Über die verheißungsvollen Geschichte von Bildung und Liberalismus - Zur Mosse-Lecture "Bildungsliberalismus" und zum Jubiläumsvortrag

Bildung – Liberalismus – Mosse

 

Über die verheißungsvolle Geschichte von Bildung und Liberalismus 

Zur Mosse-Lecture „Bildungsliberalismus“ und zum Jubiläumsvortrag über den deutsch-jüdischen Liberalismus der Familie Mosse 

 

Das Denken und Handeln nach dem politischen Begriff des Liberalismus stand sowohl in der Mosse-Lecture von Dieter Langewiesche unter dem Titel Bildungsliberalismus – Historische Reflexionen wie im Jubiläumsvortrag Die Mosses – Drei Generationen des deutsch-jüdischen Liberalismus von Jost Hermand zur Diskussion. Scheiterten die Konzepte der Bildung und des Liberalismus am 30. Januar 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Partei Deutschlands unter Adolf Hitler? Welche Debatten wurden um die Bildung und den Liberalismus im Haus der Berliner Verlegerfamilie Mosse sowie in Briefen mit Gershom Scholem geführt? Sind die Konzepte von Bildung und Liberalismus heute aktuell? Und wenn, dann auf welche Weise?

 

George L. Mosse als Emigrant wie Historiker und Klaus Scherpe als Professor für Neuere deutsche Literatur haben 1997 in der Phase nach der deutschen Vereinigung die Mosse-Lectures am neu gegründeten Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin an der Schnittstelle von Literatur, Bildung, Wissenschaft und Öffentlichkeit noch in den Räumen des ehemaligen Verlagshauses Mosse in der Schützenstraße Ecke Jerusalemer Straße begründet. Die Gründung der zunächst institutionell und finanziell kaum abgesicherten Mosse-Lectures war nicht nur eine liberale Geste in der Hoffnung, die Literatur möge politisch in die Öffentlichkeit und Gesellschaft hineinwirken, sie setzte auch auf eine linksliberale Intervention in die Diskurse der deutschen Gesellschaft nach 1989. Am 1. Juni wurde insofern nach über 170 Veranstaltungen die Intervention gefeiert.

 

Die illustren, internationalen Namen der Gäste, Wissenschaftler, Forscher, Politiker und Schriftsteller wie Künstler, reicht von Georg L. Mosse selbst über Herfried Münkler und Alain Badiou über Amoz Oz, Orhan Pamuk und Yoko Tawada, ebenso wie Okwui Enwezor, Norbert Lammert und 2012 dem Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, Philip D. Murphy, bis Wang Hui aus Peking und Gayatri Spivak, William Kentridge und Slavoj Žižek bis Claudio Abbado, Ulrike Ottinger, Helmut Lachenmann, Jon Rose, Lorenz Engell, Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen  oder Gesine Schwan, um nur einige zu nennen. Mit dem Ende des Wintersemesters hatten 171 Gäste aus quasi aller Welt eine Mosse-Lecture präsentiert. Man kann sagen, dass ein gesellschaftlicher Diskurs zwischen Japan, China, Australien, Indien, Südafrika, England, USA, Israel, Frankreich, Irland und Italien etc. unter dem Namen Mosse entfaltet worden ist.

 

Die Mosse-Lectures haben zu einer breiten Internationalisierung der Diskurse in den Geisteswissenschaften bzw. den Sciences humaines oder auch Humanities an der Humboldt-Universität zu Berlin beigetragen. Sabine Kunst, die Präsidentin der Universität, dankte denn auch in ihrer Rede dem Initiator Klaus Scherpe, dem Team der Mosse-Lectures aus dem Institut für deutsche Literatur und der Koordinatorin Elisabeth Wagner für die erfolgreiche und öffentlichkeitswirksame Vernetzungsarbeit. Es sind Highlights nicht nur einer Academic Community von internationaler Beachtung, wenn z.B. in China und den USA berühmte Kulturwissenschaftler wie Wang Hui im Senatssaal der Humboldt-Universität ihre Lecture vor einem Publikum mit vielen chinesischen Studenten und Wissenschaftlern halten. Vielmehr wird die Literatur in ihrer gesellschaftspolitischen Relevanz ausgeleuchtet.   

