlich, sondern unheimlich. Sie machen die Menschen bei aller Größe klein. Der Luxus auf Kredit schrumpft die schöne Hedda Gabler.

Es ist nicht nur Hedda Gablers Problem, dass sie sich unendlich langweilt, dass sie nicht weiß, was sie tun sollte – „Tun?“, fragt sie den Amtsgerichtsrat Brack völlig unverständlich zurück. Es ist die Logik der Beute, die nichts tun muss, weil es an ihr getan ist. Was tut eine, die nichts zu tun hat, der aber ständig höchste Geschäftigkeit vorgeführt wird? Sie sind alle, Jörgen Tesman, Frau Elvsted, Brack, Eilert Lövborg, so unerhört geschäftig mit Dingen, deren Sinn sich nicht recht erschließen will und die dennoch mit größtem Ernst getan werden. Sie lassen Hedda vor allem spüren, dass sie nichts tut.

Foto: Arno Declair 

Die ehemals beste Freundin Thea Elvstedt (Anita Vulesica) hat geradezu aus ihrer Tätigkeit des Aufschreibens von dem, was Eilert Lövborg (Alexander Khuon) ihr diktiert hat, einen nicht mehr aufzuhaltenden Aufstieg des Denkens und Wissens getan. Sie ist „Kamerad“ Eilert Lövborgs geworden und sie wird sich nach dessen Tod sogleich mit Jörgen Tesman daran setzen, das von Hedda vernichtete Manuskript aus Notizen aus dem Gedächtnis Jörgen zu diktieren. Das ist dann mehr als Kameradsein. Nun kann sie diktieren und das kann sich in Liebe zu Jörgen verkehren.

Foto: Arno Declair

Wessen Tragödie ist Hedda Gabler eigentlich? Ist es die Tragödie allenthalben geschäftiger Karrieristen wie Tesman, „Privatdozent für Kulturgeschichte“? Oder ist es die Tragödie einer Frau, die sich hat zur Beute nehmen lassen, weil sie Eilert Lövborg nicht erschießen konnte? Hedda Gabler wird sich erschießen. Es passiert plötzlich. Wird sie nicht fertig mit der Schuld an Eilert Lövborgs versehentlichen Selbstmord? Oder ist der Schuss auf das eigene Leben eine letzte Möglichkeit, sich dem Terror der Geschäftigkeit zu widersetzen?

Foto: Arno Declair

Nina Hoss’ Hedda Gabler mit den überdimensionierten Schulterpolstern wie ein zersprungenes Herz tötet, verbrennt, erschießt aus Ratlosigkeit m Szenarium einer wahnsinnig unterhaltenden Boulevard-Tragödie. Boulevard-Tragödie war übrigens die Erfindung von Peter Zadek, von dem auch die Übersetzung des Stückes stammt. Es ist so geschäftig und so schnell und auch immer ein wenig belanglos und oberflächlich, oberflächlich vor allem oder deutlich überbetont wie das „Jöööörgen“ von Tante Juliane, bis einem dann doch das Lachen im Halse stecken bleibt. Hedda verbrennt das Manuskript tatsächlich vor aller Augen auf der Bühne! — Denn die Geschäftigkeit (!), mit der ja auch Geschäft gemacht werden soll, gehört zum Gesetz des Boulevards.

Foto: Arno Declair

Wie boshaft ist Hedda Tesman? Wie viel Einbildung? Und wessen? Kann der Film- und Bühnenstar, der Star Nina Hoss überhaupt noch eine „verheiratete Dame“ spielen? — Ja doch! Natürlich spielt Nina Hoss nicht nur Hedda Gabler. Wie könnte sie auch?! Nina Hoss ist ein Star, von dem im Newsticker der Bildzeitung in der U-Bahn mitgeteilt wird, dass sie als Hedda Gabler ihre letzte Premiere am DT gefeiert hat, nun an die Schaubühne wechseln, aber weiterhin in ihren Rollen am DT zu sehen sein wird. — Marina erzählt, wie sie 1995 zufällig in die Landhausstraße geht und ein 50er Jahre, weißes, offenes Mercedes-Cabrio an den Kameras und ihr vorbeirauscht mit einer sehr schönen und sehr jungen Frau drin: Nina Hoss als Rosemarie Nitribitt in Das Mädchen Rosemarie (1996) von Bernd Eichinger!

Foto: Arno Declair

Zwangsläufig und medientechnologisch müssen sich in Hedda Gabler Nina Hoss als Hedda und Nina Hoss als Star überschneiden. Es wäre ein Witz, wenn es nicht so wäre. Natürlich ist es ein eher schlechter Witz, dass das so kluge und uneitle Spiel von Nina Hoss mit der Rolle der Hedda und der eigenen in der U-Bahn zur News bzw. gerade nicht zur News gemacht wird. „Nina Hoss“, der Name ist die Marke, das Branding. Da kann Nina Hoss im Deutschen Theater noch so genau die Rolle der Hedda erarbeiten, im Newsticker in der U-Bahn steht’s nicht. 2013 hatte der deutsche (!) Western Gold von Thomas Arslan mit Nina Hoss auf der Berlinale glamouröse Premiere. Katja Nikodemus berichtete überschwänglich in der ZEIT. Deutsches Kino!

