Sexualitäten zwischen Bildungsroman und Theorieansatz - Götz Wienold liest aus Großwahrwitz und das zweite Jahrbuch für Sexualitäten wird vorgestellt

Sexualitäten – Potenz – Erzählen

 

Sexualitäten zwischen Bildungsroman und Theorieansatz 

Götz Wienold liest aus Großwahrwitz beim Queer Reading und das 2. Jahrbuch für Sexualitäten wird beim Queer Launching im taz Café vorgestellt 

 

Waren Sie schon einmal in Großwahrwitz? Man sollte es kennen. Großwahrwitz liegt im Osten Deutschlands irgendwo, wo es Blasewitz, Tolkewitz, Loschwitz, Wachwitz als Ortsnamen gibt. Es liegt insofern beim Blauen Wunder von Loschwitz an der Elbe, das sprichwörtlich in der Kindheit von Erziehungsberechtigten angedroht wurde: Du wirst noch dein blaues Wunder erleben. Das blaue Wunder hinterließ dann wirklich blaue Flecken. Der Autor Götz Wienold wurde unweit in Großpostwitz bei Bautzen geboren, feierte kürzlich seinen neunundsiebzigsten Geburtstag und hat zuvor am 23. Juni im taz Café in der Rudi-Dutschke-Str. 23 aus seinem labyrinthischen Roman Großwahrwitz gelesen.

 

Das taz Café in der einstigen Kochstraße zwischen Springer-Hochhaus und Friedrichstraße liegt mitten im historischen Zeitungsviertel der Jahrhundertwende. Ab 1959 ließ Axel Springer sein Verlagshochhaus an der Sektorengrenze als Bildzeitung-Bollwerk gegen den Kommunismus hochziehen. 1989 zog die tageszeitung von der Wattstraße im Wedding noch vor dem Mauerfall in ein heruntergekommenes, dann saniertes Geschäftshaus von 1909 in der Kochstraße 25. Das funktionale Renditeobjekt aus der Ära der deutschen Zeitungen zwischen Yokohama, Berlin und New York mit der New Yorker Staats-Zeitung war für die taz schon bald zu klein, so dass in den 90er Jahren ein transparenter Stahlskelettbau angebaut wurde. Im taz Café wurde nun letzte Woche das Queer Launching des Jahrbuchs für Sexualitäten 2017 gefeiert.

 

Queer Reading und Queer Launching gehören zur „bewegung“ der taz in den Bereichen Bildung, Familie, Gesundheit und Gender. Sie werden von der Initiative Queer Nations e. V. mit ihrem Vorsitzenden Jan Feddersen organisiert und moderiert. Das taz Café war also genau der richtige Ort für eine Lesung aus Großwahrwitz. Götz Wienold hat seine montageartige Erzählung als eine „(a)us der Frühgeschichte des neuen Deutschland“ angekündigt. Sie wurde von ihm schon 2006 im Passagen Verlag veröffentlicht. Dass Wienold nun für das taz Café und Queer Reading aus seinem umfangreichen literarischen Werk Großwahrwitz auswählte, gibt einen Wink auf die Verknüpfung einer durchaus anderen und kritischen Geschichte Deutschlands um 1945 und der frühen Bundesrepublik wie der DDR mit der Sexualität des Protagonisten Jakob Wohlfahrt. Aus Jakobs Sicht erweisen sich retrospektiv die Wahrheiten seiner Kindheit als schlechter Witz, könnte man sagen.

 

Die „Nazi- und Nachnazizeit, die Flucht in den Westen und die Rückflucht … in den Osten“ spielen statt nach- mehr ineinander.[1] Die Vergangenheit spielt in Jakobs Wahrnehmung der Gegenwart unablässig hinein. Als Ich-Erzähler versucht er eine „Lebensbeschreibung“ zusammen zu bekommen, die weder vollständig noch chronologisch funktioniert. Sie wird von Wienold eher thematisch angelegt. Denn es geht in Großwahrwitz erstens um die Vereinigung der beiden deutschen Staaten als „Macheinsauszweiland“, dessen politischer Prozess zweitens Erinnerungs- und Schreibprozesse über den Missbrauch durch den Vater im Kindesalter anstößt. Historisch ließe sich der andere „Bildungsroman“[2] um 1989 denken, während ihn Wienold mit erst fünfzehnjähriger Verspätung geschrieben hat und obwohl, wie er im Gespräch sagte, er etwas ganz anderes schreiben wollte. Das literarische Schreiben funktioniert wohl gar in einem Verfehlen dessen, was der Autor schreiben will. 

