Das Eigentum der Anderen - Zu Volker Brauns Siegfried Unseld Vorlesung an der FU und dem Eigentum

Tagebuch ─ Eigentum ─ Grenze 

 

Das Eigentum der Anderen 

Zu Volker Brauns Siegfried Unseld Vorlesung an der Freien Universität und dem Eigentum 

 

Der Tag des Mauerfalls naht. Zum 25ten Mal jährt sich am Sonntag, den 9. November, der Abend des Mauerfalls, an dem mehr zufällig als kalkuliert sich die Mauer vom Osten in den Westen am Grenzübergang Bornholmer Straße vom Prenzlauer Berg in den Wedding ein für allemal öffnete. Am Dienstag, den 4. November 2014, hielt Volker Braun, seit 1966 Autor des Suhrkamp Verlages, seine Siegfried Unseld Vorlesung in einer Kooperation der FU mit Suhrkamp unter Anwesenheit von Ulla Unseld, der Suhrkamp-Verlegerin, in der sogenannten Rostlaube des Dahlem Humanities Centers unter dem Titel Festgehaltene Gefährten. Indem Volker Braun in seiner Vorlesung aus seinen zweibändigen Werktagen (2009, 2014) las und zwischen dem 8. 1. 77 beispielsweise und dem  3. 8. 09 hin- und herwechselte, schwand die Mauer auch und kehrte doch immer wieder. 

Die Hörerinnen, Männer und Frauen, berührte die Lesung der hochverdichteten Tagebucheinträge von Volker Braun. Tagebücher eines Schriftstellers, eines Dichters gar, werden in der Regel wegen der Intimität erst postum veröffentlicht. Mit Werktage 1, Arbeitsbuch 1977-1989, und Werktage 2, Arbeitsbuch 1989-2008,  knüpft Volker Braun allerdings eher an einen Modus des Tagebuchs an, wie er von Søren Kierkegaard doch anders hinüberwinkt. Durch die performativen Wechsel, die einer Chronologie entgegenarbeiteten, ohne das Datum zu verleugnen, ereigneten sich Widersprüche, Irrtümer und Gegenhaltungen: „8. 11. 89 bei wolfs: wir unterzeichnen den aufruf, im land zu bleiben und die volksressourcen zu schützen. vertreter der fünf neuen bürgerinitiativen.“ 

Am 9. November wird sich eine 15 Kilometer lange Lichtgrenze aus Ballons, was nicht das Gleiche wie die Mauer ist, durch eine Entkopplung der Ballone mittels Hebel von vielen Tausend Menschen auflösen. Seit Tagen, ja Wochen läuft eine mediale Emotionalisierungsmaschine, die im Live-Modus eine nicht nur visuelle Grenze entstehen lässt und auflösen wird. Noch beim Salon Sophie Charlotte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Januar dieses Jahres kam die Grenze zwischen Ost und West als „Phantomgrenze“ ganz anders in der „Konfliktforschung“ zur Sprache. Denn die unterschiedliche Straßenbeleuchtung in Berlin erzeugt nach wie vor einen Grenzverlauf, der historisch in die Gegenwart winkt. (Das Foto im Blog mit der Projektion der Google-Nachtaufnahme von der unterschiedlichen Beleuchtung wurde auf Wunsch der BBAW aus urheberrechtlichen Gründen übrigens gelöscht.)

Die Grenze lässt sich auch als ein Problem ihrer Errichtung, ihres Erhalts und der Darstellung formulieren. Wie sichtbar oder unsichtbar, materiell oder imaginär sind Grenzen bisweilen? Denn darüber kann gerade die Mauer nicht hinwegtäuschen, dass sie eine Grenze durch Betonteile, Stacheldraht, Todesstreifen und Selbstschussanlagen zu ziehen vermochte, die zwar in 27 Jahren ständig ausgebaut und aufgerüstet wurde, doch keinesfalls für immer oder auch nur für Honeckersche 100 Jahre hielt. Vielmehr wurde sie desto instabiler, je stärker sie aufgerüstet wurde. Volker Braun hat 1993 mit dem Text Es kann wieder gelernt werden in dem Band Rot ist Marlboro an Honeckers Versprechen „DIE MAUER STEHT HUNDERT JAHRE“ erinnert.[1] 