Foto: Arno Declair

Stefan Puchers Inszenierung von Hedda Gabler setzt die Doppelexistenz von Nina Hoss schon allein deshalb in Szene, weil Hedda/Nina immer wieder in XXL- und Closeup-Videoeinspielungen (Video: Meika Dresenkamp) projiziert und so selbst zum Teil des Bühnenbildes wird. Die Großaufnahme bietet nicht mehr Tiefe oder tiefenpsychologisch geheimste Wünsche von Hedda Tesman. Sie schraubt das Spiel der Bilder, die von Hedda Gabler/Nina Hoss gemacht werden, nur ein wenig weiter: Die coole Westernbraut Hedda/Nina, die alle (!), Männer und Frauen, erschießt, kann nur als Tiefenwunsch verstehen, wer das Dilemma der Phantasien übersieht.

Foto: Arno Declair 

Hedda Gabler ist (nicht) das immer gleiche Bild einer Frauenrolle über die Zeiten hinweg als Wahrheit, sondern das Dilemma der Phantasien, der Bilder, der Rollen selbst, dem sich weder durch ein Verbrennen des Manuskriptes noch durch Erschießen aller Mitspieler im Western-Look entkommen lässt. Man müsste sehr naiv sein, wenn man an den Western als Tiefenwunsch von Frau glaubte. Das Dilemma der Phantasien betrifft nicht zuletzt die Frage der Macht, wie sie ganz zu Anfang im Boulevard-Ton an der Rampe von Tante Tesman mit in die Höhe gestreckter Faust in Szene gesetzt wird. Die machtloseste unter allen, die Jungfer und die (nur) Ersatzmutter verpfändet ihre Rente, um endlich an die Macht zu kommen.


Foto: Arno Declair

Die auch komische, alte Tante — und darin ist Margit Bendokat wirklich sehr präzise — wird zumindest bei Stefan Pucher zur Schlüsselrolle der Hedda Gabler. Mit der Winzigkeit ihrer Rente lässt sie die Puppen tanzen, bis sich endlich das Vehikel zum Aufstieg, Hedda, selbst umgebracht hat. Weitaus böser als Hedda Tesman aus bestem Hause ist Tante Tesman, die sich extra einen neuen, schwarzen Hut bei der Putzmacherin kauft, um mit der Quasi-Schwiegertochter auch nur ein wenig mithalten zu können. Stefan Pucher ergänzt und dreht die Männer-Phantasie Hedda Gabler, indem er ganz am Schluss, als der Schuss gefallen ist, Tante Tesman noch einmal auf die Bühne stellt und sie eine Passage aus dem Lob der Langeweile von Joseph Brodsky sprechen lässt. In Praise of Boredom!

Foto: Arno Declair 

Die Langeweile der Hedda Gabler wird mit Brodsky aus der bürgerlichen Geschäftigkeit ins Gegenteil verkehrt und gerade nicht psychopathologisiert. Läge es in Zeiten einer Persönlichkeitsstörung namens Borderline Syndrom doch all zu nahe, Hedda Tesman als Borderliner(in) zu psychopathologisieren. Die Langeweile gepaart mit der Verwechslung des Manuskriptes, das von ihr verbrannt wird, mit einem Kind der Liebe, mit Liebe überhaupt fällt heute in das Wissensraster vom  Borderliner. Jede Epoche bildet die Krankheiten aus, die sie verdient hat.

For boredom is an invasion of time into your set of values. It puts your existence into its proper perspective, the net result of which is precision and humility. The former, it must be noted, breeds the latter. The more you learn about your own size, the more humble and the more compassionate you become to your likes, to the dust as wirl in a sunbeam or already immobile atop your table.

(Joseph Brodsky. Harper's Magazine, March 1995 v290 n1738 p11)

Foto: Arno Declair

Man kann die Langeweile, das Nichtstun der Hedda Tesman nicht nur als Effekt ihrer Herkunft und der Verheiratung mit dem falschen Mann lesen, wie es oft genug getan wurde, sondern als operationellen „Eingriff der Zeit in dein System der Werte“ (invasion of time into your set of values). Die Langeweile entwertet die Munterkeit des Geschäftigen, der Privatdozentur und Professur, der Existenzgründungen und Start-ups. Da greift Hedda Gabler ein und muss eigentlich von Anfang an aus dem Weg geschafft werden. Bereits Theodor W. Adorno ahnte und formulierte in Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben 1951 ähnliches:

… Wenn Hedda Gabler Tante Julle, die es bis ins Innerste wohlmeint, tödlich kränkt; wenn sie den abscheulichen Hut, den jene zu Ehren der Generalstochter sich zugelegt hat, absichtlich für den des Dienstmädchens hält, so lässt die Unzufriedene nicht bloß ihren Hass wider die klebrige Ehe sadistisch an der Wehrlosen aus. Sondern sie versündigt sich am Besten, womit sie s zu tun hat, weil sie im Besten die Schande des Guten erkennt…