 

Begründet wurden die Mosse-Lectures somit zur Wendezeit der 1990er Jahre und des »Aufbau Ost«, woran Klaus Scherpe in seiner eröffnenden Rede erinnerte, die im Mosse Almanach 2017 zugleich erschienen ist.[1] Das waren die letzten der sechzehn Kohl-Jahre.  Und die deutsche Geschichte im kapitalistischen Westen unter Helmut Kohl hatte sich geradezu alternativlos als eine des Kapitalismus vollendet. 1992 war von Francis Fukuyama heftig diskutierter Artikel The end of history als Buch erschienen. Dieses Ende der Geschichte vollzog sich nicht nur als ein Sieg des Westens über den Osten, der Demokratie über kommunistische Regime, sondern als einer des Liberalismus, wie es Fukuyama ausdrücklich formulierte. 

The triumph of the West, of the Western idea, is evident first of all in the total exhaustion of viable systematic alternatives to Western liberalism.[2] 

 

Die Kritik des Liberalismus als Semesterthema der Mosse-Lectures knüpft insofern an eine diskursive Ausgangskonstellation an. 1991 hatte es rassistisch und nationalistisch motivierte Ausschreitungen in sächischen Hoyerswerda gegeben. Im August 1992 gab es Ausschreitungen gegen Asylbewerber und vietnamesische Vertragsarbeiter der DDR in Rostock-Lichtenhagen, Mecklenburg-Vorpommern. Mit dem Sieg des Liberalismus kehrte anscheinend besonders in den neuen Bundesländern auch ein Gespenst in einem bis dahin unbekannten Ausmaß wieder. Die Emphase des Siegs, und daran muss man durchaus im historischen Diskurskontext erinnern, ließ insofern einen Schrecken des Liberalismus wiederkehren. Derartige Ausschreitungen hatte es in der DDR nicht gegeben. Brachte der Liberalismus also eine Gefahr von Rechts für Staat und Gesellschaft zurück? Gefährdete sich der Liberalismus auf paradoxe Weise selbst? Hatte der Liberalismus möglicherweise gar den Nationalsozialismus ermöglicht?

 

Dieter Langewiesche gehört zu den prominentesten, kritischen Historikern des Liberalismus in Deutschland, seit 1988 sein gleichnamiges Buch in der Neuen Historischen Bibliothek von Hans-Ulrich Wehler in der edition suhrkamp erschien.[3] Die Geschichtswissenschaft galt wie heute das Design als gesellschaftspolitische Leitwissenschaft. Sie erarbeitete die Leitlinien für den Fortschritt der Bundesrepublik Deutschland. Damit gehört Langewiesches Buch quasi zu den Standardwerken der bundesdeutschen Geschichtsschreibung und der gesellschaftspolitischen Zukunft. Zwischen der ideengeschichtlichen Frage nach einer „überzeitlich gültige(n) liberale(n) Leitideen“ und der epochengeschichtlichen, „ob man von epochentypischen Liberalismus sprechen sollte“[4] entfaltete er seine Geschichte zum Liberalismus in Deutschland. Im Vorwort knüpfte er an eine „Definition“ eines der prägenden liberalen Politiker und Soziologen Deutschlands und Englands des 20. Jahrhunderts, Ralf Dahrendorf, an. 

»Liberalismus ist im Grundsatz eine durchaus klare und einfache Zielrichtung des politischen Handelns: Es kommt darauf an, alles zu tun, um die Lebenschancen des Einzelnen zu erweitern. Je mehr Menschen mehr Lebenschancen haben, desto liberaler ist eine Gesellschaft.«[5]

 

Seine Mosse-Lecture zum Bildungsliberalismus eröffnete Langewiesche damit, dass sich die Geschichte des Liberalismus nur als „eine Geschichte von Vielfalt und Widersprüchen“ erzählen lasse und mit der auch heute aktuellen Frage, „wie offen eine liberale Gesellschaft sein will und soll“, „wenn sie die Bildung zum Eintrittsbillett in eine Gesellschaft“ überhaupt oder eine „bessere Gesellschaft“ mache.[6] Damit spielte er darauf an, dass die Integrationskurse für Flüchtlinge genau jenen Gedanken des Bildungsliberalismus umsetzen. Langewiesche zeichnete nach wie der Begriff der Bildung für die jüdische Verlegerfamilie Mosse und ihren gesellschaftlichen Aufstieg im Berlin der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik bis in die Enkelgeneration von George L. Mosse zu einem entscheidenden wurde. Gegenüber der eher konservativen Vossischen Zeitung positionierte sich das Berliner Tageblatt aus dem Verlagshaus Mosse als liberale Zeitung. 