In Macheinsauszweiland kommt so manches ganz hoch, was so auch schon da und dort war, ein Ganzes wird die Geschichte so leicht aber nicht mehr, auch wenn man sie hintereinander zusammenschreibt. Verlange dafür nur niemand, daß die Dinge so nacheinander aufgeschrieben erscheinen, wie der oder jener denkt, daß sie passieren; die sind alle schon zu sehr durcheinander.[3]     

 

Der schmale Roman von achtundsiebzig Seiten erzählt das Unerzählbare, weil es u.a. von Scham als einem kulturell verinnerlichten Wissen besetzt ist. Doch vielleicht ist das schon zu viel gesagt, zu viel Begründung, wenn sich ein Mann anlässlich der Vereinigung von BRD und DDR an den sexuellen Missbrauch unter Anwendung von Gewalt und Zwang durch den eigenen Vater erinnert, der die Wahrnehmung geprägt hat und prägt. Die Homosexualität als Identität wird als eine ebenso zwanghafte wie gewalttätige formuliert. Im Erzählfluss entstehen Sprachbilder von reizvoller Dichte wie erschreckender Mehrdeutigkeit. Es sind kaputte, widersprüchliche Bilder, die aufmerksam gelesen, kaum auszuhalten sind. 

Stell dir vor, du hast ein Stückchen Schlüssel gefunden und drehst daran, wer, der schlägt dir in den Kopf und treibt dich weg wie einst dich Jungen, der am Meer die Männer und Frauen nackt im Sand fand und den sie nichts sehen ließen als den Zaun aus rohen Ruten drumherum aufgesteckt. Nur ein wenig zu ergriffen, dir hingehalten zur Verlockung, und sie zeigen dir, daß sie dich in Schrecken und in den Wahnsinn treiben, offenen, und die Lächerlichkeit des Trotzes eines Blöden.[4]

 

Es ist eben nur „ein Stückchen Schlüssel“ und kein ganzer, der die Erinnerung schlagartig einsetzen lässt, so dass der „Zaun aus rohen Ruten“ nicht nur die Sicht auf das Meer und die nackten Männer und Frauen versperrt, vielmehr verwandeln sich die zum Schlagen vorgesehenen Ruten in verlockende Penisse.[5] Durch syntagmatische Verknappung, den semantischen Bildwechsel vom Schlüssel zum „Jungen“ am Meer und den „Ruten“ wird eine vielschichtige und widersprüchliche Kindheitserinnerung formuliert. Die Erinnerung geht „sehr durcheinander“ zwischen homosexuellem Begehren, Unterwerfung, Gewaltandrohung und der verschachtelten „Lächerlichkeit des Trotzes eines Blöden“. Die Eröffnungssequenz des schmalen Romans, der sich über eine Zeit von mehr oder weniger sechzig Jahren erstreckt, knüpft an den Modus des Bildungsromans und verschiebt den Begriff der Bildung in die Urszene einer prekären Erziehung zum homosexuell Begehrenden. Von fern winkt Jean Jacques Rousseaus Émile ou De l'éducation als moderner Erziehungsroman aus „réflexions & d'oberservations, sans ordre, presque sans suite“ herüber, wie es im Vorwort heißt. 

