Jenseits von HOMOLULU - Zur Geschichtlichkeit und Visualität der HOMOSEXUALITÄT_EN

Homo – Sexualitäten – Konstruktion 

 

Jenseits von HOMOLULU 

Zur Geschichtlichkeit und Visualität der HOMOSEXUALITÄT_EN im Deutschen Historischen Museum und dem Schwulen Museum. 

 

Sookee rapt ganz vorn auf der Bühne im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museum. Unter der Glaskuppel im barocken Museumsbau, des ehemaligen Zeughauses, dem Waffenarsenal der preußischen Könige, direkt Unter den Linden und in der imaginären Mitte von Stadt und Bundesrepublik, wo gerade gegenüber das Humboldtforum mit dem Richtfest gefeiert wurde, gerahmt vom barocken Rosa, sitzen die LGBTI*s. Vom barocken Baumeister Andreas Schlüter konzipiert und erbaut, der auch das Berliner Schloss aufpolierte, ist der Schlüterhof ein Ort deutscher, preußischer, durchaus militaristischer, aber eben heute vor allem bundesdeutscher Identität. Sookee rapt: „Pro Homo hiphop hat probleme weil ein großteil dieser szene nicht drauf klarkommen will dass männer nun mal männer auch begehren … Pro Homo … Pro Homo …“ 

 

Alexander Koch, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum, und Hortensia Völkers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, werden wie noch viel später Susanne Beer, Richterin des Bundesverfassungsgerichts, nach Sookees Hiphop reden Reden. Repräsentanten, wie es so heißt, der Bundesrepublik Deutschland mit langen Titeln und öffentlichen Funktionen reden Reden für HOMOSEXUALITÄT_EN. Koch gibt in seiner kurzen Rede zu, dass das Thema Homosexualität in der ständigen Ausstellung des DHM so gut wie gar nicht vorkommt. Hortensia Völkers macht darauf aufmerksam, dass die Rechte von Schwulen, Lesben, Transgender und Intersexuellen ständig angefeindet werden und immer wieder neu erstritten werden müssen. Und den Berichterstatter in Reihe 2 Mitte überkommt dann doch ein leichtes Kribbeln inmitten der Repräsentanz. 

 

Der Schlüterhof ist weit über den letzten Sitzplatz hinaus mit Homos in Anzügen mit Krawatten oder Kleidern und Federboas gefüllt. Monika Grütters war am Vortag beim Pressetermin zugegen, bei der Eröffnung fehlt sie. Die politische Prominenz Berlins lässt sich aus welchen vielschichtigen Gründen auch immer nicht sehen. Schließlich hat das irische Referendum für die Ehe für alle, die Berliner Koalitionäre frisch überholt. Der Schlüterhof des DHM erinnert die Politiker von SPD und CDU nur daran, wo sie gezögert und versagt haben. Der Koalitionsfrieden ist peinliches, politisches Kalkül im Rathaus wie im Reichstag. HOMOSEXUALITÄT_EN und Sookee setzt noch mit D.R.A.G. nach RuPaul einen drauf: „Du wirst nackt geboren, der Rest ist Drag … Drag isn’t just a man wearing false lashes and a pussycat wig. Drag isn’t just a woman with a pair of glued-on-sideburns and an Elvis jumpsuit. Drag is everything…” 

Die Kuratorinnen, die sich ein wenig humorlos mit überkorrektem Unterstrich Kurator_innen schreiben, haben im Museum für die deutsche Geschichte, an dem Ort, wo die Geschichte der Deutschen in ihrer Einheit und Vielfalt Ausstellung werden soll, und im Schwulen Museum an der Lützowstraße die Geschichtsausstellung und –inszenierung HOMOSEXUALITÄT_EN, mit Unterstrich, geschaffen. "Der Unterstrich – gender-gap genannt – kommt aus der queer-feministischen Linguistik und verweist auf die Vielfalt der Geschlechter. Er verweist darauf, dass es eben nicht nur Männer und Frauen gibt, sondern vieles dazwischen. Und auf dieses 'Dazwischen' wird über diesen Gender-Gap aufmerksam gemacht", sagt Birgit Bosold. Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz ergänzen damit die Geschichte der Deutschen um einen Aspekt, der im Schulfach Geschichte und bisher auch im staatlichen Geschichtsmuseum, bis auf winzig kleine, verschämte Hinweise, keine Erwähnung gefunden hat.  