 

Den Begriff der Bildung entfaltete Langewiesche als eine „Bildungsidee Humboldtscher Prägung“, ohne diese genauer zu umreißen. Auch George L. Mosse hatte am 14. Mai 1997 den Begriff der Bildung zur Eröffnung der Mosse-Lectures Das liberale Erbe und die nationalsozialistische Öffentlichkeit sogar ein wenig genauer aufgegriffen, um dessen Hilflosigkeit oder gar Versagen bei der Machtübernahme 1933 in einem einzigartigen Idiom zu (ver)tippen, wie es als Typoskript im Mosse Almanach abgedruckt ist, sich im mündlichen Vortrag aber kaum hören ließ. Die „politische Liberalität“ formuliert Mosse aus dem Begriff der Bildung heraus: 

Der " Geist des Hauses Mosse" den der Dekan beschwor war Humboldt’s Geist der Bildung als ein Individualismus der die nie abgeschlossene Bildung der eigenen persönlichkeit forderte, Bildung als ein nie abgeschlossener werdegang, eine Charakter-Bildung ohne ein festes Ziel. Es gab naturlich Weg-Zeichen zur wahren Bildung, wie das Altertum als Bildungsmacht DURCH DAS HUMANISTISCHE GYMNASIUM und die AUCH die Moral und sittlichkeit der Zeit wurde nicht in Frage gestellt.[vii]

 

Worum aber geht es mit diesem Begriff der Bildung? Bleibt man sehr nah an dessen Kontextualisierung, wie sie sie Dieter Langewiesche vorgeschlagen hat, dann geht es erstens darum im Integrationskurs, dass die deutsche Sprache erlernt wird, damit sich diejenigen, die in der deutschen Gesellschaft ankommen wollen und sollen, erstens artikulieren können, zweitens sie die Gesellschaft aus der Sprache verstehen lernen und drittens in der Gesellschaft verstanden werden. Denn in einer anderen Sprache als der deutschen in Deutschland zu sprechen, macht sie auch verdächtig, ja, gar gefährlich. Die „Willkommenskultur“ als eine prekäre Form der selbst schon schwierigen Gastfreundschaft, wie sie Jacques Derrida am 10. und 17. Januar 1996 mit der „Frage des Fremden“ und dem „Schritt der Gastfreundschaft“ entfaltet hat, bezog sich nicht nur auf ein Asylrecht, vielmehr erwarteten die Gastgeber zugleich eine Bildungsbereitschaft. 

Sämtliche Beispiele, die wir bisher gewählt haben, zeigen dieselbe Vorherrschaft innerhalb der Struktur des Rechts auf Gastfreundschaft und der Beziehung zum Fremden – sei dieser nun Gast oder Feind. Es handelt sich um ein eheliches, väterliches und phallogozentrisches Modell. Es ist der Familiendespot, der Vater, der Ehemann und Herr, der Hausherr, der die Gesetze der Gastfreundschaft macht.[13]

 

Die „Gesetze der Gastfreundschaft“ funktionieren nach einer Verwandtschaft von Gast – l’hôte – und Geisel – l’otage –, von Gastfreundschaft – l’hospitalitè – und Geiselnahme – prise d’otages. Den Begriff der Bildung, den es so im Englischen nicht gibt und im Französischen mit l’éudcation, la culture, la formation, la forma, la constitution, la phosphorisation unzureichend übersetzt wird, beschreibt Mosse als einen „nie abgeschlossenen werdegang“. Doch dieser Bildungsprozess, der ein Leben lang andauern sollte und kann, wird eben auch von einer „Bildungsmacht“ zumindest begleitet und geleitet, die sich auch als Bildungs- oder Wissenskanon, die sogenannte, häufig in Absicherungsmodi wiederkehrende Leitkultur, formulieren ließe. Und natürlich wird Bildung unterschiedlicher Couleur immer auch dazu benutzt, Fremdes auszugrenzen. Im Bildungsbürgertum gehört sie gar zur exklusiven raison d'être. Der Bildungsliberalismus führt nicht zuletzt dazu, dass der Zeitungsverleger Rudolf Mosse die Jüdische Reformgemeinde, in der in deutscher Sprache gepredigt wurde, mitbegründete und großzügig förderte.

