Darf der Präsident weinen? - Über Barack Obama und Big Data

Daten - Gefühl - Politik

Darf der Präsident weinen?
Über Barack Obama und Big Data

Die Meldung setzt sich selbst in deutschen Nachrichtenmagazinen seit gut 20 Stunden durch: „Barack Obama weint vor seinem Wahlkampf-Team.“  (Die Welt) „Obama weint – Tränenauftritt vor seinen Mitarbeitern“, schreibt BILD mit der gewohnten Feinfühligkeit und einer kräftigen Portion Häme. Was war passiert? – Das Wahlkampfteam und die Strategen um Barack Obama werden sich, davon darf man ausgehen, durchaus überlegt haben, ob sie das Video mit der mehr oder weniger intimen Ansprache ins Netz stellen. Es erschien am 8. November 2012 auf YouTube und der Website www.barackobama.com. Mittlerweile wurde es weit über 3 Millionen Mal abgerufen.

Der weinende Präsident wird in die Geschichte Amerikas und die der Konstellation von Politik und Gefühl im Wahlkampf eingehen. Während BILD mit dem Untertitel „Tränenauftritt“ sogleich einen Modus der Inszenierung von Gefühlen unterstellt, erscheint das Video auf der Website im abgesicherten Modus für die Unterstützer unter der Überschrift: „Watch this: A heartfelt thanks from President Obama“. Gefühle haben im US-Wahlkampf auf beiden Seiten eine herausragende Rolle gespielt. Einerseits definiert sich nicht zuletzt die Tea-Party-Bewegung über Gefühle des Verlustes und verbreitet sie strategisch über das Internet. Andererseits wird selbst der 20. Hochzeitstag von Michelle und Barack zum Fundraising genutzt: „So first, take a rare look at their relationship.“ (Stephanie Cutter, BarackObama.com, 03.10.2012) 

In den letzten Monaten und vor allem Wochen wurde der Berichterstatter teilweise von mehreren E-Mails täglich aus dem Obama-Lager bombardiert. Anders als in der Schlussphase des Wahlkampfs 2008 herrschte keine Welle der Zuversicht oder ein unablässiger Strom der Spendengelder im Vorsprung zum republikanischen Kandidaten. Die Prosa der E-Mails von Joe (Biden), Michelle (Obama), Rachel (Haltom-Irwin), Yohannes (Abraham), Jim (Messina), Stephanie (Cutter) etc. und natürlich Barack (Obama) ließ nicht kalt:

Torsten --
I can't do this on my own.
Before tonight's fundraising deadline, I'm asking for your help.
We're on the brink of a milestone American politics has never seen: 10 million grassroots donations in one election year. Together, we've reached major milestones in the past -- because you helped get us there. I hope you'll step up now and help reach one more.
Chip in $5 or more today:
https://donate.barackobama.com/September-Deadline
Thank you,
Barack

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(30.09.2012)

Ute Frevert hat mit ihrem Buch Gefühlspolitik – Friedrich II. als Herr der Herzen? zu diesem Bereich, der Politik mit Gefühlen, bereits Anfang des Jahres eine wichtige Arbeit vorgelegt. Sie ging dabei nicht immer sanft mit Friedrich II. um. Gefühl in der Politik steht zumindest in Deutschland immer im Verdacht, dass es strategisch eingesetzt wird. Frevert knüpft nicht zuletzt an die sprachlichen Modi an, die Gefühle erzeugen oder von ihnen berichten (sollen).[1] Und sie schlug beispielhaft einen Bogen zu Obama:

… Umgekehrt hat sich der 4. November 2008 als Freude- und Hoffnungsdatum im globalen Kurzzeitgedächtnis eingenistet: Barack Obamas Sieg im US-Präsidentschaftswahlkampf wurde in vielen Ländern dieser Welt begeistert gefeiert.
     Der aktuelle emotional turn in den Kultur- und Lebenswissenschaft reagiert auf diese Entwicklungen, reflektiert und inspiriert sie…[2]

Spielen bei Friedrich II. die Medien Brief und Buch sowie nachträgliche Anekdoten und mehrbändige Anekdotensammlungen eine entscheidende Rolle beim Ausdruck wie der Verbreitung von Gefühlen, so hat sich offenbar mit dem Internet, mit Facebook, Twitter, E-Mailing und YouTube eine neuerliche Verschiebung ereignet. Barack Obama weint nicht auf einer präsidialen Pressekonferenz im Oval Office, sondern vor Anhängern und Mitarbeitern in einem abgelegenen, der Öffentlichkeit eher unzugänglichen Ort. Es stellt sich also durchaus die Frage, was sich hier in der Konstellation Politik, Netz bzw. Internet und Gefühl verändert hat. Wie verändert sich die Gesellschaft im Digitalen?