Während unablässig Kausalitäten für den Mauerfall in den unterschiedlichsten Wissenschaftszweigen und Literaturen gesucht und erzählt werden, muss 25 Jahre nach dem Mauerfall auch einmal das Paradox der Grenze formuliert werden, das sich an der Mauer vollzog. Sie ist immer zugleich stärker und schwächer, als es sich mit Zäunen und Stacheldraht an den Ostgrenzen Europas in seiner Winzigkeit (Gayatri Chakravorty Spivak) und der EU oder Mauern in Palästina zeigen ließe. Am 8. 11. 89 war Christa und Gerd Wolf sowie Volker Braun in Berlin Pankow keinesfalls die Erosion eines hochgerüsteten Überwachungsstaates denk- und wissbar, die sich am nächsten Abend vollziehen sollte.

Volker Braun hat mit seiner Siegfried Unseld Vorlesung in der „Ästhetik der Werktage“ an das Zeigen als literarischen Modus angeknüpft. — „Nicht die Begleitumstände des Schreibens, die Anlässe und Behinderungen, sondern die Begleiter will ich zeigen, den Zug, in dem ich ging oder dem ich entgegengehe, die Anreger und Widersacher, so wie ich sie, Stirn an Stirn, oder schräg von der Seite wahrgenommen habe.“ (Einladungskarte zur Siegfried Unseld Vorlesung) − Die Werktage im literarischen Genre des Tagebuchs sollen durchaus in materialistischer Weise „Gefährten“ zeigen. Die Wahrnehmung des schreibenden Subjekts im „Zug“ wird im Unterschied zu Søren Kierkegaard Wahrnehmungen nicht erschüttert. Die Grenzen zwischen den „Gefährten“ und dem Wahrnehmenden scheinen stabil, weil das Subjekt von einem Punkt der Wahrnehmung aus Gefährten und Gesellschaft zeigen kann. So zumindest formuliert es Volker Braun für die Werktage und seine Vorlesung.     

Die erste Siegfried Unseld Vorlesung wurde am 24. Mai 2014 von Uwe Tellkamp unter dem Titel Botenstoffe an der Freien Universität gehalten. Die Vorlesung wurde als Video aufgezeichnet. Dem Format dieser Vorlesung in Kooperation mit dem Suhrkamp Verlag wird von der Universitätsleitung schon deshalb großes Gewicht beigemessen, weil Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, die Vorlesungen jeweils eröffnet. Einladungskarten werden an ausgewählte Gäste verschickt, häufig Alumni des Dahlem Humanities Center. Angestoßen werden soll eine Diskussion zum „Verhältnis von Literatur und Gesellschaft“. Nach der Vorlesung wird zu einer Signierstunde und einem Empfang bei Canapés und Wein eingeladen. Für „ausgewählte Promovierende und Studierende der Freien Universität“ wird am Folgetag ein Workshop mit der Gastrednerin (generisches Femininum) geboten. Die Vorlesung wird „von prominenten Autoren und Intellektuellen gehalten“. Ein wenig knüpfen Universität und Verlag damit an die legendären Frankfurter Poetikvorlesungen beispielsweise von Christa Wolf, Hans Mayer oder Herman Lenz an, die dann im Suhrkamp Verlag erschienen. Aktuell lesen Wolfgang Rihm und Dominik Graf in Frankfurt, wo Suhrkamp weiterhin zu den Partnern gehört. 

Die zweite Siegfried Unseld Vorlesung hielt nun also Volker Braun. Und es ist daran zu erinnern, dass der Begriff des Intellektuellen, wie er geradezu programmatisch für das Format gebraucht wird, gegenwärtig nicht all zu hoch im Kurs steht. Das zeigte sich nicht zuletzt bei der Ausstellung Pasolini Roma, die noch bis zum 5. Januar im Gropius Bau läuft. Blogger und Netzaktivisten, die Netzgemeinde, falls es sie geben sollte, was Sascha Lobo vor gut einem Jahr auf der Konferenz Zugang gestalten – Mehr Verantwortung für das kulturelle Erbe in Zweifel zog, kennt den Intellektuellen nicht mehr. Wenn es ihn noch gibt, dann ist daraus der Nerd geworden. Anders als der Intellektuelle muss der Nerd nicht mit dem Gesetz brechen. Vielmehr bewegt sich der Nerd in Gesetzmäßigkeiten, die er geradezu bis zur Perfektion beherrscht, um dadurch zum Außenseiter zu werden. Wenn überhaupt, dann wäre Edward Snowden mit seinem radikalen Bruch mit dem Gesetz ein Intellektueller, um dann einerseits unverzüglich in einen Helden und andererseits in einen Staatsfeind transformiert zu werden. 

