Verpasstes Leben - Zu Bernardo Kucinskis großem Roman K.

Brasilien – Literatur – Diktatur 

 

Verpasstes Leben 

Zu Bernardo Kucinskis großem Roman K. 

 

Zu Beginn der Langen Nacht der Shortlist beim Fest zur Verleihung des Internationalen Literaturpreises auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt am 3. Juli 2014 machte Yoko Tawada in ihrer Performance aus BERNARDO KUCINSKI das Anagramm ICH BIN SPR-KANONE und mogelte dabei ein wenig. Fakten und Fiktionen zum Verschwinden einer Tochter, Chemiedozentin an der Universität São Paulo durchweben einander in K., das im Deutschen um oder Die verschwundene Tochter im Titel leserinnenmarktorientiert ergänzt worden ist. Doch jenseits und mit einer spannenden Erzählung vom Verschwinden der Tochter schreibt Bernardo Kucinski einen Roman des 20. Jahrhunderts mit seinen Verbrechen, den Schuldfragen und der brasilianischen Unfähigkeit der Geschichtsaufarbeitung.

K. ist gar kein Roman, obwohl das Buch im Verlag Transit unter der Rubrik Roman erschienen ist. Es ist zunächst einmal eine Sammlung von 29 kürzeren Texten, die nicht chronologisch gelesen werden müssen. Indem K. ─ und man muss zunächst auf diesen kryptischen Originaltitel insistieren – als Kürzel vor allem Rätsel aufgibt, ist es eine literarische Komposition von Texten ─ Erzählungen, Briefe, Protokolle etc. ─ zum Verschwinden einer Frau unter den Bedingungen der brasilianischen Militärdiktatur am 22. April 1974. Bernardo Kucinski (geb. 1937) hat mit K. neben politischen Schriften und journalistischen Lehrbüchern etc. nicht nur seinen einzigen literarischen Text vorgelegt. Vielmehr ist K. ein kunstvoller Text zu den Verbrechen der brasilianischen Militärdiktatur von 1964 bis 1985, zum Leben und der Literatur. Alters- und Meisterwerk eines brasilianischen Intellektuellen.

K., der auch Kucinski Senior sein könnte, also eine Erzählung des Vaters von Bernardo Kucinski über das Verschwinden seiner Tochter, ließe sich ebenso als Kafka lesen. Es gibt nicht nur Anspielungen auf und Zitate von Franz Kafka in den Texten. Vielmehr schreibt Kucinski auch vom großen Thema der Literatur, der Erzählung und den Medien wie der Fotografie. Kann die Literatur oder die Fotografie das Leben, die Existenz einer Verschwundenen bezeugen, deren Verschwinden zugleich geleugnet wird? Unter der Erzählung und den Texten von der Militärdiktatur laufen die Themen des Überlebens und der Überlebenden mit. Dass Kucinski Zitate der Großmeister der brasilianischen und portugiesischen Literatur João Guimarães Rosa, Fernando Pessoa und Mia Couto seinem Buch voranstellt, kann man als literarisches Versprechen und Programm lesen. So zitiert er aus João Guimarães Rosas Grande Sertão: Veredas (1956), der als brasilianischer Ulysses gilt:  

Ich erzähle Ihnen genau, was ich weiß und Sie nicht wissen; aber hauptsächlich möchte ich das erzählen, wovon ich nicht weiß, ob ich’s weiß, und was Sie vielleicht wissen.   

Die Frage des Wissens in der Literatur, das Wissen der Literatur wird von Kucinski mit K. kunstvoll erzählerisch entfaltet, wenn K. sich eingestehen muss, dass er vom Leben seiner Tochter, nachdem sie das Elternhaus verlassen hatte, fast nichts wusste. Das Verschwinden der Tochter wird für den Vater zur Schuldfrage, sich vor allem für sein Geschäft und die jiddische Literatur interessiert zu haben. Das Überleben der jiddischen Literatur und Sprache in Brasilien während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird auf diese Weise mit dem Nicht-Wissen und dem Verpassen des (wirklichen) Lebens seiner Tochter, »mayn tayer tekhterl« (S. 30), verknüpft. K. gibt sich, obwohl das Jiddische seine Tochter im Deminutiv zärtlich zu benennen vermag, die Schuld über seine Liebe zum Jiddischen, zum Schreiben und Lesen „in dieser toten Sprache“ (S. 10) seine Tochter vergessen zu haben und somit an ihrem Verschwinden mit Schuld zu sein: „Eine Kadaversprache, das war es, was sie in ihrem allwöchentlichenLiteraturkreis beklagten, anstatt sich um die Lebenden zu kümmern.“ (S. 10)

