Blog dir deine Welt - Macht Euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog von Ai Weiwei

Blog – Kunst – Politik

 

Blog dir deine Welt

Macht Euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog von Ai Weiwei

 

Auch das gehört zum Bloggen: Die permanente Präsenz von Ai Weiwei in den Medien, die sich als eine Schlacht um Meinungshoheit generierte, führte beim Berichterstatter zu einer Verweigerungshaltung. Nein, jetzt – Frühjahr bis Herbst 2011 – nichts zu Ai Weiwei schreiben. Wenn das Meinen eine derartige Hype hat, geht analytisches Arbeiten unter. Das Meinen bekommt nicht allein auf Facebook eine maschinelle Dynamik des „I like“, so dass der Inhalt als Frage „Worum es geht“ völlig untergeht.

Kürzlich ließ sich auf Facebook beobachten, wie Dutzende von „Friends“ eines Politikers „I like“ drückten und zustimmende Kommentare zu einem Video posteten, das inhaltlich indiskutabel war. Zustimmung und Kommentar haben sich in eine Sphäre verflüchtigt, in der eine Haltung stört. Die Meinung kann sich ständig ändern. Sie tut es im Takt der Posts. Deshalb ist Ai Weiweis Blog, der im Berliner Galiani Verlag bereits im Juli 2011 erschien, ein historisches Dokument von Haltung.

Am 20. März 2009 schrieb Ai ebenso formelhaft wie philosophisch und politisch am Ende eines Posts:

Deine Handlungen erschaffen deine Welt.

Kommentiert wurde mit diesem Schluss Ais Aufruf, ihm Kontaktdaten zu seiner ebenso künstlerischen wie politischen Arbeit, die Namen der Kinder zu sammeln, die durch das Erdbeben um 14:28:01 Uhr Ortszeit am 12. Mai 2008 im Kreis Wenchuan der Provinz Sichuan in Schulgebäuden ums Leben gekommen waren. Diese Namen und die Zahl der in Schulen umgekommenen Erdbebenopfer wurden von den politisch Verantwortlichen unterdrückt. Denn nach dem Gesetz hätten die Schulen erdbebensicher sein müssen. Doch durch Korruption gelangten die Mittel für die Sicherheitsmaßnahmen nicht in den Bau der Schulen.

Der Korruptionsskandal war so groß und nachhaltig, dass die Eskalation zwischen Ai Weiwei und der Provinzregierung schließlich derart eskalierte, dass er unter der zunehmenden Nervosität der Regierungsbehörden in Zhongnanhai, dem Machtzentrum der Chinesischen Kommunistischen Partei in Peking, am 3. März 2011 verhaftet wurde. Ai hatte sich zum Anwalt der Kinderopfer und ihrer Familien gemacht. Allein die Dokumentation der Namen der Kinder, die er in seinem Büro aufhängen ließ, gefährdete die Macht der Partei zutiefst.

Mit anderen Worten: Ai, der dazu aufgerufen hatte, durch Handlungen die „eigene“ Welt zu verändern, hatte mit seinem Blog und durch die Reaktion auf aktuelle Ereignisse eine Art (Gegen-)Welt geschaffen. Die Gegenwelt des Blogs, die sich in permanenter Veränderung befand, gefährdete eine hermetische, stagnierende Welt der Chinesischen Kommunistischen Parteikader. Die verdienstvolle Herausgabe, teilweise Rekonstruktion und Übersetzung ins Deutsche des Blogs ist Hans Ulrich Obrist zu verdanken. Dennoch trifft sein Labelling „eine der größten gesellschaftlichen Skulpturen unserer Zeit“ die Tragweite und Vielschichtigkeit des künstlerischen Medienprojektes nur unzureichend.

