Die Wiederkehr des Superstars - Teddy Award Gala 2012 live und bei ARTE mit Andy Warhol, Mario Montez, Ulrike Ottinger, John Waters und Peaches

Clip – Show – Andy Warhol

 

Die Wiederkehr des Superstars

Teddy Award Gala 2012 live und bei ARTE mit Andy Warhol, Mario Montez, Ulrike Ottinger, John Waters und Peaches

 

Die 26. Teddy Award Gala der Berlinale hatte mehr Glamour als die 25. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, zog es zwar vor, an seine postpolitische Karriere zu denken und war mit Bischof Woelki zur glamourösen Kardinalserhebung nach Rom zum P… gereist, doch mit Andy Warhol, Mario Montez, Ulrike Ottinger, John Waters, Marianne Rosenberg und Veruschka von Lehndorff war mehr früher Seventies-Glamour vertreten als wohl jemals zuvor.

Peaches sorgte für den Glanz der aktuellen Popstars. Doch wie sich vielleicht zeigen könnte, hat sie durchaus viel mit den Starkonzepten der 70er Jahre gemein. Deshalb passt es, dass sie 2010 Jesus Christ Superstar (1971) von Andrew Loyd Webber (!) als One-Woman-Show auflegte. Die Seventies sehen heute anders aus. Das zeigt sich nicht zuletzt an den Clips, die eine wichtige Funktion im Showkonzept von Elser Maxwell (Programm und Veranstaltung) und Lutz Braune (Bildregie) einnehmen.

Live ist anders als Aufzeichnung. Ins Hauptabendprogramm selbst bei ARTE hat es die Teddy Gala noch immer nicht geschafft. Shame on TV. Wenigstens gibt es ARTE+7, wo die Aufzeichnung noch ein paar Tage zu sehen ist. Während auf dem Bildschirm Kamerafahrten, Schwenks, Zooms, Schnitte und Clips Nähe und Größe, Entzug und Teilnahme erzeugen, sitzt der Berichterstatter mitten im Publikum in der Abflughalle des Tempelhofer Flughafens und bleibt auf seinem Sitz platziert.

Was verändert sich mit der Medialisierung einer Show? Eine wichtige Veränderung in der aktuellen, fernsehgerechten Medialisierung lässt sich gut an den Clips zu den beiden Lifetime-Awards für Mario Montez und Ulrike Ottinger beobachten. Auf der Berlinale waren der Film von John Heys mit Mario Montez und Brigitte Kramers Film über Ulrike Ottinger gezeigt worden. In der Show und für die Aufzeichnung wurde selbst John Heys’ 7 Minuten langer Superstar-Film A Lazy Summer Afternoon für zu lang und zu langsam  befunden.

Was passiert also im Fernsehen heute mit Ulrike Ottinger und mit Mario Montez? Der Warholsche Superstar war immer flüchtig. Doch er/sie existierte für eben jene kurze Zeit, die die frühen Superstar-Filme dauerten. Ultra Violet, Candy Darling und Joe Dellesandro überstrahlten schnell, den allerersten Superstar Mario Montez. Doch Superstar dauerte eben mindestens 7 Minuten. Für das Fernsehen wird der 7-Minuten-Film mit historischen Aufnahmen im Sekundentakt verschnitten. Der Superstar ist weg.

Das ist eine wichtige Beobachtung zur Existenz des Superstars. Wenn Mario Montez im Clip verschnitten wird, steht auf der Bühne kein Superstar mehr, sondern ein Transvestit. Auf ähnliche Weise verfährt das Fernsehen mit dem Clip zu Ulrike Ottingers Lebenswerk. Natürlich ist es in einer Show ganz unmöglich auch nur irgendeine Szene aus Ottingers Filmen zu zeigen, weil sie alle viel zu lange dauern. Die Szenen und Einstellungen bei Ottinger hatten seit jeher, selbst unter den Bedingungen teuren Filmmaterials Überlänge. Was passiert also im Clip mit Ottinger?

Im Clip werden aus vielen verschiedenen Ottinger-Filmen Schnipsel aneinander geschnitten: Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse, Madame X – eine absolute Herrscherin, Freak Orlando. Veruschka von Lehndorff, damals das erste, deutsche Supermodel überhaupt, als Dorian Gray wird nicht als Szene geschnitten, sondern als minimal bewegter Schnappschuss. Der Clip gehorcht dem fotografischen Prinzip des Schnappschusses.

Im Clip ist der Film auf merkwürdige Weise gerade kein Film mehr, sondern Schnappschuss, der an das Medium Film bzw. Kino erinnern soll. Der Schnappschuss hat hier allerdings nicht mehr den Effekt von Authentizität oder Überraschung des Objektes, wie er noch in Andy Warhol’s Exposures praktiziert und dekonstruiert wird. Vielmehr wird die Plötzlichkeit des Schnappschusses als reine Reizstimulierung eingesetzt.