Die Frage beschäftigt, spätestens seitdem sich eine netzpolitische Partei im September 2011 auf Bundesebene zu etablieren begann und bei der nächsten Bundestagswahl eine mehr oder weniger große Rolle spielen wird, auch die sogenannten etablierten Parteien. Netzpolitik ist zum Kongressthema und Politikressort avanciert. Deshalb eröffnete Urs Gasser als Keynote-Speaker, Executive Director, Berkman Center for Internet & Society, Havard University, den Netzpolitischen Kongress der SPD-Bundestagsfraktion am 15. Juni 2012 mit dem Titel Gedanken zum Umgang mit Herausforderungen und Chancen der digitalen Gesellschaft.

Seit dem 18. Juni ist eine ebenso umfassende wie medial umfangreiche Dokumentation des Kongresses auf der Website der SPD-Bundestagsfraktion zu finden. Sie ist insofern bemerkenswert, als die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Internet und digitale Gesellschaft seit ihrer konstituierenden Sitzung am 5. Mai 2010 eher vor sich hin arbeitete und wenig öffentliche Aufmerksamkeit genoss. Das hat sich schlagartig mit der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September 2011 geändert, als die Piratenpartei 8,9 % erzielte. Nun wird das Netz von der Politik neu definiert: Netzpolitik ist Gesellschaftspolitik.


Die Formulierung der Netzpolitik als oder vielmehr zur Gesellschaftspolitik kann durchaus als Paradigmenwechsel markiert werden: Netzpolitik ist Gesellschaftspolitik. Die Netzpolitik wird damit nicht länger als ein Teil von Gesellschaftspolitik, der beispielsweise wieder als ein Teil von Medienpolitik eingeordnet wird, angesehen. Vielmehr wird über die Gleichsetzung von Netz- und Gesellschaftspolitik durch die 3. Pers. Sing. Präsenz des Verbs „sein“ eine weitreichende Gleichsetzung angeschlagen. Netz und Gesellschaft lassen sich politisch und legislativ nicht mehr getrennt denken. Das Netz hat das Denken nicht nur der Medien, sondern der Gesellschaft verschoben.   


Als Legislative befasst sich der Bundestag mit der Ausarbeitung von (Bundes-)Gesetzen und Regeln zur Beherrschung oder Regulierungs des Internets. In diesem Bereich arbeitet die Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft lediglich Empfehlungen vor allem unter Expertenbeteiligung aus. Experten im Sinne einer Enquete-Kommission sind vor allem Interessenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, weshalb z.B. das Verlagswesen und Verlage, die teilweise den Parteien selbst gehören, oder auch politisch aktive Autoren wie Günter Grass[3] einen hohen Einfluss auf die Enquete-Kommission haben oder hatten, wenn es beispielsweise um die Frage der Urheberrechtsausweitung geht.  


Die Internetenquete hat sich nun allerdings auf Druck der veränderten Öffentlichkeitsstandards auch zu einer stärkeren Bürgerbeteiligung, der Adhocracy entschlossen. In diese Konstellation von Adhocracy, einem Neologismus aus ad hoc und democracy, und Expertenkonsultation, fand also der Netzpolitische Kongress der SPD-Fraktion im Bundestag statt, der im Netz live übertragen wurde. Urs Gasser trat sozusagen als der führende Experte auf. Deshalb ist seine Rede von besonderem Interesse.


Blog-Wissenschaft untersucht und befragt nicht nur Rede- und Schreibweisen von Blogs. Vielmehr sollte es ebenso ihre Aufgabe sein, die sprachlichen Formulierungen des Internets selbst durchzuarbeiten. In der Konstellation von Gefühl, Politik und Internet trifft das für die Frage nach den Modi des Ausdrucks und/oder der Darstellung, wenn der Präsident weint, in besonderem Maße zu. 