Geschichte, die Geschichte von der Nation als Verkörperung von Identität wird weiterhin gern als eine der großen, weißen, heteronormierten Männer erzählt. Wo bleiben da die anderen? Wo oder wie kommen die anderen oder selbst die sogenannten großen Männer der Geschichte wie etwa Friedrich II. in der Geschichte von Deutschland vor? Selbst die vermeintliche Jahrhundertausstellung Friedrich der Große – verehrt. verklärt. verdammt. 2012 thematisierte dessen politisch keinesfalls uninteressante sexuelle Konstruktion und Praxis so gut wie gar nicht. Friedrichs Gedicht La Volupté/Die Wollust wurde im DHM peinlich verschwiegen. Woher diese Peinlichkeit? 

Die Peinlichkeit wird kulturell in der deutschen Sprache seit dem Spätmittelalter bzw. der Frühen Neuzeit mit Bestrafungen und Strafpraktiken verkoppelt. In peinlichen Verhören werden die Beschuldigten unter Folter nicht erst seit, aber maßgeblich mit Des allerdurchleuchtigsten großmechtigsten vnüberwindtlichsten Keyser Karls des fünfften: vnnd des heyligen Römischen Reichs peinlich gerichts ordnung / auff den Reichsztägen zuo Augspurgk vnd Regenspurgk / inn jaren dreissig / vnd zwey vnd dreisssig gehalten / auffgericht vnd beschlossen zum Sprechen gezwungen. Denn der Gefangene muss im Prozess nach der „gerichts ordnung“ „gantz von … selbst sagen“, ob er sich schuldig bekennt oder nicht.  

So der gefangen vorbekanter mißthat wider laugnet  

Von der maß peinlicher frage  

So der arm / den man fragen will geuerlich wunden hat.

Die „peinlich gerichts ordnung“ ist nicht nur ein genaues Gesetz, vielmehr noch regelt und verhängt sie qualvolle Strafen, die sich einer Bibellektüre verdanken. Sie konstruiert und formuliert Peinlichkeiten, die im Namen des Rechts und einer imaginären Reinheit nicht nur bestraft, sondern insbesondere durch den Feuertod als Selbstreinigung der Gesellschaft formuliert werden. Der Holzschnitt auf dem Titelblatt illustriert das gesamte Arsenal der Strafen. Der Konnex zwischen den inkriminierten Praktiken und der Selbstkontrolle der Gesellschaft wird 1533 genau formuliert. So findet sich auf dem 66. Blatt die Todesstrafe durch Verbrennung für Unkeuschheit: 

Straff der vnkeusch / so wider die natur beschicht. 

cxvj. ITem so eyn mensch mit eynem vihe / mann mit mann / weib mit weib / vnkeusch treiben / die haben auch das leben verwürckt / vnd man soll sie der gemeynen gewonheyt nach mit dem fewer vom leben zuom todt richten. (Digitalisat) 

Die Gerichtsordnung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen, das bis 1806 existierte, um daraus später die deutsche Nation hervorgehen zu lassen, von Kaiser Karl V. konstruiert ein Rechtssystem, das die „natur“ des Menschen im Reich und seiner sexuellen Praktiken allererst kriminalisiert bzw. sanktioniert. In der Geschichtsschreibung wird die Natur gern als Ausdruck einer vorgängigen Wahrheit formuliert. Doch die „peinlich gerichts ordnung“ schreibt und handelt auf den Reichstagen in Augsburg und Regensburg 1532 und 1533 allererst aus, was für und was „wider die natur“ im Reich heißen soll. Sie wird damit auch und insbesondere zu einem frühen Gesetz der Heteronormativität, das von den Reichsvertretern ausgearbeitet wird.    

Die Heteronormativität des großen, weißen Mannes der Nationalgeschichte und Geschichte der Nationen muss genau anders herum gedacht, erzählt werden, was den Kurator_innen mit dem Wunsch einer Besetzung der Mitte ein wenig unterlaufen oder entglitten ist. Die fragmentarische und kaleidoskopische Inszenierung der HOMOSEXUALITÄT_EN im Deutschen Historischen Museum, die mit einer Inszenierung von Coming Outs in Interviews mit einem Objekt eingangs inszeniert werden, wie das Programmheft des Nachtclubs Chez Romy Haag, das Bridge Markland präsentiert und als ihre Geschichte erzählt, ist zwar ganz wunderbar, weshalb die Ausstellung auch sehr zu empfehlen ist, doch wird die Heterosexualität von den  Kurator_innen leider unterschwellig auf diese Weise weiterhin als Norm akzeptiert. Nicht die Homosexualität gilt es heute zu dekonstruieren, sondern die HETEROSEXUALITÄT, die mit der Erzählung von der Nation beispielsweise seit 1533 naturalisiert und normiert wurde.

