Rudi, der Vietkong - Dong Xuan oder Frühling in Lichtenberg des HAU

 

Vietnam – Befreiung – Deutschland

 

Rudi, der Vietkong

Dong Xuan oder Frühling in Lichtenberg des HAU

 

Rudi singt. Rudi ist Vietnamese. Nordvietnamese. Nordvietnam befreite die Arbeiter und Bauern Südvietnams. Rudi singt mit seinen Weggefährten vom Vietkong, Viet Cong, Rote Lieder zur Gitarre im Aufenthaltsraum und Büro eines vietnamesischen Getränke-Großhandels im Dong Xuan Center. Er sitzt mit seinem Fotoalbum, in dem sich Der goldene Regen finden lässt, mit Toni und Sarah zum Jasmintee am Couchtisch.

Alle Vietnamesen heißen natürlich Rudi oder Hans oder Fritz. Jedenfalls die Vietnamesen, die beim VEB Elektrokohle in Berlin Lichtenberg oder beim Kombinat Fortschritt Landmaschinen VEB Getrriebewerk Kirschau als Spitzendreher mit einem offiziellen Arbeitsvertrag geschuftet haben. 1989 hätten sie von Deutschland ein Rückflugticket bekommen, wenn sie gewollt hätten. Rudi, Hans und Fritz wollten nicht. Jetzt sind sie Berliner Getränkegroßhändler.

Im Dong Xuan Center ist immer Frühling und Weihnachten zugleich. Typisch vietnamesisch. Brauchen Sie Weihnachtskugeln zu Ostern? Kein Problem, gibt’s in Dong Xuan. Suchen Sie Frühlingszweige am 23. Dezember? Fahren Sie einfach mit der M8 Richtung Ahrensfelde und steigen Herzbergstraße/Industriegebiet aus. Rechts das Kulturzentrum als Ruine, links der ehemalige Kontrollpunkt als florierender Kiosk. Zwischendrin das Tor zum Frühling, ganzjährig.

Clintwood ist Hamburger und möchte hier gar nicht mehr weg. ZhiMC kommt hierher zum Musik machen, Essen und Haarschneiden. Klaus Buchholz kommt her, wenn ihn das Heimweh zum Kohlenstaub packt. 40 Jahre oder so Kohlenstaub und Russ und Kernseife und trotzdem kein Krebs mit über 70. Atemschutz gab es nicht. Krebs auch nicht.

Das wahre Elend beginnt immer mit der Befreiung. Die Nordvietnamesen haben Südvietnam befreit. Die Amerikaner und Westdeutschen befreiten den Ostblock. Da blieb oft nur die Flucht, um sich zu befreien, bevor man befreit wurde. Doch wenn man durch Befreit-werden oder sich durch Flucht vor dem Befreit-werden befreit hat, dann kommt die Befreiung von der Befreiung und der Kampf des Lebens geht weiter.

Die Befreiung des VEB Elektrokohle fand durch den amerikanischen Konzern UCAR statt. Einem amerikanischen Konzern! Es gab Zeiten, da war die Größe amerikanischer Konzerne furchterregend. Ist gar nicht so lange her. Liquidation. VEB Elektrokohle ist liquidiert. UCAR Carbon Company Inc. ist längst in einer UCAR Holding, GrafTech International Ltd. und Union Carbon aufgegangen, liquidiert. Die amerikanische Industrie befindet sich gerade in einer Liquidationsphase. Positiv gewendet heißt das Umstrukturierung.

Der Dong Xuan Center ist eine Utopie. Sie existiert im Realen. Der Center verheißt ewigen Frühling. Am 22. November war kein Frühling. Regen und gefühlte 3 Grad. Nasskalt. Toni bekommt  einen Regenschirm und Sarah eine Taschenlampe vom Mitarbeiter des HAU in die Hand gedrückt. Willkommen in der Utopie. Regen, 3 Grad, nasse Füße schon, Dunkelheit um 17:15 Uhr und trotzdem Frühling. Mit Toni und Sarah werde ich eine gut dreistündige Tour B durch den Frühling antreten.

Gesine Danckwart und Matthias Lilienthal haben Dong Xuan oder Frühling in Lichtenberg im Rahmen des Dong Xuan Festivals - Vietnamesen in Berlin kuratiert. Nordvietnamesen, Südvietnamesen, Zigarettenvietnamesen, Deutschvietnamesen, Vertragsarbeiter-Vietnamesen, Boat-People-Vietnamesen, Deutsche, Amerikaner nehmen als Künstler am Festival teil und haben auf 2 Touren jeweils 8 Studio-Inszenierungen geschaffen. Von Barbara Ehnes und Ginka Steinwachs über Rudi und Klaus Buchholz bis Clintwood und ZhiMC bereiten die Künstler und studentischen Betreuerinnen sowie etliche Führer zwischen den Stationen ein Feuerwerk an Eindrücken. Mal sind es Minikracher, mal ein dicker Böller.