Foto: Arno Declair 

Der Terror des Guten generiert Hedda Gabler als Drama. Der Terror der Werte auch und gerade in einer Zeit, in der vermeintlich der Werteverlust regiert. Nina Hoss’ Hedda Tesman kämpft nicht gegen das Gute der Boulevard-Tante. Sie entlarvt es. Denn Tante Tesman ist nie über den Horizont des Dienstmädchens hinweg gekommen. Gerade das lässt die Boshaftigkeit zur entlarvenden Wahrheit werden. Man kann das nur im Boulevard-Ton spielen, weil es die Wahrheit des Boulevards ist. Die Tragödie des Jörgen Tesman liegt darin, dass er zu sehr an das Gute glaubt, als dass er auch nur die Infragestellung des Guten in Betracht ziehen könnte. Haarscharf verkennt er die Vernichtung des Manuskriptes seines Widersachers als Liebesbeweis Heddas. Aus diesem Stoff ist Liebe gemacht.

Amtsgerichtsrat Brack (Bernd Moss) und Eilert Lövborg strampeln sich ab im Begehren nach dem, was alle haben wollen, das/die Schönste, die doch nur leer ist. Denn das Schöne existiert möglicherweise nur dadurch als Wert, weil so viele andere es haben wollen. Die erschreckende Langeweile, das Nichtstun, die Leere der Hedda Gabler, die Hedda Tesman vermeintlich immer schon gewesen ist, strafen das Schöne als Effekt der Leere. So wie die schönen Luxus-Interieurs der vier überzeitlichen Räume von Barbara Ehnes sich ins Unheimliche auswachsen, weil es gar nicht genug des Schönen geben kann, wird Hedda in der Dreiecksbeziehung, auf die es Brack anlegt, unheimlich.   

Die Hauptrolle spielt die Leere in Hedda Gabler. Und es ist gar nicht auszudenken, mit welcher Macht und Beharrlichkeit die vorgeführte Leere von längst abgelegten Narrativen eingeholt wird. Doch, ja, auch und gerade die Theaterkritik erzählt niemals von dem, was aufgeführt wurde. Die zeitversetzte Doppelpremiere in Recklinghausen und Berlin hat dazu geführt, dass beispielsweise gleich am 16. Mai die Kritik von Peter Kümmel in der ZEIT zu lesen war. Der Mann muss eine andere Inszenierung gesehen haben! Und prompt ist „Hedda Gabler … eine Frau, die gesellschaftliche Situationen nur dann aushält, wenn sie sicher sein kann, dass niemand in ihrer Nähe glücklicher ist als sie“. Der so wichtige Boulevard-Ton, wird gar nicht erwähnt, überhört oder übersehen oder beides.

Am meisten Aufwand wird bekanntlich dann getrieben, wenn es eine brüllende Leere als Schrecken zu übertönen gibt. Stefan Pucher und sein Team Barbara Ehnes (Bühne), Annabelle Witt (Kostüme), Christopher Uhe (Musik), Meika Dresenkamp (Video), Matthias Vogel (Licht) … greifen in die Vollen, als gelte es eine große Revue auszustatten. Soviel Bühnenmaterial findet man nicht einmal mehr in der Staatsoper. Eine wahre Materialschlacht. Und Nina Hoss, es grenzt an Zauber, kommt alle paar Minuten mit neuem Look auf die Bühne. Da geht es nicht nur um „»Theatergeschichte«“ (Kümmel), vielmehr wird das Theater auch als Zauberbude der Emotionen vorgeführt.

Der Reiz an Puchers Inszenierung liegt darin, dass man zunächst ständig denkt, dass man im falschen Film oder eben falschen Theater ist. Falsch. Das soll Ibsen sein?! Niemals! Keine Holzhütte bei Ibsen. Und dann geht der Schrank in der sehr, sehr dicken Holzwand auf wie eine Kuckucksuhr und Jörgen Tesmann arbeitet, sich endlich verstanden fühlend, mit Frau Elvsted am Mauskript, bis Heddas Schuss die Idylle zerreißt. Das Schlimme daran ist gerade, dass die Kuckucksuhr erbarmungslos weiterlaufen wird: Kuckuck, Kuckuck, Kuckuck. – In den schönsten Momenten kippt die Inszenierung ins Surreale, das natürlich knallhart real ist. — Kuckuck …

 

Torsten Flüh

 

Deutsches Theater

Hedda Gabler

weitere Vorstellungen  

19. Mai 2013, 19.30 Uhr
22. Mai 2013, 19.30 Uhr
26. Mai 2013, 18.00 Uhr
29. Mai 2013, 20.00 Uhr
20. Juni 2013, 19.30 Uhr
21. Juni 2013, 19.30 Uhr