Es gibt einen unablässigen Zwang von der Sexualität als dichotomisierte sexuelle Praxis zwischen Mann und Frau als zwei voneinander zu unterscheidende Geschlechter zu sprechen. Dieser normierende und normative Sprechzwang von der Heterosexualität durchzieht die gesamte aktuelle kulturelle Produktion. So wird denn auch von Elisabeth Charlotte von der Pfalz, Herzogin von Orléans, als junges Mädchen im Jagdkostüm die Formulierung überliefert: „Madame sein ist ein elendes Handwerk“. (Katalog, S. 23) Ganz zu schweigen von der am Hof in Versailles zeremoniell praktizierten Homosexualität Philip I. von Orleans', dem Bruder Ludwig XIV.. Mehr noch die Praxis der Homosexualität gehört zum politischen Programm des Absolutismus des Roi-Soleil. Von der Gnade und dem Königtum des Roi-Soleil und nicht mehr von einer Bibelexegese eines „heiligen Römischen Reiches“ hängt es ab, was praktiziert und repräsentiert wird am Hof. Um noch einmal auf das prägnante Beispiel Friedrich des Großen, an dem in der deutschen Nationalerzählung ziemlich viel hängt, zurückzukommen, muss vielmehr darauf geachtet werden, welche gewaltige Anstrengungen es den Historikern kostet, eine Heterosexualität quasi unterzuschieben oder zumindest nicht von der Homosexualität zu sprechen. Selbst in der Ausstellung und Geschichtsinszenierung von Friederisiko im Neuen Palais 2012 wurden die sexuellen Praktiken Friedrich II. eher als privat marginalisiert anstatt sie politisch zu kontextualisieren.  

Es wird erst Sigmund Freud mit der Sprechtherapie der Psychoanalyse sein, der der strafrechtlich verfolgten Homosexualität die Peinlichkeit abspricht, wie er es in einem Brief vom 9. April 1935 aus der Berggasse 19 in Wien an eine „amerikanische Mutter“ schreibt, der übersetzt als Abschrift in der Ausstellung gezeigt wird. Das Nicht-Sprechen bzw. Nicht-Schreiben von Homosexualität wird für Freud zum Anlass für ein therapeutisches Eingreifen. Indem er den vermiedenen „Ausdruck“, den peinlichen, ausspricht bzw. schreibt, verliert er das Potential des Unaussprechlichen als Strafandrohung. 

… Darf ich Sie fragen, warum Sie den Ausdruck vermeiden? Die Homosexualität ist sicherlich kein Vorzug, aber sie ist auch nichts, dessen man sich schämen müsste, kein Laster, nichts Entwürdigendes, und sie kann auch nicht als etwas Krankhaftes angesehen werden…[1]    

Im „Kuratorische(n) Statement“ Wildes Wissen erläutern die „Ausstellungsmacher_innen“ die insgesamt 10 Ausstellungskapitel von HOMOSEXUIALITÄT_EN mit 4 Schwerpunkten, indem sie vor allem vom „Kampf() um Akzeptanz und Gleichberechtigung“ ausgehen.[2] Dieser wesentlich historische Kampf geht tendenziell von einem positiven Recht aus, das Rechtspositionen zuspricht. Die Historizität des Kampfes seit dem 19. Jahrhundert geht allerdings fast zeitgleich mit einer Pathologisierung und Kriminalisierung einher. „Während die Gesetzgebung Homosexualität kriminalisierte, betrieben die Wissenschaften ihre Pathologisierung.“ Die Kuratorinnen knüpfen dabei an Judith Butler und ihrer Formulierung einer „»heterosexuellen Matrix« … als Gesellschaftsordnung“ an und verzichten „auf eine chronologische Struktur zugunsten heterogener Facetten“. Damit ist allerdings auch das Paradox einer Erzählung vom Kampf und seiner ansatzweisen Enthistorisierung durch Verzicht einer Chronologie angesprochen. Anstatt nach positiven Zeugnissen für die Existenz der sexuellen Vielfalt zu suchen, könnte und sollte es darum gehen, die Positivität der Heterosexualität zu dekonstruieren.  

