Barfuss schreiben und Bildung als Humankapital - A. L. Kennedys One-Person Show Words in den Mosse-Lectures

Word – Person – Bildung

 

Barfuß schreiben und Bildung als Humankapital
A.L. Kennedys One-Person Show Words in den Mosse-Lectures

 

Al, A. L. Kennedy schloss mit einer barfüßig gehaltenen Show auf dem Podium im Senatssaal der Humboldt-Universität die Mosse-Lectures des Sommersemesters zum Thema Ökonomie des Wissens – Bildung als Humankapital ab. Words von und mit A. L. Kennedy, die sich auch als „Al“ ausspricht, führt Bildung vor und auf. Denn die Bildung steht allenthalben und auf vielen Ebenen von der KITA über die Schule bis zu Exzellenzclustern und Lifelong Learning unter Reformdruck. Was macht Bildung mit der Person? Kennedys „first word was no“.

 

Kennedy ist „writer and comedian“, worauf zurück zu kommen sein wird. Bereits am 2. Mai hatten der Makrosoziologe Heinz Bude und die Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung Berlin Ute Frevert über Das prekäre Gut der Bildung durchaus kontrovers gesprochen. Bildung gilt nicht nur als gut für die Ökonomie einer Gesellschaft als Staat, sie ist auch umstritten in den Ausformungen als warenförmiges Gut. Damit unterliegt sie der Ausformung durch  Ökonomie und Politik. Ebenso wie mit der One-Person Show von A. L. Kennedy arbeiteten neben Heinz Bude und Ute Frevert Heinz-Elmar Tenorth (Historische Erziehungswissenschaft), Reinhard Kahl, Journalist, und Daniel Cecchi (Wirtschaftswissenschaft) in 5 Mosse-Lectures das schwierige Verhältnis von Wirtschaft und Bildung heraus.

Bildung ist ein wichtiges gesellschaftliches Thema. Sie generiert Wissen, das eine Person ebenso wie eine ganze Gesellschaft beispielsweise zur Wissensgesellschaft ausformt. Sie schafft allerdings auch Wissensformationen als Gruppen, die in einer Gesellschaft durchaus aufeinanderstoßen. In einer Wissensgesellschaft entscheiden neue Bildungsbürger über bildungsferne Gruppen oder Schichten. Bildungsferne Schichten greifen allerdings auch eine nach Bildung und Ausbildung geschichtete Gesellschaft an und stellen sie in Frage. Um es einmal provokant und aktuell zu formulieren: am Taksim Platz in Istanbul stehen sich unterschiedliche Bildungsschichten gegenüber, die die Macht in der Türkei in Frage stellen. Natürlich spielen schichtspezifische Kommunikationsformen eine Rolle.

Für den Hamburger Makrosoziologen Heinz Bude zeigt sich der schwierige Kampf um Bildung, ihren Erwerb und ihre Verteilung insbesondere in der Hamburger Schulreform seit dem Schuljahr 2010/2011. Er gehört seit der Veröffentlichung seines Buches Bildungspanik – Was unsere Gesellschaft spaltet (2011) zu den schärfsten Analytikern und Kritikern der Verteilung von Bildung. Der Kampf um die Bildungsverteilung hat nicht zuletzt eine „bildungsferne Unterschicht“ hervorgebracht. „Der Soziologe Heinz Bude spricht sogar von Ghettoisierung und Bildungspanik, denn die Eltern denken heute: Der beste Freund meines Kindes soll nicht aus der Unterschicht kommen“, schreibt Stefanie Maeck in der ZEIT vom 25. Januar 2013.

 

Heinz Bude sprach in seiner Mosse-Lecture von „Bildung als hässliche Seite des Erfolgs“. Bildung wird als erworbener Besitz verteidigt. Denn insbesondere das Klientel der Grünen in Hamburg komme aus Einkommensklassen, die eine hohe Bildung als Schutz vor sozialen Abstürzen wahrnehme und „Lernbereitschaft als Kern eines Erbes, das an die Kinder weiter gegeben werden sollte“, begreife. Dies führe zu einem regelrechten „Bildungsprotektionismus“, weil Abgeordnete der Grünen in der Hamburger Bürgerschaft durch die Einführung einer Einheitsschule „Angst um das immaterielle Erbe der Generation“ hätten. Die Vererbung von Lernbereitschaft und Bildung verweist dabei nicht zuletzt auf Erbe-Konzepte und die Problematik des Erbes in Eigentumsverhältnissen, wie sie kürzlich von Stefan Willer mit dem Kulturellen Erbe angesprochen wurden.