 

Für die Begriffe der Bildung und der Integration oder auch Assimilation ist nicht allein zufällig die Frage der Sprache entscheidend. Dies gilt heute ebenso für deutschsprachige Moscheevereine wie für das Hebräisch als Gelehrtensprache in nicht reformierten Synagogen. Dieter Langewiesche erinnert an die kontroversen Diskussionen um das Bildungsverständnis zwischen Gershom Scholem und George L. Mosse sowie Hannah Arendt. Doch es geht nicht zuletzt um eine „Bildung mit Liberalismus“. Die Bildung soll ebenso frei wie vielfältig sein, wie sie frei machen soll. Und bis in die 20er Jahre funktionierte dieses Bildungsverständnis nicht zuletzt durch das Medium der Meinungsbildung, der Zeitung.[9] Doch Mosse formuliert in höchst idiomatischer Weise den Schrecken darüber, dass 1933 nicht nur die Bildung nichts mehr half, sondern verdächtig wurde, um durch ein Bildungsdiktat der Reinheit ersetzt zu werden: 

Die noblen Ideen der Humboldtschen Bildung stiessen ins lehre: toleranz und individualismus vom Glauben an die Vernunft unertmauert standen einer Offentlichkeit eigentlich hilflos gegenuber die Gemeinschaft gegen den Individualismus ausspielte und geborgenheit gegen toleranz.[10]       

 

Es geht hier wirklich um ein Idiom, das respektiert werden sollte, aber schnell mit Bildungswissen diskreditiert werden könnte. Das Englische überschneidet sich im Deutschen sowohl von den Typen der Schreibmaschine ohne Umlaute wie die Groß- und Kleinschreibung als auch die eher Englische Interpunktion. Schließlich musste, wie es in seinem Reisepass des Deutschen Reiches von 1939 mit einem „J“-Stempel steht, „Gerhard Israel Lachmann-Mosse“[11], 15jährig vom eher nationalliberalen Nobelinternat Salem nach England flüchten, um George im Internat in Bootham zu werden. Doch die Verschreibung von „lehre“ statt leer eröffnet im Fluss der Formulierungen über Bildung durch Lehre eben auch einen Doppelsinn. Toleranz und Individualismus korrelieren mit der Bildung. Sie speisen sich gar aus der Bildung als einem Wissen von der Diversivität. Doch warum maß George Mosse diesem Feld von Bildung, Toleranz und Individualismus eine so zentrale Rolle zu, dass er sie dennoch zum Vermächtnis der von ihm gestifteten und letztlich von der Mosse Foundation New York entscheidend finanzierten Vorlesungsreihe machen wollte?

 

Durch den „Pass mit dem »J«“ und dem Namenszusatz „Israel“ war der Berliner Junge Aus großem Hause mit dem geradezu germanischen Namen Gerhard nach althochdeutsch Speer und stark zum schwachen, rechtlosen Juden gestempelt worden.[12] Das Erzählen entgleitet immer auch, selbst einem Historiker wie Mosse in seiner postum erschienenen Autobiographie. Dass Gerhard nicht nur „das berüchtigte »J«“[13] in den Reisepass gestempelt bekam, sondern auch der zusätzliche Name „Israel“ aufgedrückt wurde, entgeht dem Historiker glatt. Natürlich gehörte diese Namensmarkierung ebenso zu den Ausgrenzungs- und Stigmatisierungspraktiken des nationalsozialistischen Regimes. Jost Hermand entfaltete einen detailreichen Jubiläumsvortrag mit dem Titel »Ich bin stolz darauf, ein deutscher Jude zu sein.« George L. Mosses Vermächtnis.[14]  

 