 

Damit berührt und formuliert der Ich-Erzähler einen wunden Punkt nicht nur für die Lesepraxis eines identifikatorischen Lesens, das eine geglückte Bildung wünscht, sondern ebenfalls im queeren Diskurs einer „Identitätsbildung“ wie ihn beispielsweise Ilka Quindeau vorschlägt, worauf später zurückzukommen sein wird. Großwahrwitz handelt von einer prekären „Identitätsbildung“, die wegen des ursprünglich gewalttätigen Missbrauchs durch den Vater widersprüchlich formuliert werden muss. Was unter dem Titel Lebensbeschreibung verloren eröffnend als ambivalent entfaltet wird, zeitigt ein zerrissen widersprüchliches Ich, Jakob Wohlfahrt, der quasi zum Trotz homosexuell wird bzw. gemacht worden ist. Das identitätsstiftende Begehren als Subjektmodell bleibt ihm von Anfang an verschlossen. Der Missbrauch unter dem Titel Herr Kalber geschieht durch den Vater und dessen Freund im Suff, fast als gewöhnliches Gesellschaftsspiel: 

Man besoff sich, und Larry sprach von seinen Alltagssorgen wie Herr Kalber. Und Larry rief den Sohn Jakob mitten im Suff und ließ ihn sich die Schlafanzughose runterziehen, sich umdrehen und nach vorne bücken. Tiefer doch, und boxte den Jungen in die Knie, schob ihm einen Finger ins Loch, Herr Kalber erschrocken und doch grinsend über Glas und Flaschen. Hinein. „Jetzt zeige ich dir, wie es ist, wenn du den Finger deiner Schwester hineinstecken willst. Mach es nie, sag ich dir, mach es nie!“ Der Junge brach in Gewimmer zusammen und übergab sich. „Onkel Kalber macht es dir auch noch.“[6]

 

Die Missbrauch-Sequenz, die sich in der deutschen Geschichte vor 1945 zuträgt, wird als eine ausgesuchte Moralität formuliert. Sie wird nämlich als eine heteronormative sittliche Lehre und Bestrafung im Voraus vom Vater ausgesprochen. „Jetzt zeige ich dir, wie es ist, wenn du den Finger deiner Schwester hineinstecken willst.“ Der Vater formuliert ein Inzest-Verbot, um seinen (homosexuellen) Inzest zu rechtfertigen. Die familiale Verstrickung des sexuellen Missbrauchs wird dadurch gerechtfertigt, dass der Freund, „Herr Kalber“, nun als „Onkel“ zum Familienmitglied wird. Anders gesagt: Der Missbrauch wird nicht etwa als Begehren formuliert, sondern als familiärer Gesetzesakt. Die Lehre besteht im heteronormativen Verhalten, außer der „Schwester“ jedem Mädchen und jeder Frau „den Finger“ hineinzustecken. Doch durch den gemeinschaftlichen Missbrauch macht der Vater, die „Schwester“ durch den Sohn substituierend, den Sohn zur „Schwester“ oder Frau.

 

Die Finger-Geschichte lässt sich nicht zuletzt leicht als eine phallogozentrische[7] und patriarchale[8] lesen. Der „Finger“ wird ebenso als gesetzgeberischer Zeigefinger oder Phallus wie als Penis zur Potenzabfuhr benutzt. Die Sexualität als Handlung unter Vater und Sohn bzw. Männern funktioniert demnach, wie es Slavoj Žižek einmal formuliert hat, „als das universelle Signifikat“.[9] Der Missbrauch durch den Vater macht Sinn, weil er nicht als Begehren, sondern als sinnstiftende Lehre formuliert wird. Dem Sohn wird, um es noch einmal zuzuspitzen, der universelle Sinn der Gesetze eingeimpft. 

Der Phallus ist das „Organ der Desexualisierung“ genau in seiner Besonderheit eines Signifikanten ohne Signifikat: Er bewirkt die Evakuierung der sexuellen Bedeutung; d. h. die Reduzierung der Sexualität als eines bezeichneten Inhalts auf einen leeren Signifikanten. Kurz: Der Phallus benennt folgendes Paradox: Die Sexualität kann nur universell werden, indem sie sich desexualisiert, indem sie sich einer Art von Transubstantialisierung und Verwandlung in eine Supplement-Konnotation des neutralen, asexuellen buchstäblichen Sinnes unterzieht.[10]  

 