 

Dem Bildungsprotektionismus, den Heinz Bude als einen Effekt des sozialen Aufstiegs durch Bildung ähnlich wie in den USA in politischen Prozessen in Deutschland ausmachte, setzte Ute Frevert entgegen, dass in den USA die soziale Dynamik „prinzipiell durchlässiger“ als in Deutschland sei und dass die Aufstiegschancen „ganz entschieden für die Einheitsschule“ sprechen. Es hängt in der Diskussion ganz entschieden davon ab, welche Parameter in der empirischen Bildungsforschung angelegt werden, um für ein mehrgliedriges Schulsystem oder die Einheitsschule einzutreten. Für die Problematisierung der aktuellen Entwicklungen zu einem protektionistischen Verhalten höherer Bildungsschichten, wie es Bude herausarbeitete, spricht vor allem, dass Bildung durchaus problematisch aufs Engste mit Identitätskonzepten verschränkt wird und so ein oft diskriminierendes Verhalten zeitigt.

 

Der Begriff der Bildung, soviel lässt sich von den Mosse-Lectures zu diesem Thema sagen, wird von Tendenzen der Kapitalisierung und Ökonomisierung erfasst. Erworbene Bildung soll sich auszahlen und übertragen lassen. Insofern geht es heute nicht mehr um eine problematische Bildung des Menschen aus einem Bildungsschatz, wie er sich im 19. Jahrhundert in den humanistischen Bildungsorganisationen und nicht zuletzt mit der Gründung der Berliner Universität 1810 unter Beteiligung Wilhelm von Humboldts herausbildete, sondern um eine Kapitalisierung von Bildung als Humankapital, das den Menschen ebenfalls kapitalisiert.

 

Während Adam Müller als Mitherausgeber der Berliner Abendblätter mit seinen Freimüthige(n) Gedanken bei Gelegenheit der neuerrichteten Universität in Berlin[1] in drei Teilen vom 2. bis 4. Oktober 1810 vor allem „die fruchtlose Zersplitterung der literarischen Republik … nicht anders zu beschwichtigen“ sieht, „als durch den Staat, durch ein gemeinschaftliches, bestimmtes, praktisches Ziel“[2], zu eben dem die Universität errichtet wird, ruft Heinrich von Kleist ab dem 29. Oktober entgegen dem neuen Bildungsplan mit seinem Allerneueste(n) Erziehungsplan[3] dazwischen. Kleists durchaus fiktiver Zwischenruf ─ „Hochgeehrtes Publicum,“ ─ von „C. J. Levanus“ aus „Rechtenfleck im Holsteinischen“ formuliert „eine gegensätzische Schule“[4], die das humanistische Bildungsprojekt der Beschwichtigung, Harmonisierung und Normalisierung an der Universität zumindest in den Gegensatz verkehrt.        

 

Heinrich von Kleists witzige und von kommentierenden Fußnoten durchbrochene Formulierung einer gegensätzische(n) Schule“ widerspricht den positiven und modernen Bildungskonzepten, u. a. dem „Lectionskatalog“ der Berliner Universität, als Übertragungskonzepte. Was als Wissen vom Menschen übertragen werden soll, erweist sich in der Syntax des Gegensätzlichen als nicht übertragbar oder in vielfältiger Weise nicht vorbestimmbar. Das Gegensätzliche entfaltet seine Wirkung darin, dass die Übertragung nicht abgesichert werden kann, witzig wird, komisch oder gar in die Raster des psychopathologischen fällt. A. L. Kennedy verfolgt als comedian and writer/writer and comedian ähnliche Strategien.

 

Mit Words führte A. L. Kennedy vor, wie Worte vom Spracherwerb über eine Schul- und Schauspielausbildung bis zur Macht und Ohnmacht der Worte funktionieren. In ihrer Show zeigt sie durchaus im witzigen Spiel, wie die Worte mit dem Zeigen verkoppelt werden. Dabei fällt ins Gewicht, wie „a small person“ beginnt, „I“ und „no“ zu sagen und von sich selbst weiß, welches sein erstes Wort war. Es wird nämlich sogleich mit der Herkunft des „no“ verkoppelt. Gleichviel, ob diese Herkunft im schottischen Dundee wirklich mit einer calvinistischen oder doch eher katholischen Herkunft übereinstimmt.

… I’ll try to remember when it all started – me and the words. What was, for instance, my first word?
And I know that. My first word was no. Sign of a Calvinist childhood.
"No.” People kept saying it to me ─ No ─ Oh, but I was saying it back. 

Das Komische am Spracherwerb zeigt sich auch darin, dass er mit einer Verneinung und einem Verbot beginnt. Dabei wird das „No“ gerade nicht als Verbot von dem Kind wahrgenommen, sondern nur als „No“, das fast wie ein überraschtes „Oh“ klingt, zurückgesagt. Damit kippt allerdings auch das verbotsförmige „No“ in einen Prozess des Austausches von Worten, selbst wenn diese noch keinen Sinn machen. Und so wird die Genese der Sprache zu einem Wechsel zwischen „No“ und „Up“, zwischen Verbot und Versprechen auf ein growing-up und schließlich grown up.

