Die Zukunft sehen und hören - Premiere von Playing The Space auf der Fachmesse Avant Première

Raum – Wahrnehmung – Kamera 

 

Die Zukunft sehen und hören 

Premiere von Playing The Space auf der Fachmesse Avant Première 

 

Die 65. Berlinale erlebte eine exklusive Film-Premiere, für die es noch kein Kino gibt. Avant Première im Scandic Hotel Potsdamer Platz gehört zu jenen Film- und Medien-Messen während der Berlinale, bei denen es um den Markt geht. The International Trade Fair for Performing Arts Films. Die kleine, aber feine Messe, auf der Filme wie die Aufzeichnung der Inszenierung von Einstein on the Beach von Phil Glass und Robert Wilson aus dem Théâtre du Châtelet, wie sie vor knapp einem Jahr im Haus der Berliner Festspiele zu sehen war, gehandelt werden, kostet für Tagesbesucher 199,- €. Film- und Medienhändler aus aller Welt verkaufen und kaufen aktuelle Musik-, Opern- und Ballettproduktionen für ihre Sender. Neben Einstein on the Beach mit der Szene „Space Machine“, die auch als Messe-Bild genutzt wurde, waren Produktionen und Einspielungen des Amsterdamer Concertgebouworkest, der Berliner Philharmoniker etc. im Angebot. In diesem Rahmen hatte Playing The Space seine Vorpremiere für Fachbesucher und Presse.   

Der Film wurde mit einer vom Fraunhofer Heinrich-Herz-Institut entwickelten Kamera gedreht. Spitzentechnologie, für die der alte Begriff des Drehens eines Films, nun wirklich prähistorisch ist. Die OmniCam-360 bietet mittels Spiegel einen Aufnahmeradius von 360 Grad. Für die Projektion wird dann ein Radius von 180-Grad für das gesamte Gesichtsfeld hergestellt. Da es dafür noch keine Kinos gibt, musste das Fraunhofer Heinrich Herz Institut eines im Saal Aurora Borealis (Polarlicht) des Scandic Hotels bauen, das TiME Lab. Und weil dieses prototypische 180-Grad-Klang-Kino auch auf weiteren Messen aufgebaut werden soll, ist es bisher eher eine Art Messestand. Das Publikum muss stehen. Die Einladung zur Premiere erhielt der Berichterstatter vom Rundfunkchor Berlin, weil dessen Produktion Lover im Kraftwerk Mitte aufgezeichnet worden war. Wie wird nun der Raum visuell und auditiv mit neuester Technologie für und mit Playing The Space hergestellt?    

Die Kombination aus Wissenschaft und Forschung, Technologie und Kunst lässt sichtbar und hörbar werden, was bisher nicht (oder nur live im Raum) zu sehen und zu hören war. Playing The Space kombiniert einzigartige Räume wie die Philharmonie, das Kraftwerk Mitte in der Köpenicker Straße und das Stattbad Wedding in der Gerichtstraße mit Uraufführungen von Orchester-, Gesangs- und Tanzwerken von Spitzenensembles. Die Uraufführung von Wolfgang Rihms IN-SCHRIFT 2 anlässlich des Festkonzerts der Berliner Philharmoniker für 50 Jahre Philharmonie am 20. Oktober 2013, bei der es dem Komponisten darum ging, dass „alle Räumlichkeit … in die Musik eingeschrieben sein (solle)“, wie berichtet wurde, gehört neben LOVER im Kraftwerk Mitte, wo im März 2012 Katie Mitchells Produktion Al Gran Sole Carico D’Amore von Luigi Nono 2012 aufgeführt wurde, und einem Konzert des Andromeda Mega Express Orchestra im Stattbad Wedding, wo Dadara 2009 seinen Checkpoint Dreamyourtopia aufgebaut hatte, zu den Werken, die die neuartige Technologie wahrnehmbar machen sollen.  

Raum und Zeit werden im TiME Lab des Frauenhofer Heinrich-Herz-Instituts digital verarbeitet und hergestellt. Wie dem Berichterstatter ein Mitarbeiter des Instituts vermittelte, gab und gibt es bereits vielfältige Technologien, die die Herstellung und Übertragung eines Raumes mit 180-Grad-Kamera-Projektion und Tonverarbeitung mit neuartigen Audiosystemen praktizieren. Doch die OmniCam-360, die ein 2D panoramic UHD Video erstellt, das ein Panorama mit einer bisher nicht dagewesenen Klangqualität über 3D-Lautsprechersetups und Wellenfeldsynthese generieren kann, setzt völlig neuartige Standards. Die Abdeckung des Gesichtsfeldes in Kombination mit dem Hörfeld erfordert auch neuartige Wahrnehmungsweisen. Das Beispiel des hörbaren, doch nicht sichtbaren Zahnes in Jiang Wens一步之遥/YI BU ZHI YAO und dessen Täuschungsmanöver, das im satirischen Kontext mit neuester Akustik-Technologie inszeniert wurde, mag hier nur andeuten, worum es mit der Herausforderung der Wahrnehmung geht.  