Durch die Ausstellungskapitel ─ Das erste Mal, Das zweite Geschlecht, Andere Bilder, Wildes Wissen, Schimpf und Schande, Vor Gericht, Im Rosa Winkel – Ein Gedenkraum, In der Matrix, Das Private ist politisch, What’s Next? ─ wird ein materialreiches und vielfältiges Kaleidoskop des Homosexuellen in Bewegung gebracht. Die Materialfülle und Unterschiedlichkeit der Exponate knüpft an „»faggy gestures«“ nach dem dänischen, in Berlin lebenden und arbeitenden Künstler Henrik Olesen an, der seinerseits an das Bildverfahren des Bilderatlas‘ Mnemosyne von Aby Warburg andockt. Warburgs Bilderatlas funktioniert ikonographisch, womit sich Bilder allererst über Bilder herstellen. Indem Olesen das inkonographische Verfahren aufgreift, wie es beispielsweise auch Ulrike Ottinger für ihre Ausstellung Floating Food 2011 anders getan hat, und z.B. Heiligenbilder mit „Bondage“ oder „Violence“ in schwule Gesten oder auch schwule Verwandtschaften bringt, wird das Bild-Material allererst Teil einer faggy-practise.[3] 

Das Körperbild des Plakats zur Ausstellung zeigt ein Kunstprojekt, das die amerikanische Künstlerin Heather Cassils zusammen mit dem Fotografen Robin Black 2011 entwickelt hat. Einerseits hat Heather Cassils in ihrem Körperkunstprojekt Cuts: A Traditional Sculpture auf klassische Bildmythologie des Männlichen angeknüpft, andererseits macht sie auf der Projektseite darauf aufmerksam, dass sie sich 23 Pfund in 23 Wochen antrainiert hat, um auf Eleanor Antins  Performance Carving: A Traditional Sculpture (Art Institute Chicago) von 1972 aufmerksam zu machen, bei der sich Antin für das Bild des Weiblichen 23 Pfund in 23 Wochen abgehungert hatte. Sie legt wert darauf, dass ihre Performances durch Referenzen kontextualisiert werden. Heather Cassils hat mit Rubin Black 2012 Cuts auch in Ladyface//Manbody transformiert und ist in der Ausstellung mit Becoming an Image 2013/2014 vertreten. 

Heather Cassils zeigt ihre Performance Inextinguishable Fire als Dekonstruktion der Gewalt aktuell im Museum Eindhoven und dockt damit an Harun Farockis gleichnamigen Film von 1969 an, der sich auf den Einsatz von Napalm der US-Armee in Vietnam bezieht. Cassil dürfte mit ihren Performances zur Dekonstruktion von Körper- und Geschlechtsbildern zu aktuell einer der radikalsten Künstlerinnen im Bereich der Körperkunst wie Marina Abramovic oder Orlan, die ihren Körper durch chirurgische Eingriffe zum Kunstfeld machte, gehören. Die Kunstkörper geben dabei immer einen Wink auf den heteronormativen Körper in seiner Konstruktion. Das Künstliche oder auch DRAG wie bei der Drag Queen RuPaul ─ „Du wirst nackt geboren, der Rest ist Drag.“ ─ wird zur unumgänglichen Konstruktion von Geschlecht.  

Mit Cuts dockt Heather Cassils im Video zum Projekt nicht zuletzt an all jene industriellen und kommerziellen Bildwelten der Fitness, Nahrungsergänzungsmittel und Accessoires vom Haircut bis zum Jockstrap an, die von der Heteronormativität durchdrungen werden. Indessen gibt es natürlich den Aspekt des Vergeblichen im Plakatbild. Denn Cassils schwer erarbeitetes Körperbild, die Skulptur ließe sich weitaus weniger aufwendig ebenso echt mit Photoshop herstellen. Die Materialität des Körpers wie des Geschlechts kippt insofern genau an dem Punkt wo er sich mit dem Imaginären überschneidet. Für die Ausstellung ist das Bild, in dem der Blick ständig nach sich durchkreuzenden Merkmalen sucht ─ ein Wissen von den Händen, eines von der Schambehaarung, eines von der Brustform etc. ─ durchaus programmatisch. Er lässt sich nicht anhalten oder feststellen. Während RuPaul durchaus an einem Bild perfekter Weiblichkeit im Drag arbeitet, durchkreuzen sich bei Cassils Geschlechtsmerkmale unablässig. 

HOMOSEXUIALITÄT_EN zeigt und könnte es bisweilen noch ein wenig pointierter zeigen, dass die Dichotomie von Mann und Frau eine Konstruktion ist, die es (nicht) gibt. Trans- und Intersexuelle werden unablässig mit einem Merkmalskatalog abgeglichen, der das Geschlecht festzustellen versucht. Das Geschlecht wird als Identität zwanghaft eingefordert. Denn erst über die Aus- und Abgrenzung wird das Bild der Normkonformität hergestellt oder verbindlich. Die Europameisterinnen des Frauenfußballs erhielten selbst 1989 vom DFB ein Porzellanservice von Villeroy & Boch mit Blümchenmuster als offizielle Siegerprämie. (Katalog S. 152/153) Wie sehr es darum geht, Merkmale als Disziplinierung von Geschlecht zu schaffen, wenn sich das Geschlecht nicht festlegen lässt, zeigen Chromosomen-Tests im Sport. Gen- und Chromosomentests zeigen nicht die Ursache des Geschlechts, sondern sind deren Konstruktion. 