Mit Rudi und seiner Gitarre  beim Jasmintee fing alles an. Mit einem tanzbaren Live Dong Xuan Geräusch-Konzert von Clintwood und ZhiMC zur Bandnudelsuppe mit Ochsenbrust und eingelegtem Knoblauch endete die Tour B. Rudis Freund erzählt auf Vietnamesisch die Geschichte vom Waffenlager. Ein Zufallsgriff. Toni hatte den Zettel vom Lichterbaum genommen und Rudi gegeben. Waffenlager an der Grenze zu Südvietnam. Waffen aus China, Nordkorea, der UdSSR. Ein Waffenlager unter der Erde und im Freien. Mehr als genug Waffen, nur 6 Monate nichts zu essen.

So oder so ähnlich gehen die Geschichten von der opferbereiten Befreiung. Hunger, Kälte, Auffanglager, Schiffbruch immer und immer wieder. Flucht oder Befreiung fordern ihre Opfer. So oder so. Noch einen Schluck Jasmintee. Dann steht die nächste Gruppe auf der Tour B vor der Tür. Verabschiedung. Schnell noch ein Lied und dann weiter.

Das ist verstörend. Moment mal, was war das gerade eben? Nordvietnam, Südvietnam, Vertragsarbeiter, Rückflugticket? Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf hautnah. In Rudis-Geschichte spiegelt sich auch die deutsche.

Wir und die Vietnamesen. Wir, Tony, Sarah und ich, unsere kleine Gruppe verabschiedet sich immer mit Handschlag von den Akteuren der Stationen. Da kann man gar nicht anders, als Rudi die Hand geben. Danke. Zum Diskutieren hat man gar keine Zeit mehr. Aber so viele Fragen wären da noch gewesen. Die Geschichten werfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben.

Die Inszenierung von Dong Xuan oder Frühling in Lichtenberg spielt sich in einem Zwischenbereich von Dokumentation und Theaterinszenierung ab. Tony und Sarah haben gestern schon die Tour A mitgemacht. Heute sind sie wieder gekommen. Wir stapfen durch den Regen und durch Pfützen, für die wir Neoprenanzüge bräuchten. Wir drei sind abenteuerlustig und befinden uns schon mitten in einem. Wir werden anders hinaus gehen als, wir herein gekommen sind.

Vorbei am Aufzugschacht von VEB Elektrokohle begleitet uns der studentische Helfer mit Schirm und Fahrrad. Das Gerippe des Industriedinosauriers, die nackten Aufzugs- und Treppenschächte stammen noch aus der Vorkriegszeit, als das Gelände von Siemens entwickelt wurde. Eines von vielen in Berlin. Das Zeitalter der Elektromotoren, der Turbinen und Telefonkabel. AEG und Siemens, das waren die Codenamen der späten Industrialisierung Berlins. Straßenbeleuchtung und Haartrockner.

Tony und Sarah hören auf den IPods Klaus Buchholz, wie er die Geschichte vom VEB Elektrokohle erzählt. Wir sind auf dem Weg zum Badehaus. Badehaus klingt sehr nach Asien - China, Japan, Vietnam. Schon steigt der Räucherstäbchenduft, Sandelholz, in die Nase. Das Badehaus ist Platte. Vorn die Duschen für die Männer, hinten die Duschen für die Frauen, sagt Klaus Buchholz. Schwarz vom Russ der Elektrokohle nach der 8-Stunden-Schicht duschten die Arbeiterinnen und Arbeiter nach Geschlecht getrennt.


Klaus Buchholz gibt jedem von uns einen Schlüssel zu einem Spind. Das Wort ist aus der Mode. Spind nannte man einfache Schränke zur Aufbewahrung von Arbeits- und Wechselkleidung. Ich bekomme den Schlüssel zu einem Frauenspind. 142. Sarah sagt: Du hast den Schatz gefunden.

Als ich den Spind öffne, ein Funkeln und Blinken und ein Plastikpapagei auf der Schaukel. Auf dem Spindboden zwei Exemplare der Roman-Zeitung von vor 89. Roman als Sammelheft. Sarah schaut ein wenig neidisch rein: Meiner war nicht so bunt. Wenn der Plastikpapagei aus Vietnam an einem Knopf gedrückt wird, flattert und krächzt er. Dong Xuan. Der Osten ist rot.