Götz Wienolds Roman Großwahrwitz erzählt nicht nur eine Geschichte eines einzelnen Missbrauchs, vielmehr handelt er in einer fragmentarischen Schreibweise davon, wie mit Geschichte Sinn produziert wird. Der Missbrauch geschieht nicht nur als ein falscher oder schlechter Gebrauch des väterlichen Erziehungsrechts, sondern in der Anwendung der väterlichen Macht im Sinne der potentia als Macht, Kraft, Vermögen, Fähigkeit in der Verkopplung mit der analen Penetration als Sexualität. Großwahrwitz wird so nicht nur zu einem Ort in Deutschland oder der sächsischen Provinz. Unterdessen wird es zum Schauplatz von deutscher Geschichte und Sexualität, des Phallus' als „Organ der Desexualisierung“. Beim Queer Reading wurde im anschließenden Gespräch krisiert, dass die Sexualität so „düster“ und „lustlos“ in Großwahrwitz beschrieben werde, während man selbst doch die Sexualität als lustvoll erfahre. Wienold konnte nur bestätigen, dass es wegen des Missbrauchs hier eben keine ungebrochen lustvolle Sexualität geben könne. Mehr noch, und darin liegt die diskussionswürdige Einzigartigkeit des Romans nicht zuletzt als Umschrift des Émile, die Erfüllung des Begehrens in der Lust als praktizierte (Homo-)Sexualität gehört wahrscheinlich zu den mächtigsten Mythen der Gegenwart.

 

Als Queer Launching fand am 13. Juli im taz Café in der Moderation von Rainer Nicolaysen die Vorstellung des Jahrbuch Sexualitäten 2017 mit dem Abdruck von vier Queer Lectures, einem Gespräch von Jan Feddersen mit Patsy l’Amour laLove „über die Kritik am queeren Aktivismus“, sieben „Miniaturen“ genannten Beiträgen von Babette Reichert bis Noemi Yoko Molitor und fünf Rezensionen statt. Nach der Begründung des Jahrbuch Sexualitäten im letzten Jahr[11] als „jährlich erscheinendes, interdisziplinäres Periodikum, das Fragen des Sexuellen in einem weiteren Sinne thematisiert“[12], folgte fast auf den Tag genau im Jahresrhythmus die zweite Ausgabe. Die Herausgeber*innen haben sich auch diesmal für ein „weit angelegt(es)“ „Spektrum der Themen und Theorien, der Zugänge und Ansätze, der Autor*innen und Textsorten“ entschieden.[13] Obwohl das Format des Jahrbuchs ein akademisches ist, lassen sich das Essay wie die Lectures und das Gespräch als auch die Miniaturen und Rezensionen genauso für Nicht-Akademiker gut lesen.

 

Das eröffnende Essay Queere Fluchten von Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers bietet einen ebenso aktuellen wie dramatischen Einblick in den Forschungsstand von LSBTI*-Geflüchteten aus dem Libanon, Marokko, Afghanistan und anderen Ländern mehr. Am Beispiel der Fluchtgeschichte des libanesischen Aktivisten Ibrahim Mokdad stellen die Autor_innen die Frage: „Welche emanzipatorischen Chancen bergen die aktuellen Debatten und Dynamiken?“ Denn Mokdad wurde nicht nur von einem Mann „aus dem dritten Stock eines Gebäudes“ im Libanon geworfen und schwer verletzt, sondern wurde auch im Camp der Erstaufnahmestelle „beleidig(t) … und … unter der Dusche mit Eiern“ beworfen. „Durch Zufall fand er den Weg zum Verein Rubicon, einem Beratungszentrum für Lesben und Schwule in Köln, das den Flüchtlingsrat einschaltete.“[14]

Die Autor_innen machen an der Geschichte des Geflüchteten Ibrahim Mokdad deutlich, wie aus der Flucht und abermaligen Verfolgung eine Selbstorganisation erfolgen kann. „Er etablierte SOFRA-Cologne, eine monatliche Veranstaltung, die Geflüchteten und Freund_innen bei gemeinsamem Essen den Austausch von Informationen ermöglicht… Ohne Zugang zu derlei LSBTI*-Unterstützernetzwerken haben es queere Geflüchtete auch in Deutschland schwer.“[15] Ibrahim Mokdads Geschichte zeige, „welche Chancen die aktuelle Fluchtdynamik birgt und welche neuen Perspektiven notwendig sind, um dieses Potential zur Geltung zu bringen“. Nach Meinung der Autor_innen „verweisen die aktuellen Debatten über die Verquickung von kulturellen Differenzen mit sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auf die Probleme, zugleich aber auch auf die Potenziale, die sich aus der Dynamik queerer Fluchten ergeben“.[16]