Die Existenz des Blogs, den Ai Weiwei im Januar 2006 eröffnete, ist unauflösbar mit dem Schulbauskandal und dem Tod der Kinder sowie dem Protest verknüpft. Denn nur wenige Wochen nachdem Ai seinen Aufruf – Deine Handlungen erschaffen deine Welt. – gepostet hatte, wurde sein Blog am 28. Mai 2009 beim Provider sina.com.cn mit der Adresse blog.sina.com.cn/aiweiwei von der Zensur geschlossen und gelöscht. Bis zu seiner Verhaftung nutzte der Künstler dann den Mikroblog Twitter, um seine Arbeit zu publizieren. In der deutschen und internationalen Öffentlichkeit wurde der Blog vor allem als journalistische Arbeit zu den politischen Aktivitäten des Künstlers gewürdigt.

Der Blog von Ai Weiwei jedoch, das lässt sich durch die Buchausgabe nachlesen, situiert sich weit offener. Er findet an einer Schnittstelle von Journalismus, Kunst, Literatur und Politik statt. Ai Weiwei arbeitet ebenso mit Handyfotos bzw. Mobile-Pics wie mit einer Fotoserie von Bodenfragmenten vom März 2006 oder einem Selbstportrait mit Andy Warhols Self-Portrait (1966) in der ersten Andy-Warhol-Ausstellung im Museum of Modern Art ca. 1988 sowie spezifisch chinesischen Sprachtechniken. Mehr noch: er rückt Andy Warhol ins Interesse der chinesischen Öffentlichkeit ebenso wie seine eigene Biographie als Sohn eines prominenten chinesischen Dichters, der während der Kulturrevolution verfolgt wurde. Gerade in seiner ausufernden, hybriden Schreib- und Erzähltechnik rückt der Blog von Ai Weiwei in das Feld der Blog-Wissenschaft.

Die Hybridität des Blogs ist weder eine ideale noch eine originelle im Unterschied zu einem „reinen“ Journalismus. Selbst wenn man Journalismus auf eine Schreibe zurückführen wollte, wäre er schon immer hybrid. Denn auch eine Schreibe knüpft an temporär privilegierte Redeweisen an. Mit der Schreibe soll der Nerv einer Zeit bzw. einer Leserschaft ausgedrückt werden.[i] Deshalb wird die Schreibe gerade das formulieren, was von einer bestimmten Szene erwartet wird. Sicher wird man auch eine Schreibe in Ai Weiweis Blog finden können. Weit wichtiger ist es allerdings die Veränderungen und Brüche in der Schreibe des Blogs durchzuarbeiten.

„Deine Handlungen erschaffen deine Welt“; oder: „Macht euch keine Illusionen über mich“, sind in dem Maße Schreibe, wie sie die chinesischen Leser des Blogs mit zwei widersprüchlichen Gesten ansprechen. Einerseits werden die Leser aufgerufen zu handeln, was nicht zuletzt mit einer Geste des Lehrers korrespondiert. Andererseits weist der Lehrer, die Position des Lehrers zurück, indem er Illusionen über sich zurückweist. Diese Gesten von Aufruf und Desillusionierung weisen die Rolle des Lehrers zurück, um doch nur umso dringlicher das Begehren nach einem anderen als linientreuen, kommunistischen Lehrer zu schüren.

Ai Weiweis Selbstportrait aus dem Museum of Modern Art mit dem Self-Portrait von Andy Warhol ist von großer Oberflächlichkeit - und Tiefe zugleich. Bei Warhol gibt es programmatisch nur Oberfläche bzw. Oberflächen:

If you want to know all about Andy Warhol, just look at the surface of my paintings and films and me, and there I am. There’s nothing behind it.

Das Self-Portrait (1966) sind denn auch 6 Siebdrucke einer Fotografie. Die seriellen Siebdrucke sind in zwei senkrechten Reihen gehängt. Die Reihung, das rechteckige Format und die Serialität erinnern an den Fotoautomaten, wie Andy Warhol ihn in seiner Factory aufgebaut hatte. Zur Fotografie Andy Warhols gehörten gerade die Arbeiten mit dem Automaten, wie sich beispielsweise Ethel Scull oder Holly Solomon anlässlich der Ausstellung Andy Warhol Photography 1999 in der Hamburger Kunsthalle erinnert haben.[ii]      