Überraschender Weise wird dann in der Show und Aufzeichnung an den 25. Todestag von Andy Warhol am 22. Februar 2012 mit einem Clip erinnert. Das ist durchaus ein Verdienst. Aber ein Clip über Warhol ist natürlich eine mediale Lüge. Denn Andy Warhol stand mit seinen Filmen Ulrike Ottinger weit näher als dem Clip. Sein erster Film, Sleep (1963), dauert 321 Minuten. Warhol filmte seinen schlafenden Freund John Giorno (*1936), einem Dichter, Performance-Künstler und AIDS-Aktivisten. Mit Sleep bricht Andy Warhol all jene Mythen des Films von Erzählung, Handlung und Dokumentation auf, an denen das Fernsehen selbst heute festhält.

Sleep ist weder ein Fiction- noch ein Non-Fiction-Film. Mit anderen Worten: genau das, was bei Ulrike Ottinger eine so große Rolle spielt und bei ihr Bild wird, verweigert sich bei Warhol dem Bild. Denn der Schlaf lässt sich nicht filmen. Schon gar nicht wird in diesem Film vom Schlafen oder Träumen erzählt. Fast könnte man sagen: es passiert nichts, außer dass Filmmaterial verbraucht wird. Man muss diese Dimension des Films bei Warhol sehr genau bedenken, um seine mediengeschichtliche Bedeutung zu würdigen.

Andy Warhol im Atelier oder der Factory in flackernden Schwarzweiß-Aufnahmen zum Clip zusammenzuschneiden, leugnet Warhols mediengeschichtliche Stellung. Natürlich ist auch die branchenübliche Biographie über Andy Warhol als Verständnistext unsinnig. Wenn es einen Modus der Biographie bei Warhol gibt, dann sind es seine berühmten Time Capsules in einer Totalität des Biographischen und seiner Unentschlüsselbarkeit. Die Time Capsules sind Zeitungsausschnitte, Titelseiten, Fotos etc.

Vielleicht war es tatsächlich nur die Koinzidenz des Datums, die die diesjährige Teddy Award Gala zur eher heimlichen Hommage an Andy Warhol machte. Umso überraschender ist es, dass man dabei beobachten kann, was sich von Andy Warhol heute lernen lässt. Warhol ging es in seiner Kunst immer um die Funktionsweisen von Kunst, Mythos, Erzählung und Technik. Sein Magazin Interview war seit seiner Gründung 1969 bis zu seinem Tod immer auch Reflektion des Modemagazins. Es war zugleich erfolgreich und kritische Befragung.

Eine Show, die Andy Warhol heute produzieren würde, sähe allerdings sicher anders aus als das Format Teddy Award Gala. Trotzdem lässt sich gerade an dem subversiven Styling und Auftritt und Song Talk to me von Peaches ein Warhol-Effekt erkennen. Peaches ist anders als Madonna oder Lady Gaga. Madonna machte natürlich ihre ersten Gehversuche im Umfeld von Andy Warhol Anfang der 80er Jahre, bevor sie zur Marke wurde. Peaches kultiviert Punk mit Elektro und Rock verschnitten. Ihr Dress vom Freitag spielt dabei mit der modischen Uneindeutigkeit von Brüsten einer Artemis von Ephesos und Barbiepuppenköpfen.

Peaches hat die Überschneidung mehrer Musikrichtungen und Images zu einem neuen Konzept verarbeitet, das ein Bild von Frau zwischen Verlockung und Abschreckung zelebriert. Madonna hat diese konzeptuelle Verschränkung schon lange verlassen. Lady Gaga ist trotz spektakulärer Auftritte und der State of the Art-Nutzung der neuen Medien wie Facebook und Twitter trotzdem braver als Peaches. Nicht zuletzt sind die saftigen Pfirsiche auf ordinäre Weise verlockender als Lady Gaga.

John Waters hielt dann via Skype eine entsprechend schräge Laudatio auf Mario Montez, das brauchte ein wenig Anlaufzeit in Live, aber als Konserve kommt es dann schon ziemlich gut rüber. John Waters vergaß auch ein paar bissige Seitenhiebe auf Andy Warhol nicht. Und dann trällerte Marianne Rosenberg ihr „Einer von uns beiden muss nun gehn“. Das war dann eher kein Glanzpunkt der Seventies. Zumindest war die Anlage in der Abflughalle nicht so richtig gut ausgesteuert.