 

In vielfacher Weise spielt Kennedy in ihrer Show, die eben nicht „nur“ eine Performance ist, auf das Zeigen von Bildung an, wenn sie beispielsweise auf Shakespeare anspielt, ihn nennt oder auf ihre Zeit als „Theatre Studies and Drama Student“ zu sprechen kommt, wo sie mir anderen lernen sollte „to make a gesture for our word“. Die Verkopplung von Geste und Wort bringt Theater hervor oder auch „Theatralität“ oder Performance sowie im Misslingen das Komische, das Befremdende, die Komödie. Wie sehr die Show mit den Words und dem I sich mit Alison Louise Kennedy überschneiden, wird schwierig zu entscheiden, denn sie führt diese verstörende Ununterscheidbarkeit gerade vor.

 

Durch die Mehrdeutigkeiten wird die Show komisch, zum Brüllen komisch, weil, nachdem Shakespeare bereits erwähnt und eingeführt wurde, dann auch ausgerechnet aus Taming of the Shrew oder Der Widerspenstigen Zähmung zitiert wird. Taming of the Shrew ist eben jene Shakespeare Komödie, in der die Regeln bestätigt werden, um sie zu unterlaufen.[5] Geht es doch um die Zähmung der „headstrong women“ für die Ehe, ihre Unterwerfung in ein Regelwerk. Das stärkste Regelwerk sind die Worte und die Gesten. Doch in der Show von Shakespeareschem Komödienformat wird eben gerade die Macht des Regelwerks, „the cruelty of words“ unterlaufen, indem sie ausgestellt wird.

  

Die Mehrdeutigkeiten in der Sprache und Gestik, im sexuellen Bild einer Person werden von A. L. Kennedy u.a. damit angesprochen, dass sie wiederholt die Frage, ob sie „a man“ oder eine Lesbe sei, verneint hat, mit dem Hinweis „I am not myself a gay person“ aber sehr wohl eine uneinholbare queerness vorführt. Und wo liegt denn nun eigentlich der Unterschied, ein Programm oder „my life“ umzuschreiben, „to rewrite“. Denn es ist vor allem mit Worten wie mit „small, possibly furry animals“:

─ and then trying to set them out, in order ─ stay still ─ one after another ─ don’t do that   and hoping that you can compel them to say their names in order  ─ stop it ─ in such a way that anyone other yourself will understand, without your having to hit them with a hammer.


Erik Porath: "Barefoot with 'words', or: Lift up your poiting finger (A.L. Kennedy)" 

Auf diese Weise ist das Arbeiten mit Worten wie mit Taming of the Shrew. Sie müssen ständig gezähmt werden, dass sie sich nicht doch gegensätzisch verhalten oder gelesen werden. Das paradoxe Verhalten von Worten führt zur Komödie. Und die Bildung als education bringt ebenso den gebildeten Menschen hervor wie er den Menschen verfehlt. Selbst wenn die Show barfuß stattfindet, können die Worte und die Bildung doch kleiden. In das mehrdeutige Barfuß der Performance ist A. L. Kennedy durch das Erzählen und Schreiben quasi hineingeraten, eher zufällig und auf komische Weise. Es kann sogar soweit kommen, dass man wie Kennedy glaubt, nichts Wichtiges mehr anders als barfuß tun zu können. 

... But there I am barefoot and reading and then barefoot and writing and all lit up. I don't know why, ...

 

Möglicherweise kommt das Barfuß, das beispielsweise in Irland und Schottland noch in den 1970er Jahren bei Frauen und Kindern in der Schule üblich war, nicht aus einer vermeintlich ursprünglichen Traditionsbildung, sondern einzig und allein aus der Armut. Schuhe waren für Kinder und Frauen zu teuer. Who knows? Diskutieren wollte A. L. Kennedy nicht über ihre Show, hatte sie doch gesagt und gezeigt, was immer auch mit den Worten fehlgeht.

 

Torsten Flüh 

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[1] Müller, Adam: Freimüthige Gedanken bei Gelegenheit der neuerrichteten Universität in Berlin. In: Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Band II/7. Basel/Frankfurt am Main 1997. S. 13ff

[2] Ebenda S. 21

[3] Kleist, Heinrich von: Allerneuester Erziehungsplan. In: s.o. S. 128ff

[4] Ebenda S. 182

[5] Siehe Besprechung des Musicals Kiss me Kate! in der Komischen Oper 2012.