Urs Gassers Keynote kommt an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, von Expertenwissen und Wissensvermittlung an Akteure der Legislative eine prominente Funktion zu. Er unterrichtet nicht nur an der Havard Law School an der Universität St. Gallen, sondern nach seiner Selbstdarstellung ebenso an einer der Top-Universitäten in China, der Fudan Universität in Shanghai, und zahlreichen anderen international führenden, juristischen Einrichtungen auf dem Gebiet von „information law, policy, and society“.


Im Folgenden sollen ansatzweise und ausschnittartig einige Formulierungen von Gasser vorgestellt werden. Geht es doch nicht zuletzt um eine Art Phänomenologie des Internets, wenn er eingangs ankündigt, dass die „Gestaltungsaufgabe … auch eine Erweiterung unseres institutionellen Repertoirs“ beinhalte, „was den Umgang mit dem Internet-Phänomen betrifft“. In dieser Formulierung bleibt durchaus die Rede vom „Internet-Phänomen“ offen. Was heißt hier „Internet-Phänomen“? Sind es die technisch-administrativen Gegebenheiten des Internets? Sind es die sprachlichen und/oder politischen Verschiebungen, die mit dem Internet einhergehen? Oder geht es um das Internet als soziologisches Phänomen, um nur diese Möglichkeiten zu nennen?

Die sprachliche und damit zugleich phänomenologische Erfassung des Internets gestaltet sich bereits mit dieser einführenden Formulierung als schwierig. Das wird im Weiteren sowohl für die Wissensgenerierung über das Internet und seine Auswirkungen Folgen haben, als auch in der metaphorischen Annäherung an das Phänomen. Die Politik soll nämlich eine „Gestaltungsaufgabe“ im Verein mit der Wissenschaft für etwas übernehmen, das schlechthin in „fast alle Lebensbereiche“ einwirkt.

Erfolgreiches Gestalten setzt Kenntnis der Materie sowie einen geeichten normativen Kompass voraus. Diese Erkenntnis ist keineswegs neu oder auf das Internet beschränkt, verdient aber gerade mit Blick auf kontroverse Regulierungsvorhaben der jüngeren Zeit eine Betonung. (S. 2/3)


Nach Gasser ist eine Wissenschaft vom Internet eine Art Lebenswissenschaft. Das Einwirken „in fast alle Lebensbereiche“ (S. 2) rückt das Internet bereits mit dem 2. Punkt der von Gasser als wesentlich formulierten 3 „Faktoren“ in die Nähe einer Wissenschaft vom Leben:

Die mit dem Internet einhergehenden tektonischen Verschiebungen durchdringen fast alle Lebensbereiche…

Beobachten lässt sich in der Rede eine bemerkenswerte Metaphorik, die vor (Netz-)Politikern aufs Verstehen angelegt ist und insofern Wissen auf verständliche Weise an die Frau und den Mann bringen soll. Verstehen funktioniert bei Gasser vor allem über Metaphorik. Also einem Modus des Sprechens, in dem mit Bildern aus dem Leben, die als Wissen vorausgesetzt werden, Wissen auf einer höheren Ebene generiert wird. Das technische Internet generiert dann gar geo-logisch „tektonische Verschiebungen“, die nicht weniger als die kontinentalen Platten, auf denen die Menschheit lebt, in Bewegung versetzt. Am (semantischen) Rande „tektonischer Verschiebungen“ werden Erdbeben und Naturkatastrophen unbeherrschbaren Ausmaßes wachgerufen.


Die Wissen über das Internet generierenden sprachlichen Prozesse in der Keynote spielen mit anderen Worten immer wieder auf Bereiche von Wissen an, die es verfehlen müssen, weil sie vor allem geo-logisch von der Erde und bio-logisch vom Leben sprechen. Schließlich, doch nicht endlich, mündet die Metaphorik vom Internet in eine topologische Frage der Navigation mit einem „normativ geeichten Kompass voraus.“ Die Vermessung des Raumes wie die teleologische Navigation in ihm können nur mit einem sonderbaren Kompass stattfinden. Obwohl dieser Raum Internet existiert, bereitet er große Schwierigkeiten topologisch erfasst zu werden, könnte man wenigstens anders mit Gasser formulieren.