Weniger das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft als vielmehr das von „Begleiter(n)“ und dem erzählenden, schreibenden, dichtenden „ich“ machte Volker Braun mit Festgehaltene Gefährten zum Thema seiner Vorlesung. Die Logik der Textauswahl orientierte sich dabei an Gefährtengruppen, ließe sich sagen. So begann er mit der ersten Eintragung vom 26. 1. 77, es gibt derer zwei, und der Anknüpfung an Brechts Formulierung der „zuspitzung“. ─ „brecht eben durch die zuspitzung, provokative vereinseitigung zu einem neuansatz gekommen (über die theorie der pädagogien zum gesellschaftlichen nutzen, durch das epische zur darstellung großer vorgänge).“[2] ─ Doch schon hier wird deutlich, dass die „Gefährten“ durchaus programmatisch verarbeitet und zitiert werden. Zwar kommt Braun erst 1965 auf Einladung von Helene Weigel an das Berliner Ensemble, doch im Sinne der „zuspitzung“ versteht auch er sich als Brecht-Schüler.  

Die Zuspitzung als literarisch-dramatisches Verfahren zur Provokation lässt sich durchaus als ein entscheidender Zug in Volker Brauns Schreiben formulieren. Zuspitzung und Vereinseitigung gehören zur Ästhetik nicht nur der Werktage, sondern des Braunschen Schreibens. Und genau damit zielt er auf die Gesellschaft und den „gesellschaftlichen nutzen“. Die Zuspitzung wird poetologisch ständig angewandt. Sie ist auch eine Kurz- und Kleinform zwischen Erzählung, Notiz, Lust an der Formulierung und Gedicht. Eine der wichtigen Zuspitzungen gelingt ihm mit dem Text DAS Eigentum, der zwischen 1990 und 1991 geschrieben und in neue deutsche literatur 12/1991 erstmals abgedruckt wurde.[3] 1993 wird DAS EIGENTUM in der Textsammlung Rot ist Marlboro als vierter Text und nach DER 9. NOVEMBER abgedruckt. 

Die zeitliche Nähe zu DER 9. NOVEMBER (1990) und die Umwidmung des Roten als amerikanische Zigarettenmarkenfarbe, Rot ist Marlboro, formulieren einen gesellschaftlichen, nicht nur einen politischen, Verlust. Statt des politischen Rots des Kommunismus geht es nun um den Konsum der Zigarettenmarke. Der Bogen zu den Roten als Farbe der konservativen Republikaner von Ronald Reagan (1981-1989) und George H. W. Bush (1989-1993) wird noch nicht einmal geschlagen. Doch die Eigentumsfrage wird bei Volker Braun 1991 zum Paradox des Mauerfalls. 

DAS EIGENTUM 

Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. 

KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN. 

Ich selber habe ihm den Tritt versetzt. 

Es wirft sich weg und meine magre Zierde. 

Dem Winter folgt der Sommer der Begierde. 

Und ich kann bleiben wo der Pfeffer wächst. 

Und unverständlich wird mein ganzer Text 

Was ich niemals besaß wird mir entrissen. 

Was ich nicht lebte, werd ich ewig missen. 

Die Hoffnung lag im Weg wie eine Falle. 

Mein Eigentum, jetzt habt ihrs auf der Kralle. 