Von Michel Foucault wird unter dem Schlagwort Queer die schöne Formulierung „I don’t feel that it is necessary to know exactly what I am“. (Katalog S. 140/141) Nein, ganz gewiss nicht, aber es gehört zur kulturellen Doktrin der Heteronormativität, dass sie performed, vorgeführt, dargestellt werden muss. In der sexuellen Praxis geht es heute mehr denn je um die Performance der Virilität als Versprechen auf Erfolg und Wissen, wer man(n) ist.  

HOMOLULU (Katalog S. 80/81) war vom 23. bis 30. Juli 1979 nicht nur, sehr frei nach  Friedrich Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, „Die Geburt des Vulkans oder die Versuchung, eine Utopie konkret zu machen“, vielmehr wurde Homolulu in Ginka Steinwachs‘ hybriden Text Georg Sand 1980 im Medusa Verlag, Berlin, zum „Treibhaus de la Paix“. In George Sand überschneiden sich nicht nur die Textgattungen von Drama, Poesie und Erzählung. George Sand „eine frau in bewegung, die frau von stand“ verknüpft auch die Erzählung von der Schriftstellerin mit Männernamen und Geliebter wie Geliebten mit dem Geschlecht und der Geschlechtlichkeit. Die Utopie findet konkret in der Sprache statt, indem sie stattgefunden haben wird. 

Vorläufig einziger Passagier: ein Mann von zartem Frauenangesicht, eine Frau im Männergewand: George Sand. 

Flaubert: Der Künstler hat einfach beide Geschlechter zu haben. George Steigt über die Trittbretter auf den Perron aus und eilt zu Fuss nach Homolulu… 

In Homolulu liegt das Treibhaus de la Paix, eine surreale Mixtur aus Gläsernwässrigem Gewächs- und Sevrehaftporzellanenen Kaffeehaus.[4] 

Über zwei Etagen im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums erstreckt sich die Ausstellung, um dann im Schwulen Museum in der Lützowstraße fortgesetzt zu werden. Wieviel Tage braucht man für die Gesamtausstellung HOMOSEXUIALITÄT_EN? Vielleicht liegt darin eine Strategie der Kurator_innen, dass mit den Bilder, Exponaten, Souvenirs eine derartige Vielfalt geboten wird, dass sie sich schlechthin nicht fassen lässt. Der Ausstellungsteil im DHM bietet eine Fülle und Vielfalt, die in ihrer Offenheit auch ein Problem ist. Häufig kehrt wieder, was andernorts schon gesehen wurde. Wo Kontextualisierungen helfen könnten, wie bei Homolulu bleiben oft nur Momentaufnahmen. Doch vielleicht ist das im DHM allererst notwendig.

 

Zwischen dem Deutschen Historischen Museum und dem Schwulen Museum gibt es auf der Route der Buslinie 100 eine Audiotour zum Downloaden mit 8 Stationen. Die Tour führt nicht zuletzt über die John-Foster-Dulles-Allee am Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten vorbei, wo bis zu seiner Zerstörung durch die Nationalsozialisten Das Institut für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld existierte.   

 

Torsten Flüh

 

PS: Die fulminaten Reden von Hortensia Völkers, Vorstand/Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, und Prof. Dr. Dr. hc. Susanne Beer, Richterin am Bundesverfassungsgericht, sind in der Galerie des Schwulen Museums als PDF nachzulesen.

 

HOMOSEXUIALITÄT_EN 

bis 1. Dezember 2015 

im Deutschen Historischen Museum 

Unter den Linden 2  

und im Schwulen Museum* 

Lützowstraße 73

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[1] Bosold, Birgit; Brill, Dorothée; Weitz, Detlef (Hrsg.): HOMOSEXUALITÄT_EN. (Im Auftrag des Deutschen Historischen Museums und des Schwulen Museums*) Berlin 2015. S. 126/127

[2] Ebenda S. 190f

[3] Siehe auch: Olesen, Henrik: Some Faggy Gestures. Zürich 2008.

[4] Steinwachs, Ginka: George Sand. (Berlin 1980) Basel/Frankfurt am Main 1992. S. 41