Die Wahrnehmung wird auf neuartige Weise im TiME Lab und mit Playing The Space herausgefordert. Kommt es zu einer deckungsgleichen Wahrnehmung des Augen- und des Ohrensinns in Playing The Space? Oder wird die sinnliche Wahrnehmung eher auf subtile Weise aufgespalten, vervielfältigt und überlagert? Diese Frage ist nicht zuletzt deshalb entscheidend, weil das Panorama mit dem Wissen des Subjekts und der Wissenschaft, wie es mit der Ausstellung WeltWissen im Martin-Gropius-Bau 2010 für 300 Jahre Wissenschaft insbesondere visuell inszeniert worden war, verknüpft wird. Was macht das Panorama mit dem Wissen? Die akustischen Technologien werden allerdings erst an der Schwelle zum 20. Jahrhunderts mit wesentlicher Verzögerung zur Herausforderung der Wahrnehmung. Das Radio der Frühzeit experimentierte auf vielfache Weise mit dem Hören und dem Wissen. Damit ist nicht zuletzt an Bertold Brechts Lindberghflug und seine improvisierte Uraufführung am 27.7.1929 zu erinnern. Die originalen Audiodateien können im Medienkunstnetz gehört werden.  

Die Wahrnehmungsweisen von Raum und Klang spielen sich allein deshalb schon in einem besonderen Bereich ab, weil die Philharmonie, das Kraftwerk Mitte und das Stattbad Wedding jeweils eine völlig unterschiedliche und einzigartige Akustik haben. Insofern geht es mit dieser Kombination in Buch und Regie von Marianne Wendt für Playing The Space nicht um einen absoluten oder idealen Klangraum, sondern um eine Vielfalt von Klangräumen. Die Klangräume werden im 180° Panoramafilm von 23 Minuten noch einmal darum erweitert, dass einige Außenaufnahmen an der Köpenicker Straße vor dem Kraftwerk und in der Gerichtstraße dazwischen geschnitten werden. Im Panoramafilm wird mit der Akustik nicht zuletzt wahrnehmbar, was hinter dem Zuschauer außerhalb des Gesichtsfeldes passiert. Autos fahren auf der Köpenicker Straße vorüber, stoppen, fahren wieder an... 

Galten die Panoramen des 19. und 20. Jahrhunderts als Installationen des Sichtbaren und Wahrnehmbaren in einer auffälligen Verschränkung von Wissen und Wissen generierenden Titeln, Rahmungen und Plänen wie in Kleists Brief an Wilhelmine von Zenge 16. August 1800 aus Berlin, so handelt es sich mit dem digitalen Panoramafilm nicht nur um eine Nachahmung der „Natur“, mit einem Wissen von derselben. Der Panoramafilm Playing The Space stellt vielmehr Stadt, Raum, Klang etc. her. Kleist berichtet vom Panorama wie folgt:  

Gestern abend ging ich in das berühmte Panorama der Stadt Rom. Es hat indessen, wie es scheint, seinen Ruhm niemandem zu danken, als seiner Neuheit. Es ist die erste Ahndung eines Panoramas (Panorama ist ein griechisches Wort. Für Dich ist es wohl weiter nichts, als ein unverständlicher Klang. Indessen damit Du Dir doch etwas dabei denken kannst, so will ich es Dir, nach Maßgabe Deiner Begreifungskraft, erklären. Die erste Hälfte des Wortes heißt ohngefähr so viel wie: von allen Seiten, ringsherum; die andere Hälfte heißt ohngefähr: sehen, zu Sehendes, Gesehenes. Daraus magst Du Dir nun nach Deiner Willkür ein deutsches Hauptwort zusammensetzen.) Ich sage, es ist die erste Ahndung eines Panoramas, und selbst die bloße Idee ist einer weit größeren Vollkommenheit fähig. Denn da es nun doch einmal darauf ankommt, den Zuschauer ganz in den Wahn zu setzen, er sei in der offnen Natur, so daß er durch nichts an den Betrug erinnert wird, so müßten ganz andere Anstalten getroffen werden. Keine Form des Gebäudes kann nach meiner Einsicht diesen Zweck erfüllen, als allein die kugelrunde. Man müßte auf dem Gemälde selbst stehen, und nach allen Seiten zu keinen Punkt finden, der nicht Gemälde wäre. Weil aber das Licht von oben hinein fallen und folglich oben eine Öffnung sein muß, so müßte um diese zu verdecken, etwa ein Baumstamm aus der Mitte sich erheben, der dick belaubte Zweige ausbreitet und unter dessen Schatten man gleichsam stünde. Doch höre, wie das alles ausgeführt ist. Zu mehrerer Verständlichkeit habe ich Dir den Plan beigelegt. 