Die Literatur ist immer auch Lüge. Deshalb sind die Lügen, Verleumdungen, Fehlinformationen, Versprechen, anonymen Anrufe, vertraulichen Briefe, Kassiber, Berichte und Geständnisse, selbst der Journalismus immer ebenso Literatur. Bernardo Kucinski spielt in den 29 Einzeltexten mit eigenen Titeln die verschiedenen Ebenen der Literatur durch. Denn neben der Lüge ist der Literatur beispielsweise im Bericht immer auch der Verrat und Selbst-Verrat eigen. In Zwei Berichte schreibt der Agent Souza einen zweiten, knappen Bericht aus Kalkül, um sich selbst zu schützen und nicht zu verraten. Den ersten Bericht steckt er in den Mund und „er schluckte die Papierkugel mit einem Mal hinunter und hielt ihm (dem Chef, T.F.) den Bericht hin, während er voller Angst eine Erklärung erfand für sein hochrotes Gesicht und den Schweiß, der ihm von der Stirn lief.“ (S. 73)

Das Wissen der Literatur lässt sich nicht einfach als „Tatsachenroman“ vom „System“ (S. 14), „Apparat“ (S. 71) oder „Mechanismus“ (S. 45) verorten, wie es Renee Zucker in der Sendung Quergelesen: Internationale Literaturen getan hat. Denn das System funktioniert gerade in der Weise, dass sich alles Wissen darüber als machtlos erweist. Das maschinenförmige System, wie es bereits bei Kafka in Der Prozess zur Sprache kommt, produziert Schuld, die als familial oder institutionell ausgewiesen werden kann. Die Frage der Tatsachen tritt für Bernardo Kucinski entschieden zurück, wenn es doch vor allem um die Schuld des K.-Vaters geht. Ihm wird es ganz und gar unmöglich zwischen dem Familialen und Institutionellen zu unterscheiden. Diese Unmöglichkeit bearbeitet Kucinski als eine des Überlebenden.

K. ist nicht nur ein Text über die brasilianische Militärdiktatur und ihre historischen Kontexte, vielmehr lässt er sich gerade in seiner Multiperspektivität der Texte und ihrer literarischen Haltungen ein Buch von der Schuld der Überlebenden lesen. Die Geliebte des Folterers, der politische Weggefährte, die Tochter, der Vater etc. — sie weben alle an einem Text vom Überleben und der Schuld. Man mag das Selbst-Gespräch der Anwältin und Geliebten des Polizeichefs in Mit-Leidenschaft (S. 78-88) verurteilen, sie schuldig sprechen für ihre Leidenschaft, die sie zum „Mädchen“ eines Mörders macht. Doch durch das Dilemma ihrer Position, die sich in einer quasi ur-sprünglichen Angst — „Am Anfang war es Angst.“ (S. 78) — artikuliert, berührt die Perspektive auch die Frage der Schuld. Lässt sich jemand für seine Angst schuldig sprechen? Indem sich die Texte um die Frage der Schuld des Vaters ansiedeln, lassen sie deutlich werden, dass seine Schuld als Überlebender eine ist, die im Paradox der Sprache und Literatur, des Erzählens und der Erinnerung selbst angesiedelt ist. K. kann nicht zuletzt als Bruder der Schwester gelesen werden, der als Überlebender nicht schuldig sein kann und der die Schuld des Überlebenden dennoch zu seinem Thema macht. Denn die Briefe an die unbekannte Adressatin (S. 7-8) erreichen ihn, um den Text als Brief mit „São Paulo, den 31. Dezember 2010“ an die Leserinnen zu adressieren.        

Die Schuld der Überlebenden des Holocaust und der brasilianischen Militärdiktatur lässt sich nicht zuletzt damit formulieren, dass sie sprechen und schreiben müssen, um die Toten nicht dem Vergessen zu überlassen. Seit Primo Levis Ist das ein Mensch? (1947) treibt das Paradox vom Schreiben, was sich nicht erzählen lässt und was dennoch geschrieben werden muss, die Überlebenden an. Kucinski nimmt dieses Paradox auf, um K. davon sprechen zu lassen. Ana Rosa Kucinski Silva gibt es im Internet in der Liste der Namen der Toten  der Mortos e Desaparecidos Politicos no Brasil. Und es gibt eine Karteikarte mit ihrer Geschichte. Doch K. ist ein anderer Modus des Schreibens und Erzählens, weil eine digitale Karteikarte, ein Dokument niemals ausreichen wird, vom Schmerz und der Schuld des Überlebenden Zeugnis zu geben.  

Als wolle er Authentizität bezeugen, wird der Name auf dem frankierten und abgestempelten Umschlag das graphische Zeichen nicht eines Versehens oder Computerfehlers sein, sondern das einer landesweiten Alzheimererkrankung. Ja, das Fortbestehen ihres Namens im Verzeichnis der Lebenden wird paradoxerweise aus dem kollektiven Vergessen des Verzeichnisses der Toten resultieren. (S. 9)