Im dritten Stock dürfen wir mit der Taschenlampe noch weiter in den leeren Räumen stöbern, sagt Klaus Buchholz. Toni und Sarah packt die Abenteuerlust an der Raucherinsel mit dem roten Pfeil für „Tabakreste“. Kaum der Schatzinsel im Spind mit Papagei und einer Heiner Müller-Lesung auf Vietnamesisch im Nebenraum hinter Karibikvorhang entkommen, finden wir uns auf Station B2 in der Realität der Raucherinsel wieder. Kontrastprogramm.

Auf dem Rückweg zum Kulturhaus des ehemaligen Volkseigenenbetriebes ahnen wir nicht, was auf uns zukommen wird. Es gibt keine größere Tristesse als ein Festsaal für die Kultur im Ruinenzustand. Kabeltrommeln, zerschlagene Glaslampen. Lampengerippe. Der Saal ist groß. Die Bühne ist groß. Leer und groß. Eine brüllend große Leere.

Das lässt sich nur steigern durch Zimmer, die mit Kunstwolldecken gegen die Kälte verhängt sind. Station B3, eine Inszenierung von Gesine Danckwart. Wir müssen warten hinter der Kunstwolldecke vor der Tür zum nächsten Zimmer. Tee steht bereit. Die Betreuerin sagt, dass das Festival eigentlich hätte im Sommer stattfinden sollen. Dann wäre es wärmer gewesen, heller gewesen. Jetzt dampft der Tee im Becher aus der Thermosflasche. Jetzt ist mehr Abenteuer.

 

B3 drei ist der Hammer. Eine Dolmetscherin, ein junger Vietnamese, Sarah, Toni und ich sitzen am Tisch. Der junge Mann sagt, wie er heißt vielleicht. Er sagt alles über sich und unterstreicht es mit einem Vielleicht. Die Dolmetscherin übersetzt wörtlich. Er hat Medizin studiert in Vietnam, bis kein Geld mehr für das Studium da war. Er wollte seiner Familie, seiner Mutter helfen. Er vertraute sich Schleppern an. Er machte Schulden. Große Schulden. Zu große Schulden. Er machte alles, um die zu großen Schulden eines Tages nur zurückzahlen zu können. Wirtschaftsflüchtling. Klar. Er wurde ohne Papiere gefasst. Jetzt steht er kurz vor der Abschiebung.

Toni ist besorgt. Sarah ist besorgt. Dürfen wir Fragen stellen? Wir dürfen. Was machst du mit deinen Schulden, wenn du zurück nach Vietnam kommst? Ich gehe in eine andere Stadt vielleicht. Der Kloß sitzt im Hals. Der Vietnamese zündet eine Zigarette an und stellt sie als Räucherwerk auf einen Altar. Er schreibt einen Spruch auf Vietnamesisch an die Wand. Die ganze Wand ist schon von diesem Spruch vollgeschrieben. Das Licht geht an. Wir müssen gehen. Wir reichen ihm die Hand. Er nimmt die Hand mit beiden Händen.

 

Braucht ihr eine Pause oder wollt ihr noch in das nächste Zimmer? Es gibt viele Besucher, die nach dieser Station eine Pause brauchen, sagt die Betreuerin. Wir gehen in das nächste Zimmer und erfahren etwas über eine Website auf Vietnamesisch. Auf dieser Website veröffentlichen Vietnamesen Texte. In Vietnam ist das seit 2004 nicht mehr möglich. Zensur. Hacker, nennen wir sie gesponserte Hacker, bringen die Seite immer wieder zum Abstürzen.

Für Station B5 hat John Bock eine Modekollektion entworfen. Eine Modekollektion aus Teilen, die man im Center kaufen kann. Die Kleidungsstücke der Kollektion sind befremdlich. Hosen, Jacken, Hemden, Mützen, die irgendwie schräg zusammen gesetzt sind. Nicht unbedingt wirklich tragbar. Oder man braucht sehr viel Mut, um sie zu tragen. Jedenfalls sind wir uns nicht so sicher, ob wir eine Stretchhose mit einem Blümchendeckchen am offenen Hintern tragen wollen.

Tam Vrbanek, die einen kleinen Schneiderladen in den Hallen hat und auch Schuhe verkauft, näht im Handumdrehen die Stretchhose mit Blümchendeckchen zusammen. Sarah, Tony und ich sind von ihrer Fertigkeit beeindruckt. Kaufen wollen wir die florale Stretchhose trotzdem nicht.