Wann sag ich wieder mein und meine alle.[4]   

25 Jahre nach dem Mauerfall wird der Verlust des Eigentums, das ein Problem der Grenze ist, kaum noch formuliert. DAS EIGENTUM wurde allerdings am Dienstag zitiert. Neben dem Chiasmus von Georg-Büchner-Flugblatt-Zitat ─ Friede den Hütten! Krieg den Palästen! ─ fällt vor allem der Verlust des Textes im Kontext des Eigentums auf. Die regelwidrige Interpunktion und der Chiasmus als literarische Figur schreiben den Text bereits um. Sie verdrehen und durchkreuzen ihn. ─ „Und unverständlich wird mein ganzer Text“ ─ Dabei ist der Text keinesfalls nur ein äußerlicher, gedruckter, sondern einer der nicht nur durch das Possessivpronomen mein aufs innigste mit dem „ich“ verschränkt wird. Die starke Tendenz zum regelmäßigen Endreim ─ Westen/Palästen, Zierde/Begierde, wächst/Text, entrissen/missen, Falle/Kralle/alle ─ hat einen ebenso sinnigen wie komischen Effekt. Denn durch die Unverständlichkeit „meine(s) ganze(n) Text(es)“ reimt sich nur noch Unsinniges aufeinander. 

Im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm findet sich zu Grenze, Band 9, Spalte 128, ein Verweis auf den Zusammenhang von Grenze und Eigentum bzw. „besitz“.  

bei privatem besitz; vielleicht der ursprünglichste gebrauch des wortes; J. Grimm bemerkt mit recht: es leuchtet ein wie wesentlich der begriff der grenze mit dem des eigenthums sich verknüpfe kl. schr. 2, 30  

Die entsprechende Bemerkung fällt in einem merkwürdigen Schreiben von Jacob Grimm an Friedrich Carl von Savigny, das zwischen dem 13. und 17. Oktober 1850 geschrieben worden war und am 31. Oktober 1850 vermutlich bei einer Feier als Rede gehalten wurde. Gefeiert werden sollte mit der „linguistische(n) abhandlung“ über „Das wort des besitzes“ das 50. Jubiläum der Promotion Carl Savignys zum „Doktor Juris“ 1800 in Marburg. Da Jacob und Wilhelm Grimm bei Carl von Savigny 1800 an der Philipps-Universität in Marburg studiert hatten, wird die „linguistische abhandlung“ mit einer Erzählung nicht nur von der Studienzeit verknüpft.[5]

Mit der linguistischen Abhandlung wird von Jacob Grimm eröffnend zum „wort des besitzes“ ein umfangreicher und detaillierter Erinnerungstext als Besitz und Eigentum aufgerufen.[6] Das ist insofern wichtig, als damit der Eigentumsbegriff im Feld einer „linguistischen abhandlung“ für den 1848 zurückgetretenen preußischen „Minister für Revision der Gesetzgebung“, Savigny, geklärt werden soll. Grimm wird dabei weit auf die Herkunft des „wortes“ aus der griechischen Antike und dem römischen Recht zurückgreifen. Was bei Savigny für das „heutige römische Recht“ in 8 Bänden seit 1840 formuliert wurde, kehrt bei Grimm 1850 sozusagen als linguistische Abhandlung wieder. Das ließe sich genauer untersuchen und würde sicherlich nicht ohne Wirkung auf die Eigentums- und Kapitalfrage bei Karl Marx und seine Ökonomischen Schriften zwischen 1863 und 1867 bleiben, wie sie mit der Marx-Engels-Gesamtausgabe, kurz MEGA, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften 2012 zum Abschluss gebracht worden sind.

 

Die Eigentums- und Besitzfrage ebenso wie die des Kapitals lässt sich als eine, wenn nicht die entscheidende Frage des Textes formulieren. Darauf hat nicht zuletzt der Abschluss der Kapital-Abteilung der MEGA durch die BBAW scharf und deutlich hingewiesen. Ist es doch Karl Marx der als Leser der Romane von Honoré de Balsac die Eigentums- und Besitzverhältnisse über das Kapital klären will. Anders gesagt: wenn Jacob Grimm zwischen dem 13. und 17. Oktober 1950 intensiv zum „wort des besitzes“ linguistisch arbeitet, dann bleibt das weder in juristischer noch in ökonomisch-politischer Hinsicht nicht ohne Folgen. Genau in diesem Feld taucht die Erinnerung an Mienen und Gesten sowie ihre Imitation auf. Jacob Grimm schreibt: 