Hermand lernte George L. Mosse 1958 in Madison, University of Winsconsin, kennen, so dass sie eine lange Freundschaft verband. Durch die langjährige Freundschaft und kollegiale Verbundenheit war Hermand der glücklichste Autor für einen Jubiläumsvortrag über Leben, Werk und „Vermächtnis“ von George L. Mosse. Farbig und aus eigener Zeugenschaft entwarf er eine Biographie von Vorträgen, Diskussionen und Anekdoten wie die Vorliebe, sich von der deutschen Bäckerei in Madison, wahrscheinlich Clasen’s European Bakery, Schwarzwälder Kirschtorte, bringen zu lassen und diese vom „aus dem Familienerbe stammende(n) Meißner Porzellan“[15] zu essen. Abgesehen von der deutschen Sprache und dem deutschen Bildungsbegriff wird so das Deutsche in Madison als sophisticated, vielleicht gar campy  Essenskultur erzählt. Das Jüdische bleibt in Jost Hermands Mosse-Pastiche auch widersprüchlich. Vor allem erregt die Diskussion um die „Singularitätsthese …, dass die Juden die einzigen Opfer des deutschen Faschismus seien,“[16] für einen Dissens bei der Holocaust Memorial Week in Madison. Warum positionierte sich Mosse gegen diesen Anspruch?

 

George L. Mosse wird von Jost Hermand schließlich nach eigenem Bekenntnis zum Linksliberalen gemacht, obwohl Mosse dies auch als eine unmögliche Haltung formuliert hatte. Hermand ist sich indessen sicher, dass Mosse sich für „einen als »Social Democrat« auftretenden jüdischen Kandidaten wie Bernie Sanders“ 2016 sicher eingesetzt hätte. In der Aufzählung der Publikationen, Vorträge, Anekdoten und Haltungen fehlt allerdings leider George L. Mosses letztes zu Lebzeiten erschienenes Buch unter dem Titel The Image of Man. The Creation of Modern Masculinity von 1996. Hat dieses Buch, das er im Alter von 78 Jahren veröffentlichte, nichts mit Bildung, Liberalismus und Jewishness zu tun? Ist das keine Faschismusforschung? In der Universitätsbibliothek trägt es den Stempel „Europäische Ethnologie“?

 

Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit, 1997 bei S. Fischer erschienen, dekonstruiert in ebenso engagierter wie persönlicher und historischer Weise die Männlichkeit in der Moderne. Und es ist ein Buch, das mit Bildung und Geschichte die Normierung von Bildern der Männlichkeit nachzeichnet. Bildung heißt hier vor allem eine umfangreiche, historische Kenntnis von Bildern der Männlichkeit und ihrer Brüche in der Geschichte. 

Die Konstruktion der modernen Maskulinität verläuft parallel zur Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Damals tauchte ein Stereotyp der Männlichkeit auf, das wir sogar heute noch kennen… Was aber löste den Richtungswandel in der Vorstellung von Männlichkeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts aus?[17]        

 

Um eine derartige Frage im Alter von über 70 Jahren zu formulieren, muss sie lange und gut bedacht worden sein, sie muss aber vor allem von einer gewissen Dringlichkeit geworden sein. Es gab noch etwas zu geben, was nicht als Vermächtnis formuliert worden war. Vielleicht nicht ganz im Diskurs der Zeit und der Queer Studies oder auch Susan Sontags Notes On "Camp" (1964) arbeitet Mosse mit einer Typologie von Stereotyp und „Anti-Typen“. Dabei sind es allerdings die letzteren, die in ihrer Diversität das Künstliche des Stereotyps aufdecken und in Frage stellen. Die „Anti-Typen“ sind „Juden oder Zigeuner“. Mehr noch: 

Diese Anti-Typen waren traditionell »Außenseiter« - wie Juden oder Zigeuner (es gab schließlich nur sehr wenige Schwarze in Europa) -, aber auch jene die die gesellschaftlichen Normen ablehnten oder nicht hineinpaßten – wie Vagabunden, Verrückte oder Verbrecher -, und nicht zuletzt »unmännliche« Männer und »unweibliche« Frauen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts versteckten sich Lesben und homosexuelle Männer nicht mehr so wie früher, einige begannen sogar, ihre Abweichung von der Norm stolz zur Schau zu stellen.[18]

