Teddys, Tunten, Toleranz - 25. Teddy Award the official queer Award at the Berlin International Film Festival 2011

Teddy Award – Queerness – Berlinale 2011

 

Teddys, Tunten, Toleranz

25. Teddy Award the official queer Award at the Berlin International Film Festival 2011

 

Der Sendeplatz sagt alles: Sonntag, 20. Februar 2011 23:45 Uhr auf Arte: 1000 Küsse für den Teddy – Gala aus der Abfertigungshalle Tempelhof. Für wahr, das nennt man eine Abfertigung. Die Nische der Nische der Nische im deutschen Fernsehprogramm. Das sind die Freuden der Toleranz.

Für Altbackenes haben sich die Programmdirektoren zur Prime Time um 20:15 Uhr entschieden: Cabaret. Die Musicalverfilmung von 1972 mit Liza Minelli nach Christopher Isherwood war ein zaghafter Versuch, Homosexualität in einer Hollywood-Produktion am Rande mit wenigen Einstellungen in Szene zu setzen. Die Programmdirektoren müssen ein gutes Verhältnis zum Vatikan pflegen, anders ist eine derartige Marginalisierung nicht zu erklären.

Die gezielte Marginalisierung des queeren Films durch die Medien ist das deutlichste Indiz dafür, dass er gesellschaftlich notwendig ist und die Medienmaschinen der Korruption der Quote heillos verfallen sind. Die deutsche Gesellschaft und der internationale Film kümmern sich lieber um die Gesellschaft im Iran, als um sich selbst. Der Konsens, der Gemeinsinn findet sich im Iran!

Was groß als politisches Standing der Jury der 61. Berlinale gefeiert wird, kann man auch als Kapitulation des Politischen verstehen. Natürlich ist der Einsatz für verfolgte Regisseure im Iran extrem wichtig. Das ist überhaupt gar keine Frage. Das flutscht auch wunderbar durch alle Medienkanäle und man ist mit sich und der Welt zufrieden. Genau dies ist der Punkt, an dem Queerness ansetzt und anzusetzen hat. Deshalb ist Queerness mehr als nur die Frage danach, wer es wie mit wem macht.

Sex war und ist politisch. Sex in seiner Polivalenz von Rasse, Geschlecht und Geschlechtlichkeit ist selbst dann politisch, wenn sich Geschlechtergrenzen wie aktuell mit der Ausgabe des Zeitmagazins zum model of the moment, Andrej Pejics, aufzulösen scheinen. Vielleicht entspricht der Erfolg Andrej Pejics’ aber auch nur der Logik der Modeindustrie, die immer wieder Bilder des Unerreichbaren schaffen muss, um Begehren zu wecken und ihre Produkte an die Frau oder den Mann zu bringen.


Das Geschlecht als Konstruktion und Praxis war auf der 61. Berlinale vor allem im Panorama und in der Sektion Generationen Thema. Wann beginnt das Geschlecht? Wo und wie beginnt es? Und wann und wie wird man gezwungen, sich zum Geschlecht zu bekennen? Das sind Fragestellungen des queeren Films. Damit wird zugleich deutlich, dass die Queerness am queeren Film nicht einfach die Festschreibung vom Bild des Schwulen, der Tunte, der Lesbe, des Transsexuellen betrifft. Queerness zeigt sich vielmehr als Fragwürdigkeit von Geschlechterbildern.

 

In einer merkwürdigen und auffallenden Weise konkurrierten die Rollenmodelle auf der Bühne bei der Preisverleihung des 25. Teddy Award mit den ausgezeichneten Filmen. Das Rollenmodel Rosa von Praunheim hat sich überholt, auch wenn die deutsche Schwulenbewegung ihm viel, wenn nicht fast alles zu verdanken hat. Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt von 1970, Premiere am 23. Juli 1971 auf der Berlinale, und sein Agitprop-Habitus ist Queer-History. Doch schon länger trifft dieser Habitus nicht mehr den Nerv der Zeit.