Es sind nicht zuletzt sprachlich-strukturelle Sensibilität und Gesellschaftskritik, die innerhalb weniger Monate dazu geführt haben, den Begriff des Geflüchteten statt Flüchtling im öffentlichen Diskurs zu etablieren. Einerseits wirkt er einer Dichotomie zwischen den »liberalen« Ländern Westeuropas und dem »repressiven« Rest der Welt entgegen, andererseits macht er den passiven, die Flucht erleidenden Flüchtling zu einem aktiven Menschen, der Respekt dadurch verdient hat, dass er aktiv geflüchtet ist. In großstädtischen Regionen mit einer aktiven LSBTI*-Community, die sich oft in einer breiten Diversität organisiert hat, gelingt es LSBTI*-Geflüchteten leichter zur zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation ermuntert zu werden. Obwohl es in Teilen der Community erhebliche Ressentiments gegenüber Geflüchteten allgemein und auch LSBTI*-Geflüchteten gibt, was nicht verschwiegen werden sollte, sehen die Autor_innen „gerade dann neue Chancen für die Geflüchteten wie für die aufnehmende Gesellschaft, wenn Fliehende nicht als Opfer, sondern als Akteur_innen in den Blick geraten“.[17]   

Mit dem Essay positioniert sich das Jahrbuch in einer gesellschaftlichen Debatte, die weit über Sexualitäten im engeren Sinne hinausgeht. „(F)remdenfeindliche Tendenzen in … der LSBTI*-Community“[18] sind keinesfalls Marginalien der Community. Doch die Analyse des Essays positioniert sich eher als eine politisch-administrative Handlungsempfehlung, denn als eine Kritik an einer LSBTI*-Community, aus deren Diskurs sich beispielsweise die Schwulen und Lesben der AfD immerhin mit einer lesbischen Spitzenkandidatin und rechts davon verabschiedet haben. Vielleicht gehört das zum Dilemma der LSBTI*-Community, dass sie sich sehr ähnlich wie die „Netzgemeinde“ oder Community des Internets nach Sascha Lobo auf der Internationalen Konferenz Zugang gestalten! durch „überhaupt keine Leitlinien“ auszeichnet.[19] Es gibt durchaus eine Art Darknet der LSBTI*-Community, die indessen in Berlin und (Teilen von) Deutschland einen hohen Grad liberaler Selbstorganisation erreicht hat.

 

Die Vielfalt und Originalität der Queer Lectures von Patrick Bahners, Werner Renz, Clare Bielby und Ilka Quindeau zwischen Marriage can’t wait und Queering Psychonalysis ist nicht nur beachtlich. Sie rollt vielmehr, wie Andreas Kraß in seiner Kurzvorstellung von Ilka Quindeaus Lecture Vom Nutzen einer queeren Perspektive für das Konzept der Geschlechtsidentität deutlich machte, eine wissenschaftshistorische Debatte der Psychoanalyse auf. Quindeau, die als Psychoanalytikerin und Lehranalytikerin sowie als Professorin für Klinische Psychologie und Psychoanalyse an der Frankfurt University of Applied Sciences tätig ist, kommt zum Schluss, dass „als Ziel des Ödipuskonflikts nicht eine eindeutige Identität zu konzeptualisieren“ sei, „die in Abgrenzung zum Anderen entsteht, sondern die Differenzen und Mehrdeutigkeiten nebeneinanderstehen lassen kann.“ 

Die Identitätsbildung muss nicht notwendig heteronormativ erfolgen, sondern kann auch so offen und fluid entwickelt werden, dass sie das Nicht-Identische mitenthält und Männliches und Weibliches, Homo- und Heterosexuelles nebeneinander bestehen kann.[20]  

 