Mit O mistério do mundo von Fernando Pessoa zitiert Bernardo Kucinski, seinem Schreiben vorangestellt, einen Gedichttext, der in mehreren Variationen ediert worden ist. In der zitierten und ins Deutsche übersetzten Passage wird ein bedenkenswertes Verhältnis von Mysterium, Horror und Schmerz formuliert. Pessoa spricht mit dem Mysterium ein Verhältnis von Schrecken und Sprache an. Vor dem Mysterium in seiner Unendlichkeit versagt die Sprache auch, und muss das Mysterium verpassen, obwohl es ein Verstehen gibt. Nicht zuletzt wegen Pessoas Praxis der Heteronymie geht es mit dem Mysterium weniger um einen wie auch immer formulierten Okkultismus. Vielmehr kann Pessoas Heteronymie als ein Verfahren der Multiperspektivität, wie es Bernardo Kucinski praktiziert, gelesen werden. Allerdings wäre zu bedenken, ob Pessoas Heteronymie, die er selbst in seinen Caderno de notas an der Schnittstelle von Tagebuch und Notizheft praktiziert, noch von einer (Schreib-)Perspektive gesprochen werden kann. Bernardo Kucinski schreibt sehr wohl in Perspektiven und Perspektivwechseln.

Es ist nicht der Schmerz, schon nicht mehr glauben zu können,

Der auf mir lastet, und auch nicht der, nicht zu wissen,

Sondern nur der vollkommene Horror,

Das Mysterium von Angesicht zu Angesicht geschaut zu haben,

Es geschaut und verstanden zu haben in all

Seiner Unendlichkeit als Mysterium.     

 

Während der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien wurde in den Reportagen der Medien nicht von den Toten der Militärdiktatur gesprochen. Vielleicht verstanden es die Redakteurinnen womöglich als Übung der Höflichkeit und setzten lieber alte Damen aus Armenvierteln mit ihrer Fußballleidenschaft bis zur Ohnmacht in Szene. Das ist ungleich pittoresker und exotischer, als die sich bereits in der Militärdiktatur artikulierende Globalisierung unter den Vorzeichen des Kalten Krieges und der anti-kommunistischen Interventionen der USA zu recherchieren. Immerhin wurde am 5. Juni die Reportage Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.? gesendet, die sicherlich ein Meilenstein zur Verquickung von Sport, Fußballweltmeisterschaft und Politik im Jahr 1977 während der Militärdiktatur allerdings in Argentinien war. Dass die politische Geschichte Brasiliens auf vielfältige und keinesfalls exotische Weise mit der deutschen und den politischen Lagern des 20. Jahrhunderts eng verknüpft ist, kam in den Medien schlechthin nicht vor. Dafür waren dann doch die Medien und der Fußball allzu caipirinha-selig und arbeiteten am kollektiven Vergessen.

In der deutschen Übersetzung und Ausgabe arbeitet der Transit Verlag nicht nur mit einem erweiterten Titel, der das Buch und seine Texte wenigstens umstellt, sondern auch mit einem Foto als Cover von Ana Rosa Kucinski, was eine deutliche Veränderung zur graphischen Inszenierung des Systems und/oder São Paulos in der Editora Expressão Popular generiert. Sarita Brandt als Übersetzerin hat es vermocht, die hohe Literarizität der Texte und ihrer Komposition ins Deutsche zu übertragen, was zumindest mit der Nominierung für die Shortlist des Internationalen Literaturpreises gewürdigt worden ist. Ein Anhang mit Anmerkungen hilft zudem bei der Vermittlung von Namen, hebräischen u. a. Begriffen. Allerdings soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Layout von Gudrun Fröba recht großzügig Schusterjungen und Hurenkinder (Seiten 10, 11, 32, 39 …) einsetzt, was eigentlich bei aktuellen Layout-Programmen kaum Mühe bei der Vermeidung bereiten sollte. Das ist ein wenig unverständlich und ärgerlich.

 

Was muss man von São Paulo, Bom Retiro, Brasilien und seiner Geschichte wissen, um K. lesen zu können. Alles und gar nichts. Das liegt weniger an den erläuternden Anmerkungen im Anhang als vielmehr der Art und Weise, wie Bernardo Kucinski schreibt und seinem literarischen Vermögen. Allerdings kann man heute mit ein paar Klicks fast altmodisch typische Fotos von Bom Retiro finden. Fotos von Schaufenstern mit Damenbekleidung erscheinen sofort bei Google Bilder. Bekleidungsgeschäfte, wie K. eines in Bom Retiro um 1974 führte, sind offenbar noch immer typisch. Eine kleine Synagoge erscheint auch als Foto. Doch Literatur verlangt kein Wissen, das sich googlen lässt. Bernardo Kucinskis K. lebt von einer Sprache, die sich unablässig selbst produziert und befragt. Sie lässt sich lesen, kann bisweilen beklemmen, Spannung erzeugen oder auch rühren. Sie ist kämpferisch und fordert die Leser permanent heraus. Sie nimmt ihn mit auf eine Reise durch das 20. Jahrhundert und in Leben zwischen Polen, Israel und Brasilien.  

 

Torsten Flüh 

 

Bernardo Kucinski 

K.
oder

Die verschwundene Tochter
Aus dem brasilianischen Portugiesisch 

von Sarita Brandt 

144 Seiten, gebunden 

mit Schutzumschlag 

16,80 €  

ISBN 978-3-88747-288-7