In einem anderen Laden treffen wir Truong Nguyen. Er hat ein Spiel gebastelt. Goldener Stern hat er es genannt. Ein Würfelspiel mit Ereigniskarten. Monopoly für Flüchtlinge. Flucht ist immer ein Würfelspiel des Schicksals. Ende der 70er Jahre gerieten China und Vietnam über einen Grenzverlauf in einen Krieg. Die Familie Nguyen waren chinesische Vietnamesen. Kurz vor Beginn des Krieges im Februar 1979 konnte die Familie mit dem 3jährigen Truong und 6 Geschwistern fliehen. In China, Mao Tse-Tong lebte schon nicht mehr, regierte die sogenannte Viererbande unter der Schattenkaiserin Jiang Qing, Maos vierter und letzter Frau, die Kulturrevolution war kaum zuende, fand die Familie Aufnahme in einem Lager.

Der Krieg ist vergessen. Die Familie Nguyen kam über Hongkong als politische Flüchtlinge nach West-Deutschland. Alles kann schief gehen auf einer Flucht. Kein Vietnamese ist wie der andere. Truong ist mit Ravensburger Spielen in Deutschland groß geworden. Sein Spiel ist noch nicht bei Ravensburg erschienen. Vielleicht wird es dort nie erscheinen. Anders als bei Monopoly geht es nur darum, das nackte Leben zu retten und nicht darum märchenhaft reich zu werden.

Auf Station B7 erfahre ich im vietnamesischen Hairstyling Shop die spürbare Differenz und werde fotografiert. Ob mich die sichtbare oder spürbare Differenz trifft, entscheidet das Los. Das ist immer so. Wahrnehmbare Differenzen folgen dem Prinzip der Kategorisierung. Die différance, die Jacques Derrida konzeptualisiert hat, ist tendenziell nicht wahrnehmbar. Das liegt nicht zuletzt an dem klein a. Denn es wäre nicht wahrnehmbar.

Als die spürbare Differenz an mit vollzogen ist, steige ich vom Frisierstuhl und erhalte aus dem Farbdrucker ein Foto von mir, während ich in einen süßen, vietnamesischen Kuchen beiße. Auf dem Foto steht in roter Schrift:

Differenzen stehen neben und jenseits von Konflikten. Viele von uns halten nach wie vor an einem Konzept von Differenz fest, das diese als Werkzeug von Trennung versteht, mit dem Macht auf der Grundlage rassistischer und geschlechtlicher Wesenheit ausgeübt werden kann und nicht als kreatives Werkzeug, mit dem verschiedene Formen der Repression und Herrschaft befragt werden können.

Die Station B7 wurde von der Regisseurin und Installationskünstlerin Susanne Sachsse zusammen mit Marc Siegel eingerichtet. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen an der Freien Universität Berlin und arbeitet ebenso im Bereich der Queer Studies. Im Hairstyling Shop ging alles sehr schnell. Sarah, Toni und ich wussten eigentlich gar nicht, wie uns geschah. Und plötzlich standen wir schon wieder auf dem Gang in der Halle und mussten durch einen Supermarkt gehen, um zur letzten Station zu gelangen.

Im Restaurant Linh Chi Quán trafen wir schließlich Clintwood und ZhiMC. Sie hatten ein computergeneriertes Musikprogramm entwickelt. Wir mussten raten, welche Töne sie aus dem Center in Musiktöne umgearbeitet hatten. Jede Taste auf dem Keyboard ein Ton des Dong-Xuan-Center-Universums. Verrate ich jetzt nicht, was wir geraten haben. Jedenfalls sind Clintwood und Zhi hochkreative Elektromusiker. Von der Elektrokohle zur Elektromusik sozusagen.

Naja, das wäre vielleicht zuviel Geschlossenheit und Ziel in der Tour B. Jedenfalls haben Clintwood und Zhi dann noch mit uns zusammen Musik gemacht. Sehr sessionmäßig. Und eigentlich war es dann gar nicht mehr so wichtig, ob Zhi Berliner mit vietnamesisch-chinesischen Eltern ist oder nicht. Die deutsche Staatangehörigkeit folgt noch immer dem Recht des Blutes, ius sanguis, und nicht des Ortes, ius solis. Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt dieses alte Denken im Blut, das Integration in Deutschland so schwierig macht.


Dong Xuan oder Frühling in Lichtenberg ist erlebbares Theater unter persönlichem Einsatz. Man kommt da anders raus, als man rein gegangen ist. Das hat dann allerdings mehr mit der différance und dem Performativen als mit der Differenz zu tun. Und viele werden wahrscheinlich wiederkommen.

 

Torsten Flüh       

DONG XUAN FESTIVAL. VIETNAMESEN IN BERLIN
21. bis 27. November 2010

DONG XUAN ODER FRÜHLING IN LICHTENBERG

noch bis 25. November 15:00 bis 18:00 Uhr
Touren-Start im 10-Minuten-Takt

M8 Herzbergstraße/Industriegebiet


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Categories: Theater

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