… ich kam nach Marburg, wuste nichts von einem unterschied der lehrer und glaubte, alle wären gleich gut; bald erfuhr ich unvermerkt, dasz Ihre vorlesungen mir die liebsten wurden, alle andern nicht halb so lieb blieben, und ich hörte nicht nur bei Ihnen, ich prägte mir Ihre mienen und gebärden ein. nachdem ich nun auch zu Paris, wohin Sie mich gerufen hatten, neben Ihnen gehend, mit Ihnen arbeitend, meine augen unverwandt auf Sie, als das mir vorleuchtende muster richtete, schien das schicksal uns wieder zu trennen… (S. 113) 

 

In der Eröffnung der linguistischen Abhandlung von Jacob Grimm werden weiterhin „zwei bilder“ aufgerufen, „die an sich gar nichts auf sich haben und andern bedeutungslos Ihnen (Savigny, Anm. T.F.) ein zeugnis ablegen sollen meiner anhänglichkeit und liebe“. (S. 115) Der Text Jacob Grimms schreibt sich nicht nur in Lettern, vielmehr auch in Bildern, die für sich keine Bedeutung oder Wert haben. Doch von Grimm werden sie als Zeugnisse der „anhänglichkeit und liebe“ eingesetzt und erzählt. Das hat auch Folgen für die Frage des Eigentums an den Bildern. Denn die Bilder sind allein für Grimm wertvoll, indem er ihre Erzählung als einen Akt der Aneignung zu seinem Eigentum macht und sich selbst zu den Anderen dadurch abgrenzt. Nur er weiß, was die Bilder bedeuten und wert sind.

 

Für die Frage der Eigentumsverhältnisse und des Copyrights an den „mienen und gebärden“ als vielversprechendes und „vorleuchtende(s) muster“ kann die Rede auf Friedrich Carl von Savigny gar nicht hoch genug in Anschlag gebracht werden. Denn das „vorleuchtende muster“ ist eben auch ein kopiertes. Doch durch das Kopierte erhält die Frage des Eigentums gerade im emotionalen Modus von „anhänglichkeit und liebe“ eine weitere Drehung.

 

Die Eigenheit der „mienen und gebärden“, die Savigny von allen anderen Lehrern unterscheiden, gehören ihm ─ und auch wieder nicht. Denn er weiß, vermutlich gar nicht darum, bis Grimm ihm ca. 50 Jahre später in einer akademischen Rede erzählt, welche Bedeutung er ihnen beimaß. Wer also hat die Eigentumsrechte? Was im Modus der „linguistischen abhandlung“ mit dem „wort des besitzes“ geklärt werden soll, erweist sich im Eröffnungsteil der Rede als schwieriges Feld von emotionalen Verstrickungen und Übertragungen wie von Herausbildung einer Wissenschaft des Besitzes als einer, um einmal an Jacob Grimm neologistisch anzudocken, Kekthmaiologie.[7] 

Es ist sozusagen mit der Kekthmaiologie, mit der Forschung zu Besitz und Eigentum, auf Volker Braun und seine Siegfried Unseld Vorlesung zurückzukommen. DAS EIGENTUM lässt sich gerade mit seiner poetologischen Geste des Verlustes als ein vieldeutiger und widersprüchlicher Text lesen. Denn das Eigentum, das das Ich im Text als meins ─ „Mein Eigentum“ ─ besaß, war weder in marxistischer noch in Hinsicht des real-existierenden Sozialismus der DDR ein persönliches, weil das Eigentum im Kommunismus allen gehören soll. Ganz zu schweigen von kollektiven „mienen und gebärden“. Doch der Mauerfall als Fall einer imaginären Grenze reißt sozusagen die Eigentumsverhältnisse mit sich fort. Und zwar trifft dies, einmal volkswirtschaftlich formuliert, keinesfalls nur für die Bürger und Autoren der DDR zu. Die beträchtliche Staatsverschuldung jedes Bürgers der Bundesrepublik Deutschland pro Kopf hat heute entscheidend mit dem Wegfall der Grenze zu tun. Zuspitzend: Die deutsche und europäische Finanzpolitik Wolfgang Schäubles, am 21. April 1989 zum Bundesminister des Innern berufen, rührt aus dem Bruch des Mauerfalls. 