 

Rosa von Praunheim, der Mann mit dem Frauennamen und dem fiktiven Adelstitel einer Frankfurter Vorstadt, ist ein wichtiger Akteur der Schwulenbewegung, der mit seinen Statements oft voll daneben lag und deshalb Bewunderung als Queer Aktivist verdient. Er ist ein leidenschaftlicher Filmemacher und hat seinen Platz im Olymp der Berlinale verdient. Doch sein Auftritt bei der Verleihung des Teddy Award ging einfach nur daneben, weil er nicht queer, sondern falsch war. 

 

Jede Teddy Award Ceremony ist ein Statement über die Rolle des Queer Film und der Homosexuellen in der deutschen Gesellschaft und einer globalisierten wie vernetzen Welt. Es ist allerdings falsch, anzunehmen, dass man mit einem dreifachen „Schande, Schande, Schande, Shame, Shame, Shame“ gegen Homophobie und Vergewaltigung von Lesben in Uganda und anderswo heute etwas erreicht. Eine derartige Agitprop-Aktion ist politisch hoch problematisch, weil sie an die Irrtümer der Agitation und Propaganda als Aktionsformen des 20. Jahrhunderts auf fatale Weise erinnert.

Wo waren die jungen Gesichter bei der Teddy Award Ceremony? Klaus Wowereit, Wieland Speck, Romy Haag, Rosa von Praunheim, Jochen Kowalski und die wunderbare Annette Gerlach, Moderatorin und Gastgeberin des Abends, sind alle hochverdient als Akteure des Teddy. Der Teddy ist auf die eine oder andere Weise mit 25 ihr nun doch mittlerweile volljähriges Kind. Doch fehlten bis auf die Artisten von Base Base einfach jüngere, vielleicht auch schrägere, andere Gesichter.

 

Dieter Kosslick, der unermüdliche Berlinale Chef, kam zur Ceremony kurz vorbei und gab sein Statement darüber ab, dass es heute nicht mehr um Toleranz vor anderen Lebensformen geht, sondern um Akzeptanz. Toleranz drückt sich in Marginalisierungen als Erlaubtes aus, Akzeptanz braucht keine Erlaubnis. Sie stellt indessen auch Forderungen an den Akzeptierten, nämlich Verantwortung in der gesellschafts-politischen Haltung zu übernehmen.


Internationale Jury des Teddy Award                                                                                     Foto: Brigitte Dummer

 

Es war durchaus ein Ausdruck der Akzeptanz, dass die Geschäftsführerin der Botschaft Südafrikas, Cassandra Mbuyane-Mokone, Pieter-Dirk Uys den Special Teddy Award für sein Show-Werk als Evangelie (Evita) Bezuidenhout und sein humanitäres Engagement als AIDS-Aktivist in Südafrika überreichte. Natürlich war es ein sehr diplomatischer Ton, in dem Mbuyane-Mokone die Würdigung Uys verlas. Es war wohl der größte Moment für den Teddy Award selbst. Uys hat in queerer Weise für den Umgang mit HIV und AIDS in der südafrikanischen Gesellschaft viel bewirkt.


Pieter-Dirk Uys                                                                                                                        Foto: Brigitte Dummer

Queerness ist eine kontinuierliche Praxis der Problematisierung von Lebensbedingungen, neuer und zeitgemäßer Diskurse wie es Pieter-Dirk Uys mit seinem Alterego Evita Bezuidenhout auf witzige Weise in einer massiv übermächtigen Gesellschaft der Apartheid getan hat. Es geht immer um einen Prozess des Post-Kolonialen, um Cultural Studies wie sie Homi K. Bhabha in The Location of Culture formuliert hat:

The new or the contemporary appear through the splitting as event and enunciation, the epochal and the everyday. Modernity as a sign of the present emerges in that process of splitting, that lag, that gives the practice of everyday life its consistency as being contemporary. It is because the present has the value of a ‘sign’ that modernity is iterative; a continual questioning of the conditions of existence; making problematic its own discourse not simply ‘as ideas’ but as the position and status of the locus of social utterance.