Kleist formuliert einige sehr wichtige Punkte zur Wahrnehmung im Panorama, die erstens mit seiner „Neuheit“, zweitens mit einer „ersten Ahndung“ und drittens mit dem „Betrug“ zu tun haben. Doch vor allem der „Plan“ zum Panorama wird eine wichtige Funktion für die Orientierung und Wahrnehmung im versprochenen „Panorama der Stadt Rom“ von Breisig übernehmen. Denn auf dem Plan zum Panorama, das mehr oder weniger perfekt die „Ruinen des Kaiserpalastes“ als Aus- und Ansichtspunkt inszeniert, sind die Gegenstände offenbar mit Nummern und Erklärungen versehen. „Der Künstler hat grade den Moment des Sonnenunterganges gut getroffen, ohne die Sonne selbst zu zeigen, die ein Felsen (Numro 1) verbirgt.“ Mit anderen Worten: das Panorama und das panoramatische Wissen stellen sich vor allem mit der Übertragung in eine Erzählung mittels eines Planes her. Deshalb hatte Kleist seinem Brief an Wilhelmine „den Plan beigelegt“.  

Der Plan ordnet die Wahrnehmung, vor der Heinrich von Kleist gegenüber Wilhelmine von Zenge sonst kapitulieren müsste. Neben der Frage des Betrugs ist es vor allem die Funktion des Planes aus einer Kombination von Zeichnung, Verzeichnis und Benennung. Was genau mit der „Numro 1“ erzählt wurde, wissen wir nicht. Hatte der „Felsen“ eine besondere geschichtliche Funktion? Oder wurde unter 1 nur erläutert, dass dahinter die Sonne untergeht? Doch die leichte Verschattung des Panoramas durch den Felsen setzt bei Kleist allemal, und dies kaum zufällig, eine Erzählung in Gang, in der nun der Trug daraufhin seine Wirkung entfaltet, dass nicht mehr der Gesichts-, sondern der Gefühlssinn angesprochen wird:    

… Dabei hat er Rom, mit seinen Zinnen und Kuppeln so geschickt zwischen der Sonne und dem Zuschauer situiert, daß der melancholische dunkle Azurschleier des Abends, der über die große Antike liegt, und aus welchem nur hin und wieder mit heller Purpurröte die erleuchteten Spitzen hervorblitzen, seine volle Wirkung tut. Aber kein kühler Westwind wehte über die Ruinen, auf welchen wir standen, es war erstickend heiß in dieser Nähe von Rom, und ich eilte daher wieder nach Berlin, welche Reise diesmal nicht beschwerlich und langwierig war. –   


OmniCam Kraftwerk2 (c) Hans Rombach

In Kleists Bericht vom Panorama ist die „volle Wirkung“ vor allem eine „melancholische“. Der „melancholische dunkle Azurschleier des Abends“ bewirkt den Wunsch mehr zu sehen, zu hören oder mit dem „Westwind“ zu fühlen. Stattdessen vermag es das Panorama in der Erzählung eine „Nähe von Rom“ herzustellen, die nicht nur wegen der Zeltkonstruktion des Panoramas am Abend des 15. August 1800 „erstickend heiß“ wird. Der „dunkle Azurschleier des Abends“ am Abend in Rom/Berlin verbirgt und enthüllt, eine Ruinenlandschaft, die immer schon von der Melancholie heimgesucht wird, weil sie an einen Verlust erinnert. Geht es mit dem Panoramafilm Playing The Space möglicherweise auch darum, den Verlust eines einmaligen Ereignisses aufzuwiegen?


Aufführung LOVER im Kraftwerk Berlin (c) Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut

Die Uraufführung von IN-SCHRIFT 2 in der Berliner Philharmonie oder von LOVER im Kraftwerk Mitte lässt sich eben auch nicht wiederholen. Die Wiederholung generiert immer schon andere Effekte. Und Marianne Wendt hat Playing The Space so intelligent konzipiert, dass gar nicht erst die Verwechslung mit einer „Natur“ entstehen kann. Denn die Digitalisierung des Bildmaterials erlaubt es auch, immer wieder neue und andere Bildausschnitte im Gesichtsfeld einzuspielen. Es wird kein visuelles und auditives Kontinuum als Wiedergabe- oder Wiederholungsmodus vorgespielt, vielmehr entstehen Überlagerungen und Interferenzen, die die Flüchtigkeit und Künstlichkeit des Ereignisses allererst herstellen. Wesentlichen Anteil  haben daran Schnitt und Farbkorrektur von Matthias Behrens sowie Sounddesign und Tonmischung von Bernhard Albrecht. Die Übertragungstechnologie versucht so erst gar nicht das herzustellen, was Kleist Natur nennt und das uneinholbar bleibt.

Torsten Flüh