Die Farbvariationen ändern sich. Das Foto bleibt (nicht) das gleiche. Im Katalog von 1999 ist ebenfalls eine Siebdruckvariante von 1967 abgedruckt. (S. 209) Im Einzelbild als Selbstportrait fehlt allerdings die von vorne herein angelegte Serialität. Doch Automatik, Serialität und Selbstportrait gehören als Modi der Oberfläche bei Warhol zum Konzept. Der Abschnitt im Katalog trägt den Titel The Making of the Self – Self-Portraits (S. 209 ff). Doch das „Self“ wird wird gerade auch als ein bestimmbares – the Self – fragwürdig. Was ist das Selbst, wenn es sich in den Oberflächen in Automatiken und Serien verflüchtigt?

Der ca. 31 jährige Ai Weiwei stellt sich seinerseits neben die Selbst-Bild-Installation und nimmt im Wintermantel der Chinesischen Volksbefreiungsarmee, auch Yellow Coat genannt, eine ähnliche Haltung ein, wie Warhol auf dem Foto aus der Photobooth – „Es war der Apparat, der die Arbeit machte“.[iii] Ai verlängert die Geste des Apparates und der Serialität quasi auf sich selbst bezogen in „sein“ Selbstportrait: Macht euch keine Illusionen über mich und just look at the surface of my paintings and films and me, there I am. Dies geschieht ca. 1 Jahr bevor der Studentenaufstand auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 3. und 4. Juni 1989 durch die Volksarmee blutig niedergeschlagen wird.

Am 3. Oktober 2007 widmete Ai Weiwei seinen Beitrag Andy Warhol. Der Blog erzählt auch von einem Verfehlen, denn Warhol war bereits am 22. Februar 1987 verstorben, als Ai Weiwei in der Lower East Side lebte. Doch der Blogeintrag zu Andy Warhol, der genauer zu lesen wäre, eröffnet nicht zuletzt eine Sicht, in der die öffentliche Bewertung, die Einschätzung und die künstlerische Bewertung sich überschneiden. Das, was gerade nicht von den Zeitgenossen als künstlerische Arbeit wahrgenommen oder geschätzt wird, würdigt Ai Weiwei als „wahre Bedeutung“.

… Er ebnete einer umfassenden Wahrnehmung der Welt den Weg, einer experimentellen Welt, einer populären Welt und einer nicht-traditionellen, anti-elitären Welt. Das ist seine wahre Bedeutung… (S. 259)

Auf diese Weise nimmt Ai quasi Warhols Methode im aktuellen Medium Blog auf, um multimediale Effekte zwischen Mode, Alttags- und Erinnerungskultur sowie Kunst und Politik zu generieren. Andy Warhol war eben immer zugleich sehr modisch und kritisch. Man müsste hier vielleicht noch einmal genauer nachlesen, was Welt bei Ai im Chinesischen heißt, denn er schrieb seinen Blog auf Chinesisch. Doch dort hat Welt einen zweifellos anderen Klang als in den europäisch-angelsächsischen Sprachen.

Anders als in den Sprachen griechisch-lateinischer Prägung wie Englisch oder Deutsch, gibt es im Chinesischen mehr Homophone, die es erlauben durch arabische Zahlenkombinationen ganze Sätze zu formulieren. Ai Weiwei benutzt in seinem Blog gezielt Zahlenkombinationen und Mehrdeutigkeiten, um die Zensur zu umgehen. Er ist dabei nicht der erste und einzige Internetnutzer bzw. Blogger in China, der diese Technik nutzt. Es kommt ihm hier auch weniger auf Originalität an, als vielmehr auf das Durchspielen der technisch, logogryphischen Möglichkeiten eines Blogs.