Mit der Rührung in der Vorlesung meldete sich auch das Problem der Grenze in der Literatur. Die Grenze der (Selbst-)Beherrschung funktioniert auch nicht mehr, wenn die Nachbarin zu schlucken beginnt und Volker Braun sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischt. Das ist etwas anderes als die große Emotionalisierungsmaschine, die am 8. November 2014 mit Zeitungen etc. tsunamigleich in bundesdeutsche Haushalte schwappt: „42 Mio. Zeitungen GRATIS, Sonderausgabe zum 9. November 2014, Bild: Liebes Deutschland …“ Der Mauerfall wird auch teuer bezahlt.  

Indem Volker Braun die Werktage I sozusagen gegen die Werktage II, ab 1. 1. 90, kontrastiv in seiner Vorlesung las, hielt er den Bruch des Mauerfalls offen. Verlust des Eigentums und Gewinn der Freiheit, um es einmal darauf zu verkürzen, liegen mit dem Mauerfall sehr nah beieinander. Das wird in der großen Medien- und Jubiläumsmaschine durchaus normalisierend zum Verschwinden gebracht. Deshalb war gerade das anstrengend Widersprüchliche über die Gefährten Volker Brauns gesellschaftspolitischer Einspruch. Am 31. 12. 89 notierte Volker Braun: 

nun haben wir eine biographie. aus dem widerstand und der geducktheit tretend, haben wir jeder eine geschichte durchlaufen, unter die ein harter strich gezogen wird. unter die alten wahrheiten, unter die alte zukunft. 

aber wir werden nicht loskommen davon, weil wir sie nicht gelebt haben, weil nichts war (wie paul bauch sagte) … während wir nun alle hinüber gehen, in die schöne fremde. 

noch ist alles richtig und notwendig … indem noch alles möglich und offen ist. aber es bleibt eine geringe spanne zeit. Dann werden wir den möglichkeiten nachblicken…

 

Das Video mit der Siegfried Unseld Vorlesung von Volker Braun wird demnächst in der Videothek des Dahlem Humanities Center online gestellt werden. 

 

Torsten Flüh

 

PS: Die verwendeten Postkarten des Verlags „Kunst und Bild. Berlin-Charlottenburg“ wurden Ende der 60er Jahre von Berlin (West) nach Kiel verschickt.   

 

Siegfried Unseld Vorlesung 

Dahlem Humanities Center 

Freie Universität Berlin    

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[1] Braun, Volker: Texte in zeitlicher Folge. Band 10. Halle 1993. S. 53

[2] Braun, Volker: Werktage I 1977-1989. Frankfurt am Main 2009. S. 20

[3] Vgl. Nachweise in Braun, Volker: Texte in zeitlicher Folge. Band 10. Halle 1993. S. 211

[4] Ebenda S. 52

[5] Grimm, D. J.: Das wort des besitzes. Eine linguistische abhandlung. Heil dem fünfzigjährigen Doctor Juris Friedrich Carl von Savigny. XXXI Oktober MDCCCL. Geschrieben vom 13 ─ 17 october. In: Grimm, Jacob: Reden und Abhandlungen. (Hg. Müllenhoff, Karl) Ders.: Kleinere Schriften. Band 1. Berlin 1864. S. 113-144 

[6] Anm.: Eigentum und Besitz werden bei Jacob Grimm offenbar noch synonym verwendet. Für das Bürgerliche Gesetzbuch wird dann seit dem 18. August 1896 eine wichtige Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz vorgenommen. Im § 903 BGB wird das Eigentum als „Herrschaftsrecht einer Person über eine Sache“ geregelt. Der Besitz bleibt allerdings nach dem BGB unscharf. Den Besitz in Abgrenzung zum Eigentum hat erst die Rechtsprechung geregelt. Danach muss der Besitzer einer Sache nicht unbedingt der Eigentümer sein. Man kann auch gegen das „Herrschaftsrecht“ in den Besitz einer Sache gelangt sein.

[7] Anm.: Möge denn hiermit eine Kekthmaiologie, Google kennt den Begriff noch nicht, angestoßen sein. Ein Copyright wird nicht erhoben.