Nicht weniger bemerkenswert ist die beispielhafte Formulierung, wie am Berkman Institut gearbeitet wird. Denn aufgrund der Komplexität des Phänomens werden nun nicht etwa Wissen generierende Praktiken und Methoden überdacht, sondern verschaltet und musikologisch „orchestriert". Es soll zu einem „Zusammenspiel“ kommen, das Empfehlungen für die Normierung erzeugt:    

Zunächst ist die Erforschung des Internet-Phänomens darauf angewiesen, dass Wissensbestände und Methodologien aus verschiedenen Disziplinen zusammengeführt und in ihrem Zusammenspiel orchestriert werden. (S. 4)

Wieweit Gasser mit seiner Metaphorik in Richtung auf eine Lebenswissenschaft einschwenkt, wird nicht zuletzt mit der Geburt von Facebook deutlich. Für ihn ist die Firma Facebook nicht etwa gegründet oder ihr Interface designed oder ihr Konzept konstruiert worden, sondern „geboren“:

Wie erinnerlich hat Facebook heute über 900 Millionen Nutzer, war aber vor 10 Jahren noch nicht einmal geboren… (S. 6)


Die sprachlich aufgerufene Untrennbarkeit oder gar Ununterscheidbarkeit von (menschlichem) Leben und Internet durch „geboren“ schließt die Lebenswissenschaften als Wissen herausbildende Disziplinen mit dem Netz kurz. An dieser Stelle kann man nur an die Ängste in Skyfall erinnern. Allerdings sollte man bedenken, dass Urs Gasser sich hier auf der Ebene des Imaginären, die sich sprachlich mit dem Modus der Metapher überschneidet, als hervorragender Akteur bei der Bildproduktion erweist.  


Am Horizont eines so in die Nähe von Leben als Forschungsgegenstand gerückten Internets scheint nicht nur das durch Wissen beherrschbare Leben beispielsweise durch „das Zusammenspiel von Experten aus den Erziehungswissenschaften und der Psychologie ebenso … wie den Beizug von Neurowissenschaften, Ökonomen, Juristen und Ethnographen“ (S. 4) auf. Vielmehr wird eine phantasmatische Beherrschung von Leben ebenso wie Internet geweckt, die allerdings eine beredte Verifizierbarkeit der Zeichen voraussetzt. Doch genau darin und dem Problem der „big data“ stellt sich die Wissensfrage.


Big data sind in mehrfacher Hinsicht eine besondere Herausforderung. Denn es geht nicht zuletzt um ein Datenproblem, das eines der Zeichen ist. Das Zeichenproblem wird indessen von Gasser nicht angesprochen, vielmehr heißt es bei ihm im Modus eines kriminologischen „Fingerabdrucks“:

Ein weiteres Merkmal der Internetforschung besteht darin, dass uns Forschenden eine Unmenge von Daten zur Auswertung zur Verfügung steht; „big data“ ist in aller Munde. Denn bekanntlich hinterlässt fast jeder Klick einen digitalen Fingerabdruck, was die detaillierte Analyse etwa von Kommunikationsbeziehungen und Informationsflüssen möglich macht. Diese massiven Datensets sind indes nicht ohne weiteres fruchtbar zu machen. Die Entwicklung eines neuen „Mikroskops“ für die sozialwissenschaftliche Forschung, das den Fluss von Themen und Traktanden im Internet und über seine Grenzen hinaus empirisch messen lässt, hat uns beispielsweise fast eine Dekade gekostet. Darüber hinaus bestehen erhebliche datenschutzrechtliche Bedenken, was den forscherischen Umgang mit grossen Datensets (etwa unter Zugriff auf soziale Netzwerke) betrifft. So lassen sich etwa in grossen Datensets die bisher gebräuchlichen Anonymisierungstechniken durch Algorithmen rückgängig machen. (S. 5)

 

Mit anderen Worten: Datensets werden immer dann zum Problem, wenn sie ausgewertet oder wenn ihr Wert ermittelt werden soll. Genau diese Fragen bewegt die Prognostik und betrifft damit die Vorhersage und Auswertung von Wahlergebnissen. „Internetforschung“ ist nach der Formulierung von Urs Gasser insbesondere eine Forschung, die „eine Dekade“ gebraucht hat, um ein „Mikroskop“ für „die sozialwissenschaftliche Forschung“ zu entwickeln. Mit der Metapher des Mikroskops aus der Medizin bzw. der Mikrobiologie und damit der Bakteriologie, zu deren Begründern am Mikroskop niemand anderes als Robert Koch gehört, wird die Problematik der Lesbarkeit von Zeichen also Daten überschrieben, statt herausgestellt.