 

Stärker als das autobiographische Bekenntnis „meine homosexuelle Orientierung bis in ein sehr frühes Lebensalter zurückverfolgen“ zu können[19], greift die Dekonstruktion „der modernen Männlichkeit“ die Heteronormativität mit der Entfaltung einer anderen Geschichte der Männlichkeit an. Und die Frage nach den Verfahren dieser Konstruktion wird von Mosse erstens explizit mit Magnus Hirschfeld als deutsch-jüdischen Begründer der Sexualwissenschaft verknüpft und zweitens mit einer Kritik des „»neuen Juden«“ oder auch der „Gegenüberstellung von »Kaffeehausjuden« und »Muskeljuden«“[20] durch den Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation Max Nordau verbunden. Judentum, Männlichkeit und Homosexualität werden auf, ich möchte sagen, wissenschaftshistorische Weise als ein Trauma der liberalen Modernisierung formuliert. 

Juden wie Homosexuelle hatten ihr eigenes, von der Gesellschaft geschaffenes Stereotyp verinnerlicht und trachteten danach, durch Integration und Assimilation seinem Schatten zu entkommen, und sie wollten beim Aufbau der modernen Gesellschaft durchaus mithelfen.[21]

 

Mosse zitiert zwar Magnus Hirschfeld mit seiner Zwischenstufentheorie und seiner Klassifizierung der „Schwulen“ in „ein drittes Geschlecht“[22], doch nicht thematisiert oder nicht erforscht hatte er die Umstände und die Funktion der Zerschlagung und Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft am 6. Mai 1933, während Magnus Hirschfeld von einer Welt- und Vortragsreise nicht nach Berlin zurückgekehrt war. Magnus Hirschfeld als Jude und Homosexueller, der auf dem Weg gewesen war, die Homosexuellen vom Straftatbestand des § 175 Strafgesetzbuch zu befreien, wurde bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz gegenüber der Humboldt-Universität zu einer der prominentesten Persönlichkeiten. Seine Büste aus dem Institut wurde von Studenten aufgespießt, mit einem Fackelzug durch die Straßen getragen und mit der Bibliothek des Instituts verbrannt.[23] Es war also vor allem Magnus Hirschfeld, der gegenüber etlichen anderen namentlich genannten Autoren, mit der Büste aus dem Institut im Tiergarten, wo heute das Haus der Kulturen der Welt steht, verbrannt wurde: der schwule Jude.   

 

Unauflösbar ist die Frage der Bildung und des Liberalismus für und bei Rudolf L. Mosse mit dem Judentum und der Homosexualität verknüpft. Sie war existentiell für ihn, doch er konnte sie erst sehr spät mit Das Bild des Mannes wissenschaftlich und in seiner Autobiographie öffentlich formulieren.[24] Bildung und Liberalismus gehören gerade bei Magnus Hirschfeld zu den Motoren, um den Sexualwissenschaftlichen Bilderatlas (1930) als sein Hauptwerk zur Liberalisierung des § 175 StGB zu konzipieren. Kurz – und daran möchte ich dann doch Jost Hermand und die Herausgeberin des ansonsten überaus empfehlenswerten Mosse Almanachs 2017 erinnern dürfen –: Durch Beharrlichkeit und Bildung ist es in den letzten 20 Jahren gelungen, Homosexualität nicht unter die Pulte der Jubiläumsreden fallen lassen zu müssen. Auch und gerade dafür hat sich George L. Mosse spät, aber mutig eingesetzt.

 

Torsten Flüh

 

Elisabeth Wagner (Hg.): 

Mosse Almanach 2017 

272 Seiten, Br, zahlr. Abb. 

19,00 Euro | 29,80 SFr 

ISBN 978-3-940384-91-1

 

Nächste Mosse-Lecture:

Pankaj Mishra (Dehli, London)
What liberalism? Anglo-America and the rest
Donnerstag, 22.06.2017, 19 Uhr c.t.
Dorotheenstraße 14, Hörsaal 1.101
 

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[1] Klaus R. Scherpe: Im Geist des Hauses. Die Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität. In: Elisabeth Wagner (Hg.): Mosse Almanach 2017. Zum zwanzigjährigen Jubiläum der Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität. Berlin: Vorwerk 8, S. 23.