In der Einleitung der Buchausgabe zum Blog wird Ais „Schreibstil“ und das Problem des Verstehens herausgestellt. Um dem zu begegnen, wird Wert auf Anmerkungen gelegt. Es heißt:

Ai Weiweis eigentümlicher Schreibstil mit seinen programmatischen Erklärungen, fortlaufenden Sätzen und seiner Neigung, vulgäre Flüche mit höchst raffiniert formulierten Beleidigungen zu verschmelzen, ruft oft extreme Reaktionen der Begeisterung oder heftigen Ablehnung hervor. Aufgrund der vielen literarischen Anspielungen und der versteckten Bezüge zur maoistischen Sprache oder zu zeitgenössischen Ereignissen kann die verborgene Bedeutung von Ais Prosa sogar chinesischen Lesern Schwierigkeiten bereiten. Durch die Übersetzung in andere Sprachen wächst der Bedarf von Anmerkungen noch. Die Anmerkungen des Buches sollen die gemeinten kulturellen Anspielungen und Bezüge erklären. (S. 38)

Anders gesagt: Der Blog stellt auch ein Problem des Lesens und Verstehens dar, das sich selbst durch „Anmerkungen“ nicht lösen lässt.

Die Anmerkungen sollen das Verstehen der Blog-Texte Ais erleichtern oder allererst ermöglichen. Damit thematisiert Ai allerdings auch das Verstehen selbst. Denn es bereitet selbst „chinesischen Lesern Schwierigkeiten“. Die logogryphischen Eigenschaften der Schrift im Blog werden somit zum Problem. Während das Medium Blog zur Mitteilung vermeintlich einfacher Inhalte, Meinungen und Äußerungen massenhaft genutzt wird, tritt bei Ai genau an dieser Stelle ein Problem auf. Einerseits erscheint die logogryphische Eigenschaft der Schrift im Medium Blog als Möglichkeit der Umgehung der Zensur, gleichzeitig aber generiert dies Schwierigkeiten des Verstehens „verborgene® Bedeutung(en)“. Ai dürfte sich als Sohn des Schriftstellers und Dichters Ai Qing dessen sehr genau bewusst sein.

Es lassen sich sicher nicht alle Ebenen des verbotenen und gelöschten Blogs von Ai Weiwei mit den Übersetzungen ins Englische und Deutsche als Buch durcharbeiten. Was sich allerdings als ein Projekt der Blog-Wissenschaft ankündigt, lässt sich auf folgende Weise formulieren: Eine Blog-Wissenschaft arbeitet die technisch-medialen Möglichkeiten des Mediums Blog durch. Anders als das Buch eröffnet der Blog neue Formen von Wissen, die durch Verlinkung, Tags und Zitierweisen in Bild und Schrift generiert werden. Gerade die Wiederkehr von blog.sina.com.cn/aiweiwei als Buch lässt den Blog vermissen und verweist auf dessen spezifische Eigenschaften. Doch das Buch hat den Blog zumindest teilweise gerettet. Vorerst.

 

Torsten Flüh

 

Ai Weiwei

Macht euch keine Illusionen über mich

Der verbotene Blog

Galiani Verlag

Euro 19,99

 

Die Screenshots stammen von Alison Klaymans Dokumentarfilm Ai Weiwei: Never Sorry 2011.

 

 


1 Vgl. dazu Homi K. Bhabha:
“The new or the contemporary appear through the splitting as event and enunciation, the epochal and the everyday. Modernity as a sign of the present emerges in that process of splitting, that lag, that gives the practice of everyday life its consistency as being contemporary. It is because the present has the value of a ‘sign’ that modernity is iterative; a continual questioning of the conditions of existence; making problematic its own discourse not simply ‘as ideas’ but as the position and status of the locus of social utterance.”

Bhabha, Homi K.: The Location of Culture. Oxon/New York 1994/2005. p. 348

[ii] Scull, Ethel: Keine Sorge, alles wird großartig. (S. 89-91) und Solomon, Holly: Brigitte Bardot, Jeanne Moreau, Marilyn Monroe – alle in einer Person. (S. 94-100) In: Andy Warhol Photography. Hamburger Kunsthalle und The Andy Warhol Museum Pittsburgh. Thalwil/Zürich und New York 1999

[iii] ebenda Heinrich, Christoph: »Es war der Apparat, der die Arbeit machte.« Bildnisse aus der Photobooth. S. 85-88