Wieland Speck beklagte die Geschichtslosigkeit der Szene. Doch man muss auch ein wenig Verständnis dafür haben, dass Mirko Köckenberger zwar eine Show im Outfit der 20er Jahre macht, aber in den 70er Jahren gerademal seine Eltern laufen lernten. Die Geschichtlichkeit von Geschlechtskonzepten kann immer nur durch eine Ebene der Wiederkehr oder Wiederholung erinnert werden. In diesem Sinne hatte die Teddy Award Gala tatsächlich eine gewisse Funktion als Vorbild. Doch vielleicht geht es noch ein wenig bissiger.

Das Trans*thema blieb eigentlich ein wenig unterrepräsentiert. Mit Dr. Nicolas Jonathan Beger wurde das Thema zu sehr vermenschenrechtlicht. Das hatte mehr vom Bravo-Dr. Sommer als von Gloria Viagra, die es doch im Original in Berlin gibt. Nicht zuletzt waren Bridge Markland und Yonfan im Publikum, die sicher einiges zum Trans*thema hätten beitragen können. Etwas weniger Mutti (Marianne Rosenberg) und mehr Trans (Bridge Markland) hätte der Show gut getan.

Natürlich geht die Teddy Award Show mit Elser Maxwell immer ein kleines Stück weiter, indem was der Sender zeigen mag und darf. Das ist schon toll und soll nicht unterbewertet werden. Letztlich hängt alles davon ab, wie das Biotop Berlin gerade funktioniert. Daran erinnerte nicht zuletzt Ulrike Ottinger, als sie davon erzählte, wie sie durch Manfred Salzgeber (1943-1994) in den 70er Jahren Mario Montez zum ersten Mal bei einer Filmnacht im Bali-Kino in Zehlendorf getroffen habe. Es war auch Manfred Salzgeber, der ihre ersten Filme im Bali nachts zeigte. Frau/man fuhr mit der letzten U-Bahn nach Zehlendorf raus und mit der ersten um 4 Uhr wieder zurück nach Schöneberg.

Man/frau wird also gespannt sein dürfen, wer im nächsten Jahr auf der Bühne steht. Die Else der Zeitschrift Siegessäule ging immerhin an Parada von Srdjan Dragojevic aus Serbien/Republik Kroatien/Mazedonien/Slowenien. Parada habe ich im Friedrichstadt-Palast leider versäumt, weil ich morgens meinen Weddinger Durchsteckschlüssel für die Haustür verloren hatte und die Sekretärin bei meiner Hausverwaltung kein Wechselgeld hatte, als ich den Ersatz abholen wollte. Schlüssel oder Parada? Ich brauchte den Schlüssel und zerlegte den Schein mit einem Burger bei Burger King.

Für Parada war es wirklich verdammt knapp. Der Film lief im Panorama und hat auch noch am Samstag den Panorama-Publikumspreis erhalten. Sogar der Berlinale-Präsident Dieter Kosslick musste am Freitagabend zugeben, dass er unberechtigter Weise gezögert hatte, den Film in den Wettbewerb zu nehmen. Es wäre sicher von Vorteil, wenn Herr Kosslick in dieser Hinsicht sein „Er ist wie ich“ beim nächsten Mal überdenkt. Auch wir sind alle Anders als die Andern (1919), jede/r einzelne.

Von 500 Berlinale-Filmen erhielten 50 ein Listing für den Teddy Award, womit der Jahrgang 2012 als okay durchgeht. Ansonsten sollte man sich in queeren Fragen nicht auf angeblich repräsentative Werte verlassen. Es ist ein Mindestwert! Der Feature-Film-Teddy ging an Ira Sachs’ Keep The Lights on (USA), der nur mit 400 Geldgebern finanziert werden konnte. Der Documentary-Teddy ging ebenfalls in die USA an Malika Zouhali-Warral und Katherine Fairfax Wright für Call me Kuchu über die unvorstellbare, religiös motivierte Diskriminierung von Homosexuellen in Uganda und den anglikanischen Bischof Christopher Senyonjo, der sich dagegen für LGBT-Rechte einsetzt.


Die Berlinale ist ein knallharter Wettbewerb. Umso erfreulicher ist es, dass die Jury so mutig war, den Goldenen Bären an die Gebrüder Taviani zu vergeben. Entgegen einer weitläufigen Meinung ist Cesare deve morire keine Konzession an irgendein Retro-Kino. Da haben eine ganze Reihe von Kritikern offenbar geschlafen. Cesare deve morire unterläuft definitiv ein Erzählkino, wie es leider viel zu häufig favorisiert wird.

Die königliche Affäre aus Dänemark, die nicht leer ausging, dürfte tatsächlich Kostümfilm sein, während Les Adieux À La Reine das nicht ist. Und Aujourd’hui ist leider völlig untergegangen, weil die Erzählstruktur eine andere als die in unseren Breiten vorherrschende war. Der Mythos der richtigen Erzählung, also dem linear-realistischen Modus, ist von brutaler Härte.

 

Torsten Flüh