Zurückzukommen ist mit den „big data“ auf den Wahlkampf um die Präsidentschaft in den USA. Denn große Mengen von Daten wurden und konnten ausgewertet werden. Ebenso wurden riesige Datenmengen in Höchstgeschwindigkeit durch die amerikanischen Netze und um den Erdball gejagt. Das Problem des Fundraising bestand darin, dass die Republikaner mehrfach höhere Summen durch Interessenvertreter zur Verfügung hatten, um Sendezeiten zu kaufen. Wurde 2008 noch allgemein davon ausgegangen, dass Obama mit einem Grassroot-Movement durch das Internet eine neue Funktion im Wahlkampf geschaffen hatte, konnten insbesondere technikaffine Akteure der Tea-Party in diesem Bereich nachziehen, wie beispielsweise die Reportage von Kerstin Kohlenberg aus Jupiter, Florida, mit dem Titel »Der Sozialismus kommt!« in der Druckausgabe der Zeit vom 8. November 2012 nahelegt: „Wir befinden uns jetzt im Überwachungsmodus.“

Was sich im US-Wahlkampf zugespitzt hat, sind vor allem Sprachmodi der Nähe und des Gefühls. Man kann es einmal so formulieren: Während Barack Obama permanent daran appellierte, dass er es nicht ohne „mich“ schafft – „I can’t do this on my own“ -, ging es bei der Tea-Party um eine geradezu phobische Besitzstands- und Identitätswahrung.   

»Ich habe damals die Kinder an Halloween gefragt, ob sie ihre mühevolle gesammelten Süßigkeiten hinterher mit den Nachbarskindern teilen würden, die zu faul zum Sammeln waren«, sagt Fred Scheibl. (ehemaliger Mitarbeiter bei IBM, Anmerkung T.F.) Wollten sie nicht. Und so vertäuten Iris und Fred Scheibl ihre Jacht im Hafen von Fort Lauderdale und gingen zum ersten Tea-Party-Treffen. (Kerstin Kohlenberg)      


Die sprachlichen Modi unterscheiden sich. Und sie beeinflussen das Verhalten. Sie beeinflussen womöglich gar die Gefühle. Während „eine Dame aus der örtlichen Kirchengemeinde“ ruft „Ich bin die zornigste Frau Amerikas“ (Kerstin Kohlenberg) und sich damit unweigerlich in eine isolierte Position des Singular bringt, drückt Barack Obama seinen Dank an das Team aus, indem ihm die Worte auch versagen. Das ist durchaus bemerkenswert. Denn um zu sagen, wie das Team den Wahlsieg errungen hat, bemüht Obama zunächst sehr kalkulierte Formulierung wie effektiv. Doch eigentlich hatte er ja vor allem an das Nicht-Berechenbare der Gefühle appelliert, als er mit seiner Dankesrede begann: „I'm trying to picture myself.“


Die Unverhältnismäßigkeit der Worte spielt durchaus bei den Tränen des Präsidenten eine Rolle. Wenn es denn ein schauspielerischer Auftritt gewesen sein sollte, wie die BILD mit „Tränenauftritt“ nahelegt, dann wäre Barack Obama reif für eine Oscar-Nominierung. Doch ganz so einfach ist es vielleicht nicht. Denn es geht um ein schwieriges Thema, der Frage von Gefühl und Politik, das ihn zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gemacht hat. Zumindest wird die Intensität des Gefühls eine Rolle gespielt haben. Nicht jeder Brief, der geschrieben wird, – auch E-Mail - wird einfach nur mit Kalkül abgeschickt. Doch wird noch lange nicht behauptet, dass man wüsste, weshalb dem Präsidenten die Tränen kamen.

 

Torsten Flüh

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