[2] Francis Fukuyama: The End of History? (http://www.wesjones.com/eoh.htm)

[3] Dieter Langewiesche: Liberalismus in Deutschland. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988. (Leibniz Public)

[4] Ebenda S. 2.

[5] Ebenda S. 7.

[6] Dieter Langewiesche: Bildungsliberalismus – Historische Reflexionen. Berlin YouTube 25.05.2017.

[7] George L. Mosse: Das liberale Erbe und die nationalsozialistische Öffentlichkeit. In: Elisabeth Wagner (Hg.): Mosse … [wie Anm. 1] S. 30.

[8] Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft. Wien: Passagen Verlag, 2001, S. 106.

[9] Das in Berlin aufkommende Medium Rundfunk bzw. Radio wurde, wie die Recherchen zu Brunhilde Pomsel zeigen konnten, mit erheblicher strategischen Vorbereitung quasi über Nacht gleichgeschaltet. Siehe: Torsten Flüh: Eine moderne Frau mit Fragen an die Gegenwart. Zum Buch und Film Ein deutsches Leben mit der Elitesekretärin Brunhilde Pomsel. In: NIGHT OUT @ BERLIN 6. April 2017 22:29.

[10] George L. Mosse: Das liberale … [wie Anm. 7] S. 31.

[11] Der Reisepass wurde vermutlich in London ausgestellt, als Mosse schon in England war, damit er auf Wunsch seines Vaters in die USA zu seinen Eltern übersiedeln konnte. George L. Mosse: Aus großem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers. München: Ullstein, 2003, S. 153 (auch S. 150-152). Vgl. auch Jost Hermand: »Ich bin stolz darauf, ein deutscher Jude zu sein.« George L. Mosses Vermächtnis. In: Elisabeth Wagner (Hg.): Mosse … [wie Anm. 1] S. 48.

[12] Offenbar sind „Gerhard“ und „Israel“ nicht von der gleichen Hand geschrieben.

[13] George L. Mosse: Aus … [wie Anm. 11] S. 151.

[14] Obwohl Hermand die Namensänderung zu „George“, was natürlich keinesfalls eine adäquate Anglifizierung zu „Gerhard“ ist, erwähnt, wird „wie er sich jetzt nannte“, nicht kommentiert. Jost Hermand: »Ich bin …« … [wie Anm. 11] S. 48.

[15] Ebenda S. 50.

[16] Ebenda S. 51.

[17] George L. Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen Männlichkeit. Frankfurt am Main: S. Fischer, 1997, S. 27.

[18] Ebenda S. 21.

[19] George L. Mosse: Aus … [wie Anm. 11] S. 140.

[20] George L. Mosse: Das Bild … [wie Anm. 17], S. 199.

[21] Ebenda S. 198.

[22] Ebenda S. 197.

[23] Bundesstiftung Magnus Hirschfeld: 6. Mai 2013. 80. Jahrestag der Zerschlagung des Instituts für Sexualwissenschaft. (Internetdossier)

[24] Die Generation derjenigen, die im Nationalsozialismus als Juden und Homosexuelle terrorisiert wurden, konnte oft gar nicht oder erst sehr spät darüber sprechen. Der kaum weniger dramatische Fall von Wolfgang Lauinger gehört genau in diesen Kontext von Bildung und Liberalismus. Der „deutsch-jüdische“ Vater Artur Lauinger entzog seinem Sohn selbst im Juli 1950 jegliche Unterstützung, als dieser in Frankfurt am Main nach dem § 175 StGB inhaftiert wurde! Siehe: Fatale Selbstversicherung. Zu Lauingers – Eine Familiengeschichte aus Deutschland von Bettina Leder. In: NIGHT OUT @ BERLIN 23. April 2015 19:27. Weiterhin hat Anna Hájková in ihrer Queer Lecture Queering the Holocaust am 19. Dezember 2016 darauf hingewiesen, dass unter den Überlebenden eine starke Homophobie herrschte. Last but not least ist Peter Szondis „Freitod“ im Halensee am 18. Oktober 1971 mit der Erzählung des Überlebenden und Homosexuellen sowie dem „großen“ und dem „kleinen Szondi“ eng verstrickt.