Das Jahrbuch Sexualitäten wie die Veranstaltungen der Initiative Queer Nations im taz Café haben es mit nur zwei Ausgaben geschafft sich nicht nur in einem Diskurs etwa der Sexualwissenschaften Gehör zu verschaffen, was nahegelegen hätte. Vielmehr speisen sie die Relevanz der Sexualitäten in einen breiten zivilgesellschaftlichen Diskurs ein, der paradigmatisch mit dem Essay Handlungsempfehlungen formuliert sowie Wissenschafts-, Theorie- und Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland wie mit Werner Renz‘ Lecture Wider die Sittenwächter – Fritz Bauers Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre thematisiert und auf wissenschaftlich hohem Niveau öffentlich macht. Für 2018 kündigt das Jahrbuch nicht nur einen Beitrag von Jan Feddersen zum Eurovision Song Contest als „queeres Familienprogramm“ an. Vielmehr wird von Anna Hájková der so wichtige Forschungsaufsatz Queering Holocaust. Homophobie, Opfergesellschaft und die Politik der Geschichte zu lesen sein.  

 

Torsten Flüh

 

Götz Wienold 

Großwahrwitz 

Erschienen 2006, Aufl. 1 

ISBN 9783851657739 

208 x 128 mm 

80 Seiten 

Preis 12,30 EUR

 

Jahrbuch Sexualitäten 2017

Im Auftrag der Initiative Queer Nations

Herausgegeben von Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Christian Schmelzer 

Preis 34,90 EUR      
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[1] Götz Wienold: Großwahrwitz. Wien: Passagen, 2006, S. 3.

[2] Ebenda.

[3] Ebenda S. 11.

[4] Ebenda S. 12-13.

[5] Siehe beispielsweise die Bedeutungsvielfalt in https://de.wiktionary.org/wiki/Rute

[6] Götz Wienold: Großwahrwitz… [wie Anm. 1] S. 21.

[7] Vgl. zum Neologismus Phallogozentrismus Jacques Derrida: Dissemination, Wien 1995, S. 69–192.

[8] Patriarchal wird die väterliche Lehre nicht zuletzt dadurch, dass sie das landesherrliche Recht der ersten Nacht an den Töchtern, dem jus primae noctis am Sohn, ihn quasi kastrierend, ausübt.  

[9] Slavoj Žižek: Sinn, Unsinn und der Phallus. In: Karin Dahlke, Ulrich A. Müller, Marianne Schuller: Heilloses Lachen – Fragmente zum Witz. In: FRAG-MENTE Schriftenreihe für Kultur-, Medien- und Psychoanalyse Dez. 1994 Nr. 46. Kassel: Jenior & Preßler, 1984, S. 141.

[10] Ebenda.

[11] Siehe auch Torsten Flüh: Die Nackten und das Wissen. Zum Elberskirchen-Hirschfeld-Haus als „Leuchtturm“ der Sexualitäten. In: NIGHT OUT @ BERLIN 28. Dezember 2016 21:30.

[12]Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Christian Schmelzer: Editorial. In: dies. im Auftrag der Initiative Queer Nations: Jahrbuch Sexualitäten. Göttingen: Wallstein, 2016, S. 9.

[13]Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Christian Schmelzer: Editorial. In: dies. im Auftrag der Initiative Queer Nations: Jahrbuch Sexualitäten. Göttingen: Wallstein, 2017, S. 12.

[14] Yener Bayramoğlu, Benno Gammerl und Carolin Küppers: Queere Fluchten. In: Maria Borowski, Jan Feddersen, Benno Gammerl, Rainer Nicolaysen, Christian Schmelzer (Hrsg.): Jahrbuch Sexualitäten 2017. Göttingen: Wallstein, 2017, S. 15.

[15] Ebenda S. 16.

[16] Ebenda S. 19.

[17] Ebenda S. 42.

[18] Ebenda S. 32.

[19] Siehe Torsten Flüh: Mach Dir Dein eigenes Meisterwerk! Zur Top-Konferenz Zugang gestalten im Jüdischen Museum. In: NIGHT OUT @ BERLIN 4. Dezember 2013 20:22.

[20] Ilka Quindeau: Queering Psychoanalysis. Vom Nutzen einer queeren Perspektive für das Konzept der Geschlechtsidentität. In: Jahrbuch Sexualitäten [wie Anm. 5] S. 131.