Bhaba, Homi K.: The Location of Culture. (Oxon/New York 1994/2005 p. 348)


Marie Losier                                                                                                                              Foto: Brigitte Dummer

Die Auflösung oder Befragung von Geschlechtergrenzen, die bereits in den queeren Namen von Rosa von Praunheim oder Peggy von Schnottgenberg (Frank Ripploh) oder Magdalena Montezuma als Akteure des queeren Films in den 70er und 80er Jahren angestoßen wurde, hatte in den Preisträgerfilmen des Teddy Award sowohl in Tomboy von Céline Sciamma als auch im Dokumentarfilm mit The Ballade of Genesis and Lady Jay von Marie Losier einen Schwerpunkt. Beide Filme gehen weit über das hinaus, was in den Anfängen möglich schien.

 

In der Jury-Begründung zu The Ballade of Genesis and Lady Jay heißt es:

Dieser Film zieht uns in eine völlig neue Welt der Mannigfaltigkeit, in der alles möglich ist; Genderwechsel, Identitätsveränderungen und zwei Menschen können eins werden durch Pandrogynität.

Der Film, von dem ich leider nur Ausschnitte gesehen habe, dokumentiert die Beziehung von Genesis P-Orridge und Jacqueline Beyer, die nicht zuletzt durch plastische Chirurgie ihr Geschlecht wechseln und angleichen. Indessen ist der „pandrogyne“ Wunsch in einer Überweiblichkeit eins zu werden auch ein schwieriger. Denn das Einswerden betrifft nicht nur das mit dem Anderen, vielmehr geht es auch um ein Einswerden mit sich selbst.


Foto: Brigitte Dummer

In Tomboy geht es um die Uneindeutigkeit und möglicherweise bereits Zwanghaftigkeit des Geschlechts in der Geschichte der zehnjährigen Laure. Weil Laure aussieht wie ein Junge, wird sie für einen Jungen gehalten und in das Geschlechterrollenspiel hineingezogen. Wenn man den Film sieht, hat man das Gefühl, dass Laure nicht unbedingt ein Junge sein will. Vielmehr wird sie zum Jungen gemacht, weil sie nicht eindeutig als Mädchen auftritt. Céline Sciamma entwickelt die dramatische Geschichte von der Badeinsel bis zum ersten Kuss am See von einem älteren Mädchen ohne große Dialoge mit sehr sensiblen Gesten.

 

Der argentinische Regisseur Marco Berger thematisiert insofern die Geschlechtergrenzen, als es in seinem Film Ausente um das uneindeutige Verhältnis zwischen einem Schwimmlehrer und einem seiner Schüler geht. Indem das Bekenntnis zur Homosexualität nicht eingelöst wird, um dann problematisiert zu werden, problematisiert der Film eben auch eine Grenze, die weiterhin schwierig bleibt. In der Jurybegründung für den Teddy Award heißt es:

Die einzigartige Kombination des Films aus homoerotischem Begehren, Ungewissheit und dramatischer Spannung reflektiert das feine Verständnis der Genre-Konventionen und der kinematographischen Sprache des Regisseurs. Als der fesselndste, topaktuelle Film in der Auswahl, befindet die Jury, dass „Ausente“ den Geist des TEDDY AWARD zelebriert.


Foto: Brigitte Dummer

Es gibt weltweit keinen zweiten queeren Filmpreis vom Format und der Wichtigkeit des Teddy Award. Er stärkt jede PreisträgerIn im In- und Ausland. Es gibt nicht einmal einen vergleichbaren Preis in den USA. Die einzigartige Koppelung des Teddy Award an die Berlinale, dem größten und wichtigsten Publikumsfestival der Filmbranche, ist das große Verdienst von Manfred Salzgeber (1943-1994) und Wieland Speck.

 

Die Berlinale war und ist nicht zuletzt eine Bühne der deutschen Gesellschaft. Sie ist in dem Wunsch nach internationaler Beachtung ebenso ein Ausdruck der Gesellschaft wie in den Möglichkeiten, die sie dem queeren Film bietet. Auf das erreichte kann man Stolz sein nach 25 Jahren. Doch es ist gleichzeitig der Moment neue Ansätze anzudenken, nicht zuletzt in der Teddy Award Ceremony.

 

Torsten Flüh